Fünftes Kapitel
Cleo führte sie nicht in den Kerker mit den erhöhten Plattformen zurück, den sich fast drei Dutzend Frauen teilten, sondern trieb sie daran vorbei den schmalen Gang hinunter. Sie passierten eine Tür. Dahinter führte eine Steintreppe zehn Stufen nach unten. Am Ende der Treppe, wo ein vergittertes Fenster nach draußen ging, weitete sich der Gang etwas und knickte nach rechts ab. Etwa zehn Schritte weiter endete er vor einer schweren, mit Eisenbändern beschlagenen Bohlentür. In Augenhöhe war eine Luke in Form eines breiten Eisenschiebers in die Tür eingelassen, der mit einem Riegel versehen war und sich nur von außen betätigen ließ. An der Wand vor der Tür hingen mehrere Ketten mit unterschiedlich großen Fußeisen sowie Knüppel und eine neunschwänzige Peitsche.
»Dahinter liegt der gemütliche Teil unserer Herberge. Ich bin sicher, du wirst es mir auf Knien danken, dass ich dich aus der drangvollen Enge herausgeholt und dir diese heimelige Unterkunft verschafft habe. Die Mauern sind so dick, wie mein Arm lang ist, sodass dort eine prächtige Stille herrscht. Und vor grellem Sonnenlicht bist du da drin auch bestens geschützt. Wir können also ganz ungestört unseren gemeinsamen Erinnerungen frönen«, sagte Cleo, zog die Tür auf und stieß Abby in die fensterlose Zelle, indem sie ihr den lederüberzogenen Schlagstock brutal in den Rücken rammte. »Nur zu, mach es dir bequem!«
Abby stürzte auf den nackten Lehmboden der Zelle, deren Verwendungszweck offensichtlich war: In diesen Kerker sperrte man diejenigen ein, denen man in strenger Einzelhaft den Willen brechen wollte. Ein stinkender Aborteimer stand hinten in einer Ecke. Dort ragte auch ein dicker Eisenhaken mit einem Ring zum Anketten aus der Wand. Das war alles. Es gab noch nicht einmal ein Brettergestell zum Schlafen.
»Na, habe ich dir zu viel versprochen? Hier hast du genug Ruhe, um über alles nachzudenken. Und falls dir das eine oder andere entschwunden sein sollte, muss dich das nicht beunruhigen. Ich werde deiner Erinnerung schon auf die Sprünge helfen, darauf kannst du Gift nehmen!«
Abby setzte sich auf und brach nun ihr Schweigen. So groß ihre Angst auch war, jetzt galt es zu retten, was noch zu retten war. »Ich habe nichts vergessen, Cleo! Ich weiß, wie gemein und hinterhältig du sein kannst. Aber auch du tust gut daran, nicht zu vergessen, dass ich rechtmäßig mit einem freien Siedler verheiratet bin …«
»Wirklich? Was du nicht sagst!«
»… und dass es über kurz oder lang hier einen neuen Gouverneur geben wird«, fuhr Abby hastig fort, »der den Machenschaften dieser Offiziersclique und ihrer Handlanger ein Ende bereiten wird!«
Cleo verzog das entstellte Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Ich wusste doch, dass dieser Ort wahre Wunder wirkt. Siehst du, du hast endlich deine Stimme wieder gefunden! So, und jetzt hoch mit dir! «, befahl sie und schlug ihr den Stock mit voller Kraft auf den rechten Oberarm.
Ein stechender Schmerz jagte Abby durch Arm und Schulter und sie vermochte den Schrei, der in ihrer Kehle aufstieg, nur unzureichend zu unterdrücken. Tränen schossen ihr in die Augen.
