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Ausradiert
Es kommt so gut wie nie vor, dass ich eine
Auftraggeberin nach Beendigung des Treuetest kontaktiere, in erster
Linie deshalb, weil es nichts bringt. Es ist schon peinlich genug,
einer Frau beibringen zu müssen, dass ihr Mann versucht hat, mit
mir ins Bett zu gehen. Unter solchen Umständen ist eine Vertiefung
der Bekanntschaft weder wahrscheinlich noch
erfolgversprechend.
Ich lieferte ab, was ich versprochen hatte, damit
war meine Aufgabe erfüllt.
Scheidung, Sorgerechtsstreitigkeiten,
Therapiestunden, unbequeme Nächte auf der Couch – all das fällt für
mich in die Kategorie »muss ich nicht wissen«. Ehrlich gesagt,
wollte ich auch gar nichts darüber
wissen.
Aber es gibt immer Ausnahmen, und dies war wohl die
erste für mich.
Zoë stand hinter mir und verfolgte neugierig, wie
ich Hunderte von braunen Aktenmappen durchblätterte, die sich
äußerlich nur durch den in Druckbuchstaben geschriebenen Namen auf
dem Deckblatt unterschieden.
Ein regelrechter Ehefriedhof.
Schließlich zog ich die Akte »Anne Jacobs« heraus.
Ich
versuche zwar stets, mich von meinen Klientinnen und ihrem Leben
zu distanzieren, aber als ich nun in Annes Akte blätterte, kam es
mir vor, als wäre sie Teil meines Tagebuches.
Das hier waren nicht bloß irgendwelche archivierten
Daten und Informationen, das war mein Leben. Schicksale wie das von
Anne Jacobs – und von meinen anderen Klientinnen – machten einen
großen Teil meiner Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre
aus.
Ich hatte eine Entscheidung getroffen, und diese
Entscheidung hatte Folgen nach sich gezogen. Und zwar eine ganze
Menge, wie mein Aktenschrank hinlänglich bewies.
Annes Akte war wie alle anderen angelegt: an der
Innenseite des Deckblattes ein Foto des Testobjekts, das ich von
der Auftraggeberin beim ersten Meeting zur Verfügung gestellt
bekomme. Auf der ersten Seite die Eckdaten zur Auftraggeberin,
gefolgt von denen, die mir über die zu testende Person vorliegen.
Ich erarbeite stets einen kurzen Lebenslauf mit den wichtigsten
Informationen über das Testobjekt: Name, Alter, Beruf, Hobbys,
Ausbildung, Mitgliedschaften in Studentenverbindungen und
dergleichen. Außerdem halte ich in Stichworten seine Beziehung zur
Auftraggeberin sowie den Grund für ihren Verdacht fest. Ich notiere
mir auch Ort, Datum und Uhrzeit des Tests und lasse dann meist noch
etwas Platz für etwaige Anmerkungen.
Das sind die Informationen, die mir vor dem Test vorliegen. Auf der nächsten Seite folgt
dann eine Art Nachbericht – eine möglichst genaue Schilderung der
Ereignisse (soweit ich mich eben erinnere) inklusive Uhrzeiten und
Ortsangaben, bis hin zur Zimmernummer. Meine Arbeit ist eine Arbeit
wie jede andere, und wenn ich professionell auftreten will, muss
ich sie entsprechend ernst nehmen.
Außerdem kann man nie wissen, ob sich diverse
Informationen nicht später noch als nützlich erweisen.
Wie zum Beispiel im vorliegenden Fall.
»Ist er das, dieser Raymond Jacobs?«, wollte Zoë
wissen und deutete auf das Foto, das ich mit einer Heftklammer an
der Innenseite des Deckblattes befestigt hatte.
