27
Wunden lecken
Ich begann geistesabwesend, den Namen niederzuschreiben, den mir Karen Howard genannt hatte. Beim ersten Buchstaben des Nachnamens erstarrte ich. »Jamie Richards?«, wiederholte ich in der festen Überzeugung, dass ich mich verhört hatte.
»Ganz recht.«
Mein Herz pochte plötzlich heftig. Nur mit Müh und Not schaffte ich es, ruhig und regelmäßig weiterzuatmen. Es gab doch bestimmt mehrere Männer namens Jamie Richards in L.A. Zweifellos. Es musste so sein.
Mein Lächeln geriet zur Grimasse, meine Lippen zuckten. »Was macht Mr. Richards beruflich?«, fragte ich fachmännisch. »Ist er im Baugewerbe? Mediziner? Jurist?« Die Spekulationen sprudelten unkontrollierbar aus meinem Mund wie Wasser aus einem Gartenschlauch, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt, nachdem ihn jemand fallen lassen hat.
»Lieber Himmel, nein«, erwiderte Karen mit einem milden Lächeln. »Jamie hasst Juristen.«
Ich nickte bedächtig, starrte sie an, als würden wir uns mit Blicken duellieren, und wartete gespannt auf ihre nächsten Worte.
»Jamie ist Marketingberater.« Sie lehnte sich zurück, ihr Blick wanderte zur Decke. »Bei Calloway Consulting.«
Und da musste ich mich übergeben.
Nicht an Ort und Stelle, auf Jamie Richards feudalen ehelichen Burberry-Teppich, obwohl ich es passend gefunden hätte, ihm dieses kleine Präsent zu hinterlassen.
Stattdessen entschuldigte ich mich hastig, fragte, nein, verlangte, zu wissen, wo sich die Toilette befand, und rannte hinaus.
Dort übergab ich mich zweimal, spülte mir dann den Mund mit Wasser aus und starrte mich im Spiegel an. Ich war schneeweiß im Gesicht. Selbst meine normalerweise grünen Augen wirkten grau und leblos. Meine Lippen waren blass, obwohl ich, ehe ich aus dem Haus gegangen war, zwei Lagen Lippgloss aufgetragen hatte.
Ich schluckte.
Das musste ein böser Traum sein.
Es konnte nicht wirklich geschehen.
Ich bildete mir das alles bloß ein.
Ich würde jetzt ins Wohnzimmer marschieren, alle Details noch einmal überprüfen, und dann würde Karen Howards unbeschwertes Lachen den Raum erfüllen, wenn sie hörte, was ich mir notiert hatte. »Sie haben Jamie Richards verstanden? Hahahaha, nein, nein, ich sagte Maley Pichards!«
Ja, genau das würde passieren.
Ich wischte mir einen Schweißtropfen von der Stirn und einen weiteren von der Oberlippe, dann knipste ich das Licht aus und begab mich hoch erhobenen Hauptes wieder ins Wohnzimmer, um diese dumme Verwechslung auszuräumen.
Doch während ich leise meinen Platz wieder einnahm, wurde mir klar, dass von unbeschwertem Lachen keine Rede sein konnte. Meine Auftraggeberin musterte mich verwundert und fragte sich offenbar, ob ich immer aus dem Zimmer rannte, sobald der Name des Ehemannes gefallen war. Schließlich hatte sie noch nie mit einer Treuetesterin zu tun gehabt.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie argwöhnisch.
Ich versuchte, zu lächeln. »Ja, alles bestens. Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung.«
Karen seufzte. »Gut. Nun, ich wollte gerade sagen, dass Jamie sehr viel arbeitet.« Ihre Betonung ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass dies ihrer Meinung nach ein Problem in ihrer Ehe darstellte.
In ihrer Ehe! Es war also doch kein böser Traum! Ich konnte es nicht glauben. Jamie Richards … dieser liebenswerte, zuvorkommende, charmante Mann, der mich gebeten hatte, ihn nach Paris zu begleiten, war verheiratet! Verheiratet, sprich, »Bis dass der Tod uns scheidet«, oder eher »Bis ich irgendeine beschränkte Tussi in einem Flugzeug kennenlerne, die dumm genug ist, zu glauben, dass ich Single bin«.
