6
360 Grad
Am Samstagvormittag um halb zehn riss mich das Klingeln meines Festnetztelefons aus dem Schlaf, dabei hätte ich das erste Mal seit einer Ewigkeit ausschlafen können. Ich zog mir das Extrakissen über den Kopf, um das Geräusch auszublenden, bis es nach dem fünften Klingeln verstummte. Dann suchte ich in dem Durcheinander aus Laken und Decken nach Snuffles und entdeckte den Ärmsten schließlich auf dem Boden neben dem Bett. Verstoßen und traurig sah er aus.
Ich holte ihn ins Bett zurück, drückte ihn an mich und murmelte ihm eine Entschuldigung ins Ohr, ehe ich wieder die Augen schloss.
Dreißig Sekunden später klingelte erneut das Telefon.
Ich stöhnte laut auf und guckte auf das Display. Zoë. »Was ist?«, brummte ich schlaftrunken statt einer Begrüßung.
»Was zum Geier treibst du da, du Arsch mit Ohren?«, brüllte sie mir ins Ohr.
Mhm. Das war eindeutig Zoë. Sie hat die Angewohnheit, beim Autofahren zu telefonieren. Leider neigt sie außerdem dazu, beim Autofahren zu schimpfen wie ein Rohrspatz, was die Unterhaltung oft etwas erschwert. Ich brachte einen Sicherheitsabstand zwischen mein Ohr und das Telefon, bis sie ihr Gezeter beendet hatte.
»Entschuldige«, sagte sie schließlich in gewohnter Lautstärke (was auch noch laut genug war). »Ich bin auf dem Sunset Boulevard und irgendso ein Trottel hat mich gerade geschnitten. Vom Reißverschlussprinzip haben die hier in West Hollywood wohl noch nie gehört.«
»Gibt es einen triftigen Grund dafür, dass du mich an einem Samstag weckst?«
»Ach, ja, richtig. Brunch in einer Stunde.«
Ich rieb mir die Augen und sah auf die Uhr. »Was?«
»Hey, lass deinen Ärger nicht an mir aus. Sophie hat die Sitzung einberufen. Angeblich ein Notfall.« Klang, als wäre Zoë auch nicht gerade scharf darauf. Wir wussten beide, was uns blühte, wenn Sophie von einem Notfall sprach: eine Gruppensitzung, in der Sophie total ausflippte und aus einer Mücke einen Elefanten machte, während der Rest der Crew versuchte, sie zu beruhigen. Nicht, dass ich meiner besten Freundin nicht immer gern mit Rat und Tat zur Seite stünde, wenn sie mich braucht. Aber ausgerechnet jetzt, wo ich zum ersten Mal seit zwei Wochen wieder ausschlafen konnte? Kein Wunder, dass sich meine Begeisterung in Grenzen hielt.
»Hat sie erwähnt, worum es genau geht?«
»Nein, wollte sie nicht. Sie meinte bloß, wir müssten HP anwesend sein.« Ich hatte mich inzwischen an Zoës Instant-Message-Jargon gewöhnt, aber diese Abkürzung war mir neu. »HP? Hewlett Packard?«
»Höchstpersönlich. Egal, du weißt doch so gut wie ich, worum es geht – verdammter Loser! Bist du blind? Das ist keine Abbiegespur!«
Ich wartete ab, bis ihr Gehupe verklungen war, ehe ich mich erkundigte, wo der Notfall-Brunch stattfinden sollte.
»Café Montana.«
Ich schlug ächzend die Bettdecke zurück. »Gut, ich komme.«
»Das will ich schwer hoffen. Ich habe nämlich keine Lust, Sophie beizubringen, dass du dich vor deiner Verantwortung drückst.«
Wir wussten aus Erfahrung, dass mit Sophie nicht zu spaßen ist, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Sie kann einem das Gefühl geben, die mieseste, gefühlloseste Freundin der Welt zu sein, wenn man es wagt, ihr eine dringende Bitte abzuschlagen.
