18
Passagiere und
»Fahrer«
Sophie schob sich an mir vorbei in meine Wohnung,
als wäre es keine große Sache, dass ich, ihre beste Freundin,
demnächst versuchen würde, ihren Verlobten zu verführen. Sie ließ
sich aufs Sofa fallen und nahm sogleich die Vorbereitungen in
Angriff.
»Okay«, sagte sie und holte ihren schwarzen
Terminplaner aus der Tasche. »Eric kommt in einer Woche, um sich
mit ein paar alten Freunden zu treffen. Sie werden in eine Bar
gehen, sich besaufen, herumblödeln... was Kerle eben so tun.
Das wäre die perfekte Gelegenheit, um ihn
zu testen.« Sie notierte sich etwas in ihrem Kalender.
Ich verfolgte es konsterniert. Man hätte meinen
können, sie würde eine Überraschungsparty für ihren Freund planen
und keinen Treuetest. Eine derart organisierte und ambitionierte
Auftraggeberin war mir bislang noch nicht untergekommen.
»Okay«, sagte ich vorsichtig, während sie eine
leere Seite aufschlug und eifrig zu schreiben begann. Ich versuchte
vergebens, einen Blick auf das Blatt zu erhaschen.
Schließlich riss sie mit einer schwungvollen
Handbewegung die Seite aus dem Terminkalender und reichte sie
mir.
Ich ließ mich zögernd neben ihr nieder und
versuchte mit zusammengekniffenen Augen, ihr Gekritzel zu
entziffern. »Was ist das?«
»Ich habe dir Erics Hobbys, Lieblingsgerichte,
Lieblingsfilme und so weiter aufgeschrieben. Könnte dir vielleicht
nützlich sein.«
Wortlos starrte ich auf die Liste. Ich hätte
gelacht, wäre es nicht so unpassend gewesen. Sie erledigte
praktisch meinen Job für mich. Genau diese Details musste ich
meinen Auftraggeberinnen sonst mühsam aus der Nase ziehen. Sophie
dagegen ging die Angelegenheit mit derselben Gewissenhaftigkeit an
wie einen Autokauf. Fehlten nur noch ein paar Artikel aus
Fachzeitschriften, Finanzierungsmodelle und eine Zeitungsannonce,
die ermäßigte Zinssätze für die Ratenzahlung verspricht. Mir war im
Grunde alles recht, solange es mir die unangenehme Arbeit, die ich
mir gerade aufgehalst hatte, ein bisschen erleichterte.
»Wann würde es dir passen?«, fragte Sophie. Ich
riss mich von den Worten »White Castle« los, die Sophie unter
Lieblings-Fast-food gekritzelt hatte.
»M-hm«, sagte ich abwesend.
»Jen!«, rief sie so schrill, dass ich das Gesicht
verzog.
»Solltest du das alles nicht in dein dämliches Treo
Smartphone eingeben, ohne das du keine zwei Schritte tust?«, fragte
sie streng und fügte dann halblaut hinzu: »Jetzt weiß ich auch
endlich, wieso.«
Ich erhob mich schwerfällig von der Couch. »Stimmt.
Bin schon dabei.«
Sie beäugte mich argwöhnisch. »Sonderlich engagiert
kommst du mir aber nicht vor. Im Gegenteil. Benimmst du dich bei
all deinen Kundinnen so unprofessionell?«
Ich holte mein Treo und kehrte zur Couch zurück.
»Mal ehrlich, Sophie, du bist nicht gerade die typische
Kundin.«
Sie schürzte nachdenklich die Lippen. »Zugegeben,
aber ich will trotzdem keine Extrawurst, hörst du? Keine
Sonderbehandlung. Keine Ausnahmen, keine Rücksicht. Tu genau das,
was du immer tust, wenn du mit den Typen flirtest.«
»Ach, jetzt ist es also auf einmal okay, wenn ich
mit verheirateten Männern flirte?«
Sie zuckte die Achseln, schloss ihren
Terminkalender und verstaute ihn umständlich in ihrer Handtasche.
»Warum nicht? Es dient schließlich einem guten Zweck, nicht?«
»Und damit ist dir zufällig auch gedient?«
Sie verdrehte die Augen. »Bla, bla, bla.«
Ich schnaubte. »Du weißt, was das bedeutet,
oder?«
Sie wandte sich zu mir um. »Was?«
Ich lehnte mich nervös zurück, die Handflächen auf
die Oberschenkel gepresst. »Dass ich es Zoë erzählen muss.«
»Warum?«
»Weil John schon Bescheid weiß, und jetzt weißt du
es auch, und es war noch relativ einfach für mich, es vor euch geheim zu halten, aber mal
ehrlich, wie stehen die Chancen, dass ihr beide es Zoë verschweigen
könnt?«
»Wie kommt es, dass John Bescheid weiß?« Sie klang
überrascht und eine Spur gekränkt.
»Von mir hat er es nicht,
das kannst du mir glauben.«
Sie musterte mich so neugierig, dass ich mich
genötigt sah, ihr eine sehr kurze Kurzfassung der Story über meinen
Celebrity-Status im Internet zu liefern, bis hin zu meinem heutigen
Coup, bei dem ich herausgefunden hatte, dass Raymond Jacobs
dahintersteckte.
»Und was machst du jetzt?«, wollte sie
wissen.
Ich zuckte mit einem gequälten Seufzen die Achseln.
»Weiß ich noch nicht. Mit ihm reden, nehme ich an?«
»Und du meinst, das nützt?« Sie schien
diesbezüglich die gleichen Zweifel zu hegen wie ich.
Ich zog die Beine an und zupfte am ausgefransten
Saum meiner Jeans. »Keine Ahnung. Versuchen kann ich’s ja
mal.«
Schweigen.
»Also, ich bin froh, dass du es Zoë sagen wirst«,
meinte Sophie schließlich.
Ich lächelte. »Ach, ja? Warum?«
Sie setzte sich aufrecht hin. »Weil sie dann
endlich einsehen muss, dass ich recht hatte«, erklärte sie
stolz.
