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Eine vielversprechende Heilslehre
Meine Mission war vom ersten Tag an sonnenklar.
Die Wahrheit aufzudecken. Meinen Auftraggeberinnen Gewissheit zu verschaffen, damit sie die Möglichkeit haben, einen Schlussstrich zu ziehen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Nicht alle halten meine Arbeit für ehrenwert. Deshalb weiß kaum jemand darüber Bescheid. Besser gesagt, niemand.
Nicht einmal meine engsten Freundinnen und Freunde.
Oder meine Familie.
Für meine Mitmenschen bin ich Jennifer Hunter, eine hart arbeitende, erfolgreiche Investment Bankerin, die für eine Bank namens Stanley Marshall tätig ist. Das war ich auch.
Der Jobwechsel war einfach zu kaschieren: neue Telefonnummer dank einer lange erhofften Beförderung, im Zuge derer ich ein neues Firmenhandy erhielt; ein anspruchsvoller Chef und zahlreiche kapitalkräftige Großkunden, deren Betreuung jede Menge Überstunden und Geschäftsreisen erfordert. Sämtliche Details mussten streng vertraulich bleiben, ich behauptete einfach, ich hätte ein entsprechendes Abkommen unterzeichnen müssen. Die perfekte Tarnung.
Ich schätze, das macht mich zu einer Art Doppelagentin. Ich führe ja auch ein Doppelleben: eines, über das nur ich Bescheid weiß, und eines, über das meine Mitmenschen »Bescheid wissen«. Ich würde meine Familie und meine Freunde ja einweihen, aber sie könnten es nicht verstehen. Meine Freundin Sophie würde mich beschuldigen, Familien zu zerstören, und auch meine Freundin Zoë würde mich wohl nie mehr mit denselben Augen sehen.
Sie könnten meine Beweggründe nicht nachvollziehen.
Sie würden mir unterstellen, dass ich bewusst mit verheirateten Männern flirte, Beziehungen ruiniere, Familien auseinanderreiße. Einen Keil zwischen Ehepaare treibe.
So würden jedenfalls die meisten Menschen meine Tätigkeit beschreiben.
Meiner Ansicht nach ist das eine äußerst oberflächliche Betrachtungsweise. Wenn man genauer hinsieht, steckt viel, viel mehr dahinter. Aber um meine Beweggründe nachvollziehen zu können, müssten sie wissen, was ich weiß. Sie müssten gesehen haben, was ich gesehen habe.
Deshalb behalte ich mein Geheimnis für mich.
Außerdem ist Anonymität eine wichtige Voraussetzung für meine Tätigkeit – und das Geheimnis meines Erfolges.
Nun fragt sich vielleicht so mancher, wie ich das überhaupt Tag für Tag durchziehen kann. Wie ich es schaffe, objektiv zu bleiben. Mich zu distanzieren.
Ob ich mir nicht eigentlich wünschen müsste, dass alle den Test bestehen.
Tja, es geht hier aber nicht darum, was ich mir wünsche.
Würde man auf der Straße Passanten anhalten und fragen, ob sie sich eine Welt ohne Verbrechen wünschen, dann würden höchstwahrscheinlich alle antworten: »Natürlich, wünscht sich das nicht jeder?« Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass weiterhin Verbrechen geschehen.
Genauso verhält es sich mit der Untreue. Seitensprünge geschehen Tag für Tag. Ich kann herumsitzen und mir wünschen, es wäre anders, aber das würde nicht das Geringste nützen. Also habe ich beschlossen, etwas zu unternehmen, indem ich Fälle von Untreue aufdecke. In der Hoffnung, damit die Welt ein klein wenig zu verändern.
Ich habe bereits das Leben von über zweihundert Menschen verändert. Und darauf bin ich stolz.
Zweifel können schlimme Verwüstungen in einer Beziehung anrichten. Ungewissheit kann einem Menschen das Leben zur Hölle machen. Deshalb wollen die meisten über kurz oder lang Klarheit haben.
Mehr als zweihundert Frauen haben durch mich die Wahrheit über ihre Beziehung erfahren, über den Mann, den sie lieben. Meiner Meinung nach ist das besser, als im Dunkeln zu tappen. Besser als die Tatsachen zu leugnen.
Machen wir uns nichts vor. Die Untreue ist allgegenwärtig. Sie ist das Thema von Talkshows, sie ziert die Titelseiten von Zeitschriften, sie steht im Zentrum politischer Skandale. Aber es scheint, als würde kein Mensch etwas dagegen unternehmen. Außer vielleicht zu jammern und mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen.
