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360 Grad
Am Samstagvormittag um halb zehn riss mich das
Klingeln meines Festnetztelefons aus dem Schlaf, dabei hätte ich
das erste Mal seit einer Ewigkeit ausschlafen können. Ich zog mir
das Extrakissen über den Kopf, um das Geräusch auszublenden, bis es
nach dem fünften Klingeln verstummte. Dann suchte ich in dem
Durcheinander aus Laken und Decken nach Snuffles und entdeckte den
Ärmsten schließlich auf dem Boden neben dem Bett. Verstoßen und
traurig sah er aus.
Ich holte ihn ins Bett zurück, drückte ihn an mich
und murmelte ihm eine Entschuldigung ins Ohr, ehe ich wieder die
Augen schloss.
Dreißig Sekunden später klingelte erneut das
Telefon.
Ich stöhnte laut auf und guckte auf das Display.
Zoë. »Was ist?«, brummte ich schlaftrunken statt einer
Begrüßung.
»Was zum Geier treibst du da, du Arsch mit Ohren?«,
brüllte sie mir ins Ohr.
Mhm. Das war eindeutig Zoë. Sie hat die
Angewohnheit, beim Autofahren zu telefonieren. Leider neigt sie
außerdem dazu, beim Autofahren zu schimpfen wie ein Rohrspatz, was
die Unterhaltung oft etwas erschwert. Ich brachte einen
Sicherheitsabstand zwischen mein Ohr und das Telefon, bis sie ihr
Gezeter beendet hatte.
»Entschuldige«, sagte sie schließlich in gewohnter
Lautstärke (was auch noch laut genug war). »Ich bin auf dem Sunset
Boulevard und irgendso ein Trottel hat mich gerade geschnitten. Vom
Reißverschlussprinzip haben die hier in West Hollywood wohl noch
nie gehört.«
»Gibt es einen triftigen Grund dafür, dass du mich
an einem Samstag weckst?«
»Ach, ja, richtig. Brunch in einer Stunde.«
Ich rieb mir die Augen und sah auf die Uhr.
»Was?«
»Hey, lass deinen Ärger nicht an mir aus. Sophie
hat die Sitzung einberufen. Angeblich ein Notfall.« Klang, als wäre Zoë auch nicht gerade
scharf darauf. Wir wussten beide, was uns blühte, wenn Sophie von
einem Notfall sprach: eine Gruppensitzung, in der Sophie total
ausflippte und aus einer Mücke einen Elefanten machte, während der
Rest der Crew versuchte, sie zu beruhigen. Nicht, dass ich meiner
besten Freundin nicht immer gern mit Rat und Tat zur Seite stünde,
wenn sie mich braucht. Aber ausgerechnet jetzt, wo ich zum ersten
Mal seit zwei Wochen wieder ausschlafen konnte? Kein Wunder, dass
sich meine Begeisterung in Grenzen hielt.
»Hat sie erwähnt, worum es genau geht?«
»Nein, wollte sie nicht. Sie meinte bloß, wir
müssten HP anwesend sein.« Ich hatte mich inzwischen an Zoës
Instant-Message-Jargon gewöhnt, aber diese Abkürzung war mir neu.
»HP? Hewlett Packard?«
»Höchstpersönlich. Egal, du weißt doch so gut wie
ich, worum es geht – verdammter Loser! Bist du blind? Das ist keine
Abbiegespur!«
Ich wartete ab, bis ihr Gehupe verklungen war, ehe
ich mich erkundigte, wo der Notfall-Brunch stattfinden
sollte.
»Café Montana.«
Ich schlug ächzend die Bettdecke zurück. »Gut, ich
komme.«
»Das will ich schwer hoffen. Ich habe nämlich keine
Lust, Sophie beizubringen, dass du dich vor deiner Verantwortung
drückst.«
Wir wussten aus Erfahrung, dass mit Sophie nicht zu
spaßen ist, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Sie kann
einem das Gefühl geben, die mieseste, gefühlloseste Freundin der
Welt zu sein, wenn man es wagt, ihr eine dringende Bitte
abzuschlagen.
Gähnend richtete ich mich im Bett auf. »Ich kann
nicht versprechen, dass ich gut gelaunt sein werde.«
»Hauptsache, du tauchst überhaupt auf. Ich bin
schon auf dem Weg zu John. Bis dann!«
Noch ehe ich antworten konnte, hatte sie aufgelegt.
