34
Die Marionettenspielerin
Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis Karen Richards anrufen würde, um zu erfahren, wie ihr Göttergatte bei seinem Treuetest abgeschnitten hatte, beziehungsweise, weshalb er früher als erwartet von seiner Geschäftsreise zurückgekehrt war.
Daher rechnete ich fest damit, sie an der Strippe zu haben, als am Freitagmorgen mein Treo klingelte, während ich mich noch an meinem triumphalen Sieg über Raymond Jacobs erfreute.
Ich nahm das Telefon vom Ladegerät auf dem Nachttisch, drückte auf »Anruf annehmen« und flötete fröhlich: »Hallo?«
»Hallo, Ashlyn?« Eine sympathisch klingende Frauenstimme, die mir vage bekannt vorkam. Eines stand fest: Es war nicht Karen Richards. Ihre Stimme hätte ich im Schlaf erkannt, ob ich wollte oder nicht.
»Darf ich fragen, worum es geht?«
Schweigen am anderen Ende. »Ähm … hier ist Lauren Ireland. Sie erinnern sich vielleicht …«
Ich verzog das Gesicht. Und ob ich mich erinnerte. Sie hatte mir fast den Kopf abgerissen. Nicht, dass ich es ihr übel nahm. Es war zweifellos ein ziemlicher Schock für sie gewesen, dass ihr Vater mich hinter ihrem Rücken engagiert hatte. Die Frage war wohl weniger, ob ich mich erinnerte, sondern vielmehr, warum zum Geier ausgerechnet sie mich anrief.
»Ja, ich erinnere mich«, entgegnete ich argwöhnisch. Konnte ja durchaus sein, dass ihr noch ein paar hübsche Schimpfnamen für mich eingefallen waren oder, schlimmer noch, dass sie mir Vorhaltungen wegen der geplatzten Hochzeit oder den abgesagten Flitterwochen auf den Fidschiinseln machen wollte. Ich legte vorsichtshalber schon mal den Finger auf die »Anruf beenden«-Taste.
»Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich Sie kontaktiere. Ich habe Ihre Nummer auf dem Schreibtisch meines Vaters gefunden. Er hat keine Ahnung, dass ich Sie anrufe.«
»Kein Problem.« Ich wusste selbst nicht so recht, ob ich das ernst meinte.
Sie holte tief Luft. »Also, zunächst möchte ich mich für meinen Auftritt im Büro meines Vaters vor ein paar Wochen entschuldigen. Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich normalerweise nicht so benehme. Ich war bloß so durch den Wind, als ich hörte, dass Parker … Nun, ich war jedenfalls sehr überrascht.«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Miss Ireland.«
»Bitte nennen Sie mich Lauren.«
»Schon gut, Lauren. Glauben Sie mir, ich habe schon weitaus Schlimmeres gehört.«
Sie lachte nervös. »Kann ich mir vorstellen.«
Es entstand eine verlegene Pause. Erwartete sie, dass ich etwas sagte? Wollte sie mich bloß um Verzeihung bitten oder steckte noch etwas anderes dahinter?
»Ich rufe an, weil …«
Okay, es gab also noch einen anderen Grund.
»… weil ich Sie fragen wollte, ob Sie bereit wären, sich mit mir zu treffen. Auf einen Kaffee oder so.«
Ich trat von einem Fuß auf den anderen und setzte mich schließlich auf die Bettkante. Sie treffen? Das kam so gut wie nie vor. Wozu auch? Wollte sie sich etwa mit mir anfreunden? Mit der Frau, die ihre Hochzeit verhindert hatte? Das schien mir doch etwas weither geholt.
»Lauren, das ist wirklich nicht nötig, falls es Ihnen nur darum geht, sich bei mir zu entschuldigen. Ich habe vollstes Verständnis für Ihre Reaktion, und ich nehme sie Ihnen auch nicht weiter übel.«
»Ehrlich gesagt, geht es um etwas ganz anderes.«
Jetzt war doch meine Neugier geweckt. »Und zwar?«, fragte ich so höflich wie möglich. Nach meinen Erfahrungen mit Raymond Jacobs hatte ich keine Lust auf weitere unangenehme Überraschungen.
