15
Allgemeine Kapitulation
Abends saß ich noch immer ratlos vor meinem Laptop und wartete auf eine Eingebung. Und während ich mir noch den Kopf darüber zerbrach, wie ich dem anonymen Eigentümer dieser verdammten Domain auf die Schliche kommen sollte, hörte ich, wie meine Wohnungstür aufgeschlossen wurde.
Ich wagte kaum, zu atmen. Die Fotos von mir starrten mir vom Bildschirm entgegen, machten sich über mich lustig.
Und jetzt drang der geheimnisvolle Fremde, der sie gemacht hatte, der wusste, wo ich lebte und wo ich meinen Kaffee holte, auch noch in meine Wohnung ein!
Woher zum Teufel hatte er den Schlüssel?
Ich vernahm Schritte, die über den Parkettboden im Wohnzimmer hallten und sich dem Büro näherten.
Panik erfasste mich. Mein Pfefferspray und mein Elektroschocker befanden sich im Schlafzimmer, weil ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen war, dass ich, wenn überhaupt, dann nachts in eine solche Situation geraten würde. In den Horrorfilmen wird das Opfer ja auch immer im Bett überrascht. Folglich mussten die Waffen zu meiner Verteidigung in der Nachttischschublade liegen. Da nützten sie mir nun allerdings herzlich wenig.
Jetzt kam der Eindringling durch den Korridor. Ich wollte nach meinem Schnurlostelefon greifen, doch die Halterung war leer.
Verflixt! Ich musste es auf dem Wohnzimmertisch liegen gelassen haben.
Ich saß in der Falle. Wenn ich versuchte, den Elektroschocker aus dem Schlafzimmer zu holen, lief ich dem Einbrecher direkt in die Arme, und wenn er eine Waffe hatte (was ich stark annahm), dann war ich geliefert. Gehetzt sah ich zum Fenster. Meine Wohnung befindet sich in der obersten Etage. Einen Sprung aus dem dritten Stockwerk würde ich nicht überleben.
Wieder Schritte draußen.
Die Feuertreppe vor dem Schlafzimmerfenster! Ich könnte mich an der Regenrinne entlanghangeln und dann über die Feuertreppe nach unten flüchten.
Die Schritte kamen näher. Bestimmt würde der Kerl erst im Gästezimmer nachsehen, ehe er ins Büro kam. Mir blieben also noch etwa zehn Sekunden... zwölf, falls er noch einen Blick in den Schrank im Korridor warf.
Lautlos erhob ich mich von meinem Stuhl, schlich zum Fenster und drückte mit der flachen Hand kräftig gegen die untere Scheibe, bis sie sich mit einem Plopp! aus dem Rahmen löste, langsam hinabsegelte und auf dem Gehsteig zerbarst. Schluck. Genauso würden meine Knochen zerbersten, falls ich abstürzte. Rasch zwängte ich den Oberkörper durch den schmalen Spalt. Puh, ganz schön eng.
Ich stützte mich an der staubigen Fensterbank ab und hielt noch fieberhaft nach einem Mauervorsprung Ausschau, auf den ich steigen konnte, als ich hörte, wie hinter mir die Tür aufschwang.
Ich erstarrte.
»Du wolltest mich doch gestern anrufen, du ststück!«, Mihallte Zoës schrille Stimme durch mein Büro, sodass die verbliebene obere Fensterscheibe klirrte.
Mit einem hörbaren Seufzer der Erleichterung trat ich den Rückzug an und wandte mich zu ihr um.
»Was treibst du denn da?« Sie musterte mich erstaunt. Ich klopfte mir den Schmutz von den Fingern. »Äh... Ich dachte, da draußen stirbt ein Vogel.«
»Ach, und da wolltest du Mund-zu-Mund-Beatmung machen?«
Ich lachte nervös und klappte hastig meinen Laptop zu, auf dessen Bildschirm noch immer die Fotos von mir prangten. »Ich hab ganz vergessen, dass du einen Schlüssel hast.« Was für eine Schnapsidee, sowohl Zoë als auch Sophie anzubieten, sie könnten jederzeit hier hereinspazieren.
Sie zuckte die Achseln und verließ das Büro. Ich folgte ihr in die Küche, wo sie einen Schluck aus einer Dose Coke Zero nahm, die sie dort abgestellt hatte. Dann zog sie einen in Folie eingeschweißten Doppelkeks aus der Tasche. »Was dagegen, wenn ich mein Pop-Tart toaste?«
»Nur zu.« Ich fläzte mich auf die Couch und stellte den Fernseher an. Meine Nerven hatten sich nach meiner Nahtoderfahrung gerade eben noch nicht wieder beruhigt.
»Sophie hast du bestimmt auch noch nicht angerufen, oder?«
Ich gab es widerstrebend zu.
Nicht, dass ich es nicht gewollt hätte, aber ich hatte noch keine Gelegenheit gefunden, mich um mein Privatleben zu kümmern, seit ich wusste, dass diese für jedermann frei zugängliche Webseite meine berufliche Existenz bedrohte.
