24
Das verflixte zweite
Date
Als ich Sarah Miller tags darauf meinen dritten
Besuch abstattete, fiel es mir zum ersten Mal seit Langem schwer,
stillzusitzen. Ich musste richtiggehend die Hände im Schoß
verknoten, um nicht ständig an meinem Haar, meinen Ohrringen,
meinen Lippen herumzufummeln. Diese Art von Information hatte ich
nach einem Auftrag noch nie überbringen müssen.
»Snickerdoodle?« Mrs. Miller hielt mir ein kleines
Tablett mit undefinierbaren Schokoladenklümpchen hin. Im Normalfall
hätte ich abgelehnt, aber sie tat mir leid. Tag für Tag versuchte
sie hier in schönster Betty-Crocker-Manier, die Zuneigung ihres
Gatten mit allen nur erdenklichen Gaumenfreuden zurückzugewinnen,
dabei wäre ihm ein Dr. August Oetker hundert Mal lieber
gewesen.
Also nahm ich einen der Klumpen und biss hinein.
»Danke sehr. Schmeckt köstlich.«
»Greifen Sie nur zu.« Sie setzte sich aufrecht hin
und faltete die Hände im Schoß.
»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen beibringen soll,
Mrs. Miller, also werde ich es einfach ganz geradeheraus
sagen.«
»Er hat mich betrogen, stimmt’s?«, fragte sie
zuversichtlich.
Ich legte den Kopf schief. »Nun, ja, aber es war
nicht, wie Sie denken.«
Das schien sie aus der Bahn zu werfen. Sie kratzte
sich geziert am Haaransatz und sah mich erwartungsvoll an.
»Ihr Gatte hat auch diesmal nicht das Geringste …
sexuelle Interesse an mir gezeigt.«
Sie nickte verunsichert und bedeutete mir,
fortzufahren.
»Wie sich herausgestellt hat, war er mehr an meinem
Freund Wallace interessiert.«
Mrs. Miller wirkte verblüfft. »Sie meinen
geschäftlich?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine … äh …
nun, Wallace ist … homosexuell.«
Es dauerte eine Weile, bis sie begriffen hatte, was
das bedeutete. Dann kniff sie die Augen zusammen und runzelte die
Stirn. »Ach, herrje.«
Die Ärmste. Sie tat mir schrecklich leid. Es war
nur schwer vorstellbar, was sie in diesem Moment empfand. Ich ließ
sie nicht aus den Augen. Irgendetwas an ihrer Miene, an ihrer
Reaktion wirkte unaufrichtig. Sie wirkte ganz und gar nicht, als
wäre sie mit einer Tatsache konfrontiert worden, die sie schon seit
einer Weile vermutete, die sie verdrängt hatte, bis sie sich nicht
länger verdrängen ließ.
Vielmehr kam es mir so vor, als wäre sie belustigt
und würde versuchen, das hinter einer Maske der Überraschung zu
verbergen. Höchst verwirrend. Da hatte ich gedacht, ich hätte
endlich ihr Rätsel gelöst, hätte herausgefunden, was hinter der
Fassade vor sich ging, und jetzt hatte ich plötzlich das Gefühl,
wieder ganz am Anfang zu stehen: Sie war wieder die
Androidenhausfrau, die gern Schürzen trug und beim Geschirrspülen
vor sich hinsummte.
»Es tut mir leid, dass Sie es von mir erfahren
müssen«, murmelte ich und stocherte ein wenig in der Wunde, um doch
noch die erwartete Reaktion hervorzurufen.
»Ja, ja«, murmelte sie abwesend, als wäre sie in
Gedanken weit, weit weg.
Jeder Mensch trauert eben auf seine Weise, sagte
ich mir, als sie mich keine fünf Minuten später hinausbegleitete.
Es stand mir nicht zu, darüber zu urteilen, wie Mrs. Miller die
schockierende Neuigkeit aufgenommen hatte. Ich wurde schließlich
nicht dafür bezahlt, die Reaktionen meiner Auftraggeberinnen zu
analysieren, sondern dafür, dass ich eine Information lieferte und
dann die Fliege machte.
Und genau das tat ich auch.
Trotzdem fragte ich mich, was zum Geier wohl in
diesem Haus vorgehen mochte, sobald Mrs. Miller die Tür hinter mir
geschlossen hatte.
Als ich daheim Hose und Twinset ablegte, fiel
mein Blick auf Jamies Visitenkarte, die ich am Vortag auf die
Kommode im Schlafzimmer gelegt hatte.
