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Die
Marionettenspielerin
Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis
Karen Richards anrufen würde, um zu erfahren, wie ihr Göttergatte
bei seinem Treuetest abgeschnitten hatte, beziehungsweise, weshalb
er früher als erwartet von seiner Geschäftsreise zurückgekehrt
war.
Daher rechnete ich fest damit, sie an der Strippe
zu haben, als am Freitagmorgen mein Treo klingelte, während ich
mich noch an meinem triumphalen Sieg über Raymond Jacobs
erfreute.
Ich nahm das Telefon vom Ladegerät auf dem
Nachttisch, drückte auf »Anruf annehmen« und flötete fröhlich:
»Hallo?«
»Hallo, Ashlyn?« Eine sympathisch klingende
Frauenstimme, die mir vage bekannt vorkam. Eines stand fest: Es war
nicht Karen Richards. Ihre Stimme hätte ich im Schlaf erkannt, ob
ich wollte oder nicht.
»Darf ich fragen, worum es geht?«
Schweigen am anderen Ende. »Ähm … hier ist Lauren
Ireland. Sie erinnern sich vielleicht …«
Ich verzog das Gesicht. Und ob ich mich erinnerte.
Sie hatte mir fast den Kopf abgerissen. Nicht, dass ich es ihr
übel nahm. Es war zweifellos ein ziemlicher Schock für sie
gewesen, dass ihr Vater mich hinter ihrem Rücken engagiert hatte.
Die Frage war wohl weniger, ob ich mich erinnerte, sondern
vielmehr, warum zum Geier ausgerechnet sie mich anrief.
»Ja, ich erinnere mich«, entgegnete ich
argwöhnisch. Konnte ja durchaus sein, dass ihr noch ein paar
hübsche Schimpfnamen für mich eingefallen waren oder, schlimmer
noch, dass sie mir Vorhaltungen wegen der geplatzten Hochzeit oder
den abgesagten Flitterwochen auf den Fidschiinseln machen wollte.
Ich legte vorsichtshalber schon mal den Finger auf die »Anruf
beenden«-Taste.
»Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich Sie
kontaktiere. Ich habe Ihre Nummer auf dem Schreibtisch meines
Vaters gefunden. Er hat keine Ahnung, dass ich Sie anrufe.«
»Kein Problem.« Ich wusste selbst nicht so recht,
ob ich das ernst meinte.
Sie holte tief Luft. »Also, zunächst möchte ich
mich für meinen Auftritt im Büro meines Vaters vor ein paar Wochen
entschuldigen. Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich
normalerweise nicht so benehme. Ich war bloß so durch den Wind, als
ich hörte, dass Parker … Nun, ich war jedenfalls sehr
überrascht.«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Miss
Ireland.«
»Bitte nennen Sie mich Lauren.«
»Schon gut, Lauren. Glauben Sie mir, ich habe schon
weitaus Schlimmeres gehört.«
Sie lachte nervös. »Kann ich mir vorstellen.«
Es entstand eine verlegene Pause. Erwartete sie,
dass ich etwas sagte? Wollte sie mich bloß um Verzeihung bitten
oder steckte noch etwas anderes dahinter?
»Ich rufe an, weil …«
Okay, es gab also noch einen anderen Grund.
»… weil ich Sie fragen wollte, ob Sie bereit wären,
sich mit mir zu treffen. Auf einen Kaffee oder so.«
Ich trat von einem Fuß auf den anderen und setzte
mich schließlich auf die Bettkante. Sie treffen? Das kam so gut wie
nie vor. Wozu auch? Wollte sie sich etwa mit mir anfreunden? Mit
der Frau, die ihre Hochzeit verhindert hatte? Das schien mir doch
etwas weither geholt.
»Lauren, das ist wirklich nicht nötig, falls es
Ihnen nur darum geht, sich bei mir zu entschuldigen. Ich habe
vollstes Verständnis für Ihre Reaktion, und ich nehme sie Ihnen
auch nicht weiter übel.«
»Ehrlich gesagt, geht es um etwas ganz
anderes.«
Jetzt war doch meine Neugier geweckt. »Und zwar?«,
fragte ich so höflich wie möglich. Nach meinen Erfahrungen mit
Raymond Jacobs hatte ich keine Lust auf weitere unangenehme
Überraschungen.