Zoë steckte ihren mit blauem Zuckerguss überzogenen Snack in den Toaster. »Du hast wirklich ihre Gefühle verletzt, dabei hat sie bloß versucht, dir zu helfen.«
Ich funkelte sie an. »Hey, wo bleibt deine Neutralität?«
»Ich bin neutral. Ich versuche bloß, ein bisschen die Wogen zu glätten, weil ich keine Lust habe, zwischen den Stühlen zu sitzen. Außerdem bist du normalerweise ihre Kummerkastentante, und jetzt muss ich mir notgedrungen ihre Neurosen reinziehen. Lange stehe ich das nicht mehr durch.«
Das stimmte. Sophie rief immer erst bei mir an, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte oder wieder einmal mit den Nerven am Ende war. Mit einem Mal vermisste ich unsere abendlichen Telefonate, und was hätte ich nicht dafür gegeben, Sophie erzählen zu können, was ich in den vergangenen Tagen alles erlebt hatte: mein attraktiver Sitznachbar im Flieger, diese grauenhafte Sache mit der Webseite, mein Horrorerlebnis in Las Vegas. Selbst wenn ich ihr nur einen Bruchteil der Wahrheit erzählen konnte, hätte es doch gutgetan, jemanden zum Reden zu haben. Plötzlich kam mir mein Leben ohne Sophie schrecklich leer vor, Neurosen hin oder her.
»Sie hat mich genauso verletzt.«
Der Toaster spuckte mit einem Pling das Pop-Tart aus. Zoë wickelte es in eine Papierserviette und nahm neben mir auf der Couch Platz. »Ich weiß, aber so was passiert eben dann und wann. Könnt ihr euch nicht wie Erwachsene benehmen und die ganze Sache vergessen?«
»Das sagst ausgerechnet du, während du einen getoasteten Doppelkeks mit Fruchtfüllung und blauem Zuckerguss verdrückst?«
»Das ist die neueste Geschmacksrichtung«, erklärte Zoë. »Und außerdem hatte ich keine Zeit fürs Abendessen.«
»Mmm. Sehr nahrhaft.«
»Komm schon. Sei die Vernünftigere«, bat sie mich. »Du weißt doch, wie dünnhäutig Sophie ist.«
Ich verschränkte die Arme und sah stur geradeaus. »Immer muss ich die Vernünftigere sein. Ich möchte nur ein Mal erleben, dass sie sich entschuldigt.«
»Sie hatte aber nicht ganz unrecht«, beharrte Zoë leise.
»Was?« Ich riss den Kopf herum. Autsch. Wenn das mal kein Schleudertrauma gab.
»Na, was diese lange Dürreperiode in deinem Liebesleben angeht. Du hast ganz offensichtlich vor etwas Angst, Jen.«
»Meine Arbeit hält mich eben sehr...«
»Auf Trab, schon klar.« Zoë hielt mir ihren Snack unter die Nase, nachdem sie einen Bissen genommen hatte.
Ich lehnte dankend ab.
»Tut mir leid, aber es muss noch einen anderen Grund geben. Kein Mensch ist so beschäftigt.«
Wie immer begannen sogleich die Lügen in meinem Kopf herumzuwirbeln. Eine ganze Jukebox mit Ausreden. Welche Platte würde sie diesmal abspielen? Keine Zeit für die Liebe? Kein Interesse an Männern? Das Bedürfnis, mich auf meine Karriere zu konzentrieren? Vielleicht sogar ein beiläufiger Scherz von wegen »nachdem ich mir eure Horrorgeschichten angehört habe, ist mir die Lust vergangen«?
Doch das Gedankenkarussell drehte sich weiter. Die Lügen rauschten an mir vorüber, viel zu schnell, als dass ich nach einer davon die Hand hätte ausstrecken können. Es kam mir vor, als wollten mir mit einem Mal keine Unwahrheiten mehr über die Lippen kommen, nachdem ich mich mühelos durch mein halbes Leben geschwindelt hatte.
Ich machte den Mund auf. Nichts.
»Na?«, hakte Zoë nach und steckte sich den letzten Bissen in den Mund. Dann knüllte sie die Serviette zusammen und erhob sich, um sie in den Mülleimer in der Küche zu werfen.
Ich schwieg, in der Hoffnung, das Ausbleiben meiner Antwort könnte sie derart aus der Bahn werfen, dass sie die Frage vergaß und das Thema wechselte.
»Was ist das?«
Es schien zu funktionieren.
»Was denn?«
Ich setzte mich aufrecht hin und reckte den Hals, um über die Rücklehne der Couch in die Küche zu spähen, wo Zoë eine kleine weiße Karte studierte. »Jamie Richards«, las sie.
Ich sank in mich zusammen. »Ach, bloß so ein Typ, den ich im Flugzeug kennengelernt hab. Marta muss die Karte neulich vor dem Waschen in meiner Jeans gefunden haben.«
Zoë kam angaloppiert und ließ sich neben mich plumpsen. »Ein Kerl? Erzähl!«
Ich zuckte die Achseln. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir haben uns kennengelernt, wir haben uns unterhalten, wir sind gelandet. Ende der Geschichte.«
»Und, rufst du ihn an?«
Ich schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, wozu auch?«
»Sah er gut aus?«
Kaum hatte sie die Frage gestellt, huschte ein Lächeln über mein Gesicht. Ich bemerkte es gar nicht, bis Zoë ausrief: »Ha! Und wie gut! Ich seh’s dir an!«
Rasch setzte ich eine ernste Miene auf. »Quatsch. Er war lustig, das ist alles.«
»Lustig und gut aussehend. Jetzt musst du ihn anrufen.«
Ich warf ihr einen skeptischen Blick zu. »Wieso?«
Zoë setzte ihren intellektuellen Gesichtsausdruck auf, wie immer, wenn sie irgendeine längst vergessene Weisheit ausgräbt, von der sie überzeugt ist, sie würde das Leben ihrer Mitmenschen nachhaltig verändern. Natürlich erwartet sie, dass man ihr dafür auch nachhaltig dankbar ist und sich fragt, wie man eigentlich so lange ohne dieses Wissen überleben konnte.
