Neuntes Kapitel
Eine Falle!, schoss es Abby durch den Kopf. Die Soldaten müssen das mit dem Versteck herausgefunden haben! Wir sind in eine Falle getappt! Die Botschaft am Kamin ist ein raffinierter Köder gewesen!
Dies schien auch Andrews erster Gedanke zu sein, denn ihm entfuhr ein grimmiges »Verdammt, wir hätten an so etwas denken müssen!«.
»Was redest du da?«, fragte die krächzende Stimme in der Höhle. »Los, sag deinen Namen und bete zu Gott, dass du kein elender Rotrock bist!«
Andrew stutzte und glaubte die Stimme zu erkennen. »Himmel, bist du das, Fitzroy, der mich da mit den beiden Pistolen, die wir hier für Melvins Schutz versteckt haben, über den Haufen schießen will ? Ich bin es … Andrew Chandler!«
Für einen Augenblick herrschte jenseits der dunklen Öffnung verwirrtes Schweigen. Dann fragte die Stimme zitternd und beschwörend : »Master Andrew, sind Sie das wirklich?«
»Ja, wirklicher geht’s nicht, Fitzroy. Ich bin noch nicht unter die Geister gegangen, Ehrenwort. Also leg die Pistolen zur Seite, damit nicht noch ein Unglück passiert. Ich habe übrigens meine Frau bei mir. Wir haben deine Nachricht auf dem Kamin gelesen.«
»Die junge Missis lebt? Der Herr und alle Heiligen seien gepriesen !«, rief Stuart Fitzroy. »Euch hat der Himmel zur rechten Zeit geschickt. Noch ein paar Tage länger in dieser Höhle und es wäre mit mir wohl aus gewesen.«
»Mein Gott, wovon redest du ?«, wollte Andrew wissen und trat durch die Öffnung in die Höhle. Abby folgte ihm dicht auf dem Fuß. Ein eigenartiger Geruch umfing sie, in dem Wein und Tabak einen starken Anteil hatten, aber auch Schweiß sowie der Gestank von Fäkalien.
»Von meinem verfluchten Bein«, antwortete Stuart Fitzroy mit angestrengter Stimme. »Wartet, ich mache uns Licht.«
Das glühende Ende eines Feuerholzes leuchtete in der Dunkelheit auf und tauchte das schweißnasse Gesicht des schottischen Zimmermanns in einen dunkelroten Schein. Sein wild zerzauster, rotbrauner Bart schien für einen Augenblick in Flammen zu stehen, während sich seine Backen aufbliesen. Als eine Flamme aus dem glühenden Ende aufzüngelte, hielt er diese an den Docht einer Öllampe, deren gelbliches Licht im nächsten Moment einen Großteil des Verstecks erhellte.
Abby war über die Größe der Höhle überrascht. Sie maß mindestens ein Dutzend Schritte in der Tiefe und gut die Hälfte in der Breite. Im vorderen Drittel, wo der überwiegende Teil der Notvorräte in Kisten, Säcken und mehreren kleinen Fässern gelagert war, konnte man sogar aufrecht stehen. Dahinter senkte sich die Decke, sodass man sich vier Schritte hinter dem Eingang schon bücken musste; und den hinteren Teil erreichte man nur, wenn man auf Knien kroch.
Gleich rechts vom Eingang stand an der Felswand eine primitive Holzpritsche mit einem platt gelegenen Strohsack und mehreren zerwühlten Decken. Das Kopfende der Schlafstatt stieß gegen ein bauchiges, brusthohes Fass, das mit Wasser gefüllt war. Zwei Schritte davor befand sich eine kleine Feuerstelle, für die man eine natürliche Vertiefung im Boden genutzt und die man mit kopfgroßen Steinen umschlossen hatte. Zwei Eisentöpfe sowie ein Weidenkorb mit mehreren Brotfladen standen in Reichweite und eine Menge Feuerholz fand sich überall auf dem Boden verstreut. Weiteres Brennholz lag unter der Pritsche ordentlich aufgeschichtet. Dort bemerkte Abby nun auch einen Holzkübel mit Deckel, bei dem es sich, dem Gestank nach zu urteilen, um den Aborteimer handelte.
Stuart Fitzroy hockte mit gespreizten Beinen auf dem Boden, lehnte mit dem Rücken gegen die Wassertonne und stützte sich mit dem rechten Arm auf eine niedrige Kiste, die er offensichtlich zu diesem Zweck herangezogen hatte. Sein linkes, stiefelfreies Bein trug einen schmutzigen, blutgetränkten Verband, der vom Fußgelenk bis unter das Knie reichte. Darunter zeichneten sich die Umrisse von daumendicken Stöcken ab.
