19
In der Höhle des
Löwen
Als ich tags darauf erwachte, fühlte ich mich
inspiriert. Nach meinem geradezu perfekten Date mit Jamie war ich
hochmotiviert, etwas gegen Raymond Jacobs zu unternehmen.
Okay, »inspiriert« war wohl nicht ganz der richtige
Ausdruck für das Grauen, das mich packte bei der Vorstellung, Jamie
könnte den Link zu dieser vermaledeiten Webseite erhalten. Ich
wollte nicht in die Schublade mit der Aufschrift Unerfreuliche Erinnerungen, verdrängen! verbannt
werden.
Also eruierte ich im Internet die Adresse der
Zentrale von Kelen Industries in Long Beach, schickte sie via
E-Mail an mein Treo und suchte dann aus meinem Kleiderfundus das
konservativste Kostüm heraus, das ich besaß. Keine tief
ausgeschnittenen Blusen, bauchnabelfreien Tops oder atemberaubenden
Miniröcke diesmal. Heute war der Inbegriff von Raffinesse und
Klasse gefragt. Heute mimte ich die wutschnaubende Unternehmerin,
die sich nichts gefallen lässt.
Nachdem ich meinen Range Rover abgeholt hatte,
übertrug ich die Adresse aus dem Treo in mein Navigationssystem und
nahm mir vor, mich ganz und gar auf die vor mir liegende Begegnung
zu konzentrieren. Ab jetzt wurde keine Zeit mehr darauf
verschwendet, in Erinnerungen an Jamie
oder unseren unglaublichen Kuss zu schwelgen. Obsessives Verhalten
hat noch niemandem genützt (es sei denn, bei einer Diät). Je
weniger ich an ihn dachte, umso besser.
Doch es fiel mir schwer, meine Gedanken zu zügeln.
Zudem zerbrach ich mir den Kopf über meine zahlreichen Probleme.
Ich wusste schon gar nicht mehr, worüber ich mir am meisten Sorgen
machen sollte.
Da war einerseits die Frage, wie ich meine
Tätigkeit vor Jamie verheimlichen sollte. Und noch drängender
natürlich die Schwierigkeit, überhaupt meine Tarnung
aufrechtzuerhalten, denn sonst konnte ich einpacken.
Zu allem Überdruss war ich am Nachmittag mit einer
potentiellen neuen Auftraggeberin verabredet, deren Anliegen
wiederum der Grund war, weshalb ich besagte Tätigkeit überhaupt
ausübte. Obwohl ich mir allmählich eingestehen musste, dass meine
Motivation in letzter Zeit rapide abflaute.
Meine edle Mission, den von Zweifeln geplagten
Ehefrauen der Welt Gewissheit zu verschaffen, entwickelte sich
zusehends für mich zur Plage.
Bestes Beispiel hierfür: der für nächste Woche
anberaumte Test von Sophies Verlobtem Eric. Ich bezweifelte stark,
dass ich den Nerv haben würde, die Sache wirklich
durchzuziehen.
Die ganze Angelegenheit drohte mir allmählich zu
entgleiten, und ich wusste nur noch eines mit Sicherheit: dass ich
nicht die geringste Lust verspürte, mich damit auseinanderzusetzen.
Ständig kreisten meine Gedanken um die ewig gleichen Fragen, wie
ein Autofahrer, der eine Runde nach der anderen in einem
Kreisverkehr dreht und rätselt, welche Ausfahrt er nehmen soll.
Aber das ist ja das Praktische an einem Kreisverkehr – man kann so
lange darin herumkurven, bis man weiß, wohin man will.
Und genau das hatte ich vor.
Während ich über den ungewöhnlich leeren Freeway
405 brauste, zermarterte ich mir das Hirn, wie ich Raymond Jacobs
gegenübertreten sollte. Ich zog völlig unbewaffnet in die Schlacht;
ich hatte noch nicht einmal einen Termin mit ihm vereinbart. Ich
konnte eigentlich nur in sein Büro marschieren und ihm befehlen,
diese gottverdammte Domain gefälligst zu sperren.
Toller Plan.
Insgeheim hoffte ich, dass mein bloßes Erscheinen
schon Wunder wirken würde. Dass er sich urplötzlich von der
gutmütigen Seite zeigen würde, die er sein ganzes Leben lang
sorgfältig verborgen hatte. Dass er sich erweichen lassen würde,
auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür gegen null tendierte.
Konnte ich mit ihm verhandeln? Ihm drohen? Aber
womit? Ich hatte nichts gegen ihn in der Hand. Er war bereits
bloßgestellt. Es würde wenig nützen, wenn ich mich vor ihm aufbaute
und sagte: »Nehmen Sie diese lächerliche Seite aus dem Netz, sonst
erzähle ich Ihrer Frau, was Sie getan haben.«
Ich fand es höchst gewöhnungsbedürftig, derart
mangelhaft gerüstet zu sein. Mein ganzes Leben beruhte auf dem
Motto »allzeit bereit«. Ich war meinen Opfern stets einen Schritt
voraus. Hatte immer bereits den nächsten Schachzug geplant. Doch
diesmal würde ich mit Sicherheit die Unterlegene sein. Es stand
bereits fest, wer aus der heutigen Begegnung siegreich hervorgehen
würde – nämlich auf keinen Fall ich.