»Weil du dir eine solche Chance nicht entgehen lassen darfst! Das sorgt für schlechtes Karma.«
»Schlechtes Karma?«, höhnte ich.
»Jawohl. Das Universum schickt dir ein Geschenk – einen attraktiven Mann, der noch nicht vergeben ist -, und dieses Geschenk solltest du unbedingt annehmen. Glaub mir, es ist nicht ratsam, das Universum gegen sich aufzubringen. Wenn du das Universum verarschst, dann verarscht es dich auch.«
»Wenn ich ihn aber gar nicht will? Kann ich ihn dann nicht einfach weitergeben, wie alle anderen Geschenke, die ich nicht will? Ich könnte ihn doch dir vermachen.«
Zoë bedachte mich mit einem Blick, den ich als Ablehnung interpretierte. »Ich warne dich, Jen. Mit dem Universum ist nicht zu spaßen. Da kannst du nur verlieren.« Sie erhob sich und leerte ihre Coladose.
Ich lächelte höflich. »Ich werd dran denken, Zo.«
»Also, wenn du dich schon nicht vor dem unversöhnlichen, rachsüchtigen Gott der attraktiven Männer fürchtest, dann solltest du dich wenigstens vor mir fürchten. Wenn du ihn nicht anrufst, werde ich dich jagen und in meinen Kofferraum sperren. Vergiss nicht, ich weiß, wo du wohnst, und ich hab einen Schlüssel zu deiner Wohnung.«
Ich bürstete einige blaue Brösel von ihrem Platz auf dem Sofa und versuchte, mir das leichte Schaudern nicht anmerken zu lassen, das mich bei dem Gedanken erfasste. »Wie könnte ich das je vergessen?«
Zoë riss die Wohnungstür so weit auf, dass eine Elefantenparade hindurchgepasst hätte. Dann hielt sie inne und wandte sich theatralisch zu mir um, als wollte sie gleich das Geheimnis um die streng gehütete Coca-Cola-Zutat lüften. »Und ruf Sophie an!«, befahl sie mit gestrengem Blick, ehe sie die Tür hinter sich zuknallte. Die Meisterin des dramatischen Auftritts hatte offenbar den effektvollen Abgang für sich entdeckt.
Normalerweise hätte ich mir nach Zoës theatralischer Einlage Vorwürfe gemacht, weil ich mich nicht überwinden konnte, meine beste Freundin trotz unseres dämlichen Streits anzurufen. Ich hätte zum Telefon gegriffen, kleinlaut die erste einer ganzen Reihe gegenseitiger Entschuldigungen ausgesprochen und dann noch eine Weile mit Sophie darum gerungen, wen denn nun die größere Schuld traf.
Doch heute war kein normaler Tag.
Im Grunde gibt es so etwas wie normale Tage bei mir gar nicht.
Ich kam zu dem Schluss, dass ich mich mental und emotional in einer viel besseren Ausgangsposition zur Beilegung unserer Streitigkeiten befände, wenn ich erst die anderen Probleme in meinem Leben gelöst hatte... sprich, wenn ich dem Racheengel, der hinter www.vorsichtfalle.com steckte, auf die Spur gekommen war.
Während sich Zoë vorhin in endlosen Reden über das Universum und seinen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen ergangen hatte, war mir eine Erleuchtung gekommen.
Okay, Erleuchtung war etwas übertrieben. Eine Idee. Ein erster kleiner Hoffnungsschimmer an diesem rabenschwarzen Tag.
Ich kehrte in mein Arbeitszimmer zurück, klappte meinen Laptop auf und nahm noch einmal die unverständlichen Zeilen auf www.whois.com unter die Lupe, die ich vor Zoës Besuch eine gute Stunde lang ratlos angestarrt hatte. Abwechselnd mit den Fotos von mir.
Diese Domain gehört... »das geht dich einen feuchten Kehricht an« stand da zwischen den Zeilen.
Ich scrollte ungeduldig nach unten. Ah, da war es ja – »name server«, und dahinter ein Name: »NS2.Fiztech.net.« Zugegeben, ich bin alles andere als ein Computergenie, und seit der Erfindung des Internets habe ich oft das Gefühl, dass meine Mitmenschen mit einem zusätzlichen Sprachchip ausgestattet sind, der auf dem Postweg zu mir leider verloren gegangen ist.