Ich runzelte die Stirn. »Womit denn?«
»Du glaubst gar nicht, wie schwer es war, sie davon
zu überzeugen, dass dein fehlendes Interesse an Männern ein echtes
Problem ist. Sie hat immer behauptet, es läge nur an deinem
beruflichen Stress, aber ich wusste, dass mehr dahintersteckt, und
wie sich jetzt herausgestellt hat...« Sie verstummte, als müsste
sie erst ihren Gedanken zu Ende denken.
»Liegt es tatsächlich
daran, dass ich beruflich sehr gestresst bin.« Ich grinste.
Sie winkte ab. »Ach, du weißt schon, was ich
meine.«
Als ich am Donnerstag aus der Dusche stieg,
klingelte es an der Tür. Ich warf alarmiert einen Blick auf die
Uhr. Halb sieben. Jamie wollte mich doch erst um acht abholen.
Hatte ich es mir womöglich falsch notiert?
Doch nein, es waren Sophie und Zoë, die aufgeregt
vor meiner Tür standen, als ich durch den Spion guckte. Ein
Überraschungsbesuch. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Widerwillig
öffnete ich ihnen. »Was macht ihr denn hier?« Ich umklammerte mit
der einen Hand mein Badetuch, mit der anderen den Türknauf.
»Ich freu’ mich auch, dich zu sehen, du Schlampe!«,
fauchte Zoë mit gespielter Entrüstung.
»Ja, in der Tat, sehr freundlich, dieses
Begrüßungskomitee«, pflichtete Sophie ihr bissig bei.
»Tut mir leid.«
»Was ist das für ein großes Geheimnis, das alle
kennen außer mir?«
Ich bedachte Sophie mit einem bösen Blick.
»Entschuldige«, sagte sie. »Ich dachte, du hättest
sie inzwischen eingeweiht.«
»Es ist doch erst einen Tag her, dass du es
erfahren hast!«
Zoë sah ungeduldig von mir zu Sophie und zurück.
»Na, was ist jetzt? Ich bin hier, also schieß los!«
Ich trat einen Schritt zurück und bedeutete ihnen,
einzutreten. Die beiden gingen schnurstracks zur Couch und setzten
sich, wie Gäste in einer Talkshow, die gleich interviewt werden
sollen. Ich schloss die Tür und schlug den Weg ins Schlafzimmer
ein. »Ich ziehe mir nur schnell was über.«
»Hiergeblieben!«, rief Zoë. »Was du da unter dem
Badetuch versteckst, hab ich alles schon gesehen. Erzähl. Jetzt.«
Ich verdrehte die Augen, steckte den Handtuchzipfel
unter der Achsel fest und ließ mich neben Sophie nieder. »Okay, was
hast du ihr erzählt?«
»Nichts!«, rief sie abwehrend. »Ich hab sie bloß
gefragt, was sie von den Neuigkeiten über dich hält, und als sie so
kariert geguckt hat, wurde mir klar, dass du sie noch nicht
eingeweiht hast. Und ich will, dass sie es von dir hört.«
Zoë klopfte mit ihrem Stilettostöckel auf den
Parkettboden. »Ich warte.«
Ich stöhnte laut auf. »Ich wollte nicht, dass du es
so erfährst. Ich hab auf den passenden Moment gewartet, damit wir
uns zusammensetzen und darüber reden können.«
Zoë deutete auf die Couch. »Wir sitzen doch
schon.«
Ich fuhr mir mit der Hand durch das feuchte Haar.
»Okay. Ich mach’s kurz und schmerzlos: Ich arbeite nicht mehr für
Stanley Marshall.«
Zoë verzog keine Miene.
»Und genauer gesagt auch nicht mehr im Investment
Banking. Seit etwa zwei Jahren bin ich in einer ganz anderen
Branche tätig.«
Keine Reaktion. Also fuhr ich fort.
»Ich... äh... lasse mich von Frauen anheuern, um
die Treue ihrer Ehemänner oder Freunde auf die Probe zu
stellen.«
Zoë fuhr sich mit der Zunge über die Schneidezähne,
während sie meine letzte Aussage verarbeitete. Falls sie sich
bereits eine Meinung gebildet hatte, dann ließ sie es sich
jedenfalls nicht anmerken. Als hätte ich bloß angekündigt, ich
würde meine chemische Reinigung wechseln. Obwohl Zoë, wie ich sie
kenne, vermutlich auch dazu eine Meinung hätte.
Vielleicht brauchte sie noch etwas Zeit, um meine
Enthüllung zu verdauen. Ich änderte meine Taktik. »Ich gehe also
hin und flirte mit diesen Männern... ich mache ihnen schöne Augen
und versuche, herauszufinden, ob sie mit mir ins Bett gehen
würden.«
So. Jetzt sollte sie es kapiert
haben. Deutlicher ging es wirklich nicht mehr.
Doch Zoës Gesichtsausdruck glich noch immer dem
eines Menschen, der versucht, sich daran zu erinnern, wo er zuletzt
seine Schlüssel gesehen hat. Sophie, die sie bisher keine Sekunde
aus den Augen gelassen hatte, warf mir einen fragenden Blick zu.
Leider war ich genauso ratlos.
Wir konnten uns Zoës ausbleibende Reaktion beide
nicht erklären.
»Ist das alles?«, frage Zoë schließlich und sah von
Sophie zu mir.
Sophie starrte sie entgeistert an. »Was soll das
heißen, ist das alles? Findest du das nicht
wenigstens ein bisschen schockierend, Zoë?«
Diese überlegte kurz, dann zuckte sie die Achseln
und
schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Ich meine, es war ziemlich
offensichtlich, dass Jen schon länger nicht mehr bei Stanley
Marshall arbeitet.«
»Ach, ja?«, rutschte es mir heraus.
Zoë lachte nachsichtig. »Ähm, ja, Jen. Tut mir
leid, aber so überzeugend lügst du nun auch wieder nicht.«
»Du wusstest es die ganze Zeit?«, fragte
Sophie.
