16
Kummer-Nummer
Nachdem ich mich bei Jason Trotting für die Drinks bedankt und ihm eine falsche Telefonnummer gegeben hatte, brach ich auf. Mit der Information, wegen der ich gekommen war.
Ich hatte angenommen, ich würde mich besser fühlen, sobald ich wusste, wem die Domain gehörte. Dass ich aber, wenn die Identität meiner virtuellen Nemesis erst einmal geklärt war, zur Tat schreiten musste, das war mir nicht bewusst gewesen. So weit hatte ich leider nicht gedacht.
Raymond Jacobs. Warum ausgerechnet er?
Raymond Jacobs, der vor zwei Wochen Wodka Gimlet in sich hineingekippt hatte und auf mein Gefasel über Automotoren hereingefallen war. Eines musste man ihm lassen: Er hatte blitzschnell reagiert. Es kam mir vor, als wäre ich erst vor zwei Tagen in Denver gewesen, als hätte ich erst gestern bei ihm zu Hause im Foyer gestanden, um seine Frau zu trösten. Sie haben das Richtige getan, hatte ich ihr versichert. Allmählich fragte ich mich, ob ich das Richtige getan hatte. Vielleicht hätte ich den Auftrag von vornherein ablehnen sollen. Raymond Jacobs würde nicht am Straßenrand liegen bleiben, um zu sterben, wenn er von einem Truck angefahren wurde. Er würde sich aufrappeln und sich einen größeren Truck besorgen.
Auf dem Nachhauseweg wuchs meine Angst mit jedem Kilometer. Ich wollte nur noch ins Bett, mir die Decke über den Kopf ziehen und nie wieder aufstehen.
Erschöpft schleppte ich mich die Treppe hoch. In meiner Wohnung angekommen, ließ ich mich aufs Bett plumpsen wie ein Sack Kartoffeln. Es fühlte sich an, als würden die Wände näher kommen. Und der einzige Mensch, mit dem ich reden wollte, redete noch immer nicht mit mir.
Wenn es mir schlecht ging, rief ich stets Sophie an, erzählte ihr eine frei erfundene Geschichte über meine aufreibende Arbeit und ließ mich von ihr trösten, von ihren Worten, ihrer beruhigenden Stimme. Sophie war immer für mich da. Sie hat alles mit mir durchgestanden... Okay, nicht ganz alles. Aber selbst wenn mir ihre Lösungsvorschläge für meine fiktiven Schwierigkeiten nicht wirklich nützten, keinen Bezug zu den wahren Problemen in meinem Leben hatten, half mir schon, dass sie mir zuhörte und Mut zusprach.
Ich wusste, ich musste sie anrufen.
Ich wusste, ich konnte mein Leben nicht ohne sie meistern. Dafür spielte sie eine viel zu wichtige Rolle.
Tja, man weiß eben erst zu schätzen, was man hatte, wenn man es verloren hat.
Ich griff zum Telefon und wählte ihre Nummer.
Noch ehe ich die letzte Taste gedrückt hatte, begann mein geschäftliches Handy zu klingeln. Ich stellte mein Festnetztelefon zurück in die Halterung und fischte das Handy aus meiner Handtasche, die auf der Bettkante lag. Auf dem Display blinkte »Unbekannter Anrufer« auf. Das war nichts Neues. Die meisten Leute unterdrücken ihre Nummer, wenn sie bei mir anrufen. Genauso, wie sie die Gewissheit, dass ihre Beziehung in der Krise steckt, unterdrücken.
Ich betätigte die grüne Taste, um das Gespräch anzunehmen, und hielt mir das Telefon ans Ohr.
»Hallo?«
Es knisterte in der Leitung, dann ertönte gedämpftes, unverständliches Gemurmel am anderen Ende.
»Hallo?«, wiederholte ich.
Knistern. Gemurmel.
»Hallo? Ich verstehe Sie nicht. Können Sie mich hören?« Ich wartete. Nichts. »Die Verbindung ist schlecht. Am besten versuchen Sie es gleich noch einmal.«
Ich wollte gerade auflegen, als das Knistern plötzlich aufhörte und eine leise und sehr verwirrt klingende Stimme sagte: »Jen?«
Ich saß mucksmäuschenstill auf meiner weißen Tagesdecke. Dann kam ich zu dem Schluss, dass ich die Telefone verwechselt haben musste. Ich betrachtete prüfend das Gerät. Kein Zweifel. Mein geschäftliches Handy. Oben stand deutlich sichtbar Treo. Mein Privathandy dagegen war rosa und schon vom Gewicht her nicht mit dem Treo zu vergleichen. Trotzdem musste ich erst den Schriftzug lesen, um es zu glauben.