»Das würde ich gerne persönlich mit Ihnen besprechen, wenn es Ihnen recht ist. Ich verspreche, es dauert maximal eine Stunde.«
Mein erster Gedanke war: Das ist eine Falle. Ein Hinterhalt. Womöglich wollte sie mich in einen dunklen Keller oder auf einen verlassenen Spielplatz locken und dort mit zehn ihrer kräftigsten Freundinnen über mich herfallen. Doch nein, dafür klang ihre Stimme zu … aufrichtig. Zu bescheiden. Beinahe verzweifelt, als würde sie Rat suchen. Tja, ich war im Moment wirklich die Letzte, die großartig Ratschläge austeilen sollte, aber es konnte nicht schaden, ihrer Bitte nachzukommen. Schließlich hatte ich dieser Tage sonst nichts zu tun, und ich würde wohl kaum anfangen, zu stricken.
Also sagte ich zu.
Zu meiner Erleichterung schlug sie als Treffpunkt weder einen verlassenen Spielplatz noch irgendeine finstere Gasse vor, sondern ein Kaffee in Santa Monica.
»Kennen Sie das 18th Street Café?«
Ich lächelte. »Ja. Hübsch dort.«
Wir verabredeten uns für den darauffolgenden Abend. Gleich nachdem ich aufgelegt hatte, fragte ich mich, ob ich es nicht doch bereuen würde, doch dann kam ich zu dem Schluss, dass mir zurzeit jede Ablenkung recht sein sollte. Denn so ungern ich es mir auch eingestand, ich fand es praktisch unmöglich, nicht ständig an Jamie zu denken. Ganz, ganz tief in meinem Hinterkopf fragte eine leise Stimme, warum ich noch nichts von ihm gehört hatte. Zumal er doch derjenige war, der im Unrecht war.
Zugegeben, die Karte in meiner Handtasche … Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie das für ihn ausgesehen haben musste, vor allem nach der seltsamen Begebenheit damals im Sushi-Restaurant, als beinahe alles herausgekommen wäre.
Aber er könnte doch zumindest anrufen oder eine E-Mail schicken und fragen, ob ich gut zurückgekommen war, oder?
Er hatte mich einfach sitzen lassen, in einem fremden Land.
Okay, ich war es gewesen, die gegangen war. Trotzdem ertappte ich mich von Zeit zu Zeit dabei, dass ich unwillkürlich und wider besseres Wissen sehnsüchtig zum Telefon sah. Trotzdem hörte ich immer wieder meine Mailbox ab, und das, obwohl mein Handy hartnäckig keine neuen Nachrichten anzeigte.
Ich hasste mich dafür, und ich hasste ihn, diesen stinkenden, verlogenen Bastard, weil ich mich doch tatsächlich fragte, ob er wohl jemals zum Telefon greifen und mich anrufen würde.
Und dann war da natürlich noch die andere Frage: War er überhaupt ein stinkender, verlogener Bastard?
Ganz zu schweigen von der Frage, was ich seiner Frau sagen sollte.
Meine Dienste waren stets sehr klar definiert gewesen: Ich wies die Absicht zu betrügen nach. Zeigte die Tendenz zur Untreue auf. Zog unmittelbar vor dem Verkehr die Notbremse. Das waren die Regeln. Seit jeher.
Gleiches Recht für alle. Jedes meiner Testobjekte bekam dieselbe Bis-zur-letzten-Minute-Behandlung. Nüchtern betrachtet, hatte Jamie den Test also bestanden.
Sollte ich Karen Howard Richards genau das erzählen? Dass er unschuldig war?
Oder sollte ich ihr die ganze Wahrheit sagen, angefangen mit dem Rückflug aus Las Vegas über das Golf-Date und das Sushi-Restaurant bis hin zu den Flugzeugtüten und Paris? Und sie dann entscheiden lassen? Sie die Frage beantworten lassen, die ich nicht beantworten konnte?
Und was, wenn sie gar nicht anrief? Wenn ich nie wieder von ihr hörte, aus welchem Grund auch immer? Vielleicht war Jamie ja voller Reue aus Paris zurückgekehrt, hatte seiner Frau sein Herz ausgeschüttet, und nach seinem Geständnis und einem offenen Gespräch, gefolgt von leidenschaftlichem Versöhnungssex, hatten die beiden wieder zueinandergefunden?
Pfff. Wie schön für sie.
Ich hoffe, sie sind sehr glücklich miteinander.
