Drittes Kapitel
Travis Bigsby holte sie wenige Minuten später aus der Kabine. »Ich bringe dich jetzt an Deck! Lass dich um Gottes willen nicht in ein Gespräch ein, sondern sieh zu, dass du so schnell wie möglich von Bord kommst, verstanden ? «, schärfte er ihr mit beschwörender Stimme ein. »Gib vor, dass dir plötzlich übel, schwindelig oder was weiß ich geworden ist. Hauptsache, du verschwindest so schnell wie möglich von der Phoenix!«
Abby nickte.
Er wischte sich den Schweiß von der hohen Stirn und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als kämpfte er gegen einen Brechreiz an. »Und bete, dass uns der Allmächtige beistehe! Mein Gott, worauf habe ich mich bloß eingelassen?«, stöhnte er.
Abby konnte ihm seine Angst nur allzu gut nachempfinden. Denn ob der Rollentausch Erfolg hatte, entschied sich nicht im Quartier der Sträflinge, sondern oben an Deck im Licht des Tages.
Wortlos bedeutete er ihr, ihm zu folgen.
Abby trat aus der Kabine in den halbdunklen Gang. Als sie Augenblicke später zum Niedergang gelangten, schienen ihre Sinne von einem Moment auf den anderen um ein Vielfaches geschärft zu sein. Sie nahm nicht nur den wilden Schlag ihres Herzens, das Rascheln des Taftes und die typischen Geräusche eines vor Anker liegenden Schiffes überdeutlich wahr, dieses unaufhörliche Ächzen und Knarren von Planken, Spantenwerk, Masten und Rigg und das Schwappen der Dünung gegen die Bordwand, sondern auch die Stimmen aus dem nahen Sträflingsquartier erhielten auf einmal eine beklemmende Klarheit und Schärfe. Und aus diesem Gewirr aus lauten Flüchen, zynischen Reden, zotigen Rufen und streitbaren Herausforderungen hörte sie erschreckend deutlich ein leises Weinen, eine angstvolle Stimme – und einen würgenden Husten heraus.
Abby hatte das Gefühl, als bohrten sich ihr glühende Nadeln ins Herz. Sie war versucht, die Hände auf die Ohren zu pressen, um diese entsetzlichen Laute, die deutlicher von dem unsäglichen Elend dieser verdammten Seelen sprachen als tausend Worte, von sich fern zu halten. Aber sie wusste, dass es sinnlos war, die Ohren verschließen zu wollen. Sie würde dennoch alles hören, weil es sich längst in ihrem Kopf festgesetzt hatte.
»Missis Taylor !… Ma’am, ist Ihnen nicht gut?«
Die Stimme des Wärters, scheinbar besorgt und zugleich auch drängend, riss Abby aus dem beklemmenden Bann. Sie war am Fuß des Niedergangs stehen geblieben, wie sie nun bemerkte, während Travis Bigsby schon oben an Deck stand.
»Ich glaube, Sie haben sich zu viel zugemutet, wo Sie doch erst gestern das Krankenbett verlassen haben. Soll ich kommen und Sie stützen?«, bot er ihr an.
Abby wollte ihm schon antworten, als sie sich erinnerte, dass sie sicherheitshalber so wenig wie möglich sprechen sollte. Deshalb beschränkte sie sich auf ein abwehrendes Winken und Kopfschütteln. Sie raffte mit links ihre Röcke und hielt in der Rechten das spitzenbesetzte Taschentuch bereit, bevor sie den Niedergang hochstieg, dem hellen Licht der Nachmittagssonne entgegen.
Es waren nicht einmal zwei Dutzend steile Stufen, die das Zwischendeck mit den Sträflingen vom Oberdeck trennten. Doch ihr war, als stiege sie aus einem Abgrund, der zum Vorhof der Hölle gehörte und dem sie sich schon unwiderruflich verfallen geglaubt hatte, ans Licht und zum Leben empor.
Mittschiffs türmten sich auf dem Oberdeck der Phoenix noch allerhand Kisten, Tonnen, Säcke und Ballen auf, die darauf warteten, durch die offenen Ladeluken in die tiefen, dunklen Frachträume gehievt und dort verstaut zu werden. Und entsprechend geschäftig ging es auf dem Deck auch zu.