Gähnend richtete ich mich im Bett auf. »Ich kann nicht versprechen, dass ich gut gelaunt sein werde.«
»Hauptsache, du tauchst überhaupt auf. Ich bin schon auf dem Weg zu John. Bis dann!«
Noch ehe ich antworten konnte, hatte sie aufgelegt. Ich ließ das Telefon sinken und blieb noch einen Augenblick auf der Bettkante sitzen, bis ich die nötige Energie gesammelt hatte, um mich zu erheben.
Ich fühlte mich total ausgelaugt, nicht zuletzt wegen meiner Nachbesprechung mit Andrew Thompsons Gattin in San Francisco gestern Vormittag. Normalerweise dauern diese Meetings höchstens eine Stunde. Ich liefere meinen Bericht ab, und vor allem wenn er negativ ausgefallen ist, wollen mich meine Auftraggeberinnen meistens so schnell wie möglich aus dem Haus haben. Kann ich ihnen nicht verdenken. Es dauert, bis sie meine Dienste zu schätzen wissen, und bis dahin bin ich für sie längst Geschichte. Aber das macht mir nichts aus. Ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt, dass man in meiner Branche nicht mit Blumen und Dankeskarten rechnen kann.
Emily Thompson allerdings war anhänglich wie eine Klette gewesen. Ich hatte über drei Stunden bei ihr gesessen, deshalb sogar die Maschine nach L.A. verpasst und stand-by nach Hause fliegen müssen.
Sie ließ mich erst gehen, nachdem ich mir drei Fotoalben und eine geschlagene Stunde lang Homevideos von Andrew und den Kindern beim Nachspielen berühmter Disney-Filmszenen angesehen und unzähligen Storys über die kinder- und sorgenfreien College-Jahre gelauscht hatte, als das Leben der beiden noch aus Partys, Spaß, Alk und Sex bestanden hatte.
Solche Momente sind mit Abstand die größte Herausforderung bei meiner Arbeit. Wenn ich meine Auftraggeber zu Hause aufsuche, spüre ich stets die tadelnden Blicke der Menschen auf den Familienfotos auf mir ruhen. Strafend und vorwurfsvoll starren sie von den Wänden auf mich herab.
Ohne zu duschen oder mir auch nur das Gesicht zu waschen, schleppte ich mich in meinen begehbaren Kleiderschrank und schlüpfte lethargisch in eine zerrissene Jeans und ein lila Kapuzenshirt. Sophie würde nicht begeistert sein, wenn ich so im Café Montana aufkreuzte, aber das war mir jetzt egal. Wenn sie mir schon meinen wertvollen Schlaf raubte, musste sie sich eben mit meinem Look abfinden. Und das Café Montana ebenfalls.
In L.A. ist Schmuddelschick ohnehin nicht verpönt, sondern vielmehr das Markenzeichen der Stars.
Immerhin ließ ich mich dazu herab, mir die Haare zu bürsten und sie im Nacken zu einem losen Pferdeschwanz zusammenzubinden. Dann setzte ich meine Lakers-Baseballmütze auf, stopfte meine Handys und den Schlüsselbund in meine Fendi Spy Bag und machte mich auf den Weg.
Ich gehe nie ohne meine beiden Telefone (ein rosarotes Razr von Motorola für private Zwecke und das bereits erwähnte Treo für geschäftliche Anrufe) außer Haus. Das Treo Smartphone ist in den Augen meiner Freundinnen ein »Instrument des Teufels«, mit dem mich meine »despotischen Vorgesetzten aus dem Imperium des Bösen (alias Stanley Marshall) rücksichtslos herumkommandieren«. Sie ahnen nicht, dass ich ausschließlich von argwöhnischen Gattinnen angerufen werde, die meine streng geheime Nummer unter dem Siegel der Verschwiegenheit an reiche Hausfrauen, Mütter und Freundinnen weitergeben. Gäbe es für dieses weit verzweigte Netzwerk ein eigenes Branchenbuch, dann wäre ich unter der Rubrik »lebenswichtige Serviceeinrichtungen« zu finden.
Aber meine Nummer ist nirgendwo aufgeführt. Ich arbeite ausschließlich auf Empfehlung. Meine Marketingstrategie heißt Mundpropaganda. Ich kann es mir nicht erlauben, meine Dienste auf Reklametafeln an Bushaltestellen anzupreisen. Meine Glaubwürdigkeit wäre sofort dahin. Und die ist in meiner Branche absolut unabdingbar, genau wie äußerste Diskretion und eine gewisse mysteriöse Aura.
