Zehntes Kapitel
Schweißnass und doch zitternd, die gekreuzten Arme vor die Brust gepresst und die Beine so weit wie möglich angezogen, kauerte Abby in der Ecke auf ihrem Jutesack, der schon seit Wochen von Ungeziefer befallen und so platt gedrückt war wie eine Kakerlake unter einem Stiefelabsatz. Sie kämpfte im ewigen Dämmerlicht dieses Kerkers, das ihr jedes Gefühl für die Zeit raubte, gegen den dröhnenden Strudel düsterer und qualvoller Gedanken an. Die Angst in ihr wurde zu einem Sog, der mit immer stärkerer Kraft nach ihr griff und sie hinab ins Dunkel reißen wollte.
Erschrocken fuhr Abby auf, als sie plötzlich das metallische Schaben der schweren Türriegel hörte, die zurückgeschoben wurden.
Das konnte nur Lucinda sein! Denn sie war die Einzige, die stets eine Öllampe oder doch zumindest ein Kerzenlicht mitbrachte, weil es in der Zelle sonst zum Lesen in der Bibel viel zu dunkel war. Und der Lichtschein einer Leuchte, der durch den Spalt über der Schwelle in den Kerker fiel, verriet Abby, schon bevor die schwere Tür aufging, dass es Lucinda war, die sie besuchen kam.
Von mir aus kann es auch Lucindas Bruder oder Winston Patterson sein!, dachte Abby. Jeder war ihr recht, solange sie nur nicht Cleo ertragen musste.
Knarrend schwang die Tür auf.
Abby sah zwei schattenhafte Gestalten, von denen sie die erste sofort an ihrer korpulenten Figur und der steifen Haube erkannte. Die andere hustete und führte schnell ein Tuch zum Mund.
»Lucinda?«, stieß sie verwundert hervor.
»Ja, ich bin es. Und ich habe Rachel gleich mitgebracht«, antwortete Lucinda mit einem leisen Auflachen, aus dem Stolz über ihren eigenen Mut wie auch die Freude darüber sprach, Abby nicht enttäuschen zu müssen. »Sie bestand darauf, sofort mitzukommen. Und keine Sorge, was Cleo angeht. Die schläft noch immer ihren Rausch aus und Winston ist anderweitig beschäftigt. Mein Bruder gibt mir früh genug ein Zeichen, wenn sich daran etwas ändert. Aber dennoch sollten wir vorsichtig sein und den Besuch so kurz wie möglich halten!«
»Natürlich! «, versicherte Abby aufgeregt.
Lucinda trat zurück und gab den Weg frei für Rachel.
»Mein Gott, Abby!«, flüsterte Rachel bewegt, als wagte sie nicht, an diesem düsteren Ort laut zu sprechen. »Was haben sie nur mit dir getan?«
»Rachel! Dem Himmel sei Dank, du bist wirklich gekommen!« Abby kam ihr mit ausgestreckten Armen entgegen und zerrte dabei ihre Kette hinter sich her, ohne auf ihren wund gescheuerten Fuß zu achten.
»Sag bloß, du hast Zweifel gehabt?«
»Ach, Rachel …«
Im nächsten Moment lagen sich die beiden Freundinnen in den Armen. Sie hatten sich nicht mehr gesehen, seit Abby mit Melvin kurz nach der Rebellion des Rum Corps nachts aus Sydney hatte flüchten müssen und Rachel und ihr Mann John sie durch die Kontrollen aus der Stadt geschmuggelt hatten. Und das lag nun schon mehr als ein Jahr zurück. Was war in dieser Zeit nicht alles geschehen!
Abby spürte, wie sich der Körper ihrer Freundin unter einem Hustenanfall krümmte. Hustend löste Rachel ihre Umarmung und wandte sich schnell von ihr ab.
»Entschuldige, aber ich werde diesen verdammten Husten einfach nicht los. Er hängt wie eine Klette an mir«, sagte Rachel, als der Reiz endlich nachgelassen hatte.
»Mein Gott, wie dünn du geworden bist. Du siehst ja richtig krank aus ! «, sagte Abby besorgt.
Rachel winkte ab. »Red keinen Unsinn. Ich war immer ein dünnes Ding. Für allzu viel Fleisch auf den Rippen hat es bei mir nie gereicht. Du hast das bloß vergessen und mich eine ganze Weile nicht gesehen! «, erwiderte sie auf ihre trockene Art.
