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Fantasie in
Dunkelblau
Achtzehn Uhr. Das Studio war proppenvoll. Horden
von Menschen versuchten, die im Laufe des Tages begangenen
kulinarischen Ausrutscher abzuarbeiten. Die älteren Herren waren
hier, um ihre Schwimmreifen zu verkleinern, die jüngeren, um den
Umfang ihrer Oberarme zu vergrößern. Und die vierzigjährigen
Hausfrauen, die sich mit Hilfe sündteurer Operationen ihre
Schönheit erhielten, versuchten mit ihren knackigen zwanzigjährigen
Konkurrentinnen mitzuhalten, die es meisterhaft verstanden, sich
auf dem Ellipsentrainer nur so weit anzustrengen, dass ein
schimmernder Schweißfilm ihre gebräunten Bauchmuskeln überzog,
nicht aber ihr natürlich aussehendes
Make-up dahinschmolz.
Ich schob meinen iPod in die Halterung und
befestigte selbige am Hosenbund meiner Shorts, dann drückte ich die
Garderobentür auf. In die Musik vertieft marschierte ich mit
gesenktem Kopf an der langen Warteschlange vor den Cross-Trainern
vorbei zu den Laufbändern. Das ging ja hier zu wie auf dem
Jahrmarkt!
Mein wöchentliches Fitnessprogramm besteht aus
zweimal dreißig Minuten Cardio-Training und zwei Stunden Pilates in
einem Studio in Santa Monica. Heute hatte ich bloß
knappe zwanzig Minuten Zeit, wenn ich zu meinem nächsten Termin
nicht zu spät kommen wollte.
Während ich mich aufwärmte, fühlte ich Blicke auf
mir ruhen. Nach außen hin sah ich aus wie jede andere
Fitnessclubbesucherin zwischen zwanzig und dreißig, die sich
schlank hungert, um sich einen reichen Ehemann angeln zu können –
und in fünf Jahren einen noch reicheren.
Aber ich bin nicht wie sie. Ganz im
Gegenteil.
Zwar bin ich genauso gut in Form, und auch meine
olivfarbene Haut schimmert, wenn ich anfange, zu schwitzen. Aber
unsere Motive unterscheiden sich wie Tag und Nacht.
Ja, ich trainierte, um mit meinem Körper die
Aufmerksamkeit der Männer auf mich zu ziehen.
Aber nicht, um heiratswillige reiche Männer
aufzugabeln, sondern um sie beim Seitensprung zu ertappen.
Ich musste aussehen wie all
diese anderen Frauen hier, denn genau diese Frauen sind es, mit
denen reiche Männer ihre Gattinnen betrügen, wenn sich die
Gelegenheit ergibt.
Ich suchte auf dem iPod einen schnellen Rock-Song,
erhöhte die Geschwindigkeit meines Laufbandes und trabte los. Nach
zwei Minuten spürte ich, wie sich die ersten Schweißperlen auf
meiner Stirn bildeten.
Es war ein herrliches Gefühl, im Takt der Musik
dahinzugaloppieren. So befreiend. Ein richtiger Energieschub für
den Körper. Nachdem ich zwanzig Minuten ordentlich Gas gegeben
hatte, drückte ich den Cool-Down-Knopf, um
das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit zu drosseln. Ich trocknete mir
mit dem Handtuch das Gesicht ab und rückte meinen Pferdeschwanz
zurecht.
Dabei streifte mein Blick den jungen Mann auf dem
Laufband neben mir.
Er war Mitte zwanzig und nicht unattraktiv –
hellbraunes Haar, sanfte Augen, durchtrainierter Körper.
Als sich unsere Blicke trafen, lächelte er.
Ich lächelte höflich zurück und wollte mich eben
wieder abwenden, da bemerkte ich, dass er die Lippen bewegte. Ich
vernahm allerdings nur die unverständlichen Punk-Rock-Texte, die
noch immer aus den Ohrstöpseln meines iPod dröhnten.