Ich ließ das Telefon sinken und blieb noch einen Augenblick auf der
Bettkante sitzen, bis ich die nötige Energie gesammelt hatte, um
mich zu erheben.
Ich fühlte mich total ausgelaugt, nicht zuletzt
wegen meiner Nachbesprechung mit Andrew Thompsons Gattin in San
Francisco gestern Vormittag. Normalerweise dauern diese Meetings
höchstens eine Stunde. Ich liefere meinen Bericht ab, und vor allem
wenn er negativ ausgefallen ist, wollen mich meine
Auftraggeberinnen meistens so schnell wie möglich aus dem Haus
haben. Kann ich ihnen nicht verdenken. Es dauert, bis sie meine
Dienste zu schätzen wissen, und bis dahin bin ich für sie längst
Geschichte. Aber das macht mir nichts aus. Ich habe mich mit der
Zeit daran gewöhnt, dass man in meiner Branche nicht mit Blumen und
Dankeskarten rechnen kann.
Emily Thompson allerdings war anhänglich wie eine
Klette gewesen. Ich hatte über drei Stunden bei ihr gesessen,
deshalb
sogar die Maschine nach L.A. verpasst und stand-by nach Hause
fliegen müssen.
Sie ließ mich erst gehen, nachdem ich mir drei
Fotoalben und eine geschlagene Stunde lang Homevideos von Andrew
und den Kindern beim Nachspielen berühmter Disney-Filmszenen
angesehen und unzähligen Storys über die kinder- und sorgenfreien
College-Jahre gelauscht hatte, als das Leben der beiden noch aus
Partys, Spaß, Alk und Sex bestanden hatte.
Solche Momente sind mit Abstand die größte
Herausforderung bei meiner Arbeit. Wenn ich meine Auftraggeber zu
Hause aufsuche, spüre ich stets die tadelnden Blicke der Menschen
auf den Familienfotos auf mir ruhen. Strafend und vorwurfsvoll
starren sie von den Wänden auf mich herab.
Ohne zu duschen oder mir auch nur das Gesicht zu
waschen, schleppte ich mich in meinen begehbaren Kleiderschrank und
schlüpfte lethargisch in eine zerrissene Jeans und ein lila
Kapuzenshirt. Sophie würde nicht begeistert sein, wenn ich so im
Café Montana aufkreuzte, aber das war mir jetzt egal. Wenn sie mir
schon meinen wertvollen Schlaf raubte, musste sie sich eben mit
meinem Look abfinden. Und das Café Montana ebenfalls.
In L.A. ist Schmuddelschick ohnehin nicht verpönt,
sondern vielmehr das Markenzeichen der Stars.
Immerhin ließ ich mich dazu herab, mir die Haare zu
bürsten und sie im Nacken zu einem losen Pferdeschwanz
zusammenzubinden. Dann setzte ich meine Lakers-Baseballmütze auf,
stopfte meine Handys und den Schlüsselbund in meine Fendi Spy Bag
und machte mich auf den Weg.
Ich gehe nie ohne meine beiden Telefone (ein
rosarotes Razr von Motorola für private Zwecke und das bereits
erwähnte Treo für geschäftliche Anrufe) außer Haus. Das Treo
Smartphone ist in den Augen meiner Freundinnen ein »Instrument
des Teufels«, mit dem mich meine »despotischen Vorgesetzten aus
dem Imperium des Bösen (alias Stanley Marshall) rücksichtslos
herumkommandieren«. Sie ahnen nicht, dass ich ausschließlich von
argwöhnischen Gattinnen angerufen werde, die meine streng geheime
Nummer unter dem Siegel der Verschwiegenheit an reiche Hausfrauen,
Mütter und Freundinnen weitergeben. Gäbe es für dieses weit
verzweigte Netzwerk ein eigenes Branchenbuch, dann wäre ich unter
der Rubrik »lebenswichtige Serviceeinrichtungen« zu finden.
Aber meine Nummer ist nirgendwo aufgeführt. Ich
arbeite ausschließlich auf Empfehlung. Meine Marketingstrategie
heißt Mundpropaganda. Ich kann es mir nicht erlauben, meine Dienste
auf Reklametafeln an Bushaltestellen anzupreisen. Meine
Glaubwürdigkeit wäre sofort dahin. Und die ist in meiner Branche
absolut unabdingbar, genau wie äußerste Diskretion und eine gewisse
mysteriöse Aura.
