28
Ich hab noch einen Koffer in … Paris
Das Kofferpacken für Paris geriet zur Gefühlsachterbahn. Verbittert pfefferte ich all die süßen, sexy Outfits, die ich aufgekratzt und voller Vorfreude ausgewählt hatte, ehe Karen Richards die Bombe hatte platzen lassen, in meinen Koffer, wohlwissend, dass sie nun nicht als verführerische Garderobe für einen romantischen Kurzurlaub in Paris dienen würden, sondern quasi als Berufsbekleidung für diesen gottverdammten Auftrag, der mich in der Stadt010des Betrugs erwartete.
Jetzt gehörten sie lediglich zu meiner Kostümierung für ein Theaterstück, in dem ich gegen meinen Willen mitspielen musste. Ich war gezwungen eine Rolle zu übernehmen, die ich einst gern gespielt hatte, weil ich wusste, dass jeder Einzelne meiner Zuschauer während der Vorstellung eine Verwandlung durchmachen würde. Für die meisten war es eine Veränderung zum Besseren. Es war ein Stück, das Einfluss auf die Menschen hatte. Doch jetzt hatte ich das Gefühl, auf die Bühne gestoßen worden zu sein, um in einer Aufführung mitzuwirken, die mir nichts mehr bedeutete.
Ich empfand nur noch Schmerz.
So lasset denn das Schauspiel beginnen. Vorhang auf. Jamie war auf die Minute pünktlich.
Ich riss schwungvoll die Tür auf und lächelte, als wäre er der einzige Mensch, den ich dahinter erblicken wollte.
»Sieh an«, stellte er erfreut fest. »Da ist jemand aufgeregt.«
»Na klar! Paris! Wie sollte ich da nicht aufgeregt sein?«
Er umarmte mich lachend, dann schickte er sich an, mich zu küssen. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, ich würde Josh Duhamel aus der Serie Las Vegas küssen und nicht irgendeinen Mistkerl von Ehemann, der in meinem Wohnzimmer stand und im Begriff war, mit seiner Geliebten nach Paris zu fliegen.
Doch kaum berührten sich unsere Lippen, fiel mir wieder ein, wie es sich anfühlte, ihn zu küssen. Sein Geruch, sein Geschmack, seine weichen Lippen, die Hitze, die in meinem Bauch aufstieg.
Verstört über meine Reaktion, machte ich mich rasch von ihm los, packte meinen Koffer und schob Jamie in den Korridor hinaus. »Los, los, wir kommen noch zu spät!«, sagte ich und schloss die Tür ab.
Vor dem Haus wartete eine lange schwarze Limousine, und sobald wir auf die Straße traten, erschien ein Chauffeur und nahm mir meinen Koffer ab. Ich stieg in den Wagen, Jamie setzte sich neben mich auf die Rückbank, und schon ging es los.
Wir fuhren schweigend dahin. Ich hatte sofort das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Eine Unterhaltung anzuleiern, um das Schweigen zu brechen. Das würde ich in dieser Situation normalerweise tun, besser gesagt, das würde Ashlyn, der Profi tun. Bloß keine langen Pausen aufkommen lassen. Immer schön eine entspannte Unterhaltung am Laufen halten.
Ich wollte gerade den Mund aufmachen, um über irgendein unwichtiges Detail aus der Geschichte unseres Reisezieles zu plaudern, da sagte Jamie: »Ach, ehe ich’s vergesse …«
Er öffnete ein Fach unter der Bar, entnahm ihm eine kleine blaue Tüte, aus der oben rotweiß gemustertes Geschenkpapier hervorlugte, und reichte sie mir.
»Pour toi«, radebrechte er mit unüberhörbar amerikanischem Akzent.
Ich betrachtete die Tüte erstaunt. Natürlich erkannte ich sofort die Farben der französischen Nationalflagge, aber ich hatte keine Ahnung, was sie enthalten könnte.
