17
Die Entstehung der Arten (Teil 3)
Eigentlich bin ich eher zufällig zu meinem heutigen Job als Treuetesterin gekommen. Es war nicht geplant. Ich bin nicht eines Morgens aufgewacht mit dem Entschluss, den Rest meines Lebens verheiratete Männer auf die Probe zu stellen.
Zu meinem allerersten Auftrag kam ich quasi wie die Jungfrau zum Kind, ganz ohne mein Zutun.
Stanley Marshall hatte zu einem Firmen-Umtrunk in einer Bar geladen. Zu fortgeschrittener Stunde, die meisten waren bereits gegangen, begann ich mit drei Mädels aus meiner Abteilung Wahrheit oder Pflicht zu spielen. Wir hatten schon mehrere Rolling Rocks zu viel intus und konzentrierten uns bald auf die Pflichten: »Geh zum Barkeeper und behaupte, ihr würdet euch aus der Highschool kennen, und dann spiel die beleidigte Leberwurst, wenn er es abstreitet« oder »Frag die Leute an dem Tisch da drüben, ob ihnen das Essen schmeckt.« Mit jeder Runde wurden die Aufgaben pikanter. Es galt, beim Billard zuzusehen und eine zweideutige Bemerkung à la »guter Stoß« fallen zu lassen oder vor wildfremden Männern etwas nackte Haut zu entblößen. Wir amüsierten uns königlich.
Gegen halb zwölf kam ich wieder an die Reihe.
»Okay. Jen.« Meine Kollegin Rebecca deutete auf mich. Ihr langer, lackierter Zeigefingernagel glänzte.
Ich strich mir zuversichtlich grinsend eine Haarsträhne hinters Ohr. Ich hatte keine Angst. Meine letzte Aufgabe hatte ich erfolgreich gemeistert – ich hatte einem Mann auf die Toilette folgen, dort auf das Urinal zeigen und »Das ist aber ein komisches Waschbecken« sagen müssen. Die anderen hatten es vom Gang aus verfolgt und wiehernd abgeklatscht wie eine Horde durchgeknallter Verbindungsstudenten.
Rebecca, Hilary und Tina wechselten vielsagende Blicke.
»Was steht an?«, fragte ich neugierig.
»Siehst du den Typ da drüben am Ende der Bar?« Rebecca deutete auf einen Mann im schnieken Anzug, der sich mit einem Grüppchen ebenso schick gekleideter Geschäftspartner unterhielt.
Ich schielte unauffällig nach rechts. »Meinst du den mit dem Whiskeyglas?«
Bei der Erwähnung des Getränks rümpfte sie die Nase. »Genau den.«
»Okay.«
Rebecca sah erneut Bestätigung heischend von Hilary zu Tina. »Gut. Du gehst jetzt zu ihm rüber, plauderst ein bisschen mit ihm und probierst, ob du ihn dazu bringen kannst, dass er dich zu sich nach Hause einlädt. Aber er muss es von sich aus vorschlagen.«
Ich prustete los. »Ja, klar.«
Doch anstatt in mein Gelächter einzustimmen, sahen mich die drei mit todernster Miene an. »Das war ein Scherz, oder?«
Rebecca schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Los, los. Gib dir einen Ruck. Jetzt werden die Pflichten langsam richtig spannend.«
Ich sah zu dem Betreffenden hinüber. »Das kann ich nicht!«
»Wenn es jemand kann, dann du«, ermutigte mich Hilary.
»Was soll denn das heißen?«, wollte ich wissen.
»Dass du mit Abstand die Hübscheste von uns bist«, erklärte Tina. »Und wir haben die Theorie aufgestellt, dass sich kein Mann die Chance entgehen lassen würde, dich mit nach Hause zu nehmen. Egal, wann und wo, egal, was du anhast.«
»Das ist doch lächerlich«, schnaubte ich.
»Ganz und gar nicht«, widersprach Hilary nüchtern.
»Hey, habt ihr das etwa von langer Hand geplant?«
Hilary sah zu Rebecca. Sie hatten.
»Das nicht gerade«, meinte Rebecca. »Aber wir haben ein paar Mal darüber geredet... in den Mittagspausen und so. Wir sehen doch, wie dich die Männer im Büro anglotzen.«
Ich verzog das Gesicht. »Ist doch gar nicht wahr.«
»Dann beweis uns das Gegenteil!«, forderte mich Rebecca heraus.
»Aber er ist verheiratet«, wandte ich ein, als ich seinen Ehering sah.
»Das wird ihn nicht abhalten«, stellte Rebecca zynisch fest. »Er ist und bleibt ein Mann.«
Ich blickte verzweifelt zu Hilary und Tina, in der Hoffnung auf ein Gegenangebot. Vergebens. Offenbar waren sie alle ganz erpicht darauf, Zeuginnen dieses Spektakels zu werden.