Auf dem Weg zum Restaurant klingelte mein privates
Telefon. Ich hätte das verdammte Ding am liebsten ausgeschaltet und
die ganze Welt ein paar Stunden ignoriert, aber als ich auf dem
Display den Namen meiner Nichte Hannah aufblinken sah, besserte
sich meine Laune augenblicklich.
»Hallo, Kleines!«, begrüßte ich sie.
»Hi! Du kommst doch am Freitag, oder?«
Hannah feierte kommendes Wochenende ihren zwölften
Geburtstag, weshalb ihre Mutter (meine Halbschwester Julia, die
Tochter meines Vaters aus erster Ehe) am Freitagabend ein großes
Familiendinner organisierte, zu dem auch Hannahs beste Freundinnen
eingeladen waren. Hannah war deswegen schon ganz aus dem
Häuschen.
»Aber klar!«, erwiderte ich fröhlich, teils, weil
Hannah es immer verstand, mich aufzuheitern, und teils aus Gründen
der Tarnung. Auch vor meiner Nichte hielt ich mein Doppelleben
geheim. Ich würde alles dafür geben, sie auf ewig vor
den unschönen Seiten der Realität zu bewahren, mit denen ich
zuweilen konfrontiert wurde.
Doch ich wusste, es war unmöglich. Früher oder
später wurde sie erwachsen, und selbst wenn ich mich für den Rest
meines Lebens dem Kampf gegen das Bösen widmete, wenn ich nicht
mehr schlief, nicht mehr aß, nie wieder eine der von meinem TiVo
aufgezeichneten Fernsehsendungen guckte, konnte ich die Welt bis
dahin nicht in ein Paradies verwandeln.
»Gut«, sagte sie zufrieden. »Ich habe meinen
Freundinnen nämlich erzählt, dass du kommst und dass du lauter
total coole Klamotten hast.«
Ich sah an mir herunter. Wenn du wüsstest, meine
Liebe. »Ich freu’ mich schon darauf, sie kennenzulernen. Aber jetzt
muss ich leider Schluss machen, ich bin mit Freunden zum Brunch
verabredet.«
»Hast du ein Glück! Da wär’ ich zu gern mit
dabei.«
Ich lachte. Hannah erinnerte mich oft an mich
selbst. Wie sehr hatte ich mich in ihrem Alter danach gesehnt,
erwachsen zu werden... Jedenfalls bis zu der Nacht, in der alles
anders wurde.
»Du würdest dich bestimmt zu Tode langweilen«,
tröstete ich sie.
»Ach, Quatsch«, winkte sie ab. »Ich wette, ihr
redet über total cooles Zeug.«
Ich dachte an die bevorstehende Unterhaltung. Erst
würde uns Sophie ausführlich von ihrem neuesten Eric-»Drama«
berichten. Dann würde ich versuchen, sie davon zu überzeugen, dass
Eric tausend gute Gründe hatte, sie nicht
zu verlassen. Zoë würde indes versuchen, nicht die Geduld zu
verlieren, und John würde versuchen, das Gespräch irgendwie auf
sich zu lenken.
»Du würdest dich wundern«, sagte ich.
Als ich das Lokal betrat, winkte mir Sophie
sogleich aus der hintersten Ecke. Ich schlängelte mich durch die
dicht an dicht stehenden Tische und nahm neben ihr Platz.
»Okay, was gibt’s so Dringendes? Klassischer Fall
von männlicher Unfähigkeit, zum Telefon zu greifen? Oder könnt ihr
euch nicht über eure Abendaktivitäten einigen?«
»Erst, wenn alle hier sind«, wehrte sie ab.
Ich legte den Kopf schief und musterte sie. Ihre
Miene spiegelte eine unerwartete... Heiterkeit wider. Ich hatte
damit gerechnet, eine verheulte Sophie zwischen Bergen von
zerknüllten Taschentüchern anzutreffen, hatte mich eingestellt auf
eine lange, tränenreiche Schilderung von diversen Komplikationen,
die urplötzlich aufgetreten waren und sie ernsthaft an der
Beziehung zweifeln ließen.
