25
Rote Bohnen und roher Fisch
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Mom und Julia gingen weiter, ohne es zu bemerken. Ich dachte fieberhaft nach. Wahrscheinlich hatte Hannah einen Teil meines Telefonats mitgehört. Ich musste mir eine Erklärung ausdenken, und zwar rasch. Man möchte meinen, dass ich das Lügen inzwischen aus dem Effeff beherrsche, aber ich muss mir selten so aus dem Stegreif eine Geschichte aus den Fingern saugen. Schon gar nicht für meine heißgeliebte kleine Nichte, die ich noch weniger gern anschwindle als alle anderen.
»Ähm …«, stotterte ich, um Zeit zu gewinnen. »Ashlyn ist … mein Boss in der Arbeit. Sie ist übers Wochenende weggefahren, aber das will sie ihren Klienten nicht verraten, deshalb hat sie mich gebeten, so zu tun, als wäre ich sie, wenn jemand anruft.«
Puh. Nicht übel. Julia und Mom waren inzwischen bei Julias Chrysler angekommen, der unten am Straßenrand stand. Ich schickte mich an, ihnen zu folgen, da bemerkte ich Hannahs verwirrte Miene. Sie sah aus, als hätte meine Antwort nur noch mehr Fragen aufgeworfen.
Was hatte sie nur? Meine Erklärung für die Tatsache, dass ich mich am Telefon mit Ashlyn gemeldet hatte, war doch absolut glaubwürdig gewesen. Dann erschrak ich. Meine Arme und Beine fühlten sich mit einem Mal zentnerschwer an.
Ich melde mich nie mit Ashlyn. Ich achte sogar ausdrücklich darauf, es nicht zu tun.
Von Panik erfasst, rief ich mir das Gespräch mit Karen Howard in Erinnerung. »Ja, hallo, Ashlyn?«, hatte sie gesagt, und ich hatte erwidert: »Darf ich fragen, mit wem ich spreche?« Den Namen Ashlyn hatte ich gar nicht erwähnt.
Ich sah zu Hannah hinunter, die offenbar ebenfalls angestrengt nachdachte. Überlegte, wie meine Worte zu den bereits vorhandenen Puzzlestücken passten. Sie wusste, meine Erklärung musste irgendeinen Sinn ergeben. Ihre Tante würde sie doch sicher nicht anlügen, oder?
Ich legte ihr zitternd eine Hand auf die Schulter und tat, als wäre alles in bester Ordnung. »Wo hast du diesen Namen denn überhaupt aufgeschnappt?« Mir graute vor der Antwort.
Sie biss sich auf die Lippe und sah zu mir hoch, blinzelte in die Sonne, die die Lobby meines Wohnhauses durchflutete. »Der stand in dem Brief.«
Ich bekam weiche Knie und ein sehr flaues Gefühl im Magen. Zum Glück konnte ich mich an ihrer Schulter abstützen, sonst wäre ich garantiert gestrauchelt. Ich zwang mich, tief durchzuatmen. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren.
»Was für ein Brief?«, fragte ich mit mühsam gespielter Nonchalance.
»Neulich ist ein richtiger Brief für mich gekommen. Mit der Post.«
»Von wem?«, platzte ich unwillkürlich heraus. Da war’s dann wohl mit meiner Fassung.
Sie zuckte die Achseln, ohne zu wissen, was ich gerade für Höllenqualen durchlitt. »Keine Ahnung.« Nun spürte wohl auch sie, dass etwas im Busch war, denn sie sah zu mir hoch und fragte: »Warum, was ist los?«
»Was stand drin?«, hakte ich nach.
Sie zog die Nase kraus, während sie sich das ominöse Schriftstück in Erinnerung rief. »Ähm, es war ein Bild drin. Besser gesagt, eine Fotokopie von einem Bild. Einem Foto.«
Ich nickte. »Und wer ist darauf zu sehen?«
»Du«, erwiderte sie, als wäre das sonnenklar.
Ich nickte und zwang mich, gleichmäßig zu atmen. Jetzt bloß nicht anfangen, zu hyperventilieren.
»Du bist in einem Restaurant oder einer Bar und redest mit einem Mann«, fügte sie hinzu, sichtlich stolz auf ihr gutes Erinnerungsvermögen.
