26
Der letzte Tango vor
Paris
Das Timing hätte nicht besser sein können.
Ich musste Jamie ein Geheimnis verraten, und er
hatte mich in die romantischste Stadt der Welt eingeladen. Es gab
keinen geeigneteren Ort, keine bessere Zeit, um ihm alles zu
erzählen. Wenn man nämlich in der Stadt der Liebe bei Mondschein am
Ufer der Seine entlangspaziert, dann klingt selbst das düsterste,
schmutzigste Geheimnis wie ein Gedicht.
Selbst meines.
Jedenfalls hoffte ich das inständig.
Außerdem konnte er mir gar nicht böse sein, weil
ich die schockierende Enthüllung über meine fragwürdige
Vergangenheit mit einer weiteren, meine Zukunft betreffenden, zu
garnieren gedachte, die noch weitaus schockierender und
beunruhigender war.
Ich hatte einen Entschluss gefasst und setzte
gerade meine drei engsten Vertrauten davon in Kenntnis.
»Es ist vorbei«, teilte ich einem ungeduldigen
John, einer aufgeregten Sophie und einer scheinbar gelangweilten
Zoë mit, als wir im Urth Café überteuerte Sandwiches und Salate zum
Lunch verdrückten.
»Mit Jamie, meinst du?«, rief Zoë alarmiert. »Ich
dachte, du fliegst mit ihm nach Paris?« Ihre Langeweile war
schlagartig verflogen.
Ich schüttelte den Kopf. »Das hab ich auch vor.«
Ich gönnte mir einen kurzen Tagtraum von mir und Jamie in Paris.
Ein Wein-und-Käse-Picknick auf dem Rasen unter dem Eiffelturm …
Solche Träume hatte ich ständig, seit er mich gebeten hatte,
mitzukommen. Obwohl die meisten von ihnen, ehrlich gesagt, bei
Weitem nicht so harmlos waren wie dieser.
»Was meinst du dann?«, fragte Sophie besorgt und
holte mich so in die Gegenwart zurück.
»Ich hänge meinen Job an den Nagel«, verkündete
ich. Ein Schaudern ging durch meinen Körper. Ich hatte die
Entscheidung zwar bereits vor ein paar Tagen getroffen, aber erst
jetzt, da ich es zum allerersten Mal laut ausgesprochen hatte,
drang die Bedeutung der Worte in mein Bewusstsein.
Ich rüstete mich für die erwarteten Fragen, für das
»Was?« und »Hä?« und »Ist das dein Ernst?«
Doch zu meiner Überraschung blieben sie aus.
Alle drei saßen da und starrten mich perplex an.
Dann wechselten sie untereinander ratlose Blicke, als erhofften sie
sich von den anderen eine Erklärung meiner völlig unerwarteten
Entscheidung. Doch jeder der drei bot dasselbe Bild: Kopfschütteln,
Schulterzucken. Das höre ich zum ersten
Mal.
Sophie hatte sich als Erste wieder gefangen. »Was
soll das heißen, du hängst deinen Job an den
Nagel?«
»Das heißt, ich nehme keine weiteren Aufträge an.
Keine untreuen Ehegatten oder Freunde oder Verlobten mehr. Aus und
vorbei.«
»Und was ist mit deiner Mission, deinem Auftrag als
Superheldin und so weiter?« Seit sich Sophie als direkte
Nutznießerin meines Kampfes gegen das Böse sah, gehörte sie zu
meinen größten Fans.
Natürlich hatte ich mir diese Frage auch schon
gestellt. Sie bildete sogar das größte Hindernis bei meiner
Entscheidung. Das einzige Hindernis. Ich
schüttelte den Kopf. »Mir wird das alles einfach zu viel. Ich kann
nicht mehr. Selbst Superman muss früher oder später in Rente gehen
und sagen: ›So, ich habe getan, was ich konnte, jetzt kann ich nur
noch hoffen, dass ich etwas verändert habe‹.«
»Das hast du definitiv«, versicherte mir
Sophie.
Ich lächelte. »Danke. Mir ist eines klar geworden:
Man sieht immer nur das, worauf man gerade seine Aufmerksamkeit
konzentriert. Nachdem ich praktisch meine ganze Zeit mit Männern
verbracht habe, die ihre Frauen betrügen, habe ich völlig
übersehen, dass es da draußen auch ein paar ehrliche gibt.«
Sophie strahlte. »Wie Eric.«
Ich nahm einen so großen Schluck Eiswasser, dass
sich mir vor Kälte die Kehle zusammenzog. »Genau«, krächzte ich.
