Neuntes Kapitel
Die Hoffnung, die sie in Lucinda setzte, bewahrte Abby davor, in den bodenlosen Abgrund seelischer Finsternis zu stürzen. Drei entsetzlich lange Tage wartete und bangte sie in ihrer Zelle, in der es nie richtig hell, aber immer schon am frühen Nachmittag völlig dunkel wurde. Nur durch die Ritzen zwischen den Bohlen und unter dem Türspalt sickerte tagsüber spärliches Licht in ihren dickwandigen und von stickiger Hitze erfüllten Kerker.
Cleo spielte in diesen Tagen ihr grausames Spiel mit ihr. Sie schnitt ihr mal wieder die Haare bis auf die Kopfhaut kurz und erging sich in wortreichen Beschreibungen, wie sie das Baby an sich nehmen und aufziehen würde. Dabei ließ sie ihrer bösartigen Phantasie freien Lauf.
Die Nächte waren von brennender Dunkelheit erfüllt. Und doch widerstand Abby der Versuchung, Cleo nicht nur all ihr Geld zu geben, das sie im Stoffgurt unter ihrem dreckigen Kleid verborgen hielt, sondern sich auch vor ihre Füße zu werfen und sie anzuflehen, ihr Kind zu verschonen. Sie wäre zu jeder Demütigung und jedem noch so großen Opfer bereit gewesen. Sogar ihr Leben hätte sie gegeben, wenn sie dafür die Gewissheit erhalten hätte, dass ihrem Kind nichts geschehen würde.
Aber so groß ihre seelische Qual auch war, sie machte sich keine Illusionen darüber, was sie bei Cleo überhaupt erreichen konnte. Diese Frau würde sich durch nichts besänftigen lassen und weiterhin ebenso unbeirrt wie gnadenlos ihrem Rachedurst frönen. Sie leiden zu sehen bereitete Cleo doch das größte Vergnügen und darauf würde sie gewiss nicht verzichten, solange es in ihrer Macht stand.
Am Morgen des vierten Tages wagte sich Lucinda endlich wieder zu ihr. »Glaube nicht, dass ich dich vergessen und aufgegeben hätte, aber ich konnte wirklich keine Stunde eher kommen«, sprudelte sie mit schuldbewusster Miene hervor. »Cleo hat mir strikt untersagt, dich noch einmal zu besuchen. Und mein Bruder hat mir verboten, mich mit Cleo anzulegen. Er hat Angst, dass Winston uns kurzerhand vor die Tür setzt. Cleo würde es schaffen, das bei ihrem Mann durchzusetzen, obwohl der doch genau weiß, dass mein Bruder hier die meiste Arbeit erledigt. Zum Glück liegt sie gerade mit einem mächtigen Kater im Bett und schreit schon, wenn der kleinste Lichtstrahl in ihre Kammer fällt. Und Winston treibt seinen privaten Handel mit Tee und Tabak drüben im Trakt der Männer. Deshalb konnte ich es wagen, zu dir zu kommen.«
Abby ging näher zur Tür und zog die Kette hinter sich her. »Cleo will mein Kind nehmen und es später verkaufen ! «, stieß sie gequält hervor.
Lucinda fiel vor Entsetzen die Kinnlade herunter. »Das kann nicht sein!«
»Doch, und sie wird es auch tun! «, sagte Abby und berichtete unter Tränen, auf welch grausame Weise sich Cleo an ihr zu rächen gedachte. »Lucinda, du musst mir, in Gottes Namen, helfen!«
Lucinda war die Erschütterung über das Ungeheuerliche, das Cleo plante, anzusehen. Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie Abbys Hände ergriff.
»Ich habe lange über das nachgedacht, was du bei unserem letzten Gespräch gesagt hast. Und du hast recht daran getan, mir ins Gewissen zu reden, Abby«, gestand sie bewegt. »Es genügt wirklich nicht, anderen das Wort Gottes zu verkünden und ihnen Sanftmut und Barmherzigkeit ans Herz zu legen. Jesus erwartet unsere wirkliche Nachfolge, die auch vor bitteren Konsequenzen nicht zurückschreckt. Ich schicke euch unter die Wölfe !, hat er seine Jünger gewarnt und so ist es auch gekommen.« Sie gab einen Stoßseufzer von sich. »Es ist wahr, ich darf mich nicht länger darauf beschränken, dir aus der Bibel vorzulesen und die Psalmen mit dir zu beten, so wichtig das auch ist.«
»Du willst mir also helfen?«, fragte Abby und wie eine heiße und hell leuchtende Stichflamme, die alles andere verblassen ließ, stieg neue Hoffnung in ihr auf.
