Fünfzehntes Kapitel
Abby flehte, die Zeit möge stillstehen. So geschah es natürlich nicht. Im Gegenteil. Der Tag, der vielleicht der letzte war, den sie mit ihrem Kind verbrachte, falls die schlimmsten Ahnungen Wirklichkeit wurden, dieser letzte Tag mit seinen kostbaren Stunden und Minuten flog nur so dahin – und war im Nu vergangen.
Sie erinnerte sich an eine Geschichte, die sie einmal als Kind gelesen hatte. Da wurde als Gleichnis für das kurze Leben des Menschen erzählt, wie ein bunt schillernder Vogel durch das offen stehende Fenster eines prächtig ausgestatteten Rittersaals während eines großartigen Festes hereingeflogen kommt, für wenige Augenblicke in diesem großen Raum mit all seinen bestaunenswerten Dingen mal hierhin und mal dorthin flattert und die Aufmerksamkeit einiger weniger Gäste auf sich zieht, um dann aber auch schon auf der anderen Seite des Rittersaals durch ein zweites offen stehendes Fenster wieder zu entschwinden.
Ja, so erschreckend kurz und grausam flüchtig erschien Abby die Zeit, die ihr mit ihrem Kind vergönnt war.
Der Tag, an dessen Abend der Reverend zur Taufe kommen würde, war trüb und verregnet, wie Lucinda ihr klagte. Sie litt in jeder Hinsicht mit Abby und war genauso aufgeregt, ob ihr Plan wohl gelingen würde. Es gab doch so vieles, was noch in letzter Minute schief gehen und Unglück über sie alle bringen konnte.
Und dann, als die kraftlose Sonnenscheibe im Westen hinter dichten Regenschleiern versank, war der Zeitpunkt gekommen, wo sich das Schicksal ihres Kindes entscheiden sollte.
Cecil warnte sie vor. »Sie kommen!«, rief er ihr durch die Luke in der Tür gedämpft und doch hörbar aufgeregt zu. »Cleo und der Reverend sind auf dem Weg zu dir!«
»Beten Sie!«, stieß Abby hervor. »Mein Gott, beten Sie für mein Kind und für mich, Cecil!«
»Das tut schon meine Schwester den ganzen Tag!«, antwortete der Wärter. »Bete du, dass Rosalyn Wort hält und ordentlich Krawall schlägt – und dass dieser Reverend seine Sache gut macht!« Damit schob er die Eisenluke schnell wieder zu und verschwand.
Abby nahm ihr Baby aus dem einfachen Weidenkorb, den Lucinda ihr tags zuvor mit einigen verschlissenen, aber sauberen Tüchern als Krippe gebracht hatte. Ihr Sohn schlief den tiefen, unschuldigen Schlaf eines neugeborenen Kindes, das sich an der Brust seiner Mutter in selig schläfrige Erschöpfung getrunken hatte.
»Was auch immer geschehen mag, vergiss nie, wie sehr ich dich liebe!«, flüsterte Abby ihrem Kind zu, während sie es in ihren Armen wiegte. »Dein Vater wird dir von mir erzählen, und wenn du alt genug bist, wirst du auch die Briefe lesen, die ich euch beiden geschrieben habe …«
Wenige Minuten später ging die schwere Bohlentür auf und das Licht von zwei Öllampen fiel aus dem Gang in den finsteren Kerker.
Abby blinzelte in das Licht und machte hinter Cleo eine sehr dickleibige Gestalt mit einem schwarzen, regennassen Cape aus. Unter dem ebenfalls schwarzen Priesterhut zeichneten sich die vagen Umrisse eines dickwangigen Gesichtes ab, das von einem dunklen, zerzausten Vollbart und einer runden Brille mit recht dicken Gläsern geprägt war.
Cleo bewegte sich mit ihrer Krücke schon fast so flink wie ohne. Sie hängte eine der Lampen auf der Innenseite der Zelle an den Haken neben der Tür. »So, jetzt kriegst du deine Betstunde und das Kind seinen heiligen Guss Wasser!«, sagte sie und stieß Abby ihre Krücke zwischen die Rippen. »Das fromme Gefasel von Lucinda scheint dir ja Appetit auf mehr gemacht zu haben. Also, hier kommt dein Pfaffe …«
Der Reverend, der eine kleine, schwarze Ledertasche unter seinem Arm hielt, gab sein Befremden durch ein lautes und deutlich indigniertes Räuspern kund. Von ihm ging ein starker Geruch von Pferd und schalem Bier aus, als hätte er sich mit seiner Kleidung zuerst in Pferdemist gewälzt und den Dreck anschließend mit Bier abzuspülen versucht.
