Viertes Kapitel

Die schweren Samtvorhänge hingen zugezogen vor dem Fenster und das hell lodernde Feuer im Kamin hielt die salzig feuchte Abendkühle aus dem Zimmer fern, das zu den Privaträumen von Frederick Burke gehörte und über seinem Geschäft am Hafen lag.

Voller Zärtlichkeit und Mutterstolz blickte Abby auf ihr Baby, das eben noch an ihrer Brust gelegen hatte und nun, nachdem es sich satt getrunken hatte, mit einem selig verklärten Ausdruck in der kleinen Wiege lag. Ihr war, als könnte sie die glatte, warme Haut ihres Sohnes noch immer an ihrer Brust spüren.

»Hier, trink noch eine Tasse Tee, solange er heiß ist«, sagte Andrew und reichte ihr die Tasse.

Abby genoss jeden Schluck dieses köstlichen Getränks, das sie so viele Monate entbehrt hatte. Und endlich wich die entsetzliche innere Kälte, die sie schon seit gestern bis ins Mark erfüllt hatte.

Er legte seinen Arm liebevoll um ihre schmal gewordenen Schultern. »Fühlst du dich jetzt wieder ein bisschen besser?«

Abby schmiegte sich an ihn. »O ja, sehr viel besser!«, seufzte sie und strich über seine andere Hand, die in ihrem Schoß lag. » Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich … der Phoenix entronnen und wieder bei dir und unserem Kind bin. Es kommt mir wie ein Traum vor und ich habe Angst, dass ich gleich aufwache und mich dann auf dem Schiff unten im Sträflingsquartier wieder finde.«

Andrew küsste sie auf die Stirn und fuhr ihr beruhigend über den Kopf. »Es ist kein Traum, und wenn du heute Nacht aus dem Schlaf aufwachst, dann werde ich an deiner Seite sein, mein Schatz.«

»Aber wenn ich an Rachel denke … und dass nun sie an meiner Stelle im Zwischendeck eingesperrt ist und niemanden hat, der ihr beisteht, dann … dann fühle ich mich entsetzlich schuldig, weil ich mich darauf eingelassen habe«, sagte sie gequält und kämpfte wieder mit den Tränen.

»Das darfst du nicht, Abby! Auf gar keinen Fall! Damit würdest du dich sogar versündigen. Denn dass du dich schuldig fühlst und dich mit Selbstvorwürfen quälst, ist das Letzte, was Rachel gewollt hat. Mit dir zu tauschen und dein Leben zu retten, weil ihres sich jetzt schnell seinem Ende zuneigt, ist allein ihre Idee gewesen. Sie hat mich tagelang bedrängt, ihr dabei zu helfen, bis ich endlich zugestimmt und Frederick Burke zu Rate gezogen habe. Und bis zum letzten Moment wusste keiner, ob wir alles rechtzeitig vorbereiten könnten. Deshalb habe ich dir auch nicht von dem Plan erzählt. Ich wollte keine falschen Hoffnungen in dir wecken. Dass du nun frei bist, verdankst du vor allem Rachel. Und du darfst dich nicht schuldig fühlen, wenn du das Opfer, das deine Freundin mit so viel Freude und Liebe für dich gebracht hat, nicht abwerten und… ja, entehren willst.« Er machte eine kurze Pause. »Wir schulden Rachel unendlich viel, Abby. Aber wir schulden ihr nicht nur unseren Dank und unsere Gebete und die Erinnerung an sie, sondern zu unserer Schuld ihr gegenüber gehört auch, dass wir das, was sie uns geschenkt hat, auch so annehmen, wie sie es uns zugedacht hat. Dass wir deine Freiheit ohne den Schimmer einer Schuld als Geschenk von ihr annehmen. Nur dann danken wir ihr so, wie sie es sich gewünscht hat und wie sie es auch verdient!«

Seine Worte klangen wie ein Echo dessen, was Rachel zu ihr gesagt hatte, und sie waren Balsam für ihre Seele. Nachdem sie übereingekommen waren, morgen als Erstes Rachels Mann aufzusuchen, blickten sie für eine Weile in vertrautem, gedankenvollem Schweigen in das prasselnde Feuer.

»Warum schüttelst du den Kopf, Abby?«, fragte Andrew Minuten später.

»Habe ich das getan?«, sagte sie verwundert.