Aber vor etwas mehr als drei Monaten hatte ich einen Auftrag erhalten, für den ich mir ein wenig Computer-Fachchinesisch hatte aneignen müssen. Der Kandidat, ein Computerfreak aus dem Silicon Valley, hatte vor Jahren seine erste große Liebe geheiratet in der Überzeugung, sie wäre die Einzige, die ihn nehmen würde. Was vermutlich den Tatsachen entsprochen hatte, als er noch ein unwichtiger und eher unattraktiver Netzwerkadministrator bei einem Versandhaus für Büromaterial gewesen war. Mit der Zeit jedoch hatte sich nicht nur sein Aussehen zu seinem Vorteil entwickelt, sondern vor allem auch sein Kontostand und der Titel auf seiner Visitenkarte, und plötzlich gab es jede Menge Mädchen, die sich darum rissen, von ihm in die aufregende Materie der Informationstechnologie eingeweiht zu werden. Mädchen, von denen er es sich nie hätte träumen lassen, dass sie ihn je beachten, geschweige denn erhören könnten. Mädchen wie Ashlyn – eine hoch motivierte, technisch versierte Systemanalystin, die in einem feindlichen, von Männern dominierten Umfeld ums Überleben kämpfte.
Wer hätte gedacht, dass sich dieses Wissen noch einmal als hilfreich erweisen könnte!
Noch vor vier Monaten hätte ich den Ausdruck »name server« nämlich zweifellos mit Gastronomie oder Tennis in Verbindung gebracht, doch dank meiner damaligen Recherchen wusste ich nun, dass sich dahinter ein speziell ausgestatteter Rechner verbirgt. Dieser Rechner gehörte der Firma, bei der das Schwein, das mich via Internet terrorisierte, Webspace erworben hatte. Eine Art digitales Lager, wenn man so will.
Jetzt musste ich nur noch den Firmennamen googeln. Das Resultat meiner Suche fiel eindeutig zu meinen Gunsten aus. Wie erhofft handelte es sich bei Fiztech.net um einen Einmannbetrieb. Betonung auf Mann.
Dieser Mann würde schon sehr bald Besuch erhalten.
 
Doch ehe ich Jason Trotting von Fiztech.net einen unerwarteten Besuch abstatten konnte, musste ich den für mich unerwarteten Besuch bei meinem Autohändler hinter mich bringen.
Als ich dort am Mittwochvormittag vorfuhr und aus meinem Range Rover stieg, kam sogleich ein Mann in schwarzem Poloshirt und beigefarbener Hose auf mich zu.
»Guten Morgen«, begrüßte er mich. »Haben Sie einen Termin?«
»Jawohl«, sagte ich und holte meine Handtasche aus dem Wagen. »Um elf Uhr. Jennifer Hunter.«
Er warf einen Blick auf sein Klemmbrett. »Tut mir leid, aber Sie stehen nicht auf meiner Liste. Haben Sie sich auch nicht im Tag geirrt?«
Ich runzelte die Stirn und schielte auf die Liste. »Das glaube ich kaum.« Ich war mir ziemlich sicher, dass Marta von Mittwoch elf Uhr gesprochen hatte.
Er schüttelte den Kopf. »Hmm. Das versteh’ ich nicht.«
Ich unterdrückte ein Stöhnen. »Dann bin ich also umsonst gekommen?«
Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Aber nein, das schaffen wir heute bestimmt noch. Wenn Sie bitte mitkommen würden, dann sehe ich mal im Computer nach.«
Ich dankte ihm und folgte ihm durch die automatische Schiebetür in die Servicezentrale.
»Weshalb sind Sie hier? Ölwechsel?« Er setzte sich an einen großen Schreibtisch.
Ich nahm gegenüber Platz. »Nein, es ging um eine Rückrufaktion. Genaueres weiß ich nicht, meine Haushälterin hat den Anruf entgegengenommen.«
Er nickte und tippte etwas in seinen Computer. »Sie fahren einen 2008er?«
Ich nickte.
»Seltsam.« Er runzelte die Stirn. »Und jemand von uns hat Sie angerufen?«
»Ganz recht.«
»Bedaure, aber das muss ein Missverständnis gewesen sein. Zurzeit liegen keine Meldungen über Produktionsfehler an Ihrem Modell vor.«
»Wie bitte?«
»Mit Ihrem Wagen ist alles bestens. Sie wurden falsch informiert. Kann schon mal vorkommen. Tut mir sehr leid.«
Ich zuckte die Achseln. »Nun gut. Aber da ich schon mal hier bin, lasse ich gleich den Ölwechsel machen. Der ist ohnehin bald fällig.«
Eifriges Tippen. »Okay. Wir stellen Ihnen als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten kostenlos einen Leihwagen zur Verfügung, dann können Sie Ihr Auto morgen bequem wieder abholen.«
Ich lächelte. »Wunderbar.«
Draußen auf dem Parkplatz sammelte ich noch schnell sämtliche auf dem Rücksitz meines Range Rovers verstreuten Habseligkeiten zusammen, als ich plötzlich eine Männerstimme vernahm. »Jennifer?«
»Moment!«, rief ich gepresst, während ich mit einem losen Stapel Unterlagen im Arm rücklings aus dem Wagen kletterte und in der Eile mit dem Schädel gegen den Türrahmen knallte. Autsch.
Ich rieb mir die pochende Stelle am Hinterkopf und wandte mich um.
Und erblasste.
Im gleißenden Sonnenlicht vor mir stand wider Erwarten nicht der Range-Rover-Angestellte, sondern... Trommelwirbel... Jamie Richards.