Mir blieb nichts anderes übrig, als das zu tun, was
ich am besten drauf hatte: bluffen.
Am Hauptquartier von Kelen Industries angekommen,
fuhr ich mit dem Aufzug in die achte Etage, zog meine Kostümjacke
enger und marschierte hoch erhobenen Hauptes in Richtung Empfang.
»Ich möchte bitte zu Raymond Jacobs«,
verkündete ich mit ausgesuchter Höflichkeit, aber
nachdrücklich.
Es hätte mich nicht überrascht, hinter dem Tresen
ein vollbusiges Mädel Mitte zwanzig mit rot geschminkten Lippen und
platinblondem Haar anzutreffen, das ein tief dekolletiertes Top
trug und sich vergeblich beim Playboy
beworben hatte. Doch weit gefehlt. Ich wurde knapp von einer
molligen Dame Anfang fünfzig begrüßt, die aussah, als würde sie
schon bedeutend länger für Kelen Industries arbeiten als Raymond
Jacobs. Sie blätterte in einer Frauenzeitschrift und war, nach
ihrer sauertöpfischen Miene zu urteilen, ungefähr genauso gern hier
wie ich.
»Haben Sie einen Termin vereinbart?«, schnarrte sie
und wandte sich dann dem Computer zu, der eine Reihe schriller
akustischer Signale von sich gab.
Ich straffte die Schultern. »Nein, aber wenn Sie so
freundlich wären, Mr. Jacobs mitzuteilen, dass Ashlyn ihn sprechen
möchte, weiß er bestimmt, worum es geht.«
»Tut mir leid«, erwiderte sie ohne eine Spur von
Bedauern, »Mr. Jacobs empfängt prinzipiell niemanden ohne
Termin.«
Hm. Da musste ich wohl ein bisschen in die
Trickkiste greifen. Ich beugte mich mit einem absichtlich breiten
Grinsen über den hohen Tresen, sodass sie unwillkürlich zurückwich.
Sie schien zu fürchten, ich könnte urplötzlich meine Raubtierzähne
ausfahren und ihre Nase anknabbern.
Ich senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich ziehe
Sie nur äußerst ungern in diese unschöne Geschichte mit rein, aber
Ihr, äh, Boss, versucht, mir das Leben schwerzumachen, weil seine
Frau – die, wie ich annehme, demnächst seine Ex-Frau sein wird –
herausgefunden hat, dass er mich in einer Hotelbar in Denver
angemacht hat. Und das lasse ich mir nicht bieten.«
Ich lehnte mich nonchalant zurück und atmete tief
durch, als hätte ich ihr nur mal eben anvertraut, dass sie etwas
zwischen den Zähnen hatte. Sie grinste verschlagen. Na, also. Ich
hatte sie richtig eingeschätzt: Typ übellaunige Angestellte, deren
einzige Freude im Leben es ist, Zeugin jedes auch nur ansatzweise
unerfreulichen Ereignisses im Leben ihres bösartigen, undankbaren
Chefs zu werden. Abgesehen von richtig gutem Büroklatsch
natürlich.
Meine Enthüllung brachte mir Punkte in beiden
Kategorien ein. Sie griff zum Telefonhörer. »Ashlyn, sagten Sie?«,
fragte sie gnädig.
Ich nickte mit einem selbstgefälligen Lächeln und
wartete ab, während sie etwas ins Telefon murmelte, dann eine
Augenbraue hob und sagte: »Mr. Jacobs lässt bitten. Den Gang
runter, letzte Türe links.«
Wow. Das ging ja flotter als erwartet. Ich holte
tief Luft und ging um den Empfangstresen herum. »Danke.«
»Viel Glück!«, flüsterte sie.
Ich lächelte und streckte die Daumen in die Höhe,
dann machte ich mich auf den Weg durch den langen, bedrohlich
wirkenden Korridor, der vor mir lag.
Meine Nemesis saß in einem riesigen
Schreibtischsessel, sah aus dem Fenster und bellte in ein
Schnurlostelefon. »Ihre Zahlen hätten schon gestern bei mir auf dem
Tisch liegen sollen!«, schnauzte er seinen unsichtbaren
Gesprächspartner an. »Ist mir egal, wie spät es bei Ihnen ist! Hier
ist es zehn Uhr vormittags, was bedeutet, dass Sie mehr als zwölf
Stunden zu spät dran sind!«
Ah, ja. Raymond Jacobs wie er leibt und lebt. Diese
tiefe Stimme, diese massige, einschüchternde Gestalt. Ich dachte an
seinen Bestechungsversuch im Augenblick der Wahrheit. In jeder
misslichen Lebenslage mit Geld um sich zu werfen, war zwar
vermutlich nicht die einzige Taktik, die ihn dahin
gebracht hatte, wo er jetzt war, aber sie half ihm garantiert,
dort zu bleiben.
