Epilog
Ein halbes Jahr
später
Ich halte vor einem dreißigstöckigen Gebäude in
Santa Monica, steige aus meinem neuen Lexus Hybrid-Geländewagen und
streiche mein Gucci-Kostüm glatt. Wenn man – wie ich zurzeit –
jeden Tag vor einem Raum voller Menschen steht, die sich Rat und
Hilfe erwarten, muss man sehr auf seine äußere Erscheinung achten.
Da sind Falten im Rock ein No-go.
Ich übergebe die Autoschlüssel dem Uniformierten
vom Valetservice, der mir lächelnd einen guten Morgen
wünscht.
Wie jeden Tag. Nur wenn ich gelegentlich sonntags
hierher komme, begrüßt mich seine Wochenendvertretung.
»Guten Morgen, Pedro«, erwidere ich
freundlich.
Er nimmt den Schlüsselbund entgegen und
verschwindet mit meinem Wagen in dem Teil der Tiefgarage, der den
Mietern und Büroangestellten von 100 Ocean Avenue vorbehalten
ist.
Ich marschiere flott durch die Lobby des Gebäudes
und trete in einen wartenden Aufzug. In den vergangenen sechs
Monaten habe ich gelernt, worin der Unterschied zwischen »flott
marschieren« und »hasten« besteht. Hasten ist etwas für Amateure.
Flottes Marschieren dagegen wirkt beherrscht und kontrolliert und
somit ungleich professioneller.
Ich drücke auf den Knopf und warte geduldig darauf,
dass mich der Aufzug in die vierzehnte Etage befördert.
Die Türen öffnen sich mit einem »Pling!«, und ich
biege in einen langen Korridor zu meiner Linken ein und steuere auf
die Glastüren ganz am Ende zu. Dahinter befinden sich die Büros mit
dem besten Ausblick auf das Meer. Was sonst.
Wenn ich mich schon in einem Gebäude an der Ocean
Avenue einmiete, dann will ich den Ozean auch sehen.
Hinter den Glastüren sitzt eine stämmige, aber
attraktive Dame mittleren Alters, deren Arbeitsplatz sich direkt
unter dem großen versilberten Schild mit der Aufschrift The Hawthorne Agency befindet.
Meine Assistentin begrüßt mich wie immer mit einem
freundlichen »Guten Morgen, Ashlyn«. Sie spricht absolut
akzentfrei, obwohl sie lateinamerikanischer Herkunft ist. Ihr
Englisch ist genauso perfekt wie ihr Spanisch, und als
Schnittstelle zu unseren Klienten leistet sie einen wesentlichen
Beitrag zum Tagesgeschäft.
»Guten Morgen, Marta«, erwidere ich ebenso
freundlich.
»Sie werden bereits im Konferenzraum erwartet«,
berichtet sie.
Ich werfe einen flüchtigen Blick zur ersten Türe
links und nicke. Ich komme selten auf die Minute pünktlich zum
allmorgendlichen Meeting. Nicht ohne Grund: Die wirklich wichtigen
Leute erscheinen erst auf der Bildfläche, wenn der Rest der Crew
schon Platz genommen hat.
Natürlich verspäte ich mich nie mehr als fünf
Minuten. Alles andere wäre schlicht unhöflich, und die Menschen in
diesem Konferenzraum sind mir viel zu wertvoll, als dass ich derart
respektlos mit ihnen umgehen würde.
»Danke. Sagen Sie ihnen doch bitte, dass ich gleich
komme. Irgendwelche Anrufe?«
Auf dieses Stichwort hin erhebt sich Marta und
folgt mir ans Ende des Korridors.
»Ja, Ihr Vater wollte wissen, ob Sie das gemeinsame
Mittagessen um eine halbe Stunde vorverlegen könnten, weil er um
drei zu einer Konferenz muss«, berichtet sie und reicht mir das
entsprechende gelbe Post-it.
Ich lächle in mich hinein. Es war nicht einfach
gewesen, die Beziehung zu meinem Dad wiederaufleben zu lassen. Nach
drei Jahren Stillschweigen bringt eine einzige offene, ehrliche
Unterhaltung am Telefon die Dinge nicht gleich wieder ins Lot.
Deshalb waren wir übereingekommen, uns – unserem hektischen
Berufsleben zum Trotz – mindestens zweimal im Monat zu
treffen.
