Achtes Kapitel

Andrew führte sie zu dem Versteck, einer kleinen Bodensenke, die von einem Dickicht aus dornigen Sträuchern umgeben war. Sie gaben fast gleichzeitig einen Stoßseufzer der Erleichterung von sich, als sie sahen, dass der schmale Holzkahn wirklich noch dort in der Mulde unter einer alten, stockfleckigen Segeltuchplane verborgen lag.

Wenige Minuten später hatten sie das Boot hinunter zum Fluss geschleppt, die Ruder eingehängt und sich vom Ufer abgestoßen. Die Strömung des breiten Hawkesbury erfasste sie und zog sie flussabwärts. Andrew brauchte sich nicht groß anzustrengen, damit der Kahn Fahrt aufnahm. Mit gemächlichem Ruderschlag steuerte er das Boot, das den weiten Windungen des Hawkesbury folgte.

Abby hielt nach dem felsigen Ufer mit der geheimen Naturhöhle Ausschau. Sie kannte das Gelände von ihren Ausritten, die sie gelegentlich auch flussabwärts geführt hatten. Doch sie hatte den Fluss noch nie an dieser Stelle überquert und wusste auch nicht, wo genau die Höhle war, die ihrem Schwager Melvin lange Zeit als Versteck gedient hatte.

Ihre Blicke gingen aber auch immer wieder nach Nordosten. Dort wurde der dunkle Streifen, der das klare Blau des Himmels erstickte, immer breiter. Das Unwetter kam langsam, aber unaufhaltsam näher.

»Gleich sind wir da! Hinter der ersten Biegung der scharfen S-Schleife müssen wir schon an Land gehen!«, rief Andrew. »Dahinter wird das Ufer zu steil und zu felsig, um noch anlegen zu können !«

Abby nickte nur.

Kurz darauf blieb der primitive Holzkahn knirschend im Flusssand des seichten Ufers stecken. Sie sprangen an Land, zogen das Boot weiter hoch, bis es im Schutz einiger Sträucher lag, und machten sich dann auf den Weg zur Höhle.

Abby spähte angestrengt zum felsigen Hang hinüber, der mit der nächsten scharfen Biegung des Flusses steil anstieg. Vergeblich suchte sie nach einem Hinweis auf das Versteck. »Wo soll es denn da einen Zugang zu einer Höhle geben?«, fragte sie verwundert. »Ich kann ja noch nicht einmal so etwas wie einen Pfad erkennen.«

Andrew lachte kurz auf. »Den gibt es ja auch nicht. Es gibt nur Trittstufen. Und wenn man deren Reihenfolge nicht kennt, findet man auch die Höhle nicht. Am besten bleibst du hier, das ist sicherer.«

»Wieso ist es für dich und Melvin sicher und für mich nicht?«, fragte Abby aufbegehrend.

»Nun, in deinem Zustand…«, begann er.

»Mein Zustand ist bestens, Andrew! Und ich denke gar nicht daran, hier auf dich zu warten und Däumchen zu drehen. Ich komme mit!«

Andrew seufzte und machte eine grimmige Miene, aber auf einen Streit mit ihr wollte er sich lieber nicht einlassen. Den würde er bei ihrem starken Eigensinn sowieso nicht gewinnen, wie ihn die Erfahrung gelehrt hatte. Wenn Abby sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte sie niemand davon abbringen, die Sache auch auszuführen. Das war ein Charakterzug, den er von Anfang an bewundert hatte – der ihm aber in Situationen wie dieser auch gehöriges Bauchgrimmen bereitete.

»Also gut«, brummte er. »Aber halt die Augen offen und pass auf, wohin ich meinen Fuß setze. Es gibt nämlich einige Stellen, die nicht ganz ungefährlich sind!«

»Ich habe auch nicht vorgehabt, mich in Träumen zu verlieren«, gab Abby trocken zurück.

»Du weißt, wie ich es gemeint habe«, sagte Andrew versöhnlich. »Ich mache mir nur Sorgen um dich, mein Liebling. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich auch noch dich oder unser Kind …«

»Ich weiß ja, und es tut mir auch Leid, dass ich eben so schnippisch war«, fiel sie ihm ins Wort und gab ihm rasch einen Kuss. »Ich möchte aber wirklich nicht allein hier warten, sondern bei dir sein. Ich passe schon auf – und du weißt doch, dass ich nicht ungelenk und täppisch bin.«

»Ja, schon gut«, sagte er mit einem schiefen Lächeln. »Also, dann komm!«

Sie stiegen den Hang in einer schrägen Zickzacklinie hoch. Zu Anfang war der Weg, den Andrew einschlug, leicht zu bewältigen. Doch als sie sich etwa zwanzig Fuß über dem Fluss befanden, wurde das Gelände schwieriger und nun hieß es, genau aufzupassen, wohin sie ihren Fuß setzten, wenn sie nicht den Halt verlieren und abstürzen wollten. Ein Sturz, der mit ein bisschen Glück kaum tödlich, aber sicherlich doch sehr schmerzhaft sein würde.

