Drittes Kapitel
Schon am frühen Morgen kam Winston Patterson mit seinem Unterwärter Cecil Boone und holte Abby aus dem Kerker.
»Du sollst zum Verhör gebracht und dafür in Eisen gelegt werden. Befehl von Captain Grenville«, teilte Cecil Boone ihr mit. »Draußen wartet schon deine Eskorte. Vier Rotröcke hat man geschickt. Sieht ganz so aus, als trauten sie dir eine ganze Menge Ärger zu.«
»Uns macht keiner Ärger, schon gar kein Weiberrock! Also komm besser erst gar nicht auf dumme Gedanken, sonst lernst du uns kennen!«, warnte Winston Patterson sie.
Der oberste Gefängniswärter war ein bohnenstangendürrer Mann, der so ausgezehrt aussah, als könnte ihn schon der nächste Windhauch umwerfen. Ein zotteliger Ziegenbart umgab sein knochiges Kinn, und sein linkes Auge trug den milchig-weißen Schimmer der Erblindung.
»Ich glaube nicht, dass sie uns Ärger macht, Patterson. Sie scheint nur das Pech zu haben, dass ihre Familie einige unserer Herren Offiziere gegen sich aufgebracht hat«, bemerkte Cecil Boone spöttisch und schenkte Abby einen mitleidigen Blick.
»Umso schlimmer für uns! Da können wir uns erst recht keinen Schnitzer erlauben!«, brummte Winston Patterson. »Und dabei hasse ich nichts so sehr wie Offiziere, die uns auf die Finger gucken und mir ihren heißen Atem in den Nacken blasen!«
Der vorwurfsvolle Blick, der Abby aus dem gesunden Auge des ausgemergelten Wärters traf, bestätigte sie darin, dass es wohl besser war, wenn sie den Mund hielt. Dieser griesgrämig Winston Patterson schien derjenige Wärter zu sein, vor dem sie sich am meisten in Acht nehmen musste, zumal er hier das Kommando führte. Dass sie ihn mehr fürchten musste als den schwergewichtigen Cecil Boone, verwunderte sie jedoch nicht. Schon im Londoner Gefängnis wie auch auf dem Schiff und später in der üblen Sträflingsfabrik von Parramatta hatten sich die hageren und kleinwüchsigen Kerkermeister stets als die brutalsten und mitleidlosesten erwiesen. Wohl weil sie im Gegensatz zu ihren groß gewachsenen und breitschultrigen Kollegen meinten, ihre Macht und Rücksichtslosigkeit ganz besonders nachdrücklich und immer wieder neu beweisen zu müssen.
Die beiden Männer legten ihr zuerst rostige Fußeisen an und schlossen dann auch ihre Hände in eine starre Eisenklemme. Die Kette, die ihre Fußeisen verband, war so kurz, dass sie nur kleine Tippelschritte machen konnte und sehr aufpassen musste, dabei nicht zu stolpern.
»Ich bring sie schon selbst rüber ins Fort«, sagte Winston Patterson, als Cecil Boone sich erbot, diese Aufgabe zu übernehmen. »Du hast hier genug anderes zu erledigen.«
Eskortiert von vier Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, führte Winston Patterson sie kurz darauf aus dem Gefängnis und über den Paradeplatz ins Fort hinüber. Niemand schenkte ihr mehr als einen flüchtigen Blick. Kettensträflinge waren in Sydney ein alltäglicher Anblick. Nicht einmal öffentliche Auspeitschungen zogen noch große Mengen von Zuschauern an, dafür geschahen diese blutigen Schauspiele viel zu häufig. Man wurde ja schon für die kleinsten Vergehen, etwa wegen angeblich nachlässiger Arbeit, ans Dreibein gebunden, das aus drei in die Erde gerammten Pfosten bestand, und bezog das berüchtigte »Botany-Bay-Dutzend«, wie die obligatorischen zwölf Peitschenhiebe auf den nackten Rücken sarkastisch hießen. Und nicht von ungefähr hieß derjenige, der diese Hiebe austeilte, der »Häuter«, weil er nämlich dem Delinquenten das »rote Hemd« verpasste. Schon nach wenigen Hieben mit der Neunschwänzigen platzte unter den knotigen Schnüren die Haut auf und der Rücken verwandelte sich in eine blutige Masse. Hemmungslose Grausamkeit gegenüber Sträflingen war nicht die Ausnahme, sondern der ganz gewöhnliche Alltag.