Ich betrachtete das Gesicht auf dem Foto und
schauderte unwillkürlich, als ich seinen stechenden Blick auf mir
ruhen fühlte. Genau so hatte er mich angesehen, als ich ihm in
seinem Büro gegenübergesessen hatte. Mit diesem Ausdruck tiefster
Befriedigung, weil er wusste, dass er mich in der Hand hatte. Dass
ich ihm hilflos ausgeliefert war.
Doch bald würde sich das Blatt wenden.
Jedenfalls hoffte ich das.
Ich überblätterte die zahlreichen Artikel, die ich
über Raymond Jacobs, Kelen Industries und die Automobilindustrie
allgemein gesammelt hatte, bis ich schließlich fand, wonach ich
suchte.
Auf die Rückseite des Lebenslaufes hefte ich meist
ein paar lose Zettel – die Stichworte, die ich mir während des
Erstgesprächs mit der Auftraggeberin notiere, während sie mir ihre
nur allzu vertraute Geschichte erzählt. Das Rohmaterial sozusagen,
aus dem ich dann die erforderlichen Informationen für den
Lebenslauf filtere.
Und hier auf diesen Zetteln befanden sich die zwei
Zeilen kaum leserlichen Gekritzels, nach denen ich so fieberhaft
gesucht hatte. Ein winzigkleines Detail, das – für sich betrachtet
– unwichtig erscheinen mochte. In dem richtigen Kontext jedoch war
genau das Gegenteil der Fall.
Mir geisterte eine Bemerkung durch den Kopf, die
Anne Jacobs gegen Ende unseres ersten Meetings hatte fallen lassen.
Wir waren schon auf dem Weg zur Tür gewesen, da hatte sie mich um
Diskretion gebeten.
»Eines noch«, hatte sie
gesagt. »Ich möchte Sie bitten, absolutes
Stillschweigen zu bewahren. Der Ruf meines Mannes ist fast
genauso wichtig wie der Ruf der Motoren, die seine Firma
produziert.«
Ich war stehen geblieben, hatte meine Mappe noch
einmal aufgeschlagen und mir ein paar letzte Worte notiert.
»Selbstverständlich«, hatte
ich erwidert. »Ich hab’s mir aufgeschrieben.
Und ich versichere Ihnen, Verschwiegenheit ist für mich oberstes
Gebot. So, wie ich von meinen Klienten erwarte, mit meinen
Kontaktdaten diskret umzugehen.«
»Was zum Geier soll das heißen?«, fragte Zoë, die
sich, über meine Schulter gebeugt, vergeblich bemühte, meine
Handschrift zu entziffern. Ich blickte auf die Mappe in meinen
Händen. Da stand es, schwarz auf weiß, genau wie ich es in
Erinnerung gehabt hatte: Streng vertraulich.
Ruf des Testobjekts hat oberste Priorität.
Ich klappte die Akte zu und schenkte Zoë ein
zuversichtliches Lächeln. »Das heißt, er hat eine Menge zu
verlieren.«
»Aha«, sagte sie etwas enttäuscht. Das Ganze
entsprach wohl nicht gerade den Da-Vinci-Code-ähnlichen Szenen, auf
die sie gehofft hatte. Ich erhob mich und schob die Schublade mit
der Ferse zu. »Und seine Frau weiß genau, wie viel das ist.«
Nachdem Zoë gegangen war, schlug ich noch einmal
die Akte auf und wählte bedächtig die unter der Rubrik
»Klientendaten« notierte Telefonnummer. Ich hoffte inständig, dass
Anne Jacobs meinen Anruf überhaupt entgegennehmen würde, nach
allem, was sie im vergangenen Monat erlebt hatte.
»Hallo?«, tönte es fröhlich und beschwingt aus dem
Hörer.
Ich dagegen konnte meine Nervosität nicht
verhehlen. »Guten Tag!« Meine Stimme klang schrill. Ich räusperte
mich. »Ähm, guten Tag … Mrs. Jacobs?«
»Am Apparat.«
»Hallo … Äh … Ashlyn hier.« Mein zweifelnder
Tonfall implizierte schon, dass ich mich fragte, ob sie sich an
mich erinnerte, beziehungsweise ob sie überhaupt mit mir sprechen
wollte.
