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Die Entstehung der Arten
(Teil 2)
Als ich zwölf Jahre alt war, verwandelte sich
mein Vater für mich in einen Fremden.
Eine Nacht, ein kurzer Moment, ein Blick in die
falsche Richtung hatten meine Gefühle ihm gegenüber für immer
verändert.
Damals war mir nicht ganz klar gewesen, was ich
gesehen hatte, oder was es genau bedeutete. Es war auch nicht so,
als hätte ich in dem Moment, in dem ich meinen Vater mit meiner
zweiundzwanzigjährigen Babysitterin beobachtet hatte, bewusst die
Entscheidung getroffen, Dad gegenüber anders zu empfinden. Doch als
ich tags darauf erwachte (nachdem ich mich lange schlaflos im Bett
hin und her gewälzt hatte, ehe ich endlich eingeschlafen war) und
das Bild noch immer ganz frisch war, als würde die Szene wieder und
wieder vor meinem inneren Auge ablaufen, da veränderte sich etwas
in mir.
Als wir zum Flughafen fuhren, um Mom abzuholen,
sagte ich die ganze Fahrt lang kein einziges Wort. Nicht etwa weil
ich mir vorgenommen hatte, wütend auf ihn zu sein – zu derart
komplexen Gefühlen oder Entscheidungen wäre ich gar nicht fähig
gewesen -, sondern weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Ich fürchtete, auch nur ein
einziges Wort aus
meinem Mund könnte mit einer wahren Flut enden... und mit Tränen,
vielen, vielen Tränen.
»Stimmt etwas nicht?«, wollte Dad wissen, als wir
schließlich auf die Ankunftshalle des Flughafens zusteuerten.
Ich schüttelte den Kopf und starrte angestrengt aus
dem Fenster auf die vorbeigleitenden Autos und Reisenden aus aller
Welt.
Noch heute habe ich deutlich die Ankunft- und Abflug-Schilder
über uns vor Augen. Ich weiß noch haargenau, wie ich auf dem
Beifahrersitz saß und meine ganze Aufmerksamkeit auf die Welt
jenseits des Fensters richtete. Wie mir vor dem Erscheinen meiner
Mutter graute und davor, was danach kommen würde. Vor den
Entscheidungen, die ich würde treffen müssen, den Pflichten, von
denen ich nicht wusste, ob ich sie würde erfüllen können. Ich
wünschte mir verzweifelt einen Ausweg. Wünschte, ich könnte in das
glorreiche Abflug-Reich flüchten, nach
Hongkong fliegen oder nach Tahiti oder in irgendein anderes Land
weit, weit weg, und nie wieder zurückkehren.
»Du bist so still«, bemerkte Dad.
Ich zuckte bloß die Achseln.
Er parkte in der Haltezone vor dem Ankunftsbereich,
spähte zum Ausgang auf der Suche nach ihrem vertrauten Gesicht, sah
auf die Uhr. »Wir sind ein bisschen zu früh dran.«
Ich starrte weiter aus dem Fenster, wagte es nicht,
seine Existenz zur Kenntnis zu nehmen.
»Weißt du, Jen«, brach er schließlich das
Schweigen, »es gibt Dinge, die man gern sagen möchte, aber es fällt
einem schwer, sie auszusprechen.«
Ich reagierte nicht. Tränen brannten mir hinter den
Lidern. Ich blinzelte sie weg.
»Und es gibt Dinge, die wir gern sagen möchten,
vermutlich aber lieber für uns behalten sollten«, fuhr er
fort.
Ich fuhr herum, mein Gesicht erfüllt mit Fragen,
die auf ewig unbeantwortet bleiben würden. Wusste er Bescheid?
Hatte er mich gesehen? Ich rief mir jedes Detail dieser
schrecklichen Nacht in Erinnerung. Gesehen konnte er mich nicht
haben, davon war ich überzeugt. Dafür hatte ich gesorgt. Aber hatte
er mich womöglich gehört?
»Was meinst du damit?« Ich bemühte mich um einen
desinteressierten, reservierten Tonfall, um mir meine Verwirrung
nicht anmerken zu lassen.
