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Eine vielversprechende
Heilslehre
Meine Mission war vom ersten Tag an
sonnenklar.
Die Wahrheit aufzudecken. Meinen Auftraggeberinnen
Gewissheit zu verschaffen, damit sie die Möglichkeit haben, einen
Schlussstrich zu ziehen und die Vergangenheit hinter sich zu
lassen.
Nicht alle halten meine Arbeit für ehrenwert.
Deshalb weiß kaum jemand darüber Bescheid. Besser gesagt, niemand.
Nicht einmal meine engsten Freundinnen und
Freunde.
Oder meine Familie.
Für meine Mitmenschen bin ich Jennifer Hunter, eine
hart arbeitende, erfolgreiche Investment Bankerin, die für eine
Bank namens Stanley Marshall tätig ist. Das war ich auch.
Der Jobwechsel war einfach zu kaschieren: neue
Telefonnummer dank einer lange erhofften Beförderung, im Zuge derer
ich ein neues Firmenhandy erhielt; ein anspruchsvoller Chef und
zahlreiche kapitalkräftige Großkunden, deren Betreuung jede Menge
Überstunden und Geschäftsreisen erfordert. Sämtliche Details
mussten streng vertraulich bleiben, ich behauptete einfach, ich
hätte ein entsprechendes Abkommen unterzeichnen müssen. Die
perfekte Tarnung.
Ich schätze, das macht mich zu einer Art
Doppelagentin.
Ich führe ja auch ein Doppelleben: eines, über das nur ich
Bescheid weiß, und eines, über das meine Mitmenschen »Bescheid
wissen«. Ich würde meine Familie und meine Freunde ja einweihen,
aber sie könnten es nicht verstehen. Meine Freundin Sophie würde
mich beschuldigen, Familien zu zerstören, und auch meine Freundin
Zoë würde mich wohl nie mehr mit denselben Augen sehen.
Sie könnten meine Beweggründe nicht
nachvollziehen.
Sie würden mir unterstellen, dass ich bewusst mit
verheirateten Männern flirte, Beziehungen ruiniere, Familien
auseinanderreiße. Einen Keil zwischen Ehepaare treibe.
So würden jedenfalls die meisten Menschen meine
Tätigkeit beschreiben.
Meiner Ansicht nach ist das eine äußerst
oberflächliche Betrachtungsweise. Wenn man genauer hinsieht, steckt
viel, viel mehr dahinter. Aber um meine Beweggründe nachvollziehen
zu können, müssten sie wissen, was ich weiß. Sie müssten gesehen
haben, was ich gesehen habe.
Deshalb behalte ich mein Geheimnis für mich.
Außerdem ist Anonymität eine wichtige Voraussetzung
für meine Tätigkeit – und das Geheimnis meines Erfolges.
Nun fragt sich vielleicht so mancher, wie ich das
überhaupt Tag für Tag durchziehen kann. Wie ich es schaffe,
objektiv zu bleiben. Mich zu distanzieren.
Ob ich mir nicht eigentlich wünschen müsste, dass alle den Test bestehen.
Tja, es geht hier aber nicht darum, was ich mir
wünsche.
Würde man auf der Straße Passanten anhalten und
fragen, ob sie sich eine Welt ohne Verbrechen wünschen, dann würden
höchstwahrscheinlich alle antworten: »Natürlich, wünscht sich das
nicht jeder?« Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass
weiterhin Verbrechen geschehen.
Genauso verhält es sich mit der Untreue.
Seitensprünge
geschehen Tag für Tag. Ich kann herumsitzen und mir wünschen, es
wäre anders, aber das würde nicht das Geringste nützen. Also habe
ich beschlossen, etwas zu unternehmen, indem ich Fälle von Untreue
aufdecke. In der Hoffnung, damit die Welt ein klein wenig zu
verändern.
Ich habe bereits das Leben von über zweihundert
Menschen verändert. Und darauf bin ich stolz.
Zweifel können schlimme Verwüstungen in einer
Beziehung anrichten. Ungewissheit kann einem Menschen das Leben zur
Hölle machen. Deshalb wollen die meisten über kurz oder lang
Klarheit haben.
Mehr als zweihundert Frauen haben durch mich die
Wahrheit über ihre Beziehung erfahren, über den Mann, den sie
lieben. Meiner Meinung nach ist das besser, als im Dunkeln zu
tappen. Besser als die Tatsachen zu leugnen.
Machen wir uns nichts vor. Die Untreue ist
allgegenwärtig. Sie ist das Thema von Talkshows, sie ziert die
Titelseiten von Zeitschriften, sie steht im Zentrum politischer
Skandale. Aber es scheint, als würde kein Mensch etwas dagegen
unternehmen. Außer vielleicht zu jammern und mit dem Finger auf die
Schuldigen zu zeigen.