»Das würde ich gerne persönlich mit Ihnen
besprechen, wenn es Ihnen recht ist. Ich verspreche, es dauert
maximal eine Stunde.«
Mein erster Gedanke war: Das
ist eine Falle. Ein Hinterhalt. Womöglich wollte sie mich in
einen dunklen Keller oder auf einen verlassenen Spielplatz locken
und dort mit zehn ihrer kräftigsten Freundinnen über mich
herfallen. Doch nein, dafür klang ihre Stimme zu … aufrichtig. Zu
bescheiden. Beinahe verzweifelt, als würde sie Rat suchen. Tja, ich
war im Moment wirklich die Letzte, die großartig Ratschläge
austeilen sollte, aber es konnte nicht schaden, ihrer Bitte
nachzukommen. Schließlich hatte ich dieser Tage sonst nichts zu
tun, und ich würde wohl kaum anfangen, zu stricken.
Also sagte ich zu.
Zu meiner Erleichterung schlug sie als Treffpunkt
weder einen verlassenen Spielplatz noch irgendeine finstere Gasse
vor, sondern ein Kaffee in Santa Monica.
»Kennen Sie das 18th Street Café?«
Ich lächelte. »Ja. Hübsch dort.«
Wir verabredeten uns für den darauffolgenden Abend.
Gleich nachdem ich aufgelegt hatte, fragte ich mich, ob ich es
nicht doch bereuen würde, doch dann kam ich zu dem Schluss, dass
mir zurzeit jede Ablenkung recht sein sollte. Denn so ungern ich es
mir auch eingestand, ich fand es praktisch unmöglich, nicht ständig
an Jamie zu denken. Ganz, ganz tief in meinem Hinterkopf fragte
eine leise Stimme, warum ich noch nichts von ihm gehört hatte.
Zumal er doch derjenige war, der im Unrecht war.
Zugegeben, die Karte in meiner Handtasche … Ich
konnte mir lebhaft vorstellen, wie das für ihn ausgesehen haben
musste, vor allem nach der seltsamen Begebenheit damals im
Sushi-Restaurant, als beinahe alles herausgekommen wäre.
Aber er könnte doch zumindest anrufen oder eine
E-Mail schicken und fragen, ob ich gut zurückgekommen war,
oder?
Er hatte mich einfach sitzen lassen, in einem
fremden Land.
Okay, ich war es gewesen, die gegangen war.
Trotzdem ertappte ich mich von Zeit zu Zeit dabei, dass ich
unwillkürlich und wider besseres Wissen sehnsüchtig zum Telefon
sah. Trotzdem hörte ich immer wieder meine Mailbox ab, und das,
obwohl mein Handy hartnäckig keine neuen Nachrichten
anzeigte.
Ich hasste mich dafür, und ich hasste ihn, diesen
stinkenden, verlogenen Bastard, weil ich mich doch tatsächlich
fragte, ob er wohl jemals zum Telefon greifen und mich anrufen
würde.
Und dann war da natürlich noch die andere Frage:
War er überhaupt ein stinkender, verlogener Bastard?
Ganz zu schweigen von der Frage, was ich seiner
Frau sagen sollte.
Meine Dienste waren stets sehr klar definiert
gewesen: Ich wies die Absicht zu betrügen nach. Zeigte die Tendenz
zur Untreue auf. Zog unmittelbar vor dem Verkehr die Notbremse. Das
waren die Regeln. Seit jeher.
Gleiches Recht für alle. Jedes meiner Testobjekte
bekam dieselbe Bis-zur-letzten-Minute-Behandlung. Nüchtern
betrachtet, hatte Jamie den Test also bestanden.
Sollte ich Karen Howard Richards genau das
erzählen? Dass er unschuldig war?
Oder sollte ich ihr die ganze Wahrheit sagen,
angefangen mit dem Rückflug aus Las Vegas über das Golf-Date und
das Sushi-Restaurant bis hin zu den Flugzeugtüten und Paris? Und
sie dann entscheiden lassen? Sie die Frage beantworten lassen, die
ich nicht beantworten konnte?
Und was, wenn sie gar nicht anrief? Wenn ich nie
wieder von ihr hörte, aus welchem Grund auch immer? Vielleicht war
Jamie ja voller Reue aus Paris zurückgekehrt, hatte seiner Frau
sein Herz ausgeschüttet, und nach seinem Geständnis und einem
offenen Gespräch, gefolgt von leidenschaftlichem Versöhnungssex,
hatten die beiden wieder zueinandergefunden?
Pfff. Wie schön für sie.
Ich hoffe, sie sind sehr
glücklich miteinander.