»Wie Eric.«
»Du gibst deinen Job also wegen Jamie auf?«, fragte
Zoë gespannt. Sie versuchte offenbar, sich erst ein vollständiges
Bild zu machen, ehe sie sich gestattete, sich zu freuen. Sie hätte
garantiert eine hervorragende Anwältin abgegeben. Erst die Beweise,
dann ein gefühlsgeladener Urteilsspruch.
»Nicht nur.« Ich nahm einen Biss von meinem
Champignonsandwich.
»Was soll das nun wieder heißen?«, wollte John
wissen.
Ich zuckte die Achseln, als wäre das alles bereits
Schnee von gestern. »In letzter Zeit hat sich vieles getan. Und der
ganze Stress, die Geheimnisse …«
»Was für Geheimnisse?«, fragte Sophie. »Ich dachte,
du hättest uns alles erzählt.«
Sofort plagte mich wieder das schlechte Gewissen.
Es gab durchaus noch einiges, das nie ans Tageslicht kommen
würde. Zum Beispiel, dass ich Eric gar nicht getestet hatte. Das
konnte ich Sophie nie und nimmer gestehen.
Ich stierte auf meinen Teller, um ihrem Blick
auszuweichen. »Hab ich auch. Ich rede von meinen Geheimnissen vor
Jamie, vor meiner Mutter … vor allen anderen.«
»Dann willst du also allen reinen Wein
einschenken?«, fragte Zoë zweifelnd.
Mir wurde flau. So hatte ich das nicht gemeint. Ich
hatte mir geschworen, Jamie in Paris einzuweihen, doch was alle
anderen anging, hatte ich gehofft, wenn ich künftig ehrlich wäre,
würden mir quasi die Sünden der Vergangenheit erlassen werden. Ich
hatte nicht vor, jedem Einzelnen meiner Mitmenschen die Wahrheit zu
beichten. Schließlich wollte ich auch weiterhin ein gutes
Verhältnis zu ihnen haben.
»Ich weiß es noch nicht. Eher nicht«, sagte ich
zögernd. »Ich fände es nur schön, wenn ich in Zukunft ohne
Schwindeleien auskäme.«
»Und, was willst du jetzt beruflich machen?«,
erkundigte sich Sophie. »Von irgendetwas musst du ja leben.«
Tja, das war sie, die Millionenfrage. Im wahrsten
Sinne des Wortes. Ich hatte noch immer keinen blassen Schimmer. Ich
seufzte und griff zu meinem sündteuren Sandwich. Wie lange würde
ich mir einen solchen Luxus wohl noch leisten können? »Keine
Ahnung. Mit meinen Ersparnissen komme ich ungefähr ein halbes Jahr
aus, und bis dahin ist mir hoffentlich etwas eingefallen.«
Die drei nickten fast synchron und wussten offenbar
nicht, was sie sagen sollten. Mit meinen echten Problemen waren sie eben überfordert. Sie
hatten sich daran gewöhnt, dass ich über meine fiktiven
Arbeitskollegen jammerte, aber das hier war Neuland für sie.
Also ergriff ich erneut das Wort, legte ihnen dar,
was mir in den vergangenen Tagen durch den Kopf gegangen war.
»Ich habe noch einen allerletzten Auftrag zu erledigen, und danach
ist es …« Ich brach ab, harrte der Welle der Verzückung, der
Besorgnis, der panischen Angst, die mich beim nächsten Wort zu
überrollen drohte. »Vorbei.«
Sophie nippte an ihrer Diätcola. »Und wenn dich
jemand anruft, um dich zu engagieren?«
Auch daran hatte ich bereits gedacht. »Ich schätze,
ich werfe einfach das Telefon weg. Kündige den Vertrag. Wie auch
immer. Eine Weile muss ich es noch behalten, falls irgendwelche
Nachfragen kommen, aber dann … ab damit in den Mülleimer, genau wie
so vieles andere«, sagte ich stolz, weil ich alles schon so genau
geplant hatte. Es gab kaum eine Frage, die ich ihnen nicht hätte
beantworten können, kaum ein Detail, über das ich nicht bereits
entschieden hatte.