Dann müsste ich wenigstens mit keinem von beiden je wieder ein Wort wechseln. So unwahrscheinlich mir dieses Szenario auch erschien, ich fand es seltsam, dass sich Karen noch nicht gemeldet hatte. Es war doch anzunehmen, dass Jamie gleich am nächsten Tag nach Hause geflogen war, zumal sein Auftrag in Paris mit großer Wahrscheinlichkeit ins Wasser gefallen war und seine Firma ihn wohl in Los Angeles brauchte. Karen konnte also nicht entgangen sein, dass er seinen Aufenthalt verkürzt hatte. Warum hatte sie dann noch nicht nachgefragt, ob er den Test bestanden hatte?
Die ganze Angelegenheit wurde immer noch verwirrender als sie ohnehin schon gewesen war, und ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, der Sache quasi mit einem Teelöffel auf den Grund zu gehen. Erstens würde es eine Ewigkeit dauern, und zweitens würde er bestimmt mittendrin abbrechen.
Also schwor ich mir, es gar nicht erst zu versuchen. Einfach nicht mehr daran zu denken.
Tja, leichter gesagt als getan.
 
Ich freute mich nicht sonderlich auf das Treffen mit Lauren Ireland, aber ich hatte auch keine Angst. Sie hatte mich neugierig gemacht mit ihrer Bitte, denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, worüber sie ausgerechnet mit mir reden wollte.
Etwa ein Monat war vergangen, seit ich ihren Verlobten damals im Hotelzimmer – und am Pokertisch – auf die Probe gestellt und Lauren und ihren Vater über das negative Ergebnis informiert hatte. Damals war sie aus allen Wolken gefallen. Sie hatte nicht nur die Tatsache verdauen müssen, dass sie und Parker unterschiedlicher Auffassung waren, was bei einem Junggesellenabschied als »angemessenes« Verhalten galt; obendrein hatte sie auch noch damit fertig werden müssen, dass ihr Vater eine sogenannte »Treuetesterin« damit beauftragt hatte, sein Fehlverhalten zu beweisen. Nur sehr wenige Menschen wissen, dass es so etwas überhaupt gibt.
Aus diesem Grund war ich anfangs misstrauisch gewesen, hatte befürchtet, sie könnte mir womöglich noch einmal gründlich die Meinung sagen wollen. Eine besser durchdachte, ausgereiftere Tirade mit sorgfältig ausgewählten Beleidigungen auf mich loslassen, nachdem die erste so spontan und ungeplant ausgefallen war. Ich wollte mir lieber gar nicht ausmalen, welche verbalen Keulen die Gute mit etwas mehr Vorbereitungszeit schwingen konnte.
Aber irgendetwas sagte mir, dass ich keine Falle, keine weiteren Attacken fürchten musste. Lauren hatte etwas ganz anderes auf dem Herzen, und genau das war der Grund, weshalb ich nun das Café an der Ecke 18th Street und Santa Monica Boulevard betrat.
Okay, das und die gute alte Neugier.
»Ashlyn!«, hörte ich sogleich jemanden rufen.
Lauren saß an einem kleinen Tisch und winkte mir freundlich. Sie wirkte ausgeruht und friedlich, ganz und gar nicht so, wie ich das von einer Klientin (oder in diesem Fall der Tochter eines Klienten) erwartet hätte, deren Partner bei meinem Test durchgefallen war. Sogleich fiel mir wieder auf, wie attraktiv sie war. Konservativ gekleidet wie beim letzten Mal, aber zweifellos ausnehmend hübsch.
Während ich auf sie zusteuerte, legte sie das kleine elektronische Grät beiseite, mit dem sie sich gerade beschäftigt hatte, und erhob sich, um mich mit einem Handschlag zu begrüßen.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.« Sie wirkte aufrichtig dankbar und erfreut.
Wenn das wirklich ein Überraschungsangriff werden sollte, dann gebührte ihr ein Kompliment für ihre schauspielerischen Fähigkeiten.
»Nicht der Rede wert.« Ich nahm auf dem leeren Stuhl gegenüber von ihr Platz.
»Was möchten Sie trinken? Kaffee, Tee? Es gibt hier auch einen sehr leckeren Chai.«
»Chai klingt gut.«
Ich verfolgte, wie sie zum Tresen eilte, um zu bestellen, und dann zum Tisch zurückkehrte. »Kommt sofort.« Sie strich sich den in A-Linie geschnittenen wadenlangen Rock glatt und setzte sich.
