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Kummer-Nummer
Nachdem ich mich bei Jason Trotting für die
Drinks bedankt und ihm eine falsche Telefonnummer gegeben hatte,
brach ich auf. Mit der Information, wegen der ich gekommen
war.
Ich hatte angenommen, ich würde mich besser fühlen,
sobald ich wusste, wem die Domain gehörte. Dass ich aber, wenn die
Identität meiner virtuellen Nemesis erst einmal geklärt war, zur
Tat schreiten musste, das war mir nicht bewusst gewesen. So weit
hatte ich leider nicht gedacht.
Raymond Jacobs. Warum ausgerechnet er?
Raymond Jacobs, der vor zwei Wochen Wodka Gimlet in
sich hineingekippt hatte und auf mein Gefasel über Automotoren
hereingefallen war. Eines musste man ihm lassen: Er hatte
blitzschnell reagiert. Es kam mir vor, als wäre ich erst vor zwei
Tagen in Denver gewesen, als hätte ich erst gestern bei ihm zu
Hause im Foyer gestanden, um seine Frau zu trösten. Sie haben das Richtige getan, hatte ich ihr
versichert. Allmählich fragte ich mich, ob ich das Richtige getan hatte. Vielleicht hätte ich
den Auftrag von vornherein ablehnen sollen. Raymond Jacobs würde
nicht am Straßenrand liegen bleiben, um zu sterben, wenn er von
einem Truck angefahren wurde. Er würde sich aufrappeln und sich
einen größeren Truck besorgen.
Auf dem Nachhauseweg wuchs meine Angst mit jedem
Kilometer. Ich wollte nur noch ins Bett, mir die Decke über den
Kopf ziehen und nie wieder aufstehen.
Erschöpft schleppte ich mich die Treppe hoch. In
meiner Wohnung angekommen, ließ ich mich aufs Bett plumpsen wie ein
Sack Kartoffeln. Es fühlte sich an, als würden die Wände näher
kommen. Und der einzige Mensch, mit dem ich reden wollte, redete
noch immer nicht mit mir.
Wenn es mir schlecht ging, rief ich stets Sophie
an, erzählte ihr eine frei erfundene Geschichte über meine
aufreibende Arbeit und ließ mich von ihr trösten, von ihren Worten,
ihrer beruhigenden Stimme. Sophie war immer für mich da. Sie hat
alles mit mir durchgestanden... Okay, nicht ganz alles. Aber selbst
wenn mir ihre Lösungsvorschläge für meine fiktiven Schwierigkeiten
nicht wirklich nützten, keinen Bezug zu den wahren Problemen in
meinem Leben hatten, half mir schon, dass sie mir zuhörte und Mut
zusprach.
Ich wusste, ich musste sie anrufen.
Ich wusste, ich konnte mein Leben nicht ohne sie
meistern. Dafür spielte sie eine viel zu wichtige Rolle.
Tja, man weiß eben erst zu schätzen, was man hatte,
wenn man es verloren hat.
Ich griff zum Telefon und wählte ihre Nummer.
Noch ehe ich die letzte Taste gedrückt hatte,
begann mein geschäftliches Handy zu klingeln. Ich stellte mein
Festnetztelefon zurück in die Halterung und fischte das Handy aus
meiner Handtasche, die auf der Bettkante lag. Auf dem Display
blinkte »Unbekannter Anrufer« auf. Das war nichts Neues. Die
meisten Leute unterdrücken ihre Nummer, wenn sie bei mir anrufen.
Genauso, wie sie die Gewissheit, dass ihre Beziehung in der Krise
steckt, unterdrücken.
Ich betätigte die grüne Taste, um das Gespräch
anzunehmen, und hielt mir das Telefon ans Ohr.
»Hallo?«
Es knisterte in der Leitung, dann ertönte
gedämpftes, unverständliches Gemurmel am anderen Ende.
»Hallo?«, wiederholte ich.
Knistern. Gemurmel.
»Hallo? Ich verstehe Sie nicht. Können Sie mich
hören?« Ich wartete. Nichts. »Die Verbindung ist schlecht. Am
besten versuchen Sie es gleich noch einmal.«
Ich wollte gerade auflegen, als das Knistern
plötzlich aufhörte und eine leise und sehr verwirrt klingende
Stimme sagte: »Jen?«
Ich saß mucksmäuschenstill auf meiner weißen
Tagesdecke. Dann kam ich zu dem Schluss, dass ich die Telefone
verwechselt haben musste. Ich betrachtete prüfend das Gerät. Kein
Zweifel. Mein geschäftliches Handy. Oben stand deutlich sichtbar
Treo. Mein Privathandy dagegen war rosa und
schon vom Gewicht her nicht mit dem Treo zu vergleichen. Trotzdem
musste ich erst den Schriftzug lesen, um es zu glauben.