Also, mein Zeigefinger wurde irgendwann müde. Ich habe beschlossen, der Untreue den Kampf anzusagen.
Es sind Typen wie Raymond Jacobs, die in mir den Stolz auf meine Arbeit wecken. Ashlyn war eindeutig nicht die Erste, mit dem er seine Frau betrogen hat (auch wenn es schlussendlich nicht dazu kam), aber jetzt konnte ich zumindest nach Los Angeles zurückkehren in der Hoffnung, dass sie die Letzte gewesen war.
Dieser Gedanke ist es, der mich nachts ruhig schlafen lässt.
Auf dem Nachhauseweg vom Los Angeles International Airport rief mich Sophie, meine beste Freundin, an. »Ich drehe noch durch!«, dröhnte es panisch aus meinem Bluetooth-Kopfhörer.
»Was ist denn los?«, erkundigte ich mich.
»Ich verliere ihn. Ich spüre es.« Sie stöhnte verzweifelt auf.
Sophie neigt zu Überreaktionen. Das hat mit ihrer chronischen Unsicherheit zu tun und führt dazu, dass sie Männern nicht vertrauen kann. Sie lebt in der ständigen Angst, verlassen zu werden. Vermutlich, weil sie bis jetzt noch jeder Mann verlassen hat.
»Quatsch«, beruhigte ich sie geduldig. »Was ist passiert?«
»Er kommt nicht«, erwiderte sie schlicht.
»Was soll das heißen, er kommt nicht?«
»Das soll heißen, dass er versprochen hatte, dieses Wochenende zu kommen. Ich wollte, dass ihr euch endlich kennenlernt. Und jetzt musste er absagen, wegen irgendwelchen blöden dienstlichen Verpflichtungen.«
»Das kannst du ihm doch nicht vorwerfen«, rügte ich sie. »Job ist Job.«
Sophie und Eric waren seit acht Monaten zusammen. Sie führten eine Fernbeziehung, weil Eric einen Dreijahresvertrag als Assistenzarzt in einem Chicagoer Krankenhaus hatte. Da er unheimlich viel arbeiten musste, spendierte er Sophie regelmäßig Flugtickets, damit sie sich überhaupt sehen konnten. Ich hatte ihn noch nicht persönlich kennengelernt, denn bislang war ich bei jedem seiner seltenen Besuche in L.A. geschäftlich unterwegs gewesen. Aber nach dem zu urteilen, was mir Sophie über ihn erzählt hatte, war er bis über beide Ohren in sie verknallt.
Eric ist einfach anders. Keine Ahnung, woher ich das weiß. Es ist nur so ein Gefühl, aber ich habe gelernt, meinem Instinkt blindlings zu vertrauen. Ich wünschte nur, Sophie würde das auch tun. Jedes Mal, wenn sie eine ihrer Panikattacken erleidet und vom Strudel ihrer Angst in die Tiefe gerissen wird, versuche ich, ihr klarzumachen, dass Eric definitiv nicht zu den Männern gehört, die fremdgehen. Ich weiß das, weil ich schon unzählige Männer kennengelernt habe, die einem Seitensprung durchaus nicht abgeneigt waren. Doch Eric weist nicht die typischen Merkmale eines Betrügers auf. Wenn jemand das mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten kann, dann ich. Weil diese Art der Argumentation jedoch eine ganze Menge weiterer Erklärungen erforderlich gemacht hätte, auf die ich gut und gern verzichten konnte, beschränkte ich mich üblicherweise auf die traditionellen Beruhigungsmethoden.
»Ich weiß nur eines: Wenn ein Mann erst anfängt, Dates abzublasen, dann ist was im Busch«, verkündete sie düster.
»Sophie«, erwiderte ich mahnend. »Ihr seid doch längst über die Dating-Phase hinaus. Ja, er lebt in Chicago, aber ihr telefoniert mindestens zweimal täglich miteinander und habt euch in den vergangenen acht Monaten alle zwei Wochen gesehen! Das kann man mit Fug und Recht eine ernsthafte Beziehung nennen.«
»Aber ich hatte mich so darauf gefreut, dass du ihn endlich kennenlernst.«
»Ich doch auch«, versicherte ich ihr. »Aber es wird sich bestimmt wieder einmal eine Gelegenheit ergeben.«
Sie schwieg. »Pfff. Wer weiß, wann... So selten, wie ihr beide in L.A. seid...«
»Tja, dann lerne ich ihn eben auf der Hochzeit kennen«, scherzte ich.