Einen kurzen Moment zog ich in Erwägung, ihn zu
ignorieren. Schließlich trug ich unter anderem aus exakt diesem
Grund meine Kopfhörer – als Schutz vor Sportstudio-Smalltalk.
Andererseits würde es wohl ziemlich unhöflich wirken, wenn ich so
tat, als hätte ich nicht bemerkt, dass er versuchte, mich
anzusprechen.
Also zog ich den Stöpsel aus dem rechten Ohr. »Wie
bitte?«
Er lachte leise. »Ach, ich sagte nur gerade, ich
habe noch nie jemanden mit solcher Begeisterung laufen sehen. Man
könnte fast meinen, du wärst vor dem Teufel persönlich
davongerannt.«
Ich lachte und strich mir eine feuchte Haarsträhne
hinters Ohr. »Tja, den konnte ich noch nie leiden.«
»Trainierst du für etwas Bestimmtes?«
»Ja... für das Leben«, erwiderte ich
süffisant.
»Der ist gut. Muss ich mir merken.«
Ich lächelte.
»Ich hab dich hier noch nie gesehen.«
Ich nahm meine Flasche aus dem Getränkehalter
meines Laufbandes und trank einen Schluck Wasser. »Ich komme
normalerweise auch nicht in dieses Studio. Es lag nur zufällig auf
dem Weg zur Arbeit.«
Mein Laufband kam zum Stillstand. Seines ebenfalls,
als wären sie absichtlich aufeinander eingestellt. Wir stiegen
gleichzeitig ab, wobei er mich angrinste, als wollte er sagen: »So
ein Zufall aber auch!«
»Ach, du arbeitest hier in der Gegend? Was machst
du denn beruflich?«, wollte er wissen.
Ich zuckte die Schultern. »Investment Banking. Ich
musste eine Firma bewerten, die ein paar Straßen weiter ihren Sitz
hat.«
»Wow, Investment Banking. Ich bin beeindruckt. Das
bedeutet, du bist klug und hübsch. Eine
tödliche Kombination.«
Ich errötete und nestelte an meinem iPod herum.
»Danke. Womit verdienst du dir denn deine
Brötchen?«, beeilte ich mich zu fragen, um von meinem Pseudojob
abzulenken.
»Ich bin Videospieldesigner.«
»Tatsächlich? Kenne ich vielleicht eines, das von
dir ist?«
Er schüttelte deprimiert den Kopf. »Wohl kaum. Ich
arbeite für eine ziemlich kleine Firma. Bis jetzt lässt der große
Durchbruch auf sich warten. Wir haben gerade ein Spiel namens
Powerless auf den Markt gebracht. Eine Art
politisches Sim City.«
Ich nickte. »Von Sim City
habe ich schon gehört.«
Er lachte. »Immerhin.«
»Ich warte eigentlich immer noch auf das Comeback
von Wo steckt Carmen Sandiego und Oregon Trail.«
Er lachte erneut. »Wow, du erinnerst dich an
Oregon Trail?«
»Wie könnte ich das je vergessen? Das haben wir in
der vierten Klasse täglich gespielt, in jeder Pause... ›Becky hat
Cholera‹«, imitierte ich die teilnahmslose Computerstimme.
»›Becky ist tot‹«, fügte er im selben Tonfall
hinzu.
Wir prusteten los.
»Hey«, sagte er schließlich mit charmanter
Schüchternheit. »Kann ich dir unten einen Smoothie ausgeben?«
Ich trocknete mir den Nacken mit meinem Handtuch
ab. »Äh...«
»Oder vielleicht einen PowerBar-Riegel?«
»Ehrlich gesagt, habe ich gleich noch einen
Termin«, sagte ich bedauernd. »Ich sollte schleunigst unter die
Dusche und zusehen, dass ich loskomme.«
Er nickte. Sein Lächeln kaschierte seine
Enttäuschung nur dürftig. »Okay, dann vielleicht das nächste
Mal?«
»Klar. Gern.« Ich lächelte zum Abschied und machte
mich auf den Weg zur Garderobe. Es dauerte nur eine Sekunde, dann
kam er mir nach.