»Jen, bist du das?«
Ich kannte diese Stimme. Ich kannte sie seit
Jahren.
Es bestand nicht der geringste Zweifel. Die
Verbindung war nun kristallklar und völlig störungsfrei. Welche
bittere Ironie. Genau diese Stimme hatte ich schon die ganze Woche
hören wollen.
Allerdings nicht durch dieses Telefon, verdammt
noch mal!
»Hallo?« Die Stimme klang fragend. Verlangte, zur
Kenntnis genommen zu werden. Und bald würde sie auch eine Erklärung
verlangen.
Ich räusperte mich und versuchte, wie eine
Achtzigjährige zu klingen, die ihr Leben lang vergeblich gegen ihre
Sucht nach Virginia Slims angekämpft hat. »Ja, bitte? Wie kann ich
Ihnen helfen?«
Ich hätte auf der Stelle auflegen und den ganzen
Abend nicht mehr rangehen sollen.
Ich hätte eine ganze Menge anders machen
sollen.
Aber ich tat es nicht, und jetzt wusste die Stimme
Bescheid.
»Jen, bist du das?«, wiederholte sie, nun leicht
verärgert. So einfach würde sie sich nicht abwimmeln lassen.
Ich seufzte und gab auf. »Ja, Sophie, ich
bin’s.«
Langes Schweigen. Dann ein kurzes, aber sehr
entschiedenes Klick.
Ich sah auf das Display. »Anruf beendet«, stand
da.
Das Telefon rutschte mir aus der schweißnassen Hand
und versank zwischen den Falten meiner zerwühlten Tagesdecke. Ich
stützte die Stirn in die Hand und schloss die Augen, weil ich
wusste, dass dies zweifellos nicht nur das Ende eines Anrufes
war.
Ich biss mir auf die Unterlippe und wartete ab.
Wartete auf den neuerlichen Anruf, der unweigerlich kommen
würde.
So, wie ich Sophie kannte, würde es eine Weile
dauern, bis sie diese Erkenntnis verdaut hatte und die Welt wieder
einen Sinn ergab. Sie glich manchmal einem alten Computer, der
selbst für die einfachsten Tasks, das Öffnen eines Word-Dokuments
oder das Wechseln zwischen zwei Fenstern, ein bisschen länger
braucht. Ich sah förmlich die kleine Sanduhr über ihrem Kopf
schweben, sah frustrierend langsam den Sand durchrieseln.
Mit diesem Task war sie allerdings hoffnungslos
überfordert. Diesmal würde es mehr als nur ein bisschen länger
dauern. Das geöffnete Programm wollte noch immer nicht laufen, und
irgendwann würde unweigerlich der Computer abstürzen.
Noch nie hatte sich meine Wohnung in den eineinhalb
Jahren, die ich nun hier lebte, so leer angefühlt.
Dann klingelte das Telefon. Nicht das geschäftliche
Handy, auch nicht das private Handy. Mein schnurloses
Festnetztelefon. Und es fühlte sich mehr als passend an.
Diesmal wurde die Nummer nicht unterdrückt. Mein
Display zeigte mir sogar den Namen, der zur Nummer gehörte.
»Hi«, sagte ich leise.
Wieder Schweigen. Sie hatte meine Nummer gewählt,
bevor die Denkprozesse beendet waren. Sie brauchte mehr Zeit. Und
ich würde warten.
»Hi«, erwiderte sie schließlich.
Ich stellte mir vor, wie es in ihrem Kopf
arbeitete. Ein Dialogfenster nach dem anderen poppte auf, so
schnell, dass sie schon damit überfordert war, die Fragen nach
ihrer Priorität zu sortieren. Wenn sie nicht bald Antworten
erhielt, würde demnächst unweigerlich die Fehlermeldung
»unzulässiger Vorgang« über den Bildschirm flimmern und den ganzen
Computer lahmlegen.
Und dann hatte sie plötzlich auf wundersame Weise
den gesamten Datenstrom verarbeitet und eine einfache Frage
generiert, die quasi alle anderen, gleichzeitig laufenden Prozesse
überflüssig machte.
»Du bist Ashlyn?«, fragte sie matt.
Ich nickte, wohlwissend, dass sie mich nicht sehen
konnte, und zugleich dankbar für diesen Umstand. Ich war noch nicht
bereit, mein Geheimnis mit ihr zu teilen. Ich war noch darauf
fixiert, ihr Lügenmärchen aufzutischen und mich wegen fiktiven
Tragödien von ihr trösten zu lassen.
Und vor allem hatte sie es nicht auf diese Art und
Weise herausfinden sollen.
