25
Rote Bohnen und roher
Fisch
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Mom und Julia gingen weiter, ohne es zu bemerken.
Ich dachte fieberhaft nach. Wahrscheinlich hatte Hannah einen Teil
meines Telefonats mitgehört. Ich musste mir eine Erklärung
ausdenken, und zwar rasch. Man möchte meinen, dass ich das Lügen
inzwischen aus dem Effeff beherrsche, aber ich muss mir selten so
aus dem Stegreif eine Geschichte aus den Fingern saugen. Schon gar
nicht für meine heißgeliebte kleine Nichte, die ich noch weniger
gern anschwindle als alle anderen.
»Ähm …«, stotterte ich, um Zeit zu gewinnen.
»Ashlyn ist … mein Boss in der Arbeit. Sie ist übers Wochenende
weggefahren, aber das will sie ihren Klienten nicht verraten,
deshalb hat sie mich gebeten, so zu tun, als wäre ich sie, wenn
jemand anruft.«
Puh. Nicht übel. Julia und Mom waren inzwischen bei
Julias Chrysler angekommen, der unten am Straßenrand stand. Ich
schickte mich an, ihnen zu folgen, da bemerkte ich Hannahs
verwirrte Miene. Sie sah aus, als hätte meine Antwort nur noch
mehr Fragen aufgeworfen.
Was hatte sie nur? Meine Erklärung für die
Tatsache, dass
ich mich am Telefon mit Ashlyn gemeldet hatte, war doch absolut
glaubwürdig gewesen. Dann erschrak ich. Meine Arme und Beine
fühlten sich mit einem Mal zentnerschwer an.
Ich melde mich nie mit Ashlyn. Ich achte sogar
ausdrücklich darauf, es nicht zu tun.
Von Panik erfasst, rief ich mir das Gespräch mit
Karen Howard in Erinnerung. »Ja, hallo, Ashlyn?«, hatte sie gesagt,
und ich hatte erwidert: »Darf ich fragen, mit wem ich spreche?« Den
Namen Ashlyn hatte ich gar nicht erwähnt.
Ich sah zu Hannah hinunter, die offenbar ebenfalls
angestrengt nachdachte. Überlegte, wie meine Worte zu den bereits
vorhandenen Puzzlestücken passten. Sie wusste, meine Erklärung
musste irgendeinen Sinn ergeben. Ihre Tante würde sie doch sicher
nicht anlügen, oder?
Ich legte ihr zitternd eine Hand auf die Schulter
und tat, als wäre alles in bester Ordnung. »Wo hast du diesen Namen
denn überhaupt aufgeschnappt?« Mir graute vor der Antwort.
Sie biss sich auf die Lippe und sah zu mir hoch,
blinzelte in die Sonne, die die Lobby meines Wohnhauses
durchflutete. »Der stand in dem Brief.«
Ich bekam weiche Knie und ein sehr flaues Gefühl im
Magen. Zum Glück konnte ich mich an ihrer Schulter abstützen, sonst
wäre ich garantiert gestrauchelt. Ich zwang mich, tief
durchzuatmen. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren.
»Was für ein Brief?«, fragte ich mit mühsam
gespielter Nonchalance.
»Neulich ist ein richtiger Brief für mich gekommen.
Mit der Post.«
»Von wem?«, platzte ich unwillkürlich heraus. Da
war’s dann wohl mit meiner Fassung.
Sie zuckte die Achseln, ohne zu wissen, was ich
gerade für Höllenqualen durchlitt. »Keine Ahnung.« Nun spürte wohl
auch sie, dass etwas im Busch war, denn sie sah zu mir hoch und
fragte: »Warum, was ist los?«
»Was stand drin?«, hakte ich nach.
Sie zog die Nase kraus, während sie sich das
ominöse Schriftstück in Erinnerung rief. »Ähm, es war ein Bild
drin. Besser gesagt, eine Fotokopie von einem Bild. Einem
Foto.«
Ich nickte. »Und wer ist darauf zu sehen?«
»Du«, erwiderte sie, als wäre das sonnenklar.
Ich nickte und zwang mich, gleichmäßig zu atmen.
Jetzt bloß nicht anfangen, zu hyperventilieren.
»Du bist in einem Restaurant oder einer Bar und
redest mit einem Mann«, fügte sie hinzu, sichtlich stolz auf ihr
gutes Erinnerungsvermögen.