Ich lächelte höflich. »Fein.«
»Tjaaa.« Sie spielte mit dem Zuckerstreuer. »Sie fragen sich bestimmt, weshalb ich Sie hergebeten habe.«
Ich nickte. »Ich bin in der Tat gespannt. Ich hatte wirklich nicht mit einem Anruf von Ihnen gerechnet.«
»Erhalten Sie gelegentlich Drohanrufe?«, erkundigte sie sich interessiert.
Ich zuckte die Achseln. »Hin und wieder.« Dass ich beschlossen hatte, den Job zu wechseln, behielt ich vorsichtshalber noch für mich, bis ich abschätzen konnte, was sie von mir wollte. »Meist kann ich das innerhalb weniger Sekunden am Tonfall des Anrufers erkennen, und dann lege ich einfach auf und blockiere die Nummer.«
Sie lauschte mir aufmerksam, begierig, hing förmlich an meinen Lippen. Seltsam. War sie womöglich in mich verknallt?
Nein. Lächerliche Vorstellung.
»Was kostet denn so ein Treuetest?«, wollte sie wissen.
Ich musterte sie argwöhnisch. Warum das plötzliche Interesse an meinem Beruf? Sie verhielt sich höchst eigenartig für eine ehemalige Klientin. »Wozu wollen Sie das alles wissen? Schreiben Sie etwa einen Zeitungsartikel über mich?«, fragte ich irritiert. Vielleicht sollte ich mir meine Tasche schnappen und die Beine in die Hand nehmen, ehe (schon wieder!) ein Fotograf aus dem Hinterhalt Bilder von mir knipste und sie womöglich an eine Tageszeitung verkaufte. Ich sah schon die Schlagzeile auf der Titelseite der LA Times vor mir: EXKLUSIV – BILDER DER LEGENDÄREN »TREUETESTERIN«!
Das fehlte mir noch, dass ich landesweite Berühmtheit erlangte.
Sie riss die Augen auf. »Nein, nein! Entschuldigen Sie, ich hätte Ihnen erst sagen sollen, worauf ich mit meinen Fragen hinaus will.«
Ich hob erwartungsvoll eine Augenbraue. »Dann schießen Sie mal los.«
Sie senkte verlegen den Blick, als wäre ihr das, was sie mir gleich verraten würde, ein wenig peinlich. Dann blickte sie mir direkt in die Augen. »Ich wollte Sie sprechen, weil …«
»Zweimal Chai!«
Wir wandten beide den Kopf. Ein Teenager mit einer grünen Schürze hielt uns zwei dampfende Keramiktassen hin.
»Ja.« Lauren nahm ihm nervös eine ab, die andere stellte er vor mir auf den Tisch.
»Danke sehr.« Ich lächelte flüchtig, ehe ich mich wieder meinem Gegenüber zuwandte. »Sie sagten gerade …«
Sie holte tief Luft, pustete auf ihren Tee, sodass kleine Wellen die dampfende Oberfläche kräuselten. »Äh, ja … also, offen gesagt habe ich Sie hergebeten, weil ich mich für Ihren Job interessiere.«
Ich musterte sie verdutzt. »Das dachte ich mir schon, nach all den Fragen, die Sie gestellt haben. Jetzt würde ich nur noch gerne wissen warum.«
Klar, auf einen Außenseiter musste mein Beruf aufregend wirken. Ungewöhnlich, wenn nicht gar eine Spur skandalös. Da war es nur natürlich, wenn jemand Fragen stellte. Leider hatte ich mit meiner Tätigkeit inzwischen geistig schon so abgeschlossen, dass ich Laurens Faszination nur schwer nachvollziehen konnte.
»Nun, weil …« Sie biss sich zögernd auf die Unterlippe.
Ich nippte vorsichtig an meinem Chai.
»Weil ich auch Treuetesterin werden möchte«, platzte sie hervor.
In meiner Verblüffung riss ich den Mund auf und nahm einen viel zu großen Schluck des siedend heißen Getränks, so dass ich mir Zunge und Kehle verbrühte. Ich hustete heftig. »Was wollen Sie?«, würgte ich schließlich hervor und starrte sie ungläubig an, wobei ich meine schmerzende Zunge am Gaumen rieb.
»Ich möchte auch Treuetesterin werden«, wiederholte sie.
Ich fuhr herum und sah mich im Café um. War das ein Witz? Spielte mir Sophie oder Zoë einen Streich?