»Was ist mit diesem Raymond Jacobs?«, fragte Zoë.
»Weißt du schon, was du diesbezüglich unternehmen wirst?«
Okay … das war eines der wenigen ungelösten
Probleme. Ich zog die Schultern hoch. »Nein, leider nicht. Meine
Karriere steht ja nun nicht mehr auf dem Spiel, aber er weiß, wo
meine Familie wohnt. Er hat bereits Kontakt mit Hannah
aufgenommen.«
»Sag deiner Familie doch einfach, was Sache ist.«
Sophie hielt Aufrichtigkeit nach wie vor für die beste
Strategie.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, auf keinen Fall.
Sie würden nie wieder ein Wort mit mir reden. Und wie sollte ich es
Hannah beibringen? Sie ist so naiv und fängt gerade erst an, sich
für Jungs zu interessieren. Außerdem höre ich vor allem deshalb
auf, als Treuetesterin zu arbeiten, damit meine Familie nie davon
erfährt. Wäre also ziemlich kontraproduktiv, es ihnen zu
erzählen.«
Sophie nickte widerstrebend und alles andere als
überzeugt.
Ich schnaufte. »Tja, da lasse ich mir auch noch
eine Lösung
einfallen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig.« Kaum hatte ich es
ausgesprochen, fühlte ich mich entmutigt. Würde ich tatsächlich mit
diesem Ekel schlafen müssen, um meine Haut zu retten? Und wer
garantierte mir, dass er dann aufhörte, mich zu erpressen? Es
musste eine andere Möglichkeit geben, und ich war fest
entschlossen, sie zu finden.
»Und worum geht es bei deinem letzten Auftrag?«
fragte Zoë.
Mein letzter Auftrag. Ihre Worte hallten in meinen
Ohren wie Kirchenglocken an einem Sonntagmorgen. War es tatsächlich
schon so weit? Sollte das wirklich mein letzter Treuetest sein? Ein surrealer Gedanke.
»Weiß ich noch nicht«, entgegnete ich. »Ich habe
morgen eine Besprechung mit der Auftraggeberin, einer gewissen
Karen Howard. Sie wollte am Telefon nicht viel verraten. Na, man
wird sehen.«
Tags darauf erhielt ich einen Anruf von meiner
Mutter. Ich befand mich gerade auf dem Weg zu Karen Howard.
»Hast du kurz Zeit?«, tönte es honigsüß aus meinem
Headset.
Ich warf einen Blick auf das Navigationsgerät.
Noch ca. sieben Minuten bis zum
Bestimmungsort.
»Ja, ein paar Minuten kann ich erübrigen«, sagte
ich.
»Also. Ich hab nachgedacht …«
Oh-oh. Ich ahnte bereits, was jetzt kam. Wenn meine
Mutter erst anfing »nachzudenken«, endete das in letzter Zeit
regelmäßig mit einem hysterischen Anfall. Sie gab sich die Schuld
für die zahlreichen Affären meines Vaters, bezweifelte, dass sie je
wieder lieben können und vor allem, dass sie je wieder geliebt werden würde. Wenn meine
Mutter ein Gespräch mit diesen Worten eröffnete, konnte ich mich
auf etwas gefasst machen. Das würde heute bestimmt nicht anders
sein.
»Worüber denn?«, erkundigte ich mich beiläufig und
hoffte inständig, dass sie bloß in Erwägung zog, einem Fitnessclub
beizutreten und nun von mir hören wollte, welcher der beste war.
Heute sollte ein glücklicher Tag werden. Ich hatte einen Grund zum
Feiern. Das Meeting mit meiner allerletzten Auftraggeberin stand
bevor, und da wollte ich mir von Mom kein emotionales Gepäck
aufhalsen lassen, so egoistisch das klingt.
»Über deinen Vater«, murmelte sie verlegen.
Ich hab’s doch
geahnt.
Ich holte tief Luft. »Entschuldige, Mom, aber das
ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Ich muss gleich zu
einer Besprechung. Ich werde …«
»Ich finde, du solltest ihn anrufen«, unterbrach
sie mich.