Winston Patterson legte einen zügigen Schritt vor. Dass Abby mit den Fußeisen und der kurzen Kette zwischen den Beinen große Mühe hatte, ihm zu folgen, kümmerte ihn wenig. Im Gegenteil, es bereitete ihm offenbar Vergnügen zu sehen, wie sehr sie sich abmühte, um nicht hinter ihm zurückzufallen.
»Macht ihr Beine, wenn sie einzuschlafen droht!«, forderte er die Soldaten auf. »Nur keine Hemmungen. Wofür habt ihr denn eure Bajonette?«
Die Soldaten lachten gemein und Abby rann der Schweiß über das Gesicht, während sie alles daransetzte, um nicht den Anschluss zu verlieren, denn sie wollte auf keinen Fall durch Stiche mit dem Bajonett angetrieben werden. Die Fußeisen scheuerten über die Haut und schnitten schmerzhaft ins Fleisch, wenn sich die Kette bei den kurzen, schnellen Schritten spannte. Aber sie biss die Zähne zusammen und gab keinen Laut der Klage von sich. Es hätte auch nichts genützt. Winston Patterson gehörte zu jenen Leuten, denen es eine widernatürliche Freude bereitete, andere zu quälen und leiden zu sehen.
Das Verhör in der Festung nahm Captain Edward Grenville vor, ein gedrungener Mann mit dem Gesicht einer Bulldogge und gut drei Finger breitem Backenbart. Seine Stimme klang wie ein Reibeisen und seine ungesund rötliche Gesichtsfarbe ließ einen gefährlich hohen Blutdruck vermuten. Und als dementsprechend reizbar und hitzig erwies er sich dann auch.
Lieutenant Danesfield nahm an dem Verhör teil, beschränkte sich jedoch darauf, seinem Vorgesetzten hin und wieder die Stichworte zu liefern. Mehr war auch gar nicht nötig, denn der Captain stand ihm an Entschlossenheit in nichts nach: Auch Grenville wollte Melvin und Andrew Chandler unbedingt in die Gewalt der Offiziere bringen.
Abby beteuerte zum wiederholten Mal ihre Unschuld und die ihres Mannes und beschwor eindringlich ihre völlige Ahnungslosigkeit, was den Aufenthaltsort der beiden Männer betraf. Sie wies auch die aberwitzigen Beschuldigungen zurück, die man gegen sie und Andrew erhoben hatte, beherrschte sich jedoch insoweit, als sie ihre Empörung über diese Willkür und ihre Verachtung für das korrupte Corps der Offiziere für sich behielt.
Es nützte jedoch nichts.
»Ich glaube ihr kein Wort!«, rief Lieutenant Danesfield.
»Ich auch nicht!«, pflichtete ihm Captain Grenville bei. »Aber ich bin sicher, dass sie zur Vernunft kommt, wenn sie erst begriffen hat, was für sie und ihren Balg auf dem Spiel steht – nämlich Verbannung nach Norfolk Island!«
Abby vermochte ihr Erschrecken vor den beiden Offizieren nicht zu verbergen. Ein eisiger Schauer lief durch ihren Körper und auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut.
Die Strafkolonie Norfolk Island, tausend Meilen von der Küste Australiens entfernt im Pazifik gelegen, galt sogar unter den abgebrühtesten und hartgesottensten Verbrechern als die »Insel der Verdammten«. Andere nannten sie »Insel ohne Wiederkehr« oder auch nur schlichtweg »Hölle auf Erden«.
Wer als Verbannter nach Australien kam und in der Kolonie erneut straffällig wurde, dem drohten je nach Schwere seiner Tat Arbeit als Kettensträfling in einer street gang, öffentliche Auspeitschung mit bis zu hundert Schlägen mit der neunschwänzigen Peitsche, Verschickung an den berüchtigten Kohlefluss im Norden, wo auch kerngesunde Sträflinge innerhalb weniger Jahre ihre Gesundheit beim Kohleabbau ruinierten, der Tod am Galgen – oder Verschiffung nach Norfolk Island. Wobei viele der dorthin Verbannten den schnellen und vergleichsweise gnädigen Tod durch den Strick einem Aufenthalt auf der verfluchten Insel vorgezogen hätten, wenn ihnen denn die Wahl gelassen worden wäre.