Auf dem Weg zum Restaurant klingelte mein privates Telefon. Ich hätte das verdammte Ding am liebsten ausgeschaltet und die ganze Welt ein paar Stunden ignoriert, aber als ich auf dem Display den Namen meiner Nichte Hannah aufblinken sah, besserte sich meine Laune augenblicklich.
»Hallo, Kleines!«, begrüßte ich sie.
»Hi! Du kommst doch am Freitag, oder?«
Hannah feierte kommendes Wochenende ihren zwölften Geburtstag, weshalb ihre Mutter (meine Halbschwester Julia, die Tochter meines Vaters aus erster Ehe) am Freitagabend ein großes Familiendinner organisierte, zu dem auch Hannahs beste Freundinnen eingeladen waren. Hannah war deswegen schon ganz aus dem Häuschen.
»Aber klar!«, erwiderte ich fröhlich, teils, weil Hannah es immer verstand, mich aufzuheitern, und teils aus Gründen der Tarnung. Auch vor meiner Nichte hielt ich mein Doppelleben geheim. Ich würde alles dafür geben, sie auf ewig vor den unschönen Seiten der Realität zu bewahren, mit denen ich zuweilen konfrontiert wurde.
Doch ich wusste, es war unmöglich. Früher oder später wurde sie erwachsen, und selbst wenn ich mich für den Rest meines Lebens dem Kampf gegen das Bösen widmete, wenn ich nicht mehr schlief, nicht mehr aß, nie wieder eine der von meinem TiVo aufgezeichneten Fernsehsendungen guckte, konnte ich die Welt bis dahin nicht in ein Paradies verwandeln.
»Gut«, sagte sie zufrieden. »Ich habe meinen Freundinnen nämlich erzählt, dass du kommst und dass du lauter total coole Klamotten hast.«
Ich sah an mir herunter. Wenn du wüsstest, meine Liebe. »Ich freu’ mich schon darauf, sie kennenzulernen. Aber jetzt muss ich leider Schluss machen, ich bin mit Freunden zum Brunch verabredet.«
»Hast du ein Glück! Da wär’ ich zu gern mit dabei.«
Ich lachte. Hannah erinnerte mich oft an mich selbst. Wie sehr hatte ich mich in ihrem Alter danach gesehnt, erwachsen zu werden... Jedenfalls bis zu der Nacht, in der alles anders wurde.
»Du würdest dich bestimmt zu Tode langweilen«, tröstete ich sie.
»Ach, Quatsch«, winkte sie ab. »Ich wette, ihr redet über total cooles Zeug.«
Ich dachte an die bevorstehende Unterhaltung. Erst würde uns Sophie ausführlich von ihrem neuesten Eric-»Drama« berichten. Dann würde ich versuchen, sie davon zu überzeugen, dass Eric tausend gute Gründe hatte, sie nicht zu verlassen. Zoë würde indes versuchen, nicht die Geduld zu verlieren, und John würde versuchen, das Gespräch irgendwie auf sich zu lenken.
»Du würdest dich wundern«, sagte ich.
Als ich das Lokal betrat, winkte mir Sophie sogleich aus der hintersten Ecke. Ich schlängelte mich durch die dicht an dicht stehenden Tische und nahm neben ihr Platz.
»Okay, was gibt’s so Dringendes? Klassischer Fall von männlicher Unfähigkeit, zum Telefon zu greifen? Oder könnt ihr euch nicht über eure Abendaktivitäten einigen?«
»Erst, wenn alle hier sind«, wehrte sie ab.
Ich legte den Kopf schief und musterte sie. Ihre Miene spiegelte eine unerwartete... Heiterkeit wider. Ich hatte damit gerechnet, eine verheulte Sophie zwischen Bergen von zerknüllten Taschentüchern anzutreffen, hatte mich eingestellt auf eine lange, tränenreiche Schilderung von diversen Komplikationen, die urplötzlich aufgetreten waren und sie ernsthaft an der Beziehung zweifeln ließen.