Dann müsste ich wenigstens mit keinem von beiden je
wieder ein Wort wechseln. So unwahrscheinlich mir dieses Szenario
auch erschien, ich fand es seltsam, dass sich Karen noch nicht
gemeldet hatte. Es war doch anzunehmen, dass Jamie gleich am
nächsten Tag nach Hause geflogen war, zumal sein Auftrag in Paris
mit großer Wahrscheinlichkeit ins Wasser gefallen war und seine
Firma ihn wohl in Los Angeles brauchte. Karen konnte also nicht
entgangen sein, dass er seinen Aufenthalt verkürzt hatte. Warum
hatte sie dann noch nicht nachgefragt, ob er den Test bestanden
hatte?
Die ganze Angelegenheit wurde immer noch
verwirrender als sie ohnehin schon gewesen war, und ich verspürte
nicht das geringste Bedürfnis, der Sache quasi mit einem Teelöffel
auf den Grund zu gehen. Erstens würde es eine Ewigkeit dauern, und
zweitens würde er bestimmt mittendrin abbrechen.
Also schwor ich mir, es gar nicht erst zu
versuchen. Einfach nicht mehr daran zu denken.
Tja, leichter gesagt als getan.
Ich freute mich nicht sonderlich auf das Treffen
mit Lauren Ireland, aber ich hatte auch keine Angst. Sie hatte mich
neugierig gemacht mit ihrer Bitte, denn ich konnte mir beim besten
Willen nicht vorstellen, worüber sie ausgerechnet mit mir reden wollte.
Etwa ein Monat war vergangen, seit ich ihren
Verlobten damals im Hotelzimmer – und am Pokertisch – auf die Probe
gestellt und Lauren und ihren Vater über das negative Ergebnis
informiert hatte. Damals war sie aus allen Wolken gefallen. Sie
hatte nicht nur die Tatsache verdauen müssen, dass sie und Parker
unterschiedlicher Auffassung waren, was bei einem
Junggesellenabschied als »angemessenes« Verhalten galt; obendrein
hatte sie auch noch damit fertig werden müssen, dass ihr Vater eine sogenannte »Treuetesterin« damit
beauftragt hatte, sein Fehlverhalten zu beweisen. Nur sehr wenige
Menschen wissen, dass es so etwas überhaupt gibt.
Aus diesem Grund war ich anfangs misstrauisch
gewesen, hatte befürchtet, sie könnte mir womöglich noch einmal
gründlich die Meinung sagen wollen. Eine besser durchdachte,
ausgereiftere Tirade mit sorgfältig ausgewählten Beleidigungen auf
mich loslassen, nachdem die erste so spontan und ungeplant
ausgefallen war. Ich wollte mir lieber gar nicht ausmalen, welche
verbalen Keulen die Gute mit etwas mehr Vorbereitungszeit schwingen
konnte.
Aber irgendetwas sagte mir, dass ich keine Falle,
keine weiteren Attacken fürchten musste. Lauren hatte etwas ganz
anderes auf dem Herzen, und genau das war der Grund, weshalb ich
nun das Café an der Ecke 18th Street und Santa Monica Boulevard
betrat.
Okay, das und die gute alte Neugier.
»Ashlyn!«, hörte ich sogleich jemanden rufen.
Lauren saß an einem kleinen Tisch und winkte mir
freundlich. Sie wirkte ausgeruht und friedlich, ganz und gar nicht
so, wie ich das von einer Klientin (oder in diesem Fall der Tochter
eines Klienten) erwartet hätte, deren Partner bei meinem Test
durchgefallen war. Sogleich fiel mir wieder auf, wie attraktiv sie
war. Konservativ gekleidet wie beim letzten Mal, aber zweifellos
ausnehmend hübsch.
Während ich auf sie zusteuerte, legte sie das
kleine elektronische Grät beiseite, mit dem sie sich gerade
beschäftigt hatte, und erhob sich, um mich mit einem Handschlag zu
begrüßen.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.« Sie wirkte
aufrichtig dankbar und erfreut.
Wenn das wirklich ein Überraschungsangriff werden
sollte, dann gebührte ihr ein Kompliment für ihre
schauspielerischen Fähigkeiten.
»Nicht der Rede wert.« Ich nahm auf dem leeren
Stuhl gegenüber von ihr Platz.
»Was möchten Sie trinken? Kaffee, Tee? Es gibt hier
auch einen sehr leckeren Chai.«
»Chai klingt gut.«
Ich verfolgte, wie sie zum Tresen eilte, um zu
bestellen, und dann zum Tisch zurückkehrte. »Kommt sofort.« Sie
strich sich den in A-Linie geschnittenen wadenlangen Rock glatt und
setzte sich.