Ich musste mich verhört haben. »Was?«
»Dein Dad. Ich finde, du solltest ihn anrufen. Rede
mit ihm. Versuch, wieder eine Beziehung zu ihm aufzubauen.«
Ich war dermaßen perplex, dass ich um ein Haar auf
den Wagen vor mir aufgefahren wäre und abrupt auf die Bremse treten
musste. »Warum sollte ich?«
»Weil du deine Wut jetzt lange genug mit dir
herumgetragen hast und weil dir das nicht gut tut. Es ist an der
Zeit, ihm zu verzeihen.«
»Verzeihen? Nach allem, was er getan hat?«
Sie schnaubte. »Dir hat er ja schließlich nichts
getan, Liebes. Er liebt dich, und er vermisst dich. Es war nicht
fair von dir, ihn einfach so aus deinem Leben auszuschließen. Er
mag mir ein schlechter Ehemann gewesen
sein, aber er ist immer noch dein Vater. Und er hat seine Sache
immer gut gemacht.«
Ich konnte nicht fassen, was ich da hörte, noch
dazu von meiner Mutter! Was war nur in sie gefahren, dass sie sich
plötzlich auf seine Seite schlug? Hatte sie
denn gar keine Selbstachtung?
»Mom, er hat dich verletzt«, sagte ich
nachdrücklich. Ich musste versuchen, sie zu überzeugen, ohne ihr
alle meine Motive darzulegen. »Und damit
auch mich. Das ist für mich Grund genug, ihm weiter aus dem Weg zu
gehen.«
»Jen«, erwiderte sie mahnend. »Das ist keine
gesunde Einstellung. Du musst loslassen, verzeihen. Du willst doch
nicht wie Julia enden, oder?«
»Was?« Wieso war plötzlich von meiner Halbschwester
die Rede? Es ging hier um mich, meine Mutter und meinen Vater,
nicht um seine Tochter aus erster Ehe. »Was hat Julia denn damit zu
tun?«, blaffte ich sie an.
»Na, du weißt doch, wie sie ist«, erklärte sie
sanft. »Verbittert und überfürsorglich. Und vor allem zornig und
unglücklich, weil sie nicht gelernt hat, ihren Hass zu überwinden.
Willst du wirklich so werden wie sie? Denn genau das passiert, wenn
man an seinem Groll festhält.«
Julia? Zornig und unglücklich? Weshalb? Und gegen
wen richtete sich ihr Hass? Gut, sie hatte nie einen Hehl daraus
gemacht, dass sie mich nicht leiden konnte,
aber das war unter Halbgeschwistern ja nicht ungewöhnlich, und ich
konnte es ihr wohl kaum verübeln. Ich war immerhin die Tochter der
neuen Frau ihres Vaters. Wenn unser Vater irgendwann mit seiner
nächsten Frau ein Kind zeugte, dann würde ich dieses Kind
vermutlich auch nicht gleich ins Herz schließen. Vor allem, weil
die neue Frau meines Vaters die Geliebte
war, mit der er meine Mutter betrogen hatte. Und …
Oh … mein … Gott.
Ich hielt mit quietschenden Bremsen auf dem
Seitenstreifen an. Wie hatte ich das all die Jahre übersehen
können? Warum hatte ich nie eins und eins zusammengezählt? Dabei
war es so offensichtlich!
»Jen?«, tönte die Stimme meiner Mutter ängstlich
aus dem Kopfhörer. »Ist alles in Ordnung?«
Ich überging die Frage einfach. Ich knabberte an
einer ganz anderen Nuss. »Mom?«, sagte ich mit zitternder
Stimme.
»Ja?«
»Hat Dad Julias Mutter auch betrogen?«
»Ja«, sagte sie, als wäre das total logisch. »Ich
dachte, das wüsstest du.«
»Nein!«, stieß ich hervor. »Woher denn? Wie soll
ich es wissen, wenn es mir niemand erzählt hat?«
Mom lachte matt über meine verspätete Einsicht.
»Was glaubst du wohl, weshalb Julia immer so gemein zu dir war?
Mich mochte sie auch nie besonders, bis zur Scheidung
jedenfalls.«
»Das heißt, er hat ihre Mutter … mit dir betrogen?«, keuchte ich.