»Wenn du allerdings sonst nicht hier trainierst,
gibt es womöglich gar kein nächstes Mal«, bemerkte er, als er mich
eingeholt hatte.
Seine Hartnäckigkeit entlockte mir ein Lachen. Ich
blieb stehen, die Arme verschränkt, und sagte mit gespielter
Genervtheit: »Was schlägst du dann vor?«
Er trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich schlage
vor, du gibst mir deine Nummer, nur für den Fall, dass wir uns beim
nächsten Mal nicht über den Weg
laufen.«
Nicht gerade superelegant, seine Anmache, aber
irgendwie nett. Ich rücke meine Telefonnummer normalerweise nie
raus. Vor allem nicht an Typen, die ich eben an der Tretmühle
aufgegabelt habe. Aber dieser hier war anders als die Männer, die
mich sonst nach meiner Nummer fragen.
Deshalb sagte ich: »Gut, warum nicht« und leierte
meine Telefonnummer (eine prestigeträchtige Westside 310er-Nummer)
herunter. Er hatte bereits sein Handy aus der hinteren Hosentasche
gefischt und tippte eifrig mit.
Dann hob er den Kopf und grinste. »Ich heiße
übrigens Clayton, nur damit du Bescheid weißt, wenn ich
anrufe.«
»Hat mich gefreut, dich kennenzulernen,
Clayton.«
Nach einer ausgiebigen Dusche trocknete ich mich ab
und warf einen Blick auf mein Treo. Drei neue E-Mails. Eines von
meiner Mutter (ein Online-Test, um meine Botanikkenntnisse
zu überprüfen), eines von Sophie (»Danke, dass du mir vorhin so
geduldig zugehört hast« – solche bekam ich mit schöner
Regelmäßigkeit) und eines von Lenore (meine Reisedaten für Las
Vegas, wie versprochen).
Rasch schlüpfte ich in meine Freizeitklamotten,
schulterte meine Sporttasche und begab mich schnurstracks zum
Ausgang.
Genug kokettiert. Es war höchste Zeit, die
Erinnerungen an die guten alten Grundschulzeiten hinter mir zu
lassen und an die Arbeit zu gehen.
Ich startete meinen Range Rover, tippte mein
nächstes Fahrtziel ins Navigationssystem und verließ den Parkplatz.
Auf Anraten der Computerstimme bog ich links ab und fuhr nach etwa
einem Kilometer auf den Century Boulevard auf.
Schon sehr bald würde ein Mann namens Andrew
Thompson das Mädchen seiner Träume kennenlernen.
Er wusste es nur noch nicht.
Andrew Thompson hatte schon immer eine Schwäche
für Stewardessen gehabt. Und für American Football.
»Anfangs war es eine Art Running Gag«, hatte mir
seine Frau bei unserem ersten Meeting vergangene Woche erklärt.
»Wann immer er im Fernsehen oder am Flughafen eine Flugbegleiterin
erblickte, flüsterte er mir ins Ohr: ›Schatz, wir müssen dir so ein Outfit besorgen‹. Früher war das
noch süß.« Sie schüttelte mit düsterer Miene den Kopf. »Früher war
so einiges süß. Ich zum Beispiel.«
Heute Abend würde ich mich deshalb in Andrew
Thompsons Traumfrau verwandeln – in eine Stewardess, die ein
riesiger American-Football-Fan war. Über den Wolken stets höflich
und gesittet, aber lümmelhaft und hemmungslos, sobald sie ein paar
Bier intus hatte und auf ESPN ein Spiel ihres Lieblingsteams
verfolgte.
