Siebtes Kapitel

Wenn Abby nicht das Kind in sich gespürt hätte und durch die Regungen des in ihr wachsenden Lebens immer wieder daran erinnert worden wäre, dass nicht mehr nur ihr Schicksal auf dem Spiel stand – dann hätten die Bedingungen ihrer wochenlangen Haft und Cleos Quälereien ihre Willenskraft am Ende doch noch gebrochen und sie in die Selbstaufgabe getrieben.

So jedoch stellte sich ihrer Verzweiflung auch in den dunkelsten Stunden ihrer Gefangenschaft jedes Mal ihr unbändiger Lebenswille in den Weg. Wie aussichtslos ihre Lage auch aussehen mochte, sie würde nicht zulassen, dass irgendjemand sie dazu brachte, sich und damit auch ihr Kind aufzugeben. Solange sie atmete, würde sie nicht aufhören, zu hoffen und gegen die bösartigen Einflüsterungen der Verzweiflung anzukämpfen!

Es war ein innerer Kampf, der Abby alles abverlangte. Denn Cleo ließ nichts unversucht, um sie zu peinigen und ihre seelische Widerstandskraft zu brechen. Wenn sie ihr Wasser und ihre tägliche Essensration brachte, dann konnte Abby fest damit rechnen, dass Cleo sich wieder irgendeine Gemeinheit ausgedacht hatte.

Einmal krabbelten fette Kakerlaken zu dutzenden aus dem Topf, als Abby den Deckel hob. Ein anderes Mal fand sie schleimige Fischeingeweide in ihrem Essnapf vor und beim nächsten Mal rührte ihr Cleo Essig in die Kohlsuppe oder Asche in die mehlige Graupenpampe. Und mit besonderer Vorliebe warf sie ihr alten Schiffszwieback oder verdorbenes Fleisch vor, in dem es vor Maden nur so wimmelte.

Besonders hart traf es Abby jedoch, wenn Cleo sich an ihrer täglichen Wasserration zu schaffen machte und sie dadurch quälendem Durst aussetzte. Cleo schreckte nicht einmal davor zurück, das Wasser mit Urin oder anderen Ekel erregenden Flüssigkeiten zu vermischen, sodass es ungenießbar wurde. Aber ein noch größeres diabolisches Vergnügen bereitete es ihr, die Kanne Wasser ganz vorne an der Tür stehen zu lassen, wo Abby sie selbst dann nicht erreichen konnte, wenn sie bäuchlings ausgestreckt auf dem Boden lag. Denn auch wenn sie die Kette mit aller Kraft spannte, sodass das Fußeisen ihren Knöchel blutig rieb, berührte sie die Kanne mit dem kühlen Nass nur gerade so mit der Fingerspitze ihres Mittelfingers.

Cleo hockte sich dann auf einen Schemel, verhöhnte sie und weidete sich an ihrem Anblick. »Na komm, hol dir schon die Kanne! «, forderte sie Abby immer wieder auf. »Bist du denn überhaupt nicht durstig? Komisch, in diesem Loch würde ich bei der Sommerhitze gar nicht genug trinken können! Du scheinst wirklich wie ein Kamel dursten zu können.« Und wenn sie des grausamen Spiels müde war, nahm sie die Kanne und goss sie hinter sich im Gang aus.

Einmal jedoch ließ sie die Kanne stehen, als ihr Mann sie nach nebenan in den Hauptkerker rief. Da gelang es Abby, einen Streifen aus dem Jutesack zu reißen und diesen als Schlinge zu verwenden, um die Kanne an sich heranzuziehen. Als Cleo zurückkam und sah, dass Abby doch an das Wasser herangekommen war, geriet sie in Wut, griff zur Peitsche und schlug auf sie ein. Zum Glück tauchte ihr Mann rechtzeitig auf und fiel ihr in den Arm, sonst hätte sie Abby den Rücken blutig gepeitscht.

»Bist du von Sinnen, Weib?«, herrschte Winston Patterson sie an. »Hast du denn vergessen, was Boone und ich dir eingeschärft haben? Niemand hat was dagegen, dass du deinen Spaß mit ihr hast, aber du rührst sie nicht an, ist das klar? Du wirst ihr auch genug Wasser zu trinken geben, sonst bist du sie los! Dann wird Boone allein die Aufsicht übernehmen!«

»Was seid ihr beide nur für elende Waschlappen! «, stieß Cleo verächtlich hervor, ließ sich jedoch die Peitsche von ihrem Mann abnehmen und schlug Abby danach auch nie wieder.