Also, mein Zeigefinger wurde irgendwann müde. Ich
habe beschlossen, der Untreue den Kampf anzusagen.
Es sind Typen wie Raymond Jacobs, die in mir den
Stolz auf meine Arbeit wecken. Ashlyn war eindeutig nicht die
Erste, mit dem er seine Frau betrogen hat (auch wenn es
schlussendlich nicht dazu kam), aber jetzt konnte ich zumindest
nach Los Angeles zurückkehren in der Hoffnung, dass sie die Letzte
gewesen war.
Dieser Gedanke ist es, der mich nachts ruhig
schlafen lässt.
Auf dem Nachhauseweg vom Los Angeles
International Airport rief mich Sophie, meine beste Freundin, an.
»Ich drehe noch durch!«, dröhnte es panisch aus meinem
Bluetooth-Kopfhörer.
»Was ist denn los?«, erkundigte ich mich.
»Ich verliere ihn. Ich spüre es.« Sie stöhnte
verzweifelt auf.
Sophie neigt zu Überreaktionen. Das hat mit ihrer
chronischen Unsicherheit zu tun und führt dazu, dass sie Männern
nicht vertrauen kann. Sie lebt in der ständigen Angst, verlassen zu
werden. Vermutlich, weil sie bis jetzt noch jeder Mann verlassen
hat.
»Quatsch«, beruhigte ich sie geduldig. »Was ist
passiert?«
»Er kommt nicht«, erwiderte sie schlicht.
»Was soll das heißen, er kommt nicht?«
»Das soll heißen, dass er versprochen hatte, dieses
Wochenende zu kommen. Ich wollte, dass ihr euch endlich
kennenlernt. Und jetzt musste er absagen, wegen irgendwelchen
blöden dienstlichen Verpflichtungen.«
»Das kannst du ihm doch nicht vorwerfen«, rügte ich
sie. »Job ist Job.«
Sophie und Eric waren seit acht Monaten zusammen.
Sie führten eine Fernbeziehung, weil Eric einen Dreijahresvertrag
als Assistenzarzt in einem Chicagoer Krankenhaus hatte. Da er
unheimlich viel arbeiten musste, spendierte er Sophie regelmäßig
Flugtickets, damit sie sich überhaupt sehen konnten. Ich hatte ihn
noch nicht persönlich kennengelernt, denn bislang war ich bei jedem
seiner seltenen Besuche in L.A. geschäftlich unterwegs gewesen.
Aber nach dem zu urteilen, was mir Sophie über ihn erzählt hatte,
war er bis über beide Ohren in sie verknallt.
Eric ist einfach anders. Keine Ahnung, woher ich
das weiß. Es ist nur so ein Gefühl, aber ich habe gelernt, meinem
Instinkt
blindlings zu vertrauen. Ich wünschte nur, Sophie würde das auch
tun. Jedes Mal, wenn sie eine ihrer Panikattacken erleidet und vom
Strudel ihrer Angst in die Tiefe gerissen wird, versuche ich, ihr
klarzumachen, dass Eric definitiv nicht zu den Männern gehört, die
fremdgehen. Ich weiß das, weil ich schon unzählige Männer
kennengelernt habe, die einem Seitensprung durchaus nicht abgeneigt
waren. Doch Eric weist nicht die typischen Merkmale eines Betrügers
auf. Wenn jemand das mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten
kann, dann ich. Weil diese Art der Argumentation jedoch eine ganze
Menge weiterer Erklärungen erforderlich gemacht hätte, auf die ich
gut und gern verzichten konnte, beschränkte ich mich üblicherweise
auf die traditionellen Beruhigungsmethoden.
»Ich weiß nur eines: Wenn ein Mann erst anfängt,
Dates abzublasen, dann ist was im Busch«, verkündete sie
düster.
»Sophie«, erwiderte ich mahnend. »Ihr seid doch
längst über die Dating-Phase hinaus. Ja, er lebt in Chicago, aber
ihr telefoniert mindestens zweimal täglich miteinander und habt
euch in den vergangenen acht Monaten alle zwei Wochen gesehen! Das
kann man mit Fug und Recht eine ernsthafte Beziehung nennen.«
»Aber ich hatte mich so darauf gefreut, dass du ihn
endlich kennenlernst.«
»Ich doch auch«, versicherte ich ihr. »Aber es wird
sich bestimmt wieder einmal eine Gelegenheit ergeben.«
Sie schwieg. »Pfff. Wer weiß, wann... So selten,
wie ihr beide in L.A. seid...«
»Tja, dann lerne ich ihn eben auf der Hochzeit
kennen«, scherzte ich.