»Aha.« Meine Kehle war wie ausgetrocknet.
»Und auf der Rückseite stand: ›Das ist Ashlyn. Sieht doch aus wie Deine Tante Jennifer, nicht?‹«
Ich fuhr mir mit den Fingern durchs Haar und schloss die Augen.
»Ashlyn ist ein hübscher Name«, sagte sie, wie um mich aufzumuntern.
»Hast du den Brief deiner Mutter gezeigt?«, fragte ich panisch.
»Nein.« Sie klang gekränkt, als würde sie gleich ein »Wo denkst du hin?« hinterherschieben.
»Gut.« Ich tätschelte ihr den Arm. »Am besten zeigst du ihn niemandem und redest auch nicht darüber. Okay?« Meine Stimme klang schrill, wie kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
»Okay.« Wir verließen das Gebäude und gingen in Richtung Auto. »Aber wie kann Ashlyn deine Chefin sein?«, fragte sie.
Ich blieb stehen. »Sie ist nicht meine Chefin. Es gibt keine Ashlyn. Ich nenne mich nur manchmal so«, sagte ich und zuckte die Achseln. Natürlich war das eine mehr als dürftige Erklärung, aber sie musste genügen.
Hannah musterte mich mit Fragezeichen in den Augen. Als wäre ich plötzlich eine Unbekannte. Als wollte sie sagen: Ich will meine Tante Jennifer wieder! »Aber warum schickt mir dann jemand einen …«
»Weißt du was?«, unterbrach ich sie. Ich brauchte mehr Zeit, um mir eine glaubwürdige Geschichte auszudenken, also sagte ich: »Ich erkläre es dir ein andermal. Es ist ein großes Geheimnis, und unsere Mütter dürfen auf keinen Fall dahinterkommen.«
Das war genau das, was sie hatte hören wollen. Sie grinste verschwörerisch, dann presste sie die Lippen zusammen und tat, als würde sie sie mit einem Reißverschluss verschließen und obendrein mit einem Schlüssel versperren. Anschließend verstaute sie den unsichtbaren Schlüssel in ihrer Hosentasche.
Ich grinste zurück, als würde mir diese kindliche Scharade riesigen Spaß bereiten, doch meine Gedanken rasten.
Offenbar hatte Raymond Jacobs die zweite Phase seiner Erpressung eröffnet, dabei war von der vereinbarten zweiwöchigen Frist gerade mal die Hälfte verstrichen! Tja, ich schätze, das ist die Regel Nummer eins bei Erpressungen – dass es keine Regeln gibt.
Auf dem Weg zu meinem Lieblingsmexikaner sah Hannah zufrieden aus dem Autofenster, vor dem die Straßen von Brentwood vorbeizogen, und malte sich höchstwahrscheinlich in den schillerndsten Farben aus, worum es sich bei meinem Geheimnis handeln konnte. Vielleicht hatte ich ja eine Affäre mit dem Gärtner, wie Gabrielle in der Folge von Desperate Housewives, die wir neulich bei mir gesehen hatten, weil ihre Mom sie solche Sendungen nicht gucken ließ? Oder ich führte ein Doppelleben, hatte einen Mann und zwei Kinder in Oregon, die ich nur zweimal im Monat sah? Was auch immer es sein mochte, es musste etwas höchst Aufregendes sein.
Ich starrte ebenfalls aus dem Fenster, doch meine Gedanken drehten sich nicht um Gärtner oder verzweifelte Hausfrauen. Ich fragte mich, ob Raymond Jacobs von Jamie wusste oder nicht. Wenn nicht, dann würde es garantiert nicht lange dauern, bis er es herausfand.
 
Abends rief mich Jamie an, um sich zu vergewissern, dass unsere Verabredung für Dienstag noch aktuell war.
Ich dachte an seine Visitenkarte auf meinem Esstisch. An meine misslungenen Versuche, unser Date abzusagen, weil mein Leben auch ohne ihn schon kompliziert genug war. Und an meine Angst, Raymond Jacobs könnte von Jamies Existenz erfahren und auch ihn als Druckmittel gegen mich einsetzen. Eine weitere Sorte Kryptonit.
Aber ich wusste, es gab nur eine Antwort auf Jamies Frage.