Lucinda nickte. »Deshalb habe ich auch gleich Feder, Tinte und Papier mitgebracht, damit du deiner Freundin schreiben kannst. Ich werde ihr die Nachricht überbringen.«
Abby schüttelte den Kopf. Mit einem Brief war es nicht getan. »Ich kann das nicht alles aufschreiben, was mir durch den Kopf geht. Bring Rachel zu mir. Ich muss mit ihr sprechen!«
»Aber das ist unmöglich! Du weißt doch selbst, dass dir jeglicher Besuch untersagt ist. Und wer am Tor nach dir fragt, soll auf der Stelle festgenommen und zu Captain Grenville geführt werden!«
Abby schnaubte verächtlich. »Als ob Andrew oder Melvin so dumm sein würden, ihnen auf so einfältige Weise in die Falle zu gehen!«
»Einen heimlichen Besuch deiner Freundin hier bei dir kannst du wirklich vergessen!«, bekräftigte Lucinda noch einmal. »Wie sollte ich das auch anstellen? Allein schon die Wachen am Tor sind ein unüberwindliches Hindernis. Da müsste schon mein Bruder mitmachen und der denkt gar nicht daran, seine Stellung zu riskieren und sich einen blutigen Rücken am Dreibein zu holen – und das alles für Gotteslohn. So bitter es für mich auch ist, aber bei ihm ist Gottes Wort noch nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Und das bedeutet, dass dein Wunsch ohne eine ordentliche Stange Geld nicht zu erfüllen ist. Besser, du schlägst dir das gleich wieder aus dem Kopf.«
»Aber ich habe Geld!«, eröffnete Abby ihr. »Ich wette, es ist mehr als genug, damit die Wachen ein Auge zudrücken und um deinen Bruder zu überreden, ein bisschen was zu riskieren.«
»Das kann nicht sein!«, entfuhr es Lucinda. »Cleo hat dir doch alles abgenommen, was du bei dir hattest – und zwar restlos alles. Das hast du mir selbst erzählt.«
Abby lachte. »Cleo mag sich ja für unübertreffbar gerissen und mit allen Wassern gewaschen halten, aber reingelegt habe ich sie dennoch«, sagte sie, schlug ihr zerschlissenes Kleid hoch und zerrte den Geldgurt unter der starken Wölbung ihres Leibes hervor.
»Tatsächlich! Das ist ja nicht zu fassen!«, rief Lucinda. »Wie hast du das bloß angestellt, Cleo so hinters Licht zu führen?«
Abby erzählte es ihr, während sie eine Münze nach der anderen aus der Öffnung am Ende des Stoffstreifens drückte. Insgesamt glitten achtzehn Guineen, vier Geldstücke zu je einem Shilling und zwei spanische Golddublonen aus dem Gurt. »Was meinst du, reicht das?«
Fassungslos starrt Lucinda auf das viele Geld zu Abbys Füßen. »Jesus, Maria und Josef, das ist mehr als genug! Schon die Hälfte reicht, um meinen Bruder zu gewinnen, dessen bin ich mir sicher.« Sie schüttelte lachend den Kopf. »Wenn Cleo wüsste, was ihr da durch die Lappen gegangen ist. Schade, dass wir es ihr nicht unter die Nase reiben können.«
»Mir genügt es, wenn ich mit Rachel sprechen und mein Kind vor Cleo retten kann.«
Lucinda wurde sofort wieder ernst. »Natürlich. Übrigens wird Cleo dennoch einen kleinen Anteil von diesem Geld bekommen.«
Abby sah sie fragend an.
»Cleo hat längst den letzten Penny von dem Geld versoffen, das sie dir vor Wochen abgenommen hat«, teilte Lucinda ihr mit. »Deshalb hat sie in letzter Zeit nicht mehr gar so häufig ihre Saufgelage abgehalten, weil sie in den Rumschenken mittlerweile keinen Kredit mehr bekommt. Dass sie sich gestern mal wieder hat voll laufen lassen, verdankt sie der Nachlässigkeit ihres Mannes. Winston hat nämlich vergessen, die Wochenrationen für die Gefangenen, die gestern Morgen angeliefert wurden, wie üblich sofort zu verschließen. Und da hat sich Cleo dann auch gleich einiges davon unter den Nagel gerissen, auf dem Markt verkauft und das Geld in die nächste Taverne getragen.«
Abby verstand. »Gut, Cleo soll meinetwegen genug Geld in die Finger kriegen, damit sie sich sinnlos betrinken kann und uns nicht in die Quere kommt. Aber wie willst du das anstellen, Lucinda ? Sie wird sich kaum von dir bestechen lassen, sondern wissen wollen, woher du das Geld hast. Und dann wird sie uns einen Strich durch die Rechnung machen.«
»Ja, das ist eine Schwierigkeit, für die wir eine Lösung finden müssen«, räumte Lucinda ein. »Denn wenn Cleo nüchtern ist, entgeht ihr hier nichts.«
Gemeinsam überlegten sie eine Weile, wie sie das Problem mit Cleo lösen konnten. Schließlich hatte Lucinda einen guten Einfall.