Ach, richtig, dachte ich, als hätte ich den
Gedanken daran nicht bewusst verdrängt. Ich wollte ja unser Date
absagen.
Ich nahm die Karte zur Hand, starrte auf die
Nummer, dann griff ich zum Telefon. Umklammerte es.
Tu es einfach, sagte ich
mir ein ums andere Mal. Es ist das Beste, und
das weißt du auch.
Ich tippte die Vorwahl in mein Handy, doch meine
Finger fühlten sich bleiern an, wie gelähmt, sodass es mir schwer
fiel, die richtigen Tasten zu drücken. Mist, jetzt hatte ich statt
der Vier die Fünf erwischt. Seit wann waren die so eng
nebeneinander? Ich drückte auf Löschen und
fing von vorne an.
Nachdem ich die letzte Ziffer eingegeben hatte,
studierte ich eine Weile die Zahlenreihe auf dem Display. Mein
Daumen schwebte über der grünen Hörer-abnehmen-Taste, bereit, in Aktion zu treten,
wie ein Zeigefinger am Abzug.
Es ist ganz leicht, sagte
ich mir.
Ich würde die Taste drücken, er würde abnehmen, und
ich würde einfach sagen: Tut mir leid, aber meine Mutter ist krank
… Dummerweise lebt sie in Guam, und ich werde eine Weile zu ihr
ziehen …«
»Nein!«, rief ich laut. »Keine Lügen mehr.«
»Tut mir leid, aber mein Leben ist im Augenblick zu
kompliziert, und ich möchte dich da nicht mit reinziehen.«
Perfekt.
Wahrheitsgetreu und unproblematisch … theoretisch
jedenfalls.
Ich holte tief Luft und legte den Finger auf die
grüne Taste, da klingelte es an der Tür.
Ich hob den Finger wieder an und spähte verwundert
in den Flur. Auf dem Weg zur Tür sah ich auf die Uhr. Ich hatte
völlig vergessen, dass Mom, Julia und Hannah hatten vorbeikommen
wollen, um mit mir essen zu gehen.
Rasch legte ich das Handy und Jamies Karte auf den
Esstisch und öffnete ihnen die Tür.
»Hallo, zusammen!« rief ich in dem Versuch,
entspannt und erfreut zu klingen, wie normale Menschen eben klingen
an einem Samstagnachmittag, wenn sie ihr Wochenende genießen,
relaxen, die Zeitung lesen, vielleicht sogar ein bisschen
fernsehen.
Hannah umarmte mich kurz und rauschte dann an mir
vorbei ins Schlafzimmer, um zu tun, was sie immer tut, wenn sie
mich besucht: meinen Kleiderschrank erforschen.
»Oh, wow!«, hörte ich sie kreischen, während ich
Mom und Julia zur Begrüßung umarmte. »Toller Rock!«
»Großartig.« Julia verdrehte die Augen. »Jetzt wird
sie auf dem Nachhauseweg von nichts anderem reden.«
Ich lächelte nur freundlich.
Julia trat ein und sah sich prüfend um. »Hmmm …
Unglaublich. Ich vergesse immer, wie weiß deine Wohnung ist.«
Ich biss mir auf die Unterlippe. Mit scharfen
Entgegnungen kommt man bei Julia nicht weit.
»Wer ist Jamie Richards?«, fragte meine Mutter
neugierig.
Ich fuhr herum. Sie stand hinter mir und studierte
interessiert Jamies Visitenkarte.
»Calloway Consulting«, las sie, dann hob sie den
Kopf. »Ein Geschäftspartner?«
Ich zuckte die Achseln. »Nö, nur ein Typ, mit dem
ich ausgehe«, sagte ich cool.
Sogleich erhellte sich ihre Miene. In ihren
Pupillen spiegelten sich praktisch bereits die schemenhaften
Umrisse ungeborener Kinder. Ihre Finger umklammerten instinktiv die
weiße Karte, ein kleines Symbol ihrer Hoffnung. Vielleicht hätte
ich doch besser schwindeln und Ja sagen sollen.
Ich versuchte, die Angelegenheit herunterzuspielen.
»Es ist keine große Sache. Ich wage zu bezweifeln, dass etwas
daraus wird. Wohin gehen wir essen?«
»Wie oft wart ihr miteinander aus?«, wollte Hannah
wissen, die eben ins Wohnzimmer kam und es sich auf dem Sofa
gemütlich machte, als würde sie gleich einen Film angucken, auf den
sie sich seit Monaten freute. Fehlte nur noch ein großer Eimer
Popcorn.