Ich lächelte höflich. »Fein.«
»Tjaaa.« Sie spielte mit dem Zuckerstreuer. »Sie
fragen sich bestimmt, weshalb ich Sie hergebeten habe.«
Ich nickte. »Ich bin in der Tat gespannt. Ich hatte
wirklich nicht mit einem Anruf von Ihnen gerechnet.«
»Erhalten Sie gelegentlich Drohanrufe?«, erkundigte
sie sich interessiert.
Ich zuckte die Achseln. »Hin und wieder.« Dass ich
beschlossen hatte, den Job zu wechseln, behielt ich vorsichtshalber
noch für mich, bis ich abschätzen konnte, was sie von mir wollte.
»Meist kann ich das innerhalb weniger Sekunden am Tonfall des
Anrufers erkennen, und dann lege ich einfach auf und blockiere die
Nummer.«
Sie lauschte mir aufmerksam, begierig, hing
förmlich an meinen Lippen. Seltsam. War sie womöglich in mich
verknallt?
Nein. Lächerliche Vorstellung.
»Was kostet denn so ein Treuetest?«, wollte sie
wissen.
Ich musterte sie argwöhnisch. Warum das plötzliche
Interesse an meinem Beruf? Sie verhielt sich höchst eigenartig für
eine ehemalige Klientin. »Wozu wollen Sie das alles wissen?
Schreiben Sie etwa einen Zeitungsartikel über mich?«, fragte ich
irritiert. Vielleicht sollte ich mir meine Tasche schnappen und die
Beine in die Hand nehmen, ehe (schon wieder!) ein Fotograf aus dem
Hinterhalt Bilder von mir knipste und sie womöglich an eine
Tageszeitung verkaufte. Ich sah schon die Schlagzeile auf der
Titelseite der LA Times vor mir: EXKLUSIV – BILDER DER LEGENDÄREN
»TREUETESTERIN«!
Das fehlte mir noch, dass ich landesweite
Berühmtheit erlangte.
Sie riss die Augen auf. »Nein, nein! Entschuldigen
Sie, ich hätte Ihnen erst sagen sollen, worauf ich mit meinen
Fragen hinaus will.«
Ich hob erwartungsvoll eine Augenbraue. »Dann
schießen Sie mal los.«
Sie senkte verlegen den Blick, als wäre ihr das,
was sie mir gleich verraten würde, ein wenig peinlich. Dann blickte
sie mir direkt in die Augen. »Ich wollte Sie sprechen, weil
…«
»Zweimal Chai!«
Wir wandten beide den Kopf. Ein Teenager mit einer
grünen Schürze hielt uns zwei dampfende Keramiktassen hin.
»Ja.« Lauren nahm ihm nervös eine ab, die andere
stellte er vor mir auf den Tisch.
»Danke sehr.« Ich lächelte flüchtig, ehe ich mich
wieder meinem Gegenüber zuwandte. »Sie sagten gerade …«
Sie holte tief Luft, pustete auf ihren Tee, sodass
kleine Wellen die dampfende Oberfläche kräuselten. »Äh, ja … also,
offen gesagt habe ich Sie hergebeten, weil ich mich für Ihren Job
interessiere.«
Ich musterte sie verdutzt. »Das dachte ich mir
schon, nach all den Fragen, die Sie gestellt haben. Jetzt würde ich
nur noch gerne wissen warum.«
Klar, auf einen Außenseiter musste mein Beruf
aufregend wirken. Ungewöhnlich, wenn nicht gar eine Spur skandalös.
Da war es nur natürlich, wenn jemand Fragen stellte. Leider hatte
ich mit meiner Tätigkeit inzwischen geistig schon so abgeschlossen,
dass ich Laurens Faszination nur schwer nachvollziehen
konnte.
»Nun, weil …« Sie biss sich zögernd auf die
Unterlippe.
Ich nippte vorsichtig an meinem Chai.
»Weil ich auch Treuetesterin werden möchte«,
platzte sie hervor.
In meiner Verblüffung riss ich den Mund auf und
nahm einen viel zu großen Schluck des siedend heißen Getränks, so
dass ich mir Zunge und Kehle verbrühte. Ich hustete heftig. »Was
wollen Sie?«, würgte ich schließlich hervor und starrte
sie ungläubig an, wobei ich meine schmerzende Zunge am Gaumen
rieb.
»Ich möchte auch Treuetesterin werden«, wiederholte
sie.
Ich fuhr herum und sah mich im Café um. War das ein
Witz? Spielte mir Sophie oder Zoë einen Streich?