Andrew schob die beiden Pistolen, die Stuart Fitzroy neben sich zwischen das Feuerholz gelegt hatte, achtlos zur Seite und kniete sich zu ihm.
»Was ist mit deinem Bein passiert?«, fragte er und erschrak noch mehr, als er das schweißüberströmte, bleiche Gesicht des Zimmermanns sah. Das Fieber sprang ihm förmlich aus den Augen. »Und was machst du überhaupt in der Höhle? Allenfalls hätte ich damit gerechnet, meinen Bruder hier vorzufinden.«
»Ihr Bruder ist wohl in Sicherheit, obwohl…« Stuart Fitzroy zögerte kurz, dann fuhr er kurzatmig und mit gepresster Stimme fort: »Was lässt sich heute noch mit Sicherheit sagen? Es ist mehr als eine Woche her, seit ich das letzte Mal etwas von Ihrem Bruder gehört habe. Das war bei den Halstons auf Dunbar, aber gesprochen habe ich ihn selber nicht. Er war schon weg, als ich dort auf der Farm eintraf und …«
»Zu meinem Bruder und meinem Vater und dem, was auf Yulara passiert ist, kommen wir gleich, Fitzroy«, unterbrach ihn Andrew. »Aber zuerst möchte ich wissen, was mit deinem Bein ist. Das sieht ja böse aus.«
»Ich fürchte, es ist noch schlimmer, als es aussieht«, antwortete Stuart Fitzroy. »Ich habe mir den Unterschenkel gebrochen, als mein Pferd in einen Kaninchenbau getreten ist und mich beim Sturz aus dem Sattel geworfen hat.«
Abby hatte sich hinter Andrew auf die Kante der Holzpritsche gesetzt. Der Anblick des schwer kranken Zimmermanns hatte sie jeglichen Hunger vergessen lassen.
»Aber wie, um Gottes willen, bist du bloß mit einem gebrochenen Bein … «, begann Andrew.
Nun hob Stuart Fitzroy um Einhalt bittend die Hand. »Lassen Sie mich doch besser der Reihe nach erzählen, Master Andrew. Das ist einfacher. Und es ist auch schnell getan.«
»Also gut, erzähl der Reihe nach.«
»Sind Sie so gut, mir vorher noch den Becher drüben am Weinfass zu füllen, Master Andrew? «, bat Stuart Fitzroy mit gequälter Miene und hielt ihm seinen leeren Blechbecher hin. Seine Hand zitterte heftig. »Der Wein, den wir damals hier eingelagert haben, hat mir den teuflischen Schmerz in meinem Bein einigermaßen erträglich gemacht.«
Abby sprang von der Pritsche auf. »Ich mache das schon, Fitzroy!«, sagte sie, nahm ihm den Becher ab und ging zum Weinfass hinüber, das auf der anderen Seite aufgebockt an der Wand stand. Daneben lagen mehrere aufgerollte Seile sowie ein lederner Ladegurt und der Bock eines kleinen Flaschenzuges. Damit hatte man die Vorräte wohl von oben vor die Höhlenöffnung herabgelassen. Denn ein solches Weinfass oder eine der Proviantkisten hätte beim Aufstieg zum Versteck niemand auf der Schulter tragen können, geschweige denn so ein sperriges und schweres Ding wie die Wassertonne oder die Holzpritsche.
Sie kehrte mit einem randvollen Becher zurück und Stuart Fitzroy nahm einen kräftigen Schluck. Er gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich und schloss kurz die Augen, als müsste er seine letzten Kräfte sammeln.
»Die Soldaten kamen vor zehn … nein, vor elf Tagen«, begann er. »Kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Ein gewisser Captain Grenville hatte das Kommando und dieser Lieutenant Danesfield war wieder mit von der Partie.«
»Ich habe es doch gewusst! «, stieß Andrew hervor und presste dann die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
»Sie müssen auf der Lauer gelegen und Yulara beobachtet haben, denn sie haben gewusst, dass sich Ihr Bruder auf der Farm befand«, fuhr der Zimmermann fort.
Andrew furchte die Stirn. »Sie hatten es auf Melvin abgesehen ?«
»Ja, der Captain hatte einen neuen Haftbefehl für Ihren Bruder und den hat er sogleich Ihrem Vater unter die Nase gehalten, der ihn auf der Veranda des Farmhauses abgefangen hatte. Denn Master Melvin hielt sich zu dem Zeitpunkt im Haus auf.«
»Aber er ist ihnen wieder entkommen«, folgerte Abby aus dem, was Stuart Fitzroy schon zuvor gesagt hatte.