Doch nein, ihr Blick wirkte absolut aufrichtig. Sie meinte es ernst und wartete auf meine Antwort. Auf meinen Rat.
Ich beugte mich über den Tisch. »Sie wollen Männer testen?«, flüsterte ich.
Sie nickte nachdrücklich.
»Warum?«, fragte ich, als hätte sie mich gerade gebeten, sie zu ersäufen.
Sie senkte erneut den Blick und rieb sich die Schläfen, und zum ersten Mal, seit ich das Café betreten hatte, überschattete derselbe Ausdruck wie damals im Büro ihres Vaters ihr Gesicht.
Sie schluckte. »Weil ich den Rest meines Lebens dafür sorgen will, dass sämtliche untreuen Mistkerle auf diesem Planeten ihre gerechte Strafe erhalten.«
Ich fuhr mir mit der verbrannten Zunge über die Innenseite der Wange. Dann sagte ich vorsichtig: »Lauren, ich habe den Eindruck, dass Sie überreagieren. Ich verstehe ja, dass Sie verletzt sind und sich betrogen fühlen, aber ich fürchte, im Augenblick sind Sie nicht in der Lage, eine rationale Entscheidung zu treffen. Sie sollten noch etwas abwarten, bis sich Ihr Zorn gelegt hat, ehe Sie Ihren Rachefeldzug gegen das starke Geschlecht starten.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben eine rationale Entscheidung getroffen. Ashlyn, ich …« Sie brach ab. »Das ist nicht Ihr richtiger Name, oder?«
»Nein.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust, um ihr zu signalisieren, dass sie nicht damit rechnen musste, in naher Zukunft meinen richtigen Namen zu erfahren.
Sie nickte verständnisvoll, ohne weiter nachzuhaken. »Nun, wer auch immer Sie sind, Sie haben mir die Augen geöffnet.
Es hätte Jahre gedauert, bis ich von selbst dahintergekommen wäre – wenn überhaupt. Sie haben mir ein großartiges Geschenk gemacht, und dieses Geschenk möchte ich an möglichst viele Frauen weitergeben.«
Ich ließ mir ihre Begründung durch den Kopf gehen. Es war eine gute Begründung – ich hatte mich selbst jahrelang darauf gestützt. »Okay«, lenkte ich ein, »aber Sie müssen wissen, dass Sie mit dieser Meinung weitgehend allein dastehen … jedenfalls am Anfang. Überhaupt ist es eine ziemlich undankbare Tätigkeit. Wenn Sie auf Anerkennung oder Lob aus sind, vergessen Sie’s lieber gleich.«
Ich zögerte. »Und auch sonst ist diese Arbeit eine ziemliche Herausforderung.«
»Das ist mir klar«, versicherte mir Lauren. »Aber ich weiß, dass ich das schaffe. Ich meine, wenn ich mit Programmcodes für kundenspezifische Applikationen fertig werde, ohne von den entsprechenden Geschäftsprozessen eine Ahnung zu haben, dann schaffe ich das auch.«
Ich musterte sie konsterniert.
»Wenn ich nachts alleine im Bett liege, denke ich manchmal darüber nach, dass ich, wenn es Sie nicht gäbe, diesen Kerl geheiratet hätte, der mich weiß der Himmel wie oft belogen und betrogen hätte, und ich wäre ihm treu zur Seite gestanden, naiv und nichtsahnend. Ich muss es tun.«
Sie sah mich mit einer Entschlossenheit an, wie ich sie schon lange an niemandem mehr erlebt hatte. Dieselbe Entschlossenheit hatte ich gesehen, wenn ich früher in den Spiegel geblickt hatte. Ich hatte anderen Frauen das Wissen liefern wollen, das meiner Mutter verwehrt geblieben war.
Dieses Ziel hatte mich bei der Stange gehalten, hatte mich morgens zum Aufstehen motiviert.
Und noch während ich ihren Worten lauschte, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag.
Wofür würde ich künftig morgens aufstehen?
Welche Ziele würde ich mir setzen?