»Aber dieser Husten klingt nicht gut, Rachel!«, beharrte Abby. »Du musst damit unbedingt zu einem Arzt!«
Rachel stemmte die Fäuste in die Hüften. »Du hockst hier angekettet in diesem Kerker, wirst wie ein Stück Dreck behandelt und Gott weiß wie gequält – und machst dir Sorgen, weil ich mich mit einem hartnäckigen Husten herumschlage. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Also Schluss damit, verstanden? Wir haben ganz andere Dinge zu bereden als meine kleinen Zipperlein!« Rachel und Abby hockten sich nebeneinander auf den Boden. »Außerdem solltest du dich mal ansehen! Als ich dich auf dem verfluchten Gefängnistransport von London zum Hafen von Portsmouth kennen gelernt habe, hattest du schon ein paar Monate Newgate hinter dir, sahst aber im Vergleich zu heute ausgesprochen wohlgenährt und rosig aus.«
»Das verdanke ich Cleo.«
»Dieses Miststück!«, sagte Rachel und hustete wieder in ihr Taschentuch.
»Hat Lucinda dir erzählt, was Cleo vorhat?«
Rachel nickte. »Lass uns gleich darüber reden. Zuerst muss ich dich aber ganz fest drücken und dich küssen – so hat Andrew es mir nämlich aufgetragen! «, sagte sie und zog Abby noch einmal in ihre Arme.
»O Gott, Andrew lebt!«, stieß Abby unendlich erlöst hervor und bemühte sich nicht, die Tränen zurückzuhalten. Wie hatte die Ungewissheit sie doch all die Wochen gequält! »Und du hast mit ihm gesprochen?«
»Ja, dein Mann lebt, obwohl es schon an ein kleines Wunder grenzt, dass er die beiden Schussverletzungen überlebt hat. Er ist nämlich in der Nacht, als er dich befreien wollte, von zwei Kugeln getroffen worden. Eine ist im linken Oberschenkel stecken geblieben, die andere hat ihm von hinten den rechten Lungenflügel verletzt.« Rachel schüttelte den Kopf. »Dass er es damit noch bis nach Sydney geschafft hat, ist wirklich kaum zu glauben.«
Abby packte Rachels Hand. »Aber du sagst, er hat alles gut überstanden?«
»Ja, seit ein paar Tagen ist er wieder auf den Beinen. Zwar humpelt er noch ganz ordentlich, aber das wird sich auch bald geben«, beruhigte ihre Freundin sie. »Und dabei sah es erst so aus, als würde Andrew nicht durchkommen. Dass er dem Tod dann doch noch von der Schippe gesprungen ist, verdankt er Frederick Burke.«
Abby erinnerte sich an den Namen. Andrew hatte ihn in jener Nacht im Lager der Soldaten erwähnt. »Ist das nicht der Schiffsausrüster, der mit Melvin so gut befreundet ist?«, vergewisserte sie sich.
Rachel nickte. »Dieser Burke hat ihn die ganze Zeit versteckt und ihm die beste ärztliche Betreuung zukommen lassen. Ohne seine Hilfe wäre er heute nicht mehr am Leben.«
»Und was ist mit Melvin und Sarah?«, fragte Abby. »Hat Andrew inzwischen herausgefunden, wo sie sich versteckt halten?«
»Sie haben sich mit Hilfe von Mister Burke unter falschem Namen auf einem Ostindienfahrer eingeschifft und sind nach England gesegelt.«
Abby sah sie ungläubig an. »Melvin hat sich mit Sarah nach England abgesetzt? Obwohl er doch wusste, dass Andrew nach mir suchte und bei seiner Rückkehr nach Yulara nichts als verbrannte Erde und zwei neue Gräber wieder finden würde?«
Rachel zuckte die Achseln. »Ja, aber frag mich nicht, was deinen Schwager dazu bewogen hat, euch eurem Schicksal zu überlassen. Andrew hat mir darüber nichts gesagt. Außerdem …« Ein heftiger Hustenanfall unterbrach sie. Schnell wandte sie sich ab und griff zu ihrem Taschentuch.