»Jen, bist du das?«
Ich kannte diese Stimme. Ich kannte sie seit Jahren.
Es bestand nicht der geringste Zweifel. Die Verbindung war nun kristallklar und völlig störungsfrei. Welche bittere Ironie. Genau diese Stimme hatte ich schon die ganze Woche hören wollen.
Allerdings nicht durch dieses Telefon, verdammt noch mal!
»Hallo?« Die Stimme klang fragend. Verlangte, zur Kenntnis genommen zu werden. Und bald würde sie auch eine Erklärung verlangen.
Ich räusperte mich und versuchte, wie eine Achtzigjährige zu klingen, die ihr Leben lang vergeblich gegen ihre Sucht nach Virginia Slims angekämpft hat. »Ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?«
Ich hätte auf der Stelle auflegen und den ganzen Abend nicht mehr rangehen sollen.
Ich hätte eine ganze Menge anders machen sollen.
Aber ich tat es nicht, und jetzt wusste die Stimme Bescheid.
»Jen, bist du das?«, wiederholte sie, nun leicht verärgert. So einfach würde sie sich nicht abwimmeln lassen.
Ich seufzte und gab auf. »Ja, Sophie, ich bin’s.«
Langes Schweigen. Dann ein kurzes, aber sehr entschiedenes Klick.
Ich sah auf das Display. »Anruf beendet«, stand da.
Das Telefon rutschte mir aus der schweißnassen Hand und versank zwischen den Falten meiner zerwühlten Tagesdecke. Ich stützte die Stirn in die Hand und schloss die Augen, weil ich wusste, dass dies zweifellos nicht nur das Ende eines Anrufes war.
Ich biss mir auf die Unterlippe und wartete ab. Wartete auf den neuerlichen Anruf, der unweigerlich kommen würde.
So, wie ich Sophie kannte, würde es eine Weile dauern, bis sie diese Erkenntnis verdaut hatte und die Welt wieder einen Sinn ergab. Sie glich manchmal einem alten Computer, der selbst für die einfachsten Tasks, das Öffnen eines Word-Dokuments oder das Wechseln zwischen zwei Fenstern, ein bisschen länger braucht. Ich sah förmlich die kleine Sanduhr über ihrem Kopf schweben, sah frustrierend langsam den Sand durchrieseln.
Mit diesem Task war sie allerdings hoffnungslos überfordert. Diesmal würde es mehr als nur ein bisschen länger dauern. Das geöffnete Programm wollte noch immer nicht laufen, und irgendwann würde unweigerlich der Computer abstürzen.
Noch nie hatte sich meine Wohnung in den eineinhalb Jahren, die ich nun hier lebte, so leer angefühlt.
Dann klingelte das Telefon. Nicht das geschäftliche Handy, auch nicht das private Handy. Mein schnurloses Festnetztelefon. Und es fühlte sich mehr als passend an.
Diesmal wurde die Nummer nicht unterdrückt. Mein Display zeigte mir sogar den Namen, der zur Nummer gehörte.
»Hi«, sagte ich leise.
Wieder Schweigen. Sie hatte meine Nummer gewählt, bevor die Denkprozesse beendet waren. Sie brauchte mehr Zeit. Und ich würde warten.
»Hi«, erwiderte sie schließlich.
Ich stellte mir vor, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Ein Dialogfenster nach dem anderen poppte auf, so schnell, dass sie schon damit überfordert war, die Fragen nach ihrer Priorität zu sortieren. Wenn sie nicht bald Antworten erhielt, würde demnächst unweigerlich die Fehlermeldung »unzulässiger Vorgang« über den Bildschirm flimmern und den ganzen Computer lahmlegen.
Und dann hatte sie plötzlich auf wundersame Weise den gesamten Datenstrom verarbeitet und eine einfache Frage generiert, die quasi alle anderen, gleichzeitig laufenden Prozesse überflüssig machte.
»Du bist Ashlyn?«, fragte sie matt.
Ich nickte, wohlwissend, dass sie mich nicht sehen konnte, und zugleich dankbar für diesen Umstand. Ich war noch nicht bereit, mein Geheimnis mit ihr zu teilen. Ich war noch darauf fixiert, ihr Lügenmärchen aufzutischen und mich wegen fiktiven Tragödien von ihr trösten zu lassen.
Und vor allem hatte sie es nicht auf diese Art und Weise herausfinden sollen.