»Nur zu, schlag weiter auf mich ein! Dafür wird man dir eines Tages öffentlich das Fleisch von den Knochen peitschen oder dich sogar hängen!«, stieß Abby hervor. »Oder glaubst du wirklich, mein Mann wird dich ungestraft davonkommen lassen?«
»Pah! Mir jagst du keine Angst ein!«, erwiderte Cleo abfällig und zog sie grob auf die Beine, machte jedoch vom Prügel keinen Gebrauch mehr. »Außerdem bin ich auf den Knüppel gar nicht angewiesen, um meine Rechnung mit dir zu begleichen, Herzchen. Es gibt hier noch viel wirksamere Mittel und Wege, um dir ein für alle Mal das Maul zu stopfen und dich ordentlich dafür bezahlen zu lassen, dass du es auf der Kent gewagt hast, mir die Stirn zu bieten ! Ja, warte es nur ab. In dieser Zelle sind schon ganz andere zu einem winselnden Häufchen Elend geworden!«
Abby schluckte schwer. »Beim Grab meiner seligen Mutter, diesen Gefallen werde ich dir nie tun!«
»Das werden wir ja bald sehen! «, erwiderte Cleo. Dann forderte sie Abby auf, die Hände mit der doppelten Eisenklammer vorzustrecken. Sie schloss die Fessel auf, befahl ihr, sich der Länge nach auf den Zellenboden zu legen, und nahm ihr nun auch die Fußeisen mit der Kette ab.
Abby dachte nicht eine Sekunde daran, einen Fluchtversuch zu wagen. Sie wusste, wie aussichtslos das in dieser Situation war. Cleo wartete doch nur darauf, dass sie sich zu einer solchen Verzweiflungstat verleiten ließ. Dieser lauernde Blick aus den Augenwinkeln verriet es ihr. Nein, sie würde nicht so dumm sein, ihr auch noch in die Hände zu spielen.
Darüber schien Cleo enttäuscht zu sein und sie klang missmutig, als sie die Fußeisen hinter sich in den Gang warf und Abby dann aufforderte: »Und jetzt runter mit den Klamotten! Und zwar bis auf die letzte Hülle! Wir kleiden dich hier ganz neu ein!«
So etwas Ähnliches hatte Abby schon befürchtet. Was Cecil Boone gestern aus Anständigkeit unterlassen oder auch nur schlichtweg vergessen hatte, würde Cleo jetzt nachholen – nämlich sie filzen und ihr alles abnehmen, was auch nur einen Penny wert schien. Und dabei würde ihr auch der Geldgurt in die Hände fallen! Es gab nur eine Möglichkeit, das Geld vor Cleo zu retten.
»Lässt du mich vorher noch auf den Topf gehen?«, fragte sie.
Cleo grinste. »Nur zu!«
Abby ging in die Ecke, zog den stinkenden Holzeimer ein Stück von der Wand weg und drehte Cleo scheinbar verschämt den Rücken zu. Sie hob mit der linken Hand vorne ihr Kleid hoch, zerrte sich mit der rechten den Schlüpfer von den Hüften und hockte sich breitbeinig über den Abortkübel. Dieser war nun Cleos Blicken entzogen, weil das Kleid hinten bis auf den Boden herabfiel und sich dort bauschte.
»Ich kann aber nicht, wenn mir jemand zuschaut«, sagte Abby und tastete dabei mit der rechten Hand nach den Bändern ihres Geldgurtes, den sie mit dem linken Ellbogen durch ihr Kleid hindurch an ihre Hüfte presste, damit er ihr gleich nicht wegrutschen und auf den Boden fallen konnte. Sie fand die Doppelschleife und zog die Bänder vorsichtig auf.
»Ach, bist du etwa auf einmal schamhaft wie eine junge Dame aus gutem Haus geworden?«, höhnte Cleo. »Auf der Kent hattest du solche Hemmungen jedenfalls nicht. Und hier wirst du sie bald vergessen haben, das verspreche ich dir. Also los, piss dich endlich aus!«
»Ich mache ja schon, so schnell ich kann!«, erwiderte Abby, jammerte laut weiter und ließ den Harnstrahl nun gut hörbar in den Eimer prasseln. Gleichzeitig zog sie den Geldgurt langsam unter ihrem Kleid hervor und ließ ihn über ihren linken Schenkel vorsichtig in den Kübel gleiten.