Es entstand eine lange Pause. Bestimmt würde sie
gleich auflegen – oder dachte jedenfalls ernsthaft darüber nach.
Ich sah auf die Uhr über meinem Backofen und fühlte mich sehr
unwohl in meiner Haut.
Also fuhr ich fort: »Ich hoffe, Sie wissen noch,
wer ich bin. Wir … ähm … Nun, ich, äh …« Lieber Himmel, war das
schwierig. »Sie hatten mich damit beauftragt, Ihren …«
»Ich erinnere mich«, unterbrach sie mich, als
wollte sie den Rest des Satzes lieber nicht hören. »Was kann ich
für Sie tun?« Ihre Gute-Laune-Stimme war offenbar für erfreulichere
Anlässe reserviert.
Ich holte tief Luft. Okay.
Augen zu und durch. »Oh, gut, Sie wissen es noch!«, flötete ich
in dem Versuch, ihre anfängliche Beschwingtheit zu imitieren.
»Wie sollte ich Sie wohl vergessen.«
»Äh, ja.« Ich kratzte mich an der Nasenspitze.
»Mrs. Jacobs, normalerw …«
»Lapelle«, korrigierte sie mich. »Ich habe wieder
meinen Mädchennamen angenommen.«
Schluck. »Verstehe.«
Das war aber ganz schön flott
gegangen.
»Was wollten Sie gerade sagen?«
Hörte ich da einen vorwurfsvollen Unterton heraus?
Ich habe wieder meinen Mädchennamen
angenommen … und daran sind nur Sie schuld!
Aber vielleicht ging auch bloß meine Fantasie mit mir durch.
»Ach, ja. Ich wollte sagen, dass ich, sobald der …
der Auftrag abgeschlossen ist, normalerweise keinen Kontakt mehr zu
meinen Klienten aufnehme, aber in diesem Fall … äh …
gibt es ein paar … nun …« Ich brach ab und kam mir dämlich vor,
wie ich da herumstotterte. Also noch mal von vorn.
»Hören Sie«, fuhr Anne ungeduldig dazwischen. »Ich
habe nicht viel Zeit. Ich sollte schon längst …«
»Ich benötige Ihre Hilfe«, platzte ich verzweifelt
heraus.
Es entstand eine weitere Pause, so lange, dass ich
schon fürchtete, sie hätte womöglich den Hörer neben das Telefon
gelegt und sich davongeschlichen. »Hallo?«, fragte ich
vorsichtig.
»Ich gebe Ihnen fünf Minuten«, sagte sie knapp.
Unversöhnlich.
»Danke.«
Wir vereinbarten ein Treffen bei ihr zu Hause für
den darauffolgenden Vormittag. Ihre kühle Reaktion überraschte mich
ein wenig, nachdem sie bei unserer letzten Begegnung noch so
freundlich aufgetreten war. Aber ich schätze, wenn erst die
Konsequenzen abzusehen sind, wenn die Scheidungsanwälte ihre
schwarze Magie praktizieren und man sich der Verletzungen bewusst
wird, ist es nur natürlich, dass die Sympathien für mich
schwinden.
Ich konnte es ihr nicht verdenken, im Gegenteil.
Inzwischen erwartete ich schon förmlich, dass sich die Frauen, die
ich unter diesen besonderen Umständen kennengelernt hatte, mir
gegenüber kühl und distanziert verhielten. Meist ist das nur ein
Abwehrmechanismus. Ich finde es wirklich mehr als verständlich,
wenn meine Auftraggeberinnen nicht die geringste Lust haben, mir
gegenüber ein herzliches Benehmen an den Tag zu legen.