»Sag doch nicht so was! Das bringt Unglück. Laut
Marie Claire ist nach acht Monaten eine
kritische Marke erreicht. Zum einen lässt der Reiz des Neuen
allmählich nach, zum
anderen wird es bei vielen Paaren ernst. Es beginnt die Zeit, in
der sich die meisten Paare verloben. Eine äußerst riskante Phase
also, in der man mit derartigen Äußerungen sehr vorsichtig sein
muss.«
Ich verdrehte die Augen und bog auf die Wilshire
ab. »Entschuldige.«
»Bist du in L.A.?«, wollte sie wissen.
»Ja, ich bin vor einer Stunde mit dem Flieger aus
Denver gekommen. Morgen früh um neun geht es weiter. Warum?«
Meine Freundinnen haben sich mittlerweile daran
gewöhnt, dass ich wegen meiner stressigen Arbeit häufig nur
stundenweise in der Stadt weile. Sie sind der festen Überzeugung,
dass ich (das heißt, Jennifer Hunter, die Investment Bankerin)
einen ganz normalen Beruf ausübe. Consultingpakete an den Mann
bringen, über millionenschwere Projekte verhandeln, mit
Geschäftspartnern fachsimpeln, das Übliche eben. Was natürlich
viele Geschäftsreisen erfordert. Aber ich bin sicher, sie kämen nie
auf die Idee, dass ich mich, wenn ich »beruflich unterwegs« bin,
als Sexbombe verkleide, um im Auftrag reicher Hausfrauen potenziell
untreue Ehemänner auf die Probe zu stellen.
Meine Betätigung als Treuetesterin, ursprünglich
eine private Mini-Mission, hatte sich schon bald als äußerst
lukrativ entpuppt. Ich arbeite ausschließlich auf Empfehlung, und
kaum hatte sich die Kunde von meinen Dienstleistungen
herumgesprochen, war ich so gefragt, dass ich gar nicht alle
Aufträge annehmen konnte. Um Geld war es anfangs gar nicht
gegangen, aber es war eindeutig ein positiver Nebeneffekt.
»Hast du heute Abend Zeit?«, fragte Sophie. »Ich
könnte dringend eine Sitzung gebrauchen.«
»Tut mir leid, ich kann nicht«, sagte ich
bedauernd. »Ich muss arbeiten.«
Das hörte sie nicht zum ersten Mal. Sie seufzte.
»Okay.
Aber ich hoffe doch sehr, dieser Sklaventreiber von Chef gibt dir
wenigstens das Wochenende frei, nachdem du an den letzten beiden
gearbeitet hast. Niemand ist derart
wichtig.«
Ich lachte. »Ja, dieses Wochenende habe ich
tatsächlich frei.« Und ich freute mich schon die ganze Woche
darauf. »Da können wir dann eine Gruppensitzung abhalten.«
»Super.« Sie bemühte sich um einen munteren
Tonfall, aber ich hörte ihr die Enttäuschung an.
»Mach dir keine Gedanken«, beruhigte ich sie
erneut. »Eric ist einer von den Guten. Du solltest seine Absage
nicht überinterpretieren. Klingt für mich nach einem klassischen
Fall von Fernbeziehungsparanoia.«
Das saß. »Danke. Dann geh’ ich mal wieder an die
Arbeit. Ich liebe dich.«
»Ich dich auch.«
Ich schaltete meine Freisprechanlage aus und nahm
den Kopfhörer ab.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Es war beileibe
nicht das erste Mal, dass meine Freundinnen wegen meiner Arbeit
zurückstecken mussten. Und es brach mir jedes Mal das Herz, wenn
ich sie anlügen musste. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass
ich nicht für sie da sein konnte, wenn sie mich brauchten.
Andererseits würden wir Sophies Drama im Rahmen
unserer »Gruppensitzung« am Wochenende noch ausführlich genug
analysieren.
Der Ausdruck »Sitzung« stammt ursprünglich von
Sophies Vater, der Psychologe war und seine Patienten im häuslichen
Arbeitszimmer zu empfangen pflegte, das direkt unter Sophies Zimmer
lag. Es klang immer sehr mysteriös und beeindruckend, wenn er uns
ermahnte, uns während seiner »Sitzungen« ruhig zu verhalten. Wir
fingen schon in der Grundschule an, seinen Jargon zu
imitieren.