Mein Dad wählte seine nächsten Worte sehr
sorgfältig, als würde er im Geiste in einem Synonymlexikon
blättern. »Ich meine damit, dass es besser ist, wenn manches
ungesagt bleibt.«
»Warum?«, hakte ich nach. Es klang beinahe
aufsässig.
Ich zuckte instinktiv zurück, als er den Arm
ausstreckte, um mir über die Wange zu streichen. Er versuchte, es
mit einem unbekümmerten Schmunzeln abzutun und ließ die Hand auf
den Schaltknüppel sinken. »Aus verschiedenen Gründen«, sagte er mit
einem beiläufigen Schulterzucken, als wäre ihm egal, ob ich zuhörte
oder nicht. »Zum Beispiel, wenn man weiß, dass die Wahrheit
jemandem wehtun würde.«
Ich zupfte nachdenklich an meiner Unterlippe,
versuchte, seine Worte zu verarbeiten und zugleich herauszufinden,
ob sich dahinter vielleicht eine heimliche Absicht verbarg. Mein
zwölf Jahre altes Gehirn war mit dieser Aufgabe völlig
überfordert.
Dad drehte sich zur Seite und sah mir in die Augen.
»Vor allem, wenn man diesen Menschen liebt«, fügte er mahnend
hinzu.
Rasch wandte ich mich ab. Was hätte ich dafür
gegeben, seine Gedanken lesen zu können, seine Erinnerungen
durchblättern zu können wie eine Schachtel Karteikarten. Aber dafür
blieb mir keine Zeit. Schon sah ich meine Mutter aus
dem Terminal kommen und zum Wagen eilen. Ich befreite mich ohne
ein weiteres Wort vom Sicherheitsgurt und kletterte auf den
Rücksitz.
Mein Dad sah geradeaus, als wäre nichts geschehen.
Als hätten wir uns lediglich über die gestrige Folge von Doogie Howser, M.D. unterhalten und das Gespräch
soeben beendet.
Beendet war es allerdings noch lange nicht, denn im
Geiste ging ich es wieder und wieder durch, suchte nach Hinweisen,
Schlüsselwörtern, ungewöhnlichen Details. Nichts. Zurück blieb das
vage Gefühl, dass die Worte meines Vaters wohl nichts weiter
gewesen waren als ein wahllos erteilter väterlicher Ratschlag – zu
einem denkbar unpassenden Zeitpunkt.
Schon ging die hintere Tür auf, und das runde,
fröhliche Gesicht meiner Mutter erschien, um mich auf die Wange zu
küssen. Dann öffnete sie die Beifahrertür, setzte sich, griff nach
hinten und legte mir zärtlich die Hand aufs Knie.
»Na, wie war’s? Alles okay?«, erkundigte sie sich
gut gelaunt. Glücklich. Unschuldig. Ihre Ahnungslosigkeit schmerzte
mir in der Brust wie ein Messerstich.
Ich lächelte sie an. »Ja, alles bestens.«
Und im selben Augenblick löste sich meine
Verwirrung in Luft auf. Plötzlich ergab alles, was mein Vater
gesagt hatte, einen Sinn. Warum sollte ich absichtlich jemandem
wehtun, den ich liebte? Oder, was noch wichtiger war: jemandem, der
mich liebte – bedingungslos?
Die Antwort lautete: Ich würde es nicht tun.
In diesem Moment fasste ich einen Entschluss: Ich
würde nie ein Wort darüber verlieren. Weder meiner Mom noch meinem
Dad noch Julia gegenüber. Noch nicht einmal Sophie, die doch meine
beste Freundin war, würde ich einweihen. Und je länger ich
Stillschweigen bewahrte, desto einfacher würde es werden, mir
einzureden, dass es gar nicht
geschehen war. Und je mehr ich mir das einredete, desto einfacher
würde es werden, mich nicht damit auseinanderzusetzen. Es nicht zu
analysieren. Es mir nicht doch noch einmal anders zu überlegen,
obwohl mich mein Verstand dazu drängte. Auf diese Weise würde mein
Leben einfach weitergehen. Unterhaltungen mit Sophie über Jungs,
Klagen über das fehlende eigene Telefon, der köstliche Reiz des
Verbotenen, wenn ich gegen den Willen meiner Mutter Lippenstift und
Lidschatten trug.
