32
Ausradiert
Es kommt so gut wie nie vor, dass ich eine Auftraggeberin nach Beendigung des Treuetest kontaktiere, in erster Linie deshalb, weil es nichts bringt. Es ist schon peinlich genug, einer Frau beibringen zu müssen, dass ihr Mann versucht hat, mit mir ins Bett zu gehen. Unter solchen Umständen ist eine Vertiefung der Bekanntschaft weder wahrscheinlich noch erfolgversprechend.
Ich lieferte ab, was ich versprochen hatte, damit war meine Aufgabe erfüllt.
Scheidung, Sorgerechtsstreitigkeiten, Therapiestunden, unbequeme Nächte auf der Couch – all das fällt für mich in die Kategorie »muss ich nicht wissen«. Ehrlich gesagt, wollte ich auch gar nichts darüber wissen.
Aber es gibt immer Ausnahmen, und dies war wohl die erste für mich.
Zoë stand hinter mir und verfolgte neugierig, wie ich Hunderte von braunen Aktenmappen durchblätterte, die sich äußerlich nur durch den in Druckbuchstaben geschriebenen Namen auf dem Deckblatt unterschieden.
Ein regelrechter Ehefriedhof.
Schließlich zog ich die Akte »Anne Jacobs« heraus. Ich versuche zwar stets, mich von meinen Klientinnen und ihrem Leben zu distanzieren, aber als ich nun in Annes Akte blätterte, kam es mir vor, als wäre sie Teil meines Tagebuches.
Das hier waren nicht bloß irgendwelche archivierten Daten und Informationen, das war mein Leben. Schicksale wie das von Anne Jacobs – und von meinen anderen Klientinnen – machten einen großen Teil meiner Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre aus.
Ich hatte eine Entscheidung getroffen, und diese Entscheidung hatte Folgen nach sich gezogen. Und zwar eine ganze Menge, wie mein Aktenschrank hinlänglich bewies.
Annes Akte war wie alle anderen angelegt: an der Innenseite des Deckblattes ein Foto des Testobjekts, das ich von der Auftraggeberin beim ersten Meeting zur Verfügung gestellt bekomme. Auf der ersten Seite die Eckdaten zur Auftraggeberin, gefolgt von denen, die mir über die zu testende Person vorliegen. Ich erarbeite stets einen kurzen Lebenslauf mit den wichtigsten Informationen über das Testobjekt: Name, Alter, Beruf, Hobbys, Ausbildung, Mitgliedschaften in Studentenverbindungen und dergleichen. Außerdem halte ich in Stichworten seine Beziehung zur Auftraggeberin sowie den Grund für ihren Verdacht fest. Ich notiere mir auch Ort, Datum und Uhrzeit des Tests und lasse dann meist noch etwas Platz für etwaige Anmerkungen.
Das sind die Informationen, die mir vor dem Test vorliegen. Auf der nächsten Seite folgt dann eine Art Nachbericht – eine möglichst genaue Schilderung der Ereignisse (soweit ich mich eben erinnere) inklusive Uhrzeiten und Ortsangaben, bis hin zur Zimmernummer. Meine Arbeit ist eine Arbeit wie jede andere, und wenn ich professionell auftreten will, muss ich sie entsprechend ernst nehmen.
Außerdem kann man nie wissen, ob sich diverse Informationen nicht später noch als nützlich erweisen.
Wie zum Beispiel im vorliegenden Fall.
»Ist er das, dieser Raymond Jacobs?«, wollte Zoë wissen und deutete auf das Foto, das ich mit einer Heftklammer an der Innenseite des Deckblattes befestigt hatte.
Ich betrachtete das Gesicht auf dem Foto und schauderte unwillkürlich, als ich seinen stechenden Blick auf mir ruhen fühlte. Genau so hatte er mich angesehen, als ich ihm in seinem Büro gegenübergesessen hatte. Mit diesem Ausdruck tiefster Befriedigung, weil er wusste, dass er mich in der Hand hatte. Dass ich ihm hilflos ausgeliefert war.
Doch bald würde sich das Blatt wenden.
Jedenfalls hoffte ich das.
Ich überblätterte die zahlreichen Artikel, die ich über Raymond Jacobs, Kelen Industries und die Automobilindustrie allgemein gesammelt hatte, bis ich schließlich fand, wonach ich suchte.
Auf die Rückseite des Lebenslaufes hefte ich meist ein paar lose Zettel – die Stichworte, die ich mir während des Erstgesprächs mit der Auftraggeberin notiere, während sie mir ihre nur allzu vertraute Geschichte erzählt. Das Rohmaterial sozusagen, aus dem ich dann die erforderlichen Informationen für den Lebenslauf filtere.