Nach dem Abendessen schlichen wir oft in besagtes
Arbeitszimmer, wo dann eine von uns auf dem großen braunen
Ledersessel Platz nahm, während sich die andere auf der Couch
ausstreckte und über ein lustiges fiktives Problem klagte (»Ich
muss in der Schule ständig Furzgeräusche von mir geben. Ich kann
einfach nicht anders. Mein Sozialleben geht total den Bach
runter.«). Darauf öffnete die »Psychologin« eines der schweren, in
Leder gebundenen Bücher, die neben dem Sessel im Regal standen, und
sagte geschraubt: »Klassischer Fall von einem fundamentalen
Attributionsfehler«, oder wie auch immer der längste,
hochgestochenste Fachbegriff auf der zufällig aufgeschlagenen Seite
lautete.
Später fanden unsere Sitzungen dann nicht mehr im
Arbeitszimmer von Sophies Dad statt und drehten sich zunehmend um
echte Probleme, mit denen ein pubertierender Teenager eben so zu
kämpfen hat. Die Wendung »ein klassischer Fall von...« behielten
wir weiterhin bei. Wir fanden die Vorstellung tröstlich, dass jedes
unserer Probleme in einem klugen Buch aufgelistet war, dass jede
noch so verzwickte Sachlage, mit der wir uns herumschlagen mussten,
bereits von einem superintelligenten Psychologen erforscht, benannt
und gelöst worden war.
In den letzten Jahren war es allerdings
hauptsächlich Sophie gewesen, die Sitzungen einberufen hatte. Sie
hatte aus unerfindlichen Gründen eine gewisse Affinität zur
Tragödie entwickelt.
Ich ließ den Wilshire Boulevard hinter mir und
steuerte wie immer über sechs Ecken meine Wohnung an. Ich habe mir
angewöhnt, nie auf direktem Weg nach Hause zu fahren. Falls mir ein
Auto folgt, würde das auf einer belebten Straße wie dem Wilshire
Boulevard nicht weiter auffallen, wenn aber auf den ruhigeren
Seitenstraßen jemand fünf Mal hintereinander gleich abbiegt wie
ich, entgeht mir das bestimmt
nicht. In meinem Erwerbszweig kann man nicht vorsichtig genug
sein. Das fehlte mir noch, dass eines Tages um zwei Uhr früh ein
vor Wut schnaubender Ehemann bei mir auf der Matte stand.
Während ich geduldig an einer roten Ampel wartete,
zog der Fahrer im Wagen hinter mir auf der linken Spur an mir
vorbei und warf mir einen giftigen Blick zu. Ich bog in meine
Straße ein, fuhr in die Tiefgarage meines Wohnkomplexes und stellte
meinen Range Rover auf meinem Privatparkplatz ab. Dann packte ich
eilig meine Habseligkeiten zusammen und hastete ins Haus. In zehn
Minuten musste ich bereits zu meinem Meeting mit Raymond Jacobs
Frau aufbrechen.
Mit meinem Rollkoffer im Schlepptau betrat ich mein
trautes Heim, das noch genauso aussah, wie ich es verlassen hatte:
absolut makellos.
Dank meines Einkommens kann ich mir den Luxus
leisten, zweimal wöchentlich die Dienste einer Haushälterin in
Anspruch zu nehmen. Marta sorgt dafür, dass die Wohnung stets so
blitzsauber aussieht und riecht wie bei meinem Einzug. Kein
einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass meine gesamte
Einrichtung in Weiß gehalten ist: weiße Teppiche, weiße Wände,
weiße Laken, weiße Tagesdecken, weiße Kissen, weiße Möbel.
Ich weiß noch, wie meine Freundin Zoë Bauklötze
gestaunt hat, als sie zum ersten Mal das ultraschicke Domizil
betrat, das der Innenarchitekt aus der heruntergekommenen
ehemaligen Junggesellenbude gezaubert hatte.
»Wow. Sie ist sehr... weiß«, scherzte sie.
»Ja, toll, nicht?«
Sie nickte. »Deine Beförderung scheint sich ja echt
gelohnt zu haben.«
Beförderung und Gehaltserhöhung, so hatten die
offiziellen Gründe dafür gelautet, dass ich mir plötzlich einen
deutlich
höheren Lebensstandard leisten konnte, nachdem ich ernsthaft ins
Treuetest-Business eingestiegen war. Marta begrüßte mich an der Tür
und nahm mir den Koffer ab.
»Danke«, keuchte ich. »Ich muss mich blitzschnell
umziehen und gleich wieder los.« Ich düste auf direktem Weg in
Richtung Schlafzimmer. »Hat jemand angerufen, während Sie hier
waren?«
»Ich glaube nicht, Miss Hunter«, rief mir Marta mit
ihrem starken spanischen Akzent hinterher. »Vielleicht einmal
Telefon klingeln, als ich staubsauge. Aber ich nicht sicher,
deswegen ich sauge weiter.«
»Kein Problem.« Ich huschte lächelnd ins
Schlafzimmer.
»Koffer sauber machen wie immer?«, rief Marta von
draußen.