Ich ließ mir jede Unterhaltung, die wir je geführt hatten, jede seiner Bewegungen durch den Kopf gehen, versuchte verzweifelt, die durcheinanderwirbelnden Erinnerungen in Zeitlupe ablaufen zu lassen auf der Suche nach Hinweisen. Nach einem hellen Streifen, den Sonnenlicht und Ehering hinterlassen haben könnten, nach einem versehentlich geäußerten »wir«, nach nervösem Stottern, wenn es um das Thema heiraten ging. Hatte ich etwas übersehen? Nein. Es hatte keine Hinweise gegeben. Nichts.
Außer …
Plötzlich fiel mir wieder ein, wie wir uns nach unserem zweiten Date vor meiner Tür verabschiedet hatten. »Ich mag dich sehr, Jen. Aber ich finde, wir sollten es langsam angehen … Ich möchte nichts überstürzen.«
Das war der Grund, weshalb er nicht mit mir ins Bett wollte? Weil er verheiratet war? Und ich hatte die ganze Zeit gedacht, er wäre einfach nur nett. Rücksichtsvoll. Aufrichtig. Tatsächlich war es der Code gewesen für »Ich bin eigentlich verheiratet und will nicht richtig fremdgehen, sondern nur so halb. Es reicht mir, wenn wir ein bisschen knutschen«.
Er hatte mich nach Paris eingeladen, verdammt noch mal!
Doch warum die Zurückhaltung? Wenn schon, denn schon! Wozu es unnötig hinauszögern, halbe Sachen machen?
»Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?« Karens Stimme riss mich aus meiner Trance, und da erst bemerkte ich, dass ich den Kopf schief gelegt hatte und mein Mund halb offen stand.
Ich schloss hastig den Mund und setzte mich gerade hin. »Ja. Verzeihung. Was sagten Sie gerade?«
Sie musterte mich skeptisch, kehrte dann jedoch zum Thema zurück. »Ich sagte, dass mein Mann viel arbeitet und oft auf Geschäftsreisen geht. Ich frage mich, was er da so treibt. Ich habe Angst, er könnte … Sie wissen schon.«
Oh, ja. Und wie! Am liebsten hätte ich auf der Stelle lauthals kundgetan, wie gut ich über die Geschäftsreisen ihres Mannes informiert war. Doch ich nickte nur.
»Kommende Woche fliegt er nach Paris«, fuhr sie fort. »Ich weiß ja nicht, ob das für Sie geographisch noch im Rahmen des Möglichen liegt, aber ich dachte, das wäre vielleicht eine gute Gelegenheit, um …« Sie schluckte. »… ihn zu testen … oder was auch immer Sie genau machen.«
»Ja!«, stieß ich so laut hervor, dass sie zusammenzuckte. Ich räusperte mich. »Ich wollte sagen, ja, das wäre in der Tat eine sehr gute Gelegenheit, Ihren Mann zu testen.«
Wenn das nicht der ultimative letzte Auftrag war, was dann? Ein ganz gewöhnlicher Auftrag war es ja von vornherein nicht gewesen, aber jetzt war ich unversehens persönlich in den Fall verwickelt. Von einer Sekunde auf die andere saß in diesem Wohnzimmer nicht mehr Ashlyn … sondern Jennifer.
»Ich komme natürlich für die Reisekosten auf«, stellte Karen fest. »Aber ich will es einfach wissen … Ich muss es wissen.«
Willkommen im Club, dachte ich.
»Natürlich«, sagte ich ruhig, obwohl mir vor Wut bereits ganz heiß im Bauch wurde. Nicht mehr lange, dann würde ich überkochen und musste mir in Form von wüsten Flüchen und unanständigen Gesten Luft machen. Höchste Zeit für einen Abgang.
Wie auf Nadeln saß ich da und lauschte Karens Ausführungen über das Programm der Geschäftsreise, tat, als würde ich mir Notizen machen, dabei wusste ich längst über jedes Detail Bescheid. Jamie hatte mir die Reisebeschreibung per E-Mail geschickt, und ich liebestolle Idiotin hatte sie auf der Stelle auswendig gelernt.