Und diese Antwort war ja.
Denn Jamie war mein Ausweg.
Das wurde immer offensichtlicher, mit jedem Moment, den wir gemeinsam verbrachten, und als er am Dienstagabend vor meiner Tür stand, bestätigte sich das Gefühl erneut.
Bis jetzt hatte es kein Entkommen gegeben. Ich war in den vergangenen zwei Jahren eine Gefangene meiner eigenen Gedanken und Gefühle gewesen. Ich hatte geahnt, dass es einen Schlüssel gab, mit dem ich die Tür hätte aufschließen können. Aber ich hatte so große Angst vor dem, was mich auf der anderen Seite erwartete, dass ich es vorgezogen hatte, eingesperrt zu bleiben. Doch sobald mir klar geworden war, was diesem seltsamen Gefühl der Freiheit zugrunde lag, wusste ich, ich wollte mehr. Ich wusste, ich wollte es immer spüren. Die Zeichen waren unmissverständlich.
Ich wollte aussteigen.
Es gibt eine Bezeichnung für den Zustand, in dem ich mich befand: auf Wolke sieben schweben. Ich fühlte mich, als würde ich weit über meinem Alltagsleben schweben. Alles sah so winzig aus von dort oben, fühlte sich ruhig und entspannt an.
Und einen Augenblick lang dachte ich tatsächlich, so wäre es auch.
Leider ist der Aufenthalt auf Wolke sieben trügerisch. Der Zustand reiner Glückseligkeit täuscht, und er macht einen blind für Details, die man sonst garantiert bemerken würde. Zum Beispiel die seltsamen Blicke, die Jamie und ich ernteten, als wir an diesem Abend das Sushi-Restaurant betraten. Ich kümmerte mich gar nicht darum. Und auch das Flüstern, als wir uns setzten, ignorierte ich.
Ich hätte mich fragen sollen, weshalb wir angestarrt wurden, weshalb geflüstert wurde. Hatte ich etwa einen Fleck auf dem Kleid? Aber wie gesagt, wenn man dort oben auf Wolke sieben sitzt, sieht alles rosig aus. Ich ging davon aus, dass wir angestarrt wurden, weil wir ein süßes Paar abgaben und so verliebt wirkten. Ich konnte an diesem Abend jedenfalls an nichts anderes denken.
Deshalb beachtete ich unsere Umgebung kaum, vergaß das Geflüster, sobald mich Jamie über den Tisch hinweg anlächelte.
»Ich hoffe, du magst Sushi?«
»Ich vertraue niemandem, der Sushi nicht mag«, sagte ich.
»Das ist mein Mädchen.«
Mein Herz tat einen Sprung. Hatte er mich gerade als sein Mädchen bezeichnet? So wie in »das einzige Mädchen«? Das er mit niemandem teilen wollte?
Vor zwei Wochen noch hätte mich ein derartiger Kommentar in die Flucht getrieben, doch heute Abend wäre ich ihm bei diesen Worten beinahe um den Hals gefallen und hätte mich an ihn geklammert wie ein Äffchen. Für immer.
Was ich natürlich unterließ. Wie hätte das denn ausgesehen.
Bei Jamie durfte ich einfach ich selbst sein. Um ehrlich zu sein, hatte ich – im Gegensatz zu Ashlyn – normalerweise keine großen Chancen bei Männern. Ich verbrachte die Samstagabende daheim vor dem Fernseher und zog mir die für Single-Frauen wie mich entworfenen langweiligen TV-Shows rein. Das typische Mauerblümchen. Meistens unbeachtet. Ashlyn bekam die ganze männliche Aufmerksamkeit ab. Sie hatte stets einen geistreichen Kommentar oder eine unterhaltsame Geschichte auf Lager, während ich mir meine Brötchen offiziell mit Zahlenjonglieren verdiente.
Aber Jamie mochte mich trotzdem. Er lachte über meine Witze, machte mir Komplimente für mein Aussehen, und bei seinen Küssen bekam ich weiche Knie. Für ihn existierte diese Ashlyn, die mir in letzter Zeit so viele Schwierigkeiten eingebrockt hatte, gar nicht.
»Was magst du am liebsten?«, fragte Jamie, während er die Karte studierte.