Es war äußerst unklug, sich mit Raymond Jacobs
anzulegen, das hatte ich gleich gespürt, als ich ihn damals in der
Bar in Denver gesehen hatte.
Ich hatte es trotzdem getan.
Weil ich dafür bezahlt wurde.
Und jetzt bekam ich die Rechnung dafür
präsentiert.
Ich schloss leise die Tür hinter mir und wartete
darauf, dass der Furcht einflößende Mann auf seinem riesigen Stuhl
herumwirbelte und mir seine hässliche Visage zuwandte.
Als er es schließlich tat, huschte ein wissendes
Grinsen über sein Gesicht. Es war geradezu unheimlich. Als hätte er
seit Tagen nur darauf gewartet, dass ich durch diese Tür trat.
Damit er seine Revanche bekam. Denn er wusste genauso gut wie ich,
dass er mir diesmal mehrere Schritte voraus
war.
»Ah. Ich hatte gehofft, dass du vorbeischauen
würdest.« Ich war ihm direkt dankbar, dass er sich bloß im Sessel
zurücklehnte und keine Anstalten machte, sich zu erheben, um mich
zu begrüßen. Je größer die Entfernung zwischen uns war, desto
besser.
Ruhig bleiben, sagte ich mir. Nur keine Emotionen
zeigen. Er durfte nicht merken, wie sehr er mir zusetzte. Ich
musste ihm deutlich signalisieren, dass ich nicht klein beigeben
würde, obwohl mir viel eher danach war, mich für den Rest meines
Lebens unter seinem Schreibtisch zu verkriechen.
Mein Ziel war es, möglichst viel in Erfahrung zu
bringen. Im Augenblick konnte ich nicht gewinnen. Ich benötigte
mehr Informationen, einen Einblick in das Spiel, damit ich nach
Hause gehen und mir eine neue Strategie zurechtlegen konnte.
Er musterte mich von Kopf bis Fuß, ließ den Blick
seiner
perversen kleinen Schweinsaugen über meinen Körper gleiten.
»Ashlyn, soweit ich mich entsinne.«
Ich lächelte kühl und ließ mich auf dem Sofa
nieder, das gegenüber von seinem Schreibtisch stand. »Gutes
Gedächtnis.«
»Natürlich ist das nicht dein richtiger Name...«,
sagte er lauernd.
»Lassen Sie uns gleich zur Sache kommen«,
unterbrach ich ihn in einem Tonfall, wie man ihn aus alten
Schwarz-Weiß-Krimis kennt.
Er grinste mich mitleidig an. »Mach dir mal keine
falschen Hoffnungen, Schätzchen. Die Webseite bleibt
bestehen.«
Ich erwiderte sein herablassendes Lächeln.
»Selbstverständlich.«
Raymond gluckste. Die Situation erheiterte ihn
sichtlich.
»Ich hatte gar nicht vor, mich darüber zu
beschweren. Im Gegenteil – ich fühle mich geehrt, dass Sie so viel
Zeit und Geld investiert haben, um mich zu outen. Die Bilder von
mir sind ja höchst schmeichelhaft. Sie müssen mir unbedingt den
Namen des Fotografen verraten, vielleicht kann ich ihn ja für ein
paar PR-Maßnahmen engagieren.«
Raymond lächelte erneut und zeigte mit dem Finger
auf mich. »Sie sind ganz schön kess, nicht?«
»Wenn Sie das sagen. Sie sind doch jetzt der Mann
mit den Insiderinformationen.«
Er versuchte, mich mit Blicken in die Knie zu
zwingen, doch ich hielt tapfer dagegen. Kein Blinzeln, kein Wanken,
kein Hinweis darauf, dass ich im Grunde nichts in der Hand hatte.
Aber alles zu verlieren.
»Ganz schön bitter, nicht?«, fragte er
schließlich.
Ich tat, als würde ich ernsthaft über seine Frage
nachdenken, als könnte die Lösung zu einem der größten Rätsel des
Lebens dahinterstecken. In Wahrheit jedoch überlegte
ich fieberhaft, wie mein nächster Schritt aussehen sollte. Ich
brauchte Antworten auf meine Fragen. Wie hatte er mich gefunden?