»Was ist das?«
»Das ist deine Flugzeugtüte«, erwiderte er mit einem vielsagenden Lächeln.
Ich ließ kraftlos die Hand, die die Tüte hielt, in den Schoß sinken. »Meine was?«
»Deine Flugzeugtüte. ›Eine Tüte mit allerhand Kleinigkeiten drin, für den Flug‹, so lautete, glaube ich, die offizielle Definition.«
Ich starrte sie stumm an. Sprachlos. Er hatte sich an meine Geschichte über die Flugzeugtüten erinnert, die ich als Kind vor jeder Reise mit meinen Eltern zusammengestellt hatte? Darüber hatte ich bei unserer zweiten Verabredung gesprochen, als wir auf der Motorhaube seines Jaguars gelegen und den Flugzeugen beim Landeanflug zugesehen hatten. Und er hatte sich daran erinnert.
»Ich habe mir auf der offiziellen Webseite eine Liste für die professionelle Zusammenstellung einer Flugzeugtüte heruntergeladen.« Er lehnte sich zurück und legte mir beiläufig die Hand auf den Oberschenkel.
Ich sah auf seine Hand hinunter und zwang mich zu einem matten Lächeln. Er war nicht der Einzige, der sich an diese Unterhaltung erinnerte. Ich erinnerte mich an jedes Wort, das wir je gewechselt hatten. Weil mir jedes einzelne etwas bedeutet hatte. Weil ich gedacht hatte, ich würde eines Tages daran zurückdenken und lächeln. Jetzt dachte ich daran zurück und fragte mich, wie in drei Teufels Namen ich so blind hatte sein können. Wie hatte ich all die Hinweise, dass es eine andere gab, übersehen können? Es musste Hinweise gegeben haben, ich hatte sie bloß noch nicht entdeckt … wie bei einem Suchbild. Man muss nur ganz genau hinsehen. Und das würde ich tun. Das musste ich, um meiner geistigen Gesundheit willen.
»Willst du nicht nachsehen, was drin ist?«, fragte er.
Am liebsten hätte ich entschieden den Kopf geschüttelt. Nein, diese Suppe ess ich nicht. Ich wollte nicht nachsehen, weil ich fürchtete, auf etwas zu stoßen, das ich noch rührender fand als die Tüte selbst.
Allerdings wäre es höchst verdächtig gewesen, nicht nachzusehen, also musste ich. Eigentlich hätte ich ungeduldig darin herumwühlen müssen, weil ich so bewegt war von dieser entzückenden Geste.
Stattdessen lüpfte ich vorsichtig das rotweiße Papier.
»Ich hoffe, der Inhalt entspricht deinen Vorstellungen«, bemerkte Jamie. »Ich bin nämlich ein Novize, was die Kunst der Flugzeugtüten-Zusammenstellung angeht.«
Ganz obenauf fand ich einen Becher Knetmasse. Ich stellte ihn lächelnd auf den Sitz. »Knetmasse. Unglaublich«, stellte ich abwesend fest, wie in Trance. »Hast du unser Gespräch etwa mitgeschnitten?«, fügte ich hinzu, nur halb im Scherz.
»Nur zu Übungszwecken«, erwiderte er.
Als Nächstes kamen Goldfischli-Cracker und zwei Packungen Kaugummi – Spearmint und Hubba Bubba – zum Vorschein.
»Ich wusste nicht, welche Sorte du lieber magst, aber ich dachte, wenn ich beide nehme, kann ich gar nicht falsch liegen.«
»Hubba Bubba«, murmelte ich und legte die beiden Packungen zu dem wachsenden Häufchen auf der Rückbank.
»Oh, gut, mir ist nämlich Spearmint lieber.« Er zwinkerte.
Ich schluckte. »Perfekt.«
»Das ist noch lange nicht alles.« Er deutete auffordernd auf die Tüte.
Meine Hände zitterten mit jedem Gegenstand, den ich ihr entnahm, stärker. Ein Mini-Brettspiel, Quartettkarten, Schokoriegel und diverse Minifläschchen mit Hochprozentigem.
