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Wunden lecken
Ich begann geistesabwesend, den Namen
niederzuschreiben, den mir Karen Howard genannt hatte. Beim ersten
Buchstaben des Nachnamens erstarrte ich. »Jamie Richards?«,
wiederholte ich in der festen Überzeugung, dass ich mich verhört
hatte.
»Ganz recht.«
Mein Herz pochte plötzlich heftig. Nur mit Müh und
Not schaffte ich es, ruhig und regelmäßig weiterzuatmen. Es gab
doch bestimmt mehrere Männer namens Jamie Richards in L.A.
Zweifellos. Es musste so sein.
Mein Lächeln geriet zur Grimasse, meine Lippen
zuckten. »Was macht Mr. Richards beruflich?«, fragte ich
fachmännisch. »Ist er im Baugewerbe? Mediziner? Jurist?« Die
Spekulationen sprudelten unkontrollierbar aus meinem Mund wie
Wasser aus einem Gartenschlauch, der plötzlich ein Eigenleben
entwickelt, nachdem ihn jemand fallen lassen hat.
»Lieber Himmel, nein«, erwiderte Karen mit einem
milden Lächeln. »Jamie hasst Juristen.«
Ich nickte bedächtig, starrte sie an, als würden
wir uns mit Blicken duellieren, und wartete gespannt auf ihre
nächsten Worte.
»Jamie ist Marketingberater.« Sie lehnte sich
zurück, ihr Blick wanderte zur Decke. »Bei Calloway
Consulting.«
Und da musste ich mich übergeben.
Nicht an Ort und Stelle, auf Jamie Richards
feudalen ehelichen Burberry-Teppich, obwohl
ich es passend gefunden hätte, ihm dieses kleine Präsent zu
hinterlassen.
Stattdessen entschuldigte ich mich hastig, fragte,
nein, verlangte, zu wissen, wo sich die Toilette befand, und rannte
hinaus.
Dort übergab ich mich zweimal, spülte mir dann den
Mund mit Wasser aus und starrte mich im Spiegel an. Ich war
schneeweiß im Gesicht. Selbst meine normalerweise grünen Augen
wirkten grau und leblos. Meine Lippen waren blass, obwohl ich, ehe
ich aus dem Haus gegangen war, zwei Lagen Lippgloss aufgetragen
hatte.
Ich schluckte.
Das musste ein böser Traum sein.
Es konnte nicht wirklich geschehen.
Ich bildete mir das alles bloß ein.
Ich würde jetzt ins Wohnzimmer marschieren, alle
Details noch einmal überprüfen, und dann würde Karen Howards
unbeschwertes Lachen den Raum erfüllen, wenn sie hörte, was ich mir
notiert hatte. »Sie haben Jamie Richards
verstanden? Hahahaha, nein, nein, ich sagte Maley Pichards!«
Ja, genau das würde passieren.
Ich wischte mir einen Schweißtropfen von der Stirn
und einen weiteren von der Oberlippe, dann knipste ich das Licht
aus und begab mich hoch erhobenen Hauptes wieder ins Wohnzimmer, um
diese dumme Verwechslung auszuräumen.
Doch während ich leise meinen Platz wieder einnahm,
wurde mir klar, dass von unbeschwertem Lachen keine Rede sein
konnte. Meine Auftraggeberin musterte mich verwundert
und fragte sich offenbar, ob ich immer aus dem Zimmer rannte,
sobald der Name des Ehemannes gefallen war. Schließlich hatte sie
noch nie mit einer Treuetesterin zu tun gehabt.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie
argwöhnisch.
Ich versuchte, zu lächeln. »Ja, alles bestens.
Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung.«
Karen seufzte. »Gut. Nun, ich wollte gerade sagen,
dass Jamie sehr viel arbeitet.« Ihre
Betonung ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass dies ihrer
Meinung nach ein Problem in ihrer Ehe darstellte.
In ihrer Ehe! Es war also doch kein böser Traum!
Ich konnte es nicht glauben. Jamie Richards … dieser liebenswerte,
zuvorkommende, charmante Mann, der mich gebeten hatte, ihn nach
Paris zu begleiten, war verheiratet! Verheiratet, sprich, »Bis dass
der Tod uns scheidet«, oder eher »Bis ich irgendeine beschränkte
Tussi in einem Flugzeug kennenlerne, die dumm genug ist, zu
glauben, dass ich Single bin«.