Doch nein, ihr Blick wirkte absolut aufrichtig. Sie
meinte es ernst und wartete auf meine Antwort. Auf meinen
Rat.
Ich beugte mich über den Tisch. »Sie wollen Männer
testen?«, flüsterte ich.
Sie nickte nachdrücklich.
»Warum?«, fragte ich, als hätte sie mich gerade
gebeten, sie zu ersäufen.
Sie senkte erneut den Blick und rieb sich die
Schläfen, und zum ersten Mal, seit ich das Café betreten hatte,
überschattete derselbe Ausdruck wie damals im Büro ihres Vaters ihr
Gesicht.
Sie schluckte. »Weil ich den Rest meines Lebens
dafür sorgen will, dass sämtliche untreuen Mistkerle auf diesem
Planeten ihre gerechte Strafe erhalten.«
Ich fuhr mir mit der verbrannten Zunge über die
Innenseite der Wange. Dann sagte ich vorsichtig: »Lauren, ich habe
den Eindruck, dass Sie überreagieren. Ich verstehe ja, dass Sie
verletzt sind und sich betrogen fühlen, aber ich fürchte, im
Augenblick sind Sie nicht in der Lage, eine rationale Entscheidung
zu treffen. Sie sollten noch etwas abwarten, bis sich Ihr Zorn
gelegt hat, ehe Sie Ihren Rachefeldzug gegen das starke Geschlecht
starten.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Ich
habe zum ersten Mal in meinem Leben eine rationale Entscheidung
getroffen. Ashlyn, ich …« Sie brach ab. »Das ist nicht Ihr
richtiger Name, oder?«
»Nein.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust, um
ihr
zu signalisieren, dass sie nicht damit rechnen musste, in naher
Zukunft meinen richtigen Namen zu erfahren.
Sie nickte verständnisvoll, ohne weiter
nachzuhaken. »Nun, wer auch immer Sie sind, Sie haben mir die Augen
geöffnet.
Es hätte Jahre gedauert, bis ich von selbst
dahintergekommen wäre – wenn überhaupt. Sie haben mir ein
großartiges Geschenk gemacht, und dieses Geschenk möchte ich an
möglichst viele Frauen weitergeben.«
Ich ließ mir ihre Begründung durch den Kopf gehen.
Es war eine gute Begründung – ich hatte mich selbst jahrelang
darauf gestützt. »Okay«, lenkte ich ein, »aber Sie müssen wissen,
dass Sie mit dieser Meinung weitgehend allein dastehen … jedenfalls
am Anfang. Überhaupt ist es eine ziemlich undankbare Tätigkeit.
Wenn Sie auf Anerkennung oder Lob aus sind, vergessen Sie’s lieber
gleich.«
Ich zögerte. »Und auch sonst ist diese Arbeit eine
ziemliche Herausforderung.«
»Das ist mir klar«, versicherte mir Lauren. »Aber
ich weiß, dass ich das schaffe. Ich meine, wenn ich mit
Programmcodes für kundenspezifische Applikationen fertig werde,
ohne von den entsprechenden Geschäftsprozessen eine Ahnung zu
haben, dann schaffe ich das auch.«
Ich musterte sie konsterniert.
»Wenn ich nachts alleine im Bett liege, denke ich
manchmal darüber nach, dass ich, wenn es Sie nicht gäbe, diesen
Kerl geheiratet hätte, der mich weiß der Himmel wie oft belogen und
betrogen hätte, und ich wäre ihm treu zur Seite gestanden, naiv und
nichtsahnend. Ich muss es tun.«
Sie sah mich mit einer Entschlossenheit an, wie ich
sie schon lange an niemandem mehr erlebt hatte. Dieselbe
Entschlossenheit hatte ich gesehen, wenn ich früher in den Spiegel
geblickt hatte. Ich hatte anderen Frauen das Wissen liefern wollen,
das meiner Mutter verwehrt geblieben war.
Dieses Ziel hatte mich bei der Stange gehalten,
hatte mich morgens zum Aufstehen motiviert.
Und noch während ich ihren Worten lauschte, traf
mich die Erkenntnis wie ein Schlag.
Wofür würde ich künftig morgens aufstehen?
Welche Ziele würde ich mir setzen?
»Hören Sie, Lauren … Ich habe mich letzte Woche aus
dem Geschäft zurückgezogen.«
Sie riss die Augen auf. »Ach, wirklich?