Zoë lehnte sich zurück. »Also, ich wusste nicht
genau, was sie trieb, aber ich habe
gespürt, dass irgendetwas anders war, und zwar schon eine ganze
Weile. Ein, zwei Jahre bestimmt.«
Ich starrte sie verblüfft an. Und ich hatte
gedacht, ich hätte allen erfolgreich etwas vorgemacht. Nun, hatte
ich ja auch. Außer Zoë waren mir alle auf den Leim gegangen.
»Außerdem habe ich voriges Jahr im Kino zufällig
Nate Evans getroffen, den Kollegen, mit dem du mich vor ein paar
Jahren verkuppeln wolltest, und der hat mir erzählt, du hättest
schon vor Monaten bei Stanley Marshall gekündigt.«
»Aber...« Ich war sprachlos. Da hatte ich mich auf
eine weitere Runde endloser Fragen eingestellt, und jetzt hatte sie
kurzerhand den Spieß umgedreht. »Warum hast du mich nie danach
gefragt? Vor allem, nachdem du erfahren hattest, dass ich nicht
mehr bei der Bank war?«
Zoë holte tief Luft. »Weiß ich auch nicht. Ich bin
davon ausgegangen, dass du schon wissen wirst, was du tust, also
hab ich es bleiben lassen. Ich dachte, wenn du je darüber reden
willst, wirst du schon damit zu uns kommen.«
»Wow.« Sophie wirkte nicht nur perplex, sondern
auch ein klein wenig neidisch, weil Zoë den Braten gerochen hatte,
während sie selbst total ahnungslos gewesen war.
»Aber ich muss sagen, ich bin beeindruckt«, räumte
Zoë ein. »Und es ist schön, nicht mehr spekulieren zu müssen, was
du eigentlich machst. Eine Weile war ich überzeugt, du
würdest als Stripperin im Club um die Ecke arbeiten. Aber ehrlich
gesagt, habe ich schon vor einem halben Jahr aufgehört, mir
deswegen den Kopf zu zerbrechen.«
»Dann hältst du es also für eine gute Sache?«,
hakte ich nach.
Sie nickte. »Klar. Ich meine, ich kann dir nicht
verdenken, dass du das Bedürfnis danach verspürst. Nach allem, was
zwischen deinen Eltern vorgefallen ist.«
Ich ließ die Schultern hängen. »Hmja.«
Zoë bemerkte mein Unbehagen und wechselte rasch das
Thema. »Und, was hast du heute Abend vor?« Sie deutete auf mein
feuchtes Badetuch. »Geht es dem nächsten ahnungslosen Opfer an den
Kragen?«
Ich erhob mich und zurrte besagtes Badetuch hoch.
»Nein«, sagte ich leise. »Ich... nun, stellt euch vor, ich bin
verabredet.«
Sophie und Zoë sprangen auf, perfekt
gleichgeschaltet, fast als wollten sie gemeinsam bei den nächsten
Olympischen Spielen im Synchronschwimmen antreten. »Was?«,
kreischte Sophie.
»Es ist der Typ aus dem Flugzeug, stimmt’s?«, rief
Zoë überdreht.
Sophie wandte sich zu ihr um. »Was für ein Typ aus
dem Flugzeug?«
»Jen hat neulich auf dem Rückflug von Las Vegas
jemanden kennengelernt, und die beiden haben sich prima verstanden.
Sie wollte ihn eigentlich nicht anrufen, aber ich wusste, sie würde
es tun.«
Ich stolzierte in Richtung Schlafzimmer davon. »Du
weißt zurzeit einfach alles, oder?«
Sie hechelten hinterher, wie zwei Hunde, die ein
Kleinkind mit einer Packung Kekse verfolgen.
»Ich kenne dich eben, Jen«, stellte Zoë stolz fest.
»Du
hältst dich gern für mysteriös und undurchschaubar, aber da
täuschst du dich.«
»Für die Männer, die sie testet, ist sie das
durchaus«, warf Sophie rechthaberisch ein, als könnte sie den
Gedanken nicht ertragen, bei diesem »Wer kennt Jen
besser?«-Spielchen den Kürzeren zu ziehen.
»Die zählen nicht«, widersprach Zoë. »Die sind doch
so testosterongesteuert, dass sie es noch nicht einmal bemerken
würden, wenn sich Jen mit Lippenstift ›das ist eine Falle‹ auf die
Stirn schreiben würde. Es ist nicht gerade eine Herausforderung,
einen Mann, der die vergangenen zwanzig Jahre mit ein und derselben
Frau geschlafen hat und gerade eine Erektion hat, in die Irre zu
führen.«
»Also, du Schlaukopf, diesmal hast du
danebengetippt«, verkündete ich selbstgefällig. »Ich habe ihn
nicht angerufen. Wir sind uns neulich bei
meinem Autohändler über den Weg gelaufen.« Damit betrat ich meinen
begehbaren Schrank und begann, unter meinen knapp zehntausend
Outfits nach dem passenden zu suchen.
»Und du hast beschlossen, endlich auf das Universum
zu hören«, fügte sie hinzu.
Touché. »Okay, damit hast
du in der Tat recht.«
Zoë ließ sich mit einem eingebildeten Grinsen auf
das Bett plumpsen. Sophie sank etwas niedergeschlagen auf den Stuhl
daneben und fühlte sich sichtlich ausgeschlossen.
Sie tat mir leid. »Soph«, sagte ich. »Würdest du
mir bitte sagen, was ich anziehen soll?
Sonst stehe ich die ganze Nacht hier. Ich bin diesbezüglich einfach
hilflos.«
Sogleich hellte sich ihre Miene auf. Sie sprang auf
und hopste herbei, um ihren Pflichten als modeversierte Freundin
nachzukommen.