Es kursierten sogar Geschichten in der Kolonie, wonach sich nicht wenige von den nach Norfolk Island Verbannten auf der Insel an einer »Todeslotterie« beteiligten. Danach wählten verzweifelte Sträflinge zwei Männer aus den eigenen Reihen, indem sie Strohhalme als Lose ziehen ließen. Einer sollte sterben, der andere ihn töten – und der Rest sah als Zeugen zu. So lauteten die Spielregeln. Da Kapitalverbrechen auf Norfolk Island nicht abgeurteilt werden konnten, musste der Täter samt Zeugen nach Sydney geschickt werden – für die Militärs lästig, aber für die Sträflinge eine Wohltat, denn für sie war es eine Erlösung, der »Hölle im Ozean« zu entkommen – und sei es auch nur, um auf dem Festland am Galgen zu enden. Bei dieser Todeslotterie durfte das ausgeloste Opfer sich nicht mehr umentscheiden. Jeder, der daran teilnahm, musste also bereit sein zu sterben.6
Captain Grenville schien Abby anzusehen, was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging. »Ich würde es mir an deiner Stelle zehnmal überlegen, ob es sich lohnt, hier die Heldin zu spielen.« Er taxierte sie respektlos. »Du siehst nicht übel aus. Frauen wie du werden auf Norfolk Island wie Sklavinnen gehalten, habe ich mir erzählen lassen. Frisch vom Schiff kosten sie ihre zehn Pfund.«
Abby erblasste noch mehr.
»Der Büttel der Insel, ein gewisser Potter, hat sich übrigens das Recht gesichert, frische Weiber zu verkaufen. Wenn sie schon durch viele Hände gegangen sind, gibt er sie meist für eine oder zwei Gallonen Rum her«, fuhr der Captain gnadenlos fort. »Diese Verkäufe finden in einem alten Laden statt, wo sich die Frauen völlig entkleiden und durch den Raum laufen müssen, wobei sich der gute Potter gleichzeitig über ihre jeweiligen Qualitäten äußert. Würde mich mal interessieren, was er in einem Jahr zu dir sagt.«
»Und wir sollten auch nicht vergessen, den beliebten ›Meerjungfrauentanz‹ zu erwähnen, der jeden Donnerstagabend in der Kaserne stattfindet«, beteiligte sich nun auch Lieutenant Danesfield an der genüsslichen Beschreibung dessen, was Frauen auf der Sträflingsinsel erwartete. »Die Frauen sind dabei splitternackt und tragen Zahlen auf den Hinterbacken, damit ihre Bewunderer sie erkennen und bei ihren Verrenkungen anfeuern können. Dabei fließt dann der Rum und schon nach kurzer Zeit nimmt man es mit der allgemeinen Etikette nicht mehr so genau. Und hinterher soll dieses Vergnügen noch tagelang fröhlichen Gesprächsstoff liefern.«
»Ja, und das sind noch die freundlichen Seiten, die Norfolk Island einem Weibsstück wie dir zu bieten hat!«, sagte Captain Grenville hart.
»Das können Sie nicht tun, Sir! «, rief Abby entsetzt. »Ich habe nichts verbrochen und das wissen Sie genau! Sie können mich nicht nach Norfolk Island schicken!«
»Du wirst dich wundern, was wir alles können! «, erwiderte der Captain ungerührt und sagte zu Lieutenant Danesfield: »Lassen Sie sie ins Gefängnis zurückschaffen und erst in ein paar Wochen wieder vorführen. Wir wollen ihr doch ausreichend Zeit geben, sich gut zu überlegen, ob sie uns nicht lieber sagen will, was wir von ihr wissen wollen. Sollte sie früher zu diesem weisen Entschluss kommen, soll sie einem der Wärter Bescheid geben. Dann kommt sie vielleicht mit einer milden Strafe davon. Andernfalls wird sie auf Norfolk Island verrotten. Und jetzt raus mit ihr!«