»Aha.« Meine Kehle war wie ausgetrocknet.
»Und auf der Rückseite stand: ›Das ist Ashlyn.
Sieht doch aus wie Deine Tante Jennifer, nicht?‹«
Ich fuhr mir mit den Fingern durchs Haar und
schloss die Augen.
»Ashlyn ist ein hübscher Name«, sagte sie, wie um
mich aufzumuntern.
»Hast du den Brief deiner Mutter gezeigt?«, fragte
ich panisch.
»Nein.« Sie klang gekränkt, als würde sie gleich
ein »Wo denkst du hin?« hinterherschieben.
»Gut.« Ich tätschelte ihr den Arm. »Am besten
zeigst du ihn niemandem und redest auch nicht darüber. Okay?« Meine
Stimme klang schrill, wie kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
»Okay.« Wir verließen das Gebäude und gingen in
Richtung Auto. »Aber wie kann Ashlyn deine Chefin sein?«, fragte
sie.
Ich blieb stehen. »Sie ist nicht meine Chefin. Es
gibt keine Ashlyn. Ich nenne mich nur manchmal so«, sagte ich und
zuckte die Achseln. Natürlich war das eine mehr als dürftige
Erklärung, aber sie musste genügen.
Hannah musterte mich mit Fragezeichen in den Augen.
Als wäre ich plötzlich eine Unbekannte. Als wollte sie sagen: Ich
will meine Tante Jennifer wieder! »Aber warum schickt mir dann
jemand einen …«
»Weißt du was?«, unterbrach ich sie. Ich brauchte
mehr Zeit, um mir eine glaubwürdige Geschichte auszudenken, also
sagte ich: »Ich erkläre es dir ein andermal. Es ist ein großes
Geheimnis, und unsere Mütter dürfen auf keinen Fall
dahinterkommen.«
Das war genau das, was sie hatte hören wollen. Sie
grinste verschwörerisch, dann presste sie die Lippen zusammen und
tat, als würde sie sie mit einem Reißverschluss verschließen und
obendrein mit einem Schlüssel versperren. Anschließend verstaute
sie den unsichtbaren Schlüssel in ihrer Hosentasche.
Ich grinste zurück, als würde mir diese kindliche
Scharade riesigen Spaß bereiten, doch meine Gedanken rasten.
Offenbar hatte Raymond Jacobs die zweite Phase
seiner Erpressung eröffnet, dabei war von der vereinbarten
zweiwöchigen Frist gerade mal die Hälfte verstrichen! Tja, ich
schätze, das ist die Regel Nummer eins bei Erpressungen – dass es
keine Regeln gibt.
Auf dem Weg zu meinem Lieblingsmexikaner sah Hannah
zufrieden aus dem Autofenster, vor dem die Straßen von Brentwood
vorbeizogen, und malte sich höchstwahrscheinlich in den
schillerndsten Farben aus, worum es sich bei meinem Geheimnis
handeln konnte. Vielleicht hatte ich ja eine Affäre mit dem
Gärtner, wie Gabrielle in der Folge von Desperate Housewives, die wir neulich bei mir
gesehen hatten, weil ihre Mom sie solche Sendungen nicht gucken
ließ? Oder ich führte ein Doppelleben, hatte einen Mann und zwei
Kinder in Oregon, die ich nur zweimal im Monat sah? Was auch immer
es sein mochte, es musste etwas höchst Aufregendes sein.
Ich starrte ebenfalls aus dem Fenster, doch meine
Gedanken drehten sich nicht um Gärtner oder verzweifelte
Hausfrauen. Ich fragte mich, ob Raymond Jacobs von Jamie wusste
oder nicht. Wenn nicht, dann würde es garantiert nicht lange
dauern, bis er es herausfand.
Abends rief mich Jamie an, um sich zu
vergewissern, dass unsere Verabredung für Dienstag noch aktuell
war.
Ich dachte an seine Visitenkarte auf meinem
Esstisch. An meine misslungenen Versuche, unser Date abzusagen,
weil mein Leben auch ohne ihn schon kompliziert genug war. Und an
meine Angst, Raymond Jacobs könnte von Jamies Existenz erfahren und
auch ihn als Druckmittel gegen mich einsetzen. Eine weitere Sorte
Kryptonit.
Aber ich wusste, es gab nur eine Antwort auf Jamies
Frage.
Und diese Antwort war ja.