Der Zimmermann nickte. »Er ist hinten durchs Fenster gestiegen, bevor sie das Haus durchsuchen konnten. Und Jake ist sofort hinüber in den Stall geschlichen und hat schnell ein Pferd für ihn gesattelt, während Mister Chandler dem Captain vorn auf der Veranda eine hitzige Szene gemacht und so kostbare Zeit für Ihren Bruder gewonnen hat.«
»Ja, das sieht Jake ähnlich«, murmelte Andrew bewegt. »Der Mann hat weder Tod noch Teufel gefürchtet.«
Stuart Fitzroy nickte. »Und er hat die Rotröcke gehasst wie wohl kaum ein anderer. Als Jake dann mit dem gesattelten Pferd aus dem Stall gerannt kam und Master Melvin in den Sattel sprang, griff Lieutenant Danesfield zur Pistole. Er hätte Ihren Bruder ohne Zweifel vom Pferd geschossen, wenn Jake nicht mit fürchterlichem Gebrüll auf ihn losgegangen wäre und ihm das Schussfeld blockiert hätte. Und da hat Danesfield zuerst auf ihn geschossen. Mitten ins Gesicht. Jake war auf der Stelle tot.«
»Dreckige Mörderbande im Offiziersrock!«, rief Andrew mit hasserfüllter Stimme. »Und … mein Vater … Wie kam er zu Tode?«
»Als Ihr Vater sah, wie Jake tödlich getroffen zu Boden stürzte, stieß er den Captain zur Seite, sprang von der Veranda und packte die Forke, die dort zufällig neben der Treppe am Geländer lehnte«, setzte Stuart Fitzroy seinen Bericht fort.
»Mein Vater hat Lieutenant Danesfield mit einer Mistgabel angegriffen ?«, fragte Andrew ungläubig.
Der Zimmermann zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, was in Ihrem Vater in diesem Moment vor sich gegangen ist und was er wirklich vorhatte. Vielleicht wollte er den Lieutenant von Ihrem flüchtenden Bruder ablenken. Aber es ist auch gut möglich, dass er den Kopf verloren hat und wirklich mit der Mistgabel auf ihn los wollte.« Er machte eine kurze Pause und schüttelte traurig den Kopf. »Was immer es gewesen ist, wir werden es nie erfahren, denn Danesfield hat ihn genauso kaltblütig erschossen wie Jake, noch bevor er ihm mit der Forke gefährlich werden konnte. Er hat sich mit dem Schuss richtig Zeit gelassen, ruhig gezielt und ihn in die Brust getroffen. Und doch ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Sekunden lagen Jake und Ihr Vater auf dem Hof in ihrem Blut.«
Andrew ballte die Hände zu Fäusten und presste die Zähne so heftig aufeinander, dass es knirschte. »Dafür wird er bezahlen … irgendwann!«, würgte Andrew nach einem langen Moment bedrückten Schweigens hervor. »Entweder am Galgen oder aber durch meine Hände. Dafür wird er sterben, das schwöre ich bei Gott … und bei meinen Nachkommen!« Damit streckte er seine Hand aus und legte sie zur Bekräftigung seines Racheschwurs auf Abbys Bauch.
»Andrew, um Gottes willen! Versündige dich nicht! «, flüsterte Abby erschrocken. Sie konnte den Tumult seiner Gefühle nachempfinden und verstand auch sein brennendes Verlangen nach Vergeltung. Aber dieser Todesschwur in Verbindung mit Gott und ihrem ungeborenen Kind erschien ihr wie Blasphemie. »Ich will ja auch, dass er für diese Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird und seine gerechte Strafe erhält, aber schwöre nicht auf unser Baby!«
Andrew warf ihr einen wilden, flammenden Blick zu, als hätte er die Gewalt über sich verloren und wollte sie im nächsten Moment scharf anfahren. Es war ein Blick, der ihr bis ins Mark ging und ihr Angst machte. Dann jedoch wich die erschreckende Wildheit aus seinen Augen und machte einem beherrschten Ausdruck Platz.
