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Die Entstehung der Arten
(Teil 3)
Eigentlich bin ich eher zufällig zu meinem
heutigen Job als Treuetesterin gekommen. Es war nicht geplant. Ich
bin nicht eines Morgens aufgewacht mit dem Entschluss, den Rest
meines Lebens verheiratete Männer auf die Probe zu stellen.
Zu meinem allerersten Auftrag kam ich quasi wie die
Jungfrau zum Kind, ganz ohne mein Zutun.
Stanley Marshall hatte zu einem Firmen-Umtrunk in
einer Bar geladen. Zu fortgeschrittener Stunde, die meisten waren
bereits gegangen, begann ich mit drei Mädels aus meiner Abteilung
Wahrheit oder Pflicht zu spielen. Wir hatten schon mehrere Rolling
Rocks zu viel intus und konzentrierten uns bald auf die Pflichten:
»Geh zum Barkeeper und behaupte, ihr würdet euch aus der Highschool
kennen, und dann spiel die beleidigte Leberwurst, wenn er es
abstreitet« oder »Frag die Leute an dem Tisch da drüben, ob ihnen
das Essen schmeckt.« Mit jeder Runde wurden die Aufgaben pikanter.
Es galt, beim Billard zuzusehen und eine zweideutige Bemerkung à la
»guter Stoß« fallen zu lassen oder vor wildfremden Männern etwas
nackte Haut zu entblößen. Wir amüsierten uns königlich.
Gegen halb zwölf kam ich wieder an die Reihe.
»Okay. Jen.« Meine Kollegin Rebecca deutete auf
mich. Ihr langer, lackierter Zeigefingernagel glänzte.
Ich strich mir zuversichtlich grinsend eine
Haarsträhne hinters Ohr. Ich hatte keine Angst. Meine letzte
Aufgabe hatte ich erfolgreich gemeistert – ich hatte einem Mann auf
die Toilette folgen, dort auf das Urinal zeigen und »Das ist aber
ein komisches Waschbecken« sagen müssen. Die anderen hatten es vom
Gang aus verfolgt und wiehernd abgeklatscht wie eine Horde
durchgeknallter Verbindungsstudenten.
Rebecca, Hilary und Tina wechselten vielsagende
Blicke.
»Was steht an?«, fragte ich neugierig.
»Siehst du den Typ da drüben am Ende der Bar?«
Rebecca deutete auf einen Mann im schnieken Anzug, der sich mit
einem Grüppchen ebenso schick gekleideter Geschäftspartner
unterhielt.
Ich schielte unauffällig nach rechts. »Meinst du
den mit dem Whiskeyglas?«
Bei der Erwähnung des Getränks rümpfte sie die
Nase. »Genau den.«
»Okay.«
Rebecca sah erneut Bestätigung heischend von Hilary
zu Tina. »Gut. Du gehst jetzt zu ihm rüber, plauderst ein bisschen
mit ihm und probierst, ob du ihn dazu bringen kannst, dass er dich
zu sich nach Hause einlädt. Aber er muss es von sich aus
vorschlagen.«
Ich prustete los. »Ja, klar.«
Doch anstatt in mein Gelächter einzustimmen, sahen
mich die drei mit todernster Miene an. »Das war ein Scherz,
oder?«
Rebecca schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Los, los.
Gib dir einen Ruck. Jetzt werden die Pflichten langsam richtig
spannend.«
Ich sah zu dem Betreffenden hinüber. »Das kann ich
nicht!«
»Wenn es jemand kann, dann du«, ermutigte mich
Hilary.
»Was soll denn das heißen?«, wollte ich
wissen.
»Dass du mit Abstand die Hübscheste von uns bist«,
erklärte Tina. »Und wir haben die Theorie aufgestellt, dass sich
kein Mann die Chance entgehen lassen würde, dich mit nach Hause zu
nehmen. Egal, wann und wo, egal, was du anhast.«
»Das ist doch lächerlich«, schnaubte ich.
»Ganz und gar nicht«, widersprach Hilary
nüchtern.
»Hey, habt ihr das etwa von langer Hand
geplant?«
Hilary sah zu Rebecca. Sie hatten.
»Das nicht gerade«, meinte Rebecca. »Aber wir haben
ein paar Mal darüber geredet... in den Mittagspausen und so. Wir
sehen doch, wie dich die Männer im Büro anglotzen.«
Ich verzog das Gesicht. »Ist doch gar nicht
wahr.«
»Dann beweis uns das Gegenteil!«, forderte mich
Rebecca heraus.
»Aber er ist verheiratet«, wandte ich ein, als ich
seinen Ehering sah.
»Das wird ihn nicht abhalten«, stellte Rebecca
zynisch fest. »Er ist und bleibt ein Mann.«
Ich blickte verzweifelt zu Hilary und Tina, in der
Hoffnung auf ein Gegenangebot. Vergebens. Offenbar waren sie
alle ganz erpicht darauf, Zeuginnen dieses
Spektakels zu werden.