Bis heute kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es am Alkohol lag oder ob sie mich schlicht überrumpelt hatten, aber ich warf einen letzten langen, zögernden Blick in die Runde, dann erhob ich mich schweigend, schnappte mir meine Handtasche und stolzierte die paar Schritte auf mein allererstes Testobjekt zu.
Der Rest verlief mehr oder weniger nach demselben Schema wie die meisten meiner späteren Treuetests – kokette Blicke, schüchternes Lächeln, geistreiches Geplänkel, eine leichte Übertreibung meiner Beschwipstheit. Rebecca, Tina und Hilary sollten recht behalten – er lud mich zwar nicht direkt zu sich nach Hause ein, fragte aber, ob ich mit ihm irgendwohin gehen wollte, wo es etwas ruhiger war, was in den Augen meiner Jury völlig ausreichte.
Tags darauf stellte sich dann heraus, was hinter den Gesprächen meiner Kolleginnen »in den Mittagspausen« wirklich steckte.
Am nächsten Morgen bestellte mich Miranda Keyton, die stellvertretende Leiterin der Abteilung Fusionen und Übernahmen, zu einer spontanen Besprechung in ihr Büro.
Es war höchst unüblich, dass eine einfache Analystin wie ich persönlich von einer leitenden Angestellten angesprochen wurde. Normalerweise durchliefen Anweisungen von ganz oben zahlreiche hierarchisch-bürokratische Ebenen und wurden gründlich analysiert, zerpflückt und umgemodelt, ehe sie an die Basis gelangten.
Ich rechnete daher damit, dass mir Miranda entweder eine sehr schlechte Nachricht überbringen wollte (»räumen Sie Ihren Schreibtisch, Sie werden entlassen«) – oder aber eine sehr gute (»räumen Sie Ihren Schreibtisch, Sie werden befördert und bekommen ein eigenes Büro«).
Als ich schüchtern ihr Eckbüro betrat, sah sie von ihrem Computer hoch, schob sich die Brille ins Haar und lächelte freundlich, wenn auch etwas reserviert.
Ich erwiderte ihr Lächeln.
»Schließen Sie bitte die Tür, Jennifer.«
Oh-oh. Eindeutig schlechte Nachrichten.
Ich schloss die Tür und nahm auf einem der Stühle vor ihrem Schreibtisch Platz.
»Danke, dass Sie gekommen sind.« Sie lehnte sich in ihrem noblen schwarzen Ledersessel zurück und musterte mich prüfend.
»Aber selbstverständlich.«
»Tja...« Sie legte die Hände in den Schoß, die Finger verschränkt. »Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich mich persönlich für Ihre Dienste bedanken wollte.«
Ich ging im Geiste alle möglichen E-Mails durch, die ich in den vergangenen vierundzwanzig Stunden versendet hatte. Konnte eine davon auf Umwegen bei Miranda Keyton gelandet sein? »Meinen Sie... äh... die DVD-Marktanalyse?«
Mirandas Lächeln wirkte fast freundschaftlich, aber nur fast. »Nein, Jennifer. Ich meine die Analyse meines Mannes.«
Ich legte perplex die Stirn in Falten. Ich konnte mir nicht erklären, wovon sie sprach. Hatte ich unwissentlich eine Recherche in seinem Auftrag durchgeführt? Hatte Mirandas Ehemann die internen Ressourcen der Bank für persönliche Nachforschungen angezapft?
»Tut mir leid, ich...« Mist. Ich musste so tun, als müsste sie mir nur mal eben auf die Sprünge helfen. Ich wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass ich keinen blassen Schimmer hatte. »Welche Analyse war das noch gleich?«
»Die von gestern Abend«, erwiderte sie trocken.
Jetzt war ich endgültig verwirrt, und das sah man mir zweifellos auch an. Ich war am Vorabend doch gar nicht im Büro gewesen, sondern in einer Bar – mit meinen Kolleginnen aus dem Büro, mit denen ich die Tatsache begossen hatte, dass wir zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit vor neunzehn Uhr Feierabend machen konnten. Investment Banker schieben nämlich ständig Spätschichten und arbeiten nicht selten die ganze Nacht durch.
»Tut mir leid«, sagte ich erneut und kam mir ziemlich dumm vor, aber das war mir mittlerweile egal. Ich wollte nur noch wissen, worauf um alles in der Welt sie anspielte, und sie freundlich darauf hinweisen, dass sie mich offenbar mit jemandem verwechselte. »Ich habe gestern Abend gar nicht gearbeitet.«
»Nein, jedenfalls nicht in Ihrer üblichen Funktion«, scherzte sie. »Aber Sie haben mir sehr geholfen.«
Ich wartete schweigend auf eine Erklärung und verkniff mir wohlweislich jedes weitere verblüffte »Tut mir leid« sowie ein nicht minder geistloses »Hä?« oder »Was?«.