Recherche und Vorbereitung machen einen
beträchtlichen Teil meiner Arbeit aus. Ich versuche immer, mich vor
dem Test möglichst umfassend zu informieren, denn je mehr ich weiß,
desto schneller bringe ich ihn hinter mich. Natürlich genügt es
nicht, die Vorlieben eines Mannes zu kennen, um sich in seine
Traumfrau zu verwandeln, sei es nun eine Stewardess oder eine
Pokerspielerin. Genauso wenig, wie es für einen erfolgreichen
Staubsaugervertreter genügt, wenn er Daten über die Saugkraft des
neuesten Hoover-Modells herunterrasseln kann. In den zwei Sekunden,
in denen die Haustür vor ihm aufschwingt, muss er blitzschnell
analysieren, wie der Mensch tickt, der vor ihm steht. Er muss auf
der Stelle erkennen, was der oder die Betreffende über Staubsauger
hören will, sonst wird man ihm die Tür vor der Nase
zuknallen.
Ich schätze, wenn ich tatsächlich eine Art Superheldin wäre, dann wäre
genau das meine charakteristische Fähigkeit. Meine Menschenkenntnis
zählt seit jeher zu meinen größten Begabungen, und mit den Jahren
habe ich sie perfektioniert.
Es soll ja Mathematikgenies geben, die innerhalb
von Sekunden jeden noch so kniffligen Geheimcode knacken
können.
Tja, das kann ich nicht.
Aber was ich kann, ist noch
weitaus kniffliger. Ich kann innerhalb von dreißig Sekunden
abschätzen, mit was für einem Mann ich es zu tun habe.
Ganz recht. Ich lese in Männern wie in einem
offenen Buch.
Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Fähigkeit
gekommen bin. Ich nehme an, sie wurde mir in die Wiege gelegt.
Meine Freundinnen nennen sie »ein Geschenk Gottes«, was ich dann
doch etwas übertrieben finde, aber es ist zweifellos praktisch,
Männer dechiffrieren zu können wie Kryptologen
einen streng geheimen Zahlencode, vor allem, wenn man Abend für
Abend neue kennenlernen und ihre potenzielle Traumfrau spielen
muss.
Wenn meine Freundinnen wüssten, wofür ich mein
Talent nutze.
Andrew Thompson lebt mit seiner Frau in San
Francisco, doch an diesem Abend hatte er geschäftlich in L.A. zu
tun, weshalb er im Westin direkt am Flughafen ein Zimmer reserviert
hatte. Ich bat einen der Angestellten vom hoteleigenen
Valet-Service, mir unauffällig den Hintereingang zu zeigen, was er
gerne tat, nachdem ich ihm einen größeren Dollarschein zugesteckt
hatte. Ich folgte ihm mit meinem Rollkoffer um die Ecke, wo er mir
ehrerbietig eine unscheinbare Glastür aufhielt. Ich trat ein und
verkrümelte mich umgehend in einer leeren Toilette im Erdgeschoss,
wo ich mich in der Behindertenkabine einschloss.
Ich schälte mich aus den Kleidern und holte eine
dunkelblaue Uniform aus dem Koffer. Sie stammte von einer
Bekannten, die für Continental Airlines als Flugbegleiterin
arbeitet. Sie hatte kichernd eingewilligt, sie mir zu borgen,
nachdem ich erklärt hatte, ich sei zu einer Party mit dem Motto
populäre sexuelle Fantasien eingeladen, für die ich mich als
aktives Mitglied des »Mile-High-Clubs« verkleiden wollte.
Rasch schlüpfte ich in den marineblauen Rock und
die dazugehörige Kostümjacke und rückte die goldenen Flügel auf dem
Aufschlag zurecht. Dann verstaute ich meine geliebte Birkin im
Koffer und klemmte mir stattdessen eine schlichte schwarze
Handtasche unter den Arm, die schon eher nach dem Gehalt einer
Flugbegleiterin aussah.
