Erstes Kapitel
Anderthalb Tage später trafen sie in Sydney ein. Es war ein sonniger Vormittag, als sie sich auf der Parramatta Road der Stadt näherten und Brickfield Hill passierten, die letzte ihr vorgelagerte Siedlung. Auf den umliegenden Anhöhen standen Windmühlen, deren Flügel mit Segeltuch bespannt waren. Kurz hinter der kleinen Ortschaft, die ihren Namen einer dort errichteten Ziegelei verdankte, erhob sich rechter Hand die neue Richtstätte mit dem Galgen. Das klobige Gerüst, an dem schon so mancher Sträfling den schrecklichen Tod durch den Strick gefunden hatte, erinnerte jeden Vorbeikommenden recht nachdrücklich daran, dass New South Wales eine Strafkolonie war und auch in normalen Zeiten unter der harten Knute der Militärjustiz stand.
Auf dem Weg in die Stadt begegneten ihnen mehrere Bautrupps aus Deportierten, die street gangs genannt wurden und unter der Peitsche ihrer Aufseher Schwerstarbeit zu verrichten hatten. Im Gänsemarsch trotteten die Sträflinge mit klirrenden Beinketten über die staubige Straße. Sie trugen zumeist grobe, grau-schwarze oder grau-gelbe Baumwolljacken, die mit auffälligen Pfeilen sowie mit schwarzen, weißen und roten Ziffern und Buchstaben bedeckt waren.
Der Anblick der Unglücklichen, die man in gestreiftes Kattun gesteckt und zu Kettenkolonnen zusammengeschlossen hatte, rief in Abby beklemmende Erinnerungen an jene entsetzliche Zeit wach, als sie selbst Ketten getragen hatte. Und die Angst, die sich seit ihrer Verhaftung auf Cardigan wie eine unsichtbare Klammer um ihre Brust gelegt hatte, schnürte ihr nun fast die Luft ab.
Wenig später kamen Sydney und Sydney Cove, die weite, keilförmig ins Land schneidende Bucht mit dem Hafen, in ihr Blickfeld. Und sogar in ihrer bedrückenden Lage vermochte sie sich der landschaftlichen Schönheit nicht zu entziehen, die dieser Ort ausstrahlte. Nicht von ungefähr galt Sydney Cove unter Seeleuten, die schon alle Meere befahren hatten und die Häfen aller Länder kannten, als der schönste und zugleich sicherste Naturhafen der Welt.
Sydney hatte sich zu beiden Seiten der keilförmigen und von Hügeln umgebenen Bucht ausgebreitet. Während in den ersten Jahren, einer Zeit des Mangels und der Hungersnöte, vorwiegend Zelte, windschiefe Bretterbaracken und schäbige Lehmhütten das Bild beherrscht und den Eindruck einer provisorischen Niederlassung mit äußerst zweifelhafter Zukunft gemacht hatten, waren mittlerweile schon zahlreiche solide Gebäude aus Ziegel-und Sandstein dazugekommen. Diese und andere Veränderungen zum Besseren verdankte die Kolonie der Tatkraft vieler Emanzipisten, aber auch dem Zustrom freier Siedler und Kaufleute, die im fernen Australien ihr Glück suchten. Da nun feststand, dass New South Wales eine Kolonie mit Zukunft war, kamen längst nicht mehr nur die in der alten Heimat Gescheiterten hierher, wenn auch noch immer viele darunter waren, die eine zwielichtige Vergangenheit hatten und damit guten Grund, sich sozusagen am Ende der Welt eine neue Existenz aufzubauen.
Was auch immer die freiwilligen Kolonisten nach Australien führte, die wachsende Zahl von dauerhaften Werkstätten, Geschäften und Wohnhäusern, die sich vor allem auf dem sanft ansteigenden Ostufer fanden, dem besten Wohnviertel der Stadt, sowie die vielen Kontore, Lagerschuppen und Werften entlang der Hafenanlagen gaben ein beredtes Zeugnis vom wirtschaftlichen Aufschwung.
Doch wie jede Stadt, so hatte auch Sydney sein hässliches Gesicht, und das fand man in den Sträflingsunterkünften sowie auf dem felsigen Westufer. Hier erstreckten sich die berüchtigten Rocks, deren Straßen und Gassen das terassenförmig ansteigende Gelände durchschnitten. Tagsüber herrschte in diesem Gewirr aus üblen Rumtavernen, Spielhöllen, Freudenhäusern und Opiumhöhlen eine trügerische Ruhe. Doch nachts, im Licht von blakenden Fackeln und Laternen, erwachten die Rocks zu einem wilden, lärmenden Leben lasterhafter Ausschweifungen.