Doch dieser Glanz in ihren Augen... Sie wirkte –
sollte ich wagen, es auszusprechen? – glücklich. Fast schon
selig.
Ich wollte sie eben darauf ansprechen, als von der
Tür ein lautes, nasales »Da drüben sind sie« erklang.
John und Zoë waren im Anmarsch. Nicht zu
überhören.
John ist das einzige männliche Wesen, das wir je in
unseren Kreis aufgenommen haben. Die Tatsache, dass er schwul ist
und somit neben dem neuesten Tratsch und Klatsch über diverse Stars
wertvolle Ratschläge in Bezug auf Männer, Mode und Blow Jobs (nicht
zwingend in dieser Reihenfolge) beisteuern kann, hat ihm beträchtlich den Weg geebnet. Ich persönlich glaube
ja, dass er lieber mit uns abhängt als mit seinen schwulen Kumpels.
John mag homosexuelle Männer nicht besonders. Bis auf die, mit
denen er ins Bett geht.
»Mann, hab ich Hunger! Ich könnte glatt meinen
eigenen Kopf verspeisen«, verkündete er theatralisch, während er
sich auf einen Stuhl plumpsen ließ.
»So ein Blödsinn«, bemerkte Zoë genervt. »Womit
würdest du denn kauen?«
John verdrehte die Augen, worauf sie eine höhnische
Grimasse schnitt. Die beiden liefern sich fast ununterbrochen
Schauduelle, um festzustellen, wer von ihnen der Klügere ist und
zugleich am meisten nervt. Das mag für Außenstehende ganz lustig
klingen, aber uns geht es oft tierisch auf den Senkel.
»Da gibt es Millionen von Restaurants in L.A., und
wir treffen uns immer bloß hier.« Zoë schlug die Speisekarte auf.
Sophies beglückte Miene hatte sie gar nicht bemerkt.
»Mir gefällt es hier«, verteidigte sich Sophie
prompt, die Hände unter dem Tisch wie ein schüchternes Kind, das
zum ersten Mal bei den Erwachsenen sitzen darf.
»Man würde vier Komma fünf Menschenleben benötigen,
um in jedem Restaurant in Los Angeles auch nur ein einziges Mal zu
essen«, bemerkte Zoë fachkundig, ohne den Blick von der Karte zu
heben. »Und selbst dann müsste man jeweils
im Alter von fünf Jahren anfangen.«
»Warst du gestern mit dem Herausgeber des
Zagat-Restaurantführers essen?«, wollte John wissen.
Zoë zuckte die Achseln. »Nö, hab ich irgendwo
gelesen.«
»Vermutlich bräuchte man schon deshalb vier Komma
fünf Menschenleben, weil man bei all dem Fraß, den man sich da
reinstopfen müsste, nicht älter als fünfzig wird«, warf John ein.
»Ich meine, die frittierten Hühnerteile und Waffeln von Roscoe’s
sind nicht gerade gesundheitsfördernd.«
»Hey, Leute«, rief Sophie so laut, dass Zoë sie
über den Rand der Speisekarte hinweg misstrauisch beäugte. »Habt
ihr nicht etwas vergessen?«
Zoë und John tauschten ahnungslose Blicke.
»Keine Ahnung, was du meinst«, sagte John
selbstgefällig, »aber ratet mal, wer gestern mit dem
Drittplatzierten aus der dritten Staffel dieser Tanz-TV-Show
So You Think You Can Dance in der Kiste
war?« Er strahlte vor Stolz, als hätte er soeben
seine Aufnahme in einen Geheimbund von Celebrity-Groupies
verkündet.
»Der Drittplazierte?«,
schnaubte Zoë verächtlich.
»Hey, ich gebe wenigstens offen zu, dass ich es nur
deswegen auf ihn abgesehen hatte, was man von dir und deiner Affäre
mit dem RealWorld-Möchtegern-Star nicht
behaupten kann.«
Sie verdrehte die Augen. »Zum letzten Mal:
Ich war überzeugt, wir wären verwandte
Seelen.«
»Wie auch immer«, unterbrach Sophie sie, um zum
Thema zurückzukehren. »Ich habe euch nicht herbestellt, um über
Johns Sauf- und Bettgeschichten zu plaudern.«
»Ach, nein?«, fragte John mit gespielter
Verwunderung.