Ich frisierte mich, frischte mein Make-up auf,
atmete einmal tief durch und öffnete die Tür.
Andrew Thompson saß mit großer Wahrscheinlichkeit
längst vor dem Fernseher in der Hotelbar, wo gerade ein
College-Football-Spiel lief, von denen er seiner Frau zufolge
keines verpasste, wenn sich das Team seiner Alma Mater die Ehre
gab.
Heute Abend musste es Michigan mit den Mannen der
University of California aufnehmen. Und wie es der Zufall wollte,
war Michigan nicht nur Andrews Lieblingsmannschaft, sondern auch
Ashlyns.
Die musste heute einen »großen Auftritt« hinlegen,
denn ich hatte diesmal nicht die Möglichkeit, aus dem Hinterhalt
nach der Zielperson Ausschau zu halten. Ich musste mich darauf
verlassen, dass Emily Thompson mit ihren Vermutungen bezüglich der
Abendaktivitäten ihres Mannes richtig lag, sonst würde ich meine
Scharade an ein Häufchen angesäuselter, übergewichtiger
College-Football-Fans verschwenden.
Auf dem Weg durch die Lobby drangen bereits
gedämpfte Jubelschreie an mein Ohr. Sobald ich den Eingang zur
Hotelbar erspäht hatte, beschleunigte ich meine Schritte. Meinen
Rollkoffer hinter mir herzerrend, drängte ich mich hastig zwischen
den zahlreichen Gästen in der Lobby hindurch und platzte
schließlich atemlos in die Bar.
Dort angekommen wischte ich mir mit dem Handrücken
über die Stirn. »Was hab ich verpasst? Wie steht’s?«, keuchte
ich.
Die fünf anwesenden Männer, die alle gebannt auf
die Mattscheibe gestarrt hatten, wandten synchron die Köpfe und
glotzten mich an. Bingo. Mein großer Auftritt war ein voller
Erfolg.
Ich erspähte Andrew Thompson am Ende des Tresens
und neben ihm, oh Glückes Geschick, einen leeren Barhocker, den ich
umgehend ansteuerte, die Augen auf den Bildschirm geheftet. Ohne
das Testobjekt auch nur eines Blickes zu würdigen,
stellte ich meinen Koffer ab und legte die Handtasche auf die
Bar.
»Hallo«, murmelte ich reserviert, lächelte
flüchtig, nahm neben Andrew Platz und wandte meine Aufmerksamkeit
gleich wieder dem Spiel zu, während er mich unauffällig von oben
bis unten musterte.
»Es steht dreizehn zu null für USC«, sagte er, als
er endlich aus seiner Trance erwacht war.
»Verdammt!«, fluchte ich und schüttelte
missbilligend den Kopf. »Ich wusste es. Smith hat seine Verletzung
unterschätzt. Sie hätten Wilde aufstellen sollen.«
Das musste er erst einmal verdauen. Er wusste
genauso gut wie ich, dass ich recht hatte. Ein Hoch auf das
Internet.
Ich verfolgte aus dem Augenwinkel, wie er kurz
alles andere völlig vergaß und mich verblüfft anstierte, als könnte
er nicht glauben, dass Frauen wie ich überhaupt existierten.
Geschweige denn, dass sie sich neben ihn an die Bar setzten. So
etwas passierte doch bloß in seinen wildesten Träumen.
Ich konzentrierte mich weiterhin auf das Spiel,
bestellte beim Barkeeper ein Bier, ohne den Blick vom Bildschirm zu
lösen.
Um Punkt Viertel nach sieben ertönte wie geplant
der Alarm meines Telefons. Für einen Außenstehenden (sprich, für
Andrew Thompson) klang er allerdings wie ein normaler Klingelton.
