Zehntes Kapitel
Abby kämpfte mit den Tränen und fühlte sich entsetzlich hilflos. Nicht nur, dass Andrew seinen Vater und Yulara verloren hatte, sondern die letzten Worte seines Vaters hatten noch eine zusätzliche Wunde geschlagen – vielleicht sogar die Wunde, die ihm von allen am schwersten zu schaffen machen würde.
»So, und jetzt erzähl uns endlich, wie du dir das Bein gebrochen hast«, sagte Abby zu Stuart Fitzroy, auch um ihren Mann von dieser letzten bitteren Enttäuschung abzulenken. »Und wie hast du es mit einer solchen Verletzung überhaupt bis hier in die Höhle geschafft?«
»Mit der letzten Kraft der Verzweiflung«, gestand der Zimmermann. »Es ist vor zweieinhalb Tagen passiert. Ich hatte mich zum fünften Mal nach Yulara geschlichen und die Kassette diesmal unter den Trümmern bergen können, weil die Soldaten endlich abgezogen waren. Auf dem Rückweg nach Cardigan ist der Apfelschimmel mit dem rechten Vorderhuf in einen Kaninchenbau geraten. Er hat sich dabei den Vorderlauf gebrochen, ist gestürzt und hat mich aus dem Sattel geworfen. Ich bin so unglücklich gefallen, dass mir der Unterschenkel beim Aufprall wie ein Kienspan gesplittert ist.«
Andrew sog die Luft scharf ein. »Wie weit warst du denn schon vom Fluss weg?« Zu Pferd waren es vom Fluss gute zwei Stunden bis zur Farm der MacGuires.
Stuart Fitzroy verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Zum Glück weniger als eine Viertelmeile, sonst hätte ich es bestimmt nicht geschafft, sondern wäre da draußen im Busch verendet.« Er machte eine kurze Pause. »Ich habe Damian ein gnädiges Ende bereitet, mir vom nächsten Busch ein paar dicke Zweige zum Schienen des Bruchs sowie eine Astgabel als Krücke abgeschnitten und bin zurück zum Fluss gehumpelt. Denn bis nach Cardigan hätte ich es nicht durchgehalten. Die Höhle mit dem großen Vorrat an Proviant und Trinkwasser war meine einzige Rettung.«
»Und mit dem gebrochenen Bein bist du dann den Hang hier zur Höhle hochgestiegen?« Eine Mischung aus Unglaube und Bewunderung sprach aus Andrews Stimme. »Mein Gott, die Schmerzen müssen ja unglaublich gewesen sein!«
Der Zimmermann lachte trocken auf. »Die Höhle erreichen und leben oder auf halbem Weg aufgeben und sterben, das war die Wahl, die ich hatte, Master Andrew. Und fürs Sterben fand ich es noch zu früh. Es ist erstaunlich, was man alles kann, wenn man den Tod vor Augen hat. Und es nicht bis zur Höhle zu schaffen hätte den sicheren Tod bedeutet. Wer hätte mich denn auch finden sollen? Auf Cardigan weiß ja keiner von dem Versteck. Außerdem bezweifle ich, dass sich dort jemand ernsthafte Sorgen über mein Wegbleiben gemacht hat.«
»Wie meinst du das?«, fragte Andrew mit hochgezogenen Augenbrauen.
Stuart Fitzroy zuckte die Achseln. »Thomas MacGuire hat mir ohne Zögern Unterkunft auf Cardigan gewährt und mir auch ein Pferd zur Verfügung gestellt, aber Fragen, wohin ich nachts denn ritt, hat er mir keine gestellt. Und ich kann mir auch denken, warum. Weil er es nämlich gar nicht so genau wissen wollte.«
»Verübeln kann ihm das wohl keiner, wenn man bedenkt, was die Rotröcke mit Yulara gemacht haben«, sagte Abby verständnisvoll. Und zu Andrew gewandt, fuhr sie fort: »So, und jetzt sollten wir uns mal seinen Knochenbruch ansehen. Sein Bein braucht dringend einen neuen Verband.«
Andrew warf einen sorgenvollen Blick auf die dreckstarrenden und blutgetränkten Lappen, die der Zimmermann sich umgebunden hatte. »Aber ich fürchte, das wird nicht ohne Schmerzen abgehen, Fitzroy. Ich wünschte, wir hätten Laudanum zur Hand.«
»Was getan werden muss, muss getan werden«, erwiderte Stuart Fitzroy fatalistisch.