Dass die Festung des verhassten New South Wales Corps, das Fort Philip, der Signal-und Telegrafenmast sowie der Paradeplatz und alle anderen Militärgebäude der Garnison direkt über diesem Viertel auf der felsigen Kuppe lagen, war durchaus bezeichnend. Denn die korrupten Soldaten förderten jede Art von Laster, das in irgendeinem Zusammenhang mit Rum stand und ihnen Gewinn brachte.
Was konnte man von den Soldaten des New South Wales Corps auch anderes erwarten? Nicht einer von ihnen hatte zu Land oder zu Wasser den Pulverdampf einer Schlacht gerochen oder sich dem blanken Stahl des Feindes gegenübergesehen. Noch nicht einmal eine militärische Ausbildung hatte diese Einheit erhalten, die in aller Hast zusammengestellt und mit der ersten Sträflingsflotte 1788 ans Ende der Welt geschickt worden war. Die Bedingungen der Werber waren leicht zu erfüllen gewesen: Wer zwischen sechzehn und dreißig Jahre alt und mindestens fünf Fuß und vier Inches groß war sowie einen körperlich und geistig normalen Eindruck machte, konnte sich dem New South Wales Corps verpflichten – und erhielt als Prämie sofort drei Guineen auf die Hand gezahlt. Und die Offizierspatente, die man kaufen konnte, wurden nicht weniger bedenkenlos vergeben. Nach militärischen Qualifikationen fragte jedenfalls keiner. Es reichte völlig, dass jemand keine besseren Perspektiven für sein Leben hatte und verzweifelt genug war, um mit der Sträflingsflotte die Reise anzutreten und sich zu verpflichten, Dienst in einer Kolonie zu machen, die zu jenem Zeitpunkt nur auf dem Papier existierte.
Das Gefängnis von Sydney gehörte zum Gelände der Garnison auf dem westlichen Ufer und lag direkt an der Hauptstraße, die der erste Gouverneur der Kolonie 1788 nach dem König benannt hatte und die seitdem George Street hieß.
Lieutenant Danesfield unterstellte seine Soldaten dem Kommando von Corporal Haines und ritt wenig später durch das Tor in den vorderen Gefängnishof, der knappe hundert Fuß in der Länge und nicht ganz vierzig in der Breite maß. Elliot Cox folgte ihm mit dem Einspänner und der angeketteten Gefangenen. William Pollard, der Farmarbeiter von Cardigan, mit dem Abby in den vergangenen Tagen nicht ein Wort hatte wechseln dürfen, blieb dicht hinter ihm.
Zwei schmalbrüstige und doch irgendwie gedrungen wirkende Gebäude nahmen die linke Seite des Hofes ein. Der etwas ansehnlichere der beiden hässlichen Bauten diente Winston Patterson, dem goaler, dem obersten Gefängniswärter, und seiner Frau als Wohnhaus. Dort war auch die Dienststube untergebracht. In dem anderen Gebäude waren diejenigen Inhaftierten eingesperrt, die sich geringfügiger Vergehen schuldig gemacht hatten. Auf der anderen Seite des Hofes stand das Haus des under goalers, des Unterwärters Cecil Boone, das er sich mit seiner Schwester Lucinda teilte. Dahinter schlossen sich mehrere primitive Lagerschuppen und Unterstände für Feuerholz und Kohle an.
Cecil Boone, ein fettleibiger, schwitzender Mann mit narbigem Gesicht und strähnigem Haar, begrüßte den Offizier missmutig und ohne den Streifen Speck aus dem Mund zu nehmen, auf dem er gerade kaute. Ihm war unschwer anzumerken, dass er wenig Sympathien für die korrupten und selbstherrlichen Herren des New South Wales Corps aufbrachte. Vermutlich waren er und seine Schwester selber ehemalige Sträflinge. Wer hätte sich auch sonst für solch eine Aufgabe hergegeben, die zudem noch armselig entlohnt wurde? Ein freier Kolonist mit Sicherheit nicht. Dem standen ganz andere Möglichkeit offen.
»Wo steckt Patterson?«, fragte Lieutenant Danesfield herrisch.
Der Unterwärter Cecil Boone pulte weiter in seinen Zähnen herum und zuckte mit den Achseln. »Bin ich etwa meines Bruders Hüter?«, fragte er mürrisch.