»Habe ich was Falsches gesagt? Fühlen Sie sich etwa von mir auf die Zehen getreten?«, fragte Cleo spöttisch. »Na, nichts für ungut, Reverend. Aber mir können Sie mit Ihrem frommen Hokuspokus nicht kommen.«
Abby hörte laute Frauenstimmen und Geschrei, das erst gedämpft aus dem Hauptkerker zu ihnen drang, jedoch rasch an Lautstärke zunahm. Rosalyn hielt Wort und lieferte den versprochenen Aufruhr!
»Ich bin auch nicht hier, um Sie zu bekehren«, erwiderte der Reverend grollend und mit nuschelnder Stimme. »Zudem: Für jeden kommt die Stunde der Erkenntnis zu einer anderen Zeit. Auch Ihre Stunde wird kommen.«
»Das beruhigt mich ja ungemein, Reverend«, sagte Cleo. »Aber jetzt sehen Sie gefälligst zu, dass Sie Ihr heiliges Brimborium flott über die Bühne kriegen. Ich habe nämlich keine Lust …«
Weiter kam Cleo nicht. Denn in dem Moment tauchte Cecil im Gang auf und rief: »Nebenan ist die Hölle los! Die Weiber gehen sich gegenseitig an die Kehle! Einige haben sogar Messer! Allein krieg ich dieses Gesindel nicht unter Kontrolle. Du musst mir Rückendeckung geben und mir helfen, die Frauen auseinander zu kriegen!«
Cleo zögerte.
»Verdammt noch mal, nun komm schon! Tu bloß nicht so, als würde dich die Krücke daran hindern, die Peitsche zu schwingen!«, brüllte Cecil. »Schließ den verdammten Pfaffen mit ihr ein. Ich brauch dich hier – und zwar sofort! Oder willst du, dass es zu einem Blutbad kommt?«
»Den Weibern werde ich es zeigen!«, bellte Cleo und sagte zu dem Priester: »Sie haben gehört, ich werde nebenan gebraucht, um für Ordnung zu sorgen. Ich schließe Sie also bei meiner lieben Freundin und dem Baby ein, verstanden?«
Der Reverend nickte knapp. »Das geht schon in Ordnung. Die Taufzeremonie dauert sowieso eine Weile«, nuschelte er und fummelte an seiner dickglasigen Brille herum.
»Trödeln Sie bloß nicht herum, Mann, sondern sehen Sie zu, dass Sie mit Ihrem lächerlichen Wassergespritze und Ihren frommen Sprüchen fertig sind, wenn ich gleich zurückkomme!«, sagte Cleo mürrisch, humpelte eiligst aus der Zelle, warf die Tür hinter sich zu und schob die beiden Riegel vor.
»Noch ein Wort – und ich hätte dieses verfluchte Weib zu Boden geschlagen!«, zischte der Mann nun mit völlig veränderter Stimme. Gleichzeitig ließ er die Tasche fallen und nahm die Brille ab. »Endlich sehe ich dich, Abby! Mit diesem Ding auf der Nase bin ich so gut wie blind.«
Abby gab einen unterdrückten Schrei von sich und schlug die Hand vor den Mund. Es kam ihr wie ein Traum vor.
»Andrew?«, stieß sie ungläubig hervor. »Du bist es wirklich!«
»Ja, ich weiß, ich sehe reichlich wild aus und stinke auch nach Pferdemist und Bier«, sagte er und schob sich den Hut aus der Stirn. »Der fette Wanst ist natürlich falsch wie auch die dicken Backen …« Er nahm abgerundete Holzplättchen aus dem Mund und steckte sie in die Tasche seines Regencapes. »Aber der Bart ist echt, wenn auch schwarz gefärbt. Damit ich nicht so schnell erkannt werde.«
»O mein Gott, Andrew! Wie konntest du es wagen, hierher zu kommen? Weißt du denn nicht, was passiert, wenn dich jemand erkennt und festhält?«
»Ich musste einfach kommen, Abby!«, sprudelte es aus ihm heraus. »Weißt du denn nicht, wie verzweifelt ich nach all den Monaten bin, die du hier im Kerker sitzt, während ich da draußen zur Tatenlosigkeit verdammt bin? Ich habe es nicht länger ausgehalten. Ich musste dich einfach sehen und dich spüren, koste es, was es wolle. Du hast mir so schrecklich gefehlt… ich kann es mit Worten gar nicht ausdrücken.«
»Und du mir erst«, antwortete sie.