Wenig später klingelte mein privates Handy. Es
war Jamie, um mir kundzutun, dass er im Anflug war. »Bin schon
unterwegs!«, rief ich, ehe er seinen Satz beendet hatte. Jetzt
dachte er bestimmt, ich hätte etwas zu verbergen. Ein paar Leichen,
die ich erst beseitigen musste oder Drogen, die auf dem Sofatisch
darauf warteten, gewogen und verpackt zu werden. Oder einen
Ehemann, der annahm, ich würde den Abend mit meinen Freundinnen
verbringen. In Wahrheit war ich einfach noch nicht bereit, Jamie in
meine vier Wände zu lassen. Es war mir schon schwer genug gefallen,
ihm meine Adresse zu verraten. Bei der Vorstellung, dass er in
meiner Wohnung herumspazierte, wurde mir ein wenig flau im
Magen.
Rasch stopfte ich die üblichen Verdächtigen in
meine schmale Handtasche von Marc Jacobs: Schlüssel, Lipgloss,
Pfefferminzbonbons, Kreditkarten, Bargeld und Personalausweis.
Und... mein rosa Klapphandy. Das Treo lag stumm auf dem
Küchentisch. Ich streckte die Hand danach aus, zuckte jedoch
zurück, als könnte ich mir an seinem Metallgehäuse die Finger
verbrennen. Aus unerfindlichen Gründen kam mir dieser Augenblick,
diese scheinbar belanglose Entscheidung, wie ein bedeutender
Wendepunkt in meinem Leben vor. Mit einem letzten Blick auf das
Treo zog ich triumphierend den Reißverschluss meiner Handtasche zu
und schwang sie über die Schulter.
Erstaunlich, wie leicht sie sich auf einmal
anfühlte. Als würde dieses kleine Gerät nicht knappe zweihundert
Gramm wiegen, sondern um die hundert Kilo.
Im Lift nach unten hatte ich plötzlich
Schmetterlinge im Bauch. Dabei war das beileibe nicht mein
erstes erstes Date. Im Grunde habe ich drei
bis vier Mal die Woche ein erstes Date. Zugegeben, immer mit
bestimmten Absichten. Aber trotzdem. Ich war ein Profi im Umgang
mit Männern. Ich wusste, wie man sie dazu bewegt, einen zu mögen.
Ich konnte
ihre Gedanken lesen. Kannte ihre Spielchen. Doch das war Ashlyn,
nicht ich. Und als sich die Aufzugtüren wie in Zeitlupe öffneten
und ich durch den bedrohlichen Schlund ins Freie trat, hatte ich
das Gefühl, mich auf gänzlich unbekanntes Terrain zu begeben.
Ich betrachtete mich prüfend in den verspiegelten
Wänden der Lobby. Sophie hatte ganze Arbeit geleistet. Sie hatte
sich tapfer durch den Dschungel meines Kleiderschrankes gewühlt und
binnen kürzester Zeit im Ausschlussverfahren ein Outfit für mich
zusammengestellt: rosa Spitzentop, cremefarbener Cardigan, hautenge
Jeans.
Dann hatte sie im Badezimmer die Schublade mit den
Accessoires auf den Kopf gestellt und mir als Ergänzung des
Ensembles einen Keramikarmreif und verspielte dunkle Ohrgehänge mit
rosa Perlen in die Hand gedrückt.
Vor dem Haus stand ein weißes Jaguar-Cabrio – mit
geschlossenem Verdeck, laufendem Motor und eingeschalteten
Scheinwerfern. Nicht zu übersehen.
Ich war noch keine drei Schritte darauf zugegangen,
da öffnete sich die Fahrertür, und Jamie kletterte aus dem Wagen,
um mich zu begrüßen. Er sah umwerfend aus. Noch besser, als ich ihn
in Erinnerung gehabt hatte. Er trug eine beigefarbene Hose, dazu
ein eng geschnittenes schwarzes Hemd aus Jerseystoff und eine
kragenlose Jacke.
Als er mich vorsichtig auf die Wange küsste, ging
ein Prickeln durch meinen Körper. Ich räusperte mich. »Das ist er
also, Ihr Jaguar?«
»Das ist er. Sind Sie beeindruckt?«
Ich schüttelte lachend den Kopf. »Nicht
besonders.«
»Mist. Ich will mein Geld zurück.« Er ging um den
Wagen herum und hielt mir die Beifahrertür auf. »Der Verkäufer hat
behauptet, bei einem Jaguar würden die Frauen
dahinschmelzen.«
Jamie setzte sich hinters Steuer und drückte einen
Knopf am Armaturenbrett, worauf sich langsam das Verdeck öffnete.
Ich spürte eine kühle Brise im Gesicht.
»Und, sind Sie jetzt beeindruckt?«
»Hm. Ein bisschen, ja.«
»In fünf Jahren werde ich vierzig. Ich habe
beschlossen, die Midlife-Crisis mittels Cabrio-Kauf schon mal etwas
vorzuverlegen.«
»Wow!«, stieß ich hervor. »Fast vierzig! Sie wirken
so...«
Er warf mir einen warnenden Blick zu.
»... jung geblieben für Ihr Alter«, schloss ich
grinsend.
»Danke. Ich lasse die Fenster geschlossen, damit
Sie nicht um Ihre Frisur fürchten müssen.«
»Sehr rücksichtsvoll von Ihnen«, scherzte ich,
obwohl ich mir deswegen insgeheim schon Sorgen gemacht hatte.
»Also...« Jamie legte sich den Sicherheitsgurt an.
»Ich gehe davon aus, dass eine Frau wie Sie häufig mit Männern
verabredet ist.«
»So, so. Was meinen Sie denn mit ›eine Frau wie
Sie‹?«
Er suchte einen neuen Radiosender. »Ich meine damit
›eine so hübsche Frau wie Sie‹.«
»Oh. Danke.« Schluck. Ich wandte den Kopf und sah
aus dem Fenster, um die Röte zu verbergen, die prompt meine Wangen
überzog.