»Sag doch nicht so was! Das bringt Unglück. Laut Marie Claire ist nach acht Monaten eine kritische Marke erreicht. Zum einen lässt der Reiz des Neuen allmählich nach, zum anderen wird es bei vielen Paaren ernst. Es beginnt die Zeit, in der sich die meisten Paare verloben. Eine äußerst riskante Phase also, in der man mit derartigen Äußerungen sehr vorsichtig sein muss.«
Ich verdrehte die Augen und bog auf die Wilshire ab. »Entschuldige.«
»Bist du in L.A.?«, wollte sie wissen.
»Ja, ich bin vor einer Stunde mit dem Flieger aus Denver gekommen. Morgen früh um neun geht es weiter. Warum?«
Meine Freundinnen haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich wegen meiner stressigen Arbeit häufig nur stundenweise in der Stadt weile. Sie sind der festen Überzeugung, dass ich (das heißt, Jennifer Hunter, die Investment Bankerin) einen ganz normalen Beruf ausübe. Consultingpakete an den Mann bringen, über millionenschwere Projekte verhandeln, mit Geschäftspartnern fachsimpeln, das Übliche eben. Was natürlich viele Geschäftsreisen erfordert. Aber ich bin sicher, sie kämen nie auf die Idee, dass ich mich, wenn ich »beruflich unterwegs« bin, als Sexbombe verkleide, um im Auftrag reicher Hausfrauen potenziell untreue Ehemänner auf die Probe zu stellen.
Meine Betätigung als Treuetesterin, ursprünglich eine private Mini-Mission, hatte sich schon bald als äußerst lukrativ entpuppt. Ich arbeite ausschließlich auf Empfehlung, und kaum hatte sich die Kunde von meinen Dienstleistungen herumgesprochen, war ich so gefragt, dass ich gar nicht alle Aufträge annehmen konnte. Um Geld war es anfangs gar nicht gegangen, aber es war eindeutig ein positiver Nebeneffekt.
»Hast du heute Abend Zeit?«, fragte Sophie. »Ich könnte dringend eine Sitzung gebrauchen.«
»Tut mir leid, ich kann nicht«, sagte ich bedauernd. »Ich muss arbeiten.«
Das hörte sie nicht zum ersten Mal. Sie seufzte. »Okay. Aber ich hoffe doch sehr, dieser Sklaventreiber von Chef gibt dir wenigstens das Wochenende frei, nachdem du an den letzten beiden gearbeitet hast. Niemand ist derart wichtig.«
Ich lachte. »Ja, dieses Wochenende habe ich tatsächlich frei.« Und ich freute mich schon die ganze Woche darauf. »Da können wir dann eine Gruppensitzung abhalten.«
»Super.« Sie bemühte sich um einen munteren Tonfall, aber ich hörte ihr die Enttäuschung an.
»Mach dir keine Gedanken«, beruhigte ich sie erneut. »Eric ist einer von den Guten. Du solltest seine Absage nicht überinterpretieren. Klingt für mich nach einem klassischen Fall von Fernbeziehungsparanoia.«
Das saß. »Danke. Dann geh’ ich mal wieder an die Arbeit. Ich liebe dich.«
»Ich dich auch.«
Ich schaltete meine Freisprechanlage aus und nahm den Kopfhörer ab.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Es war beileibe nicht das erste Mal, dass meine Freundinnen wegen meiner Arbeit zurückstecken mussten. Und es brach mir jedes Mal das Herz, wenn ich sie anlügen musste. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass ich nicht für sie da sein konnte, wenn sie mich brauchten.
Andererseits würden wir Sophies Drama im Rahmen unserer »Gruppensitzung« am Wochenende noch ausführlich genug analysieren.
Der Ausdruck »Sitzung« stammt ursprünglich von Sophies Vater, der Psychologe war und seine Patienten im häuslichen Arbeitszimmer zu empfangen pflegte, das direkt unter Sophies Zimmer lag. Es klang immer sehr mysteriös und beeindruckend, wenn er uns ermahnte, uns während seiner »Sitzungen« ruhig zu verhalten. Wir fingen schon in der Grundschule an, seinen Jargon zu imitieren.