Und hier auf diesen Zetteln befanden sich die zwei Zeilen kaum leserlichen Gekritzels, nach denen ich so fieberhaft gesucht hatte. Ein winzigkleines Detail, das – für sich betrachtet – unwichtig erscheinen mochte. In dem richtigen Kontext jedoch war genau das Gegenteil der Fall.
Mir geisterte eine Bemerkung durch den Kopf, die Anne Jacobs gegen Ende unseres ersten Meetings hatte fallen lassen. Wir waren schon auf dem Weg zur Tür gewesen, da hatte sie mich um Diskretion gebeten.
»Eines noch«, hatte sie gesagt. »Ich möchte Sie bitten, absolutes Stillschweigen zu bewahren. Der Ruf meines Mannes ist fast genauso wichtig wie der Ruf der Motoren, die seine Firma produziert.«
Ich war stehen geblieben, hatte meine Mappe noch einmal aufgeschlagen und mir ein paar letzte Worte notiert.
»Selbstverständlich«, hatte ich erwidert. »Ich hab’s mir aufgeschrieben. Und ich versichere Ihnen, Verschwiegenheit ist für mich oberstes Gebot. So, wie ich von meinen Klienten erwarte, mit meinen Kontaktdaten diskret umzugehen.«
»Was zum Geier soll das heißen?«, fragte Zoë, die sich, über meine Schulter gebeugt, vergeblich bemühte, meine Handschrift zu entziffern. Ich blickte auf die Mappe in meinen Händen. Da stand es, schwarz auf weiß, genau wie ich es in Erinnerung gehabt hatte: Streng vertraulich. Ruf des Testobjekts hat oberste Priorität.
Ich klappte die Akte zu und schenkte Zoë ein zuversichtliches Lächeln. »Das heißt, er hat eine Menge zu verlieren.«
»Aha«, sagte sie etwas enttäuscht. Das Ganze entsprach wohl nicht gerade den Da-Vinci-Code-ähnlichen Szenen, auf die sie gehofft hatte. Ich erhob mich und schob die Schublade mit der Ferse zu. »Und seine Frau weiß genau, wie viel das ist.«
 
Nachdem Zoë gegangen war, schlug ich noch einmal die Akte auf und wählte bedächtig die unter der Rubrik »Klientendaten« notierte Telefonnummer. Ich hoffte inständig, dass Anne Jacobs meinen Anruf überhaupt entgegennehmen würde, nach allem, was sie im vergangenen Monat erlebt hatte.
»Hallo?«, tönte es fröhlich und beschwingt aus dem Hörer.
Ich dagegen konnte meine Nervosität nicht verhehlen. »Guten Tag!« Meine Stimme klang schrill. Ich räusperte mich. »Ähm, guten Tag … Mrs. Jacobs?«
»Am Apparat.«
»Hallo … Äh … Ashlyn hier.« Mein zweifelnder Tonfall implizierte schon, dass ich mich fragte, ob sie sich an mich erinnerte, beziehungsweise ob sie überhaupt mit mir sprechen wollte.
Es entstand eine lange Pause. Bestimmt würde sie gleich auflegen – oder dachte jedenfalls ernsthaft darüber nach. Ich sah auf die Uhr über meinem Backofen und fühlte mich sehr unwohl in meiner Haut.
Also fuhr ich fort: »Ich hoffe, Sie wissen noch, wer ich bin. Wir … ähm … Nun, ich, äh …« Lieber Himmel, war das schwierig. »Sie hatten mich damit beauftragt, Ihren …«
»Ich erinnere mich«, unterbrach sie mich, als wollte sie den Rest des Satzes lieber nicht hören. »Was kann ich für Sie tun?« Ihre Gute-Laune-Stimme war offenbar für erfreulichere Anlässe reserviert.
Ich holte tief Luft. Okay. Augen zu und durch. »Oh, gut, Sie wissen es noch!«, flötete ich in dem Versuch, ihre anfängliche Beschwingtheit zu imitieren.
»Wie sollte ich Sie wohl vergessen.«
»Äh, ja.« Ich kratzte mich an der Nasenspitze. »Mrs. Jacobs, normalerw …«
»Lapelle«, korrigierte sie mich. »Ich habe wieder meinen Mädchennamen angenommen.«
Schluck. »Verstehe.«
Das war aber ganz schön flott gegangen.