»Ja, das hast du. Erzähl mir, was ist dir durch den Kopf gegangen ?«

»Frederick Burke.«

»Oh!« Er lachte leise auf. »Ein recht merkwürdiger Mensch, nicht wahr?«

Sie setzte sich auf. »Das kannst du wohl sagen! Mehr als merkwürdig sogar. Ich werde ihm immer dankbar sein für das, was er für mich getan hat, er hat viel riskiert …«

»Seine Existenz, vielleicht sogar sein Leben«, warf Andrew ein.

»… aber ich glaube nicht, dass ich jemals richtig mit ihm warm werden könnte«, beendete sie ihren Satz. »Und schlau werde ich aus ihm schon gar nicht. Ich weiß absolut nicht, was ich von ihm halten soll, Andrew. Er hat auf mich den Eindruck gemacht, als wäre diese ganze Sache für ihn so etwas wie ein … nun ja, ein aufregendes Abenteuer gewesen, ein unterhaltsamer Nervenkitzel. Er hat sogar selbst einmal ganz offen von ›Abenteuer‹ gesprochen.«

»Dein Eindruck hat dich nicht getrogen, denn genau das ist es für ihn gewesen: ein aufregendes Abenteuer, ein Nervenkitzel der ganz besonderen Art«, bestätigte Andrew.

»Es war immerhin ein Spiel mit unserem und seinem Leben!« Abby schüttelte verständnislos den Kopf.

»Frederick Burke ist zweifellos ein leidenschaftlicher Spieler – und das nicht nur am Spieltisch. Je höher der Einsatz, desto höher der Nervenkitzel und das Vergnügen«, erklärte Andrew mit gedämpfter Stimme und erhob sich vom Sofa, um Holz im Kamin nachzulegen. »Und das ist nur eine Seite seines rätselhaften Charakters. Burke ist wie ein Chamäleon. Er ist nämlich mit vielen der führenden Offiziere gut Freund, trinkt und spielt mit ihnen und geht zu ihren Festen.«

Abby sah ihn ungläubig an. »Ist das dein Ernst?«

»Ja, und sie halten ihn nicht nur für ihren Freund, sondern Burke macht auch keinen Hehl daraus, dass er einige von ihnen wirklich aufrichtig mag. Was ihn aber nicht daran hindert, heimlich die erbitterten Gegner des Rum Corps tatkräftig zu unterstützen und sich in riskante Unternehmen einzulassen.«

»Frederick Burke tanzt also auf jeder Hochzeit und ist jedermanns Freund.«

»Ja, und doch ist er kein Opportunist, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Denn es würde für ihn entsetzliche Konsequenzen haben, wenn seine Offiziersfreunde dahinter kämen, was für ein doppeltes Spiel er mit ihnen treibt«, sagte Andrew. »Wie auch immer, er ist ein seltsamer Mensch, der einem einige Rätsel aufgibt. Ich weiß nicht, was ihn antreibt, Abby. Ich weiß nur, dass auf ihn Verlass ist und wir und Melvin ihm viel zu verdanken haben.«

»Melvin!« Abby nahm das Stichwort sofort auf. »Hast du endlich herausgefunden, was aus deinem Bruder und deiner Schwester geworden ist? Stimmt es wirklich, dass er sich mit Sarah nach England abgesetzt hat?«

Andrew nickte. »Burke hat sie außer Landes geschafft, etwa eine Woche vor unserer Rückkehr nach Yulara. Sie haben sich dank seiner ausgezeichneten Beziehungen zum Captain unter falschem Namen auf dem Ostindienfahrer Earl Spencer eingeschifft und sind nach England geflohen.«

»Dein Bruder hat dich also doch im Stich gelassen«, sagte Abby mit bitterem Unterton. »Ich kann es einfach nicht glauben! Wenn es nicht so entsetzlich hart klingen würde, müsste man wohl sagen, dass er seine eigene Familie verraten hat.«

Andrew machte eine unglückliche Miene. »Ja, das hat er wohl. Aber nach dem, was er zuvor getan hat, kann ich auch verstehen, dass er plötzlich Angst vor seiner eigenen Courage bekommen hat und ihm der Boden in der Kolonie zu heiß geworden ist, solange das Rum Corps am Ruder ist.«

»So? Was hat er denn getan?«

»Du weißt ja, dass die Offiziere das Rumgeschäft an sich gerissen haben und mit diesem Monopol die Kolonie seit Jahren wie eine Zitrone auspressen. Seitdem ist Rum ja sogar zum inoffiziellen Zahlungsmittel geworden.«

Abby nickte.