Was allerdings das Wasser anging, so ließ sie sich schnell eine neue Gemeinheit einfallen. Von nun an kippte sie die Kanne häufig langsam in der Zelle aus, sodass Abby das Wasser wie ein Hund vom Boden schlürfen und lecken musste, um ihren Durst zu stillen.

»Ja, rutsch nur vor mir auf den Knien! So gefällst du mir am besten, Herzchen!«, höhnte Cleo.

Als zutiefst demütigend empfand Abby es auch, dass Cleo ihr gleich in den ersten Tagen die Haare abgeschnitten hatte. Mit einer stumpfen Schere war sie über sie hergefallen. »Wir wollen doch nicht, dass all das Ungeziefer, das deine Zelle bevölkert, sich in deinem Haar festsetzt«, spottete sie dabei.

Für Abby wäre es wahrscheinlich noch qualvoller und gar unerträglich geworden, wenn Cleo nicht dem Alkohol verfallen gewesen wäre. Seit sie ihr das Taschentuch mit den Münzen und ihre Kleider und Schuhe abgenommen hatte, verfügte sie über genug Geld, um ihrer Trunksucht ungehemmt nachzugeben. So kam es zum Glück immer wieder vor, dass Abby tagelang von ihren Quälereien verschont blieb, weil Cleo in einer der vielen Rumschenken der Rocks versackt war und den ganzen folgenden Tag brauchte, um ihren Rausch auszuschlafen. Und oft genug versuchte sie dann die bohrenden Kopfschmerzen mit einigen Bechern billigen Branntweins zu bekämpfen, was vom Kater geradewegs zum nächsten Gelage führte.

An diesen »glücklichen« Tagen wurde Abby von Cecil Boone versorgt. Auch wenn der Unterwärter nicht gerade ein weichherziger Mann war, so brachte er ihr doch stets ausreichend zu essen und zu trinken und gab ihr auch hin und wieder die Möglichkeit, ihre Zelle gründlich zu reinigen.

An einem dieser Tage lernte Abby die Schwester des Gefängniswärters kennen. Lucinda Boone besuchte sie eines Morgens in der Zelle – mit einer Öllampe in der Hand und einer zerfledderten Bibel unter dem Arm.

»Möchtest auch du dein Herz für Gottes erlösendes Wort öffnen und die frohe Botschaft unseres Herrn hören, Abigail Chandler ?«, fragte Lucinda Boone mit sanfter Stimme und hielt die Bibel hoch.

Abby sah sie an jenem Tag zum ersten Mal. Die Frau hatte mit ihrem wohl nur wenige Jahre älteren Bruder nicht nur die gedrungene, schwergewichtige Statur gemein, sondern sie ähnelte ihm auch in allen anderen Merkmalen wie aus dem Gesicht geschnitten. Fast hätten sie Zwillinge sein können. Aber mit den Äußerlichkeiten erschöpften sich auch schon die Ähnlichkeiten.

Ihr schiefergraues Kleid, aus billigem Kattun gearbeitet, sah sogar im Dämmerlicht der fensterlosen Zelle schon arg zerschlissen und abgewetzt aus. Bessere Zeiten hatte auch ihre viel zu wuchtige, altmodische Haube gesehen, deren Bänder sie unter dem wabbeligen Doppelkinn zu einer großen Schleife gebunden hatte. Der fadenscheinige Stoff war an den Kanten schon durchgescheuert und seine einst cremeweiße Farbe war an vielen Stellen in ein stumpfes Grau übergegangen. Strohiges graubraunes Haar, zu dicken Zöpfen gebunden und um den Kopf gewickelt, lugte unter der Haube hervor.