»Ich nehme an, so was war in den Tüten, die du als Kind gepackt hast, nicht drin, aber ich fand, es ist Zeit für die Erwachsenenversion«, erklärte Jamie mit einem Blick auf die Fläschchen.
Ganz unten in der Tüte fand ich eine mittelgroße hellblaue Tiffany-Schmuckschachtel. Mein Herz machte einen Satz.
»Okay, das ist im Grunde nicht für den Flug, obwohl du es natürlich auch im Flieger tragen kannst. Aber eigentlich ist es für Paris gedacht.«
Ich rüstete mich, hob mit einem matten Lächeln den Deckel und erblickte eine silberne Halskette mit einem kleinen runden Anhänger.
Ich schnappte unwillkürlich nach Luft. Ehebrecher hin oder her, sie war wunderschön, und der Anhänger sah haargenau aus wie eines der Rosettenfenster der Kathedrale von Notre Dame. Zweifellos hatte er sie deshalb ausgesucht.
»Ich nehme an, das heißt, dass sie dir gefällt«, sagte er vorsichtig.
Mir fehlten die Worte. Ich öffnete den Mund, konnte jedoch nur stumm nicken. Mein ganzer Körper war wie gelähmt. Ich hatte mein Lebtag kein mit so viel Liebe ausgesuchtes Geschenk erhalten.
»Oder dass du schon zwei davon hast«, fügte er hinzu, nachdem ich noch immer nichts gesagt hatte.
Jetzt erwachte ich aus meiner Trance und nickte heftig. Meine Lippen folgten. »Ja.«
Er lachte. »Ja, du hast schon zwei?«
Ich schüttelte wie betäubt den Kopf. »Nein, ich meinte … ich finde sie wunderschön.«
Er nahm die Hand von meinem Oberschenkel, ergriff meine Hand und hob sie zum Mund, um sie zärtlich zu küssen.
»Gut. Ich musste an dich denken, als ich sie gesehen hab.«
Seine Bemerkung versetzte mir einen Stich. Ich hatte mich an die Hoffnung geklammert, dass er seine Sekretärin losgeschickt hatte mit dem Auftrag, etwas für mich auszusuchen. Vielleicht gab es bei Calloway Consulting aber auch eine eigene Abteilung, die für das Besorgen von Geschenken zuständig war. Ich hatte mir ausgemalt, wie er dort angerufen und gesagt hatte: »Ich habe so viel zu tun, dass ich mich leider nicht um meine Frau, meine neue Freundin und meine Arbeit kümmern kann. Wenn Sie also so freundlich wären, für meine Reise nach Paris eine hübsche kleine ›Flugzeugtüte‹ zusammenzustellen … Ich muss nämlich noch meinen Koffer packen.« Und wenig später hatte er mit der für das Verpacken von Geschenken zuständigen Abteilung telefoniert und dasselbe noch mal erzählt.
Insgeheim wusste ich, dass ich mir etwas vormachte. Ich wusste, dass er jeden einzelnen Bestandteil höchstpersönlich ausgewählt hatte. Was bedeutete, dass er noch mehr Zeit, die seiner Frau zustand, verschwendet hatte, um eine dämliche Flugzeugtüte für mich zu basteln. Es war einfach nicht fair. Und es war definitiv nicht richtig, dass ich mich so sehr darüber freute.
Es hätte alles ganz anders laufen müssen. Warum musste er es mir so schwer machen? Ich wusste, ich hätte Jamie eigentlich um den Hals fallen und ihn küssen, mich überschwänglich bei ihm für diese unglaublich süße Geste bedanken müssen. Aber ich konnte nicht. Ich konnte genau deshalb nicht, weil ich es so schrecklich gern getan hätte.