Auf dem Weg zur Tür erwähnte Karen noch seine Hobbys und Interessen, seinen Werdegang, seine Vorlieben und Abneigungen; alles, was ich eben erst selbst in Erfahrung gebracht hatte über den Mann, in dem ich mich so getäuscht hatte. Plötzlich war die Wut wie weggewischt, hinweggeschwemmt von einem Meer aus Tränen. Tränen, die ich nur mit Mühe zurückhalten konnte. Nichts wie raus hier.
Kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen, rollte mir die erste Träne über die Wange.
Und sobald ich im Wagen saß, öffneten sich die Schleusen, und ich schluchzte unkontrolliert, den Kopf an das Lenkrad gelehnt. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so bitterlich geweint hatte.
In diesem Moment hasste ich mich. Ich hasste mich dafür, dass ich ihm auf den Leim gegangen war. Dass ich ihm vertraut, Gefühle zugelassen hatte. Nie wieder hatte ich irgendetwas fühlen wollen. Nichts zu fühlen, war bestimmt besser als das hier. Von wegen ›Weine nicht, weil es aus ist, sondern lächle, weil es schön war.‹ Alles Schwachsinn. Ich wischte mir die Wangen ab, ließ den Motor an und machte mich auf den Weg.
Normalerweise wäre ich jetzt zu Sophie gefahren … oder vielleicht sogar zu Zoë. Aber ich hatte den dringenden Verdacht, dass eine normale Therapiesitzung diesmal nicht ausreichen würde.
Ich wollte niemanden sehen. Ich wollte mit niemandem reden. Ich wollte nur nach Hause, in mein Bett fallen und weinen.
Und genau das tat ich auch.
 
Ich ging geschlagene vierundzwanzig Stunden nicht ans Telefon. Ich hörte zu, wie es klingelte. Im Laufe eines einzigen Tages erhielt ich drei »besorgte« Anrufe von Sophie, zwei Anrufe von Zoë, in denen sie teils mich, teils diverse Verkehrsteilnehmer eine »Nutte« und einen »strohdummen Esel« nannte, einen Anruf von John, zwei von unterdrückten Nummern und zwei von Jamie.
Schließlich stand Sophie vor meiner Tür und forderte Einlass, und als ich nicht reagierte, benutzte sie ihren Schlüssel.
Sie fand mich auf dem Bett liegend vor, noch in denselben Kleidern, in denen ich am Vortag Karen Richards, die Gattin dieses hinterhältigen Betrügers, besucht hatte.
»Was ist los?«, keuchte sie, während sie im Laufschritt zu mir eilte und sich auf der Bettkante niederließ, um mir behutsam über das Haar zu streichen.
Ich sah sie mit müden, schlaflosen Augen an, geschwächt wie noch nie, nachdem ich über einen Tag lang nichts gegessen hatte. »Jamie ist verheiratet«, sagte ich matt.
»Was?« Ihre Hand blieb mitten in der Bewegung auf meiner Stirn liegen.
»Mein letzter Auftrag«, krächzte ich mit monotoner Stimme. »Karen Howard. Eigentlich heißt sie Karen Richards
Sophie starrte mich entsetzt an. »Vielleicht ist es nicht derselbe Jamie.«
Ich sah ihr in die Augen. »Sie will, dass ich ihn in Paris teste, weil er da nächste Woche geschäftlich zu tun hat.«
»Oh.«
Ich rollte mich auf die Seite, weg von ihr, und schob mir die Hände unter die Wange.
Sophie schwieg. Sie wusste offenbar nicht, was sie sagen sollte. Das war mir ohnehin fast lieber – ein Schweigen war wenigstens aufrichtig.
Ein paar Minuten herrschte Stille. Dann fragte sie: »Und, fährst du hin?«
»Ja«, antwortete ich, ohne mich umzudrehen. »Ich werde diesem verlogenen Bastard das Handwerk legen und dafür sorgen, dass er seine gerechte Strafe erhält.«
»Du klingst wie ein Bezirksstaatsanwalt.«
»Und ich weiß jetzt auch, wie es sich anfühlt, einer zu sein.«
»Warum willst du dir das überhaupt antun? Dass er fremdgeht, weißt du doch schon. Sag ihm, du kommst doch nicht mit, und erzähl seiner Frau, dass er durchgefallen ist.«
»Nein. Ich fahre. Weil ich es wissen muss.«
»Was musst du wissen?«, fragte sie erstaunt.
