35
Grau in allen Schattierungen
Es gibt Situationen im Leben, die sind in keinem Buch beschrieben. Wir lernen in der Schule nicht, wie man damit umgeht, und auch in den zahlreichen elterlichen Ansprachen, die junge Menschen angeblich auf das Leben vorbereiten sollen, werden sie nicht erwähnt.
Wir können keine Internetrecherchen dazu anstellen, keine Freundinnen dazu befragen, und ganz sicher liefern uns weder Liebeslieder noch Bilder in irgendwelchen Museen eine Lösung. Jede Konsultation herkömmlicher Quellen der Inspiration oder Aufklärung ist zwecklos.
Weil manche Situationen eben erst das Leben schreibt. Weil wir nicht einmal ahnen, dass es sie gibt, bis sie durch unsere Tür spazieren und auf unserem Sofa Platz nehmen.
Jamie und ich starrten uns ein paar Jahrhunderte lang an. Unsere Augen kommunizierten in einer Sprache, die man uns in insgesamt sechsunddreißig Jahren Schulbildung und Erziehung nicht beigebracht hatte.
Ich wusste nicht, wer den ersten Schritt tun sollte.
Also fasste ich mir ein Herz. »Es war nicht von Anfang an«, sagte ich leise. Das war das Einzige, das ich herausbrachte. Das Einzige, das er unbedingt wissen musste. Weil es die Wahrheit war. Wer hätte gedacht, dass die Wahrheit so unglaubwürdig klingen könnte.
»Ich weiß«, erwiderte er. »Karen hat es mir erzählt.«
Ich fröstelte, als ich ihren Namen aus seinem Mund vernahm. Am liebsten hätte ich mir die Hände auf die Ohren gedrückt und laut vor mich hingesummt, bis sich seine Lippen nicht mehr bewegten.
»Es ist also wahr?«, fragte ich. Insgeheim hoffte ich wohl immer noch, dass alles nur ein riesiges Missverständnis gewesen war, ein grauenhafter Albtraum, und dass Jamie gekommen war, um mich aufzuwecken und wieder nach Paris zu bringen.
Er nickte ernst. »Aber es ist nicht, wie du denkst.«
Ich sah ihn an, bot ihm schweigend meine ungeteilte Aufmerksamkeit an. Ich wollte hören, was er zu sagen hatte. Noch vor ein paar Tagen wäre das zu viel verlangt gewesen, doch jetzt, nach allem, was sich ereignet hatte, war ich endlich bereit, es zu hören.
Er holte tief Luft und begann mit seiner Geschichte, von der ich hoffte, dass sie mein Leben verändern würde.
»Wir haben vor fünf Jahren geheiratet. Die ersten drei lief es gut. Dann ging es bergab. Wir haben uns auseinanderentwickelt. Wir gingen zur Paarberatung, aber das nützte nichts. Ich wollte alles wieder ins Lot bringen, weil ich dachte, es gehöre sich so. Dass man dafür kämpft, alles opfert, um die Ehe zu retten. Sie sah das wohl anders, denn vor acht Monaten hat sie mich mit einem Kerl aus meiner Firma betrogen. Kurz darauf haben wir uns getrennt. Ich habe die Scheidung eingereicht, und ihre Anwälte haben sie sofort darauf aufmerksam gemacht, dass sie nicht mehr bekommen würde als das, was im Ehevertrag vorgesehen war. Was ihr anscheinend nicht genügt hat, denn sie trug ihnen auf, ein Schlupfloch zu finden.«
»Ehebruch«, stellte ich leise fest, führte den Gedanken weiter, als hätte ich es schon die ganze Zeit über gewusst. Das letzte Puzzleteil, das sich hinter dem Sofa versteckt hatte. Das Puzzle hatte zwar fertig ausgesehen, aber erst wenn man das fehlende letzte Stück einfügte, ergab sich auf magische Weise plötzlich das Gesamtbild.
»Genau.« Er rieb sich die Schläfen. »Meine Anwälte haben mich ebenfalls darauf hingewiesen. Ich sollte mich vor außerehelichem Sex hüten und warten, bis die Scheidung abgewickelt war. Was schon vor Monaten der Fall sein sollte, aber sie zog die Sache in die Länge, versuchte, Zeit zu schinden, indem sie Gerichtstermine verschob und nicht bei den Besprechungen mit den Anwälten erschien. Ich war sicher, dass die Papiere vor unserer Reise nach Paris unterschrieben sein würden, aber sie hat mir in letzter Minute wieder ein Schnippchen geschlagen.«
»Und deshalb wolltest du nicht mit mir schlafen?«
»Glaub mir, es war die schwerste Entscheidung meines Lebens!«
Ich biss mir auf die Unterlippe und errötete. »Wirklich?«
»Sieh dich doch an! Du bist unwiderstehlich! Ich hatte ernsthaft daran gedacht, die ganze Sache abzublasen, um mir diese Qualen zu ersparen. Aber ich wollte unbedingt mit dir nach Paris, und ich dachte, das wäre das Opfer wert.«
Ich kicherte mädchenhaft. »Danke.«
»Ich habe sogar in Erwägung gezogen, zu kapitulieren und trotzdem mit dir zu schlafen. Sollte sie doch ihren Willen haben. Es war mir egal, solange ich dich hatte. Aber ich hatte zu viel durchgestanden, um so kurz vor dem Ziel das Handtuch zu werfen. Genau darauf hatte sie doch nur gewartet.«
Ich nickte verständnisvoll.