»Hm, mal überlegen. Große Männer, schnelle Autos, laute Musik und halluzinogene Drogen«, zählte ich auf.
Er sah mich über den Rand seiner Karte hinweg an. »Mist, und ich habe die Pilze in der anderen Hose vergessen.«
Ich seufzte theatralisch. »Okay, dann nehme ich eben die Maguro Maki, mit Thunfisch und Chili.« Ich legte die Karte auf den Tisch und sah ihn an. Dabei streifte mein Blick aus unerfindlichen Gründen zwei Männer an einem der anderen Tische. Sie starrten auffällig zu uns herüber und unterhielten sich lebhaft, dann nahm der eine seinen BlackBerry zur Hand, drückte ein paar Knöpfe und hielt seinem Gegenüber das Display unter die Nase. Sie musterten mich und nickten.
Plötzlich klopfte mir das Herz bis zum Hals.
Wie hatte ich nur so unachtsam sein können? Warum hatten mich die Blicke, das Geflüster nicht misstrauisch gemacht? Es war total offensichtlich – diese Leute hatten die verdammte Webseite mit den Bildern von mir gesehen! Sie hatten die E-Mail mit dem Link erhalten und mich erkannt. Und jetzt saß ich hier, benahm mich, als wäre ich bis über beide Ohren verliebt, total hin und weg von Jamie …
Oh Gott. Sie glauben, dass ich Jamie testen will!
»Was ist denn los?«, erkundigte sich Jamie, dem mein Stimmungsumschwung nicht entgangen war, und reckte den Hals. »Ist irgendein Star hereingekommen?«
Ich hörte es kaum. Ich saß da wie gelähmt und konnte nicht fassen, was geschah. Was um alles in der Welt sollte ich jetzt tun? Und was kam morgen? Und übermorgen? Würde ich je wieder in einem Restaurant essen können, oder musste ich künftig mit einer Perücke aus dem Haus gehen, um mein Geheimnis vor Jamie zu wahren?
Ich riss entsetzt die Augen auf, als sich einer der beiden Männer erhob und gemächlich auf uns zukam.
Das durfte doch nicht wahr sein! Ich blinzelte, hoffte inständig, jemand möge mir eine halluzinogene Droge in den grünen Tee getan haben.
Wenn ich mich doch nur den Rest des Abends hinter der Speisekarte hätte verstecken können, damit mich niemand bemerkte! Dummerweise haben Kellnerinnen die schlechte Angewohnheit, ihren Gästen die Speisekarte wieder wegzunehmen, also blieb mir wohl nichts anderes übrig, als schleunigst von der Bildfläche zu verschwinden.
»Apropos Star«, fuhr Jamie arglos fort. »Ich habe mal beim Mittagessen mit einem Kollegen Jennifer Garner …«
»Mir ist auf einmal so komisch«, unterbrach ich ihn und hustete ein wenig, zwecks Glaubwürdigkeit.
»Echt?«, fragte er besorgt. »Grassiert wieder mal eine Darmgrippe?«
»Gut möglich«. Ich fasste mir an den Bauch. »Ich glaub, ich gehe lieber. Roher Fisch wäre jetzt bestimmt nicht das Richtige.«
»Wie du willst«, sagte er zuvorkommend.
Er hatte den Satz noch nicht beendet, da hatte ich bereits den Stuhl zurückgeschoben, sodass die Beine geräuschvoll über den Boden schrammten, und war aufgesprungen. »Dann mal los.« Ich versuchte, ruhig zu klingen, obwohl meine Stimme zu kippen drohte.
Jamie nahm sich die Serviette vom Schoß und erhob sich ebenfalls. »Willst du nach Hause oder soll ich dich lieber ins Krankenhaus bringen?«
»Nein! Das wird schon wieder. Ich muss mich bloß eine Weile hinlegen.« Auf dem Weg zum Vorderausgang würden wir dem Typ, der auf unseren Tisch zukam, unweigerlich in die Arme laufen, also packte ich Jamie am Arm und zog ihn hinter mir her zum Hinterausgang des Restaurants.
»Warte, der Ausgang ist doch da drüben.« Jamie legte mir sanft die Hand auf den Arm und vollführte eine Kehrtwende.