»Ob er es wirklich tun würde. Ob er sie betrügen würde.«
Sophie überlegte. »Du meinst, ob er mit dir schlafen würde?«
Ich drehte mich zu ihr und nickte. »Ja! Wir waren noch immer nicht miteinander im Bett! Er meinte, er will noch warten … Nichts überstürzen … bla, bla, bla. Scheißkerl.«
»Und du glaubst, das hat er gesagt, weil er verheiratet ist?«, hakte Sophie nach.
»Fällt dir ein anderer Grund ein?«
Sie holte tief Luft. »Ob ihr nun Sex hattet oder nicht – Ehebruch ist es trotzdem.«
»Findest du?«
Sie sah mich an. Hielt meinem Blick stand. Sie wusste, worauf ich hinauswollte. Jede Frau stellt sich diese Frage. Es ist die Beziehungsfrage schlechthin, die Frage, die genauso alt ist wie die Institution der Ehe selbst.
Was ist Ehebruch? Ist es das Abnehmen des Eheringes? Das Verschweigen der Ehefrau? Ein Gespräch? Flirten? Küsse? Berührungen?
Wo ist die Grenze? Und wann wird sie überschritten?
Wann kann man von einer »Neigung zum Seitensprung« sprechen? Kann man überhaupt mit Sicherheit sagen, jemand hätte die »Absicht« fremdzugehen? Und ist die Absicht schon als Betrug zu werten?
Diese Fragen hatte ich bis jetzt meinen Klientinnen überlassen. Mich hatten sie nie betroffen. Bis jetzt.
Doch jetzt war ich es, die Gewissheit brauchte.
Jetzt war ich es, die den Begriff »Untreue« definieren musste.
Und auf einmal sah alles ganz anders aus.
»Dann wirst du also mit ihm schlafen?«
Ich kniff die Augen zusammen. »Das kann ich doch jetzt nicht mehr!«, stieß ich hervor. »Ich hatte es vor. Ich meine, gibt es einen romantischeren Ort für das erste Mal als Paris? Das ist doch wie im Film.«
Sophie nickte. »Stimmt.«
»Aber wenn ich jetzt mit ihm ins Bett gehe, nur um etwas zu beweisen – sei es nun mir selbst oder sonst wem -, dann bin ich keinen Deut besser als er! Dann schlafe ich mit einem verheirateten Mann, obwohl ich genau weiß, dass er verheiratet ist. Das ist einfach nur falsch.«
»Was willst du dann tun?«
Ich rollte mich auf den Rücken und starrte an die Decke. »Dasselbe wie sonst auch immer, schätze ich.«
»Ihm die Absicht nachweisen?«
Meine Augen füllten sich mit Tränen. »Ich werde in absolut allerletzter Minute abbrechen.«
»Aber ihr teilt euch doch das Hotelzimmer! Ist das allein nicht Beweis genug? Er hat bestimmt keine zwei getrennten Zimmer reserviert, oder?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, aber ein gemeinsames Hotelzimmer allein reicht noch nicht. Ich muss hundertprozentig sicher sein. Ich muss wissen, ob er es wirklich durchziehen würde. Für seine …« – ich brach ab, weil mir die Stimme zu versagen drohte – »Frau … und vor allem für mich selbst.«
Sophie sah mich an und wischte sacht die einzelne Träne weg, die mir über die Wange lief. »Und was ist, wenn er es nicht tut? Wenn er es nicht durchzieht?«
Ich lachte höhnisch. »Daran habe ich auch schon gedacht«, gab ich zu. »Diese Möglichkeit jagt mir am meisten Angst ein.«
Was, wenn er es tatsächlich nicht durchzog? Hieß das, dass er kein Betrüger war? Dass er seiner Frau treu war? Konnte ich seinen Namen dann der heiligen Liste in meiner geheimen Holzschatulle hinzufügen? War das dann ein »Hoch!« auf sämtliche treue Ehemänner im Universum? Ich hoffe nur, sie sind glücklich. Sie könnten sich ja zusammentun und einen Verein gründen. Alle zehn. Oder alle neun, oder wie viele es auch sein mochten. Ich wusste es nicht mehr.