Ich steckte den Kopf durch den Türspalt. »Ja,
bitte. Vielen Dank.«
Sie nickte und verschwand in der
Wäschekammer.
Ich schloss die Tür und schälte mich hastig aus
Jeans und T-Shirt, als ich bemerkte, dass mein Anrufbeantworter
blinkte. Hm. Es macht mich immer neugierig, wenn mich jemand unter
meiner Festnetznummer zu erreichen versucht, denn nur sehr wenige
Menschen kennen sie – und selbst die rufen mich meist gleich auf
dem Privathandy an. Ich besitze noch ein anderes Handy, das ich
jedoch ausschließlich für geschäftliche Zwecke nutze.
Ich drückte die Wiedergabe-Taste des Anrufbeantworters und eilte in
meinen begehbaren Kleiderschrank, wo ich meine bequemen
Reiseklamotten in den Wäschekorb warf und mich an die Auswahl
meines neuen Outfit machte. Hm. Hosenanzug oder Kostüm?
»Sie haben eine neue Nachricht«, verkündete der
Anrufbeantworter.
»Hi, Jen. Hier ist... dein Dad.«
Ich erstarrte, ließ die Hand sinken. Ein roter
Kaschmirpulli rutschte vom Bügel auf den Boden. Ich stand
stocksteif da, als befände ich mich auf einem Mienenfeld, als
könnte eine Bombe detonieren, wenn ich auch nur einen falschen
Schritt tat, und lauschte der Stimme meines Vaters, die aus dem
Lautsprecher drang.
»Jen, ich weiß, es herrscht schon eine ganze Weile
Funkstille zwischen uns... Es wäre schön, wenn wir den Kontakt
wieder aufleben lassen könnten.« Brunnentiefer Seufzer, lange
Pause.
Wut loderte in mir auf. Ich wandte den Kopf und
starrte die Tür meines begehbaren Schranks an, während ich auf
seine nächsten Worte wartete.
Und dann ließ er die Bombe platzen.
»Ich habe vor, zu heiraten, Liebes.« Schweigen.
»Sie ist toll. Ich möchte, dass du sie kennenlernst und zur
Hochzeit kommst. Es würde mir wirklich viel bedeuten, und ihr
auch...«
Jetzt war der Bann gebrochen. Ich stampfte hinaus,
stürzte mich förmlich auf den Anrufbeantworter, ließ die Faust
daneben auf den Nachttisch donnern. Erbost hämmerte ich gut ein
Dutzend Mal auf die Löschen-Taste und hielt
sie abschließend noch eine halbe Ewigkeit gedrückt, um
sicherzugehen, dass auch wirklich jedes noch so kleine Überbleibsel
der Nachricht vernichtet war. Zerstört von der bloßen Kraft meines
Fingers. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und widmete mich
wieder der Kleiderfrage.
Mein Schrank ist für jeden Modefreak das reinste
Paradies, jedenfalls laut meiner Freundin Sophie, die ganz besessen
von Labels und Marken (und entsprechend neidisch) ist. Sämtliche
Designer sind vertreten: Gucci, Dior, Dolce & Gabbana, Marc
Jacobs, Fendi, und so weiter – eben alles,
was eine modebewusste Frau laut Vogue und
InStyle auf Lager haben muss.
Ich selbst habe nämlich, ehrlich gesagt, nicht viel
Ahnung von der Materie. Ich hatte noch nie ein Händchen dafür, was
in meiner Branche ein enormer Nachteil ist.
Jedes meiner Ensembles erfordert daher eine
gründliche Recherche und Vorbereitung.
Als ich fünf Minuten später mein Schlafzimmer
verließ, trug ich einen strengen grünen Hosenanzug samt
cremefarbenem Top und einem bunten Schal um den Hals. Dieser Look
wurde in der Augustausgabe des Cosmopolitan
als »Suburban Chic« bezeichnet, was mir passend erschien in
Anbetracht der Tatsache, dass ich mich gleich in die tückischen
Gewässer eines schicken Vororts im Orange County begeben würde. Ich
schulterte mein Lieblingsaccessoire, die Hermès Birkin, und
schnappte mir meine Sporttasche sowie einen billigen schwarzen
Rollkoffer, den ich diese Woche im Kaufhaus erstanden hatte. Er
enthielt meine »Verkleidung« und diverse weitere Requisiten für den
Auftrag heute Abend.
Dann warf ich einen kurzen Blick in die
Wäschekammer, wo Marta eben den Inhalt des anderen Koffers in die
Waschmaschine stopfte.