Ich nicke knapp. »Würden Sie ihm bitte Bescheid
geben, dass das in Ordnung geht?«, erwidere ich. »Aber wenn er
wieder bei Valentino reserviert, soll er diesmal bitte nicht mit seinen schmutzigen Turnschuhen
aufkreuzen.«
Marta macht sich schmunzelnd eine entsprechende
Notiz und nimmt sich dann den nächsten gelben Zettel vor. »Zoë
lässt ausrichten …« – sie kneift die Augen zusammen, um die
Botschaft zögernd Wort für Wort abzulesen – »… ›benutz verflucht
noch mal dein Spatzenhirn oder setz deinen lahmen Hintern in
Bewegung.‹ Zitat Ende.«
Ich grinse. »Klingt ganz nach Zoë.«
»Sophie hat ebenfalls angerufen. Ich soll Ihnen
sagen: ›Erleide gerade einen Nervenzusammenbruch. Erics Mutter
besteht darauf, dass die Hochzeit in Chicago stattfindet, weil all
seine Verwandten dort leben. In diesem Fall würden sich meine
Eltern allerdings weigern, für die Feier aufzukommen.
Hilfe!‹«
Lachend greife ich nach dem Post-it, um Marta von
der schweren Bürde zu erlösen. »Ich rufe sie zurück«, verspreche
ich, wobei ich ungläubig den Kopf schüttle.
Ich hätte es wissen müssen. Nun, da Sophie in Bezug
auf den Bräutigam keine Zweifel mehr hegt, muss sie ihren
zwanghaften Pessimismus eben in anderen Bereichen ausleben.
Damit sind wir an der letzten Türe rechts
angekommen. Ich betrete mein zweites Zuhause, ein großes Eckbüro,
dessen Interieur ganz in Weiß und sanften Grautönen gehalten ist,
und nehme hinter dem gläsernen L-förmigen Schreibtisch Platz.
»Sonst noch etwas?«
»Ja.« Ihr Tonfall, bislang geschäftig, nüchtern,
sachlich, wird merklich wärmer. »Jamie hat angerufen …« Sie bricht
ab und wartet auf die Reaktion, die diese Ankündigung stets
verlässlich bei mir hervorruft.
Sogleich leuchten meine Augen auf, ein Lächeln
huscht über mein Gesicht. »Was hat er gesagt?«
Zufrieden fährt sie fort: »Er sagte, er hätte
gestern seine schwarze Jacke bei Ihnen vergessen. Ob Sie sie bitte
zum Dinner mitbringen könnten.«
Ich lächle einen Augenblick versonnen vor mich hin,
ehe ich wieder meine professionelle Büromiene aufsetze. »Vielen
Dank, Marta. Ich rufe ihn nach dem Meeting an.«
Sie nickt und schickt sich an, mein Büro zu
verlassen, vollzieht dann aber eine schwungvolle Kehrtwende. »Ach,
ja, Ihr Freund John hat angerufen … schon wieder.«
Ich nicke wissend. »Wieder mit demselben
Ansinnen?«
»Ganz recht. Er möchte wissen, ob er vielleicht
nächste Woche einmal bei einer Ihrer Besprechungen mit Ihren
Mitarbeitern dabei sein darf.«
Ich verdrehe die Augen, kann aber ein Zucken um die
Mundwinkel nicht unterdrücken. »Sagen Sie ihm doch bitte, das muss
ich mir erst noch einmal überlegen.«
»Gern.« Sie geht hinaus und schließt die Tür hinter
sich.
Man möchte meinen, eine erfolgreiche Geschäftsfrau
wie ich, die ein gut laufendes Unternehmen leitet, würde sich
morgens gleich als Erstes an den Computer setzen und ihre E-Mails
abfragen.
Doch meine E-Mails müssen warten – schließlich
sollte ich bereits im Konferenzraum sein.
Für den wichtigsten Programmpunkt meiner
allmorgendlichen Routine allerdings habe ich immer Zeit.
Ich klappe meinen Laptop auf, warte, bis er sich
hochgefahren hat, und klicke dann auf das Symbol für den
Internet-Explorer.
Sobald sich das Browserfenster mit meiner Homepage
geöffnet hat, was dank unserer superschnellen drahtlosen
Internetverbindung sofort der Fall ist, tippe ich eine überaus
wichtige Webadresse in die Adresszeile.