Wer hatte die Fotos geschossen? Wie viel wusste er wirklich über
mich? »Ich muss zugeben, ich bin beeindruckt«, räumte ich ein. »Es
ist nicht einfach, mich aufzuspüren. Ich bin überrascht, dass Ihre
Spione mich überhaupt ausfindig gemacht haben.«
Raymond schnaubte. »So schwierig war das nun auch
wieder nicht. Du gibst dir zweifellos größte Mühe, deine Spuren zu
verwischen, damit es zu keinen unangenehmen Begegnungen mit Leuten
wie mir kommt. Tja, ich wusste zwar nicht, wo du deine Lebensmittel
einkaufst oder wo du dir diese hübschen Kostüme besorgst. Aber
nachdem du damals so jäh aus meinem Hotelzimmer verschwunden bist,
wusste ich, wem du schon sehr bald einen Besuch abstatten
würdest.«
Noch während ich seinen unheilvollen Worten
lauschte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Nicht zu fassen,
dass ich nicht schon eher darauf gekommen war! Und das bei all
meinen Vorsichtsmaßnahmen – Geheimnummer, Umwege, vorgetäuschte
Jobs. Er hatte mich von dem Augenblick an verfolgt, als ich seinen
Grund und Boden betreten hatte. Während ich in seinem Haus seine
Frau in den Arm genommen und mit Kleenex und aufmunternden Worten
getröstet hatte, war Raymonds vermaledeiter Spitzel draußen
herumgeschlichen und hatte sich mein Autokennzeichen notiert – und
weiß der Geier was noch alles. Es war beinahe zu ausgefuchst, um
mich über meine Naivität zu ärgern. Beinahe.
»Clever«, presste ich hervor, obwohl mir das Herz
bis zum Hals schlug. »Und, wen bestechen Sie lieber, das FBI oder
die KFZ-Zulassungsstelle?«
Ich erntete ein Kopfschütteln. »Ein Magier verrät
niemals seine Tricks.«
Meine Gedanken rasten. Wenn er sich Zugang zu der
Datenbank der Zulassungsbehörde verschaffen konnte, dann wusste er
so gut wie alles über mich. Diese Daten waren geschützt. An die kam
man nicht mit einer einfachen Google-Suche heran. Vermutlich hatte
er einen Informanten in der Regierung. Was mich nicht überraschte.
Die wenigsten Geschäftsleute, die man in meinem Business
kennenlernt, haben eine blütenweiße Weste.
Ich musste seine Achillesferse ausfindig machen,
und zwar dringend. Ich brauchte irgendetwas, das ihn verwundbar
machte. Aber er bot mir keinerlei Angriffsfläche.
Also musste ich raten.
»Was ist mit Ihrer neuen Freundin? Ich bin sicher,
sie wäre begeistert, wenn sie Wind von der Sache bekäme.«
Wieder lachte er nur, diesmal laut und voller
Verachtung. »Es gibt keine neue Freundin, Schätzchen. Bloß eine
Ex-Frau, einige sehr hohe Honorarforderungen von diversen Anwälten
und eine ziemlich teure Scheidung. Und das alles verdanke ich
dir.«
Schluck. Ich saß in der Falle. Ich konnte nicht das
Geringste unternehmen. Ich musste gehen und mir eine neue Strategie
zurechtlegen. Bestimmt würde mir mit der Zeit etwas einfallen. Ich
musste diesem Mistkerl das Handwerk
legen!
»Nun, dann will ich mal nicht länger stören«,
flötete ich und griff nach meiner Tasche. »Klingt, als hätten Sie
eine Menge um die Ohren.«
In diesem Augenblick erhob sich Raymond und kam auf
mich zu. Ich fühlte mich winzig angesichts der hünenhaften Gestalt,
die über mir aufragte und dann so gefährlich nahe neben mir Platz
nahm, dass mir mulmig wurde.
Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut, als er sich
zu mir beugte. Am liebsten wäre ich zurückgewichen, doch ich verzog
keine Miene, blieb ganz gelassen, selbstsicher, beherrscht.
Ich durfte ihm auf keinen Fall zeigen, welche Wirkung er auf mich
ausübte. Diese Genugtuung gönnte ich ihm nicht.
Dabei hatte ich keine Ahnung, was nun kam. Ich
wusste nicht, was er sagen würde oder welche Trümpfe er noch im
Ärmel hatte.
Sein Ausdruck wurde eine Spur freundlicher, als er
jetzt noch näher rückte und mir die Hand auf den Oberschenkel
legte. »Wir hatten noch gar keine Gelegenheit, zu Ende zu bringen,
was wir damals im Hotel angefangen haben«, murmelte er.
Ich hätte beinahe nach Luft geschnappt. Ich traute
meinen Ohren nicht. Hatte ich richtig verstanden, was er da gerade
angedeutet hatte?
Ich kam mir schrecklich klein und verloren vor, wie
ich dort neben ihm auf der roten Ledercouch in seinem riesigen Büro
saß. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, sämtliche
verfügbare Kräfte aus meinem tiefsten Innersten zu
mobilisieren.