»Danke, Marta. Schönes Wochenende!«
Sie hob den Kopf. »Gerne, Miss Hunter. Sie brauchen
Koffer morgen?«
»Ja, allerdings. Ich fliege gleich in der Früh nach
San Francisco.«
»Okay, ich putze sofort«, sagte Marta und angelte
eine Scheuerbürste und eine Flasche Industriedesinfektionsmittel
vom Regal über der Waschmaschine.
»Danke.«
Bestimmt fragt sie sich hin und wieder, was es mit
mir und meinem Sauberkeitsfimmel auf sich hat. Wer ich wohl bin
und was für einen Beruf ich ausübe, dass ich praktisch fünf Tage
die Woche auf Achse sein muss. Wie ich mir mit meinen
achtundzwanzig Jahren eine so tolle Eigentumswohnung leisten kann.
(Ich bin die jüngste Eigentümerin im ganzen Haus.) Und vor allem,
warum ich sie nach jeder meiner Geschäftsreisen meinen Koffer
desinfizieren lasse. Sie hat allerdings nie danach gefragt, also
fühle ich mich auch nicht verpflichtet, ihr irgendwelche Märchen
aufzutischen. Vermutlich glaubt sie, ich würde tagtäglich in
Giftmüll wühlen oder mich in meiner Freizeit in der
Seuchenschutzbehörde herumtreiben. Ohne Schutzanzug. Jedenfalls
lasse ich sie alles desinfizieren, das mit den Ehebrechern und
Betrügern in Berührung gekommen ist, mit denen ich es zu tun habe.
Als wären sie äußerst gefährliche, ja, tödliche Viren, gegen die es
keinen Impfstoff gibt.
Vor dem Spiegel neben der Wohnungstür blieb ich
stehen, band mir das lange dunkle Haar zu einem lockeren
Pferdeschwanz zusammen und musterte mein Gegenüber prüfend.
Irgendetwas fehlte. Vielleicht die Mascara?
Ich betrachtete meine Wimpern aus der Nähe. Nein.
Tiefschwarz wie immer umrahmten sie meine grünen Augen. Vielleicht
war ich bloß müde von der Reise. Außerdem hatte ich gestern nicht
besonders gut geschlafen.
Ich lächelte meinem Spiegelbild aufmunternd zu und
machte mich auf den Weg, nicht ohne zuvor noch einen sehnsüchtigen
Blick in mein blitzblankes Wohnzimmer zu werfen.
So sehr ich Geschäftsreisen auch liebe, es ist zu
schade, dass ich nicht mehr Zeit in meinem traumhaften Zuhause
verbringen kann.
Ich fuhr den Wilshire Boulevard entlang bis zurück
zur Interstate 405 und machte mich auf den langen Weg nach Newport
Beach im Herzen von O.C. California (wohlbekannt aus der
gleichnamigen Fernsehserie). Das Haus, in
dem Anne Jacobs wohnte, hätte durchaus als Drehort dafür dienen
können – eine Villa mit riesigem Garten und einem glitzernden Pool,
dessen hinterer Beckenrand mit dem Blau des Meeres am Horizont
verschmolz.
Anne war schon meine dritte Kundin aus Newport
Beach in diesem Monat. Allem Anschein nach verbreiteten sich
Neuigkeiten hier besonders rasch, vor allem unter den Hausfrauen,
die den ganzen Tag im örtlichen Wellnesstempel verbrachten und
Tratsch und Klatsch austauschten – und die Nummer einer gewissen
Ashlyn.
Dabei verlange ich für meine Dienste ein
fürstliches Honorar. Schon erstaunlich, wie tief manche Menschen in
die Tasche greifen, um die Wahrheit zu erfahren. Tja, in meinen
Augen ist für die Wahrheit kein Preis zu hoch, und ich bin offenbar
nicht die Einzige, die so denkt.
Meine Klienten berappen auch sämtliche anfallende
Spesen: Flüge, Hotelzimmer, Taxis, Mahlzeiten – was auch immer
vonnöten ist, um ihnen die gewünschte Information zu beschaffen.
Und da Geld normalerweise kein Thema ist, dürfte es auch nicht
weiter überraschen, dass die meisten meiner Auftraggeberinnen in
Häusern leben, die andernorts als Hotel durchgehen würden.
Es ist heutzutage schwierig, seinen Seelenfrieden
zu finden. So schwierig, dass die meisten Menschen bereit sind,
dafür zu bezahlen. Diesem Umstand verdanke ich meinen Job.
Ich bog in die Straße ein, in der Anne Jacobs
wohnte, folgte ihr bis zum Ende und parkte in der langen,
gepflasterten Auffahrt.
Da lag sie, die Villa, in all ihrer Pracht.
Sie sah noch genauso pompös aus wie bei meinem
ersten Besuch vor einer Woche, als mir Mrs. Jacobs den Auftrag
erteilt hatte, aber irgendwie schien sie ein wenig von ihrem Glanz
eingebüßt zu haben.