Als sie ihre Blase erleichtert hatte und der Geldgurt im Eimer lag, erhob sie sich und schob den Kübel mit dem Fuß scheinbar angewidert in die Ecke zurück.
»Und jetzt zieh dich endlich aus, sonst mache ich dir Beine!«, rief Cleo ungeduldig. »Schuhe, Kleid, Unterzeug – alles runter!«
Abby schlüpfte aus ihrem Kleid, das Cleo ihr sofort aus den Händen riss.
»Mal sehen, was Boone dir gelassen hat! Statt sich gleich zu nehmen, was er kriegen kann, baut dieser Idiot darauf, dass die Häftlinge ihm freiwillig was zustecken, wenn sie es hier leichter haben wollen. Das hat er bestimmt von seiner Schwester Lucinda, die nicht ganz richtig im Kopf ist und sich immer mehr zu einer wehleidigen Betschwester entwickelt«, sagte Cleo verächtlich, während sie die Taschen durchwühlte. »Kaum zu glauben, dass Lucinda und ihr fetter Bruder zu ihren guten Zeiten in London Unmengen von Falschgeld in Umlauf gebracht haben sollen und angeblich ein Leben wie die Fürsten …« Sie brach ab und gab einen triumphierenden Laut von sich, als sie auf das Tuch stieß, in das Abby mehrere Münzen gewickelt hatte. »Was haben wir denn hier?«
»Geld, was sonst! «, stieß Abby scheinbar grimmig hervor.
»Wusste ich es doch!« Cleos Augen leuchteten vor Habgier. Hastig knotete sie das Taschentuch auf und zählte ihre Beute. Sie lachte zufrieden. »Ein Sixpence, zwei Shilling, eine halbe Krone und sogar eine Guinee! Na, das lass ich mir gefallen, Herzchen. Wirklich ganz reizend von dir, dass du mir solch ein großzügiges Geschenk machst!«
»Ich schenke dir das Geld nicht, sondern du stiehlst es mir!«, widersprach Abby wütend.
Cleo schlug sie mit der flachen Hand hart ins Gesicht. »Wie bitte? Ich habe dich gerade nicht verstanden. Versuch es noch einmal, Herzchen. Also: Was ist mit dem Geld hier?«
Abby hielt sich die brennende Wange. »Ich … ich schenke es dir«, murmelte sie. Wozu sollte sie sich schlagen lassen, wenn am Ausgang der Sache doch nichts zu ändern war?
»Wirklich? Das rührt mich ja fast zu Tränen!«, sagte Cleo. »Und was ist mit deinen feinen Sachen, die doch so unpassend für diese Unterkunft sind, findest du nicht auch? Was soll denn damit geschehen? Willst du mir die auch schenken?« Sie hob drohend die Hand. »Nun spuck es schon aus! Sind das auch Geschenke an deine alte Busenfreundin von der Kent?«
»Nimm sie dir! «, zischte Abby und stand wenig später splitternackt vor ihr. Und nichts war demütigender, als aller Kleider beraubt und Cleos höhnischen Blicken völlig schutzlos ausgeliefert zu sein.
Cleo weidete sich an ihrem Anblick, machte gemeine und unflätige Bemerkungen über ihre Schwangerschaft und raffte schließlich Schuhe und Kleidungsstücke zusammen.
»Mal sehen, womit ich mich für deine großherzigen Geschenke revanchieren kann. Ich bin sicher, dass ich in unserer Kleiderkiste etwas richtig Hübsches für dich finde. Ich bin gleich wieder zurück, Herzchen«, sagte sie, warf die schwere Zellentür hinter sich zu und schob die Riegel vor.
Abby lief sofort zum Aborteimer, zog den Geldgurt aus der Urinlache und versteckte ihn unter dem Kübel. Dann wartete sie auf Cleos Rückkehr.