Ich zermarterte mir das Hirn, doch mir wollte partout kein vernünftig klingender, triftiger Grund einfallen, weshalb wir das Restaurant durch die hintere Tür verlassen sollten. Oder durch ein Toilettenfenster.
Der Mann sah mir in die Augen und grinste vielsagend. Er wusste genau, wer ich war. Und er wusste, was ich vorhatte.
Er baute sich vor uns auf und sagte, zu mir gewandt: »Verzeihung, Sie kommen mir so bekannt vor.«
»Ach, ja?«, entgegnete ich nonchalant und versuchte, mit Jamie im Schlepptau um ihn herumzugehen. »Das höre ich oft. Ich habe ein ziemliches Allerweltsgesicht.«
Doch er stellte sich uns erneut in den Weg und warf Jamie einen eindringlichen Blick zu, als wollte er ihn warnen: Vorsicht, diese Frau ist nicht, wer sie zu sein vorgibt.
»Sie heißen doch Ashlyn, nicht wahr?«, fragte er mich.
Ach du Sch …
Jamie schaute erstaunt von mir zu dem Mann und wieder zurück.
Tief durchatmen, Jen. Ich setzte eine unschuldige Miene auf, als würde mir der Name Ashlyn ungefähr so viel sagen wie der einer unbekannten russischen Ballerina auf dem Programmheft zu Schwanensee.
»Tut mir leid«, ich lächelte entschuldigend, »Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.«
Ich tat einen weiteren Schritt zur Tür, um mich in Sicherheit zu bringen, gefolgt von einem verwirrten Jamie, der es sichtlich kaum erwarten konnte, das Restaurant zu verlassen, damit er mir Löcher in den Bauch fragen konnte.
»Das glaube ich kaum«, erwiderte der Mann und packte mich am Arm.
Ich kniff die Augen zu, in mein Schicksal ergeben. Das war’s dann. Das Ende. Haku Sushi in der Main Street würde als mein persönliches Waterloo in die Geschichte eingehen.
Jetzt wandte sich der Typ an Jamie. »Tut mir leid, dass Sie es von mir erfahren müssen, aber …«
Da ergriff Jamie zu meiner Verblüffung die Hand, die mich zurückhielt und entfernte sie »sanft« von meinem Arm. »Ich fürchte, Sie irren sich«, stellte er fest und bedachte den Mann mit einem warnenden Blick. »Wenn Sie uns nun bitte in Ruhe lassen würden.«
»Wie Sie wollen, Mann.« Der Typ trat einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. »Aber sagen Sie hinterher nicht, es hätte Sie niemand gewarnt. Das ist Ihr Untergang.«
Damit machte er auf dem Absatz kehrt, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und ging zu seinem Platz zurück.
»Oh, die frische Luft tut gut. Ich fühle mich schon viel besser«, verkündete ich, sobald wir draußen auf dem Parkplatz waren. Wie groß war wohl die Chance, dass Jamie nicht auf den Vorfall von eben zu sprechen kam?
»Was war denn das da drin gerade?«
Okay. Offenbar gleich null.
Das schlechte Gewissen plagte mich, als ich ihm in die Augen sah, in denen sich eine arglose Neugier spiegelte, der Wunsch, einfach alles über mich zu wissen. Insbesondere, weshalb wildfremde Männer mich Ashlyn nannten und ihn vor mir warnen wollten. Schlagartig wurde mir eines klar.
Ich musste es ihm sagen.
Wenn diese Beziehung von Dauer sein sollte, wenn ich es wirklich versuchen wollte, dann musste er Bescheid wissen. Dann musste absolute Ehrlichkeit zwischen uns herrschen.
Ich schluckte schwer und lehnte mich an seinen Wagen. »Jamie …« Ich spürte, wie die Wahrheit in mir aufstieg. Es war Zeit. Zeit, reinen Tisch zu machen. Zeit, ihm alles zu gestehen, damit wir eine auf Aufrichtigkeit und Vertrauen basierende Partnerschaft eingehen konnten. Ich wusste, es war möglich. Wir mussten nur eine Chance bekommen.
»Ich habe keine Ahnung«, beendete ich den Satz und seufzte.
Okay. Vielleicht war es doch noch nicht Zeit.