Doch dieser Glanz in ihren Augen... Sie wirkte – sollte ich wagen, es auszusprechen? – glücklich. Fast schon selig.
Ich wollte sie eben darauf ansprechen, als von der Tür ein lautes, nasales »Da drüben sind sie« erklang.
John und Zoë waren im Anmarsch. Nicht zu überhören.
John ist das einzige männliche Wesen, das wir je in unseren Kreis aufgenommen haben. Die Tatsache, dass er schwul ist und somit neben dem neuesten Tratsch und Klatsch über diverse Stars wertvolle Ratschläge in Bezug auf Männer, Mode und Blow Jobs (nicht zwingend in dieser Reihenfolge) beisteuern kann, hat ihm beträchtlich den Weg geebnet. Ich persönlich glaube ja, dass er lieber mit uns abhängt als mit seinen schwulen Kumpels. John mag homosexuelle Männer nicht besonders. Bis auf die, mit denen er ins Bett geht.
»Mann, hab ich Hunger! Ich könnte glatt meinen eigenen Kopf verspeisen«, verkündete er theatralisch, während er sich auf einen Stuhl plumpsen ließ.
»So ein Blödsinn«, bemerkte Zoë genervt. »Womit würdest du denn kauen?«
John verdrehte die Augen, worauf sie eine höhnische Grimasse schnitt. Die beiden liefern sich fast ununterbrochen Schauduelle, um festzustellen, wer von ihnen der Klügere ist und zugleich am meisten nervt. Das mag für Außenstehende ganz lustig klingen, aber uns geht es oft tierisch auf den Senkel.
»Da gibt es Millionen von Restaurants in L.A., und wir treffen uns immer bloß hier.« Zoë schlug die Speisekarte auf. Sophies beglückte Miene hatte sie gar nicht bemerkt.
»Mir gefällt es hier«, verteidigte sich Sophie prompt, die Hände unter dem Tisch wie ein schüchternes Kind, das zum ersten Mal bei den Erwachsenen sitzen darf.
»Man würde vier Komma fünf Menschenleben benötigen, um in jedem Restaurant in Los Angeles auch nur ein einziges Mal zu essen«, bemerkte Zoë fachkundig, ohne den Blick von der Karte zu heben. »Und selbst dann müsste man jeweils im Alter von fünf Jahren anfangen.«
»Warst du gestern mit dem Herausgeber des Zagat-Restaurantführers essen?«, wollte John wissen.
Zoë zuckte die Achseln. »Nö, hab ich irgendwo gelesen.«
»Vermutlich bräuchte man schon deshalb vier Komma fünf Menschenleben, weil man bei all dem Fraß, den man sich da reinstopfen müsste, nicht älter als fünfzig wird«, warf John ein. »Ich meine, die frittierten Hühnerteile und Waffeln von Roscoe’s sind nicht gerade gesundheitsfördernd.«
»Hey, Leute«, rief Sophie so laut, dass Zoë sie über den Rand der Speisekarte hinweg misstrauisch beäugte. »Habt ihr nicht etwas vergessen?«
Zoë und John tauschten ahnungslose Blicke.
»Keine Ahnung, was du meinst«, sagte John selbstgefällig, »aber ratet mal, wer gestern mit dem Drittplatzierten aus der dritten Staffel dieser Tanz-TV-Show So You Think You Can Dance in der Kiste war?« Er strahlte vor Stolz, als hätte er soeben seine Aufnahme in einen Geheimbund von Celebrity-Groupies verkündet.
»Der Drittplazierte?«, schnaubte Zoë verächtlich.
»Hey, ich gebe wenigstens offen zu, dass ich es nur deswegen auf ihn abgesehen hatte, was man von dir und deiner Affäre mit dem RealWorld-Möchtegern-Star nicht behaupten kann.«
Sie verdrehte die Augen. »Zum letzten Mal: Ich war überzeugt, wir wären verwandte Seelen.«
»Wie auch immer«, unterbrach Sophie sie, um zum Thema zurückzukehren. »Ich habe euch nicht herbestellt, um über Johns Sauf- und Bettgeschichten zu plaudern.«
»Ach, nein?«, fragte John mit gespielter Verwunderung.