Nach dem Abendessen schlichen wir oft in besagtes Arbeitszimmer, wo dann eine von uns auf dem großen braunen Ledersessel Platz nahm, während sich die andere auf der Couch ausstreckte und über ein lustiges fiktives Problem klagte (»Ich muss in der Schule ständig Furzgeräusche von mir geben. Ich kann einfach nicht anders. Mein Sozialleben geht total den Bach runter.«). Darauf öffnete die »Psychologin« eines der schweren, in Leder gebundenen Bücher, die neben dem Sessel im Regal standen, und sagte geschraubt: »Klassischer Fall von einem fundamentalen Attributionsfehler«, oder wie auch immer der längste, hochgestochenste Fachbegriff auf der zufällig aufgeschlagenen Seite lautete.
Später fanden unsere Sitzungen dann nicht mehr im Arbeitszimmer von Sophies Dad statt und drehten sich zunehmend um echte Probleme, mit denen ein pubertierender Teenager eben so zu kämpfen hat. Die Wendung »ein klassischer Fall von...« behielten wir weiterhin bei. Wir fanden die Vorstellung tröstlich, dass jedes unserer Probleme in einem klugen Buch aufgelistet war, dass jede noch so verzwickte Sachlage, mit der wir uns herumschlagen mussten, bereits von einem superintelligenten Psychologen erforscht, benannt und gelöst worden war.
In den letzten Jahren war es allerdings hauptsächlich Sophie gewesen, die Sitzungen einberufen hatte. Sie hatte aus unerfindlichen Gründen eine gewisse Affinität zur Tragödie entwickelt.
Ich ließ den Wilshire Boulevard hinter mir und steuerte wie immer über sechs Ecken meine Wohnung an. Ich habe mir angewöhnt, nie auf direktem Weg nach Hause zu fahren. Falls mir ein Auto folgt, würde das auf einer belebten Straße wie dem Wilshire Boulevard nicht weiter auffallen, wenn aber auf den ruhigeren Seitenstraßen jemand fünf Mal hintereinander gleich abbiegt wie ich, entgeht mir das bestimmt nicht. In meinem Erwerbszweig kann man nicht vorsichtig genug sein. Das fehlte mir noch, dass eines Tages um zwei Uhr früh ein vor Wut schnaubender Ehemann bei mir auf der Matte stand.
Während ich geduldig an einer roten Ampel wartete, zog der Fahrer im Wagen hinter mir auf der linken Spur an mir vorbei und warf mir einen giftigen Blick zu. Ich bog in meine Straße ein, fuhr in die Tiefgarage meines Wohnkomplexes und stellte meinen Range Rover auf meinem Privatparkplatz ab. Dann packte ich eilig meine Habseligkeiten zusammen und hastete ins Haus. In zehn Minuten musste ich bereits zu meinem Meeting mit Raymond Jacobs Frau aufbrechen.
Mit meinem Rollkoffer im Schlepptau betrat ich mein trautes Heim, das noch genauso aussah, wie ich es verlassen hatte: absolut makellos.
Dank meines Einkommens kann ich mir den Luxus leisten, zweimal wöchentlich die Dienste einer Haushälterin in Anspruch zu nehmen. Marta sorgt dafür, dass die Wohnung stets so blitzsauber aussieht und riecht wie bei meinem Einzug. Kein einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass meine gesamte Einrichtung in Weiß gehalten ist: weiße Teppiche, weiße Wände, weiße Laken, weiße Tagesdecken, weiße Kissen, weiße Möbel.
Ich weiß noch, wie meine Freundin Zoë Bauklötze gestaunt hat, als sie zum ersten Mal das ultraschicke Domizil betrat, das der Innenarchitekt aus der heruntergekommenen ehemaligen Junggesellenbude gezaubert hatte.
»Wow. Sie ist sehr... weiß«, scherzte sie.
»Ja, toll, nicht?«
Sie nickte. »Deine Beförderung scheint sich ja echt gelohnt zu haben.«
Beförderung und Gehaltserhöhung, so hatten die offiziellen Gründe dafür gelautet, dass ich mir plötzlich einen deutlich höheren Lebensstandard leisten konnte, nachdem ich ernsthaft ins Treuetest-Business eingestiegen war. Marta begrüßte mich an der Tür und nahm mir den Koffer ab.
»Danke«, keuchte ich. »Ich muss mich blitzschnell umziehen und gleich wieder los.« Ich düste auf direktem Weg in Richtung Schlafzimmer. »Hat jemand angerufen, während Sie hier waren?«
»Ich glaube nicht, Miss Hunter«, rief mir Marta mit ihrem starken spanischen Akzent hinterher. »Vielleicht einmal Telefon klingeln, als ich staubsauge. Aber ich nicht sicher, deswegen ich sauge weiter.«
»Kein Problem.« Ich huschte lächelnd ins Schlafzimmer.