So viel zu meiner Überzeugungsarbeit. Ich hatte versucht, Sophie von ihrem Vorhaben abzubringen, und sie war hingegangen und hatte ihre Bekannte im Büro noch einmal nach der Nummer gefragt. Nach meiner Nummer. Hätte ich mir denken können. Niemand weiß besser als ich, dass sich eine Frau auf der Suche nach der Wahrheit genauso wenig aufhalten lässt wie ein Mann auf der Jagd nach Sex.
»Ja, ich bin Ashlyn«, gestand ich beschämt. Ich wusste, mit welcher Reaktion ich rechnen konnte. Ich wusste, was sie davon halten würde. Also holte ich tief Luft und rüstete mich.
»Du bist Ashlyn, die Treuetesterin?« Sie wartete offenbar noch darauf, dass ich losprustete und »April, April!« rief. Dass ich ihr offenbarte, ihrer Arbeitskollegin aufgetragen zu haben, Sophie meine Nummer zu geben, um ihr eine Lektion zu erteilen. Ihr mitteilte, dass es gar keine Ashlyn gab. Dass ich mir das alles bloß ausgedacht hatte. Überraschung! Reingelegt!
Das hätte ich zweifellos tun können. Doch ich sagte lediglich: »Ja.«
»Wie kann das sein? Ich dachte, du arbeitest für eine Investment Bank.«
»Hab ich auch, bis vor zwei Jahren.«
Wieder Schweigen. Weitere Daten, die verarbeitet werden mussten.
»Weißt du noch, meine Beförderung vor etwas mehr als zwei Jahren? Das größere Büro, das neue Handy?«
»Jaaa...«, sagte sie zögernd.
Damit war der Code geknackt, unverständliche Buchstabenreihen verwandelten sich in eine Geschichte. Eine Geschichte über ein Leben, von dem sie nicht das Geringste wusste. Und sie konnte nicht fassen, was ihr alles entgangen war.
»Also, das war gar keine Beförderung.«
»Aber... Wie viele? Und warum hast du’s mir nicht erzählt? Und...«
»Ich konnte es dir nicht erzählen!«, sagte ich nachdrücklich. »Ich konnte es niemandem erzählen. Keiner weiß es. Es war eine Entscheidung, die ich ganz allein getroffen habe. Etwas, das ich für mich tun musste. Und außerdem hatte ich Angst, du würdest es nicht gutheißen.«
»Natürlich hätte ich es nicht gutgeheißen! Verheiratete Männer, Jen! Ehemänner! Und du hast sie geküsst?«
Ich ließ den Kopf hängen. »M-hm.«
»Und du hast dich von ihnen anfassen lassen?«
Ihre Stimme troff vor Abscheu. Die Bilder in ihrem Kopf geisterten über die leeren weißen Wände meines Schlafzimmers wie über eine riesige Kinoleinwand.
In diesem Moment waren wir eins. Ein Verstand. Ein Gedanke. Eine Vision.
Und diese Vision gefiel mir ganz und gar nicht.
»M-hm«, würgte ich mit Tränen in den Augen hervor. Ich blinzelte.
»Ich... ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
Ich kniff die Augen zusammen. »Hör mal, Sophie, was hältst du davon, wenn ich zu dir komme und wir uns bei einer Flasche Wein darüber unterhalten? Dann erzähle ich dir alles. Ich fange am Anfang an und höre erst auf, wenn du verstehst, was dahintersteckt. Meine Beweggründe, meine Motive. Ich habe gute Gründe, das schwöre ich dir. Ich werde es dir beweisen.«
»Ich will dich jetzt nicht sehen«, stieß sie rasch hervor. Ihre Stimme klang reserviert. Sophie wohnt keine fünf Autominuten weit weg, ganz egal, zu welcher Tageszeit, aber in diesem Augenblick war sie Lichtjahre entfernt.
Eine Distanz, die selbst Südkaliforniern ein Begriff ist.
»Okay«, murmelte ich, während sich die erste Träne erfolgreich einen Weg unter meinen fest zusammengepressten Augenlidern hervorbahnte und triumphierend den langsamen Siegeszug über meine Backe antrat.