Stöhn. Musste er ausgerechnet auftauchen, wenn ich auf dem Rücksitz meines Geländewagens herumturnte und mich selbst fast k. o. schlug?
»Hi«, sagte ich verlegen und fuhr mir durch die Haare. Hoffentlich sah meine Frisur infolge der Hinterkopfmassage nicht aus wie ein Vogelnest.
Jamie trat in den Schatten des Vordachs, wo ich ihn besser sehen konnte. »Geht es Ihnen gut? Das hat ja ganz schön heftig ausgesehen.«
»Oh, ja, ja. Alles bestens. Passiert mir ständig.«
Passiert mir ständig?
Was zum Teufel suchte der Kerl hier? Und was gab ich für einen Unsinn von mir?
»Jamie«, sagte er und tippte sich mit dem Finger auf die Brust.
Ich wollte kichern, heraus kam allerdings eher ein Gurgeln. »Ja. Äh, ich meine, ich erinnere mich.«
»Da geht es hin, mein Selbstbewusstsein«, scherzte er. »Ich hatte mir eingeredet, Sie würden nicht anrufen, weil Sie meinen Namen vergessen und meine Visitenkarte verloren haben... Und als sie nach dem zweiten Mal Waschen und Trocknen endlich wieder aufgetaucht ist, war leider die Schrift total verbleicht...«
Ich musste lachen. »Genau so war es auch – der Waschgang mit dem extrastarken Bleichmittel... Tut mir leid.«
Er nickte. »Danke. Jetzt fühl ich mich viel besser.«
»Ich wusste gar nicht, dass Sie einen Range Rover fahren.«
»Tu ich auch nicht.« Er deutete auf das Schild am Vordach. Autorisierter Händler für Range Rover und Jaguar stand dort.
»Sieh an, ein Jaguar?«
»Jawohl, Euer Ehren. Es ist Zeit für die nächste Inspektion.«
»Und, nennen Sie Ihr Auto wie die Engländerin aus dem Werbespot Jag-uu-ar?«, fragte ich betont distinguiert.
Er lachte. »Nein, ich sage Jag-war, wie es sich für einen dämlichen Ami gehört, und werde von meinen Arbeitskollegen deswegen aufgezogen. Sie finden, einen Wagen, dessen Namen man nicht richtig aussprechen kann, dürfte man eigentlich gar nicht fahren.«
»Da haben sie recht. Sie hätten sich einen BMW zulegen sollen.«
»Sollen wir tauschen? Sie fahren mein Auto heim und ich Ihres. Range Rover kann ich ganz gut aussprechen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Ich liebe meinen Wagen, obwohl er so viel Benzin frisst.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich hatte noch überlegt, ob ich einen mit Hybridantrieb kaufen soll. Tja, ich war der Meinung, mit diesem Auto würde ich cool aussehen, aber ich habe leider nicht bedacht, dass Smog und Umweltverschmutzung keineswegs cool sind.«
»Sie ahnen ja gar nicht, was Ihnen da entgeht. So ein Jaguar ist nämlich verdammt ›cool‹.«
»Der Punkt geht an Sie. Ich hab noch nie in einem gesessen.«
»Genau deshalb gehen Sie diese Woche mit mir essen. Nur um Ihre Verhandlungsposition zu stärken. Man weiß einen Jag-uu-ar erst richtig zu schätzen, wenn man mit einem gefahren ist.«
Da war er wieder, der Schmerz in der Brust, der Wunsch, Ja zu sagen. Das war meine Chance, Sophie zu beweisen, dass sie unrecht hatte, dass ich keine Angst vor Verabredungen habe. Siehst du, ich lasse mich sehr wohl von Männern zum Dinner ausführen. Von Männern, die ich attraktiv finde. Umwerfend sogar. Alles in bester Ordnung mit mir.
»Sie können einen guten Tauschhandel unmöglich ablehnen, ehe Sie alle Fakten kennen«, fuhr er fort. »Das wissen Sie als Investment Bankerin am besten.«
Hm, und das war die Kehrseite. Die Lügen. Die Wahrheit, die ich ein ganzes Date lang verschweigen müsste. Die Geschichten, die ich begeistert wiederkäuen müsste. Wie sollte das funktionieren, wenn unser Bettgeflüster auf einer erfundenen Existenz basierte? Wie sollte ich eine Beziehung zu einem Mann aufbauen, der rein gar nichts über den wichtigsten Teil meines Lebens wusste? Unmöglich. Und... deprimierend obendrein.
»Na, was sagen Sie? Morgen Abend? Dinner?«
»Gern«, platzte ich hervor, ehe mein Herz weiter flattern konnte, ehe mein Kopf wieder anfing, Gegenargumente vorzubringen. Und so widerwillig ich es zugab, Zoës Theorie vom Universum schien zuzutreffen. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass mir ein und derselbe Mann zweimal in einer Woche über den Weg lief. Wiederholung hat ja meist etwas Nachdrückliches, und wer bin ich denn, dass ich mich dem Nachdruck des Universums widersetzen würde?
Jamie wirkte einen Augenblick überrascht, dann lächelte er. »Großartig. Wann soll ich Sie abholen kommen?«
Ich zückte mein Treo und warf einen Blick in meinen Terminkalender. »So gegen acht?«
»Sie konsultieren jetzt allen Ernstes Ihren Organizer?«, fragte er entrüstet.