Ich ließ mir jede Unterhaltung, die wir je geführt
hatten, jede seiner Bewegungen durch den Kopf gehen, versuchte
verzweifelt, die durcheinanderwirbelnden Erinnerungen in Zeitlupe
ablaufen zu lassen auf der Suche nach Hinweisen. Nach einem hellen
Streifen, den Sonnenlicht und Ehering hinterlassen haben könnten,
nach einem versehentlich geäußerten »wir«, nach nervösem Stottern,
wenn es um das Thema heiraten ging. Hatte ich etwas übersehen?
Nein. Es hatte keine Hinweise gegeben. Nichts.
Außer …
Plötzlich fiel mir wieder ein, wie wir uns nach
unserem zweiten Date vor meiner Tür verabschiedet hatten. »Ich mag dich sehr, Jen. Aber ich finde, wir sollten es
langsam angehen … Ich möchte nichts überstürzen.«
Das war der Grund, weshalb
er nicht mit mir ins Bett wollte?
Weil er verheiratet war? Und ich hatte die
ganze Zeit gedacht, er wäre einfach nur nett. Rücksichtsvoll.
Aufrichtig. Tatsächlich war es der Code gewesen für »Ich bin
eigentlich verheiratet und will nicht richtig fremdgehen, sondern
nur so halb. Es reicht mir, wenn wir ein bisschen knutschen«.
Er hatte mich nach Paris eingeladen, verdammt noch
mal!
Doch warum die Zurückhaltung? Wenn schon, denn
schon! Wozu es unnötig hinauszögern, halbe Sachen machen?
»Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?« Karens
Stimme riss mich aus meiner Trance, und da erst bemerkte ich, dass
ich den Kopf schief gelegt hatte und mein Mund halb offen
stand.
Ich schloss hastig den Mund und setzte mich gerade
hin. »Ja. Verzeihung. Was sagten Sie gerade?«
Sie musterte mich skeptisch, kehrte dann jedoch zum
Thema zurück. »Ich sagte, dass mein Mann viel arbeitet und oft auf
Geschäftsreisen geht. Ich frage mich, was er da so treibt. Ich habe
Angst, er könnte … Sie wissen schon.«
Oh, ja. Und wie! Am liebsten hätte ich auf der
Stelle lauthals kundgetan, wie gut ich über die Geschäftsreisen
ihres Mannes informiert war. Doch ich nickte nur.
»Kommende Woche fliegt er nach Paris«, fuhr sie
fort. »Ich weiß ja nicht, ob das für Sie geographisch noch im
Rahmen des Möglichen liegt, aber ich dachte, das wäre vielleicht
eine gute Gelegenheit, um …« Sie schluckte. »… ihn zu testen … oder
was auch immer Sie genau machen.«
»Ja!«, stieß ich so laut hervor, dass sie
zusammenzuckte. Ich räusperte mich. »Ich wollte sagen, ja, das wäre
in der Tat eine sehr gute Gelegenheit,
Ihren Mann zu testen.«
Wenn das nicht der ultimative letzte Auftrag war,
was dann? Ein ganz gewöhnlicher Auftrag war es ja von vornherein
nicht gewesen, aber jetzt war ich unversehens persönlich in den
Fall verwickelt. Von einer Sekunde auf die andere saß
in diesem Wohnzimmer nicht mehr Ashlyn … sondern Jennifer.
»Ich komme natürlich für die Reisekosten auf«,
stellte Karen fest. »Aber ich will es einfach wissen … Ich
muss es wissen.«
Willkommen im Club, dachte
ich.
»Natürlich«, sagte ich ruhig, obwohl mir vor Wut
bereits ganz heiß im Bauch wurde. Nicht mehr lange, dann würde ich
überkochen und musste mir in Form von wüsten Flüchen und
unanständigen Gesten Luft machen. Höchste Zeit für einen
Abgang.
Wie auf Nadeln saß ich da und lauschte Karens
Ausführungen über das Programm der Geschäftsreise, tat, als würde
ich mir Notizen machen, dabei wusste ich längst über jedes Detail
Bescheid. Jamie hatte mir die Reisebeschreibung per E-Mail
geschickt, und ich liebestolle Idiotin hatte sie auf der Stelle
auswendig gelernt.