»Interessiert euch denn gar nicht, was ich euch mitteilen wollte?«
Zoë nahm achselzuckend einen Schluck Wasser. »Doch, aber da du nicht sonderlich verzweifelt ausgesehen hast, als wir gekommen sind, dachte ich, du hättest dich inzwischen wieder eingekriegt.« Sie streckte den Arm aus und tätschelte Sophie über mich hinweg die Schulter. »Wie immer.«
Sophie nickte zustimmend. »Ich weiß, ich weiß, ich neige zu Übertreibungen.«
John hüstelte gekünstelt und murmelte etwas, das nach »Untertreibung des Jahrhunderts« klang.
»Wenn ich ganz ehrlich sein soll...«, setzte Sophie an und legte eine Kunstpause ein, um uns auf die Folter zu spannen, »habe ich euch hergebeten, weil es erfreuliche Nachrichten gibt.«
Wir musterten sie fragend. Sie ist befördert worden, dachte ich sogleich. Darauf wartete Sophie schon seit über einem Jahr, und bis jetzt war nichts daraus geworden, weil …
»Eric und ich haben uns verlobt!«
Meine Gedanken kamen quasi mit quietschenden Bremsen zum Stillstand. Als wären sie mit einem Truck kollidiert. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Unfähig die Neuigkeiten zu verarbeiten, unfähig zu begreifen, was das bedeutete. Ich starrte Sophie ungläubig an, fragte mich, ob ich sie vielleicht missverstanden hatte. Korrigiere: Ich war ganz sicher, dass ich sie missverstanden hatte.
Und dann hörte ich Zoë und John kreischen, sodass an mindestens fünf Tischen Köpfe herumflogen, um zu sehen, ob ein Mord passiert oder ein Star hereingekommen war.
Alles andere ist in L.A. kein Grund, seinen Brunch zu unterbrechen.
Ich stierte Sophie weiterhin mit hängender Kinnlade an und versuchte, ihren Worten einen Sinn zu entlocken. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich glaubte, das Wort »verlobt« gehört zu haben, aber das konnte nicht stimmen. Meine Freundinnen gingen nicht einfach hin und verlobten sich.
Vielleicht hatte sie »er tobt« gesagt. Das würde bedeutend mehr Sinn ergeben, bei Sophies Neigung zur Dramatik. Ja, genau, so musste es sein. Sie hatte Eric geärgert, und jetzt tobte er.
Doch dann legte Sophie ihre Hände, die sie offenbar bis jetzt absichtlich versteckt hatte, auf den Tisch, und zeigte uns den riesigen Diamanten an ihrem Ringfinger, der mit ihren Augen um die Wette leuchtete.
Zoë sprang sogleich auf und beugte sich ohne Rücksicht auf Verluste über mich hinweg zu Sophie hinüber, um das gute Stück zu bewundern. Ich saß derweil stocksteif da, den Oberkörper nach hinten gelehnt, um Zoës langer blonder Mähne auszuweichen – und dem riesigen, gefährlichen Edelstein, der mir mit jeder von Sophies Handbewegungen bedrohlich nahe kam.
Unfähig, auch nur einen Finger zu rühren, verfolgte ich das Spektakel, das vor meinen Augen ablief wie ein alter Schwarz-Weiß-Film, Bilder ohne Ton, stumme Gestalten, die Glückwünsche aussprachen, ihre Freude ausdrückten.
»Jen«, vernahm ich Sophies Stimme schließlich wie von weither. Das Dröhnen in meinen Ohren verebbte jäh.
Ich blinzelte. »Ja?«
»Was ist los?«
Ich hob den Kopf. Zoë und Sophie starrten mich über den gigantischen Diamanten hinweg an. Zoë hatte sich mittlerweile erhoben und stand hinter Sophie, um den Ring einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen.
»Ich... äh... Ich dachte, er kommt nicht?«, sagte ich matt.
