Elftes Kapitel

Am frühen Nachmittag erreichten sie die Siedlung Wiseman’s Ferry, wo Lieutenant Danesfield mit seinen Soldaten tatsächlich erst vor zwei Tagen über den Hawkesbury gesetzt und damit ein nicht geringes Risiko auf sich genommen hatte, wie Abby den missmutigen Bemerkungen der Männer entnahm.

Die breite Fähre, ein großes und solide gebautes Floß mit massivem Geländer, hatte das Hochwasser unbeschadet überstanden. Ian Tucker, der stämmige Fährmann, hätte sich mit seiner Crew freiwillig noch nicht über den reißenden Fluss gewagt, aber der Befehl des Offiziers hatte ihm keine andere Wahl gelassen.

Auch jetzt meldete er grollend seinen Protest an, obwohl er wusste, wie wenig ihm das nützte.

»Spar dir deinen Atem und mach dich an die Arbeit, Bursche ! «, fuhr der Lieutenant ihm sofort barsch über den Mund.

Abby gehörte zu denen, die zusammen mit dem Offizier als Erste über den Fluss setzten. Die schlammig dunklen Wogen des Hawkesbury jagten noch immer mit gefährlich viel Treibgut und mit erschreckender Geschwindigkeit stromabwärts.

Den Gefahren zum Trotz, die ein Übersetzen unter diesen Umständen mit sich brachte, dachte Danesfield jedoch nicht daran, Abby auf der Fährplattform das Fußeisen abnehmen zu lassen.

»Sollten wir kentern, ist sie rettungslos verloren und wird ertrinken«, gab Corporal Haines vorsichtig zu bedenken. »Der Einspänner wird sie augenblicklich in die Tiefe reißen.«

»Dann tut sie gut daran, inständig darum zu beten, dass wir sicher ans andere Ufer kommen!«, lautete die kaltherzige Antwort seines Vorgesetzten, für den die Sache damit erledigt war.

Abby kauerte während der Überfahrt neben dem Einspänner auf dem nassen Plankenboden, schloss die Augen und tat genau das, was Danesfield ihr zynisch angeraten hatte: Sie betete. Und zwar den 23. Psalm. Und während die Fähre von den Fluten ergriffen und wie ein Korken hin und her geworfen wurde und die Flüche und Kommandos der Fährleute sich mit dem bedrohlichen Ächzen der Schwimmhölzer und dem Rauschen des Flusses vermischten, sprach sie immer wieder von neuem stumm die Worte:

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen: Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, getreu seinem Namen … Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und Stab geben mir Zuversicht … Der Herr ist mein Hirte …

Mehrmals nahm die Fähre Wasser über. Eine dieser Wogen, die an der niedrigen Bordwand hochsprang und über das Deck spülte, traf Abby mit voller Kraft, da man ihr den ungünstigen Platz direkt an der äußersten Kante der Steuerbordseite zugeteilt hatte, gegen die der Hawkesbury wütend anlief. Der Brecher schlug ihr ins Gesicht und durchnässte sie bis auf die Haut.

Triefend rang sie nach Atem und klammerte sich an das Rad des Einspänners, hielt jedoch in ihrem flehenden Gebet nicht inne. Und dann plötzlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, ließ der wilde Tanz der Fähre nach, als sie endlich auf der anderen Flussseite in flaches Wasser glitten.

»Noch mal davongekommen«, murmelte Corporal Jethro Haines.


Nachdem auch die zweite Gruppe sicher über den Hawkesbury gesetzt hatte, zogen sie noch gute zweieinhalb Stunden nach Süden, bis sie an jene Stelle kamen, wo sich die Spurrillen im Buschland aufteilten. Die rechte Spur führte nach Südwesten in die Gegend von Yulara, während die linke Spur einen Bogen um einige glatt gewaschene Felsen schlug und sich dann nach Südosten wandte, die Richtung, in welcher Sydney lag.

Die Sonne stand schon tief über den Blue Mountains und so gab Lieutenant Danesfield den Befehl, im Schutz der Felsgruppe das Lager für die Nacht aufzuschlagen.

Nach dem kargen Mahl schloss Corporal Haines die Kette an eine der Radspeichen und Elliot Cox warf ihr wortlos zwei zerschlissene Decken vor die Füße.

Abby machte es sich neben dem Wagenrad so bequem wie eben möglich. Sie fegte den Boden mit den Händen von allen losen Steinen frei. Aber es blieben noch genug Unebenheiten in diesem felsigen Gelände übrig, die durch die Decken drückten und es ihr schwer machten, eine angenehme Lage zum Schlafen zu finden.