Denn Jamie war mein Ausweg.
Das wurde immer offensichtlicher, mit jedem Moment,
den wir gemeinsam verbrachten, und als er am Dienstagabend vor
meiner Tür stand, bestätigte sich das Gefühl erneut.
Bis jetzt hatte es kein Entkommen gegeben. Ich war
in den vergangenen zwei Jahren eine Gefangene meiner eigenen
Gedanken und Gefühle gewesen. Ich hatte geahnt, dass es einen
Schlüssel gab, mit dem ich die Tür hätte aufschließen können. Aber
ich hatte so große Angst vor dem, was mich auf der anderen Seite
erwartete, dass ich es vorgezogen hatte, eingesperrt zu bleiben.
Doch sobald mir klar geworden war, was diesem seltsamen Gefühl der
Freiheit zugrunde lag, wusste ich, ich wollte mehr. Ich wusste, ich
wollte es immer spüren. Die Zeichen waren unmissverständlich.
Ich wollte aussteigen.
Es gibt eine Bezeichnung für den Zustand, in dem
ich mich befand: auf Wolke sieben schweben. Ich fühlte mich, als
würde ich weit über meinem Alltagsleben schweben. Alles sah so
winzig aus von dort oben, fühlte sich ruhig und entspannt an.
Und einen Augenblick lang dachte ich tatsächlich,
so wäre es auch.
Leider ist der Aufenthalt auf Wolke sieben
trügerisch. Der Zustand reiner Glückseligkeit täuscht, und er macht
einen blind für Details, die man sonst garantiert bemerken würde.
Zum Beispiel die seltsamen Blicke, die Jamie und ich ernteten, als
wir an diesem Abend das Sushi-Restaurant betraten. Ich kümmerte
mich gar nicht darum. Und auch das Flüstern, als wir uns setzten,
ignorierte ich.
Ich hätte mich fragen sollen, weshalb wir
angestarrt wurden, weshalb geflüstert wurde. Hatte ich etwa einen
Fleck auf dem Kleid? Aber wie gesagt, wenn man dort oben auf Wolke
sieben sitzt, sieht alles rosig aus. Ich ging davon aus, dass wir
angestarrt wurden, weil wir ein süßes Paar abgaben und so verliebt
wirkten. Ich konnte an diesem Abend jedenfalls an nichts anderes
denken.
Deshalb beachtete ich unsere Umgebung kaum, vergaß
das Geflüster, sobald mich Jamie über den Tisch hinweg
anlächelte.
»Ich hoffe, du magst Sushi?«
»Ich vertraue niemandem, der Sushi nicht mag«,
sagte ich.
»Das ist mein Mädchen.«
Mein Herz tat einen Sprung. Hatte er mich gerade
als sein Mädchen bezeichnet? So wie in »das
einzige Mädchen«? Das er mit niemandem teilen wollte?
Vor zwei Wochen noch hätte mich ein derartiger
Kommentar
in die Flucht getrieben, doch heute Abend wäre ich ihm bei diesen
Worten beinahe um den Hals gefallen und hätte mich an ihn
geklammert wie ein Äffchen. Für immer.
Was ich natürlich unterließ. Wie hätte das denn
ausgesehen.
Bei Jamie durfte ich einfach ich selbst sein. Um
ehrlich zu sein, hatte ich – im Gegensatz zu Ashlyn – normalerweise
keine großen Chancen bei Männern. Ich verbrachte die Samstagabende
daheim vor dem Fernseher und zog mir die für Single-Frauen wie mich
entworfenen langweiligen TV-Shows rein. Das typische Mauerblümchen.
Meistens unbeachtet. Ashlyn bekam die ganze männliche
Aufmerksamkeit ab. Sie hatte stets einen geistreichen Kommentar
oder eine unterhaltsame Geschichte auf Lager, während ich mir meine
Brötchen offiziell mit Zahlenjonglieren verdiente.
Aber Jamie mochte mich trotzdem. Er lachte über
meine Witze, machte mir Komplimente für mein Aussehen, und bei
seinen Küssen bekam ich weiche Knie. Für ihn existierte diese
Ashlyn, die mir in letzter Zeit so viele Schwierigkeiten
eingebrockt hatte, gar nicht.
»Was magst du am liebsten?«, fragte Jamie, während
er die Karte studierte.