So viel zu meiner Überzeugungsarbeit. Ich hatte
versucht, Sophie von ihrem Vorhaben abzubringen, und sie war
hingegangen und hatte ihre Bekannte im Büro noch einmal nach der
Nummer gefragt. Nach meiner Nummer. Hätte
ich mir
denken können. Niemand weiß besser als ich, dass sich eine Frau
auf der Suche nach der Wahrheit genauso wenig aufhalten lässt wie
ein Mann auf der Jagd nach Sex.
»Ja, ich bin Ashlyn«, gestand ich beschämt. Ich
wusste, mit welcher Reaktion ich rechnen konnte. Ich wusste, was
sie davon halten würde. Also holte ich tief Luft und rüstete
mich.
»Du bist Ashlyn, die Treuetesterin?« Sie wartete
offenbar noch darauf, dass ich losprustete und »April, April!«
rief. Dass ich ihr offenbarte, ihrer Arbeitskollegin aufgetragen zu
haben, Sophie meine Nummer zu geben, um ihr eine Lektion zu
erteilen. Ihr mitteilte, dass es gar keine Ashlyn gab. Dass ich mir
das alles bloß ausgedacht hatte. Überraschung! Reingelegt!
Das hätte ich zweifellos tun können. Doch ich sagte
lediglich: »Ja.«
»Wie kann das sein? Ich dachte, du arbeitest für
eine Investment Bank.«
»Hab ich auch, bis vor zwei
Jahren.«
Wieder Schweigen. Weitere Daten, die verarbeitet
werden mussten.
»Weißt du noch, meine Beförderung vor etwas mehr
als zwei Jahren? Das größere Büro, das neue Handy?«
»Jaaa...«, sagte sie zögernd.
Damit war der Code geknackt, unverständliche
Buchstabenreihen verwandelten sich in eine Geschichte. Eine
Geschichte über ein Leben, von dem sie nicht das Geringste wusste.
Und sie konnte nicht fassen, was ihr alles entgangen war.
»Also, das war gar keine Beförderung.«
»Aber... Wie viele? Und warum hast du’s mir nicht
erzählt? Und...«
»Ich konnte es dir nicht erzählen!«, sagte ich
nachdrücklich. »Ich konnte es niemandem erzählen. Keiner weiß es.
Es war eine Entscheidung, die ich ganz allein getroffen habe.
Etwas, das ich für mich tun musste. Und außerdem hatte ich Angst,
du würdest es nicht gutheißen.«
»Natürlich hätte ich es nicht gutgeheißen!
Verheiratete Männer, Jen! Ehemänner! Und du
hast sie geküsst?«
Ich ließ den Kopf hängen. »M-hm.«
»Und du hast dich von ihnen anfassen lassen?«
Ihre Stimme troff vor Abscheu. Die Bilder in ihrem
Kopf geisterten über die leeren weißen Wände meines Schlafzimmers
wie über eine riesige Kinoleinwand.
In diesem Moment waren wir eins. Ein Verstand. Ein
Gedanke. Eine Vision.
Und diese Vision gefiel mir ganz und gar
nicht.
»M-hm«, würgte ich mit Tränen in den Augen hervor.
Ich blinzelte.
»Ich... ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
Ich kniff die Augen zusammen. »Hör mal, Sophie, was
hältst du davon, wenn ich zu dir komme und wir uns bei einer
Flasche Wein darüber unterhalten? Dann erzähle ich dir alles. Ich
fange am Anfang an und höre erst auf, wenn du verstehst, was
dahintersteckt. Meine Beweggründe, meine Motive. Ich habe gute
Gründe, das schwöre ich dir. Ich werde es dir beweisen.«
»Ich will dich jetzt nicht sehen«, stieß sie rasch
hervor. Ihre Stimme klang reserviert. Sophie wohnt keine fünf
Autominuten weit weg, ganz egal, zu welcher Tageszeit, aber in
diesem Augenblick war sie Lichtjahre entfernt.
Eine Distanz, die selbst Südkaliforniern ein
Begriff ist.
»Okay«, murmelte ich, während sich die erste Träne
erfolgreich einen Weg unter meinen fest zusammengepressten
Augenlidern hervorbahnte und triumphierend den langsamen Siegeszug
über meine Backe antrat.
»Du kommst mir vor wie eine völlig Fremde.«
Ich öffnete die Augen. Mehrere Tränen folgten dem
Beispiel
der einsamen Vorreiterin. »Ich bin’s Soph! Ich bin noch immer
haargenau derselbe Mensch. Wenn ich mich in den vergangenen zwei
Jahren nicht verändert habe, wie soll ich mich dann in den letzten
zwei Minuten verändert haben?«
»Und ob du dich verändert
hast!«, protestierte sie. »Du bist gar nicht die, für die du dich
ausgibst. Du bist ein total anderer Mensch. Du hast sogar einen
anderen Namen!«
»Das ist doch bloß ein Künstlername«, schniefte
ich. »Eine Rolle, in die ich schlüpfe. Wie im Theater oder im Film.