»Du kommst mir vor wie eine völlig Fremde.«
Ich öffnete die Augen. Mehrere Tränen folgten dem Beispiel der einsamen Vorreiterin. »Ich bin’s Soph! Ich bin noch immer haargenau derselbe Mensch. Wenn ich mich in den vergangenen zwei Jahren nicht verändert habe, wie soll ich mich dann in den letzten zwei Minuten verändert haben?«
»Und ob du dich verändert hast!«, protestierte sie. »Du bist gar nicht die, für die du dich ausgibst. Du bist ein total anderer Mensch. Du hast sogar einen anderen Namen!«
»Das ist doch bloß ein Künstlername«, schniefte ich. »Eine Rolle, in die ich schlüpfe. Wie im Theater oder im Film. So wie Ellen Pompeo in Grey’s Anatomy Meredith ist. Wie Evangeline Lilly, die als Kate Austen in Lost mitspielt. Ich spiele eben Ashlyn... eine Frau, die von Ehefrauen beauftragt wird, die Seitensprünge ihrer Männer aufzudecken.«
Sophie war nicht überzeugt. »Grey’s Anatomy und Lost sind Fernsehserien. Das ist Fiktion, im Gegensatz zu dem, was du tust. Das ist real, Jen! Das sind echte Menschen! Es ist nicht so wie früher, als wir Psychologin und Patientin oder Vater-Mutter-Kind gespielt haben.« Sie zögerte. »Wer hätte gedacht, dass du als Erwachsene mal Ehen ruinieren würdest.«
»Du wolltest mich doch engagieren!«, konterte ich und wischte mir mit dem Handrücken die Nase ab. »Du wolltest mich damit beauftragen, deine Beziehung zu ruinieren!«
»Da wusste ich noch nicht, dass du dahintersteckst!«
»Was macht es denn für einen Unterschied, ob ich dahinterstecke oder deine Nachbarin oder meinetwegen Marilyn Monroe? Du wolltest dasselbe wie alle meine Auftraggeberinnen. Etwas, das ich ihnen verschaffen kann: Gewissheit.« Ich fuhr mit der Hand über die weiße Decke unter meinem Knie. »Und jetzt hasst du mich dafür, dass ich es ihnen geliefert habe?«, fragte ich leise.
Sophie antwortete nicht sofort. Ich hörte sie atmen. Wenn sie sich aufregt, geht ihr Atem immer kurz und stoßweise. »Ich brauche ein bisschen Zeit zum Nachdenken.«
»Okay«, murmelte ich. Es stand mir nicht zu, sie von meinem Standpunkt zu überzeugen. Mit welchem Argument hätte ich sie davon abbringen können, mich zu hassen? Wie hätte ich sie noch dazu bewegen sollen, mich zu akzeptieren, mich und meine Arbeit?
Doch als ich auflegte, wusste ich immerhin eines sicher, und dieses Wissen fand ich tröstlich: Sie würde jetzt nicht einmal mehr im Traum daran denken, ihren Verlobten auf die Probe zu stellen. Ich war endlich angekommen, auch wenn ich den längsten, holprigsten Weg gewählt hatte: Ich hatte reinen Tisch gemacht. Sophie wusste Bescheid. Keine Geheimnisse mehr. Keine Ausreden. Keine Lügen.
Und obwohl ich mich mein Lebtag noch nie so beunruhigend leer gefühlt hatte, ortete ich tief in meinem Inneren, unter der Frustration, unter der schrecklichen Angst davor, meine beste Freundin zu verlieren, erste Anzeichen von Gelassenheit.
Bis es eine halbe Stunde später an meiner Tür klopfte.
Durch den Spion erspähte ich Sophies ungekämmtes Haar, ihr ungeschminktes Gesicht, ihre unvorteilhafte rosa Jogginghose. Ich setzte ein tapferes Lächeln auf und öffnete schwungvoll die Tür.
Sie stand auf meinem Fußabstreifer, reglos, sichtlich unentschlossen, ob sie eintreten sollte oder nicht. Als wäre sie den Anweisungen ihres Routenplaners bis hierher gefolgt und wüsste nun nicht weiter.
Ich lehnte den Kopf an den Türrahmen und sah sie mit flehenden Augen an. Nicht um Verzeihung, sondern um Verständnis flehend. Um Unterstützung. Um bedingungslose Freundschaft.
Ich konnte nicht ahnen, dass sie hier war, um mir etwas zu sagen, das nicht so sehr ein Freundschaftsbeweis von ihrer Seite war... sondern im Gegenteil einen von mir erforderte.
Rückblickend betrachtet, hatte ich sie unterschätzt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich upgraden lassen, einen schnelleren Prozessor zugelegt haben könnte. Dass sie die neu gewonnene Erkenntnis nicht nur akzeptieren würde, sondern diese Erkenntnis in der Folge auch ihr gesamtes Systems korrumpieren könnte. Wie ein Virus.
Sie straffte die Schultern, sah mir geradewegs in die Augen und sprach mit fester Stimme aus, was sie sich auf dem kurzen Weg hierher unzählige Male vorgesagt haben musste: »Ich will trotzdem, dass du Eric testest.«
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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