Aber auch wenn sie auf einen weichen Daunensack gebettet gewesen wäre, hätte sie sich wohl schlaflos von einer Seite auf die andere gewälzt. Als sich die Nacht über das Lager legte, gewann die Angst in ihr an Kraft. Und der klare, endlos weite Sternenhimmel, der sich über das Buschland spannte, verstärkte in ihr das Gefühl entsetzlicher Einsamkeit. Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass Melvin so viel Charakter besaß, sie nicht für sein Tun leiden zu lassen.

Die Soldatenstimmen verstummten nach und nach. Bald fielen auch die letzten Flammen der Feuerstelle in sich zusammen. Für eine Weile leuchtete noch die Glut in der Dunkelheit, doch dann verglomm auch sie und verbarg sich unter Asche. Nun war nur noch das Knirschen von Sand und Steinen unter den Stiefeln des Wachpostens zu hören, der müden Schrittes seine Runde um das Lager drehte.

Abby glaubte, diese Nacht nicht eine Minute Schlaf finden zu können. Doch ihr erschöpfter Körper forderte sein Recht und gewann letztlich die Oberhand und all ihre Sorgen und Ängste verwandelten sich in wirre Träume.

Eine Hand, die sich plötzlich auf ihren Mund legte, und die geflüsterte Warnung »Sei ganz ruhig! Ich bin es, Andrew!« rissen Abby aus dem Schlaf.

Sie fuhr auf und war im ersten Moment noch so benommen, dass sie erst glaubte, geträumt zu haben. Aber die Hand auf ihrem Mund und die vertraute Gestalt ihres Mannes, der neben ihr unter dem Wagen kauerte, gehörten zu keinem Traum, sondern waren Wirklichkeit.

Andrew hielt ihren Mund noch immer verschlossen. »Bist du wach?«

Sie nickte und sah ihn mit strahlenden Augen an. Andrew war gekommen! Ihre Gebete waren erhört worden. Irgendwie würde jetzt alles gut werden!

Nun nahm er seine Hand weg, beugte sich zu ihr und küsste sie. Abby schlang ihre Arme um ihn und für einen Moment hielten sie sich stumm umarmt.

»Dem Himmel sei Dank, dass du gekommen bist, Andrew!«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

»Sag, haben sie dir etwas getan?«, fragte er besorgt und gab sie widerstrebend frei.

»Nein«, beruhigte sie ihn und verschwieg ihm mit Absicht die Hiebe mit der Reitgerte. »Aber Danesfield hat mich verhaftet und will mich in Sydney weiter verhören lassen. Angeblich machen wir mit Melvin gemeinsame Sache.«

»Ich will sehen, dass ich dich hier so schnell wie möglich frei bekomme.«

»Denk an den Wachposten, der seine Runden dreht!«, warnte sie ihn. »Er kommt hier alle paar Minuten vorbei.«

»Keine Sorge, der Kerl hockt da hinter den Felsen und schläft«, sagte Andrew und bearbeitete die Radspeiche mit seinem Messer.

»Warst du das gestern auf der anderen Seite des Flusses? Hast du mich winken gesehen?«

»Ja.«

Abby lächelte. »Ich habe es doch gewusst!«

»Es tut mir Leid, dass ich zu Weihnachten nicht bei dir war, aber ich bin einfach nicht über den Fluss gekommen«, sagte er hastig und sägte mit aller Kraft in das Holz der Speiche. »Dreimal habe ich es versucht, aber ich musste immer wieder umkehren. Und der Fährmann bei Wiseman’s Ferry hat sich geweigert, mich überzusetzen.«

»Ich mache dir ja keinen Vorwurf«, versicherte sie ihm. »Ich habe mich nur schrecklich gesorgt, weil ich so lange ohne Nachricht von dir gewesen bin.«

»Ein Glück, dass ich heute noch einmal nach Wiseman’s Ferry geritten bin und sah, wie ihr über den Fluss kamt. So konnte ich euch mit großem Abstand folgen und mich bei Nacht zu dir ins Lager schleichen«, sagte er und säbelte hektisch am Speichenholz.

»Sag, hast du eine Spur von Melvin gefunden?«

»Nein, er und Sarah sind wie vom Erdboden verschluckt. Es kann sein, dass sie sich überhaupt nicht mehr in der Kolonie aufhalten.«

»Wie meinst du das?«

»Einer von seinen einstigen Geschäftsfreunden will gehört haben, dass sich mein Bruder mit Sarah unter falschem Namen auf einem Kauffahrer eingeschifft hat und zurück nach England gesegelt ist!«

»Das kann doch nicht sein!«, flüsterte Abby ungläubig.