Fast alle meine Klientinnen wohnen in solchen
Traumhäusern. Doch inzwischen weiß ich, dass die Häuser bloß eine
Fassade sind. Eine Maske. Designermöbel und Marmorarbeitsflächen
mögen den Besucher beeindrucken, doch die Beziehungen, die sich
dahinter verbergen, können kaum je mit dem schönen Schein
mithalten. Schade eigentlich. Wie gern würden wir glauben, dass
jede dieser unvorstellbar teuren Villen erfüllt ist von Liebe,
Glück, Vertrauen. Leider ist das nur höchst selten der Fall.
Wenn ich auf der Bildfläche erscheine, fällt die
Fassade meist in sich zusammen.
»Mrs. Jacobs«, begann ich sanft, nachdem wir wie
schon beim ersten Zusammentreffen in ihrem Wohnzimmer Platz
genommen hatten. »Sind wir allein?«
»Ja«, versicherte sie mir. »Die Kinder sind in der
Schule.«
Diesbezüglich kenne ich kein Pardon. Kinder sind
von der gesamten Prozedur strengstens ausgeschlossen. Nicht etwa,
weil ich sie nicht mögen würde, sondern vielmehr zu ihrem eigenen
Schutz. Wahrheit hin oder her, die Kindheit sollte eine Zeit
seliger Unwissenheit sein. Ohne Ausnahme. Kinder sollten nie mit
den Problemen erwachsener Menschen belastet werden, schon gar nicht
mit denen ihrer Eltern. Sie haben es heutzutage weiß Gott schon
schwer genug, bei allem was sie so mitbekommen und erleben. Ich
will nicht dafür verantwortlich sein, dass einem von ihnen die
kindliche Unschuld abhandenkommt.
»Gut«, sagte ich.
Sie nickte angespannt. Anne Jacobs war eine
attraktive Frau, zierlich und offenbar recht gut in Form. Ihre
Fältchen zeugten von unzähligen Elternabenden, Chauffeurdiensten
und langen Nächten, in denen sie auf ihren Mann gewartet hatte. Die
Angst stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie tat mir leid.
Sehr sogar. Eine Frau in ihrer Situation
ist nie zu beneiden. Aber sie hatte bereits den ersten, den
schwierigsten Schritt in die richtige Richtung gemacht, indem sie
mich angerufen hatte.
Der erste Schritt auf dem Weg zu einem
glücklicheren, ehrlicheren Leben.
Ich ergriff ihre Hand. »Keine Sorge. Es wird alles
gut.«
Sie holte tief Luft, sichtlich bemüht, meinen
Worten Glauben zu schenken.
Ich atmete tief durch. »Wie letzte Woche
vereinbart, habe ich Ihren Gatten einem Treuetest unterzogen«,
sagte ich, ohne ihre Hand loszulassen.
Sie umklammerte meine Finger.
Ich schluckte schwer. Lächelte. Jetzt kam der
schwierigste Teil meiner Aufgabe. Es ist immer unangenehm, der
Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. »Wie besprochen ging es
bei dem Test darum, festzustellen, ob er fremdgehen würde,
falls sich ihm die Gelegenheit dazu
bietet.« Ich stockte. Holte erneut tief Luft. »Leider hat Ihr
Ehemann den Test nicht bestanden.«
»Nein!«, wimmerte sie auf und schüttelte langsam
den Kopf.
»Es tut mir leid.«
»Nein, nein«, wiederholte sie leise, bettelte mich
förmlich an, meine Antwort zu revidieren, die Geschichte
umzuschreiben.
Das ist einer der Augenblicke, in denen mein Herz
am liebsten in Finsternis versinken würde und ich mir ganz bewusst
das langfristige Ziel in Erinnerung rufen muss. Mich auf den Zweck
meiner Mission besinnen muss. Man kann nicht nur für den Moment
leben, wenn man ein so wichtiges Ziel verfolgt. Man darf sich nicht
auf die qualvollen Schritte konzentrieren, die einen in diese
Situation gebracht haben, sonst kommt man unweigerlich vom Weg
ab.
Ich nehme den Menschen die Scheuklappen ab,
entferne die Augenbinde, die sie im Dunkel der Unwissenheit
gefangen hielt, und fast alle zeigen angesichts des grellen Lichtes
zunächst dieselbe Reaktion: Entsetzen. Sie wollen ihre Augenbinde
zurück, um wieder in der bequemen Dunkelheit versinken zu können.
