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Grau in allen
Schattierungen
Es gibt Situationen im Leben, die sind in keinem
Buch beschrieben. Wir lernen in der Schule nicht, wie man damit
umgeht, und auch in den zahlreichen elterlichen Ansprachen, die
junge Menschen angeblich auf das Leben vorbereiten sollen, werden
sie nicht erwähnt.
Wir können keine Internetrecherchen dazu anstellen,
keine Freundinnen dazu befragen, und ganz sicher liefern uns weder
Liebeslieder noch Bilder in irgendwelchen Museen eine Lösung. Jede
Konsultation herkömmlicher Quellen der Inspiration oder Aufklärung
ist zwecklos.
Weil manche Situationen eben erst das Leben
schreibt. Weil wir nicht einmal ahnen, dass es sie gibt, bis sie
durch unsere Tür spazieren und auf unserem Sofa Platz nehmen.
Jamie und ich starrten uns ein paar Jahrhunderte
lang an. Unsere Augen kommunizierten in einer Sprache, die man uns
in insgesamt sechsunddreißig Jahren Schulbildung und Erziehung
nicht beigebracht hatte.
Ich wusste nicht, wer den ersten Schritt tun
sollte.
Also fasste ich mir ein Herz. »Es war nicht von
Anfang an«, sagte ich leise. Das war das Einzige, das ich
herausbrachte. Das Einzige, das er unbedingt wissen musste. Weil
es die Wahrheit war. Wer hätte gedacht, dass die Wahrheit so
unglaubwürdig klingen könnte.
»Ich weiß«, erwiderte er. »Karen hat es mir
erzählt.«
Ich fröstelte, als ich ihren Namen aus seinem Mund
vernahm. Am liebsten hätte ich mir die Hände auf die Ohren gedrückt
und laut vor mich hingesummt, bis sich seine Lippen nicht mehr
bewegten.
»Es ist also wahr?«, fragte ich. Insgeheim hoffte
ich wohl immer noch, dass alles nur ein riesiges Missverständnis
gewesen war, ein grauenhafter Albtraum, und dass Jamie gekommen
war, um mich aufzuwecken und wieder nach Paris zu bringen.
Er nickte ernst. »Aber es ist nicht, wie du
denkst.«
Ich sah ihn an, bot ihm schweigend meine ungeteilte
Aufmerksamkeit an. Ich wollte hören, was er zu sagen hatte. Noch
vor ein paar Tagen wäre das zu viel verlangt gewesen, doch jetzt,
nach allem, was sich ereignet hatte, war ich endlich bereit, es zu
hören.
Er holte tief Luft und begann mit seiner
Geschichte, von der ich hoffte, dass sie mein Leben verändern
würde.
»Wir haben vor fünf Jahren geheiratet. Die ersten
drei lief es gut. Dann ging es bergab. Wir haben uns
auseinanderentwickelt. Wir gingen zur Paarberatung, aber das nützte
nichts. Ich wollte alles wieder ins Lot bringen, weil ich dachte,
es gehöre sich so. Dass man dafür kämpft, alles opfert, um die Ehe
zu retten. Sie sah das wohl anders, denn vor acht Monaten hat sie
mich mit einem Kerl aus meiner Firma betrogen. Kurz darauf haben
wir uns getrennt. Ich habe die Scheidung eingereicht, und ihre
Anwälte haben sie sofort darauf aufmerksam gemacht, dass sie nicht
mehr bekommen würde als das, was im Ehevertrag vorgesehen war. Was
ihr anscheinend nicht genügt hat, denn sie trug ihnen auf, ein
Schlupfloch zu finden.«
»Ehebruch«, stellte ich leise fest, führte den
Gedanken weiter, als hätte ich es schon die ganze Zeit über
gewusst. Das letzte Puzzleteil, das sich hinter dem Sofa versteckt
hatte. Das Puzzle hatte zwar fertig ausgesehen, aber erst wenn man
das fehlende letzte Stück einfügte, ergab sich auf magische Weise
plötzlich das Gesamtbild.