»Koffer sauber machen wie immer?«, rief Marta von draußen.
Ich steckte den Kopf durch den Türspalt. »Ja, bitte. Vielen Dank.«
Sie nickte und verschwand in der Wäschekammer.
Ich schloss die Tür und schälte mich hastig aus Jeans und T-Shirt, als ich bemerkte, dass mein Anrufbeantworter blinkte. Hm. Es macht mich immer neugierig, wenn mich jemand unter meiner Festnetznummer zu erreichen versucht, denn nur sehr wenige Menschen kennen sie – und selbst die rufen mich meist gleich auf dem Privathandy an. Ich besitze noch ein anderes Handy, das ich jedoch ausschließlich für geschäftliche Zwecke nutze.
Ich drückte die Wiedergabe-Taste des Anrufbeantworters und eilte in meinen begehbaren Kleiderschrank, wo ich meine bequemen Reiseklamotten in den Wäschekorb warf und mich an die Auswahl meines neuen Outfit machte. Hm. Hosenanzug oder Kostüm?
»Sie haben eine neue Nachricht«, verkündete der Anrufbeantworter.
»Hi, Jen. Hier ist... dein Dad.«
Ich erstarrte, ließ die Hand sinken. Ein roter Kaschmirpulli rutschte vom Bügel auf den Boden. Ich stand stocksteif da, als befände ich mich auf einem Mienenfeld, als könnte eine Bombe detonieren, wenn ich auch nur einen falschen Schritt tat, und lauschte der Stimme meines Vaters, die aus dem Lautsprecher drang.
»Jen, ich weiß, es herrscht schon eine ganze Weile Funkstille zwischen uns... Es wäre schön, wenn wir den Kontakt wieder aufleben lassen könnten.« Brunnentiefer Seufzer, lange Pause.
Wut loderte in mir auf. Ich wandte den Kopf und starrte die Tür meines begehbaren Schranks an, während ich auf seine nächsten Worte wartete.
Und dann ließ er die Bombe platzen.
»Ich habe vor, zu heiraten, Liebes.« Schweigen. »Sie ist toll. Ich möchte, dass du sie kennenlernst und zur Hochzeit kommst. Es würde mir wirklich viel bedeuten, und ihr auch...«
Jetzt war der Bann gebrochen. Ich stampfte hinaus, stürzte mich förmlich auf den Anrufbeantworter, ließ die Faust daneben auf den Nachttisch donnern. Erbost hämmerte ich gut ein Dutzend Mal auf die Löschen-Taste und hielt sie abschließend noch eine halbe Ewigkeit gedrückt, um sicherzugehen, dass auch wirklich jedes noch so kleine Überbleibsel der Nachricht vernichtet war. Zerstört von der bloßen Kraft meines Fingers. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und widmete mich wieder der Kleiderfrage.
Mein Schrank ist für jeden Modefreak das reinste Paradies, jedenfalls laut meiner Freundin Sophie, die ganz besessen von Labels und Marken (und entsprechend neidisch) ist. Sämtliche Designer sind vertreten: Gucci, Dior, Dolce & Gabbana, Marc Jacobs, Fendi, und so weiter – eben alles, was eine modebewusste Frau laut Vogue und InStyle auf Lager haben muss.
Ich selbst habe nämlich, ehrlich gesagt, nicht viel Ahnung von der Materie. Ich hatte noch nie ein Händchen dafür, was in meiner Branche ein enormer Nachteil ist.
Jedes meiner Ensembles erfordert daher eine gründliche Recherche und Vorbereitung.
Als ich fünf Minuten später mein Schlafzimmer verließ, trug ich einen strengen grünen Hosenanzug samt cremefarbenem Top und einem bunten Schal um den Hals. Dieser Look wurde in der Augustausgabe des Cosmopolitan als »Suburban Chic« bezeichnet, was mir passend erschien in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich gleich in die tückischen Gewässer eines schicken Vororts im Orange County begeben würde. Ich schulterte mein Lieblingsaccessoire, die Hermès Birkin, und schnappte mir meine Sporttasche sowie einen billigen schwarzen Rollkoffer, den ich diese Woche im Kaufhaus erstanden hatte. Er enthielt meine »Verkleidung« und diverse weitere Requisiten für den Auftrag heute Abend.
Dann warf ich einen kurzen Blick in die Wäschekammer, wo Marta eben den Inhalt des anderen Koffers in die Waschmaschine stopfte.