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken im Kreis herum. Ich wusste nicht mehr ein noch aus, wusste nicht mehr, was ich fühlen sollte und was nicht. Ich sah ihn an – er schien auf eine anerkennende Reaktion zu warten -, dann blickte ich wieder auf den Inhalt meiner ganz persönlichen Flugzeugtüte und wollte nichts weiter, als ihn zu lieben. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als dass die ganze Sache ein Missverständnis wäre. Ich wünschte, es gäbe wie bei Matrix eine blaue Pille, die einen alles vergessen lässt.
Doch als ich vor dem Check-in-Bereich des Flughafens aus der Limousine stieg, wusste ich, ich konnte nicht vergessen. Ich konnte die Tatsache nicht ignorieren, dass ich mit dem Ehemann einer anderen nach Paris flog.
Und es würde eine verdammt lange Reise werden, wenn mir Jamie weiter mit solchen Aktionen das Leben schwer machte. Dabei saßen wir noch nicht einmal im Flugzeug.
Was hatte ich mir da bloß eingebrockt?
 
Mir wurde bald klar, dass es gar nicht übel ist, wenn man als Marketingberater unterwegs ist und die zu beratende millionenschwere Firma sämtliche Reisekosten übernimmt. Alles war vom Feinsten, vom Check-in über die Gratisdrinks in der internationalen First-Class-Lounge und die Erste-Klasse-Sitzplätze an Bord bis hin zum Hotelzimmer im Ritz, das sich im ersten Arrondissement von Paris befindet.
Ich war beeindruckt, obwohl ich auf meinen Geschäftsreisen regelmäßig erster Klasse geflogen war.
Jamie wollte mich offenbar beeindrucken. In jeder neuen Phase unserer Reise spürte ich seine Augen auf mir ruhen. Er beobachtete meine Reaktion, als wir die Lounge am Flughafen betraten und ich den Blick über die Plasmafernseher, die drei Bars, die Büffettische mit diversen Köstlichkeiten schweifen ließ. Ich nickte beifällig und lächelte ihn an.
Er beobachtete mich auch, als wir ins Flugzeug stiegen und von einer freundlichen Stewardess durch die Business Class und die Treppe hoch in die erste Klasse geführt wurden, wo jeder Sitzplatz quasi ein winziges Apartment war, ausgestattet mit Fernseher, Schreibtisch, Klapptisch und einem drehbaren Sitz, der sich ganz nach hinten kippen ließ. Es gab sogar eine zweite kleine Sitzgelegenheit gegenüber. Kaum hatten wir Platz genommen, begann er sogleich, mir die Ausstattung unserer »Miniwohnungen« vorzuführen.
»Wenn du diesen Knopf drückst, dreht sich der Sessel zum Schreibtisch, damit du daran arbeiten kannst, siehst du?«
Ich lachte. »Was soll ich denn am Schreibtisch arbeiten?«
»Na, das Übliche – die Welt retten, einen Krieg anzetteln, die Staatsverschuldung tilgen …«
»Leihst du mir deine Kreditkarte?«
Er grinste. »Und wenn du diesen Knopf hier gedrückt hältst, verwandelt sich dein Sitz in ein Bett.«
Ich nickte erneut. »Ich bin durchaus schon mal in der ersten Klasse gereist, Mr. Richards.«
Er runzelte enttäuscht die Stirn. »Stimmt ja, von dieser geheimnisvollen Bank wirst du auf deinen Reisen bestimmt auch ganz schön verwöhnt.«
Ich nickte. Wenn du wüsstest.
»Möchten Sie schon etwas trinken?«, erkundigte sich eine Stewardess.
Und ob.
Ich nickte höflich. »Oh ja. Wodka Tonic, bitte.«
Sie lächelte und dampfte in Richtung Bordküche ab.
Als sich Jamie zurücklehnte und die Augen schloss, griff ich leise nach meiner Dior-Handtasche und schob den Zeigefinger in das kleine, mit einem Reißverschluss abgetrennte Innenfach.