Das nun folgende Schweigen interpretierte ich als
ein Ja. Eigentlich war es mir sogar lieber, dass sie schwieg. Ich
war sprachlos. Ich hatte das Gefühl, als wäre ein Vorhang gelüftet
worden und dahinter ein Raum in unserem Haus zum Vorschein
gekommen, von dessen Existenz ich nichts geahnt hatte. Ein Raum
voller interessanter Dinge, mit denen man spielen konnte, die man
erforschen konnte … und analysieren.
»Aber wenn du die Frau bist, mit der Dad ihre
Mutter hintergangen hat, wie kommt es dann, dass Julia jetzt so auf
uns fixiert ist?«
Mom lachte leise. »Schon mal das Sprichwort
Geteiltes Leid ist halbes Leid gehört? Es
fing erst an, als dein Vater und ich geschieden waren. Vermutlich
hatte sie das Gefühl, dass wir endlich auf derselben Stufe stehen.
Tief drin ist sie ein verletztes kleines Mädchen. Ich bin froh,
dass ich für sie da sein konnte.«
»Und du meinst, deshalb ist
sie lieber mit dir zusammen als mit Dad?«, fragte ich
skeptisch.
»Schätzchen«, sagte Mom sanft. »Julia hat seit zehn
Jahren kein Wort mit Dad gewechselt.«
»Was?«, presste ich hervor, während zehn Jahre
Erinnerungen im Zeitraffer vor meinem inneren Auge
vorbeizogen.
»Ich habe angenommen, du wüsstest das alles. Ich
will nicht, dass sich deine Beziehung zu Dad genauso
entwickelt.«
Ich nickte matt und starrte wie in Trance auf das
Nummernschild des Wagens vor mir. »Okay, vielleicht ruf ich ihn mal
an.«
Schließlich hatte es in den letzten Tagen so viele
Veränderungen gegeben. Was machte da schon eine weitere aus?
Ich legte auf und steuerte meinen Range Rover
wieder auf die Fahrbahn. Allmählich lichtete sich der Dschungel.
Jetzt erschien es mir völlig logisch, dass Julia so überfürsorglich
über ihre einzige Tochter wachte und versuchte, Hannah vor der Welt
zu beschützen, der sie selbst nie zu verzeihen gelernt hatte …
genau wie ich.
Mit einem Mal wurde mir klar, dass Julia und mich
viel mehr verband, als ich angenommen hatte. Und doch war ich
unendlich froh darüber, dass uns die Entscheidungen, die ich in
dieser Woche – und in den vergangenen zwei Minuten – getroffen
hatte, so grundsätzlich voneinander unterschieden.
Die wichtigste all dieser Entscheidungen betraf die
Angelegenheit, mit der ich mich als Nächstes auseinandersetzen
musste.
Als ich vor Karen Howards Haus hielt, spürte ich,
wie sich die Schmetterlinge in meinem Bauch vermehrten. Das war’s.
Mein letzter Auftrag. Die letzte Millionärsvilla, in die ich je
einen Fuß setzen würde. Die letzte misstrauische Hausfrau, die ich
zu trösten versuchen würde. Und in ein paar Tagen
der letzte treulose Ehemann, dem ich erlauben würde, mich zu
küssen.
Ich fing endlich an, loszulassen. Zu meiner großen
Erleichterung – und der meiner Mutter.
Ich dachte an meine Überzeugung, den Menschen
helfen zu können. Das hatte ich auch getan. Ich hatte vielen
geholfen. Selbst wenn mir nie die Genugtuung vergönnt gewesen war,
hinterher mit Sicherheit sagen zu können: »Es war das Beste für
alle Beteiligten«, war ich doch insgeheim davon überzeugt. Denn ich
hatte am eigenen Leib erlebt, was geschieht, wenn Untreue
unentdeckt bleibt, wie Familien zerbrechen, wenn man die Augen vor
den Tatsachen verschließt.
Ich hatte mir auch sämtliche Konsequenzen dieser
Entscheidung bewusst gemacht. Künftig würden wieder mehr Frauen das
Schicksal meiner Mutter – und das von Julias Mutter – teilen
müssen. Irgendwann kommt eben der Tag, an dem der Superheld eine
Auszeit braucht. Wenn er vergeblich auf Verstärkung wartet, wenn er
das Gefühl hat, dass seine aus Lügen und Vertuschungsversuchen
bestehende Welt über ihm zusammenzubrechen droht, wenn ihm der
Bösewicht auf den Fersen ist. Dann muss er innehalten, eine Pause
einlegen, seine müden Schultern von der Last befreien und sich auch
einmal um sein eigenes Wohl kümmern.