»Hey, ich bin eine viel beschäftigte Frau. Wollen Sie mit mir ausgehen oder nicht?«
»Moment, da muss ich meinen Organizer befragen.« Er zog ein ähnliches Gerät aus der Brusttasche und begann theatralisch darauf herumzutippen, wie ein kleiner Junge, der mit dem elektronischen Terminkalender seines Vaters »wichtiger Geschäftsmann« spielt.
Ich verschränkte lachend die Arme vor der Brust.
»Okay«, sagte Jamie schließlich. »Mein Palm Pilot und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass wir uns durchaus freuen würden, wenn Sie uns am Donnerstagabend beim Dinner Gesellschaft leisten könnten.«
»Tatsächlich? Das wird also ein flotter Dreier?«
»Ohne meinen Palm Pilot geht bei mir gar nichts.«
Ich schrieb Jamie gerade meine Telefonnummer auf, damit er mich anrufen konnte, falls er sich auf dem Weg zu mir verfuhr, als eine Angestellte auf der Bildfläche erschien. »Miss Hunter?«
Ich fuhr herum. »Ja?«
»Ihr Leihwagen steht bereit. Wenn Sie noch kurz die Papiere unterschreiben würden?«
»Komme sofort.« Ich wandte mich wieder an Jamie. »Dann also morgen um acht?«
»So, so, das mysteriöse H steht also für Hunter!«
Ich lachte. »Jetzt wissen Sie’s. Das Geheimnis ist gelüftet.«
Aber nur eines von vielen, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf. Ich beschloss, sie zu ignorieren, und mit ihr sämtliche Zweifel in Bezug auf dieses Date.
»Hunter... die Jägerin«, sagte Jamie. »Das ist doch hoffentlich kein sprechender Name wie bei den amerikanischen Ureinwohnern? So wie ›Sitting Bull‹ oder ›Der mit dem Wolf tanzt‹ oder ›Die gern nackt schwimmt‹? Gehen Sie oft auf Männerjagd?«
Wieder lachte ich, diesmal allerdings, um mein Unbehagen zu kaschieren. »Das müssen Sie schon selbst herausfinden.«
»Also, ich würde ›Die gern nackt schwimmt‹ vorziehen.«
»Seien Sie lieber auf der Hut.« Puh, mit der Männerjagd hatte er den Nagel ja auf den Kopf getroffen. Allerdings mit dem Zusatz, dass ich nur Jagd auf böse Männer mache.
Ich winkte ihm zum Abschied, wünschte ihm Glück mit seinem Jag-war und folgte dann der Angestellten, um mein Mietauto zu holen.
 
Der Ersatzwagen konnte es optisch beim besten Willen nicht mit meinem Range Rover aufnehmen, aber immerhin gelangte die Superheldin damit heil an ihren Bestimmungsort.
Zugegeben, die vor mir liegenden Aktivitäten gehörten nur bedingt zu meiner alltäglichen Superheldinnentätigkeit, aber ich würde auch diesmal kostümiert sein und Gebrauch von meinen besonderen Fähigkeiten machen, und im Übrigen diente auch die kommende Maßnahme meiner Mission.
Selbst Superman muss im Kampf gegen die dunklen Mächte manchmal einen Umweg machen, auch wenn es ihm nicht behagt. Zuweilen kann man dem Schurken eben nicht direkt den Garaus machen, sondern muss es erst mit seinen Handlangern aufnehmen – mit seinen Komplizen, seiner Bank und dem verrückten Wissenschaftler, der nächtelang an der magischen Substanz herumexperimentiert, die dem Bösewicht seine übernatürlichen Kräfte verleiht.
Oder in meinem Fall mit dem Mann, der dem Bösewicht Webspace verkauft hat.
Am Abend zuvor hatte ich via E-Mail mit Jason Trotting von Fiztech.net Kontakt aufgenommen und ihm mitgeteilt, ich wolle Kunde von Fiztech.net werden. Ich hatte mich als armenischer Internetunternehmer ausgegeben und anklingen lassen, dass ich stinkreich war und Trotting, wenn er diesen Auftrag an Land zog, für den Rest seines Lebens ausgesorgt hätte. Und seine gesamte Familie gleich mit.
Trotting hatte umgehend ein Treffen in einer noblen Hotelbar in Westwood vorgeschlagen.
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass er vergeblich auf Vartan (so lautete mein Deckname) warten würde.
Leider hatte mir das Internet kein Foto von Jason Trotting geliefert. Ich konnte nur hoffen, dass mir das Glück hold war und in der genannten Bar nur ein Mann allein an einem Tisch saß.
Ich trat ein und ließ den Blick über die wenigen anwesenden Gäste schweifen.
Mist! Das Glück zeigte mir die kalte Schulter. Gleich drei Typen kamen in Frage.
In der einen Ecke diskutierten drei Geschäftsleute Marketingpläne, in der anderen turtelten zwei frisch Verliebte, die garantiert noch in einer der Fünfhundert-Dollar-Suiten des Hotels landen würden, sofern sie diesen Teil nicht bereits hinter sich hatten. An der Bar thronten zwei aufgetakelte Mädels Mitte zwanzig, die offensichtlich, wie so viele in L.A., darauf warteten, dass Jerry Bruckheimer hereinspazierte auf der Suche nach dem nächsten Hollywood-Starlet – oder auch bloß nach einem optischen Aufputz für die nächste Kinopremiere. Und, wie gesagt, drei einzelne Männer an drei verschiedenen Tischen.