Mit der Fingerspitze strich ich vorsichtig über die kühle glänzende Oberfläche der schwarzen Karte, die darinsteckte. Die Karte, die das Ende von Jamie Richards Ehe repräsentieren würde. Der Gedanke daran weckte gemischte Gefühle in mir.
Ich fuhr über das erhabene verschnörkelte A, das die Vorderseite zierte. Es kam mir schier undenkbar vor, Jamie auf eine Stufe mit all den anderen Ehebrechern zu stellen, mit denen ich bisher zu tun gehabt hatte.
Ich wandte den Kopf und betrachtete ihn. Er hielt die Augen noch immer geschlossen. Plötzlich übermannte mich das schlechte Gewissen. Er war anders. Er konnte unmöglich sein wie Raymond Jacobs, Parker Colman oder Andrew Thompson.
Ich hatte sie immer alle über einen Kamm geschoren. In meiner Vorstellung waren sie untreu und sonst nichts. Doch auf den Mann neben mir traf das nicht zu.
Er war Jamie Richards, der erste Mann, dem es gelungen war, den Panzer zu durchbrechen, der mein Herz umschlossen hatte. Das schmiedeeiserne Tor, von dessen Existenz ich nichts geahnt hatte, bis es mit Getöse in sich zusammengestürzt war. Mir war erst in diesem Augenblick aufgefallen, dass es immer da gewesen war, mich abgeschottet und beschützt hatte, damit ich weder Herz noch Verstand verlor.
Nun stand zu befürchten, dass Jamie nicht nur der erste Mann sein würde, dem dieses Kunststück gelungen war, sondern auch der letzte.
Denn nur ein Dummkopf baut seine Festung, wenn sie einmal eingestürzt ist, nach den gleichen Plänen wieder auf. Nein. Beim nächsten Mal verwendet man Stahl und Beton. Das stärkste Material, das es gibt. Um sicherzugehen, dass die Bastion beim nächsten Mal keine Schwachstellen mehr aufweist.
 
»Im Namen von Air France heißen wir Sie herzlich willkommen in Paris«, verkündete die Flugbegleiterin mit starkem französischem Akzent, sobald wir auf dem Flughafen Charles de Gaulle gelandet waren.
»Willkommen in Paris«, sagte auch Jamie.
Ich sah ihm über den Rand meiner Zeitschrift hinweg in die müden Augen. »Tut mir leid, zu spät. Ich wurde bereits begrüßt.«
Er schnipste mit den Fingern. »Mist. Um zwei Sekunden geschlagen.«
»Du musst an deinem Timing arbeiten.«
Nachdem wir Passkontrolle und Zoll hinter uns gebracht hatten, wurden wir an der Glastür von einem groß gewachsenen Franzosen ganz in Schwarz empfangen.
»Monsieur Richards«, begrüßte er uns.
»Ganz recht«, erwiderte Jamie.
»Was? Kein Schild?«, fragte ich, während der Fahrer Jamies Koffer nach draußen schob.
Jamie schüttelt den Kopf. »Die kennen mich hier alle schon.«
»Ich bin beeindruckt.«
Der Fahrer kam zurück, bückte sich nach meinem Koffer und sagte bierernst: »Und Sie müssen Mademoiselle Jennifer H. sein.«
Ich gackerte los. Mehrere Umstehende fuhren herum und starrten mich an, der Fahrer musterte mich, als wäre ich nicht ganz dicht.
Jamie wedelte mit der Hand. »Entschuldigen Sie. Ein dummer Ami-Witz.«
»Ah, oui.« Der Fahrer nickte, als würde diese simple Begründung sämtliche Missverständnisse in der Vergangenheit und der absehbaren Zukunft der amerikanisch-französischen diplomatischen Beziehungen erklären.
»Dich kennt man hier offenbar auch schon«, stellte Jamie fest, während wir dem Mann nach draußen folgten, wo bereits ein Wagen auf uns wartete.
»Man kennt meinen Vornamen und den ersten Buchstaben meines Nachnamens, ja. Ich komme mir wirklich vor wie etwas Besonderes«, erwiderte ich sarkastisch.