»Was wollten Sie gerade sagen?«
Hörte ich da einen vorwurfsvollen Unterton heraus? Ich habe wieder meinen Mädchennamen angenommen … und daran sind nur Sie schuld! Aber vielleicht ging auch bloß meine Fantasie mit mir durch.
»Ach, ja. Ich wollte sagen, dass ich, sobald der … der Auftrag abgeschlossen ist, normalerweise keinen Kontakt mehr zu meinen Klienten aufnehme, aber in diesem Fall … äh … gibt es ein paar … nun …« Ich brach ab und kam mir dämlich vor, wie ich da herumstotterte. Also noch mal von vorn.
»Hören Sie«, fuhr Anne ungeduldig dazwischen. »Ich habe nicht viel Zeit. Ich sollte schon längst …«
»Ich benötige Ihre Hilfe«, platzte ich verzweifelt heraus.
Es entstand eine weitere Pause, so lange, dass ich schon fürchtete, sie hätte womöglich den Hörer neben das Telefon gelegt und sich davongeschlichen. »Hallo?«, fragte ich vorsichtig.
»Ich gebe Ihnen fünf Minuten«, sagte sie knapp. Unversöhnlich.
»Danke.«
Wir vereinbarten ein Treffen bei ihr zu Hause für den darauffolgenden Vormittag. Ihre kühle Reaktion überraschte mich ein wenig, nachdem sie bei unserer letzten Begegnung noch so freundlich aufgetreten war. Aber ich schätze, wenn erst die Konsequenzen abzusehen sind, wenn die Scheidungsanwälte ihre schwarze Magie praktizieren und man sich der Verletzungen bewusst wird, ist es nur natürlich, dass die Sympathien für mich schwinden.
Ich konnte es ihr nicht verdenken, im Gegenteil. Inzwischen erwartete ich schon förmlich, dass sich die Frauen, die ich unter diesen besonderen Umständen kennengelernt hatte, mir gegenüber kühl und distanziert verhielten. Meist ist das nur ein Abwehrmechanismus. Ich finde es wirklich mehr als verständlich, wenn meine Auftraggeberinnen nicht die geringste Lust haben, mir gegenüber ein herzliches Benehmen an den Tag zu legen.
Zugegeben, Anne hatte mich von sich aus angerufen und um Hilfe gebeten. Aber so läuft das eben. Das gehört zu meinem Job – oder vielmehr gehörte, als es noch mein Job war, Männer zu testen. Gehasst zu werden – selbst von dem Menschen, den man gerettet hat – das war schon immer Teil der Stellenbeschreibung. Das ist wohl der große Unterschied zwischen mir und Superman. Wer von Superman aus einem einstürzenden Gebäude oder aus einem trudelnden Flugzeug geholt wird, der ist ihm ewig dankbar. Doch die Frauen, die ich aus zerrütteten Ehen oder gescheiterten Beziehungen »befreie«, sehen die Sache zuweilen ganz anders. Anne Jacobs gehörte wohl auch zu diesen Kandidatinnen.
 
»Ashlyn«, sagte Anne, als ich tags darauf Punkt elf vor ihrer Tür stand. Es klang distanziert und war eher eine Feststellung als eine Begrüßung. Ich folgte ihr ins Wohnzimmer, wo sie mich auf demselben Sofa Platz nehmen hieß wie vor etwas mehr als einem Monat, als ich unter völlig anderen Umständen gekommen war. Als diese ganze Sache ihren Anfang genommen hatte. Als sich die Spione ihres Ehemannes draußen vor der Tür mein Autokennzeichen notiert hatten.
Ich setzte mich und sah mich um. Der Raum hatte sich auf den ersten Blick nicht verändert. Alles sah mehr oder weniger gleich aus, abgesehen von der Tatsache, dass ein paar Topfpflanzen wegen der Sonneneinstrahlung etwas gedreht worden waren und ein Bild an einer anderen Wand hing, wohl, um ein etwas fröhlicheres Ambiente zu erschaffen. Doch im Großen und Ganzen war alles beim Alten geblieben, dasselbe Wohnzimmer, dasselbe Haus. Und die Frau, die da auf ihrem angestammten Platz – auf dem Sofa gegenüber von mir – saß, war dieselbe wie bei unseren letzten beiden Begegnungen.
Und doch fühlte es sich ganz anders an, als ich nun in ihr ausdrucksloses Gesicht blickte.
Es lag nicht nur an der offensichtlichen Machtverschiebung. Jetzt war ich es ja, die sie um Hilfe bat, um Mitgefühl.