Der bucklige Felshang wies zahlreiche kleine und große Erdtaschen auf, deren Hangflächen mit Gras und Gestrüpp aller Art bewachsen waren. Hier und da hatten sich sogar eine Dornenakazie oder ein Eukalyptusbaum mit niedrigem Wuchs behauptet.

Diese gefährlichen Erdflächen, die bei der starken Schräglage unter dem Gewicht eines Menschen leicht aufreißen und wegbrechen konnten, mied Andrew, während sie höher stiegen. Vorspringende Felskanten sowie Vertiefungen im Gestein dienten ihnen nun als Trittstufen und Haltegriffe. Manchmal mussten sie auch einen weiten Schritt wagen, um zur nächsten sicheren Stelle zu gelangen.

Abby hatte keine Schwierigkeiten, ihrem Mann zu folgen. Es stimmte zwar schon, dass man für diesen Aufstieg ein waches Auge, eine gewisse Gelenkigkeit und etwas Mut brauchte. Aber es war doch auch keine lebensgefährliche Kletterpartie an einer senkrechten Felswand. Der Hang besaß ausreichend Neigung, sodass man wirklich nicht am Fels klebte und befürchten musste, bei einer falschen Bewegung in die Tiefe zu stürzen. Aber ein gemütlicher Spaziergang, bei dem das Herz nicht aus seinem ruhigen Rhythmus kam, war es nun wiederum auch nicht. Und dass Melvin den Auf-und Abstieg regelmäßig bei Nacht bewältigt hatte, beeindruckte sie schon. Das hätte sie ihrem Schwager, der doch mehr ein Mann der Bücher und der Zahlen als der körperlichen Geschicklichkeit war, nicht zugetraut.

Andrew reichte ihr die Hand und zog sie auf ein gut zwei Fuß breites, vorspringendes Felsdach. »Gleich haben wir es geschafft! Dort ist schon der Eingang!« Er wies schräg nach oben.

Abby blickte auf die Stelle, auf die Andrew deutete, konnte von einer Höhle oder einem Eingang zu einer solchen jedoch nichts erkennen. Sie sah nur einen etwa drei Yards breiten Teppich aus efeuähnlichen Ranken, der von einer etwas höher gelegenen Erdtasche wie ein ausgefranster grüner Lappen herabhing. »Ich sehe nichts außer ein bisschen Grünzeug über nacktem Fels.«

Er schmunzelte. »Und genau unter diesen dichten Ranken befindet sich im Fels ein Spalt, der in die Höhle führt! «, eröffnete er ihr.

»Das nenne ich eine perfekte Tarnung!« Ihr Magen machte sich erneut mit lautem Knurren bemerkbar und der Gedanke an einen Kanten Brot oder irgendetwas anderes Essbares, das dort in der Höhle gelagert war, ließ Abby das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Vorstellung, sich nach Wochen karger Ernährung und primitivster Buschkost endlich wieder einmal richtig satt essen zu können, und zwar an Speisen, die ihr vertraut waren, erfüllte sie mit ungeduldiger Vorfreude.

Augenblicke später hatten sie den Vorhang aus immergrünen Ranken erreicht. Und hier oben bemerkte Abby nun, dass die als Trittstufen benutzten Felskanten und -vorsprünge deutliche Spuren von Stiefeln zeigten. Hier und da fanden sich sogar Kratzer und tiefe Einkerbungen, die nur von scharfen Metallkanten herrühren konnten.

»So, da wären wir! «, sagte Andrew ein wenig außer Atem und er wartete, bis Abby neben ihm sicher stand. »Melvins hoch gelegene Einsiedelei!« Mit beiden Händen teilte er vorsichtig den dichten Rankenvorhang.

Im selben Moment kamen aus dem Dunkel der dahinter liegenden Höhle zwei kurze, metallisch klickende Geräusche. Andrew und Abby wussten sofort, was das zu bedeuten hatte: Jemand hatte die Schlaghähne von zwei Pistolen oder einer doppelläufigen Flinte gespannt.

»Rühr dich bloß nicht vom Fleck, wenn du nicht zwei Unzen Blei zwischen die Rippen haben willst! «, befahl eine heisere, gepresste Stimme. »Lass bloß die Hände oben oder ich blase dich mit den Pistolen hier in den Fluss!«

Andrew erstarrte mitten in der Bewegung.