»Nun, die meisten Offiziere haben sich bislang damit begnügt, Rum und Branntwein billig zu importieren und hier mit gewaltigem Gewinn zu verkaufen«, erklärte Andrew. »Einige besonders Geldgierige unter ihnen haben jedoch einen Weg gefunden, um noch mehr Profit aus dem schmutzigen Geschäft herauszuholen

– und zwar, indem sie alle nötigen Gerätschaften für Destillen aus England haben kommen lassen und an versteckten Orten hier in der Kolonie eigene Branntweinbrennereien errichtet haben.«

»Und was hat dein Bruder damit zu tun?«

»Er hat zusammen mit einigen anderen Patrioten, die endlich etwas gegen das Rum Corps unternehmen wollten, nachts mehrere dieser Brennereien überfallen und vollständig zerstört«, eröffnete er ihr mit einem schiefen Lächeln. »Und jetzt darfst du dreimal raten, wem diese zerstörten Destillerien gehört haben.«

Abby brauchte nicht lange zu raten. »Lieutenant Danesfield und Captain Grenville!«

Er nickte. »Volltreffer. Und wenn du weißt, dass die beiden nicht nur jedes Pfund, das sie besaßen, in diese Destillerien gesteckt, sondern auch noch bei ihren Kameraden Schulden gemacht haben, dann verstehst du, warum die beiden mit solch einem Hass und einer Verbissenheit hinter ihm her gewesen sind – und warum sie dich und mich unbedingt als Pfand in ihre Hände bekommen wollten.«

»O ja, jetzt wird mir vieles klar. Aber ich verstehe trotzdem nicht, wieso dein Bruder so tollkühn und so verantwortungslos gewesen ist, sich auf solche Anschläge gegen die Offiziere einzulassen. Mein Gott, er muss doch gewusst haben, dass diese skrupellose Bande zurückschlagen und dann die ganze Chandler-Familie ins Visier nehmen würde! Wie hat er das nur dir und deinem Vater antun können?«

Andrew zuckte ratlos mit den Achseln. »Ich wünschte, ich hätte darauf eine Antwort, aber ich habe sie nicht. Vermutlich hat er geglaubt, dass man ihm nicht auf die Spur kommen würde. Doch unglücklicherweise hat ihn wohl einer der Wächter erkannt und so hat die Katastrophe dann ihren Lauf genommen.«

»Bevor in Sydney nicht wieder ein rechtmäßiger Gouverneur herrscht, wird dein Bruder wohl nicht mit Sarah zurückkehren, nicht wahr? Und das kann noch eine ganze Weile dauern, wie ich fürchte.«

Andrew seufzte. »Ja, und deshalb können wir auch nicht hier bleiben.«

»Du meinst, hier in Sydney?«

»Nein, ich meine New South Wales in den Grenzen, in denen die Macht des Rum Corps Geltung hat. Aber Australien ist so viel größer als diese winzige Kolonie rund um Sydney«, antwortete Andrew. »Ich habe in den letzten Monaten viel Zeit gehabt, um mir Gedanken darüber zu machen, was werden soll, wenn du wieder in Freiheit bist …«

»Und was werden wir tun?«, fragte Abby aufgeregt.

»Erinnerst du dich an Megan?«, sagte er scheinbar ohne jeden Zusammenhang.

Sie sah ihn verblüfft an. »Meinst du meine Freundin Megan, die mit mir und Rachel die Überfahrt auf der Kent überstanden und dann beim Heiratsmarkt in der Factory von Parramatta den jungen Iren Timothy O’Flathery geheiratet hat?«

Andrew lächelte verschmitzt. »Ja, von genau dieser Megan O’Flathery spreche ich.«

»Hast du erfahren, wo sie lebt und wie es ihr geht? Mein Gott, ich habe schon so viele Jahre nichts mehr von ihr gehört. Nun red schon!« Sie packte ihn an den Armen und schüttelte ihn. »Bitte, spann mich nicht auf die Folter!«

Er lachte. »Ich habe Megan und Timothy in Parramatta getroffen. Sie haben die vergangenen Jahre auf einer kleinen Farm am Nepean River verbracht. Doch das Land, das man ihnen zugeteilt hatte, liegt gefährlich tief. Und bei der letzten großen Überschwemmung kurz vor Weihnachten ist von ihrer Farm nicht mehr viel übrig geblieben. Glücklicherweise haben sie wenigstens ihr Vieh und alle Gerätschaften retten können, sind aber entschlossen, die Farm dort nicht wieder aufzubauen. Denn die nächste Überschwemmung kommt bestimmt. Es macht keinen Sinn, dort auszuharren und gegen die Natur ankämpfen zu wollen, die letztlich doch gewinnt.«

Diese Nachricht trübte wie ein bitterer Wermutstropfen Abbys Freude, nach so vielen Jahren, in denen sie ohne ein Lebenszeichen von Megan gewesen war, endlich wieder von ihr zu hören. Megan und Rachel waren ihre einzigen Freundinnen gewesen und für jede von ihnen wäre sie durchs Feuer gegangen.