Dabei war mir eines nicht bewusst, als ich die
naive Entscheidung traf, das Geheimnis in einen Tresor zu sperren,
für dessen Schloss es keine Kombination gab: dass mein Leben gar
nicht »einfach weitergehen« konnte.
Dass ich zwar weiter über Jungs und Make-up und
mein eigenes Telefon reden konnte, aber nichts mehr dabei empfinden
würde. Nie wieder würde ich die Unschuld eines Kindes an der
Schwelle zum Teenager verspüren. Mit fünfzehn, sechzehn, siebzehn
würde ich mit Jungs ausgehen, sie küssen, sogar meinen Körper mit
ihnen teilen, aber ich würde sie nicht lieben. Ich würde keinen von
ihnen an mich heranlassen. Jedenfalls nicht so, wie ich es gern
getan hätte. Nicht so wie Sophie es tat.
Mein Leben als Attrappe hatte begonnen.
Als Mom von ihrem Besuch bei ihren Eltern in
Chicago zurückkam, diente sie mir als Schutzschild. Solange sie da
war, musste ich nicht mit meinem Dad allein sein. Ich musste nicht
schweigend neben ihm sitzen und der Versuchung widerstehen, ihm die
Fragen zu stellen, die mir ständig auf der Zunge brannten:
Warum?
Warum küsst du eine andere Frau, wenn du Mom hast?
Warum hast du nur darauf gewartet, bis sie weg war, um es zu tun?
Warum liebst du sie nicht so, wie es sich gehört?
All diese Fragen liefen im Endeffekt auf das
grundlegende,
unlösbare Rätsel hinaus: Warum betrügt man
einen Menschen, den man liebt?
Die Scheidung kam, als ich fünfundzwanzig war,
nachdem Mom herausgefunden hatte, dass Dad sie seit mehreren
Monaten mit einer seiner Bürokolleginnen betrog.
Wie sie dahinterkam, weiß
ich nicht, ich habe nie danach gefragt, weil ich nicht sicher war,
ob ich mit diesem Detail würde umgehen können. Seltsam, wenn man
bedenkt, was für eine Last ich all die Jahre getragen hatte. Man
möchte meinen, da dürfte eine klitzekleine Zusatzinformation keinen
großen Unterschied mehr machen. Doch es verhielt sich genau
umgekehrt – wenn ich auch nur eine einzige zusätzliche Einzelheit
über die gescheiterte Ehe meiner Eltern verarbeiten musste, würde
mir das den Rest geben. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum
Überlaufen bringt.
Aber egal, wie es dazu kam – Mom fand heraus, dass
er eine Geliebte hatte, und sie verließ ihn.
Es wäre die Untertreibung des Jahrhunderts zu
sagen, dass ich erleichtert war. Ungefähr so, als würde man nach
Tagen mitten in der Wüste sagen: »Ich habe Durst.« Es lässt sich
nicht mit Worten ausdrücken, wie erleichtert ich war.
Eines Tages hatte sie vor der Tür des winzigen
Einzimmerapartments gestanden, in dem ich damals wohnte, und hatte
geschluchzt: »Setz dich, Jennifer. Ich muss mit dir reden.«
Ich war alarmiert, denn sie kam selten allein zu
Besuch.
»Dein Vater und ich sind zu dem Schluss gekommen,
dass unsere Ehe nicht mehr funktioniert. Wir finden, es ist das
Beste, wenn wir uns scheiden lassen«, eröffnete sie mir.
Meine Tränen waren echt, auch wenn es sich nicht,
wie meine Mutter annahm, um die Tränen eines Kindes handelte,
dessen Familie soeben zerbrochen war. Es waren Tränen der Freude
und vor allem Tränen der Erleichterung über meine
Befreiung, nach den langen Jahren der Gefangenschaft in einem
zerfallenden Zuhause.
»Warum?«, fragte ich neugierig, erwartungsvoll.
Obwohl – oder besser, weil – ich die Antwort bereits kannte.