»Deshalb hab ich mir für den heutigen Abend etwas
ganz Besonderes ausgedacht.«
Ich kicherte nervös. Der Abend war schon jetzt
etwas ganz Besonderes, dabei waren wir gerade mal aus Brentwood
raus. »Und das wäre?«
»Golf.«
Ich starrte ihn ungläubig an. »Golf?«
Er nickte. »Jawohl. Golf.«
»Wir gehen Golf spielen?«
Er grinste selbstgefällig. »Mhm. Haben Sie’s schon
mal probiert?«
Wieder sah ich aus dem Fenster. Ich hatte es schon
probiert, und nicht nur einmal. Dank einiger Trainerstunden spielte
ich sogar ziemlich gut. Schließlich musste ich mithalten können,
wenn ich auf dem Golfplatz Ehemänner testete.
»Ein, zwei Mal, ja«, erwiderte ich bescheiden.
»Aber ich habe meine Schläger nicht dabei.«
»Kein Problem, die kann man ausleihen.«
»Wir gehen also tatsächlich Golf spielen?« Ich
wartete noch immer auf das »Reingelegt!«.
»Sie sagen wohl ziemlich gerne Golf, oder? Wir können auch etwas anderes machen,
wenn Ihnen...«
»Nein, nein! Alles bestens. Ich mag... Golf.«
»Gut.« Er lachte. »Okay, wie komme ich jetzt auf
dem schnellsten Weg zurück zum Wilshire Boulevard?«
Ich dirigierte ihn ohne nachzudenken am nächsten
Stoppschild nach rechts, dann links, dann wieder rechts, und ein
letztes Mal links und rechts.
Am Wilshire Boulevard angelangt, hielt Jamie an
einer roten Ampel und warf mir einen seltsamen Blick zu.
»Was ist?« Ich fuhr mir verlegen mit den Fingern
durchs Haar.
»Also, ich kenne mich in dieser Gegend zwar nicht
besonders gut aus, aber war das jetzt nicht ein ziemlicher
Umweg?«
Mist. So viel zum Thema »ich bin ein ganz normales
Mädchen, das ständig mit Männern verabredet ist«. Ich war ohne es
zu bemerken in meine Sechs-mal-abbiegen-Routine verfallen. Die
konnte ich mir künftig wohl sparen, nachdem die Cyberwelt quasi mit
Fotos von mir vollgekleistert war. Ich lachte halbherzig. »Kleine
Tour durch meine Nachbarschaft.«
Er warf einen Blick auf den Einheitsbrei aus
stinknormalen Wohnblöcken im Rückspiegel. »Oh, vielen Dank.« Es
klang nur ein ganz klein wenig sarkastisch.
Zehn Minuten später kamen wir am beliebten
Neun-Loch-Platz in Rancho Park an. Ich erkannte ihn sogleich. Hier
hatte ich Oliver Hender getestet, einen hochrangigen Geschäftsmann
aus New York, der aus beruflichen Gründen in der Stadt war und vor
einem äußerst wichtigen Meeting mit einigen japanischen Investoren
noch schnell eine Runde Golf spielen wollte.
Seine Gattin hatte mich ein paar Wochen zuvor
telefonisch kontaktiert, und ich hatte den Auftrag angenommen. Es
hatte mich ein fettes Trinkgeld gekostet, mit Mr. Hender ungestört
sein zu können. Zwei einsame Golfer, die das herrliche Wetter in
L.A. nutzen wollten, ehe sie zum nächsten Meeting eilten. Einer der
beiden, eine attraktive junge Rechtsanwältin namens Ashlyn, schien
sich auf dem Golfplatz genauso sicher zu fühlen wie im
Gerichtssaal. Oliver war tief beeindruckt – auch von ihrem
superkurzen Minirock, in dem ihre perfekt gebräunten Beine so gut
zur Geltung kamen. Und dann warf sie ihm zwischen den
Übungsschlägen auch noch ständig kokette Blicke zu! War es da ein
Wunder, wenn er am liebsten an Ort und Stelle über sie hergefallen
wäre, noch dazu, wo gerade so wenig Betrieb herrschte?
Ich stieg aus dem Auto und sog die kühle Nachtluft
ein. Es war ein herrlicher Abend, milde zwanzig Grad und beinahe
windstill. Genau richtig für eine Runde Golf. Obwohl ich mich
anders angezogen hätte, wenn ich geahnt hätte, was mir blüht. Zum
Golfspielen waren Espadrilles mit Keilabsätzen nicht sonderlich
geeignet.
Jamie öffnete den Kofferraum und holte seine
Golftasche heraus.
»Moment mal, Sie nehmen Ihre eigenen Schläger und
ich muss mit geliehenen spielen? Das ist nicht fair.«
»Hm. Sie haben recht.« Vorsichtig stellte er die
Tasche zurück. »Ich sollte mir auch welche ausleihen, dann haben
wir beide die gleichen Voraussetzungen.«
Wohl kaum.
»Und vielleicht sollten wir auch gleich Schuhe für
Sie mieten«, meinte Jamie auf dem Weg zum Clubhaus mit einem Blick
auf meine Keilsandalen.
Nach dem vierten Loch stand zweifelsfrei fest,
wer von uns besser spielte.
»Tja«, sagte Jamie, während er die Fahne wieder in
das Loch im Rasen steckte. »Ich hatte mich für Golf entschieden in
der Hoffnung, Sie mit meiner Technik beeindrucken zu können, aber
ich habe das Gefühl, es gelingt mir nicht so richtig. Oder täusche
ich mich?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, da haben Sie leider
recht.«
Wir spazierten zu unserem Golfwagen zurück.
»Ich habe überdies das Gefühl, man hat Ihnen nie
beigebracht, welchen Zweck das erste Date
erfüllt.«
»Na, dann klären Sie mich mal auf.«
»Liebend gern. Sie müssen wissen, das erste Date
dient dazu, dem Männchen... in unserem Fall
also mir...«
»Mhm...«
»Eine Gelegenheit zu geben, das Weibchen zu
beeindrucken.« Er betonte das letzte Wort,
als wollte er es einem Ausländer, der es noch nie zuvor gehört
hatte, beibringen und sicherstellen, dass auch die richtige
Aussprache hängen blieb. »Sprich, sein buntes Gefieder zu
präsentieren, stolz den Kopf zu recken, beim Golf zu glänzen et
cetera. Das gehört alles zum Balzritual.«
Ich lauschte seinem kleinen Exkurs in die Biologie
mit gespielter Faszination, während ich in den Wagen stieg.