Sophie lächelte noch breiter. »Ja, das hat er behauptet, um mich auszutricksen, und dann hat er mich gestern Abend überrascht!«
»OMG«, stieß Zoë hervor, was für »oh mein Gott« steht und im Falle besonders dramatischer, denkwürdiger oder grotesker Ereignisse zum Einsatz kommt. Oder auch einfach um Zeit zu sparen. »Wie hat er dir den Antrag gemacht?«
Sophie strahlte unverändert. »Ich saß allein zu Hause und war sauer, weil er sein Handy ausgeschaltet hatte. Ich war sicher, dass er mit seinen dämlichen Kumpels von der Klinik auf Sauftour war und nicht gestört werden wollte.«
Zoë und John nickten eifrig, gierig nach weiteren Details.
»Irgendwann klingelte es an der Tür. Ich hatte keine Ahnung, wer das sein könnte. Bei mir klingelt nie jemand, außer vielleicht meine Vermieterin, wenn sie tagsüber ein Paket für mich angenommen hat«, erklärte Sophie atemlos, und bei jedem Wort blitzten ihre Augen auf wie Wunderkerzen an einem Weihnachtsbaum. »Fast hätte ich gar nicht aufgemacht, weil ich niemanden durch den Türspion gesehen habe.«
»Wahnsinn«, krähte Zoë und bedeutete ihr ungeduldig, fortzufahren.
Sophie grinste. »Tja, ich habe trotzdem aufgemacht. Ich dachte, vielleicht hat mir die Vermieterin ja etwas vor die Tür gelegt.«
»Und da stand er dann!«, rief Zoë voller Stolz auf ihren detektivischen Scharfsinn.
»Genau!«, rief Sophie. »Besser gesagt, da kniete er, mit dem Ring in der Hand!«
Zoë und John wechselten einen schmachtenden Blick, der eines alten Hollywoodschinkens würdig gewesen wäre.
»Deshalb konnte ich ihn auch nicht sehen, als ich durch den Spion geschaut habe!«, erklärte Sophie.
»Weil er vor deiner Tür kniete!«, wiederholte Zoë überflüssigerweise und in einem Tonfall, den sie sonst nur anschlägt, wenn sie Seifenoperndarsteller, Teilnehmer von Reality Shows oder ungeliebte Arbeitskolleginnen nachäfft, die ihr »zu mädchenhaft« sind.
»Genau!«, erwiderte Sophie in exakt demselben Tonfall.
Die drei stießen im Chor einen gerührten Seufzer aus. Dann fiel ihnen auf, dass ich nicht mitgeseufzt hatte. Sie wandten die Köpfe und starrten mich an, alle mit derselben entnervenden, fragenden Miene, als wären sie Wissenschaftler, die soeben eine unbekannte Lebensform von einem fremden Planeten entdeckt hatten. Einem Planeten, auf dem das Wort »Verlobung« offenbar nicht existierte, weder in der dort gebräuchlichen Sprache noch in Form von telepathischer Kommunikation.
Ich starrte ausdruckslos auf die zugeklappte Speisekarte, die vor mir lag.
»Jen?«, fragte Sophie. »Was ist denn mit dir los
Ich sah benommen zu ihr hoch. »Hä? Gar nichts.«
Sie runzelte die Stirn. »Wie, ›gar nichts‹? Ich werde heiraten, und du reagierst überhaupt nicht!«
Das lag daran, dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Bislang hatte ich es nur mit den Ehen und Verlobungen zu tun gehabt, die sich bei meinem Test als marode herausgestellt hatten. Nicht mit der Verlobung meiner besten Freundin.
Was natürlich als Erklärung für mein seltsames Verhalten völlig ungeeignet war. »Entschuldige«, murmelte ich und zwang mich, meine Benommenheit abzuschütteln. »Ich schätze, ich stehe unter Schock. Gratuliere!«
Ich umarmte sie. Prompt strahlte sie wieder von einem Ohr zum anderen.
»Geschickt eingefädelt, Sophie. So packt man das an, wenn man unter die Haube kommen will«, lobte John.
»Danke!« Sophie sah von einem zum anderen. Ob sie dieses alberne verliebte Grinsen wohl je wieder ablegen würde?