Abby füllte mit der dicken Holzkelle, die am Rand der Tonne hing, den Wasserkessel, der auf den Steinen der kleinen Feuerstelle stand. Sie fand in einer der Kisten Kleidungsstücke, die ihr Schwager hier zurückgelassen hatte. Darunter war auch ein sauberes Hemd, das sie mit dem Messer in breite Streifen schnitt.
»Also dann, bringen wir es hinter uns ! «, sagte Andrew mit belegter Stimme, schluckte noch einmal schwer und machte sich dann mit Abby an die Arbeit.
Stuart Fitzroy biss auf ein Stück Holz, als sie den verkrusteten Verband zuerst mit Wasser aufweichten und dann vorsichtig abwickelten. An manchen Stellen waren die Lappen jedoch so fest verklebt, dass sie schließlich zum Messer greifen mussten. Der Zimmermann hielt sich tapfer und versuchte, auf den feurigen Schmerz nicht mit lautem Schreien zu reagieren. Kalter Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er stöhnte, schlug seine Zähne in das Holz und hielt sich links am Gestell der Pritsche und rechts an der Kante der Kiste fest. Plötzlich bäumte sich sein Körper unter einem unterdrückten Schrei auf, der jedoch jäh in seiner Kehle erstarb. Im selben Moment verdrehte er die Augen, sein Körper erschlaffte und sackte gegen die Wassertonne zurück.
»Er hat das Bewusstsein verloren! «, stellte Abby fest.
»Das ist auch besser so«, sagte Andrew und riss den letzten Fetzen von der Wunde. » Allmächtiger, schau dir das an!«
Die gesplitterten Knochen hatten das Fleisch durchstoßen und eine hässliche Wunde gerissen, die vereitert und wohl auch schon brandig war.
Abby schlug vor Schreck die Hand vor den Mund. »O mein Gott, das Bein ist nicht mehr zu retten! Das ist Wundbrand!«
Andrew schüttelte fassungslos den Kopf. »Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie er es mit solch einem Bruch bis hier in die Höhle geschafft hat! Er muss vor Schmerzen ja halb wahnsinnig gewesen sein!«
»Aber er hat es geschafft, Andrew.«
»Ja, und jetzt müssen wir zusehen, dass wir ihn so schnell wie möglich nach Cardigan bringen. Denn wenn das brandige Bein nicht heute noch amputiert wird, ist der Mann nicht mehr zu retten!«
»Und was schlägst du vor?«
»Die Farm der MacGuires liegt von hier am nächsten. Außerdem werden wir da erst mal sicher sein, denn die MacGuires wissen, dass sie in unserer Schuld stehen. Das klingt vielleicht berechnend, aber unter den gegebenen Umständen können wir uns vornehme Zurückhaltung nicht erlauben«, erklärte Andrew. Und während sie das Bein des Zimmermanns mit einer Reihe von armlangen Stöcken neu schienten und verbanden, berieten sie, wie sie am besten vorgehen sollten.
Andrew machte zuerst den Vorschlag, dass Abby bei Fitzroy in der Höhle bleiben sollte, während er sich zu Fuß auf den Weg nach Cardigan machte, um Hilfe zu holen. Doch sie verwarfen diesen Plan schnell wieder, kaum dass sie überschlagen hatten, wie viel Zeit sie dafür brauchen würden.