»Verstehe.«
Jamie nahm auf der Fahrerseite Platz und trug rasch
unsere Ergebnisse in die Liste ein. »Das Weibchen... das wären dann also Sie... sollte von
diesem männlichen Imponiergehabe so beeindruckt sein, dass es gar
nicht anders kann als...«
»Als...?«, unterbrach ich grinsend.
Er warf mir einen wissenden Blick zu. »Als vor
Entzücken in Ohnmacht zu fallen natürlich. Sie sollten so weiche
Knie bekommen, dass Sie gar nicht mehr aufrecht stehen
können!«
Ich lachte. »Das haben Sie sich ja fein
ausgedacht.«
Jamie lenkte den Wagen auf den Weg zurück. »Das
habe ich mir nicht ausgedacht, das ist der natürliche Lauf der
Dinge, den Sie, Miss Jennifer H., mit Ihren drei Pars und Ihrem
Birdie ganz entschieden durcheinanderbringen.«
»Hey, dafür lass’ ich Sie ans Steuer.«
Er nickte. »Wenigstens etwas.«
Ich klammerte mich an das Gestänge an der
Außenseite des Wagens, weil Jamie eine scharfe Kurve fuhr. »Tut mir
leid«, sagte ich. »Mir wurden diesbezüglich völlig andere Regeln
vermittelt.«
»Ach, und die wären? Jetzt können Sie mich aufklären.«
Im Prinzip war es mein eigenes, ganz persönliches
Regelwerk, das besagte, dass das Weibchen auf keinen Fall weiche
Knie bekommen oder in Ohnmacht fallen durfte, ganz egal, wie toll
das Männchen Golf spielte oder wie hübsch seine bunten
Schwanzfedern anzusehen waren. Aber im selben Augenblick hatte ich
vergessen, woher diese Regeln stammten, und das war mir auch ganz
recht so.
»Die Kernaussage lautet in etwa: Altmodische
Rituale sind total out, Mädchen dürfen bei einer Verabredung alles
besser können... sogar Golf spielen.«
Jamie nickte. »Nun, da mein Golftalent nicht
ausreicht, muss ich mich wohl ganz auf meinen Charme
verlassen.«
Ich lächelte. »Sieht ganz danach aus.«
Er lenkte den Wagen zu einem kleinen Imbissstand am
Wegesrand.
»Wo wollen Sie hin? Das fünfte Loch liegt dort
hinten.« Ich zeigte in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
»Vielleicht sollte doch ich das Steuer
übernehmen.«
»Ich hab Ihnen doch ein Abendessen versprochen.« Er
deutete auf den Imbissstand.
Ich lachte. »Ist das Ihr Ernst?«
»Und ob. Meine Hot-Dog-Pausen beim Golfen sind mir
äußerst wichtig. Wie Sie vielleicht wissen, ist es üblich, sich
nach dem neunten Loch für die zweite Hälfte des Spieles zu stärken,
aber da es hier insgesamt bloß neun Löcher gibt, finde ich, wir
sollten die Pause nach dem vierten Loch einlegen.«
»Streng genommen müssen wir aber noch ein halbes
Loch weiter«, erinnerte ich ihn.
»Da ist er wieder, der menschliche
Taschenrechner.«
Ich lachte. Ehrlich gesagt, war ich noch nie bis
zum neunten Loch gekommen – so lange hatte sich keiner meiner
Golfpartner zurückhalten können.
Ich beäugte die Bude vor uns etwas skeptisch. »Also
… Hotdogs?«
»Haben Sie etwas gegen Hotdogs? Eine tief sitzende
persönliche Abneigung? Ich bin sicher, ich könnte den Koch
überreden, Ihnen stattdessen einen Käsetoast zu machen.«
»Nein, nein. Ich liebe Hotdogs.«
Jamie trug mit dem Finger einen Strich in eine
unsichtbare Liste ein. »Jamie: ein Punkt. Konkurrenz: null
Punkte.«
Ich kicherte. Wenn ich ihm doch nur sagen könnte,
dass er die Konkurrenz bei Gott nicht fürchten musste! Selbst wenn
es einen Konkurrenten gäbe, war ich ziemlich sicher, dass die
Statistik ziemlich ähnlich ausgefallen wäre.
Wir bestellten also zwei Hotdogs und zweimal Coca
Cola. Jamie reichte das Geld über den Tresen und nahm unser Essen
in Empfang.
»Das nenn ich flott«, stellte Jamie augenzwinkernd
fest.
Ich ging zur Saucenbar und pumpte Ketchup auf
meinen Hotdog. Jamie gesellte sich zu mir und versah seinen mit
einem dicken Senfklecks. »Ich bin eher ein Senf-Fan.«
Ich verzog das Gesicht. »Mir ist Ketchup
lieber.«
Jamie nahm einen ersten Bissen. »Das heißt, wir
könnten uns im Supermarkt eine dieser Doppelpackungen mit Ketchup
und Senf kaufen und müssten uns nie darum streiten, wer was
bekommt.«
»Meine Halbschwester und ich haben uns immer um
diese Kelloggs-Minipackungen gezankt.«
Wir ließen uns auf einer Bank in der Nähe nieder,
und ich stellte meinen Pappteller auf den Knien ab.
»Ich kriege die Frosties«, sagte Jamie und öffnete
seine Cola.