»Ich bin ein vernünftiger Mensch. Ich würde
eventuell mit mir handeln lassen.« Sein Tonfall war sanft, beinahe
freundschaftlich. Doch darunter brodelte die Wut. Empörung und
Rachedurst ergossen sich aus seinen Augen und brannten sich in
meine Haut. Seine Hand glitt höher. »Ich könnte mich dazu überreden
lassen, meine Spitzel zurückzupfeifen.«
Ich sah auf seine Finger hinunter, die dem Rocksaum
bereits gefährlich nahe gekommen waren. Sie fühlten sich an wie
Tausende winzige Spinnen, die über meine Haut krabbelten, weckten
in mir den Drang, kreischend aufzuspringen und sie hastig,
angeekelt wegzuwischen.
Ich wusste genau, was ich tun musste.
Und nun war der richtige Zeitpunkt dafür
gekommen.
»Sie sind widerlich«, stieß ich hervor, fegte
Raymonds abstoßende Hand von meinem Bein und erhob mich, um mit
meiner Tasche unter dem Arm und meinem Selbstbewusstsein im
Schlepptau zur Tür zu stürmen.
Ich hatte die schwere Holztür bereits einen Spalt
geöffnet und wollte gerade den ersten Schritt in die erlösende
Freiheit tun, als er noch einmal den Mund aufmachte. Und das, was
er nun sagte, war weit schlimmer als alles zuvor. »Ich frage mich,
was deine Mutter davon halten würde, wenn sie erfährt, womit du dir
deinen Lebensunterhalt verdienst.«
Ich erstarrte, die Hand auf dem Knauf, einen dicken
Kloß im Hals und im Gesicht einen Ausdruck blanken Entsetzens, als
mir die unerwartete Komplexität der Situation klar wurde.
»Vor allem, nachdem ihre Ehe ein so bemerkenswert ähnliches Schicksal ereilte wie die
meine«, fuhr er fort und lehnte sich zurück. Er genoss es
sichtlich, die Oberhand zu haben.
Ich kniff erneut die Augen zu, viel fester noch als
vorher. Spürte, wie das Gewicht der ganzen Welt schwer auf meinen
Schultern lastete.
So war das nicht geplant gewesen. Ich hatte
vorgehabt, mit triumphierender Entschlossenheit vondannen zu
ziehen, nicht ohne ihn noch zu warnen, er solle sich vorsehen, denn
auch ich hätte noch einige Trümpfe auf Lager, und er würde schon
bald am eigenen Leib erfahren, wozu ich fähig sei. Damit hatte ich
die Tür hinter mir zuknallen und ihn am Boden zerstört zurücklassen
wollen.
Doch ich war weit davon entfernt, zu
triumphieren.
Und er alles andere als am Boden zerstört.
»Na, was denkst du wohl, wie würde sie reagieren...
Jennifer Hunter?« Meinen Namen aus seinem
Mund zu hören, war, als würde er mit den Fingernägeln über eine
Schultafel kratzen. Der Abscheu ließ mich am ganzen Körper
schaudern.
Mit einem Schlag offenbarte sich, wie
niederträchtig er
wirklich war, wie viel er wirklich wusste. Und wie weit er gehen
würde, damit ich genauso viel leiden musste wie er. Damit mein
Leben ruiniert war, genau wie seines. Erst jetzt wurde mir klar,
dass für mich weit mehr auf dem Spiel stand als ursprünglich
angenommen.
Ich drückte die Tür langsam wieder zu und kehrte
zurück in das düstere Verlies, in dem mich mein moralisch
verkommener Gegenspieler gefangen hielt.
Als ich mich am späteren Nachmittag auf den Weg
zu meinem nächsten Termin machte, konnte ich meiner scheinbar
endlosen Liste von Dingen, über die ich zurzeit nicht nachdenken
wollte, einen weiteren Posten hinzufügen. Auch diese letzte
unerwartete Wendung würde ich wohl oder übel ein andermal
verarbeiten müssen. Was sich heute in Raymond Jacobs’ Büro
abgespielt hatte, war nur eines von vielen Ereignissen, mit denen
ich mich einstweilen nicht auseinandersetzen konnte. Aber in
letzter Zeit bekam ich ja richtig Übung darin, Erinnerungen bis auf
Weiteres wegzusperren.
Es gab viel zu tun, jede Menge andere Frauen, die
meine Hilfe benötigten. Und ich würde sie ihnen nicht verwehren.
Das hatte ich mir vorgenommen, und davon würde ich mich nicht
abhalten lassen – auch nicht von irgendwelchen ekelhaften,
machthungrigen Industriellen, die sich und ihre Übeltaten in
düsteren Büros versteckten.
Unterwegs hielt ich an der nächstbesten
Autowerkstatt und überredete einen sehr skeptischen Mechaniker,
meinen Range Rover nach Wanzen und Mini-Sendern zu durchsuchen. Zu
meiner Erleichterung fand er nichts dergleichen. Ich stand also
nicht unter permanenter Überwachung durch Jacobs’ Spitzel.