Zugegeben, ich freute mich darüber, sie so happy zu erleben. Aber irgendetwas ließ nicht zu, dass ich mich für sie freute, und das quälte mich. Ich wäre gern überdreht auf und ab gehopst, wie Zoë es getan hatte... und John übrigens auch. Immerhin war Sophie meine beste Freundin. Seit der dritten Klasse. Wenn irgendjemand Freudensprünge vollführen sollte, dann ich. Doch ich war wie auf dem Erdboden festzementiert, als hätte ich Bleisohlen in den Schuhen und Ziegelsteine auf den Schultern. Mir blieb nichts anderes übrig als zu schauspielern, Begeisterung zu mimen, Gefühle zu simulieren, die ich nicht empfand. Ich schlüpfte in eine Rolle, so wie während meiner Arbeit, wenn ich die Flugbegleiterin, die einsame Geschäftsfrau, die ausgeflippte Studentin, die unwiderstehliche Computerspezialistin, die gnadenlose Verführerin gab. Jetzt mimte ich eben die aufgekratzte beste Freundin.
Wer hätte gedacht, dass es einmal so weit kommen würde.
Obwohl Sophie, Zoë und John nicht wissen, womit ich mir wirklich meinen Lebensunterhalt verdiene, hatte ich bis jetzt immer das Gefühl, dass ich in ihrer Gegenwart ich selbst sein konnte. Dass sie die einzigen Menschen waren, die mich wirklich kannten.
Eine kleine Notlüge hie und da, ein paar harmlose Vertuschungsversuche, um glaubhaft zu machen, weshalb meine Haushälterin meine Koffer mit Desinfektionsmittel reinigt, weshalb ich keine geschäftlichen Telefongespräche führe, wenn ich nicht allein bin. Aber noch nie hatte ich mich in der Gegenwart meiner Freunde verstellen müssen.
Ich hatte ihnen nie etwas vorgespielt.
Die Bedienung kam, und während Sophie wie üblich ihre Eggs Benedict bestellte, wurde mir bewusst, dass sich etwas verändert hatte.
Etwas, das uns alle betraf. Unsere Clique würde nie mehr dieselbe sein.
Sophie war verlobt. Sie würde heiraten. Und sie trug den Beweis dafür an ihrem Ringfinger. Jetzt würde alles anders werden. Sie würde mit Eric zusammenziehen. Sie würde sich mit ihm ein Haus kaufen, und bald würde es nur noch »wir« heißen. »Wir« möchten dich zum Grillen einladen, »wir« würden gern mit dir ein Bier trinken gehen, »wir« haben noch nicht entschieden, welcher Tagesmutter wir unser Baby anvertrauen.
Aber die Angst vor dieser Veränderung war nicht der Grund, weshalb ich mich nicht aufrichtig für sie freuen konnte, so gern ich mir das auch eingeredet hätte. Der Grund war viel gewichtiger. Und ich würde auf keinen Fall zulassen, dass er jetzt und hier beim Brunch zur Sprache kam und allen die gute Laune verdarb.
Deshalb setzte ich ein fröhliches Beste-Freundin-Lächeln auf, sobald die Kellnerin verschwunden war, und fragte der frisch verlobten Sophie gemeinsam mit einer aufgeregten Zoë, wie in einem solchen Fall üblich, Löcher in den Bauch. Eine Stunde später standen wir alle draußen vor dem Lokal. Zoës Wagen wurde eben vorgefahren, und Zoë reichte dem Mann vom Valet-Service den Parkschein und etwas Trinkgeld, dann brauste sie mit John davon. Sophie und ich sahen ihnen stumm hinterher, während wir ebenfalls auf unsere Autos warteten.
Ich starrte auf meine Schuhspitzen und tat, als würde ich das betretene Schweigen, das zwischen uns herrschte, nicht bemerken. Kramte in meiner Tasche nach einem Fünfer Trinkgeld.
Als ich die Stille nicht länger ertrug, beschloss ich, das Eis zu brechen. »Wann lerne ich ihn denn nun endlich kennen, diesen sympathischen jüdischen Arzt?«, sagte ich im breitesten New Yorker Akzent. Seit der Grundschule machen wir uns einen Jux daraus, Sophies herrische Großmutter nachzumachen.
Im Normalfall hätte sie jetzt hysterisch losgegackert angesichts meiner stümperhaften Nachahmung des jüdischen Akzents oder selbst eine ihrer Großmutter-Imitationen zum Besten gegeben.