Travis Bigsby führte sie um die Frachtstücke herum zur Pforte im Schanzkleid, wo ein eingehängtes Fallreep zu der Pinasse hinunterführte, mit der Frederick Burke und Rachel vom Hafen herübergekommen waren.
»Gott sei Dank, da kommt ja auch schon Ihr Onkel, Mister Burke!«, raunte der Wärter ihr mit hörbarer Erleichterung zu, während der Ladebaum mit einem Netz voll schwerer Säcke unter lautem Knarren herumschwang.
Abby hielt unter dem schwarzen Witwenschleier das Taschentuch vor Mund und Nase, folgte seiner Blickrichtung und sah an Steuerbord zwei Männer auf sie zukommen. »Und wer von den beiden ist mein Onkel?«, flüsterte sie zurück, obwohl die Frage kaum nötig war, sah man dem vierschrötigen Mann mit dem kantigen Gesicht doch schon von weitem den Seemann an. Allein schon sein breitbeiniger Gang und die leicht rudernden Arme verrieten, wer von den beiden sein Leben auf See verbrachte, von der Kleidung ganz abgesehen. Aber sie wollte doch auf Nummer sicher gehen. »Mister Burke ist der Mann mit dem dunkelbraunen Anzug und der sandfarbenen Seidenweste, nicht wahr?«
»Ja«, bestätigte der Wärter. »Und der Klotz an seiner Seite ist Captain Jeremiah Templeton. Auf See ist er ein wortkarger Kauz und rechter Menschenschinder. Aber wenn er Gäste an Bord hat, dann plustert er sich gern auf, vor allem in weiblicher Gesellschaft. Also sieh bloß zu, dass du dich erst gar nicht in ein Gespräch verwickeln lässt, sonst kann das bitter für uns enden. Und ein bisschen Husten kann auch nicht schaden. Das wird ihn auf Distanz halten.«
»Ich habe schon verstanden«, murmelte Abby und täuschte einen Hustenanfall vor, während sie sich scheinbar Halt suchend an das Schanzkleid lehnte.
»Emily, das klingt aber gar nicht gut! «, rief Frederick Burke, ein gut aussehender Mann Ende dreißig mit sonnengebleichtem, blondem Haar und erstaunlich blauen Augen, schon von weitem und eilte auf sie zu. »Fühlst du dich nicht wohl?«
Abby schüttelte den Kopf und klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust, ohne dabei das Taschentuch sinken zu lassen. »Mir… mir ist ein wenig flau«, antwortete sie mit tonloser Stimme.
»Sir, ich fürchte, Ihre Cousine hat sich mit diesem Ausflug etwas zu viel zugemutet«, sagte Travis Bigsby respektvoll. »Mir schien es so, als sei ihr auf dem Niedergang sogar einen Moment lang schwindelig gewesen. Und dieser Husten klingt wirklich nicht gut.«
»Oh, das tut mir aber Leid, meine Verehrteste«, sagte der Captain und hielt, ganz wie der Wärter es vorausgesagt hatte, einige Schritte Distanz zu ihr. »Und ich hatte so gehofft, noch ein wenig das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu haben.«
»Ich … ich bedaure es auch sehr, Captain«, erwiderte Abby und unterlegte ihre Antwort mit zweimaligem Husten.