Dann ließ ich mich von meinem Navigationssystem in
den verschwiegenen Topanga Canyon dirigieren, der sich etwa
eineinhalb Stunden entfernt auf der Höhe von Malibu Beach in den
Santa Monica Mountains befindet. Sarah und Daniel Miller, die
potenziellen neuen Nutznießer meiner einzigartigen Dienstleistung,
wohnten in einem abgelegenen Haus inmitten eines Pinienwäldchens,
das über eine lange, gewundene Zufahrtsstraße zu erreichen
war.
Eine groß gewachsene, elegante Lady in einem
rosaroten Kostüm à la Jackie O. öffnete mir die Tür. »Ashlyn, wie
ich annehme?« Ich hätte beinahe gelacht, so künstlich proper und
prüde wirkte sie mit ihrem perfekt frisierten Bob. Als hätte man
sie engagiert, um die Rolle der selbstgefälligen Gemahlin eines
bekannten Politikers zu spielen.
Ich zwang mich, ernst zu bleiben. »Ganz
recht.«
»Bitte, treten Sie ein«, sagte sie freundlich und
hielt mir die Tür auf. »Kann ich Ihnen eine Tasse Tee oder Kaffee
anbieten?«
Das musste ein Scherz sein. War ich womöglich einem
Fernsehsender auf den Leim gegangen? Ich hielt unauffällig nach
einer versteckten Kamera Ausschau. Ich hatte ja schon einiges
erlebt, aber dieser Typ Frau war mir noch nie untergekommen. War
der nicht 1962 ausgestorben? Es kam mir vor, als hätte ich einen
Gastauftritt in dieser Story mit den Androiden-Hausfrauen. Nein.
Ich hatte das Buch gelesen und beide Filme gesehen – die Frauen von Stepford wären nie und nimmer darauf
gekommen, einen Treuetest zu veranlassen.
»Nein, vielen Dank.«
»Vielleicht einen Muffin, frisch aus dem
Ofen?«
Ich unterdrückte ein Kichern. »Auch nicht, danke
sehr.«
»Nun, gut«, sagte sie leise. »Setzen wir uns doch
ins Wohnzimmer.«
Ich folgte ihrer schlanken Gestalt nach nebenan.
Das makellos saubere Haus wirkte gespenstisch leer und unbelebt.
Keine Fotos, keine Katzenhaare, keine schmutzigen Socken oder
Spielsachen, die die Kinder liegen gelassen hatten. Nicht einmal
eine Staubsaugerspur auf dem Teppich. Höchst eigenartig. Wohnte
hier überhaupt jemand?
»Ein wunderschönes Haus«, bemerkte ich in der
Hoffnung, aus ihrer Reaktion irgendwelche Schlüsse ziehen zu
können.
»Vielen Dank«, entgegnete sie, ohne sich
umzudrehen. »Wir fühlen uns auch sehr wohl hier.«
Fehlanzeige.
»Wie lange wohnen Sie denn schon hier?«, erkundigte
ich mich. Zwei Wochen? Zwei Stunden? Wir ziehen
gerade erst ein?
»Ungefähr drei Jahre«, sagte sie mechanisch, als
würde sie die Antwort aus einem Drehbuch ablesen, und bedeutete
mir, auf dem Sofa Platz zu nehmen.
Dann setzte sie sich mir gegenüber, die Beine
sittsam geschlossen, die Hände im Schoß gefaltet, und lächelte mich
freundlich an.
Ich gab mir größte Mühe, ihr Lächeln zu erwidern.
Ihr Verhalten schien mir höchst untypisch für eine Frau, die im
Begriff war, eine Treuetesterin zu beauftragen. Tja, die Menschen
legen eben hin und wieder ein seltsames Benehmen an den Tag –
insbesondere die verheirateten.
»Ich mache mir schreckliche Sorgen wegen meines
Mannes«, begann sie leichthin. »Wir sind jetzt seit zehn Jahren
verheiratet und waren immer sehr glücklich, aber in letzter Zeit
ist er so anders. So distanziert und reserviert. Als wäre er weit
weg, in seiner eigenen Welt. Wir haben sogar aufgehört, Liebe zu
machen.«
Ich unterdrückte ein weiteres unangebrachtes
Kichern und biss mir auf die Lippe, um meine ernste Miene
beizubehalten. Die Situation war ganz und gar nicht zum Lachen. Wie
sähe es aus, wenn ich plötzlich losgackern würde, während mir eine
Auftraggeberin ihre Eheprobleme schildert!
Ich würde jegliche Glaubwürdigkeit einbüßen. Aber in diesem Fall
musste ich mich sehr zusammenreißen.
Unsensibler Trampel, schalt
ich mich im Stillen. Musste daran liegen, dass ich in letzter Zeit
so unter Druck stand. »Ich verstehe Ihre Sorge nur zu gut, Mrs.
