Siebtes Kapitel
Den ganzen Morgen zermarterte sie sich verzweifelt das Hirn auf der Suche nach einer Möglichkeit, wie sie sich bis zu Andrews Rückkehr vor Percy schützen konnte, ohne von ihm aus Rache verleumdet zu werden.
Sie wagte nicht, zu Thomas MacGuire zu gehen und ihm alles so zu erzählen, wie es sich zugetragen hatte. Sie kannte ihn einfach nicht gut genug, um zu wissen, ob er ihr Glauben schenken oder sich letztlich doch schützend vor seinen Sohn stellen würde. Und dasselbe galt für Elizabeth MacGuire. Eine Mutter war schon von ihrem ganzen Wesen her geneigt, das eigene Fleisch und Blut auch dann noch in Schutz zu nehmen und gegen alle Angriffe zu verteidigen, wenn am Wahrheitsgehalt der Beschuldigungen kaum noch zu zweifeln war.
Aber irgendeinem musste sie davon erzählen, wenn sie Ruhe vor Percys Nachstellungen haben wollte! Doch wer konnte ihr helfen und ihn in die Schranken weisen, ohne dass seine Eltern davon erfuhren und es zu einem Skandal kam?
Nach langem Zögern und Abwägen vertraute sie sich schließlich Julia an, Percys Schwägerin. Der fast gleichaltrigen jungen Frau traute sie zu, dass sie ihr Gehör und auch Glauben schenkte. Außerdem hatte sie bemerkt, dass zwischen Julia und Percy ein recht kühles Verhältnis bestand. Und sie hoffte nun inständig, Julia richtig eingeschätzt zu haben.
Ihr Gefühl hatte sie nicht getrogen. Denn als Abby zu Beginn ihres Gespräches recht umständlich um den wahren Kern ihres Anliegens herumredete, um erst einmal Julias Reaktion auf dieses Thema zu prüfen, da fiel sie ihr ins Wort und forderte sie ganz unverblümt auf: »Nun sprich es schon endlich aus: Mein verdorbener Schwager hat dich belästigt und begrabscht, wenn nicht gar noch Schlimmeres getan! Du brauchst bei mir nicht um den heißen Brei herumzureden. Sag, ist es das, worüber du mit mir reden willst?«
Abby nickte mit hochrotem Gesicht.
Julia bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. »Ich weiß, wie dir zu Mute ist. Und du brauchst dich dessen wirklich nicht zu schämen. Ich bin sicher, dass du dir nichts vorzuwerfen hast. Mit mir hat der Schweinehund auch schon sein dreckiges Spiel zu treiben versucht. Aber jetzt erzähl erst mal, wie er dich dazu bringen will, ihm zu Willen zu sein!«
Julias Eingeständnis und ihre Versicherung, dass sie sich weder schämen noch schuldig fühlen musste, befreiten Abby von beklemmender Ratlosigkeit und Verzweiflung. Ihre Erleichterung war so groß, dass sie unwillkürlich in Tränen ausbrach.
»Nicht doch«, sagte Julia sanft und streichelte über ihren Arm. »Dieser Charakterlump ist nicht eine einzige Träne wert. Er ist bei uns an die Falschen geraten. Wenn wir mit ihm fertig sind, kann er froh sein, wenn er dann noch aufrecht gehen kann! So, und nun erzähl!«
Abby wischte sich mit dem Ärmel ihres Kleides die Tränen aus dem Gesicht und berichtete ihr, was sich seit der scheinbar zufälligen Umarmung auf der Dammkrone zugetragen und womit Percy ihr gedroht hatte.
»Dieser feige, hinterhältige Hund! So ähnlich hat er es auch bei mir gemacht! «, stieß Julia hervor. »Aber jetzt hat er endgültig den Bogen überspannt. Das wird ihm noch sehr Leid tun, darauf gebe ich dir mein Wort!«
Abby blickte sie skeptisch an.» Und was willst du unternehmen ? Ich meine, ich kann doch unmöglich zu deinen Schwiegereltern gehen und ihnen das alles erzählen! Ihren Sohn so anzuschwärzen, nach allem, was sie für Andrew und mich und auch für Fitzroy getan haben, sähe doch schrecklich undankbar aus. Und wie ständen sie dann auch da?«
»Mach dir darüber mal keine Gedanken und überlass das mir«, beruhigte Julia sie. »Ich bin genauso wenig daran interessiert, dass es auf Cardigan einen großen Familienskandal gibt und meine Schwiegereltern das Gesicht verlieren. Das haben sie auch nicht verdient. Sie sind sowieso schon schlimm genug mit ihm geschlagen. Ich werde auch ohne ihre Einmischung mit Percy fertig, das kannst du mir glauben!«
Abby hätte zu gern gewusst, wie Julia dafür sorgen wollte, dass Percy sie fortan in Ruhe ließ. Aber da sie beim ersten Mal auf ihre Frage nur eine ausweichende Antwort gegeben hatte, erschien es ihr unhöflich zu sein, noch einmal zu fragen.