Sie fielen sich unter Tränen in die Arme und küssten sich mit einer verzehrenden wilden Leidenschaft, die von Verzweiflung aufgeladen war.
Abby spürte die ungeheure Versuchung, sich diesem Rausch der Zärtlichkeit hinzugeben und sich einfach fallen zu lassen. Aber sie widerstand. Es kostete sie jedoch eine fast unmenschliche Überwindung, sich seinen Lippen und seinen Händen zu entziehen.
»Das Baby… unser Kind!«, stieß sie abgehackt hervor. »Wir müssen es retten!… Wir dürfen nicht zuerst an uns denken… sondern an unseren Sohn!«
»Ja, natürlich«, sagte er atemlos.
Abby bückte sich, hob das schlafende Baby aus dem Korb und hielt es ihm hin. »Hier, unser Kind, Andrew … dein Sohn Jonathan.«
»Jonathan …«, flüsterte Andrew und Tränen liefen ihm über das Gesicht.
»Wir müssen uns beeilen!«, drängte Abby. »Cleo kann jeden Augenblick zurückkommen.«
Andrew schluckte und nickte. »Ja, du hast Recht«, murmelte er, griff nun hastig in die Tasche seines schäbigen Umhangs und zog eine kleine Porzellandose hervor. Er öffnete den Deckel und entnahm der Dose ein kleines Stück Leinentuch, dessen Enden verknotet waren. »Lass ihn daran saugen.«
»Was ist das?«
»Unter dem Stoff befindet sich ein Schwamm, der mit Laudanum voll gesogen ist«, erklärte Andrew rasch. »Du weißt, er darf keinen Laut von sich geben. Und wenn er ein bisschen von dem Laudanum trinkt, das ich mit Honig gesüßt habe, wird er stundenlang tief und fest schlafen.«
»Du meinst, er wird betäubt sein«, sagte Abby beklommen, wusste sie doch, dass Laudanum nichts anderes als verdünntes Opium war.
»Haben wir denn eine andere Wahl? Kannst du garantieren, dass Jonathan nicht jeden Moment aufwacht und ein Geräusch von sich gibt, das ihn und mich verrät?«
Abby schüttelte stumm den Kopf, nahm ihr Baby in den linken Arm und setzte ihm den Schnuller aus mit Laudanum getränktem Stoff an die Lippen. » Komm, saug schön, mein Liebling ! «, redete sie ihm zu und wiegte ihn sanft.
Das Baby seufzte, öffnete noch im Schlaf die Lippen und begann daran zu saugen.
Indessen hatte Andrew den groben Umhang hochgeschlagen. Darunter kam ein leicht gewölbtes Gestell aus geflochtenen, dünnen Weidenruten zum Vorschein, das er sich als falschen Bauch umgeschnallt hatte. Und damit sich sein Bauch auch bei einer möglichen Berührung echt anfühlte, hatte er fingerdicke Streifen von fettem Schweinebauch gleichmäßig auf dieses Gestell gelegt und von innen miteinander vernäht.
Andrew löste nun die Bänder auf der rechten Seite, klappte das mit Schweinebauch belegte Weidengeflecht zur Seite weg und gab den Blick frei auf die Leinentasche mit den Löchern für Babyarme und -beine, die er unter dem Gestell um den Bauch gebunden trug.
»O Gott!«, stieß Abby entsetzt hervor und wurde bleich. Eine Gänsehaut überkam sie. Denn das Baby, das dort in dieser Leinentasche hing, war tot. Es musste tot sein, auch wenn es so aussah, als schliefe es nur so wie Jonathan in ihrem Arm.