»Hm, mal überlegen. Große Männer, schnelle Autos,
laute Musik und halluzinogene Drogen«, zählte ich auf.
Er sah mich über den Rand seiner Karte hinweg an.
»Mist, und ich habe die Pilze in der anderen Hose vergessen.«
Ich seufzte theatralisch. »Okay, dann nehme ich
eben die Maguro Maki, mit Thunfisch und Chili.« Ich legte die Karte
auf den Tisch und sah ihn an. Dabei streifte mein Blick aus
unerfindlichen Gründen zwei Männer an einem der anderen Tische. Sie
starrten auffällig zu uns herüber und unterhielten sich lebhaft,
dann nahm der eine seinen BlackBerry zur Hand, drückte ein paar
Knöpfe und hielt seinem Gegenüber
das Display unter die Nase. Sie musterten mich und nickten.
Plötzlich klopfte mir das Herz bis zum Hals.
Wie hatte ich nur so unachtsam sein können? Warum
hatten mich die Blicke, das Geflüster nicht misstrauisch gemacht?
Es war total offensichtlich – diese Leute hatten die verdammte
Webseite mit den Bildern von mir gesehen! Sie hatten die E-Mail mit
dem Link erhalten und mich erkannt. Und jetzt saß ich hier, benahm
mich, als wäre ich bis über beide Ohren verliebt, total hin und weg
von Jamie …
Oh Gott. Sie glauben, dass ich
Jamie testen will!
»Was ist denn los?«, erkundigte sich Jamie, dem
mein Stimmungsumschwung nicht entgangen war, und reckte den Hals.
»Ist irgendein Star hereingekommen?«
Ich hörte es kaum. Ich saß da wie gelähmt und
konnte nicht fassen, was geschah. Was um alles in der Welt sollte
ich jetzt tun? Und was kam morgen? Und übermorgen? Würde ich je
wieder in einem Restaurant essen können, oder musste ich künftig
mit einer Perücke aus dem Haus gehen, um mein Geheimnis vor Jamie
zu wahren?
Ich riss entsetzt die Augen auf, als sich einer der
beiden Männer erhob und gemächlich auf uns zukam.
Das durfte doch nicht wahr sein! Ich blinzelte,
hoffte inständig, jemand möge mir eine halluzinogene Droge in den
grünen Tee getan haben.
Wenn ich mich doch nur den Rest des Abends hinter
der Speisekarte hätte verstecken können, damit mich niemand
bemerkte! Dummerweise haben Kellnerinnen die schlechte
Angewohnheit, ihren Gästen die Speisekarte wieder wegzunehmen, also
blieb mir wohl nichts anderes übrig, als schleunigst von der
Bildfläche zu verschwinden.
»Apropos Star«, fuhr Jamie arglos fort. »Ich habe
mal beim Mittagessen mit einem Kollegen Jennifer Garner …«
»Mir ist auf einmal so komisch«, unterbrach ich ihn
und hustete ein wenig, zwecks Glaubwürdigkeit.
»Echt?«, fragte er besorgt. »Grassiert wieder mal
eine Darmgrippe?«
»Gut möglich«. Ich fasste mir an den Bauch. »Ich
glaub, ich gehe lieber. Roher Fisch wäre jetzt bestimmt nicht das
Richtige.«
»Wie du willst«, sagte er zuvorkommend.
Er hatte den Satz noch nicht beendet, da hatte ich
bereits den Stuhl zurückgeschoben, sodass die Beine geräuschvoll
über den Boden schrammten, und war aufgesprungen. »Dann mal los.«
Ich versuchte, ruhig zu klingen, obwohl meine Stimme zu kippen
drohte.
Jamie nahm sich die Serviette vom Schoß und erhob
sich ebenfalls. »Willst du nach Hause oder soll ich dich lieber ins
Krankenhaus bringen?«
»Nein! Das wird schon wieder. Ich muss mich bloß
eine Weile hinlegen.« Auf dem Weg zum Vorderausgang würden wir dem
Typ, der auf unseren Tisch zukam, unweigerlich in die Arme laufen,
also packte ich Jamie am Arm und zog ihn hinter mir her zum
Hinterausgang des Restaurants.
»Warte, der Ausgang ist doch da drüben.« Jamie
legte mir sanft die Hand auf den Arm und vollführte eine
Kehrtwende.
Ich zermarterte mir das Hirn, doch mir wollte
partout kein vernünftig klingender, triftiger Grund einfallen,
weshalb wir das Restaurant durch die hintere Tür verlassen sollten.