»Interessiert euch denn gar nicht, was ich euch
mitteilen wollte?«
Zoë nahm achselzuckend einen Schluck Wasser. »Doch,
aber da du nicht sonderlich verzweifelt ausgesehen hast, als wir
gekommen sind, dachte ich, du hättest dich inzwischen wieder
eingekriegt.« Sie streckte den Arm aus und tätschelte Sophie über
mich hinweg die Schulter. »Wie immer.«
Sophie nickte zustimmend. »Ich weiß, ich weiß, ich
neige zu Übertreibungen.«
John hüstelte gekünstelt und murmelte etwas, das
nach »Untertreibung des Jahrhunderts« klang.
»Wenn ich ganz ehrlich sein soll...«, setzte Sophie
an und legte eine Kunstpause ein, um uns auf die Folter zu spannen,
»habe ich euch hergebeten, weil es erfreuliche Nachrichten gibt.«
Wir musterten sie fragend. Sie ist befördert
worden, dachte ich sogleich. Darauf wartete Sophie schon seit über
einem Jahr, und bis jetzt war nichts daraus geworden, weil …
»Eric und ich haben uns verlobt!«
Meine Gedanken kamen quasi mit quietschenden
Bremsen
zum Stillstand. Als wären sie mit einem Truck kollidiert. Ich war
wie vor den Kopf gestoßen. Unfähig die Neuigkeiten zu verarbeiten,
unfähig zu begreifen, was das bedeutete. Ich starrte Sophie
ungläubig an, fragte mich, ob ich sie vielleicht missverstanden
hatte. Korrigiere: Ich war ganz sicher,
dass ich sie missverstanden hatte.
Und dann hörte ich Zoë und John kreischen, sodass
an mindestens fünf Tischen Köpfe herumflogen, um zu sehen, ob ein
Mord passiert oder ein Star hereingekommen war.
Alles andere ist in L.A. kein Grund, seinen Brunch
zu unterbrechen.
Ich stierte Sophie weiterhin mit hängender Kinnlade
an und versuchte, ihren Worten einen Sinn zu entlocken. In meinem
Kopf drehte sich alles. Ich glaubte, das Wort »verlobt« gehört zu
haben, aber das konnte nicht stimmen. Meine Freundinnen gingen
nicht einfach hin und verlobten sich.
Vielleicht hatte sie »er tobt« gesagt. Das würde
bedeutend mehr Sinn ergeben, bei Sophies Neigung zur Dramatik. Ja,
genau, so musste es sein. Sie hatte Eric geärgert, und jetzt
tobte er.
Doch dann legte Sophie ihre Hände, die sie offenbar
bis jetzt absichtlich versteckt hatte, auf den Tisch, und zeigte
uns den riesigen Diamanten an ihrem Ringfinger, der mit ihren Augen
um die Wette leuchtete.
Zoë sprang sogleich auf und beugte sich ohne
Rücksicht auf Verluste über mich hinweg zu Sophie hinüber, um das
gute Stück zu bewundern. Ich saß derweil stocksteif da, den
Oberkörper nach hinten gelehnt, um Zoës langer blonder Mähne
auszuweichen – und dem riesigen, gefährlichen Edelstein, der mir
mit jeder von Sophies Handbewegungen bedrohlich nahe kam.
Unfähig, auch nur einen Finger zu rühren, verfolgte
ich das Spektakel, das vor meinen Augen ablief wie ein alter
Schwarz-Weiß-Film, Bilder ohne Ton, stumme Gestalten, die
Glückwünsche aussprachen, ihre Freude ausdrückten.
»Jen«, vernahm ich Sophies Stimme schließlich wie
von weither. Das Dröhnen in meinen Ohren verebbte jäh.
Ich blinzelte. »Ja?«
»Was ist los?«
Ich hob den Kopf. Zoë und Sophie starrten mich über
den gigantischen Diamanten hinweg an. Zoë hatte sich mittlerweile
erhoben und stand hinter Sophie, um den Ring einer eingehenden
Betrachtung zu unterziehen.
»Ich... äh... Ich dachte, er kommt nicht?«, sagte
ich matt.
