Zweites Kapitel
Abby fand ihren Mann am nächsten Morgen am oberen Ende der Pferdekoppel. Er saß auf einem breiten Baumstumpf, der von dem mächtigen Gumtree kündete, der hier einmal gestanden hatte und der Rodung zum Opfer gefallen war. Sein Interesse galt jedoch nicht den Pferden, sondern sein Blick ging über die Koppel hinaus nach Süden, wo gute zwei Reitstunden entfernt der Hawkesbury in weiten Schleifen seine Bahn zog – vorbei an der niedergebrannten Farm Yulara.
Abby setzte sich zu ihm. Sie schwiegen eine ganze Weile, ohne dass es einer von ihnen als bedrückend empfunden hätte. Sie konnten gut zusammen schweigen und sich dennoch sehr verbunden fühlen. Denn zumeist wussten sie nur zu gut, was in dem anderen vor sich ging und womit sich seine Gedanken beschäftigten. Da waren Worte oft überflüssig.
Der Regen hatte irgendwann kurz vor Tagesanbruch aufgehört und die dunklen Wolken hatten sich verzogen. Die aufgeweichte Erde dampfte nun unter der schon kräftigen Morgensonne. Wie Nebel stieg die Feuchtigkeit aus dem Buschland auf und legte einen diesigen Schleier über den Horizont.
Schließlich brach Andrew das Schweigen: »Fitzroy hat die Nacht gut überstanden. Er wird wohl durchkommen, wenn es an seinem Bein nicht noch zu einer Entzündung kommt.«
Abby nickte. »Ich habe ihn gerade besucht. Er hat mir mit leuchtenden Augen erzählt, dass du schon im Morgengrauen bei ihm in der Kammer gesessen und ihm einen Tee gebracht hast. Ich habe überhaupt nicht mitbekommen, dass du aufgestanden bist. Ich muss wohl wie eine Tote geschlafen haben.«
Andrew zuckte verlegen die Achseln. »Ich konnte nicht länger schlafen. Mir ist zu viel durch den Kopf gegangen.«
»Ja, wir werden uns in der nächsten Zeit über eine Menge Dinge den Kopf zerbrechen müssen«, stimmte sie ihm zu und fragte sich insgeheim beklommen, welches der vielen Probleme, die sich ihnen mit einem Mal in den Weg gestellt hatten, sie zuerst angehen sollten.
»Wir werden irgendwo anders neu anfangen«, sagte Andrew plötzlich in einem veränderten Tonfall, der ebenso von Ingrimm wie auch von Entschlossenheit sprach. »Wir beide werden uns etwas Eigenes aufbauen!«
Diese Eröffnung traf Abby wie ein Blitz aus heiterem Himmel. »Du willst Yulara nicht wieder aufbauen?«
Er schüttelte kurz, aber heftig den Kopf. »Nein, dieses Kapitel meines Lebens ist abgeschlossen!«
»Willst du Yulara etwa aufgeben, weil dein Vater dich nicht ausdrücklich …« Sie stockte kurz, als sie sah, wie sich sein Gesicht verfinsterte, fuhr dann jedoch fort: »… zu seinem Nachfolger bestimmt hat?«
»Das allein ist es nicht!«
»Vielleicht findet sich in der Kassette ja ein Testament, in dem dein Vater festgelegt hat, dass du bei seinem Tod Yulara erbst, während dein Bruder anderweitig bedacht ist.«
»Ich kenne das Testament meines Vaters seit Jahren, Abby. Demnach erbt mein Bruder als ältester Sohn nach alter Sitte das Land. Und ich habe es heute Morgen noch einmal nachgelesen. Er hat nicht ein Jota daran geändert, obwohl er doch wusste, dass Melvin sich nichts aus der Farm macht. Statt ihn mit einem Batzen Geld abzufinden und mir Yulara nach seinem Tod anzuvertrauen, hat er es genau umgekehrt gemacht.« Er lachte bitter auf. »Gegen den Schatten meines Bruders, der nie etwas falsch machen konnte, habe ich mein Leben lang nichts ausrichten können.«
»Warte doch erst einmal ab, was Melvin dazu sagt«, versuchte Abby ihn zu beruhigen. »Er wird Yulara doch gar nicht haben wollen. Was sollte er auch damit anfangen? Ihr werdet euch bestimmt auf eine Lösung einigen, mit der ihr beide gut leben könnt.«
»Nein!«, wehrte Andrew heftig ab. »Ich will keinen Kompromiss, Abby. Vor allem will ich nicht meinem Bruder über alles und jedes, was ich tue oder nicht tue, Rechenschaft ablegen müssen, bis ich alt und grau bin. Das gibt nur böses Blut zwischen uns. Du weißt, was mir Melvin bedeutet, und ich habe ihm nichts vorzuwerfen. Wie könnte ich auch, denn verantwortlich für diese missliche Situation ist doch allein mein Vater. Aber ich will nicht länger abhängig sein – schon gar nicht, wo ich weiß, dass ich nun selbst bald Vater werde.« Er machte eine Pause und wiederholte noch einmal mit Nachdruck: »Ich möchte etwas Eigenes – für uns und unsere Kinder, Abby!«
»Ja, es war schon immer dein Traum, eines Tages eine eigene Farm aufzubauen«, erinnerte sie sich und ließ unausgesprochen, dass sie diesen Traum mit ihm teilte. Wie oft hatten sie sich nicht schon zusammen ausgemalt, was sie alles anders machen würden, wenn sie frei entscheiden könnten.