»Gib mir gefälligst eine ordentliche Antwort, Mann!«, blaffte der Offizier.
»Patterson sucht sein versoffenes Weib. Ich wette, sie ist wieder im Boar’s Head oder eher noch im Black Dog, diese elende Rumvettel, denn dort unten gibt es den billigsten Fusel«, erinnerte er sich nun. »Außerdem ist das der einzige Wirt, wo sie noch anschreiben lassen kann.«
»Dann mach du dich gefälligst an die Arbeit, Boone!«
»Natürlich, der Herr, stets gern zu Diensten«, gab der Gefängniswärter spöttisch zur Antwort, holte sein schweres, dreckstarrendes Hauptbuch aus der Wachstube und knallte es auf das Stehpult, das draußen vor der Tür stand.
»Name?«, fragte er teilnahmslos und ohne Abby auch nur eines Blickes zu würdigen, nachdem er einem kleinen Holzkästchen Tintenfass, Federkiel und ein Gefäß mit Streusand zum Trocknen des neuen Eintrags entnommen hatte.
»Abby Lynn!«, antwortete der Offizier. »Sträfling!«
»Abigail Chandler, verheiratet mit dem freien Siedler Andrew Chandler von Yulara am Hawkesbury River!«, korrigierte Abby ihn sofort. Der Gefängniswärter sollte wissen, dass sie nicht zu den gänzlich rechtlosen Sträflingen gehörte, für die sich niemand einsetzte und über deren Schicksal er keine Rechenschaft ablegen musste. Als Sträfling mit einem freien Siedler verheiratet zu sein bewahrte einen zwar nicht vor Willkür und Rohheit, es hielt die Gefängniswärter aber zumindest davon ab, in ihrer Brutalität eine gewisse Grenze zu überschreiten.
Cecil Boone sah vom Gefängnisbuch auf und schenkte ihr nun zum ersten Mal einen aufmerksamen Blick. »So, die Frau des freien Siedlers Andrew Chandler«, wiederholte er und fuhr sich mit dem Ende des Federkiels zwischen die Vorderzähne, wo sich ein sehniges Stück Speck festgeklemmt hatte.
Abby hatte das Gefühl, als taxierte er sie wie ein gerissener Viehhändler, der ein zum Verkauf stehendes Tier daraufhin abzuschätzen versucht, was es ihm wohl bei geschicktem Handel an Profit bringen kann.
»Abby Lynn, verheiratet mit dem Freien Andrew Chandler«, sagte er und trug das mit krakeligen Buchstaben in sein Buch ein. Dann fragte er mit ironischer Beflissenheit: »Und? Welche Rubrik steht an, Lieutenant? Was darf ich untertänigst eintragen, der Herr Offizier? Zeugin, Schuldnerin oder Angeklagte?«
»Sie steht unter Anklage!«, antwortete Danesfield barsch.
»Und was wird ihr zur Last gelegt?«, wollte der Gefängniswärter wissen und tunkte die Feder in Erwartung der weiteren Angaben in das Tintenfass.
»Mehr, als in deine Spalte passt, Mann!«, blaffte Danesfield, dem der Gleichmut und die Seelenruhe des Gefängniswärters sichtlich auf die Nerven gingen. Eine Seelenruhe, hinter der er wohl eine geschickte Form der Respektlosigkeit vermutete.
»Die Anklage muss mit ins Buch, Lieutenant«, beharrte Cecil Boone völlig unbeeindruckt. »So lauten die Vorschriften nun mal und daran halte ich mich. Bei mir hat alles seine Richtigkeit. Also, was soll ich schreiben, Lieutenant?«
»Beihilfe zum Aufruhr und zur Verschwörung gegen die Staatsgewalt, wiederholte Fluchthilfe für einen steckbrieflich gesuchten Insurgenten, gewaltsamer Widerstand gegen einen Offizier Seiner Majestät, Meineid und versuchte Bestechung!«, rasselte Danesfield die Anklagepunkte grimmig herunter. »Such dir etwas aus, aber beeil dich gefälligst! Ich habe nicht vor, mir hier für den Rest des Tages die Beine in den Bauch zu stehen!«
»Nichts davon stimmt!«, protestierte Abby sofort empört. »Das ist alles gelogen!«
»Halt dein Maul!«, fuhr der Lieutenant sie an und schlug mit seiner Reitgerte nach ihr, traf sie jedoch nur auf die nackten Oberarme, die sie blitzschnell schützend vor ihr Gesicht gerissen hatte.