Am Nachmittag, als Abby hinter dem Farmhaus Wäsche von der Trockenleine nahm, sie sorgfältig zusammenfaltete und in einen Weidenkorb legte, tauchte auf einmal Percy an der Hinterfront des Hauses auf. Er kam jedoch nicht zu ihr, sondern blieb an der Hausecke stehen. »Ich muss mit dir reden! «, rief er ihr schroff und mit verkniffenem Gesichtsausdruck zu.
Dass Percy dort, gute zehn Schritte von ihr entfernt, stehen blieb und wartete, dass sie sich zu ihm begab, verwunderte sie. War das ein gutes Zeichen oder nur Ausdruck seiner ungebrochenen Überheblichkeit?
Abby legte das Hemd, das sie gerade von der Leine genommen hatte, zu den anderen Wäschestücken und ging dann mit einer Mischung aus Bangen und Hoffen zu ihm hinüber.
»Was willst du?«, fragte sie abweisend. Was immer Julia bei ihm erreicht oder auch nicht erreicht hatte, sie würde nicht zulassen, dass Percy sie noch einmal berührte. Und um keinen Preis der Welt würde sie sich von ihm schänden lassen!
Stumm starrte er sie aus schmalen, wuterfüllten Augen an und seine zusammengepressten Lippen wirkten wie ein blutleerer Strich in seinem angespannten Gesicht. Sein spitz hervortretender Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er mehrmals krampfhaft schluckte. Dann endlich schien er seine Stimme wieder gefunden zu haben.
»Ich … ich will mich für das … entschuldigen, was … was gestern Abend … und heute Morgen … passiert ist! «, stammelte er mühsam, als koste ihn jedes einzelne Wort ungeheure Anstrengung und Selbstüberwindung. »Es … es tut mir Leid … Ich werde dich …« Er stockte und holte Atem.
Abby bemerkte, dass er die Hände ballte.
»… ich werde dich auch nicht mehr belästigen!« Er spuckte die Worte wie einen Schwall Ekel erregender Galle aus. »So, bist du jetzt zufrieden?«
Abby konnte kaum glauben, was da soeben geschehen war. Derselbe Percy, der sie am Morgen so brutal und selbstsicher erpresst hatte, hatte sich mit unterdrückter Wut bei ihr entschuldigt und versichert, sie nicht mehr zu belästigen! Wie um alles in der Welt hatte Julia das bloß angestellt?
»Ich habe dich etwas gefragt! «, zischte Percy, offensichtlich am Rande seiner Selbstbeherrschung.
Abby verkniff sich jeden Ausdruck von Genugtuung oder Häme, sondern bewahrte eine kühle Miene und nickte knapp: »Ja, ich denke, das genügt.«
»Na, dann bin ich ja beruhigt! «, fauchte er und schoss ihr noch einen wutentbrannten Blick zu, bevor er sich abrupt umdrehte und sich hastig entfernte.
Auch Abby hatte es nun sehr eilig, doch ihre Eile war fröhlich und beschwingt. Befreit von der Angst und Ohnmacht, die Percys Drohung in ihr hervorgerufen hatte, ergriff sie den Korb mit der trockenen Wäsche und trug ihn ins Haus.
Julia stand in der Küche am Butterfass und ließ den Stampfer gleichmäßig durch die Öffnung im Deckel auf und ab gleiten. Bei ihr sah es so leicht und mühelos aus, dabei war viel Kraft und Ausdauer vonnöten, um Milch zu Butter zu schlagen.
»Na, war er schon bei dir?«, fragte Julia, als ihre Schwiegermutter sich nach draußen auf den Abort begab und sie für ein paar Minuten mit Abby allein in der Küche war.