»Danke, Marta. Schönes Wochenende!«
Sie hob den Kopf. »Gerne, Miss Hunter. Sie brauchen Koffer morgen?«
»Ja, allerdings. Ich fliege gleich in der Früh nach San Francisco.«
»Okay, ich putze sofort«, sagte Marta und angelte eine Scheuerbürste und eine Flasche Industriedesinfektionsmittel vom Regal über der Waschmaschine.
»Danke.«
Bestimmt fragt sie sich hin und wieder, was es mit mir und meinem Sauberkeitsfimmel auf sich hat. Wer ich wohl bin und was für einen Beruf ich ausübe, dass ich praktisch fünf Tage die Woche auf Achse sein muss. Wie ich mir mit meinen achtundzwanzig Jahren eine so tolle Eigentumswohnung leisten kann. (Ich bin die jüngste Eigentümerin im ganzen Haus.) Und vor allem, warum ich sie nach jeder meiner Geschäftsreisen meinen Koffer desinfizieren lasse. Sie hat allerdings nie danach gefragt, also fühle ich mich auch nicht verpflichtet, ihr irgendwelche Märchen aufzutischen. Vermutlich glaubt sie, ich würde tagtäglich in Giftmüll wühlen oder mich in meiner Freizeit in der Seuchenschutzbehörde herumtreiben. Ohne Schutzanzug. Jedenfalls lasse ich sie alles desinfizieren, das mit den Ehebrechern und Betrügern in Berührung gekommen ist, mit denen ich es zu tun habe. Als wären sie äußerst gefährliche, ja, tödliche Viren, gegen die es keinen Impfstoff gibt.
Vor dem Spiegel neben der Wohnungstür blieb ich stehen, band mir das lange dunkle Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen und musterte mein Gegenüber prüfend.
Irgendetwas fehlte. Vielleicht die Mascara?
Ich betrachtete meine Wimpern aus der Nähe. Nein. Tiefschwarz wie immer umrahmten sie meine grünen Augen. Vielleicht war ich bloß müde von der Reise. Außerdem hatte ich gestern nicht besonders gut geschlafen.
Ich lächelte meinem Spiegelbild aufmunternd zu und machte mich auf den Weg, nicht ohne zuvor noch einen sehnsüchtigen Blick in mein blitzblankes Wohnzimmer zu werfen.
So sehr ich Geschäftsreisen auch liebe, es ist zu schade, dass ich nicht mehr Zeit in meinem traumhaften Zuhause verbringen kann.
Ich fuhr den Wilshire Boulevard entlang bis zurück zur Interstate 405 und machte mich auf den langen Weg nach Newport Beach im Herzen von O.C. California (wohlbekannt aus der gleichnamigen Fernsehserie). Das Haus, in dem Anne Jacobs wohnte, hätte durchaus als Drehort dafür dienen können – eine Villa mit riesigem Garten und einem glitzernden Pool, dessen hinterer Beckenrand mit dem Blau des Meeres am Horizont verschmolz.
Anne war schon meine dritte Kundin aus Newport Beach in diesem Monat. Allem Anschein nach verbreiteten sich Neuigkeiten hier besonders rasch, vor allem unter den Hausfrauen, die den ganzen Tag im örtlichen Wellnesstempel verbrachten und Tratsch und Klatsch austauschten – und die Nummer einer gewissen Ashlyn.
Dabei verlange ich für meine Dienste ein fürstliches Honorar. Schon erstaunlich, wie tief manche Menschen in die Tasche greifen, um die Wahrheit zu erfahren. Tja, in meinen Augen ist für die Wahrheit kein Preis zu hoch, und ich bin offenbar nicht die Einzige, die so denkt.
Meine Klienten berappen auch sämtliche anfallende Spesen: Flüge, Hotelzimmer, Taxis, Mahlzeiten – was auch immer vonnöten ist, um ihnen die gewünschte Information zu beschaffen. Und da Geld normalerweise kein Thema ist, dürfte es auch nicht weiter überraschen, dass die meisten meiner Auftraggeberinnen in Häusern leben, die andernorts als Hotel durchgehen würden.
Es ist heutzutage schwierig, seinen Seelenfrieden zu finden. So schwierig, dass die meisten Menschen bereit sind, dafür zu bezahlen. Diesem Umstand verdanke ich meinen Job.
Ich bog in die Straße ein, in der Anne Jacobs wohnte, folgte ihr bis zum Ende und parkte in der langen, gepflasterten Auffahrt.
Da lag sie, die Villa, in all ihrer Pracht.
Sie sah noch genauso pompös aus wie bei meinem ersten Besuch vor einer Woche, als mir Mrs. Jacobs den Auftrag erteilt hatte, aber irgendwie schien sie ein wenig von ihrem Glanz eingebüßt zu haben.