Stuart Fitzroy lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich, indem er noch um einen zweiten Becher Wein bat und dann berichtete, was nach den beiden Schüssen noch alles geschah. »Als Ihr Vater vor dem Haus getroffen in den Sand stürzte und Master Melvin in die Nacht davongaloppierte, setzte hier auf dem Hof ein wildes Durcheinander ein. Zunächst sah es so aus, als würde noch mehr Blut auf Yulara fließen. Denn zwischen einigen von unseren Leuten, die nun nicht mehr an sich halten konnten, und den Soldaten kam es zu Handgreiflichkeiten. Wenn Captain Grenville nicht energisch durchgegriffen, seinen Soldaten weiteren Waffengebrauch verboten und diesen mordlüsternen Lieutenant im Zaum gehalten hätte, wäre es wohl zu einem regelrechten Massaker gekommen.«
»Wer hat den Befehl gegeben, Yulara niederzubrennen?«, fragte Abby.
»Captain Grenville. Aber das geschah erst am Nachmittag des nächsten Tages, als Ihr Vater und Jake schon beerdigt waren und die Patrouille, die er Ihrem Bruder hinterhergeschickt hatte, mit leeren Händen nach Yulara zurückgekehrt war«, berichtete Stuart Fitzroy und man sah ihm an, wie sehr es ihm nahe ging, ihnen davon zu berichten. »Diese Strafaktion hat er seinem Lieutenant überlassen und Danesfield hat seinen Leuten befohlen, nichts als verbrannte Erde zurückzulassen. Aber zuerst haben sie die Herden weggetrieben und Yulara geplündert. Wir bekamen nur fünf Minuten Zeit, um einige Sachen zusammenzuraffen. Dann mussten wir uns oben auf dem Friedhof aufstellen und hilflos zusehen, wie sie mit Brandfackeln und Rammböcken über Yulara hergefallen sind. Und wenn ihnen ein verirrtes Tier in den Weg gelaufen ist, haben sie es johlend niedergemetzelt. Als nur noch rauchende Trümmer übrig waren, haben sie uns davongejagt.«
»Wo ist Sarah ?«, erkundigte sich Andrew nun nach seiner kleinen, neunjährigen Schwester. »Mit wem ist sie gegangen? Und wo finde ich sie?«
»Ihre Schwester war an jenem Tag nicht auf Yulara, sondern mit Rosanna auf Glendal, und das ist wohl ein großes Glück gewesen, denn sonst hätte Captain Grenville Sarah bestimmt als Geisel nach Sydney mitgenommen, damit sich Ihr Bruder freiwillig stellt.«
Das war die erste gute Nachricht des Tages, denn Henry Fairfield und seine Familie waren rechtschaffene und gottesfürchtige Siedler, die nichts für die Rotröcke des Rum Corps übrig hatten und denen man in der Not vertrauen konnte. »Ist Sarah immer noch mit Rosanna auf der Farm der Fairfields?«, fragte Andrew hoffnungsvoll.
Der Zimmermann schüttelte den Kopf. »Ihr Bruder hat Sarah noch in der Nacht seiner Flucht von Glendal abgeholt, aber niemandem gesagt, wo er sich mit ihr verstecken würde.«
»Was immer noch besser ist, als sie in der Gewalt der Rotröcke zu wissen«, sagte Abby mit einem Seufzen und fragte dann, wo er und die anderen Farmarbeiter nach dem Abzug der Soldaten untergekommen waren.
»Auf Yulara durften wir nicht bleiben«, fuhr Stuart Fitzroy fort und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seiner zittrigen Stimme merkte man an, wie viel Kraft ihn das alles kostete. Er nahm wieder einen Schluck Wein. »Captain Grenville hat wohl gehofft, Ihr Bruder würde noch einmal nach Yulara zurückkehren, und deshalb fünf Mann als Wachen abkommandiert. Sie haben ihr Lager oben beim Friedhof aufgeschlagen und sind erst acht Tage später abgezogen. Tja, und wir … wir haben uns wohl oder übel auf die umliegenden Farmen verteilt, soweit wir dort willkommen waren.«
»Und du hast dich die ganze Zeit hier in der Höhle versteckt?«, fragte Andrew.
»Nein, ich habe mich als Einziger dazu entschlossen, über den Fluss zu setzen und mein Glück bei Thomas MacGuire auf Cardigan zu versuchen, und er hat mich auch bereitwillig aufgenommen. Sicher hat er nicht vergessen, was er Ihrem Vater damals zu verdanken hatte, als er sich hier niederließ und schon nach einem halben Jahr beim ersten großen Buschfeuer beinahe alles verloren hätte.«
Andrew nickte und auch Abby erinnerte sich noch gut an die Katastrophe. Ohne das schnelle und beherzte Eingreifen von Jonathan Chandler und seiner Mannschaft hätte der Siedler aus Wales, der sich auf dem linken Ufer des Hawkesbury niedergelassen und seine Farm nach seiner Heimat, einer Hafenstadt an der walisischen Küste, benannt hatte, damals alles verloren. Zusammen mit den Leuten von Yulara hatte er jedoch sein Vieh und wenigstens einen Teil seines Hofes vor den Flammen retten können.