»Aber ich habe wirklich ein Allerweltsgesicht. Ich werde ständig verwechselt.« Ich konnte nur hoffen, dass er es mir abkaufte.
»Hmm«, sagte er. »Interessant.« Aber wie es schien, gab er sich entweder mit meiner schamlosen Lüge zufrieden, oder er hatte keine Lust, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, denn er fragte: »Und, wie fühlst du dich? Soll ich dich nach Hause fahren?«
So ungern ich unser Date vorzeitig beendete, hielt ich es doch für das Klügste, meine kleine Showeinlage mit dem Titel Ich habe mir etwas eingefangen fortzusetzen. Ich wollte Jamie keinen zusätzlichen Grund liefern, mir zu misstrauen. Also nickte ich. »Das wäre wohl das Beste.«
Er legte mir die Hand auf die Wange und küsste mich. »Okay, Süße. Aber eine Frage habe ich noch.«
Na, toll, dachte ich. Zu früh gefreut. So leicht lässt er sich doch nicht abspeisen. Er wird weiter nachhaken, bis ich unter dem Druck zusammenbreche und ihm alles erzähle.
»Nämlich?«, fragte ich beiläufig.
»Ich muss demnächst geschäftlich nach Paris und …«
»Und jetzt willst du mich bitten, deine Blumen zu gießen?« Ich grinste.
Er lachte. »Nein. Das wäre wohl irgendwie seltsam, nicht?«
Ich war erleichtert über den Themenwechsel.
»Ehrlich gesagt, wollte ich dich bitten, mich zu begleiten.«
Es gibt Augenblicke im Leben, da wäre es angebracht, dass sich in unserem Gesicht Erregung, Enthusiasmus, Entzücken, Ekstase widerspiegeln, irgendeines dieser E-Wörter. Doch ich war wie betäubt. Ich brachte kein Wort heraus. Stand da mit offenem Mund und überlegte, ob das vielleicht ein Scherz sein sollte, dessen Pointe auf dem Fuß folgen würde.
»D-d-dich begleiten? Nach Paris?«, stammelte ich schließlich.
Er nickte lächelnd und sichtlich aufgeregt. »Oui
»Im Ernst?« Meine Zweifel waren meiner Stimme deutlich anzuhören.
»Ja, im Ernst. Kommst du mit?«
»Ähm, ja!«, erwiderte ich wie aus der Pistole geschossen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Meine maladie imaginaire war plötzlich wie weggeblasen. Ich hüpfte vor Freude auf und ab wie ein kleines Mädchen, das gerade erfahren hat, dass ein Besuch in Disney World ansteht. Ich konnte mich gar nicht genau erinnern, wann ich zuletzt auf und ab gehüpft war … jedenfalls ohne Springseil.
»Ich glaub es nicht! Paris?«
»Freut mich, dass du dich freust«, stellte Jamie fest.
»Na klar freue ich mich! Paris! Ich liebe Paris!«
Übersetzung: Ich liebe Paris, wenn ich nicht mit dem Mann einer anderen dort bin.
Jamie ergriff meine Hand. »Gut.« Er sah mir tief in die Augen und fügte dann hinzu: »Als ich davon erfahren habe, musste ich sofort an dich denken. Aus irgendeinem Grund konnte ich mir nicht vorstellen, ohne dich zu fahren. Ist das nicht verrückt?«
Ich schüttelte stumm den Kopf. Das war das Verrückteste an der ganzen Sache: Es war nicht verrückt. Und ich kenne mich aus mit Verrücktheiten.
Er drückte meine Hand. »So, und jetzt ab nach Hause und ins Bett mit dir.«
Jamie schloss die Tür hinter mir, nachdem ich mich über das ganze Gesicht strahlend in seinen Jaguar gesetzt hatte. Ich strahlte, als wären mir nicht sämtliche Übel aus Pandoras Büchse auf den Fersen. Strahlte wie eine Frau eben strahlt, wenn der Mann, in den sie sich gerade verliebt, mit ihr nach Paris will.
Und in diesem Augenblick, auf dem Parkplatz eines trendigen Sushi-Restaurants in Santa Monica, drehte sich die Erde plötzlich langsamer, die Tür meiner Gefängniszelle schwang auf und mein Herz öffnete sich.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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