Ich verharrte kurz in einer Nische, um die drei genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich trug eine überraschend echt aussehende blonde Perücke und ein äußerst dramatisches Augen-Make-up. Schließlich musste ich davon ausgehen, dass dieser Trotting mehr als einmal die Bilder von mir im Internet gesehen hatte, da war höchste Vorsicht angebracht. Die Perücke hatte ich vor neun Monaten in einem sehr teuren Kostümfachgeschäft erstanden, nachdem mir eine Auftraggeberin verraten hatte, dass ihr Gatte Blondinen bevorzugt.
Ich rückte unauffällig die Perücke zurecht. Okay. Mal sehen.
Kandidat Nummer eins: Mitte fünfzig, kein Ehering, trinkt Scotch, wirft den Möchtegern-Starlets an der Bar nicht gerade subtil prüfende Blicke zu.
Der schied zu fünfundneunzig Prozent aus. Meinen Schätzungen zufolge müsste Jason Ende zwanzig bis Mitte dreißig sein, schon aufgrund seiner Berufswahl. Und er würde seinen Multimillionen-Deal garantiert nicht aufs Spiel setzen, indem er mit irgendwelchen Mädels flirtete. Er würde die Tür im Auge behalten.
Sowohl Kandidat zwei als auch Kandidat drei erfüllten diese Kriterien.
Beide waren Anfang dreißig, modemäßig minderbemittelt und starrten unverwandt zum Eingang.
Ich beobachtete, wie die beiden auf Neuankömmlinge reagierten. Da ich wusste, dass mein Mann einen Armenier namens Vartan erwartete, hoffte ich, aus ihrer Reaktion auf das Eintreten weiblicher Gäste Rückschlüsse ziehen zu können. Vergeblich. Und meine Intuition ließ mich im Stich.
Ich musste also etwas riskieren.
Genau dreißig Minuten nach der vereinbarten Zeit trat ich an den Tisch von Kandidat Nummer zwei.
»Hi«, sagte ich verlegen. »Wartest du auf jemanden?«
Er blickte hoch und lächelte anzüglich. »Schon mein ganzes Leben, und wie es aussieht, hat das Warten endlich ein Ende.«
Ich musste sehr an mich halten, um nicht die Augen zu verdrehen. Jetzt bloß keine Fehler machen. Ich kicherte, als hätte er mir soeben das größte Kompliment meines Lebens gemacht. »Nein, ich meine, wartest du auf jemand Bestimmtes?«
Er nickte. »Ja, allerdings. Auf einen Geschäftspartner.«
Er kam in Frage, aber ich musste Vorsicht walten lassen.
Ich runzelte lächelnd die Stirn. »Oh, verstehe.«
Aus dem Augenwinkel registrierte ich, wie Kandidat Nummer drei seine Brieftasche zückte und einen Zwanziger neben die Rechnung auf den Tisch legte. Er rüstete sich zum Aufbruch. Ich musste dringend herausfinden, ob mein Gegenüber tatsächlich Jason Trotting war oder bloß ein Loser, der gern billige Anmachsprüche klopfte.
»Wartest du denn auf jemanden?«, fragte er jetzt.
Noch ehe ich antworten konnte, erhob sich Kandidat Nummer drei und klemmte sich eine weiße Hochglanzmappe unter den Arm. Ich legte den Kopf schief und spähte mit zusammengekniffenen Augen auf das Logo auf der Vorderseite.
Fiztech.net.
Bingo!
In Panik blickte ich von Kandidat Nummer drei zur Tür, von der mich etwa zwanzig Schritte trennten.
»Ja, und ich glaube, das ist er«, sagte ich zu Nummer zwei und hastete in Richtung Ausgang, um Nummer drei, der eben seine Laptoptasche schulterte, den Weg abzuschneiden. »Hi! Tut mir leid, dass ich zu spät komme. Du musst Charlie sein.«
Er musterte mich verwirrt: Hatte er etwas falsch verstanden? War Vartan in Wahrheit eine Frau? Oder hatte er diese Frau geschickt, um an seiner Stelle das Geschäft abzuschließen? Doch warum nannte sie ihn Charlie?
»Nein, ich heiße Jason«, korrigierte er mich, wohl in der Hoffnung, ich würde mir mit der flachen Hand auf die Stirn klopfen und rufen: »Ach, richtig. Entschuldigung. Mein Fehler.«
Doch das tat ich nicht.
Stattdessen ließ ich Schultern und Mundwinkel hängen und sagte: »Oh. Mist. Dich finde ich nämlich auch süß.«
Das warf ihn völlig aus der Bahn. »Wie, bitte?«
Ich kicherte. »Entschuldige. Ich bin hier zu einem Blinddate verabredet. Keine Ahnung, wie der Typ aussieht. Ich hatte irgendwie gehofft, du wärst es, aber er hat mich wohl versetzt.« Ich verzog den Mund, als Ausdruck meiner Enttäuschung und meines angeknacksten Selbstbewusstseins.