Weshalb?«
Ich hätte ihr alles erzählen, ihr die hässlichen
Seiten meiner Tätigkeit schildern sollen – die Lügen, das geheime
Doppelleben, die Rachegelüste der Männer. Doch das behielt ich für
mich. Weil ich das Gefühl hatte, dass es mir nicht zustand, sie zu
desillusionieren, und weil ich mich vor zwei Jahren auch nicht von
einer solchen Warnung hätte aufhalten lassen. Vor die Entscheidung
gestellt, ob ich in meinem Ozean aus Fehlurteilen untergehen oder
schwimmen wollte, hatte ich mich fürs Schwimmen entschieden. Ich
hatte beschlossen, meinen Fehlern einen Sinn zu geben. Ich hätte
nicht eine Sekunde an meiner Mission gezweifelt.
Genau dieselbe Willenskraft sah ich nun in Laurens
Augen. Ich würde den Teufel tun und sie ihr nehmen.
Deshalb sagte ich bloß: »Es war einfach Zeit,
aufzuhören.«
»Können Sie mir vielleicht ein paar Tipps geben? Wo
soll ich anfangen? Und wie?«
Ich unterdrückte ein Lachen. Ich kam mir vor wie
eine Steuerberaterin, die von einer Berufseinsteigerin um
Ratschläge gebeten wird. Gleich würde sie mich fragen, ob sie
lieber eine GmbH oder eine AG gründen sollte, und welche
Unternehmensform steuerlich am günstigsten wäre. Als wüsste ich
über derlei Bescheid.
Ich war doch selbst rein zufällig in die ganze
Sache hineingestolpert … und wieder heraus.
Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Ich
wüsste nicht, was ich Ihnen raten sollte. Ich kann höchstens alle
Anrufe an Sie weiterleiten, wenn Sie möchten.«
Laurens Augen leuchteten auf wie zwei
Autoscheinwerfer auf einer dunklen Landstraße. »Das wäre großartig!
Vielen Dank!«
Ich lächelte sie an, obwohl es ein äußerst
seltsames Gefühl war, ihr meinen Job zu vermachen. Als hätte man
mich gebeten, den Schlüssel zu meinem beruflichen Vermächtnis an
meine glückliche Nachfolgerin weiterzureichen.
Wer weiß, ob es sie wirklich glücklich machen würde.
Dafür traf der Ausdruck Vermächtnis den Nagel auf den Kopf.
Ashlyn hatte definitiv Spuren hinterlassen, und es
würde bestimmt nicht einfach werden, in ihre Fußstapfen zu treten.
Als ich wenig später das Café verließ, war mir auf einmal schwer
ums Herz. Ich fühlte mich leer, als hätte ich einen Teil von mir
zurückgelassen. Ich hatte mich in den vergangenen zwei Jahren sehr
an Ashlyn gewöhnt, und ich würde sie zweifellos hin und wieder
vermissen.
Vor allem ihre tollen Schuhe.
Man möchte meinen, da meine Wohnung ganz in Weiß
gehalten ist, müsste mir jeder noch so kleine Gegenstand, der fehl
am Platz ist, sofort ins Auge springen. Ein schwarzer Fussel auf
dem weißen Burberry-Teppich etwa, ein roter Fleck auf dem weißen
Sofa oder ein hässlicher Kugelschreiberstrich an einer weiß
getünchten Wand.
Deshalb überraschte es mich, dass ich den kleinen
Gegenstand unter meinem Esstisch, der dort nicht hingehörte, erst
bemerkte, als ich an diesem Abend nach Hause kam.
Ich erspähte ihn schon von der Tür aus und legte
verwundert den Kopf schief. In einer Umgebung, die stets so
blitzblank
sauber und tipptopp aufgeräumt ist wie meine Wohnung, fallen
ungewöhnliche Objekte sofort auf. Warum also hatte ich dieses Etwas
nicht schon vorhin gesehen, als ich aufgebrochen war? Oder neulich,
als ich von meinem Besuch bei Raymond Jacobs heimgekommen war? Oder
bei meiner Rückkehr aus Paris? (Okay, da wäre es mir vermutlich
nicht einmal aufgefallen, wenn in meinem Wohnzimmer eine Zigarren
rauchende, Poker spielende Herde Elefanten gesessen hätte. Besser
gesagt, es wäre mir völlig schnurz gewesen.)
Jetzt hatte ich das Ding schließlich sofort
bemerkt.