Sophie lächelte noch breiter. »Ja, das hat er
behauptet, um mich auszutricksen, und dann hat er mich gestern
Abend überrascht!«
»OMG«, stieß Zoë hervor, was für »oh mein Gott«
steht und im Falle besonders dramatischer, denkwürdiger oder
grotesker Ereignisse zum Einsatz kommt. Oder auch einfach um Zeit
zu sparen. »Wie hat er dir den Antrag gemacht?«
Sophie strahlte unverändert. »Ich saß allein zu
Hause und war sauer, weil er sein Handy ausgeschaltet hatte. Ich
war sicher, dass er mit seinen dämlichen Kumpels von der Klinik auf
Sauftour war und nicht gestört werden wollte.«
Zoë und John nickten eifrig, gierig nach weiteren
Details.
»Irgendwann klingelte es an der Tür. Ich hatte
keine Ahnung, wer das sein könnte. Bei mir klingelt nie jemand,
außer vielleicht meine Vermieterin, wenn sie tagsüber ein Paket für
mich angenommen hat«, erklärte Sophie atemlos, und bei jedem Wort
blitzten ihre Augen auf wie Wunderkerzen an einem Weihnachtsbaum.
»Fast hätte ich gar nicht aufgemacht, weil ich niemanden durch den
Türspion gesehen habe.«
»Wahnsinn«, krähte Zoë und bedeutete ihr
ungeduldig, fortzufahren.
Sophie grinste. »Tja, ich habe trotzdem aufgemacht.
Ich dachte, vielleicht hat mir die Vermieterin ja etwas vor die Tür
gelegt.«
»Und da stand er dann!«, rief Zoë voller Stolz auf
ihren detektivischen Scharfsinn.
»Genau!«, rief Sophie. »Besser gesagt, da kniete
er, mit dem Ring in der Hand!«
Zoë und John wechselten einen schmachtenden Blick,
der eines alten Hollywoodschinkens würdig gewesen wäre.
»Deshalb konnte ich ihn auch nicht sehen, als ich
durch den Spion geschaut habe!«, erklärte Sophie.
»Weil er vor deiner Tür kniete!«, wiederholte Zoë
überflüssigerweise und in einem Tonfall, den sie sonst nur
anschlägt, wenn sie Seifenoperndarsteller, Teilnehmer von Reality
Shows oder ungeliebte Arbeitskolleginnen nachäfft, die ihr »zu
mädchenhaft« sind.
»Genau!«, erwiderte Sophie in exakt demselben
Tonfall.
Die drei stießen im Chor einen gerührten Seufzer
aus. Dann fiel ihnen auf, dass ich nicht mitgeseufzt hatte. Sie
wandten die Köpfe und starrten mich an, alle mit derselben
entnervenden, fragenden Miene, als wären sie Wissenschaftler, die
soeben eine unbekannte Lebensform von einem fremden Planeten
entdeckt hatten. Einem Planeten, auf dem das Wort »Verlobung«
offenbar nicht existierte, weder in der dort gebräuchlichen Sprache
noch in Form von telepathischer Kommunikation.
Ich starrte ausdruckslos auf die zugeklappte
Speisekarte, die vor mir lag.
»Jen?«, fragte Sophie. »Was ist denn mit dir
los?«
Ich sah benommen zu ihr hoch. »Hä? Gar
nichts.«
Sie runzelte die Stirn. »Wie, ›gar nichts‹? Ich
werde heiraten, und du reagierst überhaupt
nicht!«
Das lag daran, dass ich nicht wusste, wie ich
reagieren sollte.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Bislang hatte ich
es nur mit den Ehen und Verlobungen zu tun gehabt, die sich bei
meinem Test als marode herausgestellt hatten. Nicht mit der
Verlobung meiner besten Freundin.
Was natürlich als Erklärung für mein seltsames
Verhalten völlig ungeeignet war. »Entschuldige«, murmelte ich und
zwang mich, meine Benommenheit abzuschütteln. »Ich schätze, ich
stehe unter Schock. Gratuliere!«
Ich umarmte sie. Prompt strahlte sie wieder von
einem Ohr zum anderen.
»Geschickt eingefädelt, Sophie. So packt man das
an, wenn man unter die Haube kommen will«, lobte John.
»Danke!« Sophie sah von einem zum anderen. Ob sie
dieses alberne verliebte Grinsen wohl je wieder ablegen
würde?