Denn in Wahrheit bin ich keine Superheldin. Ich
kann nicht fliegen, kann keine komplizierten Spinnennetze knüpfen
oder Mauern hochlaufen. Ich kann mich auch nicht mit einem einzigen
Satz auf einen Wolkenkratzer schwingen. Ich bin nur ein ganz
normales Mädchen, das versucht, die Welt ein bisschen besser zu
machen.
Und ich wusste, das hatte ich geschafft.
Jetzt war es Zeit, an mich zu denken. Und genau das
hatte ich vor.
Nach diesem letzten Auftrag.
Ich wollte gerade aus dem Wagen steigen, da
klingelte mein privates Handy. Ich fischte es aus der Tasche,
erblickte auf dem Display Jamies Name (die Nummer hatte ich
inzwischen eingespeichert) und klappte es erfreut auf.
Ein weiterer Sonnenstrahl.
»Hey, du«, sagte ich.
Er räusperte sich und sagte mit selbstgefälliger
Bassstimme: »Guten Tag. Mr. Jamie Richards für Ms. Jennifer H.,
bitte sehr.«
»Tut mir leid«, gurrte ich. »Ms. Jennifer H. kennt
niemanden mit dem Namen Jamie Richards.«
»Hmmm … da muss sich in meine Unterlagen ein Fehler
eingeschlichen haben. Ich sollte eine Reise nach Paris bestätigen
lassen, aber ich muss mich verwählt haben. Bitte verzeihen Sie die
Störung, Miss. Schönen Ta …«
»Nein, halt!«, rief ich dazwischen.
Er lachte angesichts meiner plötzlichen Panik. »Na,
hast du schon angefangen, zu packen?«, fragte er in seiner
gewohnten Stimmlage.
»Wir fliegen doch erst nächsten Samstag!«
»Aber du hast schon überlegt, was du
mitnimmst.«
»Ganz kurz, ja«, gestand ich cool. Ich musste ihm
ja nicht unbedingt auf die Nase binden, dass meine Garderobe für
Paris bereits bis ins kleinste Detail durchgeplant war. Oder dass
ich mich jede Minute, die ich zu Hause verbrachte, zurückhalten
musste, um nicht in die Besenkammer zu stürmen und den nagelneuen
Koffer hervorzukramen und mit lauter scharfen Outfits
vollzustopfen, die ich noch nie im Rahmen eines Treuetests getragen
hatte. Den Koffer, ein riesiges Teil, das im Gegensatz zu meinen
handlichen kleinen geschäftlichen Koffern garantiert nicht als
Handgepäck durchgehen würde, hatte ich extra für diese Reise
gekauft und vorsorglich hinter Martas Besen und sonstigen
Reinigungsutensilien versteckt.
Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein, dass ich das Putzen demnächst
wohl selbst übernehmen müssen würde. Ich konnte mir unmöglich eine
Haushaltshilfe leisten, wenn ich erst arbeitslos und auf der Suche
nach einer neuen Berufung (aber zweifellos glücklich über meinen
Entschluss) war.
»Bist du zu Hause?«, fragte Jamie.
Ich spähte durch die Windschutzscheibe zu Karen
Howards Villa, die vor mir aufragte. »Nein, ich muss gleich zu
einem geschäftlichen Termin.«
Ich hätte viel dafür gegeben, ihm erzählen zu
können, dass dies der letzte geschäftliche Termin dieser Art sein
würde. Wie gern hätte ich meiner Hochstimmung Ausdruck verliehen
und ihm gesagt, dass er die Ursache dafür war. »Du hast mir den Glauben zurückgegeben, den ich im Alter
von zwölf Jahren verloren habe. Du hast mich gelehrt, zu
vertrauen.«
Aber das wäre ganz schön starker Tobak für eine
Beziehung, die noch nicht einmal das vierte Date erlebt hatte, und
außerdem würde diese Aussage zweifellos eine Menge weiterer
Erklärungen erfordern. Und in Anbetracht der Tatsache, dass ich
bereits zehn Minuten zu spät dran war, würde das Lob ohnehin warten
müssen.
Also hielt ich mich zurück.