»Genau.« Er rieb sich die Schläfen. »Meine Anwälte
haben mich ebenfalls darauf hingewiesen. Ich sollte mich vor
außerehelichem Sex hüten und warten, bis die Scheidung abgewickelt
war. Was schon vor Monaten der Fall sein sollte, aber sie zog die
Sache in die Länge, versuchte, Zeit zu schinden, indem sie
Gerichtstermine verschob und nicht bei den Besprechungen mit den
Anwälten erschien. Ich war sicher, dass die Papiere vor unserer
Reise nach Paris unterschrieben sein würden, aber sie hat mir in
letzter Minute wieder ein Schnippchen geschlagen.«
»Und deshalb wolltest du nicht mit mir
schlafen?«
»Glaub mir, es war die schwerste Entscheidung
meines Lebens!«
Ich biss mir auf die Unterlippe und errötete.
»Wirklich?«
»Sieh dich doch an! Du bist unwiderstehlich! Ich
hatte ernsthaft daran gedacht, die ganze Sache abzublasen, um mir
diese Qualen zu ersparen. Aber ich wollte unbedingt mit dir nach
Paris, und ich dachte, das wäre das Opfer wert.«
Ich kicherte mädchenhaft. »Danke.«
»Ich habe sogar in Erwägung gezogen, zu
kapitulieren und trotzdem mit dir zu schlafen. Sollte sie doch
ihren Willen haben. Es war mir egal, solange ich dich hatte. Aber
ich hatte zu viel durchgestanden, um so kurz vor dem Ziel das
Handtuch zu werfen. Genau darauf hatte sie doch nur
gewartet.«
Ich nickte verständnisvoll.
»Und glaub mir, ich habe alle fünf Minuten meine
Mailbox abgehört. Ich wäre auf der Stelle über dich hergefallen,
sobald ich das Okay von meinen Anwälten gehabt hätte. Sogar mitten
in diesem französischen Gefängnis. Bis uns diese komischen
Wachssoldaten rausgeworfen hätten!«
Ich kicherte erneut. »Ich konnte es auch kaum
erwarten. Ich hätte jede einzelne meiner selbst aufgestellten
Regeln gebrochen, um mit dir zu schlafen.«
Er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Wange.
»Gott, du hast mir gefehlt.«
Ich senkte den Blick, weil mir beinahe die Tränen
gekommen wären. »Warum hast du mir nicht einfach von Anfang an die
Wahrheit gesagt? Dann hätte ich es nicht auf diese Weise erfahren
müssen.«
Jamie legte mir sanft einen Finger unters Kinn und
hob mein Gesicht an. »Und warum hast du mir
nicht die Wahrheit gesagt?«
Er lächelte mitfühlend.
Da war sie, die Millionenfrage. Was ist Betrug? Die
Antwort lautet: Es gibt keine allgemeingültige Definition. Es gibt
auf diese Frage keine saubere, simple Antwort, hübsch verpackt mit
einer Schleife obendrauf. Jeder muss seine ganz persönliche Antwort
finden, muss für sich definieren, wann er sich geliebt,
hintergangen, schuldig, unschuldig, verlogen oder belogen
fühlt.
Jamie und ich hatten beide
sämtliche Stationen durchgemacht.
Und so sehr ich mich in den vergangenen zwei
Jahren, wenn nicht gar länger, bemüht hatte, eine Definition zu
finden – es gibt in dieser Frage kein Schwarz oder Weiß. Dafür aber
eine Million Grauschattierungen. Und nur eine einzige davon passte
genau auf unsere Situation.
Und ich musste zugeben, mir gefiel es, unser ganz
persönliches Grau inmitten meiner weißen Welt.
»Das wollte ich ja«, sagte ich nachdrücklich.
»Ehrlich.