Ich wusste ja noch nicht einmal, ob der Zukünftige meiner besten Freundin fähig wäre, sie zu betrügen. Ich wusste gar nichts mehr. Alles, von dem ich gedacht hatte, ich wüsste es, alles, dessen ich mir sicher gewesen war, hatte sich als unrichtig entpuppt.
Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Da hatte ich einmal – das erste Mal – nicht aufgepasst, und schon war ich auf diesen Wichser hereingefallen, der herumrannte und den anständigen Kerl spielte. Der mich gebeten hat, mit ihm nach Paris zu reisen und behauptet, er wolle es langsam angehen. Und das, nachdem ich zwei Jahre lang so penibel darauf geachtet hatte, mich nicht zu verlieben. Wie ich soeben bewiesen hatte, verwendet man im Zusammenhang mit Verliebtheit nicht umsonst den Ausdruck »jemandem verfallen«. Wie ich seit meinem fünften Lebensjahr weiß, ist fallen stets mit Schmerzen verbunden. Man schürft sich das Knie auf oder den Ellbogen, und dann muss man tagelang mit einem grässlich bunten Sesamstraße-Pflaster herumlaufen, das jedem signalisiert: Seht her! Ich bin verletzt! Obwohl ich wusste, dass es nicht erlaubt war, habe ich am Rande des Abgrunds gespielt. Da könnt ihr mal sehen, wie das endet.
Nachdem Sophie gegangen war (nicht ohne mir zu versprechen, dass sie in ein paar Stunden noch einmal vorbeischauen würde), rief Jamie zum dritten Mal an, und beim vierten Klingeln kam ich zu dem Schluss, dass ich abnehmen musste. Aus beruflichen Gründen. Wenn ich in Paris so tun wollte, als wäre alles in Butter, als hätte ich keine Ahnung, dass er verheiratet war, dann musste ich früher oder später mit ihm reden, um kein Misstrauen zu erregen. Ich hatte einen wichtigen, geheimen Auftrag, und den durfte ich nicht gefährden.
Deshalb gab ich mir größte Mühe, mir meine Verbitterung nicht anmerken zu lassen, als ich den Hörer abnahm. Es fiel mir alles andere als leicht.
Und ich muss zugeben, dass ich mich nicht gerade heldenhaft schlug.
»Ist alles okay?«, fragte Jamie schon nach einer Minute.
»Ja, alles im grünen Bereich«, erwiderte ich knapp. »Hatte bloß einen schlimmen Tag.«
»Ah«, sagte er. »Probleme in der Arbeit?«
Ich verdrehte die Augen. »Ja. Ich hab mich ganz schön an der Nase herumführen lassen.«
»Das tut mir leid, Süße.« Es klang so aufrichtig, dass ich mich beinahe schon wieder übergeben hätte.
Dieser Kerl war der geborene Schauspieler. Eine Vier im Theaterunterricht? Also bitte. Der Mann sollte ein Filmstar sein. Wer verdient sich seine Brötchen mit Marketingkonzepten, wenn er derart Oscar-reife schauspielerische Leistungen bringen kann?
»Tja, so ist das eben in meiner Branche.«
»Aber sie lassen dich doch hoffentlich trotzdem nach Paris, oder?«, wollte er besorgt wissen.
»Ja, ja«, sagte ich. »Es kann allerdings sein, dass ich dort ein bisschen arbeiten muss, damit nicht so viel liegen bleibt.«
»Na, dann.«
Ich verspürte das Bedürfnis, ihn durch die Leitung hinweg zu würgen. Doch das Schlimmste war: Obwohl sich meine Meinung über ihn grundlegend geändert hatte, war Jamie noch haargenau derselbe Mensch. Freundlich und fürsorglich wie eh und je, und es wirkte überhaupt nicht aufgesetzt. Es war erstaunlich. So sehr ich ihn in diesem Augenblick auch hasste, es war nichts Hassenswertes an ihm. Gar nichts (bis auf die verschwiegene Ehefrau). Ganz im Gegenteil. Er war die Liebenswürdigkeit in Person. Und dafür hasste ich ihn nur noch mehr.
»Sollen wir davor noch mal miteinander essen gehen? Ein letztes Mal, ehe wir das Land verlassen?«, schlug er vor.