Cecil Boone schien an der Szene Gefallen zu finden, insbesondere an Abbys mutigem Widerspruch. Denn er lachte bellend wie ein Hund. »Donnerwetter, da ist ja ganz schön was zusammengekommen. Wer hätte gedacht, dass in der Kleinen so viel Zunder steckt«, spottete er, bekam das sehnige Speckstück endlich aus der Zahnlücke – und spuckte es neben dem Lieutenant in den Dreck. Er zielte jedoch noch weit genug von Danesfields Stiefeln entfernt, um eine allzu offensichtliche Respektlosigkeit zu vermeiden. »Na gut, dann picken wir aus der Fülle Ihrer Anklagepunkte mal die ›Beihilfe zum Aufruhr‹ heraus. Das macht doch was her.«
Lieutenant Danesfield stand stumm und mit verbissener Miene daneben, während der Gefängniswärter, der seine eigene Macht sichtlich auskostete, ungelenk in das schwere, ledergebundene Buch kritzelte, was angeblich der Grund für die Inhaftierung des Sträflings Abby Lynn Chandler war. Dann knallte er die speckige Schwarte zu und brüllte nach seiner Schwester Lucinda.
»Ach, Mist, verdammter! «, fluchte er. »Meine gute Schwester Lucinda hält ja gerade Zwiesprache mit dem lieben Gott. Da kann ich ihr nicht mit so profanen Dingen wie einer jungen Aufrührerin kommen. Nun denn, dann muss ich diese gefährliche Person wohl selbst in den Kerker bringen.«
»Pass bloß auf, dass du bei dem Arbeitstempo nicht außer Atem kommst ! «, sagte Lieutenant Danesfield bissig.
Während der Gefängniswärter Hauptbuch und Schreibutensilien in seine Wachstube zurückbrachte und den Schlüsselbund holte, befahl Lieutenant Danesfield seinem Soldaten, Abby das Fußeisen abzunehmen. Anschließend forderte er den Farmarbeiter auf, sich auf den Einspänner zu schwingen und endlich zu verschwinden. Und William Pollard hatte nichts Eiligeres zu tun, als dieser barschen Aufforderung auch umgehend Folge zu leisten. Abby nahm es ihm nicht einmal übel, dass er so schnell wie möglich einige Meilen zwischen sich und Lieutenant Danesfield bringen wollte.
Cecil Boone kam mit einer neunschwänzigen Peitsche unter dem Arm und einem schweren Schlüsselbund zurück. Gemächlich trottete er über den Platz und schloss das Tor zu einem zweiten, rückseitig gelegenen Hof auf, der nur siebzig mal zwanzig Fuß maß. Hier befanden sich die Kerker für die schweren Fälle unter den Gefangenen. Das Frauengefängnis nahm den oberen Teil ein. Es war auf einer höher gelegenen Felsterrasse zum größten Teil aus Holz errichtet, wies aber auch einige dicke Lehmwände auf, die jedoch dringend einer gründlichen Ausbesserung bedurften.
Eine steile, nur drei Fuß breite Treppe führte zu dem Gebäude hoch, das in zwei Kerker von jeweils zweiunddreißig mal zweiundzwanzig Fuß Größe unterteilt war. In jedem Kerker gab es eine Feuerstelle und erhöhte hölzerne Plattformen, die den eingeschlossenen Frauen als Schlafstatt dienten.
Lieutenant Danesfield blieb am Fuß der Treppe zurück. »Wir sprechen uns bald wieder! Überleg dir bis dahin gut, was du zu Protokoll gibst! «, sagte er drohend zu Abby.
Abby hielt es für sinnlos, ihm darauf zu antworten.
»Und noch etwas, Boone!«, rief Lieutenant Danesfield.
Der Gefängniswärter verdrehte die Augen und wandte sich zu ihm um. »Noch ein Wunsch, der Herr Offizier?«, fragte er scheinbar dienstbeflissen.
»Du und Patterson, ihr bürgt mir mit eurem Kopf dafür, dass diese Frau in sicherem Gewahrsam gehalten wird! «, warnte er und drohte ihm mit erhobener Reitpeitsche. »Und kein Besuch und kein Hofgang für sie! Jeder, der sie sprechen will, ist auf der Stelle festzuhalten und mir oder Captain Grenville vorzuführen, haben wir uns verstanden?«
Cecil Boone nickte träge und gab Abby einen Schubs. »Na, dann hoch mit dir, du gefährliche Aufrührerin!« Dabei lachte er spöttisch – doch so leise, dass ihn der Offizier nicht hören konnte.