»Das ist traurig, doch ich bin sicher, dass die beiden wieder auf die Beine kommen werden. Jemand wie Megan lässt sich nicht unterkriegen. Aber was hat meine alte Freundin mit unseren Zukunftsplänen zu tun?«, fragte Abby verwundert.

»Eine ganze Menge. Denn Megan und ihr Mann haben beschlossen, sich einer kleinen Gruppe von Siedlern anzuschließen, die ebenfalls zu arm sind, um sich in den festgelegten Grenzen der Kolonie Land kaufen zu können, das zugleich fruchtbar und vor Überschwemmungen geschützt ist. Deshalb wollen sie woanders nach diesem Land für eine gesicherte Existenz suchen.«

»Aber wo denn?«, fragte Abby.

Andrew lächelte und seine Augen leuchteten vor Unternehmungslust. »Irgendwo im Norden oder Süden, wo noch kein anderer Siedler gewesen ist und wo die Täler und Flüsse, die Ebenen und Berge noch namenlos sind!«

Mit feuriger Begeisterung erzählte er ihr von den geheimen Plänen dieser mutigen Siedler, die bei befreundeten Farmern außerhalb von Parramatta untergekommen waren und seit Wochen an verschiedenen Orten unauffällig Fuhrwerke, Ochsengespanne, Vieh, Gerätschaften, Saatgut und Proviant für den heimlichen Exodus zusammenkauften. Megan und Timothy hatten sich nur zu gern bereit erklärt, mit dem Geld, das Andrew noch zur Verfügung stand und das er ihnen anvertraut hatte, auch für sie alles Nötige für einen Neubeginn am Ende ihrer Reise ins Ungewisse zu kaufen. Und nicht nur Stuart Fitzroy, der mit seinem Holzbein mittlerweile schon fast wieder so behände war wie früher mit zwei gesunden Beinen, sondern auch die Köchin Rosanna sowie Glenn Osborne und Vernon Spencer, der Schmied, würden mit von der Partie sein.

Die Begeisterung ihres Mannes für das Unternehmen steckte Abby im Handumdrehen an. Die Vorstellung, irgendwo in der fernen, noch unerforschten Wildnis auf ein fruchtbares Tal zu stoßen und sich dort ein eigenes kleines Reich aufzubauen, war einfach zu verlockend. Mit wachsender Erregung hörte sie Andrews Ausführungen und Plänen zu.

»Was sagst du dazu?«, fragte er schließlich mit vor Aufregung geröteten Wangen.

»Ich habe nur eine Frage.«

»Ja, und die wäre?«

»Wann brechen wir auf?«

»Nach Parramatta? Morgen. Schon weil es hier in Sydney für uns zu gefährlich ist. Aber der Treck wird wohl erst in einigen Wochen zu Stande kommen. Die einzelnen Familien müssen getrennt losziehen, damit niemand Verdacht schöpft, und werden sich erst jenseits der letzten Siedlungen und Handelsposten zusammenschließen.«

»Schade!«

»Dann bist du also dafür, dass wir uns diesem Siedlertreck anschließen und unser Glück irgendwo dort draußen in der Wildnis suchen?«, stieß er freudig hervor.

»O ja, sehr sogar!«, versicherte sie und fügte zärtlich hinzu: »Auch wenn ich mein Glück nicht mehr zu suchen brauche, weil ich es schon längst gefunden habe. Mein Glück ist bei mir, dort in der Wiege und hier an meiner Seite.«

»Ja«, antwortete Andrew bewegt, zog sie sanft in seine Arme und küsste sie. »Und dieses Glück ist mir so kostbar, dass ich dafür bis ans Ende der Welt gehen würde!«

Sie lächelte. »Am Ende der Welt sind wir schon. Also lass uns dorthin ziehen, wo, wie du gesagt hast, die Täler und Flüsse und die Berge und Ebenen noch namenlos sind.«