»Nein, ich!«, rief ich, biss von meinem Hotdog ab
und fügte dann mit vollem Mund hinzu: »Die mag ich am
liebsten!«
»Okay, unsere Beziehung ist zum Scheitern
verurteilt. Wir können die Sache genauso gut gleich beenden.«
Ich nickte ernst, kaute, schluckte. »Stimmt. Ist
vermutlich besser so. Auf diese Weise umgehen wir auch das Problem
mit den Smacks, die immer übrig bleiben.«
»Ach, richtig. Na, Gott sei Dank ist diese Frage
gelöst. Können Sie sich vorstellen, wie viele ungegessene
Schachteln Smacks wir uns damit ersparen?«
»Hunderte«, erwiderte ich rasch.
Er nickte. Wir starrten auf den dunklen Golfplatz.
Das
Fairway war im Schein der Lampen gerade noch auszumachen.
Jamie deutete auf meine schneeweißen Golfschuhe.
»Die passen perfekt zu Ihrem Outfit.«
»Finden Sie?« Ich streckte die Beine aus und drehte
die Füße nach rechts und links, damit er mein nagelneues Schuhwerk
von allen Seiten betrachten konnte.
»Absolut. Ich verstehe bloß nicht, warum die hier
keine Schuhe verleihen. Beim Bowling ist das doch auch
üblich.«
»Ja, seltsam, nicht? Ich meine, die Klientel hier
ist ja auch fast dieselbe wie auf einer Bowlingbahn«, feixte ich
und steckte mir den letzten Rest meines Brötchens in den
Mund.
»Na, wie sieht es aus, hebt sich dieses Date von
den anderen ab?«, wollte er wissen.
Ich nahm einen Schluck von meiner Cola. »Oh, ja.
Mir hat jedenfalls noch nie ein Mann beim ersten Date Schuhe
gekauft.«
»Sehr gut. Und, sollen wir das Spiel wirklich wegen
der Frostiesfrage vorzeitig abbrechen?« Er zerknüllte seine
Serviette und warf sie in den Abfalleimer neben der Bank.
Ich überlegte. »Nö. Wo ich doch jetzt diese tollen
Golfschuhe habe.«
Eine Stunde später brachten wir die gemieteten
Schläger in den Laden zurück und spazierten zum Auto. Jamie ging
dicht neben mir, sodass ich durch meine Jacke hindurch seine
Körperwärme fühlen konnte. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass
jeder Mensch aus pulsierender Energie besteht, und wer im Einklang
mit dieser Energie ist, kann auch das Pulsieren der Energie jedes
anderen Menschen um ihn herum wahrnehmen. Sogar über weitere
Entfernungen hinweg, je nachdem, wie empfänglich man für ihre
Gegenwart ist.
In diesem Augenblick hätte ich Jamie garantiert
über den halben Golfplatz hinweg orten können.
Wir gingen also im Gleichschritt nebeneinander her,
und als seine Hand die meine plötzlich streifte, ergriff er sie
sofort. Ich hatte schon unzählige Hände berührt, hatte meine Finger
mit denen unzähliger anderer Männer verschränkt, hatte unzählige
Male bei einem flüchtigen Körperkontakt wie diesem so getan, als
ginge ein Schaudern durch meinen Körper. Doch die unglaubliche
Hitze, die sich nun über unsere miteinander verflochtenen Finger
von ihm auf mich übertrug, die hatte ich noch nie gefühlt, und ich
war schier überwältigt. Ich hielt den Blick auf den Boden geheftet,
aus Angst, ich könnte über die geringste Unebenheit im Asphalt
stolpern.
Es war genau, wie Jamie es vorhergesehen hatte:
Meine Knie waren so weich, dass ich mich kaum auf den Beinen halten
konnte.
Er führte mich zur Beifahrertür. Hielt kurz inne,
ehe er sie öffnete. »Habe ich schon erwähnt, dass Sie einfach
umwerfend aussehen?«
Ich öffnete vergeblich den Mund. Er war wie
ausgetrocknet, Also schüttelte ich stattdessen den Kopf.
»Hm. Tun Sie aber.«
Ich lächelte und schluckte schwer. Und fragte mich
sofort, ob er mich küssen würde. Und dann fragte ich mich, wann ich
mich das zuletzt gefragt hatte. Es war schon eine ganze Weile her.
Ich wusste sonst immer, wann der Kuss kam. Ich lebte quasi davon,
dass ich es auf die Sekunde genau vorhersagen konnte.
Doch nicht so heute Abend. Nicht mit Jamie.
Ich konnte seine Lippen schon fast fühlen, dabei
waren sie noch fast dreißig Zentimeter entfernt, und plötzlich
erfasste mich eine Welle des Verlangens. Als müsste ich ihn
auf der Stelle küssen oder
implodieren.
Doch er blieb auf Distanz.
»Das dachte ich schon damals im Flugzeug«, gestand
er mir.
»Ehrlich?«, würgte ich hervor.
Er fuhr mir sacht mit den Fingern über die Lippen.
Es haftete noch der Geruch seines ledernen Golfhandschuhs an ihnen.
Ich widerstand dem unbändigen Drang, die Augen zu schließen.
»Umwerfend«, wiederholte er leise.
»Danke.« Mehr fiel mir nicht ein.
»Was sagen denn Ihre
Dating-Regeln zum Thema Küssen?«, murmelte er, so nah, dass ich
seinen Atem auf dem Gesicht fühlen konnte.
Ich biss mir auf die Lippe. Ȁh... was sollen sie
denn sagen?«
Er kam noch näher, sodass ich zum ersten Mal an
diesem Abend sein Aftershave roch. »Nun, laut Ihren modernen Regeln
ist es doch bestimmt die Frau, die etwaige Mund-zu-Mund-Aktivitäten
initiiert.«
Ich lächelte. »Das habe ich nie behauptet.«
»Ich spekuliere ja nur.« Er strich mir zärtlich
eine Haarsträhne aus der Stirn.
»Tun Sie das nicht«, flüsterte ich.
»Was?« Jetzt war er so nahe, dass unsere
Nasenspitzen nur Millimeter voneinander entfernt waren.