Zugegeben, Anne hatte mich von
sich aus angerufen und um Hilfe gebeten. Aber so läuft das
eben. Das gehört zu meinem Job – oder vielmehr gehörte, als es noch
mein Job war, Männer zu testen. Gehasst zu werden – selbst von dem
Menschen, den man gerettet hat – das war schon immer Teil
der Stellenbeschreibung. Das ist wohl der große Unterschied
zwischen mir und Superman. Wer von Superman aus einem einstürzenden
Gebäude oder aus einem trudelnden Flugzeug geholt wird, der ist ihm
ewig dankbar. Doch die Frauen, die ich aus zerrütteten Ehen oder
gescheiterten Beziehungen »befreie«, sehen die Sache zuweilen ganz
anders. Anne Jacobs gehörte wohl auch zu diesen
Kandidatinnen.
»Ashlyn«, sagte Anne, als ich tags darauf Punkt
elf vor ihrer Tür stand. Es klang distanziert und war eher eine
Feststellung als eine Begrüßung. Ich folgte ihr ins Wohnzimmer, wo
sie mich auf demselben Sofa Platz nehmen hieß wie vor etwas mehr
als einem Monat, als ich unter völlig anderen Umständen gekommen
war. Als diese ganze Sache ihren Anfang genommen hatte. Als sich
die Spione ihres Ehemannes draußen vor der Tür mein Autokennzeichen
notiert hatten.
Ich setzte mich und sah mich um. Der Raum hatte
sich auf den ersten Blick nicht verändert. Alles sah mehr oder
weniger gleich aus, abgesehen von der Tatsache, dass ein paar
Topfpflanzen wegen der Sonneneinstrahlung etwas gedreht worden
waren und ein Bild an einer anderen Wand hing, wohl, um ein etwas
fröhlicheres Ambiente zu erschaffen. Doch im Großen und Ganzen war
alles beim Alten geblieben, dasselbe Wohnzimmer, dasselbe Haus. Und
die Frau, die da auf ihrem angestammten Platz – auf dem Sofa
gegenüber von mir – saß, war dieselbe wie bei unseren letzten
beiden Begegnungen.
Und doch fühlte es sich ganz anders an, als ich nun
in ihr ausdrucksloses Gesicht blickte.
Es lag nicht nur an der offensichtlichen
Machtverschiebung. Jetzt war ich es ja, die
sie um Hilfe bat, um Mitgefühl.
Es herrschte eine gewisse Leere im Raum, ein
spürbares Vakuum.
Da erst stachen mir die Fotos auf dem Tisch ins
Auge.
Dieselben Fotos, die ich beim letzten Mal
verzweifelt zu ignorieren versucht hatte, weil sie zu viel
verrieten. Weil sie Details enthüllten, die ich nicht wissen wollte
und nicht wissen musste.
Vor einem Monat hatten die gerahmten Bilder noch
fünf Menschen gezeigt. Fünf scheinbar glückliche Gesichter. Nun
waren es nur noch vier. Anne und ihre drei Söhne, alle unter zehn,
wie es aussah. Es war, als hätte jemand einen Radiergummi genommen
und das fünfte Gesicht einfach ausradiert, jeden Hinweis auf
ihn gründlich entfernt.
In diesem Augenblick bemerkte ich auch, dass Annes
linker Ringfinger leer war.
So sehr ich mich bemühte, die Veränderungen zu
ignorieren, es hatte keinen Sinn.
Hier war sie, die Tatsache, die ich nicht hatte
erfahren wollen, die Antwort auf die Frage, die ich nicht zu
stellen gewagt hatte. Unübersehbar, nicht zu ignorieren.
Ich musste daran denken, wie uns unsere
Grundschullehrer eingeschärft hatten, ausschließlich mit Bleistift
zu schreiben. Kugelschreiber waren strengstens verboten, denn wenn
man sich damit verschreibt, ist nichts mehr zu machen. Dann lässt
sich der Fehler nicht mehr beheben. Dann kann man das falsch
geschriebene Wort, das spiegelverkehrte R
nur noch durchstreichen. Zurück bleibt ein unschöner Fleck, ein
Beweis für die Tatsache, dass man gepatzt hat. Und alle können den
Patzer sehen.
