Drittes Kapitel

Tags darauf ritt Andrew zur Felsenhöhle und hinterließ dort ein Schreiben für seinen Bruder. Anschließend ruderte er über den Fluss und änderte die Aufschrift auf den Feldsteinen des Kamins, indem er seinen Namen auskreuzte und den seines Bruders darüber setzte.

Am Ende der ersten Woche, als Stuart Fitzroy endgültig über dem Berg war und langsam wieder zur Kräften kam, machte sich Andrew ein zweites Mal auf den langen Weg nach Dunbar, kam aber erneut mit leeren Händen zurück. Er hatte jedoch den Brief abgegeben, den Abby an ihre alte Freundin Rachel geschrieben hatte, die in Sydney lebte und mit dem Fassbinder John Simon verheiratet war. Darin bat sie Rachel, sich unauffällig umzuhören und zu versuchen, eine Spur von ihrem Schwager zu finden. Was immer sie herausfinden konnte, sollte sie Rosanna nach Dunbar schreiben. Andrew hatte dem Brief, der keinen Absender trug und auch Cardigan mit keinem Wort erwähnte, zwei Guineen beigelegt.

»Ich habe mit Greg Halston vereinbart, dass Rosanna den Brief persönlich zu Rachel nach Sydney bringen wird«, berichtete Andrew. »Das ist sicherer so.«

»Aber auch zeitraubender«, seufzte Abby. Rosanna hielt es mit ihrer ansehnlichen Körperfülle keine zehn Stunden im Sattel aus und würde sich deshalb mit dem Fuhrwerk auf den Weg nach Sydney machen. Und die Stadt lag mit dem Fuhrwerk zwei gute Tagesreisen von den einsam gelegenen Farmen am Hawkesbury entfernt. Sogar im allerbesten Fall war daher vor Ablauf einer Woche mit einer Antwort von Rachel nicht zu rechnen.

Wie gerne wäre sie selbst nach Sydney geritten, um ihre Freundin, die in der Zwischenzeit ja auch Mutter geworden sein musste, endlich einmal wiederzusehen! Rachel stand ihr so nahe wie kein anderer Mensch. Andrew natürlich ausgenommen. Für Rachel hatte sie auf der Kent ihr Leben riskiert, was sie ohne Zögern auch ein zweites Mal wagen würde. Und sie wusste, dass Rachel dasselbe für sie tun würde, wenn es die Umstände verlangten. Sie waren wie zwei unzertrennliche Schwestern und sie litten unter der großen Entfernung, die gegenseitige Besuche nur selten erlaubte.

Rosanna brachte vier Tage später bei ihrer Rückkehr aus Sydney ein kurzes Schreiben von Rachel zurück, das Greg Halston ihnen sofort nach Cardigan bringen ließ. Darin versprach ihre Freundin, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um etwas über Melvins und Sarahs Verbleib herauszufinden. Sowie sie etwas erfuhr, wollte sie eine Nachricht nach Dunbar schicken.

Dass sie ihr Kind durch eine Fehlgeburt verloren hatte, erwähnte sie nur mit einem einzigen Satz. Die nüchterne Kürze dieser traurigen Nachricht täuschte Abby nicht darüber hinweg, wie groß der Schmerz ihrer Freundin sein musste, die sich das Kind so sehnsüchtig gewünscht hatte. Wenn sie doch nur hätte bei ihr sein und ihr ein wenig Trost hätte spenden können!

Danach verstrichen zwei lange Wochen ruhelosen Wartens, ohne dass eine Nachricht von Rachel eintraf, geschweige denn ein Lebenszeichen von Melvin und Sarah.

Schließlich hielt Andrew das untätige Warten auf Cardigan nicht länger aus. »Nichts gegen Rachel, aber ich glaube, sie kennt doch nicht die richtigen Leute, um eine Spur von meinem Bruder zu finden. Ich werde nach Sydney reiten und selbst sehen, was ich dort in Erfahrung bringen kann!«, beschloss er eines Nachts, als die drückende Schwüle sie nicht einschlafen ließ. Durch das weit offen stehende Fenster drang das laute Gezirpe der Grillen und schwaches Mondlicht fiel in ihre Kammer.

»Damit begibst du dich aber in große Gefahr! «, sagte Abby besorgt und drehte sich auf die Seite, sodass sie ihn im Halbdunkel ansehen konnte.

Er winkte ab. »So schlimm ist es nun wieder auch nicht. Die verfluchten Offiziere vom Rum Corps haben zwar die Macht an sich gerissen, aber gottlob nicht genug Truppen, um in solch einer großen Kolonie allgegenwärtig zu sein und eine totale Kontrolle auszuüben. Sonst hätten sie meinen Bruder ja schon vor vielen Monaten in ihre Gewalt bekommen«, versicherte er. »Ich bin zudem gewarnt und weiß mich darauf einzustellen. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen.«

»Dann nimm mich mit, wenn es wirklich so ungefährlich ist! «, verlangte Abby.