Und das, obwohl es weiß war. Was wohl erklärte,
weshalb ich es bislang übersehen hatte. Als ich mich dem Esstisch
leicht gebückt näherte, um den Fremdkörper besser betrachten zu
können, stellte ich fest, dass er doch nicht ganz weiß war, sondern
mit einem dunklen Muster überzogen. Hm. Buchstaben. Von Hand
geschrieben. Mit schwarzer Tinte.
Ich versuchte, das kleine Etwas mit der Fußspitze
unter dem gläsernen Tisch hervorzuholen, doch mein Bein war nicht
lang genug.
Also ging ich widerwillig auf alle viere, kroch
unter den Tisch und schnappte mir das Ding mit der Hand.
Dann richtete ich mich auf, drehte es um und wurde
prompt von einer Welle der Übelkeit erfasst.
Es war Jamies Visitenkarte, die wieder einmal zu
einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht war. Sie musste
irgendwann in einer Art symbolischem Akt von ihrem Ehrenplatz auf
dem Tisch gefallen und mit der Vorderseite auf dem weißen Teppich
gelandet sein.
Ich versuchte, das flaue Gefühl zu unterdrücken,
das sich in meinem Magen breitmachte, dann ging ich mit einem
tiefen Seufzer in die Küche, öffnete den Mülleimer, warf einen
letzten Blick auf den Namen, den ich tausendmal gelesen und berührt
hatte, und ließ die Karte in den Eimer segeln.
Ich war schon im Begriff, den Deckel zu schließen,
da hielt ich noch einmal inne und dachte daran, wie oft ich diese
Karte zur Hand genommen hatte. Sei es, um eine Verabredung mit
Jamie zu bestätigen, sei es, um ein Date abzusagen, oder auch nur,
um auf seinen Namen zu starren.
Doch eines hatte ich die ganze Zeit über kein
einziges Mal getan: Ich hatte nie gelesen, was eigentlich auf der
Rückseite stand.
Also fischte ich die Karte wieder heraus und rief
mir in Erinnerung, wie sie in meinen Besitz gekommen war.
»Das ist meine letzte, glaube
ich. Hab ich extra für Sie aufgehoben«, hatte er gesagt.
»Sogar mit persönlicher Widmung hintendrauf …
Kleiner Scherz. Ich hatte neulich nichts zum Schreiben
dabei.«
Ich drehte die Karte um und las die »persönliche
Widmung«.
26. Sept. 11 Uhr, 1118 Wilshire
Blvd.
Hm. Warum kam mir das nur so bekannt vor?
Sechsundzwanzigster September, 1118 Wilshire
Boulevard.
Rasch fischte ich mein Treo aus der Handtasche und
öffnete das Kalenderblatt für September. Hier: 26. September –
Autohändler wg. Rückrufaktion. 11 Uhr, 1118 Wilshire
Boulevard.
Ich kratzte mich am Kopf und studierte noch einmal
die Karte.
Was für ein seltsamer Zufall. Selber Tag, selbe
Zeit, selber Ort. Was ich ja längst wusste, weil ich Jamie bei
dieser Gelegenheit wiedergesehen hatte. Und mich dem Diktat des
Universums gebeugt hatte.
Tja, das Universum hatte zweifellos seinen Spaß mit
mir gehabt.
Ich zuckte die Achseln und wollte die Karte eben
wieder
im Mülleimer versenken, da streifte mein Blick den Backofen, und
ich hatte jäh eine Art Flashback.
Der Backofen. Den hatte Marta gerade geschrubbt,
als sie mich damals über den Anruf meines Autohändlers informiert
hatte. Dort jedoch hatte man merkwürdigerweise nichts von einem
Termin mit mir gewusst. Und, was noch merkwürdiger war, für mein
Wagenmodell hatte es auch keine Rückrufaktion gegeben.
Ich erstarrte, die Karte in der linken, das Telefon
in der rechten Hand. Allmählich dämmerte mir, wer bei dieser
scheinbaren Verkettung von Zufällen die Finger im Spiel gehabt
hatte.
Ich hatte Jamies Visitenkarte in die hintere
Hosentasche gesteckt, und von dort war sie irgendwie in die Küche
gelangt, wo Zoë sie gefunden und mir deswegen Löcher in den Bauch
gefragt hatte. Da konnte nur ein Mensch dahinterstecken.
Marta. Hatte sie die Karte in meiner Jeans
entdeckt, Jamies Notiz auf der Rückseite gelesen und dann
behauptet, mein Autohändler hätte mich zu sich bestellt, nur damit
ich dort Jamie über den Weg lief?
Das klang derart an den Haaren herbeigezogen, dass
es stimmen musste.