Er sah mich mitfühlend an. »Also, wenn es dich tröstet, ich bin auch versetzt worden.«
»Blinddate?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, ein Geschäftspartner. Hätte ein Riesen-Deal werden können. Aber wie es aussieht, werde ich auch die kommenden acht Monate bei Carl’s Jr. Fastfood in mich hineinstopfen.«
Ich lachte. »Oje. Wie wär’s, sollen wir unseren Kummer in einem Cocktail ertränken?«
Diesmal durfte ich ausnahmsweise den ersten Schritt tun, da dies keiner meiner Tests war und Jason – jedenfalls soweit ich das beurteilen konnte – kein betrügerischer Ehemann, Freund oder Verlobter. Ich musste es sogar; ich war auf ihn angewiesen und nicht bereit, ihn gehen zu lassen, ehe ich ihm die Information, die ich benötigte, entlockt hatte.
Beim zweiten Drink ging ich zum Angriff über. Jason hatte mir von seiner Web-Hosting-Firma erzählt und geklagt, er käme mit den Einkünften kaum über die Runden und müsste wohl bald wieder in einem Großraumbüro sechzig Stunden die Woche als Programmierer schuften, wenn er nicht demnächst einen großen Coup landete.
Ich sprach ihm Mut zu, nicht ganz uneigennützig. »Ach, was. Du musst doch zumindest schon einen dicken Fisch an der Angel haben, mit dem du dich über Wasser hältst.«
Er zuckte die Achseln und trank einen Schluck Bier. »Ja, schon«, sagte er lässig. »Ich hab da neulich einen größeren Auftrag an Land gezogen. Irgendein hohes Tier aus der Gegend wollte ein paar Hundert Gigabyte Webspace haben. Klang allerdings nicht, als wäre das etwas Längerfristiges.«
Das musste er sein. Aus der Gegend, neuer Auftrag, nicht langfristig.
»Na, das klingt doch recht vielversprechend«, sagte ich aufmunternd. »Was ist das denn für einer?«
Wieder zuckte er die Achseln. »Keine Ahnung. Wir haben nur telefoniert, und er wollte mir seinen Namen nicht nennen. Dürfte wohl irgendeine streng geheime Operation sein... Aber jetzt erzähl doch mal ein bisschen von dir
»Du weißt nicht einmal seinen Namen?«, platzte ich verzweifelt heraus. Dann setzte ich rasch ein kokettes Lächeln auf. »Ich meine nur... Ist doch höchst eigenartig, nicht?«
Jason warf mir einen argwöhnischen Blick zu. »Tja. Ich schätze, ich könnte es rausfinden, wenn ich wollte; ich weiß, wie seine Firma heißt. Aber im Grunde interessiert es mich nicht.« Wieder wechselte er das Thema. »Du hast also auf ein Blinddate gewartet... Daraus schließe ich, dass du Single bist?«
»Ganz recht.« Ich lachte und nippte an meinem Drink. »Lustig ist doch das Single-Leben...«
»Also, ich würde gern mal mit dir ausgehen, wenn du mir deine Nummer gibst. Ich hoffe nur, du stehst auf Fastfood.«
Ich kicherte, obwohl mir eher nach Schreien zumute war. »Vielleicht kenne ich den Kerl ja«, bemerkte ich beiläufig.
»Wen?«
»Na, deinen Klienten. Wenn du mir den Firmennamen verrätst, kann ich dir vielleicht sagen, wem sie gehört. Ich bin in der PR, da habe ich mit vielen Firmen zu tun.«
Das trug mir erneut einen skeptischen Blick von ihm ein. Bestimmt bereute er bereits seinen Vorschlag, mich zum Essen auszuführen. Egal. Ich fuhr mir mit den Fingern durch die Perücke, die ganz offensichtlich ihren Zweck erfüllte. Er schien mich nicht wiederzuerkennen. Vielleicht hatte er aber auch noch nie einen Blick auf die Domain seines Klienten geworfen. Wie dem auch sei, ich war wild entschlossen, das Lokal erst zu verlassen, wenn ich einen Namen hatte.
»Äh, die Firma hieß, glaube ich, Kelen Industries.«
Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Dann ließ ich langsam die Hand sinken. Mein Gehirn hatte auf Leerlauf geschaltet. Hatte ich richtig gehört?
»Und, kennst du ihn?«, fragte Jason etwas von oben herab.
Ich nickte benommen, wie in Zeitlupe.
»Echt?« Er hob die Augenbrauen. »Ich bin beeindruckt.«
Und ob ich den Mann kannte. Ich hatte mindestens zwanzig Artikel über ihn gelesen, über all die tollen Entwicklungen, die seine Firma der Welt der Automotoren beschert hatte. Ich war in seiner Hotelsuite in Denver gewesen. Ich hatte seiner Frau den Kopf getätschelt, als sie sich an meiner Schulter die Augen ausgeweint hatte. Er hatte sogar versucht, mich zu bestechen. Oh, ja. Ich kannte den Mann.
Unglaublich. John hatte völlig recht gehabt. Hätte ich eine Liste der potenziellen Verdächtigen angefertigt, dann hätte er zweifellos ganz oben gestanden.
Allmählich kehrte wieder Gefühl in meine Zunge zurück. Ich holte tief Luft. »Er heißt Raymond Jacobs.«
Treuetest - Brody, J: Treuetest - The Fidelity Files
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