Auf dem Weg zur Tür erwähnte Karen noch seine
Hobbys und Interessen, seinen Werdegang, seine Vorlieben und
Abneigungen; alles, was ich eben erst selbst in Erfahrung gebracht
hatte über den Mann, in dem ich mich so getäuscht hatte. Plötzlich
war die Wut wie weggewischt, hinweggeschwemmt von einem Meer aus
Tränen. Tränen, die ich nur mit Mühe zurückhalten konnte. Nichts
wie raus hier.
Kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen,
rollte mir die erste Träne über die Wange.
Und sobald ich im Wagen saß, öffneten sich die
Schleusen, und ich schluchzte unkontrolliert, den Kopf an das
Lenkrad gelehnt. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt
so bitterlich geweint hatte.
In diesem Moment hasste ich mich. Ich hasste mich
dafür, dass ich ihm auf den Leim gegangen war. Dass ich ihm
vertraut, Gefühle zugelassen hatte. Nie wieder hatte ich
irgendetwas
fühlen wollen. Nichts zu fühlen, war bestimmt besser als das hier.
Von wegen ›Weine nicht, weil es aus ist,
sondern lächle, weil es schön war.‹ Alles Schwachsinn. Ich
wischte mir die Wangen ab, ließ den Motor an und machte mich auf
den Weg.
Normalerweise wäre ich jetzt zu Sophie gefahren …
oder vielleicht sogar zu Zoë. Aber ich hatte den dringenden
Verdacht, dass eine normale Therapiesitzung diesmal nicht
ausreichen würde.
Ich wollte niemanden sehen. Ich wollte mit
niemandem reden. Ich wollte nur nach Hause, in mein Bett fallen und
weinen.
Und genau das tat ich auch.
Ich ging geschlagene vierundzwanzig Stunden nicht
ans Telefon. Ich hörte zu, wie es klingelte. Im Laufe eines
einzigen Tages erhielt ich drei »besorgte« Anrufe von Sophie, zwei
Anrufe von Zoë, in denen sie teils mich, teils diverse
Verkehrsteilnehmer eine »Nutte« und einen »strohdummen Esel«
nannte, einen Anruf von John, zwei von unterdrückten Nummern und
zwei von Jamie.
Schließlich stand Sophie vor meiner Tür und
forderte Einlass, und als ich nicht reagierte, benutzte sie ihren
Schlüssel.
Sie fand mich auf dem Bett liegend vor, noch in
denselben Kleidern, in denen ich am Vortag Karen Richards, die
Gattin dieses hinterhältigen Betrügers, besucht hatte.
»Was ist los?«, keuchte sie, während sie im
Laufschritt zu mir eilte und sich auf der Bettkante niederließ, um
mir behutsam über das Haar zu streichen.
Ich sah sie mit müden, schlaflosen Augen an,
geschwächt wie noch nie, nachdem ich über einen Tag lang nichts
gegessen hatte. »Jamie ist verheiratet«, sagte ich matt.
»Was?« Ihre Hand blieb mitten in der Bewegung auf
meiner Stirn liegen.
»Mein letzter Auftrag«, krächzte ich mit monotoner
Stimme. »Karen Howard. Eigentlich heißt sie Karen Richards.«
Sophie starrte mich entsetzt an. »Vielleicht ist es
nicht derselbe Jamie.«
Ich sah ihr in die Augen. »Sie will, dass ich ihn
in Paris teste, weil er da nächste Woche geschäftlich zu tun
hat.«
»Oh.«
Ich rollte mich auf die Seite, weg von ihr, und
schob mir die Hände unter die Wange.
Sophie schwieg. Sie wusste offenbar nicht, was sie
sagen sollte. Das war mir ohnehin fast lieber – ein Schweigen war
wenigstens aufrichtig.
Ein paar Minuten herrschte Stille. Dann fragte sie:
»Und, fährst du hin?«
»Ja«, antwortete ich, ohne mich umzudrehen. »Ich
werde diesem verlogenen Bastard das Handwerk legen und dafür
sorgen, dass er seine gerechte Strafe erhält.«
»Du klingst wie ein Bezirksstaatsanwalt.«
»Und ich weiß jetzt auch, wie es sich anfühlt,
einer zu sein.«
»Warum willst du dir das überhaupt antun? Dass er
fremdgeht, weißt du doch schon. Sag ihm, du kommst doch nicht mit,
und erzähl seiner Frau, dass er durchgefallen ist.«
»Nein. Ich fahre. Weil ich
es wissen muss.«
»Was musst du wissen?«, fragte sie erstaunt.