Bleistift dagegen ist unbeständig. Wandelbar.
Nachgiebig. Jedenfalls haben unsere Lehrer das behauptet. Man
verschreibt sich, radiert und schreibt weiter, als wäre es nie
geschehen. Keine hässlichen Kugelschreiberflecken. Bleistift lässt
sich quasi unsichtbar machen.
In meinen Augen war das immer schon totaler
Quatsch. Wie oft hatte ich an meinem Schreibtisch gesessen und
versucht,
mit meinem Radiergummi einen Fehler rückgängig zu machen. Doch so
sehr ich mich auch bemühte, so kräftig ich die entsprechende Stelle
mit dem Radierer bearbeitete und dabei haufenweise kleine rosarote
Krümel produzierte, stets hinterließ mein Bleistift Spuren. Das
fehlerhafte Wort oder das verkehrte R war
trotz allem noch zu erahnen.
Ganz auslöschen ließ es sich nie.
Stets lugte es noch hinter dem korrigierten Wort
oder Buchstaben hervor.
Und schon damals habe ich immer gedacht: Der hässliche Kugelschreiberfleck ist wenigstens
ehrlich.
Auch hier, in Mrs. Jacobs Wohnzimmer, waren Spuren
zu erkennen. Unleugbar, unauslöschlich. Man sah es an den
Gesichtern ihrer drei Kinder, an den umgedrehten Gummibäumen, an
dem umgehängten Kunstwerk an der Wand. Und vor allem an ihrer
linken Hand, an der vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein
schwerer Diamantring gesteckt hatte. So schwer, dass ihr abends
manchmal der Finger lahm geworden war, doch sie hatte sich nie
darüber beschwert. Wie leicht sich diese Hand nun anfühlen
musste.
Erst jetzt begriff ich wirklich, warum ich mit
meinen Auftraggeberinnen keinen weiteren Kontakt pflegte. Es war
reiner Selbstschutz. Im Laufe der Zeit hätte ich mir unbewusst das
Gewicht all dieser Diamantringe, Fotos, Gesichter aufgeladen, und
die Last wäre viel zu schwer für mich gewesen.
Ich konnte mir noch so oft in Erinnerung rufen,
dass mich keine Schuld traf, dass ich diesen Frauen vielmehr ein
Geschenk machte, das vielen anderen verwehrt bleibt. Als ich Anne
nun in die Augen sah, wusste ich, dass sie mir zwar, realistisch
gesehen, keinen Vorwurf machen konnte, aber aus ihrer Sicht war das
natürlich trotzdem naheliegend. Ich war der Sündenbock, und das
würde ich auch in den kommenden Jahren bleiben … oder länger.
»Worüber wollten Sie mit mir sprechen?«, fragte sie
höflich, aber unbewegt.
Ich gab mir größte Mühe, ihr abweisendes Verhalten
und ihren vorwurfsvollen Blick zu ignorieren. Außer Anne Jacobs
fiel mir beim besten Willen niemand ein, der mir helfen konnte. Ich
musste zumindest fragen.
Also bückte ich mich, holte aus meiner schwarzen
Lederaktentasche meinen Laptop und klappte ihn auf.
»Ich nehme an, Sie erinnern sich, womit ich mir
meinen Lebensunterhalt verdiene«, sagte ich freundlich, während der
Computer hochfuhr.