»Hören Sie, Lauren … Ich habe mich letzte Woche aus dem Geschäft zurückgezogen.«
Sie riss die Augen auf. »Ach, wirklich? Weshalb?«
Ich hätte ihr alles erzählen, ihr die hässlichen Seiten meiner Tätigkeit schildern sollen – die Lügen, das geheime Doppelleben, die Rachegelüste der Männer. Doch das behielt ich für mich. Weil ich das Gefühl hatte, dass es mir nicht zustand, sie zu desillusionieren, und weil ich mich vor zwei Jahren auch nicht von einer solchen Warnung hätte aufhalten lassen. Vor die Entscheidung gestellt, ob ich in meinem Ozean aus Fehlurteilen untergehen oder schwimmen wollte, hatte ich mich fürs Schwimmen entschieden. Ich hatte beschlossen, meinen Fehlern einen Sinn zu geben. Ich hätte nicht eine Sekunde an meiner Mission gezweifelt.
Genau dieselbe Willenskraft sah ich nun in Laurens Augen. Ich würde den Teufel tun und sie ihr nehmen.
Deshalb sagte ich bloß: »Es war einfach Zeit, aufzuhören.«
»Können Sie mir vielleicht ein paar Tipps geben? Wo soll ich anfangen? Und wie?«
Ich unterdrückte ein Lachen. Ich kam mir vor wie eine Steuerberaterin, die von einer Berufseinsteigerin um Ratschläge gebeten wird. Gleich würde sie mich fragen, ob sie lieber eine GmbH oder eine AG gründen sollte, und welche Unternehmensform steuerlich am günstigsten wäre. Als wüsste ich über derlei Bescheid.
Ich war doch selbst rein zufällig in die ganze Sache hineingestolpert … und wieder heraus.
Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Ich wüsste nicht, was ich Ihnen raten sollte. Ich kann höchstens alle Anrufe an Sie weiterleiten, wenn Sie möchten.«
Laurens Augen leuchteten auf wie zwei Autoscheinwerfer auf einer dunklen Landstraße. »Das wäre großartig! Vielen Dank!«
Ich lächelte sie an, obwohl es ein äußerst seltsames Gefühl war, ihr meinen Job zu vermachen. Als hätte man mich gebeten, den Schlüssel zu meinem beruflichen Vermächtnis an meine glückliche Nachfolgerin weiterzureichen.
Wer weiß, ob es sie wirklich glücklich machen würde.
Dafür traf der Ausdruck Vermächtnis den Nagel auf den Kopf.
Ashlyn hatte definitiv Spuren hinterlassen, und es würde bestimmt nicht einfach werden, in ihre Fußstapfen zu treten. Als ich wenig später das Café verließ, war mir auf einmal schwer ums Herz. Ich fühlte mich leer, als hätte ich einen Teil von mir zurückgelassen. Ich hatte mich in den vergangenen zwei Jahren sehr an Ashlyn gewöhnt, und ich würde sie zweifellos hin und wieder vermissen.
Vor allem ihre tollen Schuhe.
 
Man möchte meinen, da meine Wohnung ganz in Weiß gehalten ist, müsste mir jeder noch so kleine Gegenstand, der fehl am Platz ist, sofort ins Auge springen. Ein schwarzer Fussel auf dem weißen Burberry-Teppich etwa, ein roter Fleck auf dem weißen Sofa oder ein hässlicher Kugelschreiberstrich an einer weiß getünchten Wand.
Deshalb überraschte es mich, dass ich den kleinen Gegenstand unter meinem Esstisch, der dort nicht hingehörte, erst bemerkte, als ich an diesem Abend nach Hause kam.
Ich erspähte ihn schon von der Tür aus und legte verwundert den Kopf schief. In einer Umgebung, die stets so blitzblank sauber und tipptopp aufgeräumt ist wie meine Wohnung, fallen ungewöhnliche Objekte sofort auf. Warum also hatte ich dieses Etwas nicht schon vorhin gesehen, als ich aufgebrochen war? Oder neulich, als ich von meinem Besuch bei Raymond Jacobs heimgekommen war? Oder bei meiner Rückkehr aus Paris? (Okay, da wäre es mir vermutlich nicht einmal aufgefallen, wenn in meinem Wohnzimmer eine Zigarren rauchende, Poker spielende Herde Elefanten gesessen hätte. Besser gesagt, es wäre mir völlig schnurz gewesen.)
Jetzt hatte ich das Ding schließlich sofort bemerkt.
Und das, obwohl es weiß war. Was wohl erklärte, weshalb ich es bislang übersehen hatte. Als ich mich dem Esstisch leicht gebückt näherte, um den Fremdkörper besser betrachten zu können, stellte ich fest, dass er doch nicht ganz weiß war, sondern mit einem dunklen Muster überzogen. Hm. Buchstaben. Von Hand geschrieben. Mit schwarzer Tinte.