Sie zog die Nase hoch, legte mir die Hand auf die
Wange. Ich sah, wie sie mit sich rang, versuchte, stark zu bleiben
für ihre Tochter, die unmöglich die Komplikationen einer wegen
Ehebruchs gescheiterten Beziehung nachvollziehen konnte. »Ich will
ganz ehrlich zu dir sein, Jen. Dein Vater war mir untreu.« Sie
schluckte schwer, versuchte, ihren Mut und ihre Fassung
wiederzufinden. »Und zwar schon eine ganze Weile. Er hat es mir
gestanden, als ich ihn deswegen zur Rede gestellt habe.«
Jetzt musste ich schlucken, ehe ich hervorwürgte:
»Wie lange denn?« Wiederum obwohl ich ziemlich sicher war, dass ich
die Antwort kannte. Aber ich musste wissen, was sie wusste. Musste
herausfinden, wie ehrlich er gewesen war.
»Über zehn Jahre«, sagte sie leise und senkte den
Kopf.
Erneut flossen Tränen. Mom umarmte mich, drückte
mich an sich, streichelte mir das Haar wie einem Kleinkind. Genauso
fühlte ich mich seltsamerweise auch. Es war genau die Art von
Trost, die ich brauchte... wenn auch dreizehn Jahre zu spät.
Ich wusste, jetzt war meine Chance gekommen. Die
Chance, ihr alles zu erzählen. Ein einfaches »Ich weiß« würde
ausreichen, um meine Welt zu ändern. Mein Leben könnte von vorn
beginnen. Ich könnte sogar versuchen, ein wenig von der Kindheit
nachzuholen, die ich an so viele schlaflose Nächte und
unbarmherzige Ängste verloren hatte. Ich machte den Mund auf, im
Begriff, die Worte auszusprechen, die mir Heilung bringen
würden.
Doch meine Mutter kam mir zuvor. »Ich wünschte nur,
ich hätte es schon eher gewusst.«
»Was?« Ich riss in Panik die Augen auf; konnte den
Sinn ihrer Worte nicht einmal ansatzweise erfassen. Damals, mit
zwölf, war es mir als das einzig Sinnvolle erschienen, sie vor der
schmerzlichen Wahrheit zu beschützen. »Manches
bleibt besser ungesagt«, hatte mir mein Vater eingeschärft.
Diese Logik hatte ich als Erwachsene ungefragt übernommen. Ich
hatte mir nie gestattet, meine Entscheidung zu überdenken.
Sie ergriff nachsichtig lächelnd meine Hand. »Dann
hätte ich einen Schlussstrich gezogen und nicht so viele Jahre an
einen Mann verschwendet, der mich hintergeht.«
Und das waren die magischen Worte.
Nicht nur, weil sie mir absolut einleuchtend
erschienen, sondern weil sie das genaue Gegenteil dessen waren, was
mich so lange in die Irre geführt hatte. Und weil sie mir so
einleuchtend erschienen, musste ich die Tresortür wieder schließen.
Wie sollte ich meiner Mutter beibringen, dass ich verantwortlich
war für ihr verpasstes Glück? Meine unreife, naive Entscheidung
hatte sie im wahrsten Sinne des Wortes Jahre ihres Lebens
gekostet.
Die ganze Zeit über hatte ich angenommen, ich würde
sie beschützen, dabei war es mein Vater,
den ich damit schützte. Ausgerechnet der Mensch, den ich
verabscheute, verachtete, hatte von meinem Schweigen
profitiert.
Man kann beim besten Willen nicht von mir erwarten,
dass ich ihm das verzeihe.
Also behielt ich das Geheimnis weiter für mich...
bis zum heutigen Tag.
Danach habe ich jeden Kontakt zu meinem Vater
abgebrochen. Ich musste nicht mehr so tun als ob. Ich hatte die
Wahrheit über ihn erfahren und somit jedes Recht, ihn zu hassen.
Endlich hatte ich hochoffiziell einen Grund, die ganze Wut, die
ganze Feindseligkeit herauszulassen, die sich über Jahre hinweg in
mir aufgestaut hatte.
In den darauffolgenden drei Jahren versuchte mein
Dad vergeblich, Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich beantwortete keine
E-Mails, rief ihn nicht zurück, saß im dunklen Wohnzimmer und tat,
als wäre ich nicht zu Hause, wann immer er vorbeikam, um mich zu
besuchen.
Ich wollte nichts mit ihm zu tun haben.
Nun stellte sich wenigstens nicht mehr die Frage,
weshalb.