Zugegeben, ich freute mich darüber, sie so happy zu
erleben. Aber irgendetwas ließ nicht zu, dass ich mich für sie freute, und das quälte mich. Ich wäre gern
überdreht auf und ab gehopst, wie Zoë es getan hatte... und John
übrigens auch. Immerhin war Sophie meine beste Freundin. Seit der
dritten Klasse. Wenn irgendjemand Freudensprünge vollführen sollte,
dann ich. Doch ich war wie auf dem Erdboden festzementiert, als
hätte ich Bleisohlen in den Schuhen und Ziegelsteine auf den
Schultern. Mir blieb nichts anderes übrig als zu schauspielern,
Begeisterung zu mimen, Gefühle zu simulieren, die ich nicht
empfand. Ich schlüpfte in eine Rolle, so wie während meiner Arbeit,
wenn ich die Flugbegleiterin, die einsame Geschäftsfrau, die
ausgeflippte Studentin, die unwiderstehliche Computerspezialistin,
die gnadenlose Verführerin gab. Jetzt mimte ich eben die
aufgekratzte beste Freundin.
Wer hätte gedacht, dass es einmal so weit kommen
würde.
Obwohl Sophie, Zoë und John nicht wissen, womit ich
mir wirklich meinen Lebensunterhalt verdiene, hatte ich bis jetzt
immer das Gefühl, dass ich in ihrer Gegenwart ich selbst sein
konnte. Dass sie die einzigen Menschen waren, die mich wirklich kannten.
Eine kleine Notlüge hie und da, ein paar harmlose
Vertuschungsversuche, um glaubhaft zu machen, weshalb meine
Haushälterin meine Koffer mit Desinfektionsmittel reinigt, weshalb
ich keine geschäftlichen Telefongespräche führe, wenn ich nicht
allein bin. Aber noch nie hatte ich mich in der Gegenwart meiner
Freunde verstellen müssen.
Ich hatte ihnen nie etwas vorgespielt.
Die Bedienung kam, und während Sophie wie üblich
ihre Eggs Benedict bestellte, wurde mir bewusst, dass sich etwas
verändert hatte.
Etwas, das uns alle betraf. Unsere Clique würde nie
mehr dieselbe sein.
Sophie war verlobt. Sie würde heiraten. Und sie
trug den Beweis dafür an ihrem Ringfinger. Jetzt würde alles anders
werden. Sie würde mit Eric zusammenziehen. Sie würde sich mit ihm
ein Haus kaufen, und bald würde es nur noch »wir« heißen. »Wir«
möchten dich zum Grillen einladen, »wir« würden gern mit dir ein
Bier trinken gehen, »wir« haben noch nicht entschieden, welcher
Tagesmutter wir unser Baby anvertrauen.
Aber die Angst vor dieser Veränderung war nicht der
Grund, weshalb ich mich nicht aufrichtig für sie freuen konnte, so
gern ich mir das auch eingeredet hätte. Der Grund war viel
gewichtiger. Und ich würde auf keinen Fall zulassen, dass er jetzt
und hier beim Brunch zur Sprache kam und allen die gute Laune
verdarb.
Deshalb setzte ich ein fröhliches
Beste-Freundin-Lächeln auf, sobald die Kellnerin verschwunden war,
und fragte der frisch verlobten Sophie gemeinsam mit einer
aufgeregten Zoë, wie in einem solchen Fall üblich, Löcher in den
Bauch.
Eine Stunde später standen wir alle draußen vor dem Lokal. Zoës
Wagen wurde eben vorgefahren, und Zoë reichte dem Mann vom
Valet-Service den Parkschein und etwas Trinkgeld, dann brauste sie
mit John davon. Sophie und ich sahen ihnen stumm hinterher, während
wir ebenfalls auf unsere Autos warteten.
Ich starrte auf meine Schuhspitzen und tat, als
würde ich das betretene Schweigen, das zwischen uns herrschte,
nicht bemerken. Kramte in meiner Tasche nach einem Fünfer
Trinkgeld.
Als ich die Stille nicht länger ertrug, beschloss
ich, das Eis zu brechen. »Wann lerne ich ihn denn nun endlich
kennen, diesen sympathischen jüdischen Arzt?«, sagte ich im
breitesten New Yorker Akzent. Seit der Grundschule machen wir uns
einen Jux daraus, Sophies herrische Großmutter nachzumachen.
Im Normalfall hätte sie jetzt hysterisch
losgegackert angesichts meiner stümperhaften Nachahmung des
jüdischen Akzents oder selbst eine ihrer Großmutter-Imitationen zum
Besten gegeben.