Abby nickte. »Gerade eben. Wie, in Gottes Namen, hast du ihn bloß dazu gebracht, sich bei mir zu entschuldigen? Ich hätte das nie für möglich gehalten! Verrätst du mir dein Geheimnis? Denn ich gehe jede Wette ein, dass es mit gutem Zureden allein nicht getan war !«
Julia lachte auf. »Du sagst es! Dieser Schweinehund versteht nur die eigene Sprache. Und das bedeutet, dass man bei ihm schon zum groben Knüppel greifen muss, damit er kapiert, aus welcher Richtung der Wind weht!«
»Und was ist das für ein Knüppel gewesen?«, fragte Abby mit unverhohlener Neugier.
»Nun, genau genommen ist es ein scharfes Messer gewesen«, antwortete Julia und ein grimmiges Lächeln trat auf ihr Gesicht. »Eines von diesen netten kleinen Messern mit sichelförmig gebogener Klinge, mit denen man junge Hengste, Stiere und Böcke kastriert.«
Ein ungläubiger Ausdruck trat auf Abbys Gesicht. »Und was hast du damit getan?«
»Ich habe es ihm bloß noch einmal unter die Nase gehalten und ihn an damals erinnert, als er eines Nachts mit solch einem Messer zwischen den Beinen aufgewacht ist und Blut und Wasser geschwitzt hat«, antwortete Julia. »Das ist noch kein Jahr her. Damals hat er dasselbe bei mir versucht wie heute Morgen bei dir. Ich konnte mit der Geschichte natürlich auch nicht zu meinen Schwiegereltern gehen und Ethan wollte ich damit auch nicht belasten. Denn der hätte Percy mit Sicherheit alle Knochen im Leib gebrochen. Ja, vielleicht hätte er sich sogar noch zu etwas Schlimmerem hinreißen lassen. Davor hatte ich Angst. Aber mir war klar, dass ich irgendetwas Drastisches wagen musste, wenn ich mir Percy ein für alle Mal vom Hals halten wollte. Und da habe ich ihm gedroht, ihn zu kastrieren, wenn er mich nicht endlich in Ruhe ließe.«
»Und hättest du das wirklich getan?«
Ein harter Ausdruck trat auf Julias Gesicht. »Oh ja, das hätte ich! «, beteuerte sie. »Aber Percy hat mir das nicht geglaubt. Er hat gedacht, ich bluffe nur. Tja, und da habe ich ihn dann eines Nachts aus dem Schlaf geholt. Es war ein böses Erwachen für ihn, das kannst du mir glauben. Eine falsche Bewegung und das Messer hätte ihn entmannt!« Mit Nachdruck rammte sie den hölzernen Butterstößel in das Fass.
Abby erschauderte bei der Vorstellung und sah Julia ob ihrer Entschlossenheit bewundernd an.
»Und von dem Tag an geht Percy mir geflissentlich aus dem Weg«, fuhr Julia fort. »Er weiß, dass mit mir nicht zu spaßen ist und dass er sich nicht vor mir schützen kann. In irgendeiner Nacht würde ich kommen und ihn überrumpeln, wenn er tief und fest schläft. Und genau daran habe ich ihn vorhin erinnert.« Sie lachte auf. »Du hättest mal sein Gesicht sehen sollen! Er hat es ganz offensichtlich nicht im Traum für möglich gehalten, dass du dich mir anvertrauen würdest.«
»Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll«, sagte Abby bewegt.
»Ich schon. Du könntest mich an dieser Mordmaschine ablösen«, sagte sie trocken, aber mit einem Lachen in den Augen. »Meine Arme könnten nämlich eine Pause ganz gut vertragen.«
»Aber natürlich!«, rief Abby. Sie war froh, etwas für Julia tun zu können, und löste sie ab.
»Am besten stellst du dir vor, Percy wäre da im Butterfass eingesperrt, dann geht dir das Stampfen bestimmt ganz locker von der Hand«, sagte Julia und sank neben dem Küchentisch auf einen Schemel.
Wenig später kam ihre Schwiegermutter zurück und damit fand ihr Gespräch über Percy zwangsläufig sein Ende. Elizabeth MacGuire machte eine Bemerkung über das nur langsam abfließende Hochwasser und sofort drehte sich ihre Unterhaltung wieder um das Wetter. Doch Abby und Julia tauschten dann und wann ein stummes, wissendes Lächeln.