»Ob er es wirklich tun würde. Ob er sie betrügen würde.«
Sophie überlegte. »Du meinst, ob er mit dir
schlafen würde?«
Ich drehte mich zu ihr und nickte. »Ja! Wir waren
noch immer nicht miteinander im Bett! Er meinte, er will noch
warten … Nichts überstürzen … bla, bla, bla. Scheißkerl.«
»Und du glaubst, das hat er gesagt, weil er
verheiratet ist?«, hakte Sophie nach.
»Fällt dir ein anderer Grund ein?«
Sie holte tief Luft. »Ob ihr nun Sex hattet oder
nicht – Ehebruch ist es trotzdem.«
»Findest du?«
Sie sah mich an. Hielt meinem Blick stand. Sie
wusste, worauf ich hinauswollte. Jede Frau stellt sich diese Frage.
Es ist die Beziehungsfrage schlechthin, die
Frage, die genauso alt ist wie die Institution der Ehe
selbst.
Was ist Ehebruch? Ist es das Abnehmen des
Eheringes? Das Verschweigen der Ehefrau? Ein Gespräch? Flirten?
Küsse? Berührungen?
Wo ist die Grenze? Und wann wird sie
überschritten?
Wann kann man von einer »Neigung zum Seitensprung«
sprechen? Kann man überhaupt mit Sicherheit sagen, jemand hätte die
»Absicht« fremdzugehen? Und ist die Absicht schon als Betrug zu
werten?
Diese Fragen hatte ich bis jetzt meinen Klientinnen
überlassen. Mich hatten sie nie betroffen. Bis jetzt.
Doch jetzt war ich es, die Gewissheit
brauchte.
Jetzt war ich es, die den Begriff »Untreue«
definieren musste.
Und auf einmal sah alles ganz anders aus.
»Dann wirst du also mit ihm schlafen?«
Ich kniff die Augen zusammen. »Das kann ich doch
jetzt nicht mehr!«, stieß ich hervor. »Ich hatte es vor. Ich meine,
gibt es einen romantischeren Ort für das erste Mal als Paris? Das
ist doch wie im Film.«
Sophie nickte. »Stimmt.«
»Aber wenn ich jetzt mit ihm ins Bett gehe, nur um
etwas zu beweisen – sei es nun mir selbst oder sonst wem -, dann
bin ich keinen Deut besser als er! Dann schlafe ich mit einem
verheirateten Mann, obwohl ich genau weiß, dass er verheiratet ist.
Das ist einfach nur falsch.«
»Was willst du dann tun?«
Ich rollte mich auf den Rücken und starrte an die
Decke. »Dasselbe wie sonst auch immer, schätze ich.«
»Ihm die Absicht nachweisen?«
Meine Augen füllten sich mit Tränen. »Ich werde in
absolut allerletzter Minute abbrechen.«
»Aber ihr teilt euch doch das Hotelzimmer! Ist das
allein nicht Beweis genug? Er hat bestimmt keine zwei getrennten
Zimmer reserviert, oder?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, aber ein
gemeinsames Hotelzimmer allein reicht noch nicht. Ich muss
hundertprozentig sicher sein. Ich muss wissen, ob er es wirklich
durchziehen würde. Für seine …« – ich brach ab, weil mir die Stimme
zu versagen drohte – »Frau … und vor allem für mich selbst.«
Sophie sah mich an und wischte sacht die einzelne
Träne weg, die mir über die Wange lief. »Und was ist, wenn er es
nicht tut? Wenn er es nicht durchzieht?«
Ich lachte höhnisch. »Daran habe ich auch schon
gedacht«, gab ich zu. »Diese Möglichkeit jagt mir am meisten Angst
ein.«
Was, wenn er es tatsächlich nicht durchzog? Hieß
das, dass er kein Betrüger war? Dass er seiner Frau treu war?
Konnte ich seinen Namen dann der heiligen Liste in meiner geheimen
Holzschatulle hinzufügen? War das dann ein »Hoch!« auf sämtliche
treue Ehemänner im Universum? Ich hoffe nur, sie sind glücklich.
Sie könnten sich ja zusammentun und einen Verein gründen. Alle
zehn. Oder alle neun, oder wie viele es auch sein mochten. Ich
wusste es nicht mehr.