Bis heute kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob
es am Alkohol lag oder ob sie mich schlicht überrumpelt hatten,
aber ich warf einen letzten langen, zögernden Blick in die Runde,
dann erhob ich mich schweigend, schnappte mir meine Handtasche und
stolzierte die paar Schritte auf mein allererstes Testobjekt
zu.
Der Rest verlief mehr oder weniger nach demselben
Schema wie die meisten meiner späteren Treuetests – kokette Blicke,
schüchternes Lächeln, geistreiches Geplänkel, eine leichte
Übertreibung meiner Beschwipstheit. Rebecca, Tina und Hilary
sollten recht behalten – er lud mich zwar nicht direkt zu sich nach
Hause ein, fragte aber, ob ich mit ihm irgendwohin gehen wollte, wo
es etwas ruhiger war, was in den Augen meiner Jury völlig
ausreichte.
Tags darauf stellte sich dann heraus, was hinter
den Gesprächen meiner Kolleginnen »in den Mittagspausen« wirklich
steckte.
Am nächsten Morgen bestellte mich Miranda Keyton,
die stellvertretende Leiterin der Abteilung Fusionen und
Übernahmen, zu einer spontanen Besprechung in ihr Büro.
Es war höchst unüblich, dass eine einfache
Analystin wie ich persönlich von einer leitenden Angestellten
angesprochen wurde. Normalerweise durchliefen Anweisungen von ganz
oben zahlreiche hierarchisch-bürokratische Ebenen und wurden
gründlich analysiert, zerpflückt und umgemodelt, ehe sie an die
Basis gelangten.
Ich rechnete daher damit, dass mir Miranda entweder
eine sehr schlechte Nachricht überbringen wollte (»räumen Sie Ihren
Schreibtisch, Sie werden entlassen«) – oder aber eine sehr gute
(»räumen Sie Ihren Schreibtisch, Sie werden befördert und bekommen
ein eigenes Büro«).
Als ich schüchtern ihr Eckbüro betrat, sah sie von
ihrem Computer hoch, schob sich die Brille ins Haar und lächelte
freundlich, wenn auch etwas reserviert.
Ich erwiderte ihr Lächeln.
»Schließen Sie bitte die Tür, Jennifer.«
Oh-oh. Eindeutig schlechte
Nachrichten.
Ich schloss die Tür und nahm auf einem der Stühle
vor ihrem Schreibtisch Platz.
»Danke, dass Sie gekommen sind.« Sie lehnte sich in
ihrem noblen schwarzen Ledersessel zurück und musterte mich
prüfend.
»Aber selbstverständlich.«
»Tja...« Sie legte die Hände in den Schoß, die
Finger verschränkt. »Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich mich
persönlich für Ihre Dienste bedanken wollte.«
Ich ging im Geiste alle möglichen E-Mails durch,
die ich in den vergangenen vierundzwanzig Stunden versendet hatte.
Konnte eine davon auf Umwegen bei Miranda Keyton gelandet sein?
»Meinen Sie... äh... die DVD-Marktanalyse?«
Mirandas Lächeln wirkte fast freundschaftlich, aber
nur fast. »Nein, Jennifer. Ich meine die Analyse meines
Mannes.«
Ich legte perplex die Stirn in Falten. Ich konnte
mir nicht erklären, wovon sie sprach. Hatte ich unwissentlich eine
Recherche in seinem Auftrag durchgeführt? Hatte Mirandas Ehemann
die internen Ressourcen der Bank für persönliche Nachforschungen
angezapft?
»Tut mir leid, ich...« Mist. Ich musste so tun, als
müsste sie mir nur mal eben auf die Sprünge helfen. Ich wollte auf
keinen Fall den Eindruck erwecken, dass ich keinen blassen Schimmer
hatte. »Welche Analyse war das noch gleich?«
»Die von gestern Abend«, erwiderte sie
trocken.
Jetzt war ich endgültig verwirrt, und das sah man
mir zweifellos auch an. Ich war am Vorabend doch gar nicht im Büro
gewesen, sondern in einer Bar – mit meinen Kolleginnen aus dem
Büro, mit denen ich die Tatsache begossen
hatte, dass wir zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit vor
neunzehn Uhr Feierabend machen konnten. Investment Banker schieben
nämlich ständig Spätschichten und arbeiten nicht selten die ganze
Nacht durch.
»Tut mir leid«, sagte ich erneut und kam mir
ziemlich
dumm vor, aber das war mir mittlerweile egal. Ich wollte nur noch
wissen, worauf um alles in der Welt sie anspielte, und sie
freundlich darauf hinweisen, dass sie mich offenbar mit jemandem
verwechselte. »Ich habe gestern Abend gar nicht gearbeitet.«
»Nein, jedenfalls nicht in Ihrer üblichen
Funktion«, scherzte sie. »Aber Sie haben mir sehr geholfen.«
Ich wartete schweigend auf eine Erklärung und
verkniff mir wohlweislich jedes weitere verblüffte »Tut mir leid«
sowie ein nicht minder geistloses »Hä?« oder »Was?«.