Man erkennt schon an meinen flinken, geübten
Bewegungen, dass ich das nicht monatlich, nicht wöchentlich,
sondern wirklich jeden Tag mache. Genau wie
sich ein gewissenhafter Börsenmakler stets als Erstes die
NASDAQ-Eröffnungskurse ansieht, ein Politiker frühmorgens seine
Umfragewerte oder der Programmchef eines Fernsehsenders die
Einschaltquoten.
Die Adresse, die ich eintippe, mag für
Außenstehende merkwürdig klingen, ohne ersichtliche Verbindung zu
meinem derzeitigen beruflichen Betätigungsfeld. Tja, sie wissen
nicht, was ich weiß.
Die Adresse, die ich eingegeben habe, lautet
www.vorsichtfalle.com, und als ich nun die
Enter-Taste drücke, erscheint zu meiner großen Genugtuung dieselbe
Seite wie schon gestern, vorgestern und vorvorgestern … Ich lächle
zufrieden, schließe das Browserfenster und nehme die Unterlagen zur
Hand, die ich für mein Meeting benötige, zu dem ich nun exakt fünf
Minuten zu spät kommen werde.
Perfektes Timing.
Beim Hinausgehen staune ich wie jeden Morgen
darüber,
dass die einfache Textzeile »Error 400: Die gewünschte Seite ist
zurzeit nicht verfügbar. Bad Request« eine so beruhigende Wirkung
auf mich ausübt. Und doch muss ich mich jeden Tag aufs Neue
vergewissern, und jeden Tag schmunzle ich wieder über die Worte
»Bad Request«.
Mit einem Stapel purpurroter Mappen aus meiner
Aktentasche und einem gelben Spiralblock unter dem Arm verlasse ich
mein Allerheiligstes und gehe den langen Korridor zurück zum
Konferenzraum.
Ehe ich eintrete, halte ich inne und berühre mit
den Fingern den Anhänger meiner silbernen Tiffany-Halskette, der
mir aus unerfindlichen Gründen jeden Tag etwas mehr Glück zu
bringen scheint. Sobald ich die Tür öffne, verstummt das Gemurmel
dahinter. Ich spüre, wie mir die Blicke folgen, als ich höflich
lächelnd zu meinem Platz am Kopfende des Tisches gehe.
»Entschuldigt die Verspätung, Leute. Ich werde
versuchen, mich kurz zu fassen.«
Ich lasse den Blick über meine fünf Angestellten
schweifen. Fünf höchst unterschiedliche, höchst talentierte
Individuen, denen ich blind vertraue. Diese fünf Personen führen
mein Lebenswerk weiter.
Mithilfe meiner raschen Auffassungsgabe, meiner
Entscheidungsfähigkeit und nicht zuletzt meiner Menschenkenntnis
habe ich mir hier ein ganz besonderes Expertenteam
zusammengestellt.
Zu meiner Linken sitzt eine feminine Blondine mit
weichen Gesichtszügen und üppigen Kurven. Ihre klassische Schönheit
würde die Blicke eines jeden Playboy-Abonnenten auf sich ziehen, und exakt aus
diesem Grund habe ich sie auch ins Boot geholt.
Die zierliche junge Frau neben ihr ist ebenfalls
ausnehmend hübsch, wenn auch auf ihre ganz eigene Art und Weise.
Ihre etwas schrullige Persönlichkeit wirkt nicht minder anziehend
als ihr Lächeln. Sie liebt Football, Poker, Billard,
Quentin-Tarantino-Filme und fettiges Fastfood, was sich für ihre
Tätigkeit schon mehrfach als äußerst nützlich erwiesen hat.
Der Mann, der mir gegenüber am anderen Ende des
Tisches sitzt, könnte mit seinem durchtrainierten Body (eins
fünfundachtzig, neunzig Kilo) als Model für die Einkaufstüten von
Abercrombie und Fitch fungieren. Er ist überaus vielseitig
einsetzbar und trägt bei den meisten Aufträgen irgendeine Art von
Uniform.
Die bildhübsche Asiatin links von ihm hat ebenfalls
Gardemaß und stellt ein undurchdringliches Pokerface zur Schau. Wie
es der Zufall will, ist es genau diese eiskalte Gleichgültigkeit,
deretwegen ihr die auserwählten Männer reihenweise verfallen.