»Oho, da schiebt wohl jemand eine Nachtschicht, hm,
Miss Wichtig?«
Ich warf erneut einen Blick auf das wunderschöne
Haus vor mir. Eine Nachtschicht schieben?
Das nun nicht gerade.
Schon eher dem Betrug einen Riegel
vorschieben.
»Ganz recht«, erwiderte ich nichtsdestotrotz. »Und
was treibst du so?«
Er stöhnte laut. »Ebenfalls eine Nachtschicht
schieben, leider. Ich sitze hier garantiert noch mindestens zwei
Stunden. Wir bereiten alles für die Reise nach Paris vor.«
Im Geiste vollführte ich einen kleinen Luftsprung.
Ich lächelte ins Telefon. »Ach, ja?«
»Ja. Aber ich wollte mich trotzdem kurz
melden.«
Ich schmolz dahin, aus dem Luftsprung wurde ein
Salto. »Wie lieb von dir.« Ich sah auf die Uhr. Zwölf nach acht.
»Tja, ich muss dann mal wieder«, fügte ich bedauernd hinzu.
»Ich auch. Telefonieren wir morgen?«
»Unbedingt.«
Ich legte auf und drückte mir das Telefon an die
Lippen, als wollte ich das Gespräch geradewegs aus dem kleinen rosa
Gerät saugen und für immer in den Tiefen meines Gehirns
speichern.
Dann verstaute ich das Telefon in der Handtasche,
öffnete die Autotür, stieg aus und marschierte feierlich zum
Eingang in dem Bewusstsein, dass es das letzte Mal war. Alle paar
Schritte hielt ich inne, um mir jede Minute dieses denkwürdigen
kühlen Oktoberabends genauestens einzuprägen.
Karen Howards Haus war fast genauso schön wie sie
selbst. Genauso gepflegt, auf Hochglanz poliert und mit exklusiven
Accessoires ausgestattet wie sie.
Konzentration, Jen, sagte
ich mir, während sie mich nervös ins Wohnzimmer führte. Ich musste
nur noch diese eine Besprechung hinter mich bringen, und den Test,
dann war ich frei.
Dann ging es auf nach Paris.
Ich rief meine Gedanken zur Ordnung, die schon
wieder in den nächsten Tagtraum abzudriften drohten.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind«, sagte Karen,
während wir uns setzten.
»Gern geschehen. Erzählen Sie mir doch, weshalb Sie
mich angerufen haben«, schlug ich vor, um unauffällig jeglichen
Smalltalk zu umgehen und gleich zur Sache zu kommen.
»Nun«, begann sie. »Mein Mann …«
»Mr. Howard?«, folgerte ich und schickte mich an,
den Namen zu notieren.
»Äh, nein, Howard ist mein Mädchenname. Ich weiß
nicht genau, warum ich Ihnen am Telefon nicht meinen richtigen
Namen gesagt habe. Ich schätze, ich … war einfach nervös und … für
den Fall, dass …«
»Ich verstehe«, sagte ich rasch und strich den
Namen wieder durch. »Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Frauen
handhaben das ähnlich.«
Ich musste mich richtiggehend zwingen, ruhig und
gefasst zu bleiben. Mrs. Howard sollte sich auf keinen Fall von mir
gehetzt fühlen. Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass ich es kaum
erwarten konnte, dieses Meeting hinter mich zu bringen. Das war in
ihrer derzeitigen Verfassung bestimmt das Letzte, was sie hören
wollte. Ich habe mit den Jahren gelernt, dass Frauen in ihrer Lage
jedes noch so kleine Quäntchen Geduld und Aufmerksamkeit benötigen.
Meist ist es just der Mangel an Aufmerksamkeit, der sie überhaupt
erst in diese Situation gebracht hat.
»Wie lautet dann der Name Ihres Mannes?«, fragte
ich.
Karen schluckte. Rieb die Hände aneinander,
verknotete die Finger auf dem Schoß, als würde es die ganze
Prozedur noch realer machen, wenn sie ihn aussprach.
»Wir können natürlich auch später darauf
zurückkommen«, beruhigte ich sie.
»Nein, nein«, wehrte sie ab. »Schon in Ordnung.«
Sie verschränkte die Finger ineinander. »Der Name meines Ehemannes
lautet Jamie … Jamie Richards.«