Ich wusste ja noch nicht einmal, ob der Zukünftige
meiner besten Freundin fähig wäre, sie zu betrügen. Ich wusste gar
nichts mehr. Alles, von dem ich gedacht hatte, ich wüsste es,
alles, dessen ich mir sicher gewesen war, hatte sich als unrichtig
entpuppt.
Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Da
hatte ich einmal – das erste Mal – nicht
aufgepasst, und schon war ich auf diesen Wichser hereingefallen,
der herumrannte und den anständigen Kerl spielte. Der mich gebeten
hat, mit ihm nach Paris zu reisen und behauptet, er wolle es
langsam angehen. Und das, nachdem ich zwei Jahre lang so penibel
darauf geachtet hatte, mich nicht zu verlieben. Wie ich soeben
bewiesen hatte, verwendet man im Zusammenhang mit Verliebtheit
nicht umsonst den Ausdruck »jemandem verfallen«. Wie ich seit
meinem fünften Lebensjahr weiß, ist fallen stets mit Schmerzen
verbunden. Man schürft sich das Knie auf oder den Ellbogen, und
dann muss man tagelang mit einem grässlich bunten Sesamstraße-Pflaster herumlaufen, das jedem
signalisiert: Seht her! Ich bin verletzt! Obwohl ich wusste, dass
es nicht erlaubt war, habe ich am Rande des Abgrunds gespielt. Da
könnt ihr mal sehen, wie das endet.
Nachdem Sophie gegangen war (nicht ohne mir zu
versprechen, dass sie in ein paar Stunden noch einmal vorbeischauen
würde), rief Jamie zum dritten Mal an, und beim vierten Klingeln
kam ich zu dem Schluss, dass ich abnehmen musste. Aus beruflichen Gründen. Wenn ich in Paris so tun
wollte, als wäre alles in Butter, als hätte ich keine Ahnung, dass
er verheiratet war, dann musste ich früher oder später mit ihm
reden, um kein Misstrauen zu erregen. Ich hatte einen wichtigen,
geheimen Auftrag, und den durfte ich nicht gefährden.
Deshalb gab ich mir größte Mühe, mir meine
Verbitterung nicht anmerken zu lassen, als ich den Hörer abnahm. Es
fiel mir alles andere als leicht.
Und ich muss zugeben, dass ich mich nicht gerade
heldenhaft schlug.
»Ist alles okay?«, fragte Jamie schon nach einer
Minute.
»Ja, alles im grünen Bereich«, erwiderte ich knapp.
»Hatte bloß einen schlimmen Tag.«
»Ah«, sagte er. »Probleme in der Arbeit?«
Ich verdrehte die Augen. »Ja. Ich hab mich ganz
schön an der Nase herumführen lassen.«
»Das tut mir leid, Süße.« Es klang so aufrichtig,
dass ich mich beinahe schon wieder übergeben hätte.
Dieser Kerl war der geborene Schauspieler. Eine
Vier im Theaterunterricht? Also bitte. Der Mann sollte ein Filmstar
sein. Wer verdient sich seine Brötchen mit Marketingkonzepten, wenn
er derart Oscar-reife schauspielerische Leistungen bringen
kann?
»Tja, so ist das eben in meiner Branche.«
»Aber sie lassen dich doch hoffentlich trotzdem
nach Paris, oder?«, wollte er besorgt wissen.
»Ja, ja«, sagte ich. »Es kann allerdings sein, dass
ich dort ein bisschen arbeiten muss, damit nicht so viel liegen
bleibt.«
»Na, dann.«
Ich verspürte das Bedürfnis, ihn durch die Leitung
hinweg zu würgen. Doch das Schlimmste war: Obwohl sich meine
Meinung über ihn grundlegend geändert hatte, war Jamie noch
haargenau derselbe Mensch. Freundlich und fürsorglich wie eh und
je, und es wirkte überhaupt nicht aufgesetzt. Es war erstaunlich.
So sehr ich ihn in diesem Augenblick auch hasste, es war nichts
Hassenswertes an ihm. Gar nichts (bis auf die verschwiegene
Ehefrau). Ganz im Gegenteil. Er war die Liebenswürdigkeit in
Person. Und dafür hasste ich ihn nur noch mehr.
»Sollen wir davor noch mal miteinander essen gehen?
Ein letztes Mal, ehe wir das Land verlassen?«, schlug er vor.