»Spekulieren.«
Und da küsste er mich. Ganz sanft und behutsam. Er
schmeckte nach Hotdog und Cola, und ein klein wenig nach Senf, und
ich konnte nicht genug davon kriegen. Himmlisch. Er legte mir
leicht die Hand auf die Wange, ließ sie von dort in meinen Nacken
wandern. Dann drückte er mich an sich, und der Kuss wurde einen
Hauch leidenschaftlicher... aber nur einen Hauch.
Es war perfekt. Makellos. Und absolut spontan. Ich
dachte keine Sekunde an Verhältniskalkulationen oder
Machtspielchen.
Mein ganzer Körper fühlte sich an, als stünde er in
Flammen. Ich wollte nur noch die Kleider von mir werfen und auf der
Stelle mit ihm schlafen – hier, auf dem Parkplatz. Ob es an Jamie
lag oder daran, dass ich schon so lange keinen Sex mehr gehabt
hatte, ich wusste es nicht. Aber meine Sehnsucht war so groß, dass
sie mir beinahe den Verstand raubte.
Vielleicht lag es ja an beidem.
Zum Glück verfügte Jamie über weit mehr
Selbstbeherrschung als ich. Er war es, der den Kuss schließlich
beendete. Er verharrte noch einen Moment regungslos, sein Mund ein,
zwei Zentimeter von meinem entfernt.
Dann lehnte er ergeben den Kopf an meine Stirn.
Seine Hand ruhte noch immer in meinem Nacken. Ich schloss erneut
die Augen.
»Wo bist du nur plötzlich hergekommen?«, flüsterte
er mit dem Anflug eines Lachens, und dann, ehe ich antworten
konnte, drückte er mir einen Kuss auf die Stirn und öffnete die
Autotür.
Vor meinem Wohnblock angekommen, fragte Jamie, ob
wir uns am Samstagabend wiedersehen könnten, und ich sagte ohne zu
zögern zu. Weil es in diesem perfekten Augenblick nichts zu zögern,
nichts nachzudenken gab.
Doch schon beim Aufschließen der Wohnungstür graute
mir vor dem, was mich dahinter erwartete.
Stille.
Ohrenbetäubende Stille.
Die Art von Stille, die einen zum Nachdenken
zwingt, dazu, der Realität ins Auge zu sehen. Die Antworten fordert
und klare Linien und Entscheidungen.
Und ich wusste, dass ich nicht gewillt war, ihren
Forderungen nachzukommen.
Ich wollte nichts definieren.
Wollte die Fragen nicht beantworten, die sich aus
den Windungen meines Gehirns ergießen würden, sobald ich die Tür
hinter mir geschlossen hatte.
Ich hatte immer allein gelebt, aber noch nie hatte
sich meine Wohnung so leer angefühlt wie in dieser Nacht.
Rasch ging ich ins Schlafzimmer, ohne im Korridor
das Licht anzuknipsen, ließ mich rücklings aufs Bett fallen und
gestattete mir, die Augen zu schließen. Nur einen Moment lang,
während ich einen tiefen, langen Atemzug tat, verzweifelt um
Fassung rang und versuchte, bewusst meinen Herzschlag zu
verlangsamen. Die Kontrolle wiederzuerlangen.
In meinem Kopf wirbelten Gedankenfetzen
durcheinander. Ich konnte nicht aufhören, an die Ereignisse des
Abends zu denken, wiederholte im Geiste jedes Wort aus Jamies Mund.
Ich fühlte noch immer die Berührung seiner weichen Lippen, als
wären sie auf ewig ein Teil von mir geworden.
Doch dann schob sich allmählich ein verstörendes
Bild, das sich nicht mehr verdrängen lassen wollte, vor alle
anderen. Ich sah vor mir, wie Jamie am nächsten Morgen aufwachen
würde. Draußen vor dem Fenster lachte die Sonne, die Erinnerung an
unseren Kuss war noch ganz frisch. Er würde sich mit einer Tasse
Kaffee an den Schreibtisch setzen, den Computer einschalten und
lächeln beim Anblick des Zettels mit meiner Telefonnummer, der
danebenlag. Sich auf Samstagabend freuen. Auf einen genauso schönen
Abend wie den vergangenen. Noch schöner sogar.
Er würde sein E-Mail-Programm öffnen und flüchtig
die unzähligen Nachrichten durchsehen, die in seiner Mailbox
gelandet waren, seit er am Vorabend das Büro verlassen hatte. Er
würde die Junkmails löschen, die Nachrichten speichern,
die er beantworten musste und über die Witze grinsen, die ihm
seine Kumpels geschickt hatten. Und dann würde er über eine ganz
spezielle E-Mail stolpern, die ihm ein Freund oder ein guter
Bekannter, vielleicht auch ein ehemaliger Kollege weitergeleitet
hatte. Eine E-Mail, deren Text sich auf eine einzige Zeile
beschränkte. Einen mysteriösen Link. Er würde ihn anklicken und
nach einem Schluck Kaffee arglos einen Blick auf die Webseite
werfen, die sich inzwischen geöffnet hatte. Wieder eine dieser
sinnlosen Weiterleitungen, würde er denken, und dann, schon im
Begriff, die Seite zu schließen, mitten in der Bewegung erstarren.
Die Augen auf den Bildschirm geheftet, würde er blinzeln, einmal,
zweimal, ein drittes Mal. Ist sie das?,
würde er sich fragen. Unmöglich! Aber sie sieht ihr verdammt
ähnlich. Und was steht da – sie wird von Frauen damit beauftragt,
Ehemänner zu verführen?
Wer macht denn so was?,
würde er denken.
Und damit wäre alles vorbei.
Der heutige Abend würde nur noch in meinem Kopf
existieren. Und auch meine Erinnerungen würden bald versinken in
dem Morast aus Halbwahrheiten und Lügen. In absehbarer Zeit würden
die Grenzen zwischen Licht und Dunkelheit verschwimmen, würden
positive und negative Erinnerungen allmählich verschmelzen.
Und ich konnte nichts dagegen unternehmen.
Außer hoffen und beten, dass Jamie niemals
weitergeleitete E-Mails öffnet.