Fast alle meine Klientinnen wohnen in solchen Traumhäusern. Doch inzwischen weiß ich, dass die Häuser bloß eine Fassade sind. Eine Maske. Designermöbel und Marmorarbeitsflächen mögen den Besucher beeindrucken, doch die Beziehungen, die sich dahinter verbergen, können kaum je mit dem schönen Schein mithalten. Schade eigentlich. Wie gern würden wir glauben, dass jede dieser unvorstellbar teuren Villen erfüllt ist von Liebe, Glück, Vertrauen. Leider ist das nur höchst selten der Fall.
Wenn ich auf der Bildfläche erscheine, fällt die Fassade meist in sich zusammen.
»Mrs. Jacobs«, begann ich sanft, nachdem wir wie schon beim ersten Zusammentreffen in ihrem Wohnzimmer Platz genommen hatten. »Sind wir allein?«
»Ja«, versicherte sie mir. »Die Kinder sind in der Schule.«
Diesbezüglich kenne ich kein Pardon. Kinder sind von der gesamten Prozedur strengstens ausgeschlossen. Nicht etwa, weil ich sie nicht mögen würde, sondern vielmehr zu ihrem eigenen Schutz. Wahrheit hin oder her, die Kindheit sollte eine Zeit seliger Unwissenheit sein. Ohne Ausnahme. Kinder sollten nie mit den Problemen erwachsener Menschen belastet werden, schon gar nicht mit denen ihrer Eltern. Sie haben es heutzutage weiß Gott schon schwer genug, bei allem was sie so mitbekommen und erleben. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass einem von ihnen die kindliche Unschuld abhandenkommt.
»Gut«, sagte ich.
Sie nickte angespannt. Anne Jacobs war eine attraktive Frau, zierlich und offenbar recht gut in Form. Ihre Fältchen zeugten von unzähligen Elternabenden, Chauffeurdiensten und langen Nächten, in denen sie auf ihren Mann gewartet hatte. Die Angst stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie tat mir leid. Sehr sogar. Eine Frau in ihrer Situation ist nie zu beneiden. Aber sie hatte bereits den ersten, den schwierigsten Schritt in die richtige Richtung gemacht, indem sie mich angerufen hatte.
Der erste Schritt auf dem Weg zu einem glücklicheren, ehrlicheren Leben.
Ich ergriff ihre Hand. »Keine Sorge. Es wird alles gut.«
Sie holte tief Luft, sichtlich bemüht, meinen Worten Glauben zu schenken.
Ich atmete tief durch. »Wie letzte Woche vereinbart, habe ich Ihren Gatten einem Treuetest unterzogen«, sagte ich, ohne ihre Hand loszulassen.
Sie umklammerte meine Finger.
Ich schluckte schwer. Lächelte. Jetzt kam der schwierigste Teil meiner Aufgabe. Es ist immer unangenehm, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. »Wie besprochen ging es bei dem Test darum, festzustellen, ob er fremdgehen würde, falls sich ihm die Gelegenheit dazu bietet.« Ich stockte. Holte erneut tief Luft. »Leider hat Ihr Ehemann den Test nicht bestanden.«
»Nein!«, wimmerte sie auf und schüttelte langsam den Kopf.
»Es tut mir leid.«
»Nein, nein«, wiederholte sie leise, bettelte mich förmlich an, meine Antwort zu revidieren, die Geschichte umzuschreiben.
Das ist einer der Augenblicke, in denen mein Herz am liebsten in Finsternis versinken würde und ich mir ganz bewusst das langfristige Ziel in Erinnerung rufen muss. Mich auf den Zweck meiner Mission besinnen muss. Man kann nicht nur für den Moment leben, wenn man ein so wichtiges Ziel verfolgt. Man darf sich nicht auf die qualvollen Schritte konzentrieren, die einen in diese Situation gebracht haben, sonst kommt man unweigerlich vom Weg ab.
Ich nehme den Menschen die Scheuklappen ab, entferne die Augenbinde, die sie im Dunkel der Unwissenheit gefangen hielt, und fast alle zeigen angesichts des grellen Lichtes zunächst dieselbe Reaktion: Entsetzen. Sie wollen ihre Augenbinde zurück, um wieder in der bequemen Dunkelheit versinken zu können. Was natürlich unmöglich ist. Hat man erst einmal das Licht der Wahrheit erblickt, dann gibt es kein Zurück mehr. Man kann eine Erkenntnis nicht ungeschehen machen. Am Tröstlichsten finde ich in dieser Situation immer die Vorstellung, dass die Betroffenen das Wissen früher oder später schätzen lernen. Eines Tages erwachen sie und begreifen, dass das Leben zu kurz ist, um es im Schattenreich der Unwissenheit zu verbringen.