Oder durch ein Toilettenfenster.
Der Mann sah mir in die Augen und grinste
vielsagend. Er wusste genau, wer ich war. Und er wusste, was ich
vorhatte.
Er baute sich vor uns auf und sagte, zu mir
gewandt: »Verzeihung, Sie kommen mir so bekannt vor.«
»Ach, ja?«, entgegnete ich nonchalant und
versuchte, mit
Jamie im Schlepptau um ihn herumzugehen. »Das höre ich oft. Ich
habe ein ziemliches Allerweltsgesicht.«
Doch er stellte sich uns erneut in den Weg und warf
Jamie einen eindringlichen Blick zu, als wollte er ihn warnen:
Vorsicht, diese Frau ist nicht, wer sie zu sein
vorgibt.
»Sie heißen doch Ashlyn, nicht wahr?«, fragte er
mich.
Ach du Sch …
Jamie schaute erstaunt von mir zu dem Mann und
wieder zurück.
Tief durchatmen, Jen. Ich setzte eine unschuldige
Miene auf, als würde mir der Name Ashlyn ungefähr so viel sagen wie
der einer unbekannten russischen Ballerina auf dem Programmheft zu
Schwanensee.
»Tut mir leid«, ich lächelte entschuldigend, »Sie
müssen mich mit jemandem verwechseln.«
Ich tat einen weiteren Schritt zur Tür, um mich in
Sicherheit zu bringen, gefolgt von einem verwirrten Jamie, der es
sichtlich kaum erwarten konnte, das Restaurant zu verlassen, damit
er mir Löcher in den Bauch fragen konnte.
»Das glaube ich kaum«, erwiderte der Mann und
packte mich am Arm.
Ich kniff die Augen zu, in mein Schicksal ergeben.
Das war’s dann. Das Ende. Haku Sushi in der Main Street würde als
mein persönliches Waterloo in die Geschichte eingehen.
Jetzt wandte sich der Typ an Jamie. »Tut mir leid,
dass Sie es von mir erfahren müssen, aber …«
Da ergriff Jamie zu meiner Verblüffung die Hand,
die mich zurückhielt und entfernte sie »sanft« von meinem Arm. »Ich
fürchte, Sie irren sich«, stellte er fest und bedachte den Mann mit
einem warnenden Blick. »Wenn Sie uns nun bitte in Ruhe lassen
würden.«
»Wie Sie wollen, Mann.« Der Typ trat einen Schritt
zurück und hob abwehrend die Hände. »Aber sagen Sie hinterher
nicht, es hätte Sie niemand gewarnt. Das ist Ihr Untergang.«
Damit machte er auf dem Absatz kehrt, die Hände in
den Hosentaschen vergraben, und ging zu seinem Platz zurück.
»Oh, die frische Luft tut gut. Ich fühle mich schon
viel besser«, verkündete ich, sobald wir draußen auf dem Parkplatz
waren. Wie groß war wohl die Chance, dass Jamie nicht auf den
Vorfall von eben zu sprechen kam?
»Was war denn das da drin gerade?«
Okay. Offenbar gleich null.
Das schlechte Gewissen plagte mich, als ich ihm in
die Augen sah, in denen sich eine arglose Neugier spiegelte, der
Wunsch, einfach alles über mich zu wissen. Insbesondere, weshalb
wildfremde Männer mich Ashlyn nannten und ihn vor mir warnen
wollten. Schlagartig wurde mir eines klar.
Ich musste es ihm sagen.
Wenn diese Beziehung von Dauer sein sollte, wenn
ich es wirklich versuchen wollte, dann musste er Bescheid wissen.
Dann musste absolute Ehrlichkeit zwischen uns herrschen.
Ich schluckte schwer und lehnte mich an seinen
Wagen. »Jamie …« Ich spürte, wie die Wahrheit in mir aufstieg. Es
war Zeit. Zeit, reinen Tisch zu machen. Zeit, ihm alles zu
gestehen, damit wir eine auf Aufrichtigkeit und Vertrauen
basierende Partnerschaft eingehen konnten. Ich wusste, es war
möglich. Wir mussten nur eine Chance bekommen.
»Ich habe keine Ahnung«, beendete ich den Satz und
seufzte.
Okay. Vielleicht war es doch noch nicht Zeit.