Miller.«
»Eine Freundin hat mir anvertraut, Sie würden einen
sogenannten ›Treuetest‹ durchführen. Könnten Sie das bitte etwas
näher ausführen?«
Ich erklärte ihr das Prozedere – die Wahl eines
geeigneten Ortes, mein Honorar, die Erstattung der Spesen, und so
weiter. Sie hörte mir aufmerksam zu. »Es kommt also nicht zum
Verkehr?«, fragte sie schließlich.
»Nein. Es geht ausschließlich darum, ihm die
Absicht zur Untreue nachzuweisen.«
»Machen Sie da auch mal eine Ausnahme?«, erkundigte
sie sich eifrig.
Was für eine Frage – und ausgerechnet von ihr! Sie
schien ja förmlich erpicht darauf, dass ich
mit ihrem Ehemann schlief. Höchst befremdlich. Bisher war es meinen
Klientinnen stets mehr als recht gewesen, wenn es nicht zur letzten
Konsequenz kam.
Ich räusperte mich. »Nein.« Mehr fiel mir dazu
nicht ein.
»Verstehe. Fragen kann man ja. Ich möchte wirklich
mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, ob mich mein Mann
betrügen würde.«
Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Das kann ich
nachvollziehen, Mrs. Miller. Aber glauben Sie mir, bei meiner
Verfahrensweise sind Zweifel praktisch ausgeschlossen. Der Test
wird erst im allerletzten Moment abgebrochen.«
Sie nickte. »Ja, ja, natürlich. Also gut, ich würde
die Sache gern so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Ich
bin bereit, Ihnen einen Bonus zu bezahlen, wenn Sie den Test morgen
Abend durchführen.«
Zum ersten Mal seit ich Raymond Jacobs Büro
verlassen hatte, fiel mir Jamie wieder ein. Morgen Abend war unser
zweites Date, und ich konnte mir keinen besseren Grund vorstellen,
um Mrs. Miller einen Korb zu geben. »Tut mir leid, aber da bin ich
bereits anderweitig verplant.«
»Wie wär’s dann mit Montagabend?«, fragte sie
hastig. Die Gute konnte es ja wirklich kaum erwarten. »Da ist
Daniel im Hotel W verabredet, eine gute Gelegenheit also.«
Ich zögerte. Normalerweise lasse ich zwischen der
Erteilung des Auftrages und dem Test mindestens eine Woche
verstreichen. »Nun...«
»Ich würde Ihr Honorar verdreifachen.«
Ich musterte sie erstaunt. Diese Frau hatte
definitiv nicht alle Tassen im Schrank, und sie benötigte dringend
eine ordentliche Dosis Realitätssinn. Trotzdem war ich versucht,
ihr Angebot anzunehmen. Ich konnte das Geld vielleicht noch gut
gebrauchen – zum Beispiel, wenn ich wegen Raymond Jacobs demnächst
arbeitslos war.
Also nickte ich.
»Hervorragend«, sagte Mrs. Miller. »Mein Mann wird
sich in der Hotelbar mit einigen Geschäftspartnern treffen, und
danach bleibt er gern noch auf einen Drink sitzen, um sich zu
entspannen und die Details der vorangegangenen Besprechung zu
verdauen, ehe er nach Hause kommt.«
Ich machte mir eine entsprechende Notiz. »Okay.
Könnten Sie mir vielleicht ein Bild von Ihrem Mann borgen?«
»Natürlich.« Sie erhob sich, öffnete behutsam die
Schublade des Beistelltischchens und entnahm ihr ein Foto im
DIN-A-5-Format. Abgesehen davon war die Schublade leer. Nicht ein
einziger anderer Gegenstand befand sich darin. Ich starrte
neugierig auf die geöffnete Schublade, bis sie sie wieder schloss
und mir das Foto reichte.
Das Gesicht auf dem Bild schien mir irgendwie
vertraut,
obwohl ich ziemlich sicher war, dass ich dem Mann noch nie
begegnet war.
»Stimmt irgendetwas nicht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Ihr Gatte
sieht bloß einem Bekannten von mir ähnlich.«
»Ah.« Sie lächelte, als hätte sie das nicht zum
ersten Mal gehört.
»Was macht Mr. Miller denn beruflich?«
Die Frage war ihr sichtlich unangenehm, denn sie
rutschte ein wenig in ihrem Sessel herum, was ganz und gar nicht zu
ihrem sonst so unergründlichen Verhalten passen wollte.
»Nun, ehrlich gesagt...« Sie zupfte sich am
Ohrläppchen; auch das eine reichlich untypische Geste für sie. Als
würde ausgerechnet diese Frage sie nervös machen. »... befindet
sich mein Mann gerade in einer beruflichen Umbruchsphase.«
Ich nickte und notierte mir auch das.
»Er wurde kürzlich entlassen und ist auf der Suche
nach einer neuen Stelle. Ich nehme an, genau darum geht es bei dem
Meeting am Montagabend.«
»Verstehe«, sagte ich, ohne aufzublicken.