»Für den Marsch zur Farm brauchst du bestimmt drei Stunden, sogar wenn du dich sehr beeilst«, rechnete Abby ihm vor. »Das heißt, du wirst wohl erst bei Einbruch der Dunkelheit bei den MacGuires eintreffen. Bis du dann mit Pferden oder gar einem Fuhrwerk wieder hier bist, dürften mit dem Satteln und Einspannen wohl weitere zweieinhalb Stunden vergehen. Und für den Transport zurück zur Farm musst du noch einmal dieselbe Zeit einrechnen. Alles zusammen sind das mindestens acht Stunden, bevor Fitzroy nach Cardigan kommt und man ihm das Bein amputieren kann.«
Andrew nickte mit düsterer Miene. »Und das auch nur, wenn das Gewitter, das sich da zusammenbraut, sich nicht plötzlich als ein schweres Unwetter mit heftigen Regenschauern entpuppt. Wenn das der Fall ist, sieht es böse aus.«
Abby und Andrew sahen sich stumm an. Sie waren mit der verheerenden Gewalt schwerer Sommerunwetter nur zu gut vertraut und wussten, dass die Welt dann innerhalb von Minuten hinter einer schieren Wand aus herabdonnerndem Wasser verschwinden und das Buschland am Hawkesbury sich innerhalb kürzester Zeit in unpassierbares Gelände verwandeln konnte.
»Ich glaube, uns bleibt nur eine Möglichkeit«, sagte Andrew nach einem kurzen Schweigen.
Abby verzog das Gesicht zu einer gequälten Miene, denn sie wusste, worauf er hinauswollte. »Ja, ich fürchte auch«, sagte sie mit einem Stoßseufzer. »Wir müssen ihn aus der Höhle nach oben schaffen und auf einer provisorischen Trage nach Cardigan bringen. Das könnte uns wohl in der Hälfte der Zeit gelingen.«
»Ja, uns bleibt nichts anderes übrig«, sagte Andrew und atmete laut durch. »Aber bevor wir uns an die Arbeit machen und den Flaschenzug anbringen, sollten wir uns erst einmal richtig stärken. Hier sind Brotfladen und da drüben habe ich eine Kiste mit Einmachgläsern gesehen!«
Ausgehungert fielen sie über das Essen her, das sie mit stark verdünntem Wein hinunterspülten. Nach der langen Zeit des Darbens waren sie schneller satt, als sie geglaubt hätten.
Stuart Fitzroy kam wieder zu sich, als Andrew sich gerade das lange Seil für den Flaschenzug und ein zweites, dünneres über die Schulter gelegt hatte und die Höhle verlassen wollte.
»Dass Sie das auf sich nehmen, kann ich nicht zulassen, Master Andrew! Sie müssen ihn davon abbringen, Missis Abby!«, protestierte er, als er hörte, was sie vorhatten. »Ich halte es schon noch aus, bis Sie Hilfe geholt haben!«
»Dann kann es für dich schon zu spät sein, Fitzroy. Nein, wir machen es so, wie wir es beschlossen haben! «, beschied ihn Andrew.
Dann kletterte er den Hang hoch, warf das Seil über den dicken, vorspringenden Ast des Baumes, der nahe an der Abbruchkante stand und ihnen schon mehrfach als natürlicher Ladearm gute Dienste geleistet hatte, zog die hölzerne Doppelrolle des kleinen Flaschenzuges hoch und machte die Vorrichtung einsatzbereit.
Indessen griff Abby zur Axt und schlug die Hölzer der Pritsche mit dem stumpfen Ende auseinander. Für die Trage, die so leicht wie möglich sein sollte, brauchten sie nur die beiden Längshölzer. Anschließend schnitt sie ein breites Stück Segeltuchplane zurecht, knotete die Enden rechts und links an die Tragehölzer und sicherte sie zusätzlich noch durch Lederriemen.
Zuerst zog Andrew die Trage nach oben. Dann sicherte er den Flaschenzug und stieg wieder zu ihnen in die Höhle hinunter. Abby hatte dem Zimmermann derweil schon den ledernen Ladegurt angelegt. Auch der wieder aufgefüllte Wasserschlauch sowie eine Umhängetasche, die neben einigen Brotfladen und Streifen von Trockenfleisch auch die Kassette von Jonathan Chandler enthielt, lagen bereit.
Andrew hängte sich den Wasserschlauch um, während Abby die Tasche mit dem Proviant und der Metallkassette an sich nahm. Zusammen halfen sie Stuart Fitzroy auf die Beine und brachten ihn nach vorn zum Eingang der Höhle. Dort zog Andrew das Seil des Flaschenzuges durch die eiserne Öse des Ledergurtes und machte einen doppelten Bootsknoten.