Jamie zuckte die Schultern. »Viel mehr wusste ich bis vor Kurzem auch nicht von dir. Sie sind ziemlich mysteriös, Miss H.«
»Du hast ja keine Ahnung«, gab ich selbstgefällig zurück.
 
Wir fuhren gute dreißig Minuten durch die Pariser Vororte, bis ich in der Ferne die makellose weiße Kuppel der Basilika von Sacré-Cœr erspähte, die aus einer dunklen Wolkendecke hervorlugte.
Sogleich schlug mein Herz schneller, ein vertrautes Glücksgefühl regte sich in mir. Paris ist eine meiner absoluten Lieblingsstädte auf der ganzen Welt. Selbst nach allem, was ich in den vergangenen zwei Jahren erlebt hatte, fand ich den Anblick der vor mir liegenden Metropole immer noch berauschend.
Meine Aufregung erleichterte es mir, meine Rolle zu spielen. Ich war die gute alte Jennifer Hunter, die sich darüber freute, in Paris zu sein. Mit ihrem Freund, oder was auch immer Jamie für mich war. Ich war noch etwas unsicher, was die Terminologie anging. Wenn ich Jamies Geliebte war, was war er dann für mich (außer einem verlogenen Bastard)?
Ich riss mich widerwillig vom Anblick vor meinem Fenster los. »Was möchtest du als Erstes machen?«
»Schlafen«, kam es wie aus der Pistole geschossen.
Ich verpasste ihm einen Klaps mit dem Handrücken. »Nein! Wenn du jetzt schlafen gehst, wird dir die Zeitverschiebung total zu schaffen machen.« Ich sah auf die Uhr. »Jetzt ist es elf Uhr vormittags. Du musst mindestens bis acht warten, ehe du dich hinlegst.«
Er sah mich wenig überzeugt an.
»Das ist das oberste Reisegebot«, versicherte ich ihm.
»Und wer hat das aufgestellt?«
»Ich.«
»Und wer bist du?«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Als wüsstest du das nicht.«
Jamie grinste und spielte mit. »Ich habe keine Ahnung.«
»Excusez-moi, monsieur«, sagte ich, zum Fahrer gewandt.
»Est-ce que vous pouvez me dire exactement qui je suis, s’il vous plaît?«
Damit erntete ich einen verwirrten Blick über den Rückspiegel. Die spinnen, diese Amis.
»Damit wäre dann auch die Frage geklärt, ob du eigentlich französisch sprichst«, sagte Jamie zu mir.
Ich nickte.
»Qui vous êtes?«, vergewisserte sich der Fahrer, wohl in der Annahme, dass er sich entweder verhört hatte oder meine Sprachkenntnisse nicht so besonders waren.
»Oui«, bekräftigte ich. »S’il vous plaît.« Dann drehte ich mich zu Jamie um. »Ich habe ihn gefragt, wer ich bin. Nachdem du es offenbar vergessen hast.«
»Vous êtes mademoiselle Jennifer H.«, erwiderte der Fahrer zögernd, als fürchtete er, seinen Job zu verlieren, wenn er das Rätsel, das sich hinter diesem dynamischen Duo verbarg, nicht lösen konnte.
»Merci beaucoup«, gab ich zurück und wandte mich dann mit einem zufriedenen Grinsen an Jamie. »Da hast du’s. Ich bin Jennifer H., Expertin für internationale Jetlag-Bekämpfungsstrategien. Ich bin selbst dem Chauffeur ein Begriff.«
Jamie lachte. »Okay, okay. Ich bleibe wach. Wir können tun, was immer du vorschlägst. Aber du wirst mich unterhalten müssen, damit ich nicht auf irgendeiner Kirchentreppe einschlafe.«
Ich grinste. »Kein Problem. Ich habe da genau das Richtige auf Lager.«
»Das richtige Entertainment? Oder eine Kirche mit bequemen Stufen?«
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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