»Ich will es auch noch nicht glauben, dass er uns einfach im Stich gelassen hat«, sagte Andrew und hieb verbissen in die erst erbsengroße Kerbe. »Gut möglich, dass er so sehr um sein Leben gefürchtet und keinen anderen Ausweg als die Flucht aus der Kolonie gesehen hat. Aber in ein, zwei Wochen wissen wir es genau.«

»Und wieso?«

»Es gibt in Sydney einen Schiffsausrüster namens Frederick Burke, mit dem Melvin nicht nur Geschäfte gemacht hat, sondern auch gut befreundet gewesen ist. Ich habe mit seiner Frau gesprochen und sie hat durchblicken lassen, dass ihr Mann mir vielleicht sagen könnte, wo Melvin geblieben ist.«

»Und warum hast du ihn noch nicht gefragt?«

»Weil er in Geschäften unterwegs ist. Erst in ein, zwei Wochen kehrt er von Van Dieman’s Land,5 der Insel im Süden von Australien, zurück.«

»Und was machen wir, wenn Melvin wirklich auf dem Weg nach England ist?«, fragte Abby beklommen.

»Die Macht der Rum-Rebellen wird nicht ewig währen. Man wird schon bald einen neuen Gouverneur aus England schicken – und mit ihm königstreue Truppen, die den Saustall hier ordentlich ausmisten werden, darauf kannst du Gift nehmen. Lange kann das nicht mehr dauern. Und so lange halten wir uns versteckt!« Er fluchte unterdrückt. »Verdammt, das Holz ist hart wie Eisen. Mit dem Messer schaffe ich das nie. Ich brauche so etwas wie ein Brecheisen. Und ich habe da eine Idee. Ich bin gleich wieder zurück.«

Abby hielt ihn am Arm fest. »Andrew, sei um Gottes willen vorsichtig! Wenn es stimmt, was du gerade gesagt hast, lohnt es sich nicht, dass du dein Leben hier aufs Spiel setzt!«

»Ich lass dich doch nicht in der Hand dieser Mistkerle zurück, wenn ich die Chance habe, dich zu befreien ! «, erwiderte er, gab ihr schnell einen Kuss und kroch unter dem Wagen hervor.

»Halt! Wer da?«, rief in dem Moment eine Stimme aus der Dunkelheit jenseits der Feuerstelle. »Wer ist da beim Wagen? Stehen bleiben!«

Andrew gab keine Antwort, sondern rannte los.

»Halt !… Alarm !… Eindringling im Lager!«, brüllte der Soldat. Und im nächsten Moment krachte ein Schuss. »Alarm!«

Abby schrie auf und sah noch, wie Andrews Schatten hinter einem Felsen verschwand. Hatte ihn die Kugel getroffen oder war der Schuss danebengegangen?

Die jäh aus dem Schlaf gerissenen Soldaten sprangen auf und griffen zu ihren Waffen. Scharfe Befehle gellten durch die Nacht und dann fielen weitere Schüsse.

Abby war zum Erbrechen übel vor Angst um Andrews Leben und bei jeder Detonation zuckte sie wie unter einem heimtückischen Tiefschlag zusammen. Dann hörte sie galoppierenden Hufschlag. War das Andrew? Ja, das musste er sein!

»Haines, Barley, Wilkins! In die Sättel! Nehmt die Verfolgung auf und bringt mir den Kerl!«, hörte sie Lieutenant Danesfield schreien. Und der Hufschlag von mehreren anderen Pferden übertönte Augenblicke später den trommelnden Galopp des ersten Pferdes.

Im Morgengrauen kehrten die drei Soldaten mit übermüdeten Gesichtern zurück – ohne Andrew. Er hatte sie im Schutz der Nacht im Buschland abgehängt.

Lieutenant Danesfield tobte.

»Ich weiß, dass das dein Mann war. Einer meiner Männer hat ihn erkannt«, sagte er wutentbrannt zu Abby. »Aber damit hat er sich keinen Gefallen getan – und dir erst recht nicht!« Und bevor er sich abrupt umwandte und den Befehl zum Aufbruch gab, sagte er noch zu ihr: »Wir werden mal sehen, wie es dir im Gefängnis von Sydney gefällt! Aber jemand von deiner Sorte wird sich in diesem stinkenden Kerker bestimmt wie zu Hause fühlen!«