Ich fischte den Störenfried blindlings aus der Handtasche, hielt
ihn mir ans Ohr und knurrte: »Ja, ich hab’s gesehen.« Keine
Begrüßung, kein Blick auf das Display, als wüsste ich genau, wer
dran war.
Als wäre es ganz normal, dass ich während eines
Michigan-Spieles angerufen werde. Von einem Bekannten, der
unbedingt einen Kommentar dazu vom Stapel lassen muss.
Ich tat, als würde ich angestrengt lauschen. »Hab
ich’s nicht gesagt? Dieser dämliche Grady ist absolut unfähig.«
Schweigend starrte ich zum Fernseher. »Ach was«, widersprach ich
dem imaginären Anrufer. »Der Kerl ist ein blutiger Anfänger. Was
hast du erwartet? Vierhundertsechsundsechzig Yards in einer Saison,
das ist weiß Gott keine Statistik, mit der man hausieren gehen
kann.«
Andrew gluckste in sich hinein. Ich schenkte ihm
ein wissendes Lächeln, als wären wir uns einig, dass jeder, der
Vertrauen in einen Spieler wie Grady setzte (wer auch immer dieser
Grady sein mochte), absolut null Durchblick hatte.
Er grinste verschwörerisch. Na also. Meine
Recherche hatte sich ausgezahlt.
»Hör zu, ich melde mich morgen, ja?« Ich tat, als
würde ich der Antwort lauschen, dann fügte ich rasch hinzu: »Okay,
meinetwegen. Ciao.«
Ich knallte das Telefon mit einem frustrierten
Grunzen auf den Tresen und murmelte »Verdammter Loser«.
In der nun folgenden Werbepause ergriff ich mein
Bier, als hätte ich eben erst bemerkt, dass es vor mir stand, und
nahm einen großen Schluck. »Mann, was für ein Tag.«
»Lass mich raten: Du warst auch auf der Michigan«,
bemerkte Andrew und sah mich aufmerksam an.
Ich drehte mich grinsend zu ihm um. »Da kannst du
Gift drauf nehmen.«
»Jahrgang fünfundachtzig«, verkündete er
stolz.
»Neunundneunzig«, konterte ich.
»Autsch. Jetzt fühl’ ich mich alt.«
Ich legte den Kopf schief, als würde ich ihn
eingehend betrachten und zuckte dann die Schultern. »Hast dich aber
gut gehalten«, stellte ich fest.
»Danke. Du bist Flugbegleiterin?«
Ich beäugte ihn skeptisch. »Nö, ich trage dieses
Outfit bloß, um mich an Kerle ranzumachen.«
Heute Abend machte ich auf freche – und
faszinierende –
Göre. Und wie es schien, hatte ich mit meiner Analyse den Nagel
auf den Kopf getroffen.
Andrew lachte und beeilte sich, mir ein zweites
Bier zu bestellen, sobald ich mein Glas geleert hatte.
»Ein Mädel, das auf Football steht und ordentlich
bechert, das gefällt mir.«
»Wenn alle Frauen so freundlich zu den Idioten sein
müssten, mit denen ich es tagtäglich zu tun habe, dann würden sie
literweise Bier saufen.«
Er lachte erneut. »So schlimm?«
»Und wie. Zum Kotzen.«
Der Barkeeper brachte mir mein Bier, und Andrew
prostete mir zu, als könnten wir damit das schwere Schicksal der
Michigan Wolverines abwenden. Perfektes Timing – die Werbepause war
beendet.