»Das geht nicht! Tagelang im Sattel zu sitzen ist in deinem Zustand alles andere als ratsam. Du musst an unser Kind denken, mein Liebling«, sagte er und streichelte zärtlich über ihren Bauch.

»Und du musst nicht nur an deine Geschwister, sondern auch an mich denken«, gab Abby leise, aber mit eindringlicher Stimme zurück. »Ich brauche dich, Andrew! Ich könnte es nicht ertragen, wenn auch noch dir etwas …«

»Schscht!«, machte er, rückte hastig näher und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen, während seine Arme sie begehrend an sich zogen.

Sie wehrte sich für einen kurzen Augenblick, dann jedoch zerschmolz ihr Widerstand vor dem Ansturm der leidenschaftlichen Gefühle, die er in ihr weckte, und sie gab sich ganz seinem Kuss und den Liebkosungen seiner Hände hin.

»Bitte, lass mich nicht allein zurück«, flüsterte Abby hinterher, als sie in wohliger Ermattung an seiner Brust lag.

»Ich muss es tun, weil ich Gewissheit haben will. Du würdest an meiner Stelle nicht anders handeln«, antwortete er und küsste sie aufs Haar. »Ich werde höchstens anderthalb Wochen weg sein. Spätestens zum Weihnachtsfest bin ich wieder zurück, das verspreche ich dir!«

Am nächsten Morgen brach Andrew von Cardigan auf. Der Himmel hatte sich kurz nach Sonnenaufgang überraschend zugezogen und der leichte Nieselregen, der anfangs über das Land niedergegangen und in dieser milden Form ein wahrer Segen für die trockenen Weiden und Felder gewesen war, hatte an Kraft gewonnen.

Der regnerische Morgen spiegelte mit seinem tristen Grau Abbys bedrückte Stimmung wider. Sie brauchte viel Selbstbeherrschung, um ihre Gefühle vor den MacGuires zu verbergen und die Tränen zurückzuhalten, die sich ihr mit aller Macht in die Augen drängen wollten.

»Kümmere dich ein bisschen um Fitzroy«, trug Andrew ihr unnötigerweise auf, während er den Sitz des Sattelgurtes überprüfte. »Wir haben ihm viel zu verdanken und er braucht jetzt eine Menge Zuspruch.«

»Und du passt um Gottes willen auf dich auf! «, flüsterte Abby ihm noch einmal zu, als sie ihn zum Abschied umarmte. Sie wünschte, sie wäre in diesen letzten Minuten, bevor er aufs Pferd stieg und davonritt, allein mit ihm. Doch hinter ihr auf der Veranda standen Thomas MacGuire, seine Schwiegertochter Julia sowie Percy, der am Stützbalken des Treppenaufgangs lehnte und ihren Abschied mit einem überheblich spöttischen Grinsen beobachtete.

»Du wirst sehen, ich bin im Nu zurück«, versicherte Andrew ein wenig steif, denn ihn brachte die Aufmerksamkeit der MacGuires in diesem Moment noch stärker in Verlegenheit als Abby. Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Und dann überlegen wir, wo wir siedeln wollen, einverstanden? Vielleicht denkst du dir ja schon mal einen Namen für unsere Farm aus!«

»Ich will nur, dass du schnell wieder zu mir … zu uns zurückkommst«, flüsterte sie beschwörend. »Alles andere ist mir überhaupt nicht wichtig!«

Er lächelte sie zärtlich an und berührte flüchtig ihre Wange, traute sich jedoch nicht, ihr zum Abschied vor aller Augen einen Kuss zu geben, denn so etwas galt unter den Siedlern als unmännlich.

Abrupt drehte er sich um, als fürchtete er, sonst von seinen Gefühlen doch noch zu etwas hingerissen zu werden, über das man sich dann auf Cardigan lustig machen würde. Er schwang sich in den Sattel und rief den MacGuires noch ein Wort des Dankes zu. Dann nahm er die Zügel auf und ritt vom Hof hinaus in den regentrüben Morgen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Abby blickte ihm mit einem beklemmenden Gefühl nach und ihr war, als schnürte ihr die Angst die Kehle zu. Gleich würde er hinter der großen Schafweide im Einschnitt der Hügel verschwinden. Wann würde sie ihn nur wiedersehen?

»Das gefällt mir nicht… Nein, das gefällt mir ganz und gar nicht ! «, hörte sie Thomas MacGuire sagen. Als sie sich verwirrt zu ihm umdrehte, sah sie, dass sein sorgenvoller Blick zum Himmel gerichtet war und er das Wetter meinte. »Ich habe das ungute Gefühl, als würde da etwas heraufziehen, was uns noch eine Menge Ärger bescheren wird.«

Abby machte sich zwar keine Sorgen wegen des starken Regens, auch wenn er für diese Zeit des Hochsommers äußerst ungewöhnlich war. Sie hatte jedoch dasselbe ungute Gefühl heraufziehenden Unheils.