»Aber ich habe wirklich ein Allerweltsgesicht. Ich
werde ständig verwechselt.« Ich konnte nur
hoffen, dass er es mir abkaufte.
»Hmm«, sagte er. »Interessant.« Aber wie es schien,
gab er sich entweder mit meiner schamlosen Lüge zufrieden, oder
er hatte keine Lust, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, denn
er fragte: »Und, wie fühlst du dich? Soll ich dich nach Hause
fahren?«
So ungern ich unser Date vorzeitig beendete, hielt
ich es doch für das Klügste, meine kleine Showeinlage mit dem Titel
Ich habe mir etwas eingefangen
fortzusetzen. Ich wollte Jamie keinen zusätzlichen Grund liefern,
mir zu misstrauen. Also nickte ich. »Das wäre wohl das
Beste.«
Er legte mir die Hand auf die Wange und küsste
mich. »Okay, Süße. Aber eine Frage habe ich noch.«
Na, toll, dachte ich.
Zu früh gefreut. So leicht lässt er sich doch
nicht abspeisen. Er wird weiter nachhaken, bis ich unter dem Druck
zusammenbreche und ihm alles erzähle.
»Nämlich?«, fragte ich beiläufig.
»Ich muss demnächst geschäftlich nach Paris und
…«
»Und jetzt willst du mich bitten, deine Blumen zu
gießen?« Ich grinste.
Er lachte. »Nein. Das wäre wohl irgendwie seltsam,
nicht?«
Ich war erleichtert über den Themenwechsel.
»Ehrlich gesagt, wollte ich dich bitten, mich zu
begleiten.«
Es gibt Augenblicke im Leben, da wäre es
angebracht, dass sich in unserem Gesicht Erregung, Enthusiasmus,
Entzücken, Ekstase widerspiegeln, irgendeines dieser E-Wörter. Doch ich war wie betäubt. Ich brachte kein
Wort heraus. Stand da mit offenem Mund und überlegte, ob das
vielleicht ein Scherz sein sollte, dessen Pointe auf dem Fuß folgen
würde.
»D-d-dich begleiten? Nach Paris?«, stammelte ich
schließlich.
Er nickte lächelnd und sichtlich aufgeregt.
»Oui.«
»Im Ernst?« Meine Zweifel waren meiner Stimme
deutlich anzuhören.
»Ja, im Ernst. Kommst du mit?«
»Ähm, ja!«, erwiderte ich wie aus der Pistole
geschossen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Meine
maladie imaginaire war plötzlich wie
weggeblasen. Ich hüpfte vor Freude auf und ab wie ein kleines
Mädchen, das gerade erfahren hat, dass ein Besuch in Disney World
ansteht. Ich konnte mich gar nicht genau erinnern, wann ich zuletzt
auf und ab gehüpft war … jedenfalls ohne Springseil.
»Ich glaub es nicht! Paris?«
»Freut mich, dass du dich freust«, stellte Jamie
fest.
»Na klar freue ich mich! Paris! Ich liebe
Paris!«
Übersetzung: Ich liebe Paris,
wenn ich nicht mit dem Mann einer anderen dort bin.
Jamie ergriff meine Hand. »Gut.« Er sah mir tief in
die Augen und fügte dann hinzu: »Als ich davon erfahren habe,
musste ich sofort an dich denken. Aus irgendeinem Grund konnte ich
mir nicht vorstellen, ohne dich zu fahren. Ist das nicht
verrückt?«
Ich schüttelte stumm den Kopf. Das war das
Verrückteste an der ganzen Sache: Es war nicht verrückt. Und ich
kenne mich aus mit Verrücktheiten.
Er drückte meine Hand. »So, und jetzt ab nach Hause
und ins Bett mit dir.«
Jamie schloss die Tür hinter mir, nachdem ich mich
über das ganze Gesicht strahlend in seinen Jaguar gesetzt hatte.
Ich strahlte, als wären mir nicht sämtliche Übel aus Pandoras
Büchse auf den Fersen. Strahlte wie eine Frau eben strahlt, wenn
der Mann, in den sie sich gerade verliebt, mit ihr nach Paris
will.
Und in diesem Augenblick, auf dem Parkplatz eines
trendigen Sushi-Restaurants in Santa Monica, drehte sich die Erde
plötzlich langsamer, die Tür meiner Gefängniszelle schwang auf und
mein Herz öffnete sich.