Abby legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Rachel, das ist mehr als nur ein hartnäckiger Husten!«
Ihre Freundin krümmte sich und rang nach Atem, was sie jedoch nicht davon abhielt, zugleich eine unwillige Geste zu machen. »Als ob wir nicht … über Wichtigeres zu reden hätten! Dein Mann hat vor… sich freiwillig den Offizieren zu stellen … damit sie dich aus der Haft entlassen.«
»Um Gottes willen, das darf er nicht tun! «, stieß Abby erschrocken hervor. »Damit macht er alles nur noch schlimmer! Grenville und Danesfield werden mich auch dann nicht freilassen. Sie werden vielmehr uns beide festhalten.«
»So ähnlich habe ich das auch zu Andrew gesagt. Aber er ist so verzweifelt in seiner Sorge um dich, dass er alles auf eine Karte setzen will.«
»Sag ihm, dass ich ihm nie verzeihen werde, wenn er das wirklich tut! Dann verrät er mich und sein Kind!«, trug Abby ihr mit beschwörender Stimme auf. »Er darf sich nicht stellen, weil einer von uns für unser Kind sorgen muss! Es geht doch jetzt nicht länger nur um uns beide, mach ihm das klar! Wenn wir beide in Haft sitzen, ist unser Kind verloren. Dann fällt unser Baby Cleo in die Hände.«
»Ich glaube, diese entsetzliche Konsequenz ist ihm noch gar nicht bewusst geworden.«
»Wenn Andrew mich wirklich liebt, dann wird er alles daransetzen, um in Freiheit zu bleiben, damit unser Kind nicht auch noch den Vater verliert!«, stieß Abby unter Tränen hervor. » Rachel, ich flehe dich an, halte ihn um Gottes willen davon ab, sich zu stellen. Zu wissen, dass auch Andrew im Kerker sitzt und Cleo unser Kind zugesprochen bekommt, das könnte ich nicht ertragen. Dann hätte ich keine Hoffnung mehr und auch keinen Grund, um auf Norfolk Island um mein Überleben zu kämpfen.«
Rachel versuchte, sie zu beruhigen. »Andrew wird auf keinen Fall zulassen, dass Cleo sich euer Baby unter den Nagel reißt. Und nun lass uns darüber reden, wann und wie wir das Kind am besten aus dem Kerker schmuggeln können. Steht denn schon fest, wie lange du nach der Geburt noch hier im Kerker bleiben und dein Baby stillen darfst?«
Abby schüttelte den Kopf. »Captain Grenville hat die Anweisung erteilt, dass man mich nach der Geburt und Taufe meines Kindes unverzüglich auf das nächste Schiff bringen soll, das Kurs auf Norfolk Island nimmt. Es kann also sein, dass ich schon am Tag nach meiner Niederkunft auf ein Schiff gebracht werde – oder auch erst Wochen später.«
»Dann müssen wir also mit dem Schlimmsten rechnen.«
»Ja, vor allem wegen Cleo. Sie wird mir das Kind nicht lassen, auch wenn ich nach der Geburt noch wochenlang auf ein Schiff warten muss. Bestimmt wird sie es mir so bald wie nur möglich abnehmen, damit sie sich an meiner Qual weiden kann.«
»Zum Teufel mit Cleo ! «, fluchte Rachel voller Abscheu. »Warum geben wir uns überhaupt noch mit ihr ab?«
»Wie meinst du das?«
Rachel presste ihr Tuch vor den Mund und hustete kurz. »Es gibt für das Problem Cleo eine ganz einfache Lösung, Abby. Und diese Lösung kostet nur ein paar Guineen. Es dürfte nicht schwer fallen, in den Rocks jemanden zu finden, der für ein paar Geldstücke endlich den Henker spielt, den sie schon lange verdient hat!«
»Du … du willst sie umbringen lassen?«, stieß Abby bestürzt hervor.
Rachel zuckte gleichmütig die Achseln. »Ja, das würde ich, und zwar ohne dabei auch nur die leisesten Gewissensbisse zu haben. Wer Cleo kennt, weiß, dass es die Vollstreckung einer längst überfälligen Strafe wäre.«
»Nein, das kommt nicht in Frage!«, wehrte Abby energisch ab. »Ich will nicht so werden wie sie!«
»Was soll denn das heißen? Cleo hat die Schlinge des Henkers mehr als einmal verdient!«
»Das mag sein, aber ich bin weder Richter noch Henker oder Meuchelmörder und du auch nicht. Sie hinterrücks ermorden zu lassen wäre …«
»Eine Erlösung für alle!«, warf Rachel hart ein.
»Nein, es wäre eine Kapitulation!«, widersprach Abby. »Wenn wir so etwas tun würden, hätte Cleo doch noch Recht bekommen und sogar noch im Tod über dich und mich triumphiert.«
»So? Warum denn?«, fragte Rachel skeptisch.
»Weil wir dann genauso brutal und gewissenlos gehandelt hätten, wie sie es getan hat!«, rief Abby und schüttelte heftig den Kopf. »Nein, das kommt nicht in Frage!«
Rachel gab einen betrübten Stoßseufzer von sich. »Wirklich schade, dass dein Gewissen nicht mitspielt, denn das wäre die einfachste Lösung gewesen. Aber ich will mich über deine Skrupel nicht erheben. Jetzt kommt es darauf an, wie wir dein Kind retten können, und zwar ohne dass Cleo in irgendeiner dunklen Gasse der Rocks tragischerweise in ein offenes Messer fällt und verblutet. Wie ich dich kenne, hast du dir schon etwas ausgedacht?«
Abby lächelte verhalten. »Ja, du hast Recht.«
»Und was für einen raffinierten Plan hast du ausgebrütet?«, fragte ihre Freundin mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wie sollen wir es anstellen?«
»Es gibt keine andere Möglichkeit: Mein Kind muss sterben«, antwortete Abby zu Rachels Erschrecken. »Und zwar bei der Taufe!«