»Ich brauche Abby oben am Seil, um dich hochzuziehen«, sagte Andrew zu ihm. »Das Seil läuft an manchen Stellen recht nahe an vorspringenden Felsen vorbei. Du musst also selbst darauf achten, dass du von diesen Vorsprüngen wegbleibst und dir nicht noch weitere Verletzungen zuziehst.«
Fitzroy stand gegen die Wand gelehnt und hier im Licht des Tages sah man erst, wie fiebrig seine Augen glänzten und wie bleich und eingefallen sein Gesicht war. »Das werde ich schon noch schaffen, Master Andrew«, versicherte er, krampfhaft um eine feste Stimme bemüht. Doch das Zittern, das er dennoch nicht unterdrücken konnte, rührte nicht von Angst her, sondern von fiebriger Entkräftung.
Andrew klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Also, dann sehen wir uns gleich oben am Hang wieder. Halte dich bereit! Aber ich rufe dir noch eine Warnung zu, bevor wir das Seil spannen und dich hochhieven. Zieh als Antwort, dass du bereit bist, dreimal kurz am Seil.«
»Verstanden«, sagte Stuart Fitzroy und zwang sich zu einem Lächeln. Dabei rann ihm der Schweiß über das Gesicht.
Abby stieg mit Andrew nach oben und stellte dabei voller Sorge fest, dass die dunkle Wolkenwand, die den Himmel im Nordosten in ein tief hängendes Meer aus düsterem Grau verwandelt hatte, schon sehr nahe gekommen war. Donnergrollen drang bereits aus der Ferne zu ihnen und rollte über das Land. Es war nicht auszuschließen, dass dies nur eines jener trockenen Sommergewitter war, das unter berstendem Krachen und mit einem Feuerwerk greller Blitze über das Land hinwegzog, ohne dass sich die Wolken öffneten und Regen entluden. Aber auch diese trockenen Gewitter waren nicht ungefährlich, setzten die Blitze doch oft genug das pulvertrockene Unterholz im Busch in Brand.
»Fitzroy, jetzt gilt es! Bist du bereit?«, rief Andrew von oben zum Eingang der Höhle hinunter. Augenblicklich zuckte das Seil wie verabredet dreimal in seiner Hand.
Langsam zogen sie den verletzten Zimmermann nach oben. Trotz des Flaschenzuges mussten sie sich ordentlich ins Zeug legen und der Schweiß brach ihnen aus. Schließlich jedoch hatten sie es geschafft. Mit dem zweiten, dünneren Seil zogen sie Stuart Fitzroy auf festen Grund. Wenig später lag er auf der Trage.
Andrew schnitt vom Seil zwei Stricke ab, die er als Schultergurte vorn und hinten an die Hölzer der Trage band. Dann versteckte er den Flaschenzug und die restlichen Seile in einem nahen Dickicht.
»Bist du bereit?«
Abby warf einen Blick über den Fluss zurück. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass es Yulara nicht mehr gab. Die Farm war ausgelöscht. Und damit hatte sie zum zweiten Mal ihre Heimat verloren. Wie sollte es nun weitergehen?
Sie verbannte die bangen Gedanken, die sich ihr aufdrängen wollten, und atmete entschlossen durch. »Ja, Andrew«, sagte sie. »Von mir aus können wir los.«
»Also dann, auf nach Cardigan!«
Abby bückte sich, legte sich den Gurt quer über die Schulter, umfasste die hinteren Enden der Längsstangen und hob die Trage mit Stuart Fitzroy gleichzeitig mit Andrew an. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie lange sie sich mit ihrer menschlichen Last durch den Busch quälen mussten, bis sie endlich die Farm der MacGuires erreichten.
Sie marschierten los, nach Nordosten, geradewegs auf die heranziehende schwarze Wolkenwand zu. Graue Schleier hingen von den unteren Schichten herab und schienen wie die gezackten Klauen eines gigantischen Regendrachens nach der Erde zu greifen.