Zwei Stunden später waren Andrew und ich
sternhagelvoll. Besser gesagt, Andrew und Ashlyn waren sternhagelvoll. Ich achte sehr darauf,
bei klarem Verstand zu bleiben, wenn ich im Dienst bin. Zu diesem
Zweck habe ich meinen Körper in den vergangenen zwei Jahren bewusst
an den Konsum immer größerer Alkoholmengen gewöhnt. Alkohol
verwirrt die Sinne und verführt zu Dummheiten. Fünfundsiebzig
Prozent der Männer, die beim Treuetest versagt haben, waren
zumindest leicht alkoholisiert. Nun sind
vielleicht einige der Ansicht, in diesem Fall sei der Test
ungültig. Meine offizielle Meinung dazu lautet: Es ist ganz und gar
meinem Auftraggeber überlassen, wie er diese Frage handhabt. Meine
private, persönliche Meinung, die ich nie im Leben laut aussprechen
würde, lautet: Gültigkeit hin oder her, Alkohol ist ein Bestandteil
des täglichen Lebens. Wer unter Alkoholeinfluss fremdgeht, der
sollte entweder die Finger vom Alkohol lassen oder erst gar nicht
heiraten.
Aber das ist bloß meine bescheidene Meinung, und
die behalte ich tunlichst für mich.
Andrew und ich hatten uns nach dem verlorenen Spiel
an einen Tisch in der Ecke zurückgezogen, wo wir einander nun
gegenseitig Trost zusprachen und unsere bittere Enttäuschung
hinunterspülten.
»Immerhin ist es weniger peinlich, gegen den
ungeschlagenen Favoriten zu verlieren als gegen einen totalen
Niemand«, sagte ich und ließ in einer Mischung aus Trunkenheit und
Frust den Kopf hängen.
Andrew kippte sich entschlossen den Rest seines
Bieres in die Kehle und knallte das leere Glas auf den Tisch. Dann
beugte er sich zu mir und sah mir tief in die Augen. »Haddir
schomal jemand gesagt, wie heiß du bist?«,
lallte er.
»Okay, kein Bier mehr für den hier!«, brüllte ich
quer durch die mittlerweile leere Bar, wobei ich mit dem Arm
wedelte und auf Andrew deutete.
Er ergriff meine Hand und hielt sie fest. »Jess mal
im Ernst. Du hass keine Ahnung, oder?«
Ich spielte weiter meine Rolle, tat sein Kompliment
ab, als wäre es absolut lächerlich. »Ach, nun hör schon auf, du
hörst dich ja an wie ein Jammerlappen.«
Ich konnte den Ehering an seinem Ringfinger spüren.
Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn abzunehmen. Besser
gesagt, er hatte es komplett vergessen. Das ließ darauf schließen,
dass er ein Anfänger war, kein erfahrener Betrüger wie Raymond
Jacobs, der seinen Ehering mit derselben Selbstverständlichkeit an-
und auszog wie andere Leute ihre Flipflops.
Nicht, dass das einen Unterschied machen würde.
Anfänger, alte Hasen, Profis – nach dem Test sind sie für mich alle
gleich.
Es steht mir ohnehin nicht zu, über sie zu
urteilen. Falls
sich die betrogene Frau oder Freundin dazu durchringt, ihm zu
verzeihen, weil es zum allerersten Mal vorgekommen ist und er seine
Lektion gelernt hat, dann ist das ganz allein ihre Sache. Ich
liefere lediglich die erwünschte Information, aber keine Anleitung
zum Umgang damit.
»Wäre es sehr merkwürdig, wenn ich fragen würde, ob
ich dich küssen darf?«, sagte Andrew plötzlich ernst.
Ich tat, als würde ich überlegen, einen Zeigefinger
ans Kinn gedrückt. »Äh, nein... merkwürdig wäre, wenn du mich
fragen würdest, ob du an mir riechen
darfst.«
Er lachte. »Oh, das hab ich schon getan, vorhin an
der Bar. Du riechst gut.«
»Ach ja? Nach Flugzeugessen?« Ich brach in
unkontrolliertes, betrunkenes Gekicher aus.
Andrew stimmte mit ein. »Was hältst du davon, wenn
wir hier verduften?«
»Gute Idee.«
»Mein Zimmer?«
Ich nickte energisch, als hätte man mir seit Jahren
keinen so guten Vorschlag mehr unterbreitet. Als hätte ich nur
darauf gewartet.