Ich versuchte, das kleine Etwas mit der Fußspitze unter dem gläsernen Tisch hervorzuholen, doch mein Bein war nicht lang genug.
Also ging ich widerwillig auf alle viere, kroch unter den Tisch und schnappte mir das Ding mit der Hand.
Dann richtete ich mich auf, drehte es um und wurde prompt von einer Welle der Übelkeit erfasst.
Es war Jamies Visitenkarte, die wieder einmal zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht war. Sie musste irgendwann in einer Art symbolischem Akt von ihrem Ehrenplatz auf dem Tisch gefallen und mit der Vorderseite auf dem weißen Teppich gelandet sein.
Ich versuchte, das flaue Gefühl zu unterdrücken, das sich in meinem Magen breitmachte, dann ging ich mit einem tiefen Seufzer in die Küche, öffnete den Mülleimer, warf einen letzten Blick auf den Namen, den ich tausendmal gelesen und berührt hatte, und ließ die Karte in den Eimer segeln.
Ich war schon im Begriff, den Deckel zu schließen, da hielt ich noch einmal inne und dachte daran, wie oft ich diese Karte zur Hand genommen hatte. Sei es, um eine Verabredung mit Jamie zu bestätigen, sei es, um ein Date abzusagen, oder auch nur, um auf seinen Namen zu starren.
Doch eines hatte ich die ganze Zeit über kein einziges Mal getan: Ich hatte nie gelesen, was eigentlich auf der Rückseite stand.
Also fischte ich die Karte wieder heraus und rief mir in Erinnerung, wie sie in meinen Besitz gekommen war.
»Das ist meine letzte, glaube ich. Hab ich extra für Sie aufgehoben«, hatte er gesagt. »Sogar mit persönlicher Widmung hintendrauf … Kleiner Scherz. Ich hatte neulich nichts zum Schreiben dabei.«
Ich drehte die Karte um und las die »persönliche Widmung«.
26. Sept. 11 Uhr, 1118 Wilshire Blvd.
Hm. Warum kam mir das nur so bekannt vor?
Sechsundzwanzigster September, 1118 Wilshire Boulevard.
Rasch fischte ich mein Treo aus der Handtasche und öffnete das Kalenderblatt für September. Hier: 26. September – Autohändler wg. Rückrufaktion. 11 Uhr, 1118 Wilshire Boulevard.
Ich kratzte mich am Kopf und studierte noch einmal die Karte.
Was für ein seltsamer Zufall. Selber Tag, selbe Zeit, selber Ort. Was ich ja längst wusste, weil ich Jamie bei dieser Gelegenheit wiedergesehen hatte. Und mich dem Diktat des Universums gebeugt hatte.
Tja, das Universum hatte zweifellos seinen Spaß mit mir gehabt.
Ich zuckte die Achseln und wollte die Karte eben wieder im Mülleimer versenken, da streifte mein Blick den Backofen, und ich hatte jäh eine Art Flashback.
Der Backofen. Den hatte Marta gerade geschrubbt, als sie mich damals über den Anruf meines Autohändlers informiert hatte. Dort jedoch hatte man merkwürdigerweise nichts von einem Termin mit mir gewusst. Und, was noch merkwürdiger war, für mein Wagenmodell hatte es auch keine Rückrufaktion gegeben.
Ich erstarrte, die Karte in der linken, das Telefon in der rechten Hand. Allmählich dämmerte mir, wer bei dieser scheinbaren Verkettung von Zufällen die Finger im Spiel gehabt hatte.
Ich hatte Jamies Visitenkarte in die hintere Hosentasche gesteckt, und von dort war sie irgendwie in die Küche gelangt, wo Zoë sie gefunden und mir deswegen Löcher in den Bauch gefragt hatte. Da konnte nur ein Mensch dahinterstecken.
Marta. Hatte sie die Karte in meiner Jeans entdeckt, Jamies Notiz auf der Rückseite gelesen und dann behauptet, mein Autohändler hätte mich zu sich bestellt, nur damit ich dort Jamie über den Weg lief?
Das klang derart an den Haaren herbeigezogen, dass es stimmen musste.
Ich kam mir vor wie Hercule Poirot. Marta Hernandez, in der Küche, mit Jamies Visitenkarte!