»Und glaub mir, ich habe alle fünf Minuten meine Mailbox abgehört. Ich wäre auf der Stelle über dich hergefallen, sobald ich das Okay von meinen Anwälten gehabt hätte. Sogar mitten in diesem französischen Gefängnis. Bis uns diese komischen Wachssoldaten rausgeworfen hätten!«
Ich kicherte erneut. »Ich konnte es auch kaum erwarten. Ich hätte jede einzelne meiner selbst aufgestellten Regeln gebrochen, um mit dir zu schlafen.«
Er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Wange. »Gott, du hast mir gefehlt.«
Ich senkte den Blick, weil mir beinahe die Tränen gekommen wären. »Warum hast du mir nicht einfach von Anfang an die Wahrheit gesagt? Dann hätte ich es nicht auf diese Weise erfahren müssen.«
Jamie legte mir sanft einen Finger unters Kinn und hob mein Gesicht an. »Und warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt?«
Er lächelte mitfühlend.
Da war sie, die Millionenfrage. Was ist Betrug? Die Antwort lautet: Es gibt keine allgemeingültige Definition. Es gibt auf diese Frage keine saubere, simple Antwort, hübsch verpackt mit einer Schleife obendrauf. Jeder muss seine ganz persönliche Antwort finden, muss für sich definieren, wann er sich geliebt, hintergangen, schuldig, unschuldig, verlogen oder belogen fühlt.
Jamie und ich hatten beide sämtliche Stationen durchgemacht.
Und so sehr ich mich in den vergangenen zwei Jahren, wenn nicht gar länger, bemüht hatte, eine Definition zu finden – es gibt in dieser Frage kein Schwarz oder Weiß. Dafür aber eine Million Grauschattierungen. Und nur eine einzige davon passte genau auf unsere Situation.
Und ich musste zugeben, mir gefiel es, unser ganz persönliches Grau inmitten meiner weißen Welt.
»Das wollte ich ja«, sagte ich nachdrücklich. »Ehrlich. Aber du warst so lange das Einzige in meinem Leben, das nichts mit dem Chaos zu tun hatte, in das ich mich verstrickt hatte. Der Gedanke an dich war meine einzige Fluchtmöglichkeit. Eine blütenweiße Seite in einem Notizheft voll unleserlicher Kritzeleien. Ich wollte dich da nicht mit hineinziehen. Ich wollte dieses Gefühl der Vollkommenheit nicht verderben. Und außerdem war ich ziemlich sicher, dass du auf Nimmerwiedersehen verschwinden würdest, wenn du es herausfindest. Ich hatte also nichts zu verlieren, wenn ich mein Geheimnis für mich behielt, aber eine ganze Menge zu gewinnen.«
Er ergriff meine Hand und drückte sie. »Ich wäre nicht verschwunden.«
»Ich wollte dich einweihen, in Paris. Ehrlich. Ich hatte mir schon alles zurechtgelegt. Ich hatte sogar schon beschlossen, meinen Job aufzugeben, und dann …« Ich verstummte. Den Rest der Geschichte kannte er.
Er nickte, und nach einem Augenblick atemloser Stille prusteten wir beide los. »Was für ein mieses Timing«, ächzte Jamie schließlich und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
»Und wie mies! Einfach unglaublich!«
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es für dich gewesen sein muss, als sie dich angeheuert hat.«
»Ich war total geschockt!«, rief ich. »Ich hab mich sogar übergeben.«
Er lachte. »Im Ernst?«
»Gleich zweimal! Bei dir zu Hause!«
Wieder ergriff er meine Hand. »Es ist nicht mehr mein Zuhause.«
»Das heißt …«
»Es ist vorbei«, flüsterte er. »Endlich.«
»Endgültig?«
Er strahlte über das ganze Gesicht. »Ja, endgültig. Sie hat heute Morgen unterschrieben.«
Ein vielsagendes Lächeln huschte über mein Gesicht. »Das bedeutet …«
Er nickte langsam. »Mhm. Genau das«, murmelte er mit einem begehrlichen Grinsen.
 
Die Kleiderspur, die vor meinem Sofa ihren Anfang nahm und quer durch das Wohnzimmer bis in mein Schlafzimmer führte, sah aus, als hätten wir Hänsel und Gretel nachgespielt.
Mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir unsere Fährte, bestehend aus meiner Bluse, Jamies Gürtel, meinem BH, seiner Jeans, meinem Rock, seinem Poloshirt und so weiter nicht gelegt hatten, um wieder zurückzufinden. Ganz im Gegenteil. Wir hatten nicht vor, jemals zurückzukehren. Wir wollten genau dort bleiben, wo wir jetzt waren – an einem Ort, an dem es nur Aufrichtigkeit und bedingungslose Vergebung gab … und unglaublichen Sex.
Ja, ich weiß, mein letztes Mal war schon … sagen wir einfach ziemlich lange her. Aber wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte, war der Sex mit Jamie die absolute Krönung.
»Sooo«, sagte er und strich über meine Schulter, als ich mich an seinen nackten Körper schmiegte.
»Ja?« Ich hob den Kopf und sah ihm verliebt in die Augen.
»Erzähl mal, wie wird man eigentlich Treuetesterin? Ich nehme nicht an, dass dir die Berufsberater am College diese Laufbahn empfohlen haben.« Er drückte mir einen Kuss auf den Mund und ließ den Kopf wieder auf mein weißes Satinkissen sinken.
Ich lachte und drückte mich an ihn. »Vielleicht sollten wir uns diese Geschichte fürs nächste Mal aufheben.«
Er gluckste. »Rätselhaft wie immer, Miss Jennifer H.«
Damit küsste er mich auf die Stirn und schlang die Arme um mich, und so nickten wir bald darauf ein.
Meine allererste Pyjamaparty, ganz ohne Pyjamas.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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