»Wisst ihr was, ich würde lieber nicht darüber
reden«, sagte ich, entwand meiner Mutter mit sanfter Gewalt die
Karte und legte sie wieder auf den Tisch.
Wozu von Jamie erzählen, wenn ich doch vorhatte,
ihn nicht wiederzusehen? Wozu ihnen falsche Hoffnungen machen? In
meinem Leben war kein Platz für einen Mann. Ich wusste eigentlich
gar nicht, warum ich überhaupt mit ihm ausgegangen war. Als nette
Ablenkung von meinem hektischen Alltag? Was für ein erbärmlicher
Grund. Aber ich wusste, meine Familie würde meine Argumentation
nicht
nachvollziehen können. »Was ist denn gar so kompliziert an deinem
Leben?«, würde Julia höhnen, und meine Mutter würde mahnend
hinzufügen: »Du kannst deinem Vater nicht ewig aus dem Weg gehen.«
»Er ist hässlich, stimmt’s?«, würde Hannah naiv spekulieren, voller
Stolz, weil sie das wahre Problem erkannt hatte, das diesem neuen
großen Mysterium meines Liebeslebens zugrunde lag.
Alle drei starrten mich an – eine Jury, die über
meine Strafe und damit über mein Leben bestimmen konnte. Würde ich
sie mit meiner Antwort besänftigen können, oder würde ich auf dem
elektrischen Stuhl enden?
Ich breitete stöhnend die Arme aus. »Zweimal, okay?
Wir hatten zwei Dates, und ich fürchte, zu mehr reicht es auch
nicht. Können wir jetzt essen gehen?«
»Zwei Dates«, wiederholte Julia nachdenklich. Ihre
Miene verriet, dass sie sich gerade etwas zusammendichtete, das in
ihren Augen genauso bedeutend war wie der neueste Durchbruch in der
Krebsforschung. »Das kommt mir irgendwie bekannt vor.«
»Was willst du damit sagen?«, fragte ich
verblüfft.
»Endet nicht jede deiner Beziehungen ziemlich genau
nach dem zweiten Date?«
Die Mitglieder der Jury sahen mich an, als wollten
sie sagen: Sie hat recht, Jen.
Verflixt. Sie hatte den Nagel auf den Kopf
getroffen. Meine fiktiven »Beziehungen« dauerten tatsächlich nie
länger als bis zur zweiten Verabredung. Wenn ich die betreffenden
(nicht existierenden) Männer dann aus irgendeinem erfundenen Grund
»abservierte«, war das lange genug, um behaupten zu können, ich
hätte ihnen eine Chance gegeben, aber nicht so lange, dass ihre
Gefühle verletzt werden könnten.
Während ich mir Julias Bemerkung durch den Kopf
gehen ließ, bekam ich plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil
ich das dritte Date mit Jamie absagen wollte. Schließlich war er
der erste Mann aus Fleisch und Blut, von dem ich ihnen überhaupt
erzählt hatte. Und wie es aussah, drohte meine Angewohnheit,
fiktive Verehrer nach dem zweiten Date abzuservieren, nun auch mein
reales Liebesleben zu beeinträchtigen. Das konnte nicht gesund
sein.
Andererseits konnte man neuerdings keinen Aspekt
meines Lebens guten Gewissens als gesund
bezeichnen.
»Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet«,
verteidigte ich mich schamlos. »Jamie ist ganz anders als die
anderen.«
Soll heißen, er ist kein
Phantom.
»Bei unserer ersten Verabredung waren wir nämlich
Golf spielen«, fuhr ich fort, »und wir haben Hotdogs gegessen, und
ich finde nicht, dass das …«
»Das ist ja süß!«, rief Hannah dazwischen. »Stimmt
doch, oder?« Das war an den Rest der Jury gerichtet.
Ich lächelte vor mich hin. Es war tatsächlich süß.
Ich erinnerte mich daran, wie wir auf der Parkbank vor dem
Imbissstand gesessen, unsere Hotdogs verdrückt und über seine
Golfkünste gelacht hatten. Oder vielmehr über sein mangelndes
Golftalent. Bei diesem Gedanken hätte ich beinahe gekichert.
»Das klingt wirklich nett«, stellte Mom zufrieden
fest.