»Du weißt doch, wie es nebenan im Hauptkerker der Frauen zugeht, nicht wahr? Da wird ständig gestritten. Besonders die Frauen um Tilly und Liz liegen sich mit den Anhängerinnen von Rosalyn in den Haaren.«
Abby nickte und wartete, worauf Lucinda hinauswollte.
»Eines jedoch haben sie gemein: Ihr liebster Zeitvertreib ist das Glücksspiel mit Würfeln und Spielkarten. Und sie spielen nicht nur um Tee und Tabak, sondern auch um Geld. Die Frauen dürfen ja Besuch erhalten und die Besucher stecken ihnen oft genug Geld zu, weil sie wissen, dass hier jede kleinste Vergünstigung ihren Preis hat. Und dieses Geld nehmen Cleo und Winston ihnen auch gar nicht ab, denn sonst würden die Besucher bald nichts mehr geben und die ständige Geldquelle, die Winstons private Geschäfte so florieren lässt, würde versiegen«, fuhr Lucinda fort. »Natürlich spielt auch mein Bruder dieses Spiel mit. Auch er steckt hier ein paar Pennys und dort einen Sixpence für irgendeine Gefälligkeit ein.«
»Ja, so haben es auch die Wärter in Newgate und auf der Kent gehalten«, sagte Abby. »Aber was hat das mit dem Geld zu tun, das wir Cleo zukommen lassen wollen?«
Lucinda lächelte vergnügt, sichtlich stolz auf ihren Einfall. » Ich bringe Cleo eine Hand voll Shilling und Sixpence und sage, ich hätte das Geld den Frauen abgenommen, als sie beim Würfelspiel aufeinander losgegangen sind, weil sie sich nicht einigen konnten, wem es denn nun zusteht. Ich werde sie bitten zu klären, wer wirklich Anspruch auf das Geld hat, was sie natürlich nicht machen wird. Sie wird es in die eigene Tasche stecken. Ich könne das Geld nicht behalten, werde ich behaupten, weil so etwas nicht mit meinem christlichen Gewissen vereinbar sei – was ja auch nicht gelogen ist. Cleo wird mir die Geschichte abnehmen, weil sie für meinen Glauben und meine missionarischen Versuche unter den Inhaftierten nur Verachtung übrig hat und mich für rettungslos einfältig hält. Tja, manchmal hat es auch sein Gutes, wenn man unterschätzt wird.«
»Das ist ausgezeichnet! «, sagte Abby begeistert.
»Nur eines darfst du auf gar keinen Fall von mir oder meinem Bruder erwarten: dass wir dir zur Flucht verhelfen. Cecil würde auch für das Doppelte oder Dreifache von dem Geld da«, sie deutete auf die Münzen, »nicht mitmachen. Denn unter der Peitsche würde er sofort alles gestehen. Und dann würde der Captain ihn an den Galgen bringen oder nach Norfolk Island schicken!«
»Ich weiß«, sagte Abby und versicherte, dass sie sich keine falschen Hoffnungen machte.
Lucinda nahm nun etwa die Hälfte der Münzen an sich und wollte dann wissen, wo Abbys Freundin Rachel wohnte und was genau sie ihr ausrichten sollte.
Abby beschrieb ihr, wo sie die Werkstatt des Fassbinders John Simon finden konnte. »Sag ihr, dass ich mir schreckliche Sorgen um Andrew mache. Seit er in jener Nacht versucht hat, mich aus der Hand der Soldaten zu befreien, habe ich kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Ich muss wissen, wie es ihm geht. Aber sag ihr auch, dass ich es ihr nicht übel nehme, falls sie zu große Angst hat, hierher zu mir zu kommen!«
Lucinda nickte. »Warten wir es ab, welche Art von Freundin du in dieser Rachel Simon hast«, sagte sie zurückhaltend. »Erst in Zeiten der Not zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen – und auch dann gibt es oft ein böses Erwachen und bittere Enttäuschungen.«
Abby wollte erwidern, dass sie für Rachels Zuverlässigkeit und Treue blind die Hand ins Feuer legen würde, zögerte dann jedoch innerlich und sprach es nicht aus.
Hinterher, als Lucinda gegangen war, schämte sie sich, dem Gift des Zweifels nicht energischer widerstanden, sondern ihm erlaubt zu haben, dass es seine zersetzende Wirkung entfaltete und ihr Vertrauen in Rachel erschütterte.
Sie erschrak, als ihr zu Bewusstsein kam, dass die fast zwei Monate Kerker in der fensterlosen Einzelzelle und Cleos Grausamkeiten mehr Schaden in ihr angerichtet hatten, als sie bisher hatte wahrhaben wollen – und dass sie schon längst angefangen hatte, innerlich zu zerbrechen.
Abby ahnte, dass es nicht mehr viel bedurfte, um ihr den letzten seelischen Halt zu entreißen und sie von der Klippe in den gähnenden Abgrund der Hoffnungslosigkeit und Selbstaufgabe zu stürzen. Wenn das geschah, würde nichts mehr ihren freien Fall aufhalten – und Cleo würde triumphieren!