Frederick Burke trat zwischen sie und den Captain und legte ihr einen Arm schützend um die Schultern. »Ich habe ja gleich gesagt, dass du es dir besser aus dem Kopf schlagen solltest. Aber du hast nicht auf mich hören wollen und darauf bestanden, mit an Bord zu gehen. Und ich habe mich dummerweise von dir überreden lassen«, sagte er halb vorwurfsvoll. Und zum Captain gewandt, fuhr er fort: »Es tut mir Leid, dass wir so überstürzt von Bord gehen, aber ich kehre mit meiner Cousine besser umgehend an Land zurück, damit sie sich hinlegen und ich noch einmal den Arzt zu Rate ziehen kann.«
»Nun ja, die Gesundheit geht natürlich allem anderen vor«, sagte der Captain voller Verständnis. »Ich hoffe nur, meine Verehrteste, dass Sie nach diesem leider kurzen Besuch an Bord meines Schiffes beruhigt sind, was die Behandlung der Sträflinge betrifft.«
Abby nickte und antwortete stockend und hustend: »Ich konnte wirklich keinen … keinen noch so schwachen … Hinweis auf Barmherzigkeit und… milde Behandlung finden.«
Der Captain nahm dies als Kompliment. »Das haben Sie ausgezeichnet beobachtet, Missis Taylor. So etwas dulde ich auch nicht auf meinem Schiff. Dieses Verbrecherpack erhält bei mir die Behandlung, die es verdient hat! Und wenn es nach mir ginge, würde ich die meisten von denen an die nächste Rah hängen. Damit würden wir uns und der Krone eine Menge Ärger und Kosten ersparen.«
»Darüber sollten wir noch mal in Ruhe bei einem Glas Port reden, wenn Sie wieder von Norfolk Island zurück sind, Captain«, sagte Frederick Burke mit einem verbindlichen Lächeln und machte dann eine viel sagende Geste in Richtung seiner angeblichen Cousine. »Aber jetzt müssen Sie uns entschuldigen.«
»Gewiss, gewiss, ich verstehe«, sagte der Captain, wünschte der verehrten Missis Taylor eine rasche Besserung und versicherte dem Schiffsausrüster mit einem vergnügten Lächeln, dass er bei ihrem nächsten Zusammensein seine beste Flasche Port öffnen und sie es sicherlich nicht bei einem Glas bewenden lassen würden.
Frederick Burke lachte pflichtschuldig und geleitete Abby dann über das schwankende Fallreep hinunter in die Pinasse, in der vier gelangweilte Seeleute darauf warteten, sie an Land zu rudern. »Bei dem Vorzugspreis, den ich ihm für die Segel und das Tauwerk eingeräumt habe, wäre es nicht mal ein Wunder, wenn er sich den teuersten Port leisten würde«, brummte er leise, während sie zum Boot hinabstiegen, lachte dann aber auf. »Zum Teufel mit dem Profit, der mir bei diesem Geschäft durch die Lappen gegangen ist. Das ist mir das Abenteuer wert gewesen!«
Abby stutzte bei dem Wort »Abenteuer« und war unangenehm berührt. Doch was immer das Motiv dieses Mannes auch gewesen sein mochte, Andrew dabei zu helfen, sie von der Phoenix zu holen, sie musste ihm dankbar sein.
»Danke«, flüsterte sie, als er ihr an Bord der Pinasse half. »Ich werde ewig in Ihrer Schuld stehen.«
Er lächelte. »Das ist eine überaus reizende Vorstellung, die für vieles entschädigt, meine liebe Cousine«, antwortete er leichthin und zwinkerte ihr zu, als befänden sie sich auf einem Ball und tauschten mehrdeutige Komplimente aus.
Verwirrt setzte sich Abby auf die Bank und dachte, was für ein merkwürdiger Mensch Frederick Burke doch war, dass er in solch einer Situation die Taktlosigkeit besaß, mit ihr zu scherzen. Dabei wusste er doch genau, dass ihre Freundin Rachel auf der Phoenix zurückgeblieben war und nun als Sträfling nach Norfolk Island segeln würde. Wo blieben sein Mitgefühl und Anstand angesichts dieser Aufopferung?
Einer der Rudermänner löste die Leine, mit der die Pinasse am Ende des Fallreeps vertäut war, und stieß das Boot von der hohen Bordwand der Phoenix ab. Die langen Riemen tauchten in das klare Wasser der weiten Bucht, die im Licht der tief stehenden Sonne wie ein Meer aus silbernen und rotgoldenen Splittern glitzerte, und unter gleichmäßigem und kräftigem Riemenschlag glitt die schnittige Pinasse zügig durch diese funkelnden Fluten.
Die Bark von Captain Jeremiah Templeton fiel schnell hinter ihnen zurück, während der Hafen von Sydney und die vorspringende westliche Halbinsel mit den Rocks ihnen entgegenzueilen schienen.
Die Pinasse nahm Kurs auf die Pier neben der Schiffswerft, wo sich viele Kontore, Lagerschuppen, Werkstätten und einige halbwegs respektable Schankstuben angesiedelt hatten, sodass dort zu allen Tageszeiten und sogar spätabends ein reges Kommen und Gehen herrschte.