Stattdessen platzte sie heraus: »Ich muss noch
etwas mit dir besprechen.«
Da war sie wieder. Die Panik. Die Paranoia. Die
Sophie, die ich kannte und liebte, war zurückgekehrt. Der Kurztrip
auf die Insel der frisch verlobten sorglosen Seligkeit hatte gerade
mal so lange gedauert wie unser Brunch.
»Was denn?«
Sie zog mich ein paar Schritte von der
Gehsteigkante weg und sah sich ängstlich nach allen Seiten um, als
fürchtete sie, überwacht oder belauscht zu werden. »Also, es ist
etwas … unkonventionell«, sagte sie vorsichtig. »Bitte reg dich
nicht gleich auf, wenn ich es dir erzähle. Ich denke schon seit
einer Weile darüber nach, insbesondere seit Erics Antrag gestern
Abend. Ich habe eine Entscheidung getroffen, und zu der stehe
ich.«
Ich runzelte die Stirn. »Wovon zum Teufel redest
du? Gehst du etwa zur CIA?«
Sophie warf erneut misstrauische Blicke nach rechts
und links. »Nein, aber du weißt doch, wie paranoid ich bin... in
Bezug auf Eric und so.«
Ich seufzte. »Ja. Aber jetzt seid ihr verlobt. Er
wird zu dir ziehen, sobald sein Vertrag als Assistenzarzt ausläuft.
Ich denke, seine Absichten sind glasklar.«
Die Worte gingen mir ganz automatisch von der
Zunge, wie perfekt einstudiert, mit tadelloser Betonung und
unbestreitbarer Aufrichtigkeit, und doch fand ich es selbst zum
ersten Mal schwierig, ihnen Glauben zu schenken.
»Das macht die ganze Sache nur umso
bedeutender.«
»Sophie, du sprichst in Rätseln. Ich weiß nicht,
worauf du hinaus willst.«
Sie senkte verlegen den Blick und fischte einen
zusammengefalteten weißen Zettel aus der Handtasche.
»Ich habe neulich mit einer Arbeitskollegin
gesprochen … über meine Zweifel wegen Eric«, gestand sie
widerstrebend.
Ich nickte.
»Und sie hat mir erzählt, dass eine enge Freundin
von ihr jemanden engagiert hat. Eine... Spezialistin.« Sie faltete
den Zettel auseinander.
Mir stockte jäh das Blut in den Adern. Eine
Gänsehaut überzog jeden Zentimeter meines Körpers. Ein Glück, dass
ich Jeans und einen langärmeligen Pullover anhatte, sonst wäre
Sophie mein Schaudern nicht verborgen geblieben.
»Was denn für eine Spezialistin?«, fragte ich
schwach, obwohl ich die Antwort bereits ahnte.
Oh, ja. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen,
worauf diese Frau spezialisiert war.
Sophie holte tief Luft und sah zerknirscht zu mir
hoch, als wollte sie mich schon im Voraus um Verständnis anflehen,
als wüsste sie, dass ich enttäuscht von ihr sein würde, weil sie
jetzt endgültig unter dem Druck ihrer Unsicherheit
zusammengebrochen war. »Eine sogenannte Treuetesterin.«
Ich schloss die Augen und nickte gequält. Die
vertraute Berufsbezeichnung kam mir plötzlich... gar nicht mehr
vertraut vor. Im Gegenteil.
Sie kam mir kalt vor. Eiskalt.
Als ich die Augen wieder aufschlug, hielt mir
Sophie den Zettel hin. Der Parkservice hatte in der Zwischenzeit
meinen Range Rover gebracht und winkte, um meine Aufmerksamkeit zu
erregen, doch ich registrierte es kaum. Wie in Trance starrte ich
auf den Zettel, auf die Zahlen und Buchstaben, die mich förmlich
anzuspringen schienen, um sich direkt in mein Zentralnervensystem
zu bohren.
Im Grunde war es fast zum Lachen. Die reinste
Ironie. Ich hatte es noch nie mit eigenen Augen gesehen, obwohl ich
wusste, dass solche Zettel in der ganzen Stadt, ja, sogar im ganzen
Land kursierten. Und jetzt bekam ich zum ersten Mal
höchstpersönlich einen zu Gesicht.
Ashlyn
310-555-2120
310-555-2120