»Das stimmt«, gab er zu und verzog das Gesicht. »Vielleicht muss ich meinem Vater ja sogar noch dankbar dafür sein, dass er mich auf diese Weise dazu zwingt, meinen Traum nun in die Tat umzusetzen.«
»Nur ist der Preis dafür zu hoch«, sagte Abby bedrückt und dachte an die beiden frischen Gräber auf Yulara.
Andrew nickte stumm.
»Dennoch sollten wir nichts überstürzen und erst einmal in Ruhe mit Melvin über alles reden«, riet sie ihm.
»Dafür müssten wir erst mal wissen, wo er sich mit Sarah versteckt hält«, sagte Andrew. »Ich glaube, ich werde zur Höhle zurückreiten und dort eine Nachricht für ihn deponieren, damit er weiß, wo er uns finden kann. Und am besten mache ich es so wie Fitzroy und hinterlasse auch auf den Kaminsteinen von Yulara einen Hinweis. Das war eine gute Idee.«
»Was ist, wenn er sein Versteck gar nicht verlassen kann, weil die Gefahr einfach zu groß ist, von einer Patrouille entdeckt und festgenommen zu werden?«, wandte sie ein.
»Dann werden wir uns in Geduld üben müssen. Aber warten wir doch erst mal ab, was ich auf Dunbar erfahren kann. Vielleicht hat er Greg Halston ja schon eine Nachricht für uns zukommen lassen, wo und wie ich mit ihm Kontakt aufnehmen kann«, sagte Andrew zuversichtlich.
Abby wäre gern mit ihm geritten, doch Andrew redete ihr das aus. Bei der aufgeweichten Erde würde er fast den ganzen Tag im Sattel verbringen, um Dunbar zu erreichen und vor Einbruch der Dunkelheit wieder auf Cardigan zu sein. Er war besorgt um ihre Gesundheit und wollte nicht zulassen, dass sie sich schon wieder neuen Strapazen aussetzte.
Später war sie dann auch ganz froh, dass sie ihn nicht begleitet hatte. Denn schon am frühen Mittag fühlte sie sich wieder so müde, als hätte sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang harte körperliche Arbeit geleistet. Sie zog sich in ihre Kammer zurück und schlief bis in den späten Nachmittag hinein.
Als sie schließlich vom Bett aufstand und das Fenster öffnete, weil die Luft in der kleinen Kammer so stickig war, grinste Percy sie von draußen an. Auf eine Harke gestützt, stand er vor ihrem Fenster.
»Na, haben Mylady angenehm geruht?«, fragte er spöttisch. »Ich wette, meine tüchtige Schwägerin hält schon den Tee für unseren hochwohlgeborenen Gast bereit.«
»Hören Sie, Percy … «, erwiderte Abby verwirrt und irgendwie schuldbewusst.
Doch Percy gab ihr auch diesmal keine Gelegenheit, richtig mit ihm zu reden. Er wandte sich einfach ab, stiefelte davon und verschwand im nächsten Augenblick um die Ecke des Hauses.
Julia hielt tatsächlich frisch aufgebrühten Tee für sie bereit und Elizabeth MacGuire, die zartgliedrige, aber sehnige und tatkräftige Frau des Farmers, gab nicht eher Ruhe, als bis sie von ihrer fleischgefüllten Pastete gekostet hatte. Später dann besuchte sie Fitzroy, der noch immer unter großen Schmerzen litt, sich aber wohl außer Lebensgefahr befand.
Andrew kehrte im letzten Licht des Tages zurück, brachte jedoch keine guten Nachrichten. Sein Bruder hatte sich nicht wieder auf Dunbar blicken lassen. Es war auch kein Brief von ihm eingetroffen, der einen Hinweis darauf enthalten hätte, wo er sich versteckt hielt.
Sie rätselten, wo sich Melvin mit Sarah nur aufhalten konnte. Abby tippte auf Sydney. »Die Höhle des Löwen ist manchmal das sicherste Versteck, weil einen die Verfolger dort am wenigsten vermuten.«
»Aber wer würde ihm da schon Unterschlupf gewähren und es riskieren, sich selbst in große Gefahr zu begeben?«, hielt Andrew ihr skeptisch entgegen. »Die Erfahrungen der letzten zehn Monate haben doch jeden in der Kolonie gelehrt, dass nicht einmal ein freier Siedler vor der Willkür der Offiziere sicher ist.«
»Er hat doch auch Freunde in Sydney und zudem wohl eine ansehnliche Summe Geldes bei sich, wenn es stimmt, was du gesagt hast«, erwiderte Abby.
Andrew nickte. Dass sein Bruder mit einer prall gefüllten Geldbörse geflüchtet war, hatte er auf Dunbar von Greg Halston erfahren. Der Farmer hatte ihm freimütig erzählt, dass er Melvin zufällig dabei überrascht hatte, wie dieser seine Barschaft auf dem Bett ausgebreitet und gezählt hatte. Es sei so viel Geld gewesen, dass sich sein Bruder damit selbst bei einem sehr ängstlichen Mann ein sicheres Versteck erkaufen konnte.
»Aber so viel Geld kann einen charakterschwachen Menschen auch in böse Verführung führen«, fügte er sorgenvoll hinzu. »Ich hoffe, Melvin ist klug genug, das Geld vor neugierigen Blicken verborgen zu halten.«
»Dein Bruder mag als Farmer nicht viel taugen …«
»Das hat er hinreichend unter Beweis gestellt«, warf Andrew sarkastisch ein.
»… aber er ist doch ein kluger Kopf und versteht sich auf Geldgeschäfte. Ich denke mal, er ist bei Greg Halston nur darum so unvorsichtig gewesen, weil er weiß, dass er ihm vertrauen kann«, sagte Abby.
»Wir wollen hoffen«, erwiderte Andrew, »dass du Recht hast.«