»Ist ja nicht so, als würden wir nicht zurückkommen«, entgegnete ich und hätte beinahe hinzugefügt: »Obwohl es natürlich sein könnte, dass du in einem Leichensack nach Hause fliegst.«
Jamie lachte. »Ich weiß. Ich dachte nur, es wäre nett.«
Ja, allerdings, sehr nett, dachte ich. Ich werde die ganze Zeit auf deine Hand starren, wo in regelmäßigen Abständen ein imaginärer Ehering aufblitzen wird, und dann werde ich mir vorstellen, wie du mit Karen Richards ins Bett hüpfst, nachdem du mich mit der »nichts überstürzen«-Nummer zu Hause abgeliefert hast. Klingt echt verlockend. Ungefähr so verlockend wie die Aussicht, mir von meinem Gynäkologen in der Gebärmutter rumstochern zu lassen.
Ich atmete tief durch. Ruhig bleiben. »Ich fürchte, ich kann nicht … Baby.« Ich schluckte, weil mir buchstäblich die Galle hochkam. »Es gibt noch so viel zu tun, weil ich doch eine Weile weg sein werde.«
»Okay, das verstehe ich natürlich«, meinte er. Es folgte ein beklommenes Schweigen. Das war neu. Bis jetzt hatten wir uns immer blendend verstanden. Alles total easy.
Schließlich brach er das Schweigen. »Ist auch wirklich alles in Ordnung?«
Einen Moment tat er mir beinahe leid. Er hatte keine Ahnung, warum urplötzlich etwas anders war. Warum ich urplötzlich anders war. Denn so sehr ich mich auch bemühte, meine Wut zu unterdrücken, es gelang mir nicht ganz. Man musste keine übernatürlichen Fähigkeiten haben, um zu bemerken, dass eine merkwürdige Stimmung zwischen uns herrschte. Dann fiel mir wieder der Grund für meine Wut ein, und mein Mitleid war wie weggeblasen.
»Ja, alles okay«, erwiderte ich und sank rücklings auf das Bett. »Entschuldige. Mein Job macht mich ganz verrückt zurzeit. Wann holst du mich am Samstag ab?«
Jamie räusperte sich. »Wir fliegen um halb zwei ab, und da es ein internationaler Flug ist, müssen wir zwei Stunden eher dort sein. Was hältst du davon, wenn ich so gegen zehn bei dir vorbeikomme?«
»Klingt super«, sagte ich hastig.
»Großartig.«
»Okay, dann werde ich mich mal wieder in die Arbeit stürzen. Wir sehen uns am Samstag.«
»Ja, bis dann«, erwiderte er verunsichert.
Ich legte auf und ließ das Telefon auf meinen Bauch sinken.
»Ich habe keine andere Wahl«, murmelte ich halblaut. »Ich muss Gewissheit haben. Das habe ich doch verdient, oder?«
Ich schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie es sein würde, am Samstag zu ihm ins Auto zu steigen. Neben ihm im Flugzeug zu sitzen. Hinter ihm das Hotelzimmer zu betreten. Plötzlich kamen mir Zweifel. Wie um Himmels willen sollte ich das durchstehen, wenn ich schon an einer dreiminütigen Unterhaltung am Telefon fast gescheitert war? Wie sollte ich fünf Tage lang Theater spielen, während wir durch Paris spazierten, uns über Impressionismus unterhielten und überteuerten Café au lait tranken? Unmöglich. Ich war zu tief verletzt. Zu involviert.
Und mein Pflaster war unübersehbar, auch wenn es keine bunten Bilder von Elmo und Bibo aus der Sesamstraße zierten.
Wenn ich in den kommenden Tagen kein Misstrauen erregen wollte, war ich auf die Hilfe eines Experten angewiesen, der in dieser Angelegenheit garantiert emotional unbeteiligt bleiben würde. Jemand, der kühl, reserviert und gleichgültig war, dem es absolut egal war, ob Jamie verheiratet war oder nicht, ob er mir davon erzählt hatte oder nicht. Jemand, der sich noch nie für den Familienstand eines Mannes interessiert hatte.
Ich hatte gehofft, es würde niemals so weit kommen, doch jetzt blieb mir nichts anderes mehr übrig.
Es war an der Zeit, dass Jamie eine Frau namens Ashlyn kennenlernte.
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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