Es herrschte eine gewisse Leere im Raum, ein spürbares Vakuum.
Da erst stachen mir die Fotos auf dem Tisch ins Auge.
Dieselben Fotos, die ich beim letzten Mal verzweifelt zu ignorieren versucht hatte, weil sie zu viel verrieten. Weil sie Details enthüllten, die ich nicht wissen wollte und nicht wissen musste.
Vor einem Monat hatten die gerahmten Bilder noch fünf Menschen gezeigt. Fünf scheinbar glückliche Gesichter. Nun waren es nur noch vier. Anne und ihre drei Söhne, alle unter zehn, wie es aussah. Es war, als hätte jemand einen Radiergummi genommen und das fünfte Gesicht einfach ausradiert, jeden Hinweis auf ihn gründlich entfernt.
In diesem Augenblick bemerkte ich auch, dass Annes linker Ringfinger leer war.
So sehr ich mich bemühte, die Veränderungen zu ignorieren, es hatte keinen Sinn.
Hier war sie, die Tatsache, die ich nicht hatte erfahren wollen, die Antwort auf die Frage, die ich nicht zu stellen gewagt hatte. Unübersehbar, nicht zu ignorieren.
Ich musste daran denken, wie uns unsere Grundschullehrer eingeschärft hatten, ausschließlich mit Bleistift zu schreiben. Kugelschreiber waren strengstens verboten, denn wenn man sich damit verschreibt, ist nichts mehr zu machen. Dann lässt sich der Fehler nicht mehr beheben. Dann kann man das falsch geschriebene Wort, das spiegelverkehrte R nur noch durchstreichen. Zurück bleibt ein unschöner Fleck, ein Beweis für die Tatsache, dass man gepatzt hat. Und alle können den Patzer sehen.
Bleistift dagegen ist unbeständig. Wandelbar. Nachgiebig. Jedenfalls haben unsere Lehrer das behauptet. Man verschreibt sich, radiert und schreibt weiter, als wäre es nie geschehen. Keine hässlichen Kugelschreiberflecken. Bleistift lässt sich quasi unsichtbar machen.
In meinen Augen war das immer schon totaler Quatsch. Wie oft hatte ich an meinem Schreibtisch gesessen und versucht, mit meinem Radiergummi einen Fehler rückgängig zu machen. Doch so sehr ich mich auch bemühte, so kräftig ich die entsprechende Stelle mit dem Radierer bearbeitete und dabei haufenweise kleine rosarote Krümel produzierte, stets hinterließ mein Bleistift Spuren. Das fehlerhafte Wort oder das verkehrte R war trotz allem noch zu erahnen.
Ganz auslöschen ließ es sich nie.
Stets lugte es noch hinter dem korrigierten Wort oder Buchstaben hervor.
Und schon damals habe ich immer gedacht: Der hässliche Kugelschreiberfleck ist wenigstens ehrlich.
Auch hier, in Mrs. Jacobs Wohnzimmer, waren Spuren zu erkennen. Unleugbar, unauslöschlich. Man sah es an den Gesichtern ihrer drei Kinder, an den umgedrehten Gummibäumen, an dem umgehängten Kunstwerk an der Wand. Und vor allem an ihrer linken Hand, an der vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein schwerer Diamantring gesteckt hatte. So schwer, dass ihr abends manchmal der Finger lahm geworden war, doch sie hatte sich nie darüber beschwert. Wie leicht sich diese Hand nun anfühlen musste.
Erst jetzt begriff ich wirklich, warum ich mit meinen Auftraggeberinnen keinen weiteren Kontakt pflegte. Es war reiner Selbstschutz. Im Laufe der Zeit hätte ich mir unbewusst das Gewicht all dieser Diamantringe, Fotos, Gesichter aufgeladen, und die Last wäre viel zu schwer für mich gewesen.
Ich konnte mir noch so oft in Erinnerung rufen, dass mich keine Schuld traf, dass ich diesen Frauen vielmehr ein Geschenk machte, das vielen anderen verwehrt bleibt. Als ich Anne nun in die Augen sah, wusste ich, dass sie mir zwar, realistisch gesehen, keinen Vorwurf machen konnte, aber aus ihrer Sicht war das natürlich trotzdem naheliegend. Ich war der Sündenbock, und das würde ich auch in den kommenden Jahren bleiben … oder länger.
»Worüber wollten Sie mit mir sprechen?«, fragte sie höflich, aber unbewegt.
Ich gab mir größte Mühe, ihr abweisendes Verhalten und ihren vorwurfsvollen Blick zu ignorieren. Außer Anne Jacobs fiel mir beim besten Willen niemand ein, der mir helfen konnte. Ich musste zumindest fragen.