»Auch du bist ein Kind Gottes und er kennt deinen Namen, wie jeder Vater den Namen seines geliebtes Kindes kennt, Abigail Chandler«, fuhr Lucinda Boone lächelnd fort. »Sag, willst du das Wort unseres Herrn Jesus Christus hören, das er heute genauso an dich richtet, wie er es einst zu seinen Jüngern und allen anderen gesprochen hat, die auf seinem Leidensweg zum Kreuz der Erlösung der Gnade seiner Predigten teilhaftig geworden sind? Das Wort unseres Gottes, in den Irrungen und Wirrungen unseres Lebens ein helles Licht auf unseren Pfaden, ist lebendig und ewig. Nur er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben! Und uns allen, die wir ohne Ausnahme Sünder sind, gelten seine Liebe und sein barmherziger Ruf. Sag, soll ich bleiben und dir vorlesen, wie Gott zu dir spricht, damit du am reinen Quellwasser der göttlichen Offenbarung den Durst deiner Seele nach Wahrheit stillen kannst?«

Abby nickte stumm, verblüfft und unschlüssig, was sie von dieser seltsamen Frau halten sollte, die ihr wie eine Karikatur vorkam. Ihr selbst war ihr Gottesglaube stets kostbar gewesen, unerschütterlich und oft genug auch der letzte wahre Trost. Aber so wie Lucinda Boone hatte noch nie jemand mit ihr von Gott gesprochen. Deshalb hielt sie die Frau im ersten Moment für nicht ganz richtig im Kopf. Sie fühlte sich an jene fanatischen Erweckungsprediger erinnert, die sie in ihrer Kindheit auf den Plätzen Londons gehört hatte. Aber eine Frau hatte sich nie unter diesem eigenartigen Volk befunden. Zudem hatten jene Eiferer ihren Zuhörern auch nichts von Gottes unerschöpflicher Liebe und Barmherzigkeit erzählt, sondern sie vielmehr mit sehr bildreichen Schilderungen vom Jüngsten Gericht und den tausendfachen Qualen der Hölle zu Buße und gläubiger Umkehr aufgefordert.

Aber wie Abby schon bald feststellte, litt Lucinda Boone weder unter geistiger Verwirrung noch unter dem blinden Wahn religiöser Eiferer, die glauben, den einzig wahren Weg zur Erlösung der Menschheit gefunden zu haben – und diesen notfalls auch mit Gewalt durchsetzen zu müssen.

»Ich habe in den Jahren meiner Verbannung bei Gott die Liebe und die Vergebung meiner Sünden gefunden, die noch wichtiger ist als die Verbüßung einer gerechten Strafe«, sagte sie später zu Abby, ohne dabei jedoch die Verbrechen und Gaunerstücke zu verharmlosen, die sie zusammen mit ihrem Bruder begangen hatte.

Es war Lucinda ein Herzensanliegen, in diese dunkle Welt des Elends, der Grausamkeit und der Ungerechtigkeit, die das Gefängnis nun mal darstellte, das Licht der Hoffnung und der Liebe Gottes zu tragen, wie sie sagte.

»Ich bin ohnmächtig gegen die Willkür der Rotröcke und die Gleichgültigkeit meines Bruders, der im Grunde seines Herzens kein schlechter Mensch ist, jedoch die Sicherheit dieser schäbigen Anstellung um keinen Preis gefährden will. Deshalb kuscht er auch vor Patterson und dessen Frau«, erklärte Lucinda ihr nüchtern und mit klarem Blick für die Zustände im Gefängnis und für die Menschen, die innerhalb der Mauern die Macht über die Inhaftierten ausübten. »Aber auch wenn ich an all diesen Dingen nichts ändern kann, so kann ich den hier Eingeschlossenen doch die Kraft bringen, die das Wort Gottes in denen entzündet, die es gläubig aufnehmen und in sich wachsen lassen.«

Abby fasste allmählich Zutrauen zu Lucinda Boone und bat sie schließlich um Papier, Feder und Tinte, damit sie Rachel eine Nachricht zukommen lassen und so über ihre Freundin Kontakt mit ihrem Mann aufnehmen konnte.

Davon wollte die gottesgläubige Frau zuerst nichts wissen. » Ich weiß nicht, warum jemand ins Gefängnis gesteckt wird und ob die Anklage rechtens ist oder nicht! Deshalb kann und will ich auch keine Partei ergreifen.«

Doch dann wurde Abby, gut vier Wochen nach ihrem ersten Verhör, den beiden Offizieren zum zweiten Mal vorgeführt. Und an diesem Tag wurde Lucinda wankend in ihrer strikten Ablehnung, in irgendeiner Form Partei zu ergreifen. An diesem Tag erfuhr sie nämlich, welche Strafe Captain Grenville über Abby verhängt hatte, weil sie sich noch immer weigerte, ihre Komplizenschaft zuzugeben und das Versteck von Melvin und Andrew zu verraten.