»Sie haben gestern Abend in der Bar meinem Mann
schöne Augen gemacht.«
Meine Kinnlade klappte nach unten. Ich brachte kein
Wort heraus, blinzelte nur mindestens zwei Dutzend Mal und spürte,
wie mir heiß wurde. Nach zwanzig Stunden in der glühenden
Nachmittagssonne hätte mein Gesicht nicht heißer glühen
können.
»Äh... ähm... tut mir leid, aber... es war so...
Ich... Ich wusste nicht, dass er...«, stammelte ich, meinen guten
Vorsätzen zum Trotz.
»Natürlich nicht!«, rief sie, als wäre das völlig
logisch. »Wenn Sie es gewusst hätten, dann hätten Sie’s doch
nie und nimmer getan!« Sie lachte leise.
Allmählich kam sie mir vor wie Dr. Evil, der in Austin Powers mit der Zerstörung des Planeten droht,
wenn ihm nicht jemand eine Milliarde Dollar bezahlt.
»Ach, Sie meinen...?«
Sie nickte bedrückt. »Leider, ja. Bitte verzeihen
Sie, dass ich Sie da hineingezogen habe. Ich weiß, es geht Sie gar
nichts an, und es ist nicht Ihr Problem, aber ich musste meinen
Verdacht bestätigt sehen.«
Ungefähr so muss es sich anfühlen, wenn man mit
einem großen Vorschlaghammer eins übergezogen bekommt und
wie durch ein Wunder überlebt, um der Nachwelt davon zu berichten.
Nicht zu fassen, dass die ganze Sache ein abgekartetes Spiel
gewesen war und Tina und Hilary Bescheid gewusst hatten. Alle
anderen »Wahrheit oder Pflicht«-Aufgaben hatten nur als Tarnung
gedient, als Vorbereitung auf das letzte und entscheidende Manöver,
das offenbar von Anfang an Mirandas Idee gewesen war. Eigentlich
überraschte es mich nicht, dass sich Hilary und Tina hinter meinem
Rücken zusammengetan hatten, um Mirandas Wunsch zu erfüllen.
Analysten tun fast alles, um sich bei ihren Vorgesetzten
einzuschleimen.
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Was
sagt man in einer derartigen Situation? In den gängigen
Benimmhandbüchern finden sich zu diesem Thema wohl kaum Ratschläge,
und auch am College war es nicht zur Sprache gekommen. Kurzum, mir
fehlten die Worte.
Man stelle sich vor, wie überrascht ich erst war,
als ich einige Wochen später eine »enge Freundin von Miranda
Keyton« an der Strippe hatte, die mich bat, ihr denselben
unbezahlbaren Dienst zu erweisen wie Miranda!
»Ich will die Wahrheit wissen«, erklärte sie,
während ich noch um Fassung rang. »Ich muss herausfinden, ob meine
Zweifel berechtigt sind oder nicht. Ich muss Gewissheit haben,
damit mein Leben weitergehen kann.« Ihre Worte rührten an einer
Wunde tief in meinem Inneren, von der ich angenommen hatte, sie
würde niemals vollständig verheilen. Doch zum ersten Mal seit
Monaten hatte ich das Gefühl, wenigstens einen Teil des von mir
verursachten Unrechts wiedergutmachen zu können, das meine Mutter
in ihrer seligen Ahnungslosigkeit so viele glückliche Lebensjahre
gekostet hatte.
Ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen, konnte die
Entscheidung nicht rückgängig machen, aufgrund derer meiner
Mutter das Recht auf Wissen verwehrt geblieben war. Aber
vielleicht konnte ich zumindest dafür sorgen, dass diese Frau zu
ihrem Recht kam.
Und die nächste. Und die übernächste.
Bis ich mich im Hier und Jetzt wieder fand. Vor
einer von unzähligen Frauen, die auf der Suche nach Gewissheit
waren. Mit dem winzigen Unterschied, dass diese Frau meine beste
Freundin war.
Meine Freundin, die mich im elterlichen Kombi
herumkutschiert hat. Die vor mir ihre erste Periode bekommen, einen
Jungen geküsst, ihren Führerschein gemacht und ihre Unschuld
verloren hat und trotzdem die Zeit fand, das alles mit mir zu
teilen. Die Freundin, die mit jedem Problem, jeder Frage, jedem
Dilemma, jedem Nervenzusammenbruch, jeder Angst und jeder
Entscheidung zu mir gekommen ist. Für die ich immer da gewesen bin.
Ich war stets ihr Fels in der Brandung. Ihre Lösung, ihre Antwort,
ihre Stimme der Vernunft, ihre Balance, ihr Trost... und ihre
Freundin.
Und jetzt kam sie mit diesem Anliegen zu mir.
Das war nun der Stand der Dinge, egal, wie es dazu
gekommen war.
Wer war ich, ihr das Recht auf Wissen zu
verweigern? Vor allem, nachdem ich mein Leben dem Kampf gegen die
wissentliche Unwissenheit gewidmet hatte?
»Also gut«, sagte ich zu Sophie, die mich
flehentlich ansah. »Ich mach’s.«
Sobald es heraus war, wusste ich: Ich hatte einen
riesigen Fehler gemacht.