Ich kam mir vor wie Hercule Poirot. Marta
Hernandez, in der Küche, mit Jamies Visitenkarte!
Wer hätte gedacht, dass sie das Wort Rückrufaktion
kannte?
Doch warum wollte sie unbedingt, dass ich Jamie
dort begegnete?
Dann fiel mir noch etwas ein. Ich rannte in die
Wäschekammer und riss fieberhaft sämtliche Schränke auf, auf der
Suche nach dem nächsten Hinweis der Schnitzeljagd.
Aha! Es war, wie ich vermutet hatte.
Im Schrank unter dem Waschbecken, gut versteckt
hinter dem Abflussreiniger, dem Fensterputzmittel und der
Ersatzpackung Papierhandtücher stand das Waschmittel, von dem ich
gedacht hatte, ich hätte vergessen, es zu kaufen. Das Waschmittel,
wegen dem mich Marta in den Supermarkt geschickt hatte, als ich
gerade Jamie anrufen wollte, um unser drittes Date abzusagen.
Das Waschmittel, von dem sie behauptet hatte, es
wäre nicht da. Ich hatte es dort sicher
nicht versteckt.
Marta Hernandez, in der Wäschekammer, mit dem
Waschmittel!
Die ganze Sache wurde mir allmählich unheimlich.
Woher wusste sie überhaupt, wer Jamie war? Hatte sie meine Telefone
angezapft? Meine Wohnung verwanzt? Mir einen Gedankenlese-Chip ins
Hirn implantiert, während ich schlief?
Dabei hatte ich mir immer solche Mühe gegeben,
schwierige Begriffe und Formulierungen möglichst zu vermeiden,
damit sie mich verstand, wenn ich ihr sagte, was beim Waschen
meiner Lieblingsjeans zu beachten war! Und sie hatte die ganze Zeit
über raffinierte Pläne geschmiedet, um in mein Liebesleben
einzugreifen!
Was noch?
Wie hatte sie sich sonst noch eingemischt?
Ich stellte mich mitten ins Wohnzimmer und drehte
mich langsam im Kreis, betrachtete sorgfältig jeden Zentimeter
meines blütenweißen Heimes, bis mein Blick auf den Fernseher
fiel.
Ha! Der TiVo!
Desperate Housewives auf
Spanisch?
Und zwar rein zufällig die
Folge, in der ein verbrecherischer Ehemann entlarvt und belastet
wird?
Okay, jetzt war das Maß eindeutig voll.
Nicht genug damit, dass ich Marta das Wiedersehen –
und
in der Folge die Beziehung – mit Jamie verdankte, sie hatte mir
auch noch gezeigt, wie ich mir Raymond Jacobs vom Hals schaffen
konnte! Ich wusste nicht, ob ich das tröstlich oder gruselig finden
sollte.
»Sie hat mich gerettet«, sagte ich halblaut.
Die ganze Zeit über hatte sie alles gewusst. Und
sie hatte mich gerettet.
Marta war mein Schutzengel. Sie hatte aus der Ferne
über mich gewacht, mich nicht nur vor dem Schmutz und Straßendreck
der Stadt befreit, den ich tagtäglich mit nach Hause brachte,
sondern auch vor der Stadt selbst beschützt.
Batman hat Alfred, aber ich habe Marta.
Ich sank benommen auf die Couch, Jamies
Visitenkarte noch immer fest umklammert. Es fühlte sich an, als
wäre gerade ein Hurrikan durch mein Leben gefegt, und dieses kleine
weiße Stück Pappe war das Einzige, das mir geblieben war.
Hatte sie womöglich recht?
Wenn sie mich aus den Klauen eines Raymond Jacobs
befreien konnte, dann hatte sie vielleicht auch ihre Gründe gehabt,
dafür zu sorgen, dass ich Jamie nicht aus meinem Leben verbannte.
Und vielleicht waren es gute Gründe gewesen.
Als es an der Tür klopfte, drehte ich in Zeitlupe
den Kopf.
Ich musste nicht erst aufmachen, um zu wissen, wer
auf der anderen Seite stand. Manchmal weiß man einfach, was als
Nächstes geschieht.
»Hallo«, sagte ich leise, als ich die Tür öffnete.
»Möchtest du reinkommen?«
Mein Besucher antwortete nicht. Das musste er auch
nicht. Ich wusste, er würde mir genügend zu sagen haben, wenn er
erst eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Ich
selbst hatte auch so einiges zu beichten. Also hielt ich bloß die
Tür auf und sah zu, wie Jamie bedächtig in meine Wohnung kam.