Stattdessen platzte sie heraus: »Ich muss noch etwas mit dir besprechen.«
Da war sie wieder. Die Panik. Die Paranoia. Die Sophie, die ich kannte und liebte, war zurückgekehrt. Der Kurztrip auf die Insel der frisch verlobten sorglosen Seligkeit hatte gerade mal so lange gedauert wie unser Brunch.
»Was denn?«
Sie zog mich ein paar Schritte von der Gehsteigkante weg und sah sich ängstlich nach allen Seiten um, als fürchtete sie, überwacht oder belauscht zu werden. »Also, es ist etwas … unkonventionell«, sagte sie vorsichtig. »Bitte reg dich nicht gleich auf, wenn ich es dir erzähle. Ich denke schon seit einer Weile darüber nach, insbesondere seit Erics Antrag gestern Abend. Ich habe eine Entscheidung getroffen, und zu der stehe ich.«
Ich runzelte die Stirn. »Wovon zum Teufel redest du? Gehst du etwa zur CIA?«
Sophie warf erneut misstrauische Blicke nach rechts und links. »Nein, aber du weißt doch, wie paranoid ich bin... in Bezug auf Eric und so.«
Ich seufzte. »Ja. Aber jetzt seid ihr verlobt. Er wird zu dir ziehen, sobald sein Vertrag als Assistenzarzt ausläuft. Ich denke, seine Absichten sind glasklar.«
Die Worte gingen mir ganz automatisch von der Zunge, wie perfekt einstudiert, mit tadelloser Betonung und unbestreitbarer Aufrichtigkeit, und doch fand ich es selbst zum ersten Mal schwierig, ihnen Glauben zu schenken.
»Das macht die ganze Sache nur umso bedeutender.«
»Sophie, du sprichst in Rätseln. Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.«
Sie senkte verlegen den Blick und fischte einen zusammengefalteten weißen Zettel aus der Handtasche.
»Ich habe neulich mit einer Arbeitskollegin gesprochen … über meine Zweifel wegen Eric«, gestand sie widerstrebend.
Ich nickte.
»Und sie hat mir erzählt, dass eine enge Freundin von ihr jemanden engagiert hat. Eine... Spezialistin.« Sie faltete den Zettel auseinander.
Mir stockte jäh das Blut in den Adern. Eine Gänsehaut überzog jeden Zentimeter meines Körpers. Ein Glück, dass ich Jeans und einen langärmeligen Pullover anhatte, sonst wäre Sophie mein Schaudern nicht verborgen geblieben.
»Was denn für eine Spezialistin?«, fragte ich schwach, obwohl ich die Antwort bereits ahnte.
Oh, ja. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, worauf diese Frau spezialisiert war.
Sophie holte tief Luft und sah zerknirscht zu mir hoch, als wollte sie mich schon im Voraus um Verständnis anflehen, als wüsste sie, dass ich enttäuscht von ihr sein würde, weil sie jetzt endgültig unter dem Druck ihrer Unsicherheit zusammengebrochen war. »Eine sogenannte Treuetesterin.«
Ich schloss die Augen und nickte gequält. Die vertraute Berufsbezeichnung kam mir plötzlich... gar nicht mehr vertraut vor. Im Gegenteil.
Sie kam mir kalt vor. Eiskalt.
Als ich die Augen wieder aufschlug, hielt mir Sophie den Zettel hin. Der Parkservice hatte in der Zwischenzeit meinen Range Rover gebracht und winkte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, doch ich registrierte es kaum. Wie in Trance starrte ich auf den Zettel, auf die Zahlen und Buchstaben, die mich förmlich anzuspringen schienen, um sich direkt in mein Zentralnervensystem zu bohren.
Im Grunde war es fast zum Lachen. Die reinste Ironie. Ich hatte es noch nie mit eigenen Augen gesehen, obwohl ich wusste, dass solche Zettel in der ganzen Stadt, ja, sogar im ganzen Land kursierten. Und jetzt bekam ich zum ersten Mal höchstpersönlich einen zu Gesicht.
 
Ashlyn
310-555-2120
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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