Was natürlich unmöglich ist. Hat man erst einmal das Licht der
Wahrheit erblickt, dann gibt es kein Zurück mehr. Man kann eine
Erkenntnis nicht ungeschehen machen. Am Tröstlichsten finde ich in
dieser Situation immer die Vorstellung, dass die Betroffenen das
Wissen früher oder später schätzen lernen. Eines Tages erwachen sie
und begreifen, dass das Leben zu kurz ist, um es im Schattenreich
der Unwissenheit zu verbringen.
»Wir waren einmal glücklich«, flüsterte sie.
»Das glaube ich Ihnen gern«, sagte ich aufrichtig,
während ich aus einer Schachtel auf dem Beistelltischchen ein
Kleenex zupfte und es ihr reichte. Sie nickte dankbar und putzte
sich die Nase.
»Ich habe immer gedacht, wir wären anders. Ich habe
gehofft, uns würde erspart bleiben, was all unsere Freunde
durchgemacht haben – Affären, Scheidung, Therapie... Sie wissen ja,
wie das in diesen Kleinstädten so läuft... Aber ich hätte nie
gedacht, dass uns das einmal passieren würde. Niemals.«
»Es war gut, dass Sie mich engagiert haben. Sie
haben das Richtige getan, Mrs. Jacobs.«
Sie nickte sichtlich skeptisch und erhob
sich.
»Ich weiß, es fühlt sich im Moment nicht danach an,
aber das kommt noch«, fügte ich hinzu. »Vertrauen Sie mir.«
Sie tupfte sich die Augen mit dem zerknüllten
Taschentuch und lächelte höflich. Teils zuversichtlich, teils
zweifelnd, und zum größten Teil einfach nur benommen. Aus meiner
Handtasche nahm ich einen Scheck, den ich bereits im Flugzeug
ausgefüllt hatte, und legte ihn auf den Couchtisch.
»Das ist für Sie«, sagte ich. »Die
Spesenabrechnung. Ich habe wie besprochen meine Ausgaben mit Ihrem
Reisekostenvorschuss verrechnet.«
Sie bedankte sich und begleitete mich hinaus in den
Vorraum, wo sie mir schniefend die schwere Mahagonitür öffnete. Ich
trat über die Schwelle, dann hielt ich inne und drehte mich noch
einmal zu ihr um. Sie sah mich an, wartete auf meine abschließenden
Worte.
Doch ich umarmte sie nur stumm und drückte sie an
mich. Einen Augenblick war sie steif vor Überraschung angesichts
dieser unerwarteten Beileidsbekundung, dann sank sie lautlos
schluchzend an meine Schulter. Ich strich ihr über den Kopf, als
wäre sie ein kleines Mädchen, das sich bei einem Sturz mit dem Rad
das Knie aufgeschlagen hatte. Ich bin sicher, genau so fühlte sie
sich in diesem Moment.
Aber wie jede Mutter, die ihrem Kind bereits ein
halbes Leben an Erfahrungen voraus hat, wusste ich etwas, das sie
nicht wusste: Die Wunde würde mit der Zeit verheilen, das Pflaster
würde abfallen, und der Schorf irgendwann auch. Und früher oder
später würde sie sich wieder auf das Fahrrad wagen.
Schließlich machte sie sich von mir frei und tupfte
sich erneut die Augen, dankbar und verlegen zugleich.
»Tut mir leid«, murmelte sie und lächelte
schief.
»Das muss es nicht.«
So naheliegend es auch scheinen mag, ich mache mir
nie Vorwürfe. Dafür gibt es keinen Grund. Ich bin lediglich der
Bote, der die Nachricht überbringt, und wie wir alle wissen, nützt
es gar nichts, den Boten zur Rechenschaft zu ziehen.
»Wissen Sie...«
Sie sah mir so erwartungsvoll in die Augen, als
hoffte sie, meine nächsten Worte könnten ihr neues Evangelium
werden. Ein Lehrsatz, den sie sich abends vor dem Schlafengehen
in Erinnerung rufen konnte und mit dem sie tags darauf aufwachen
würde.
»Der menschliche Geist ist nicht dafür geschaffen,
Tatsachen zu leugnen. Er strebt immer nach der Wahrheit.«
Und als ich mich nun zum Gehen wandte, sah ich in
ihren Augen etwas aufflackern. Etwas, das ich mir abends vor dem Schlafengehen in Erinnerung
rufen konnte und mit dem ich tags darauf aufwachen würde.
Es war ein winziger Funke Hoffnung, der sich an die
Oberfläche gekämpft hatte, um sich seiner Lebensaufgabe zu stellen
– ein gebrochenes Herz zu heilen.
Für Anne Jacobs bestand diese Hoffnung darin, dass
ich recht behalten würde. Dass sie tatsächlich die richtige
Entscheidung getroffen hatte.
Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätte sie mir nicht
machen können.