»Ist ja nicht so, als würden wir nicht
zurückkommen«, entgegnete ich und hätte beinahe hinzugefügt:
»Obwohl es natürlich sein könnte, dass du in einem Leichensack nach
Hause fliegst.«
Jamie lachte. »Ich weiß. Ich dachte nur, es wäre
nett.«
Ja, allerdings, sehr nett,
dachte ich. Ich werde die ganze Zeit auf deine
Hand starren, wo in regelmäßigen Abständen ein imaginärer Ehering
aufblitzen wird, und dann werde ich mir vorstellen, wie du mit
Karen Richards ins Bett hüpfst, nachdem du mich mit der »nichts
überstürzen«-Nummer zu Hause abgeliefert hast. Klingt echt
verlockend. Ungefähr so verlockend wie die Aussicht, mir von meinem
Gynäkologen in der Gebärmutter rumstochern zu lassen.
Ich atmete tief durch. Ruhig bleiben. »Ich fürchte,
ich kann nicht … Baby.« Ich schluckte, weil mir buchstäblich die
Galle hochkam. »Es gibt noch so viel zu tun, weil ich doch eine
Weile weg sein werde.«
»Okay, das verstehe ich natürlich«, meinte er. Es
folgte ein beklommenes Schweigen. Das war neu. Bis jetzt hatten wir
uns immer blendend verstanden. Alles total easy.
Schließlich brach er das Schweigen. »Ist auch
wirklich alles in Ordnung?«
Einen Moment tat er mir beinahe leid. Er hatte
keine Ahnung, warum urplötzlich etwas anders war. Warum ich urplötzlich anders war. Denn so sehr ich mich
auch bemühte, meine Wut zu unterdrücken, es gelang mir nicht ganz.
Man musste keine übernatürlichen Fähigkeiten haben, um zu bemerken,
dass eine merkwürdige Stimmung zwischen uns herrschte. Dann fiel
mir wieder der Grund für meine Wut ein, und
mein Mitleid war wie weggeblasen.
»Ja, alles okay«, erwiderte ich und sank rücklings
auf das Bett. »Entschuldige. Mein Job macht mich ganz verrückt
zurzeit. Wann holst du mich am Samstag ab?«
Jamie räusperte sich. »Wir fliegen um halb zwei ab,
und da es ein internationaler Flug ist, müssen wir zwei Stunden
eher dort sein. Was hältst du davon, wenn ich so gegen zehn bei dir
vorbeikomme?«
»Klingt super«, sagte ich hastig.
»Großartig.«
»Okay, dann werde ich mich mal wieder in die Arbeit
stürzen. Wir sehen uns am Samstag.«
»Ja, bis dann«, erwiderte er verunsichert.
Ich legte auf und ließ das Telefon auf meinen Bauch
sinken.
»Ich habe keine andere Wahl«, murmelte ich
halblaut. »Ich muss Gewissheit haben. Das habe ich doch verdient,
oder?«
Ich schloss die Augen und versuchte mir
vorzustellen, wie es sein würde, am Samstag zu ihm ins Auto zu
steigen. Neben ihm im Flugzeug zu sitzen. Hinter ihm das
Hotelzimmer zu betreten. Plötzlich kamen mir Zweifel. Wie um
Himmels willen sollte ich das durchstehen, wenn ich schon an einer
dreiminütigen Unterhaltung am Telefon fast gescheitert war? Wie
sollte ich fünf Tage lang Theater spielen, während wir durch Paris
spazierten, uns über Impressionismus unterhielten und überteuerten
Café au lait tranken? Unmöglich. Ich war zu tief verletzt. Zu
involviert.
Und mein Pflaster war unübersehbar, auch wenn es
keine bunten Bilder von Elmo und Bibo aus der Sesamstraße zierten.
Wenn ich in den kommenden Tagen kein Misstrauen
erregen wollte, war ich auf die Hilfe eines Experten angewiesen,
der in dieser Angelegenheit garantiert emotional unbeteiligt
bleiben würde. Jemand, der kühl, reserviert und gleichgültig war,
dem es absolut egal war, ob Jamie verheiratet war oder nicht, ob er
mir davon erzählt hatte oder nicht. Jemand, der sich noch nie für
den Familienstand eines Mannes interessiert hatte.
Ich hatte gehofft, es würde niemals so weit kommen,
doch jetzt blieb mir nichts anderes mehr übrig.
Es war an der Zeit, dass Jamie eine Frau namens
Ashlyn kennenlernte.