So wie Ellen Pompeo in Grey’s Anatomy
Meredith ist. Wie Evangeline Lilly, die als Kate Austen in
Lost mitspielt. Ich spiele eben Ashlyn...
eine Frau, die von Ehefrauen beauftragt wird, die Seitensprünge
ihrer Männer aufzudecken.«
Sophie war nicht überzeugt. »Grey’s Anatomy und Lost sind
Fernsehserien. Das ist Fiktion, im Gegensatz zu dem, was du tust.
Das ist real, Jen! Das sind echte Menschen! Es ist nicht so wie
früher, als wir Psychologin und Patientin oder Vater-Mutter-Kind
gespielt haben.« Sie zögerte. »Wer hätte gedacht, dass du als
Erwachsene mal Ehen ruinieren würdest.«
»Du wolltest mich doch engagieren!«, konterte ich
und wischte mir mit dem Handrücken die Nase ab. »Du wolltest mich
damit beauftragen, deine Beziehung zu
ruinieren!«
»Da wusste ich noch nicht, dass du
dahintersteckst!«
»Was macht es denn für einen Unterschied, ob ich
dahinterstecke oder deine Nachbarin oder meinetwegen Marilyn
Monroe? Du wolltest dasselbe wie alle meine Auftraggeberinnen.
Etwas, das ich ihnen verschaffen kann:
Gewissheit.« Ich fuhr mit der Hand über die weiße Decke unter
meinem Knie. »Und jetzt hasst du mich dafür, dass ich es ihnen
geliefert habe?«, fragte ich leise.
Sophie antwortete nicht sofort. Ich hörte sie
atmen. Wenn sie sich aufregt, geht ihr Atem immer kurz und
stoßweise. »Ich brauche ein bisschen Zeit zum Nachdenken.«
»Okay«, murmelte ich. Es stand mir nicht zu, sie
von meinem Standpunkt zu überzeugen. Mit welchem Argument hätte ich
sie davon abbringen können, mich zu hassen? Wie hätte ich sie noch
dazu bewegen sollen, mich zu akzeptieren, mich und meine
Arbeit?
Doch als ich auflegte, wusste ich immerhin eines
sicher, und dieses Wissen fand ich tröstlich: Sie würde jetzt nicht
einmal mehr im Traum daran denken, ihren Verlobten auf die Probe zu
stellen. Ich war endlich angekommen, auch wenn ich den längsten,
holprigsten Weg gewählt hatte: Ich hatte reinen Tisch gemacht.
Sophie wusste Bescheid. Keine Geheimnisse mehr. Keine Ausreden.
Keine Lügen.
Und obwohl ich mich mein Lebtag noch nie so
beunruhigend leer gefühlt hatte, ortete ich tief in meinem Inneren,
unter der Frustration, unter der schrecklichen Angst davor, meine
beste Freundin zu verlieren, erste Anzeichen von
Gelassenheit.
Bis es eine halbe Stunde später an meiner Tür
klopfte.
Durch den Spion erspähte ich Sophies ungekämmtes
Haar, ihr ungeschminktes Gesicht, ihre unvorteilhafte rosa
Jogginghose. Ich setzte ein tapferes Lächeln auf und öffnete
schwungvoll die Tür.
Sie stand auf meinem Fußabstreifer, reglos,
sichtlich unentschlossen, ob sie eintreten sollte oder nicht. Als
wäre sie den Anweisungen ihres Routenplaners bis hierher gefolgt
und wüsste nun nicht weiter.
Ich lehnte den Kopf an den Türrahmen und sah sie
mit flehenden Augen an. Nicht um Verzeihung, sondern um Verständnis
flehend. Um Unterstützung. Um bedingungslose Freundschaft.
Ich konnte nicht ahnen, dass sie hier war, um mir
etwas zu sagen, das nicht so sehr ein Freundschaftsbeweis von ihrer
Seite war... sondern im Gegenteil einen von mir erforderte.
Rückblickend betrachtet, hatte ich sie
unterschätzt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich
upgraden lassen, einen schnelleren Prozessor zugelegt haben könnte.
Dass sie die neu gewonnene Erkenntnis nicht nur akzeptieren würde,
sondern diese Erkenntnis in der Folge auch ihr gesamtes Systems
korrumpieren könnte. Wie ein Virus.
Sie straffte die Schultern, sah mir geradewegs in
die Augen und sprach mit fester Stimme aus, was sie sich auf dem
kurzen Weg hierher unzählige Male vorgesagt haben musste: »Ich will
trotzdem, dass du Eric testest.«