Als sie nur noch wenige Dutzend Bootslängen vom Anlegesteg entfernt waren, beugte sich Frederick Burke zu Abby. »Siehst du die Droschke dort am Ende der Pier?«, fragte er leise und deutete auf die geschlossene Kutsche, die auf der Höhe einer Taverne stand.
Abby nickte, während ihr Herz immer schneller zu schlagen schien, je näher sie dem Ufer kamen. Ihr Magen fühlte sich wie eine geballte Faust an und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Für einen Moment erfasste sie ein Schwindel und alles drehte sich vor ihren Augen.
»In dieser Kutsche wartet dein Mann auf dich. Ich schätze, er wird in der letzten Stunde mehr Blut und Wasser geschwitzt haben als in allen Jahren zuvor«, sagte er und fragte dann fast vergnügt : »Sag, hättest du gedacht, dass du ihn so schnell wiedersehen würdest?«
»Nein«, hauchte Abby, den Blick starr auf die Kutsche fixiert. Der Mann sollte reden, was er wollte. Was galten jetzt ein paar dumme, gefühllose Bemerkungen, wo sie ihre Freiheit wiedergewonnen hatte und bald mit Andrew und ihrem Kind vereint sein würde! Der Rollentausch war gelungen. Dank Rachel war sie frei und dem grausamen Schicksal entronnen, das Danesfield und Grenville ihr zugedacht hatten und das Cleo mit bösartiger Schadenfreude erfüllt hatte.
Die Pinasse rauschte unter eingezogenen Riemen längsseits der Pier aus. Einer der Rudermänner sprang mit einer geschmeidigen Bewegung, die sich nur durch jahrelange Übung aneignen ließ, mit der Bugleine in der Hand auf den Bohlensteg und sicherte das Boot.
Eine Hitzewelle überkam Abby wie ein plötzlicher Fieberanfall. Die Sekunden, die sie warten musste, bis sie aus der Pinasse aussteigen konnte, erschienen ihr unerträglich lang. Ihr Atem ging jetzt fast so schnell, wie ihr Herz in der Brust hämmerte. Ihr war schlecht vor Erregung und Anspannung.
Dann endlich sprang sie aus dem Boot und lief mit gerafften Röcken auf die Kutsche zu. Ihr Blick ging kurz zu dem Mann auf dem Kutschbock hoch. Sie stutzte. Dieser wild zerzauste rotbraune Bart! Der Mann dort oben, der sich nun mit einem verstohlenen Grinsen an den Kutscherhut tippte, war kein anderer als – Stuart Fitzroy!
Der Vorhang hinter dem Fenster bewegte sich. Noch bevor sie die Kutsche erreicht hatte und die Hand nach der Türklinke ausstrecken konnte, wurde der Türschlag von innen aufgestoßen.
»Andrew! «, stieß Abby atemlos hervor und streckte die Arme nach ihm aus. »Andrew!«
»Mein Liebling!« Andrew zog sie zu sich in die Kutsche, warf den Schlag rasch wieder zu, nahm sie in die Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. »Endlich! … Endlich hat die Ungewissheit ein Ende. O Abby, wenn du wüsstest, was ich für Ängste ausgestanden habe. Wenn auch nur irgendeine Kleinigkeit schief gegangen wäre, hätte das unser aller Ende sein können … Aber was rede ich denn da, wo du doch viel Schlimmeres hast durchmachen müssen …«
Abby rang nach Luft und blickte gehetzt in der Kutsche um sich. »Unser Kind… wo ist Jonathan?«
»Er ist gesund und in Sicherheit. Auf die Amme, in deren Obhut er sich befindet, ist Verlass.«
»Dank sei Gott! «, murmelte Abby, dann überfiel sie wieder dieses Schwindelgefühl, das ihr schon an Bord der Phoenix zugesetzt hatte. Wie merkwürdig! Ihr war, als würde ihr Körper sein Gewicht verlieren. Sie fühlte sich so leicht wie eine Feder und meinte zu schweben. Zugleich begann Andrews Gesicht vor ihren Augen zu verschwimmen, als würde es unter klarem, aber leicht bewegtem Wasser liegen.
»Abby?«
»Andrew … ich weiß nicht, was plötzlich mit mir ist … Mir ist so … so seltsam zu Mute. Halt mich, ich glaube, ich falle! «, brachte sie noch über die Lippen. Dann schwanden ihr die Sinne und Dunkelheit umfing sie.