»Ja«, sagte ich leise und sank neben Hannah auf die
Couch. »Und witzig ist er auch.« Mit einer unerwarteten
Begeisterung fuhr ich fort: »Er nennt mich zum Beispiel immer
Jennifer H., wie die Lehrer damals in der Grundschule. Als wir uns
kennengelernt haben, habe ich ihm nämlich meinen Nachnamen nicht
verraten.«
Ich lachte selbstvergessen, als wäre ich allein im
Raum. Und in diesem Moment war ich das auch. Ich habe keine Ahnung,
wie lange ich dort saß und einfach von Jamie erzählte. Sein Alter,
sein Job, unsere erste Begegnung, unser »verlängerter«
Aufenthalt an Bord, dass er mich wegen meines Treos geneckt hatte
… Einfach alles. Als ich schließlich abrupt verstummte, bemerkte
ich, dass mich drei Augenpaare fasziniert anstarrten. Sie wollten
mehr hören, sehnten sich nach weiteren Details.
Ich errötete. Was für eine seltsame Empfindung
ergriff da von mir Besitz?
So musste sich Aufrichtigkeit anfühlen. Was sollte
es sonst sein?
Ich hatte gute zehn Minuten ununterbrochen geredet,
und es war keine einzige Lüge über meine Lippen gekommen.
Es war ein großartiges Gefühl, so mit den Menschen
zu sprechen, die ich liebe. Ihnen alles zu erzählen. Keine
Schwindeleien, keine erfundenen Details, keine Alibis. Nur die
Wahrheit.
Es war befreiend.
Ich holte tief Luft und wagte einen Blick in ihre
verzückten Gesichter. Ich wusste, dass meine Mutter bereits in
Hochzeitsfantasien schwelgte. Hannah malte sich vermutlich gerade
unseren ersten Kuss aus und fragte sich, wie es wohl wäre, die
Zunge eines Jungen im Mund zu haben, während sich Julia diebisch
darüber freute, dass sie mit ihrer Kritik wieder einmal richtig
gelegen hatte.
Es war mir egal, was sie dachten.
Das Einzige, das zählte, war die Tatsache, dass ich
ihnen endlich die Wahrheit gesagt hatte. Zumindest einen kleinen
Teil. Am liebsten hätte ich gleich weitergemacht, doch das war
unmöglich.
Dafür war es noch zu früh.
Vielleicht kam der richtige Zeitpunkt auch
überhaupt nie.
Ich musste mich zurückhalten. Man sagt, alles kann
süchtig machen, und das kann ich jetzt bestätigen. Die Wahrheit war
mit Abstand die stärkste Droge, die ich je ausprobiert
hatte. Aber ich durfte meine Familie nicht überfordern. Ein paar
Verabredungen, das ging noch, meine Karriere als Treuetesterin
dagegen … Lieber nicht. Also verschwieg ich diesen Teil meines
Lebens und versuchte, einfach das Gefühl der offenen, aufrichtigen
Kommunikation zu genießen, solange es möglich war.
»Und was spricht nun gegen diesen Jamie?«, wollte
Mom verwirrt wissen. Kein Wunder, dass sie sich das nicht erklären
konnten, nachdem ich ihnen zehn Minuten nonstop von ihm
vorgeschwärmt hatte.
Mir ging es ehrlich gesagt ähnlich. Wenn ich an
Jamie dachte, hatte ich unweigerlich das Bedürfnis, jede freie
Minute mit ihm zu verbringen. Doch wenn ich an meine Arbeit dachte,
an die Lügen, die Erpressung, die Ausflüchte, dann wusste ich, es
wäre das Beste, einen Schlussstrich zu ziehen.
»Ich weiß auch nicht. Man wird sehen.« Das war im
Augenblick die einzige Antwort, mit der ich einer langen, hitzigen
Diskussion über mein Privatleben aus dem Weg gehen konnte.
Sie schien die drei zufrieden zu stellen. Ihre
Hoffnung war sichtlich stärker als mein Zynismus.
Wie auf ein Stichwort klingelte mein Treo. Wir
fuhren allesamt herum und starrten es an, als hätten wir ein derart
futuristisches Gerät noch nie zu Gesicht bekommen. »Die Arbeit
ruft«, sagte ich, verdrehte mit gespielter Genervtheit die Augen
und ging mit dem Telefon nach nebenan.
Schon war es vorbei mit der Offenheit und
Aufrichtigkeit.
»Hallo?«, sagte ich so leise wie möglich, ohne den
Eindruck zu erwecken, dass ich flüsterte.
»Ja, hallo, Ashlyn?« Die Frau am anderen Ende klang
freundlich, verletzlich und einen Hauch bekümmert.