Wer hätte gedacht, dass sie das Wort Rückrufaktion kannte?
Doch warum wollte sie unbedingt, dass ich Jamie dort begegnete?
Dann fiel mir noch etwas ein. Ich rannte in die Wäschekammer und riss fieberhaft sämtliche Schränke auf, auf der Suche nach dem nächsten Hinweis der Schnitzeljagd.
Aha! Es war, wie ich vermutet hatte.
Im Schrank unter dem Waschbecken, gut versteckt hinter dem Abflussreiniger, dem Fensterputzmittel und der Ersatzpackung Papierhandtücher stand das Waschmittel, von dem ich gedacht hatte, ich hätte vergessen, es zu kaufen. Das Waschmittel, wegen dem mich Marta in den Supermarkt geschickt hatte, als ich gerade Jamie anrufen wollte, um unser drittes Date abzusagen.
Das Waschmittel, von dem sie behauptet hatte, es wäre nicht da. Ich hatte es dort sicher nicht versteckt.
Marta Hernandez, in der Wäschekammer, mit dem Waschmittel!
Die ganze Sache wurde mir allmählich unheimlich. Woher wusste sie überhaupt, wer Jamie war? Hatte sie meine Telefone angezapft? Meine Wohnung verwanzt? Mir einen Gedankenlese-Chip ins Hirn implantiert, während ich schlief?
Dabei hatte ich mir immer solche Mühe gegeben, schwierige Begriffe und Formulierungen möglichst zu vermeiden, damit sie mich verstand, wenn ich ihr sagte, was beim Waschen meiner Lieblingsjeans zu beachten war! Und sie hatte die ganze Zeit über raffinierte Pläne geschmiedet, um in mein Liebesleben einzugreifen!
Was noch?
Wie hatte sie sich sonst noch eingemischt?
Ich stellte mich mitten ins Wohnzimmer und drehte mich langsam im Kreis, betrachtete sorgfältig jeden Zentimeter meines blütenweißen Heimes, bis mein Blick auf den Fernseher fiel.
Ha! Der TiVo!
Desperate Housewives auf Spanisch?
Und zwar rein zufällig die Folge, in der ein verbrecherischer Ehemann entlarvt und belastet wird?
Okay, jetzt war das Maß eindeutig voll.
Nicht genug damit, dass ich Marta das Wiedersehen – und in der Folge die Beziehung – mit Jamie verdankte, sie hatte mir auch noch gezeigt, wie ich mir Raymond Jacobs vom Hals schaffen konnte! Ich wusste nicht, ob ich das tröstlich oder gruselig finden sollte.
»Sie hat mich gerettet«, sagte ich halblaut.
Die ganze Zeit über hatte sie alles gewusst. Und sie hatte mich gerettet.
Marta war mein Schutzengel. Sie hatte aus der Ferne über mich gewacht, mich nicht nur vor dem Schmutz und Straßendreck der Stadt befreit, den ich tagtäglich mit nach Hause brachte, sondern auch vor der Stadt selbst beschützt.
Batman hat Alfred, aber ich habe Marta.
Ich sank benommen auf die Couch, Jamies Visitenkarte noch immer fest umklammert. Es fühlte sich an, als wäre gerade ein Hurrikan durch mein Leben gefegt, und dieses kleine weiße Stück Pappe war das Einzige, das mir geblieben war.
Hatte sie womöglich recht?
Wenn sie mich aus den Klauen eines Raymond Jacobs befreien konnte, dann hatte sie vielleicht auch ihre Gründe gehabt, dafür zu sorgen, dass ich Jamie nicht aus meinem Leben verbannte. Und vielleicht waren es gute Gründe gewesen.
Als es an der Tür klopfte, drehte ich in Zeitlupe den Kopf.
Ich musste nicht erst aufmachen, um zu wissen, wer auf der anderen Seite stand. Manchmal weiß man einfach, was als Nächstes geschieht.
»Hallo«, sagte ich leise, als ich die Tür öffnete. »Möchtest du reinkommen?«
Mein Besucher antwortete nicht. Das musste er auch nicht. Ich wusste, er würde mir genügend zu sagen haben, wenn er erst eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Ich selbst hatte auch so einiges zu beichten. Also hielt ich bloß die Tür auf und sah zu, wie Jamie bedächtig in meine Wohnung kam.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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