»Wir waren einmal glücklich«, flüsterte sie.
»Das glaube ich Ihnen gern«, sagte ich aufrichtig, während ich aus einer Schachtel auf dem Beistelltischchen ein Kleenex zupfte und es ihr reichte. Sie nickte dankbar und putzte sich die Nase.
»Ich habe immer gedacht, wir wären anders. Ich habe gehofft, uns würde erspart bleiben, was all unsere Freunde durchgemacht haben – Affären, Scheidung, Therapie... Sie wissen ja, wie das in diesen Kleinstädten so läuft... Aber ich hätte nie gedacht, dass uns das einmal passieren würde. Niemals.«
»Es war gut, dass Sie mich engagiert haben. Sie haben das Richtige getan, Mrs. Jacobs.«
Sie nickte sichtlich skeptisch und erhob sich.
»Ich weiß, es fühlt sich im Moment nicht danach an, aber das kommt noch«, fügte ich hinzu. »Vertrauen Sie mir.«
Sie tupfte sich die Augen mit dem zerknüllten Taschentuch und lächelte höflich. Teils zuversichtlich, teils zweifelnd, und zum größten Teil einfach nur benommen. Aus meiner Handtasche nahm ich einen Scheck, den ich bereits im Flugzeug ausgefüllt hatte, und legte ihn auf den Couchtisch.
»Das ist für Sie«, sagte ich. »Die Spesenabrechnung. Ich habe wie besprochen meine Ausgaben mit Ihrem Reisekostenvorschuss verrechnet.«
Sie bedankte sich und begleitete mich hinaus in den Vorraum, wo sie mir schniefend die schwere Mahagonitür öffnete. Ich trat über die Schwelle, dann hielt ich inne und drehte mich noch einmal zu ihr um. Sie sah mich an, wartete auf meine abschließenden Worte.
Doch ich umarmte sie nur stumm und drückte sie an mich. Einen Augenblick war sie steif vor Überraschung angesichts dieser unerwarteten Beileidsbekundung, dann sank sie lautlos schluchzend an meine Schulter. Ich strich ihr über den Kopf, als wäre sie ein kleines Mädchen, das sich bei einem Sturz mit dem Rad das Knie aufgeschlagen hatte. Ich bin sicher, genau so fühlte sie sich in diesem Moment.
Aber wie jede Mutter, die ihrem Kind bereits ein halbes Leben an Erfahrungen voraus hat, wusste ich etwas, das sie nicht wusste: Die Wunde würde mit der Zeit verheilen, das Pflaster würde abfallen, und der Schorf irgendwann auch. Und früher oder später würde sie sich wieder auf das Fahrrad wagen.
Schließlich machte sie sich von mir frei und tupfte sich erneut die Augen, dankbar und verlegen zugleich.
»Tut mir leid«, murmelte sie und lächelte schief.
»Das muss es nicht.«
So naheliegend es auch scheinen mag, ich mache mir nie Vorwürfe. Dafür gibt es keinen Grund. Ich bin lediglich der Bote, der die Nachricht überbringt, und wie wir alle wissen, nützt es gar nichts, den Boten zur Rechenschaft zu ziehen.
»Wissen Sie...«
Sie sah mir so erwartungsvoll in die Augen, als hoffte sie, meine nächsten Worte könnten ihr neues Evangelium werden. Ein Lehrsatz, den sie sich abends vor dem Schlafengehen in Erinnerung rufen konnte und mit dem sie tags darauf aufwachen würde.
»Der menschliche Geist ist nicht dafür geschaffen, Tatsachen zu leugnen. Er strebt immer nach der Wahrheit.«
Und als ich mich nun zum Gehen wandte, sah ich in ihren Augen etwas aufflackern. Etwas, das ich mir abends vor dem Schlafengehen in Erinnerung rufen konnte und mit dem ich tags darauf aufwachen würde.
Es war ein winziger Funke Hoffnung, der sich an die Oberfläche gekämpft hatte, um sich seiner Lebensaufgabe zu stellen – ein gebrochenes Herz zu heilen.
Für Anne Jacobs bestand diese Hoffnung darin, dass ich recht behalten würde. Dass sie tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätte sie mir nicht machen können.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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