»Und wie ist das mit dem Bein passiert? «, wollte Abby nun wissen.
»Das hat mir Damian, der verfluchte Apfelschimmel, eingebrockt, den Mister MacGuire mir überlassen hat!« Stuart Fitzroy blickte auf sein linkes Bein und versuchte, sich in eine andere Sitzstellung zu bringen. Der Schmerz, der ihm augenblicklich durch den Körper schoss, ließ ihn aufstöhnen. »Ich bin nämlich alle zwei Tage im Schutz der Dunkelheit zum Fluss geritten, hinübergerudert und habe mich nach Yulara geschlichen. Bei den ersten vier Versuchen musste ich unverrichteter Dinge wieder umkehren, denn da trieben sich immer noch die Soldaten auf der Farm herum, die der Captain als Wachen zurückgelassen hatte.«
»Unverrichteter Dinge?«, wiederholte Andrew. »Was um alles in der Welt wolltest du denn auf Yulara, das doch vollständig niedergebrannt war?«
»Na, die Metallkassette Ihres Vaters mit dem Geld und den wichtigen Papieren aus dem Erdversteck unter den Trümmern holen und in Sicherheit bringen«, antwortete der Zimmermann und klopfte auf die Kiste, auf die er sich zu seiner Rechten stützte. »Sie ist hier drin.«
Andrew machte ein verdutztes Gesicht. »Woher hast du gewusst, dass es im Zimmer meines Vaters unter den Bodendielen solch ein Versteck gegeben hat?«
Stuart Fitzroy lachte freudlos auf. »Von ihm selbst, Master Andrew. Im Gegensatz zu Jake war Ihr Vater nämlich nicht auf der Stelle tot, sondern er hat noch eine Viertelstunde gelebt. Ich war nach den Schüssen auf dem Hof als Erster bei ihm und habe versucht, ihm zu helfen. Aber da gab es nichts mehr zu helfen. Ich durfte ihn jedoch wenigstens ins Haus tragen und zum Sterben auf sein Bett legen. Und als ich die letzten Minuten mit ihm allein im Zimmer war, ist er noch einmal zu Bewusstsein gekommen, hat mir von dem Versteck im Boden erzählt und mich beauftragt, die Kassette in Sicherheit zu bringen und sie für Sie und Master Melvin hier in der Höhle zu verstecken.«
»Hat er sonst noch etwas gesagt?«, fragte Andrew und sein Gesicht verriet, dass er auf ein persönliches letztes Wort seines Vaters hoffte.
»Ja, etwas recht Merkwürdiges sogar«, antwortete Stuart Fitzroy, druckste einen Moment herum und wich Andrews Blick aus, als er dann fortfuhr: »Er sagte noch, bevor er starb: ›Mich können sie töten, aber Yulara werden sie niemals vernichten. Das Land wird sie alle überleben. Sag Melvin, dass er Yulara niemals verkaufen darf!‹ Ja, das waren seine letzten Worte.«
Abby sah ihrem Mann an, dass er sich etwas anderes erhofft hatte. Sie konnte in seinem unglücklichen Gesicht wie in einem offenen Buch lesen. Mit Anerkennung für seinen jüngsten Sohn, der im Gegensatz zu Melvin unendlich viel Schweiß und Liebe in den Aufbau der Farm gesteckt hatte, hatte Jonathan Chandler zu Lebzeiten immer sehr gegeizt. Dass Andrew sich auf der Farm abrackerte, während Melvin es sich in Sydney recht bequem machte, war für ihn nie einer besonderen Erwähnung wert gewesen. Wie viel hätte es Andrew deshalb bedeutet, wenn sein Vater wenigstens auf seinem Sterbebett an ihn gedacht und ihn sozusagen zu seinem Nachfolger bestellt hätte. Aber er hatte nichts dergleichen getan, sondern seine letzten Worte an seinen ältesten Sohn gerichtet.
»Melvin wird bestimmt erfreut sein, das zu hören, wo ihm das Farmleben doch so sehr am Herzen liegt«, sagte Andrew mit bitterem Sarkasmus, der den Schmerz in seinem Innern verbergen sollte.
Einen Moment lang war es erschreckend still in der Höhle und Andrews Bitterkeit schien mit Händen greifbar zu sein.