Aber du warst so lange das Einzige in meinem Leben, das nichts mit
dem Chaos zu tun hatte, in das ich mich verstrickt hatte. Der
Gedanke an dich war meine einzige Fluchtmöglichkeit. Eine
blütenweiße Seite in einem Notizheft voll unleserlicher
Kritzeleien. Ich wollte dich da nicht mit hineinziehen. Ich wollte
dieses Gefühl der Vollkommenheit nicht verderben. Und außerdem war
ich ziemlich sicher, dass du auf Nimmerwiedersehen verschwinden
würdest, wenn du es herausfindest. Ich hatte also nichts zu
verlieren, wenn ich mein Geheimnis für mich behielt, aber eine
ganze Menge zu gewinnen.«
Er ergriff meine Hand und drückte sie. »Ich wäre
nicht verschwunden.«
»Ich wollte dich einweihen, in Paris. Ehrlich. Ich
hatte mir schon alles zurechtgelegt. Ich hatte sogar schon
beschlossen, meinen Job aufzugeben, und dann …« Ich verstummte. Den
Rest der Geschichte kannte er.
Er nickte, und nach einem Augenblick atemloser
Stille prusteten wir beide los. »Was für ein mieses Timing«, ächzte
Jamie schließlich und wischte sich die Lachtränen aus den
Augen.
»Und wie mies! Einfach unglaublich!«
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es für dich
gewesen sein muss, als sie dich angeheuert hat.«
»Ich war total geschockt!«, rief ich. »Ich hab mich
sogar übergeben.«
Er lachte. »Im Ernst?«
»Gleich zweimal! Bei dir zu
Hause!«
Wieder ergriff er meine Hand. »Es ist nicht mehr
mein Zuhause.«
»Das heißt …«
»Es ist vorbei«, flüsterte er. »Endlich.«
»Endgültig?«
Er strahlte über das ganze Gesicht. »Ja, endgültig.
Sie hat heute Morgen unterschrieben.«
Ein vielsagendes Lächeln huschte über mein Gesicht.
»Das bedeutet …«
Er nickte langsam. »Mhm. Genau das«, murmelte er
mit einem begehrlichen Grinsen.
Die Kleiderspur, die vor meinem Sofa ihren Anfang
nahm und quer durch das Wohnzimmer bis in mein Schlafzimmer führte,
sah aus, als hätten wir Hänsel und Gretel nachgespielt.
Mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir unsere
Fährte, bestehend aus meiner Bluse, Jamies Gürtel, meinem BH,
seiner Jeans, meinem Rock, seinem Poloshirt und so weiter nicht
gelegt hatten, um wieder zurückzufinden. Ganz im Gegenteil. Wir
hatten nicht vor, jemals zurückzukehren. Wir wollten genau dort
bleiben, wo wir jetzt waren – an einem Ort, an dem es nur
Aufrichtigkeit und bedingungslose Vergebung gab … und unglaublichen
Sex.
Ja, ich weiß, mein letztes Mal war schon … sagen
wir einfach ziemlich lange her. Aber wenn mich meine Erinnerung
nicht täuschte, war der Sex mit Jamie die absolute Krönung.
»Sooo«, sagte er und strich über meine Schulter,
als ich mich an seinen nackten Körper schmiegte.
»Ja?« Ich hob den Kopf und sah ihm verliebt in die
Augen.
»Erzähl mal, wie wird man eigentlich Treuetesterin? Ich nehme nicht an, dass dir die
Berufsberater am College diese Laufbahn empfohlen haben.« Er
drückte mir einen Kuss auf den Mund und ließ den Kopf wieder auf
mein weißes Satinkissen sinken.
Ich lachte und drückte mich an ihn. »Vielleicht
sollten wir uns diese Geschichte fürs nächste Mal aufheben.«
Er gluckste. »Rätselhaft wie immer, Miss Jennifer
H.«
Damit küsste er mich auf die Stirn und schlang die
Arme um mich, und so nickten wir bald darauf ein.
Meine allererste Pyjamaparty, ganz ohne
Pyjamas.