»Darf ich fragen, mit wem ich spreche?«
Schweigen. »Ähm, ich heiße Karen … Howard«, kam es
zögernd, mit leicht zitternder Stimme. Keine Seltenheit, wenn ich
unter dieser Nummer angerufen wurde. »Eine Freundin hat mir Ihre
Nummer gegeben.«
»Verstehe. Was kann ich für Sie tun, Mrs.
Howard?«
»Äh, wie Sie sich vorstellen können, geht es um
meinen Mann. Alles Weitere würde ich wenn möglich lieber persönlich
mit Ihnen besprechen. Telefone machen mich nervös.«
»Nun, ein, zwei weitere Informationen benötige ich
schon noch.«
»Verstehe«, sagte sie etwas enttäuscht. »Also gut.«
Sie holte tief Luft. »Er ist in letzter Zeit einfach so anders … so
reserviert. Er kommt immer sehr spät nach Hause, manchmal auch gar
nicht. Und da kam mir der Gedanke …« Sie brach ab, als wäre sie zu
verstört, um fortzufahren oder noch nicht bereit, es laut
auszusprechen und sich damit die schmerzliche Tatsache
einzugestehen.
»Wir können uns gerne treffen«, erwiderte ich
sogleich, um die verlegene Pause zu füllen.
Sie seufzte auf, hörbar erleichtert darüber, dass
ich sie nicht gezwungen hatte, den schrecklichen Gedanken zu Ende
zu führen. »Danke.«
»Wann würde es Ihnen passen?«
Einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende.
Vermutlich blätterte sie in ihrem Kalender. »In ein paar Wochen
geht mein Mann auf Geschäftsreise. Vielleicht irgendwann
davor?«
»Ich könnte Ende der Woche bei Ihnen vorbeikommen.
Wie wäre es am Freitag?«
»Freitag wäre gut. Um acht?«
»Acht Uhr abends? Ist Ihr Mann da nicht zu
Hause?«
»Äh, nein«, sagte sie rasch. »Da arbeitet er
länger. Wie so oft.« Sie seufzte.
»Alles klar. Dann also Freitag um acht.«
Ich notierte mir Karen Howards Adresse und
Telefonnummer und legte auf. Dann kehrte ich ins Wohnzimmer zurück,
wo die Unterhaltung inzwischen ohne mich weitergelaufen war. Julia
referierte soeben wortreich über den schlechten Einfluss von
Reality-TV-Sendungen auf die amerikanische Jugend. Hannah wirkte zu
Tode gelangweilt.
Ich trug schweigend den Termin mit Mrs. Howard in
meinem Kalender ein und schob das Treo in meine Handtasche.
Dann klatschte ich in die Hände, um mir Gehör zu
verschaffen. »Na, gehen wir jetzt endlich essen?«
Hannah sprang so begeistert auf, als hätte ich sie
vor einem Besuch beim Zahnarzt gerettet. Mom und Julia erhoben sich
ebenfalls und streckten die Beine.
»Ja«, sagte Mom und legte mir den Arm um die
Schultern. »Wo sollen wir hingehen, Jen? Du kennst doch bestimmt
ein paar trendige Restaurants in dieser Gegend.«
›Trendige‹ Restaurants? Da hat wohl jemand ein
bisschen zu oft MTV Cribs geguckt. Von
wegen Reality TV verdirbt die Jugend.
Ich sperrte die Tür hinter mir zu und fragte: »Was
haltet ihr von mexikanisch?«, während ich die ganze Bande in den
Lift schob, worauf sich Julia sogleich bemüßigt fühlte, von ihrer
letzten schlechten Erfahrung mit mexikanischem Essen zu berichten.
Ich hörte gar nicht richtig hin, sondern beugte mich lächelnd zu
Hannah hinunter, die mir geheimnisvoll bedeutete, dass sie mir
etwas anvertrauen wollte.
»Ich muss dich etwas fragen«, murmelte sie
schüchtern.
Die Aufzugtüren öffneten sich. Mom und Julia gingen
voraus, ich ließ mich mit Hannah ein wenig zurückfallen. »Was
denn?«, flüsterte ich zurück und machte mich gefasst auf eine Frage
zum Thema Sex im Allgemeinen oder zu meinem Sexleben
im Speziellen. Denn genau darum drehten sich Hannahs Fragen
normalerweise.
Sie reckte den Hals, als wollte sie sich
vergewissern, dass unsere Mütter außer Hörweite waren, dann
flüsterte sie: »Wer ist Ashlyn?«