Sie nickte. »Wie könnte ich das vergessen.«
Doch während ich ein neues Browserfenster öffnete
und im Verlauf die zuletzt besuchte Seite anklickte, fragte ich
mich unwillkürlich, ob ich eigentlich
selbst genau wusste, womit ich mir meinen Lebensunterhalt
verdiente. Ein Teil von mir wollte die Arbeit wieder aufnehmen, die
Mission fortsetzen. Genau da weitermachen, wo ich aufgehört hatte,
als wäre ich nie weg gewesen. Mistkerle wie Jamie Richards
lieferten jedenfalls schlagkräftige Argumente für diese Option. Und
diese nicht eben subtile und sehr
persönliche Erinnerung daran, dass dieser Typ Mann noch zuhauf dort
draußen herumlief, weckte in mir den Drang, den Kampf umgehend
wieder aufzunehmen.
Aber es gab auch jede Menge Gründe, die dagegen
sprachen.
Die Geheimniskrämerei, die Lügen, die ich den
Menschen, die ich liebte – und allen anderen auch – würde
auftischen müssen.
»Meine Familie weiß von alledem nichts«, sagte ich,
zu Anne gewandt.
Sie beäugte mich misstrauisch. »Kann ich mir
vorstellen.«
Ich drehte den Laptop um und ließ ihr ausreichend
Zeit, zu verarbeiten, was auf dem Bildschirm zu sehen war. »Das hat
Ihr Mann veranlasst, eine Woche, nachdem er beim Treuetest
durchgefallen war«, fügte ich schließlich ausdruckslos hinzu. »Und
er weigert sich, die Domain vom Server zu nehmen.«
Ich verfolgte, wie sie die Seite schweigend
überflog. Schließlich huschte ein boshaftes Lächeln über ihr
Gesicht.
Meine Hoffnung schwand. Sie mokierte sich über
mich, weidete sich an meinem Unglück. Und ich konnte es ihr nicht
einmal übel nehmen, obwohl ich wusste, dass sie mich zu Unrecht für
schuldig hielt.
Es dauert eben, bis ein gebrochenes Herz wieder
heil wird. Am Wichtigsten ist doch, dass es überhaupt heilt.
Ich nickte resigniert, während ich bedächtig meinen
Laptop zuklappte und wieder in der Tasche verstaute. »Dann will ich
mal nicht länger stören. Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit
verschwendet habe.«
Ich schulterte meine Handtasche und erhob mich.
Hätte ich mir eigentlich denken können, dass meine Chancen schlecht
standen.
»Warten Sie.«
Ich drehte mich um. »Ja?«
»Sie haben mir noch nicht gesagt, was Sie wollen.«
Ihr Tonfall verriet nichts. Er war nach wie vor unbeteiligt und
reserviert.
Trotzdem schöpfte ich neue Hoffnung. »Nun …« Ich
stand unbeholfen da, mitten in ihrem Wohnzimmer. »Ich habe nichts
gegen ihn in der Hand. Keine Möglichkeit, zu verhandeln. Ich weiß
nur, dass Sie sagten, Mr. Jacobs Ruf sei von größter Wichtigkeit,
und da dachte ich …« Ich verstummte in der Hoffnung, sie würde
begreifen, worauf ich hinauswollte, ohne dass ich es aussprechen
musste: Ich brauche ein Druckmittel.
»Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, was Sie von
mir erwarten.« Sie warf mir einen leeren Blick zu, als hätte die
vorangegangene Unterhaltung nie stattgefunden.
War das nun mein Stichwort zu gehen? Ich trat
verlegen von einem Fuß auf den anderen.
Unentschlossen öffnete ich den Mund, obwohl ich
nicht recht wusste, was ich als Nächstes sagen sollte. Sofern ich
überhaupt etwas herausbrachte. Aber noch ehe ich mich gesammelt und
mir einen Satzanfang zurechtgelegt hatte, der zur Abwechslung nicht
– wie alle anderen in den vergangenen zwei Tagen – aus einem »Ähm«
bestand, bildete sich ein Lächeln auf Anne Jacobs Lippen. Ein
fieses, hinterhältiges Lächeln, wie man es von den bösen Hexen und
Zauberern aus Kinderfilmen kennt.
»Aber ich habe da etwas, das Sie interessieren
könnte«, verkündete sie schließlich.