Er schoss von seinem Stuhl hoch wie eine Rakete und
zog mich hinter sich her, meine Hand fest umklammert.
Die Frage »Darf ich dich küssen?« hat mir der
liebe Andrew dann gar nicht mehr gestellt. Kaum hatten wir sein
Zimmer betreten, fiel er über mich her wie ein angetrunkener
Erstsemester auf einer Studentenparty. Seine Küsse waren nass und
notgeil. Offenbar hatte ihn das Footballspiel in die Vergangenheit
zurückversetzt und ließ ihn noch einmal seine unbeschwerten
Jugendjahre an der University of Michigan durchleben... Noch dazu
mit einer Flugbegleiterin, wie in seinen kühnsten Träumen.
Zweifellos konnte er sein Glück kaum fassen, als er
mich nun Schicht für Schicht aus der Uniform schälte.
Den Ring behielt er einfach an, als hätte er ihn
völlig vergessen. Als wäre er ein Teil von ihm, ein Teil seines
täglichen Lebens, seiner monotonen Ehe geworden und hätte dabei
seine symbolische Bedeutung eingebüßt.
Ich hatte ihn allerdings nicht vergessen. Bei jeder
seiner Berührungen spürte ich das kalte, harte Gold auf meiner
Haut, eine ständige Erinnerung daran, was ich hier tat. Was
er hier tat.
Doch ich erhob keine Einwände. Ich ließ zu, dass
seine Lippen und seine Finger über meinen Körper wanderten, samt
Ehering und allem drum und dran.
Denn genau das ist mein Job.
Keine Einwände zu erheben. Mitzuspielen.
Ganz gleich, wie sehr es mich anwidert.
Deshalb muss ich in diesen Situationen geistig
abschalten. Es ist nicht Jennifer Hunter, die da einen Fremden
küsst, seinen Händen gestattet, sie zu berühren. Es ist immer
Ashlyn.
Denn Ashlyn überschreitet niemals meine
Türschwelle.
Ashlyn schlüpft nicht in die blütenweißen
Baumwollschlafanzüge, die dank Marta nach Weichspüler duften.
Ashlyn schmiegt sich nicht in die weißen Satinlaken, kuschelt nicht
mit dem lila Plüschelefanten, der seit Jahren mein Bettgenosse ist.
Und Ashlyn wacht nicht morgens auf und betrachtet sich in meinem
Badezimmerspiegel.
All das ist Jennifer, und es ist von größter
Wichtigkeit, die beiden strikt auseinanderzuhalten. Wenn erst
einmal die Grenzen verschwimmen, ist es vorbei. Dann kann ich nicht
länger die nötige Distanz wahren.
In meinem Geschäft muss die persönliche Komponente
gänzlich ausgeblendet bleiben. Alles andere wäre zu gefährlich. Ein
Spiel mit dem Feuer. Schließlich bin ich immer noch
ein Mensch und kein Roboter, so sehr ich mir auch wünsche, mein
Herz, meine Arme und Beine wären aus Stahl.
Ashlyn ist mein Schutzschild.
»Ich habe schon immer davon geträumt, mit einer
Stewardess zu schlafen«, murmelte Andrew in meine Halsbeuge.
»Dann ist heute wohl dein Glückstag.«
»Sieht ganz danach aus.«
Und dann wurde aus Andrew Thompsons kühnstem Traum
unversehens ein Albtraum.
Vielleicht hat er bis heute nicht ganz begriffen,
was ich ihm als Nächstes eröffnete. Vielleicht wird er auch nie so
recht zu schätzen wissen, dass ich ihm in Bezug auf den Zustand
seiner Ehe die Augen geöffnet habe. Aber eines weiß ich mit
Sicherheit: Seit diesem denkwürdigen Tag sieht Andrew Thompson
Flugbegleiterinnen garantiert mit völlig neuen Augen.