»Aber sprechen Sie ihn um Himmels willen nicht
darauf an!«, stieß sie hervor.
Ich fuhr vor Schreck über diesen unerwarteten
Gefühlsausbruch zusammen, sodass mein Stift einen hässlichen
schwarzen Strich quer über die halbe Seite zog. »Okay«, sagte ich
vorsichtig. »Ich werd’s mir merken.«
Diese Frau war eindeutig ein Fall für die
Klapsmühle. Wenn sie so darauf bedacht war, die Gefühle ihres
arbeitslosen Ehemannes nicht zu verletzen, warum wollte sie dann
ausgerechnet jetzt seine Treue auf die Probe stellen? Nicht gerade
gutes Timing, oder?
Wir besprachen noch einige letzte Details, dann kam
ich wie üblich auf mein Honorar und meinen Spesenvorschuss
zu sprechen, worauf sie sich mit einem eifrigen Nicken erhob und
zu einem dunklen Sekretär in der Ecke ging.
Wieder zog sie eine ansonsten leere Schublade auf
und entnahm ihr einen großen weißen Umschlag mit einem dicken
Bündel Hundert-Dollar-Noten. »Ich nehme an, Bargeld ist für Sie in
Ordnung?«, fragte sie, während sie die vereinbarte Summe
abzählte.
Ich beobachtete sie mit weit aufgerissenen
Augen.
Sie sah zu mir herüber. »Oder doch nicht?«
Ich nickte, unfähig, ein Wort zu sagen. Ich erhielt
also das Dreifache des üblichen Honorars – in bar! Und das Geld kam
aus einer praktisch leeren Schublade in einem praktisch leeren
Haus.
Ich akzeptiere ausschließlich zwei Arten von
Zahlungsmitteln: Bargeld und Barschecks. Die meisten meiner
Klienten entscheiden sich für die sichere, saubere Variante, die
weniger nach Drogendeal aussieht. Aber nach dem verbliebenen Stapel
Banknoten in Mrs. Millers Umschlag zu urteilen, wäre sie durchaus
in der Lage gewesen, weit mehr als das Dreifache meines üblichen
Honorars zu berappen. Wer hat so viel Bargeld zu Hause
herumliegen?
Allmählich fragte ich mich, ob Mr. Millers letzter
Job, den ich auf keinen Fall erwähnen sollte, vielleicht zufällig
mit dem Ablegen von Kleidungsstücken oder dem Einschleusen
illegaler Immigranten zu tun hatte.
Als ich das Geldbündel entgegennahm, konnte ich
mich des Eindruckes nicht erwehren, ein unmoralisches Geschäft
getätigt zu haben. Als würde ich mein Honorar dafür kassieren, dass
ich ein schmutziges Geheimnis kannte – und für mich behielt. Kein
gutes Gefühl.
Ich versuchte, es abzuschütteln. Zugegeben, Sarah
Miller war etwas sonderbar, aber wenn sie es vorzog, mich bar zu
entlohnen, dann musste ich das respektieren.
Trotzdem war ich erleichtert, als ich einige
Minuten später meine Siebensachen eingesammelt und diesem
rätselhaften Stepford/Twilight-Zone-Heim
den Rücken gekehrt hatte.
Ich setzte mich in meinen Wagen und lehnte
erschöpft den Kopf an die Nackenstütze. Endlich ging dieser lange
Tag zu Ende. Doch während ich dem gewundenen Weg durch den Canyon
und später den vertrauten, schnurgeraden Straßen von Westside Los
Angeles folgte, wurde mir zunehmend klar, dass mein Arbeitstag
damit zwar offiziell vorüber war, aber meine Probleme sich deshalb
nicht einfach in Luft auflösen würden.
Der Gedanke an meine leere Wohnung, an die
vorwurfsvolle Stille, die mir dort entgegenschlagen würde, kam mir
schier unerträglich vor. Ich fuhr nicht nach Hause. Es gab nur
einen Menschen, den ich jetzt sehen wollte.
»Hey, Jen. Was für eine nette Überraschung.«
Sophie begrüßte mich in Schlabberjeans und T-Shirt. »Was ist denn
los?«, fragte sie, als ihr meine bekümmerte Miene auffiel.
»Wie viel Zeit hast du?« Ich war auf einmal sehr
froh darüber, dass meine beste Freundin eingeweiht war, denn auf
diese Weise hatte ich die Gelegenheit über etwas sprechen, über das
ich noch nie in meinem Leben hatte sprechen können.
Sie sah auf die Uhr und zuckte die Schultern. »So
viel du willst.«
Ich trat ein, ließ meine Tasche auf das
Beistelltischchen fallen und sank mit einem verzweifelten Seufzer
auf die Couch.
»Gut. Weil zur Abwechslung nämlich ich eine
Sitzung brauche. Und ich wage, zu bezweifeln, dass mein Problem in
irgendeinem schlauen Buch zu finden ist.«