Also bückte ich mich, holte aus meiner schwarzen Lederaktentasche meinen Laptop und klappte ihn auf.
»Ich nehme an, Sie erinnern sich, womit ich mir meinen Lebensunterhalt verdiene«, sagte ich freundlich, während der Computer hochfuhr.
Sie nickte. »Wie könnte ich das vergessen.«
Doch während ich ein neues Browserfenster öffnete und im Verlauf die zuletzt besuchte Seite anklickte, fragte ich mich unwillkürlich, ob ich eigentlich selbst genau wusste, womit ich mir meinen Lebensunterhalt verdiente. Ein Teil von mir wollte die Arbeit wieder aufnehmen, die Mission fortsetzen. Genau da weitermachen, wo ich aufgehört hatte, als wäre ich nie weg gewesen. Mistkerle wie Jamie Richards lieferten jedenfalls schlagkräftige Argumente für diese Option. Und diese nicht eben subtile und sehr persönliche Erinnerung daran, dass dieser Typ Mann noch zuhauf dort draußen herumlief, weckte in mir den Drang, den Kampf umgehend wieder aufzunehmen.
Aber es gab auch jede Menge Gründe, die dagegen sprachen.
Die Geheimniskrämerei, die Lügen, die ich den Menschen, die ich liebte – und allen anderen auch – würde auftischen müssen.
»Meine Familie weiß von alledem nichts«, sagte ich, zu Anne gewandt.
Sie beäugte mich misstrauisch. »Kann ich mir vorstellen.«
Ich drehte den Laptop um und ließ ihr ausreichend Zeit, zu verarbeiten, was auf dem Bildschirm zu sehen war. »Das hat Ihr Mann veranlasst, eine Woche, nachdem er beim Treuetest durchgefallen war«, fügte ich schließlich ausdruckslos hinzu. »Und er weigert sich, die Domain vom Server zu nehmen.«
Ich verfolgte, wie sie die Seite schweigend überflog. Schließlich huschte ein boshaftes Lächeln über ihr Gesicht.
Meine Hoffnung schwand. Sie mokierte sich über mich, weidete sich an meinem Unglück. Und ich konnte es ihr nicht einmal übel nehmen, obwohl ich wusste, dass sie mich zu Unrecht für schuldig hielt.
Es dauert eben, bis ein gebrochenes Herz wieder heil wird. Am Wichtigsten ist doch, dass es überhaupt heilt.
Ich nickte resigniert, während ich bedächtig meinen Laptop zuklappte und wieder in der Tasche verstaute. »Dann will ich mal nicht länger stören. Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe.«
Ich schulterte meine Handtasche und erhob mich. Hätte ich mir eigentlich denken können, dass meine Chancen schlecht standen.
»Warten Sie.«
Ich drehte mich um. »Ja?«
»Sie haben mir noch nicht gesagt, was Sie wollen.« Ihr Tonfall verriet nichts. Er war nach wie vor unbeteiligt und reserviert.
Trotzdem schöpfte ich neue Hoffnung. »Nun …« Ich stand unbeholfen da, mitten in ihrem Wohnzimmer. »Ich habe nichts gegen ihn in der Hand. Keine Möglichkeit, zu verhandeln. Ich weiß nur, dass Sie sagten, Mr. Jacobs Ruf sei von größter Wichtigkeit, und da dachte ich …« Ich verstummte in der Hoffnung, sie würde begreifen, worauf ich hinauswollte, ohne dass ich es aussprechen musste: Ich brauche ein Druckmittel.
»Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, was Sie von mir erwarten.« Sie warf mir einen leeren Blick zu, als hätte die vorangegangene Unterhaltung nie stattgefunden.
War das nun mein Stichwort zu gehen? Ich trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.
Unentschlossen öffnete ich den Mund, obwohl ich nicht recht wusste, was ich als Nächstes sagen sollte. Sofern ich überhaupt etwas herausbrachte. Aber noch ehe ich mich gesammelt und mir einen Satzanfang zurechtgelegt hatte, der zur Abwechslung nicht – wie alle anderen in den vergangenen zwei Tagen – aus einem »Ähm« bestand, bildete sich ein Lächeln auf Anne Jacobs Lippen. Ein fieses, hinterhältiges Lächeln, wie man es von den bösen Hexen und Zauberern aus Kinderfilmen kennt.
»Aber ich habe da etwas, das Sie interessieren könnte«, verkündete sie schließlich.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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