»Sie haben gestern Abend in der Bar meinem Mann schöne Augen gemacht.«
Meine Kinnlade klappte nach unten. Ich brachte kein Wort heraus, blinzelte nur mindestens zwei Dutzend Mal und spürte, wie mir heiß wurde. Nach zwanzig Stunden in der glühenden Nachmittagssonne hätte mein Gesicht nicht heißer glühen können.
»Äh... ähm... tut mir leid, aber... es war so... Ich... Ich wusste nicht, dass er...«, stammelte ich, meinen guten Vorsätzen zum Trotz.
»Natürlich nicht!«, rief sie, als wäre das völlig logisch. »Wenn Sie es gewusst hätten, dann hätten Sie’s doch nie und nimmer getan!« Sie lachte leise. Allmählich kam sie mir vor wie Dr. Evil, der in Austin Powers mit der Zerstörung des Planeten droht, wenn ihm nicht jemand eine Milliarde Dollar bezahlt.
»Ach, Sie meinen...?«
Sie nickte bedrückt. »Leider, ja. Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie da hineingezogen habe. Ich weiß, es geht Sie gar nichts an, und es ist nicht Ihr Problem, aber ich musste meinen Verdacht bestätigt sehen.«
Ungefähr so muss es sich anfühlen, wenn man mit einem großen Vorschlaghammer eins übergezogen bekommt und wie durch ein Wunder überlebt, um der Nachwelt davon zu berichten. Nicht zu fassen, dass die ganze Sache ein abgekartetes Spiel gewesen war und Tina und Hilary Bescheid gewusst hatten. Alle anderen »Wahrheit oder Pflicht«-Aufgaben hatten nur als Tarnung gedient, als Vorbereitung auf das letzte und entscheidende Manöver, das offenbar von Anfang an Mirandas Idee gewesen war. Eigentlich überraschte es mich nicht, dass sich Hilary und Tina hinter meinem Rücken zusammengetan hatten, um Mirandas Wunsch zu erfüllen. Analysten tun fast alles, um sich bei ihren Vorgesetzten einzuschleimen.
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Was sagt man in einer derartigen Situation? In den gängigen Benimmhandbüchern finden sich zu diesem Thema wohl kaum Ratschläge, und auch am College war es nicht zur Sprache gekommen. Kurzum, mir fehlten die Worte.
Man stelle sich vor, wie überrascht ich erst war, als ich einige Wochen später eine »enge Freundin von Miranda Keyton« an der Strippe hatte, die mich bat, ihr denselben unbezahlbaren Dienst zu erweisen wie Miranda!
»Ich will die Wahrheit wissen«, erklärte sie, während ich noch um Fassung rang. »Ich muss herausfinden, ob meine Zweifel berechtigt sind oder nicht. Ich muss Gewissheit haben, damit mein Leben weitergehen kann.« Ihre Worte rührten an einer Wunde tief in meinem Inneren, von der ich angenommen hatte, sie würde niemals vollständig verheilen. Doch zum ersten Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, wenigstens einen Teil des von mir verursachten Unrechts wiedergutmachen zu können, das meine Mutter in ihrer seligen Ahnungslosigkeit so viele glückliche Lebensjahre gekostet hatte.
Ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen, konnte die Entscheidung nicht rückgängig machen, aufgrund derer meiner Mutter das Recht auf Wissen verwehrt geblieben war. Aber vielleicht konnte ich zumindest dafür sorgen, dass diese Frau zu ihrem Recht kam.
Und die nächste. Und die übernächste.
Bis ich mich im Hier und Jetzt wieder fand. Vor einer von unzähligen Frauen, die auf der Suche nach Gewissheit waren. Mit dem winzigen Unterschied, dass diese Frau meine beste Freundin war.
Meine Freundin, die mich im elterlichen Kombi herumkutschiert hat. Die vor mir ihre erste Periode bekommen, einen Jungen geküsst, ihren Führerschein gemacht und ihre Unschuld verloren hat und trotzdem die Zeit fand, das alles mit mir zu teilen. Die Freundin, die mit jedem Problem, jeder Frage, jedem Dilemma, jedem Nervenzusammenbruch, jeder Angst und jeder Entscheidung zu mir gekommen ist. Für die ich immer da gewesen bin. Ich war stets ihr Fels in der Brandung. Ihre Lösung, ihre Antwort, ihre Stimme der Vernunft, ihre Balance, ihr Trost... und ihre Freundin.
Und jetzt kam sie mit diesem Anliegen zu mir.
Das war nun der Stand der Dinge, egal, wie es dazu gekommen war.
Wer war ich, ihr das Recht auf Wissen zu verweigern? Vor allem, nachdem ich mein Leben dem Kampf gegen die wissentliche Unwissenheit gewidmet hatte?
»Also gut«, sagte ich zu Sophie, die mich flehentlich ansah. »Ich mach’s.«
Sobald es heraus war, wusste ich: Ich hatte einen riesigen Fehler gemacht.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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