Zu meiner Rechten schließlich sitzt eine elegante
Brünette, die mit ihrem unbeschreiblichen Sex-Appeal und der
richtigen Garderobe mühelos die Aufmerksamkeit jedes Mannes auf
sich zieht. Dabei verbringt sie nur einen minimalen Teil ihrer
Freizeit mit der Auswahl besagter Garderobe und den überwiegenden
Rest mit tragbaren Computern und diversen anderen Kleingeräten –
wie etwa dem iPhone, das sie gerade in der Hand hält. Sie weiß
genauso gut wie ich, dass es bei ihren Aufträgen weniger auf ihr
Modebewusstsein ankommt als auf ihre technischen Kenntnisse.
Und obwohl jeder Einzelne der fünf Anwesenden einen
unentbehrlichen Teil meines Teams darstellt, ist sie die Einzige
aus dieser illustren Runde, mit der mich mehr als eine rein
geschäftliche Beziehung verbindet.
Denn sie hatte nicht nur einen direkten Einfluss
auf meine Entscheidung, diese Firma überhaupt zu gründen, sondern
sie hat mir auch einen sehr persönlichen Gefallen getan.
Vor sechs Monaten ist diese junge Frau in eine
überfüllte Bar in Chicago marschiert, in der ein ganzes Rudel Ärzte
gerade das Ende seiner dreijährigen Assistenzzeit feierte. Sie
leierte ein Gespräch mit einem von ihnen an, der selbiges jedoch
zum unverhohlenen Missfallen seiner Kollegen nach kurzer Zeit
beendete, weil er, wie er sagte, »bereits mit einer anderen
verlobt« war.
Mit anderen Worten, diese Frau ist der Grund,
weshalb meine beste Freundin demnächst einen Arzt namens Eric
heiraten wird.
Und deshalb wird sie für mich immer mehr sein als
bloß eine Angestellte.
Während ich Platz nehme, schiebt sie mir das
schwarz-silberne iPhone hin und sagt: »Ich habe dir dein neues
Handy konfiguriert. Damit solltest du problemlos deine E-Mails
abrufen können. Sag Bescheid, wenn ich dir nachher zeigen soll, wie
es funktioniert.«
Ich bedanke mich bei ihr, wobei ich darauf achte,
sie mit ihrem Decknamen anzureden. Keiner der Anwesenden verwendet
hier in diesen Räumlichkeiten oder im Rahmen seiner beruflichen
Tätigkeit seinen richtigen Namen.
Lauren Ireland hat sich wie alle anderen ihr Alias
selbst ausgesucht, als sie in mein Unternehmen eintrat.
Ich schlage nacheinander die vor mir liegenden
roten Mappen auf und beginne mit der Besprechung unserer neuesten
Aufträge: ein flirtfreudiger Immobilienmakler in San Diego, eine
gelangweilte Hausfrau in Dallas, eine verdächtige Junggesellenparty
in Vegas. Und es kommen jede Woche unzählige neue Anfragen herein.
Fast zu viele, um jede zu bearbeiten.
Jeder dieser Fälle mag einzigartig sein, doch eines
liegt ihnen allen zugrunde. Die Suche nach einem Gut, das allgemein
als unschätzbar wertvoll angesehen wird: Wahrheit.
Ich verteile die Akten an meine Belegschaft,
abgestimmt auf die jeweiligen persönlichen Begabungen und
Spezialgebiete.
In den vergangenen sechs Monaten hat sich einiges
geändert in meinem Leben. Die wichtigste Veränderung trat in der
Gestalt einer Erkenntnis ein. Der Erkenntnis, dass man Gewissheit
auf verschiedensten Wegen erlangen kann. Und, was noch wichtiger
ist, mit der Hilfe verschiedenster Menschen.
Dank der bereitwilligen Hilfe meiner fünf überaus
fähigen Mitarbeiter, von denen jeder Einzelne über eine
herausragende, außergewöhnliche Fähigkeit, eine geheime Identität
und einen persönlichen Kostümfundus verfügt, kann ich nun endlich
die Welt verändern, ohne jemals wieder selbst einen Fuß in ein
Hotelzimmer setzen zu müssen.
Nun ja, fast.