»Du hast es doch gewusst, Abby«, sagte Andrew sanft. »Nur so können wir Jonathan retten.«
»Ja, schon … aber dennoch …« Ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie hatte Mühe zu sprechen. »Wann… wann ist es gestorben ?«
»Schon gestern«, antwortete sie, während er das elend kleine Bündel, in dem kein Leben mehr war, aus dem Bauchbeutel zog. »Die Frau, eigentlich noch ein Mädchen, hatte Zwillinge. Zwei Mädchen. Die Geburt war kompliziert. Dieser Zwilling hier hatte die Nabelschnur um den Hals. Es war nicht mehr zu retten und schon tot, als es auf die Welt kam. Jetzt wird es uns helfen, unser Baby zu retten.«
Abby wusste, was er damit Tröstliches sagen wollte, nämlich dass der Tod jenes armen Kindes auf diese Weise noch einen gewissen Sinn bekam. Sie wusste auch, dass sie keine Schuld am Tod des Kindes trugen und vor Gott auch sonst kein Verbrechen begingen, indem sie dieses tote Baby nun dazu benutzten, um ein Leben zu retten.
Dennoch kam sie sich grausam und berechnend vor und sie erschauderte, als sie Andrew ihr gesundes Kind gab und dafür den kleinen, kalten Leichnam entgegennahm. Ihr war, als ginge die Kälte sofort auf sie über und griffe nach ihrem Herzen. Schnell legte sie ihn in den Korb, der im Schatten der Wand lag – und auch dafür schämte sie sich. Die Erkenntnis, dass sie noch zu ganz anderen Mitteln gegriffen hätte, wenn das nötig gewesen wäre, um ihr Kind zu retten, erschreckte sie. Glücklich die Menschen, die das Leben nicht dazu zwang, in extremen Notsituationen herauszufinden, zu welchen Untaten sie fähig waren, wenn es um ihr eigenes Leben und das der Menschen ging, die sie bedingungslos liebten!
Andrew wickelte ihren Sohn aus dem großen Umschlagtuch, steckte ihn vorsichtig in den Beutel, zog Beinchen und Arme durch die dafür vorgesehenen Öffnungen, vergewisserte sich, dass das Kind unter dem Weidengestell auch gut Luft bekam – und knotete die Haltebänder über seiner rechten Hüfte und unter dem Arm wieder zusammen.
Dann glättete er den alten, stinkenden Umhang über seinem falschen Bauch und holte auch die Brille wieder hervor. All das geschah mit schnellen, hastigen Bewegungen und nahm nur wenige Minuten in Anspruch.
»Andrew, ich …« Abby brach ab. Es gab noch so vieles, was sie ihm sagen wollte, dass sie nicht wusste, womit sie beginnen sollte. Und dabei blieben ihr bestimmt nur noch wenige Augenblicke, bis Cleo wieder zurückkehrte!
Ihm ging offenbar dasselbe durch den Kopf. »Ich liebe dich, mein Schatz ! «, sagte er mit rauer Stimme und zog sie an sich.
»Hör mir zu, Andrew! Du musst mir versprechen … dass wenn ich … nicht von Norfolk Island … zurückkomme«, sagte sie abgehackt zwischen seinen Küssen.
»Still!«, fuhr er ihr ins Wort und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Der wilde Kampf, den sich abgrundtiefe Verzweiflung und unbeugsame Hoffnung in ihm lieferten, spiegelte sich offen auf seinem Gesicht wider. »Du darfst so etwas noch nicht einmal denken! Wir werden uns wiedersehen, Abby ! Nichts auf der Welt kann uns trennen, hörst du? Auch du darfst jetzt die Hoffnung nicht aufgeben. Wir haben unser Kind gerettet. Wir werden auch dich retten, glaube es mir! Es ist noch längst nicht…«
Cecils laute, wütende Stimme auf dem Gang hinter der Tür war zu vernehmen, gefolgt von einem dumpfen Laut. Er hatte mit seinem Knüppel mit voller Kraft auf die Wand geschlagen. Das war das verabredete Zeichen!
»Sie kommen zurück!« Abbys Aufschrei war leise und doch voll unsäglicher Qual.
»Abby, mein Ein und Alles ! «, stieß Andrew hervor.
Ein letzter, verzweifelter Kuss, dann riss Abby sich von ihm los, stürzte zum Korb und nahm das tote Baby in ihren Arm. Hastig zerrte sie das Umschlagtuch halb über das Gesicht, sodass es im Schatten der Öllampe lag.
Andrew fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen, wischte die Tränen weg, schob sich die Holzplättchen in den Mund, rückte die Brille zurecht und zog den Hut mit der ausgefransten Krempe wieder tief in die Stirn. Rasch kniete er sich hin und holte aus der aufgeklappten Ledertasche eine kleine Glasflasche, ein einfaches Holzkreuz und eine Bibel hervor.
Als die Tür hinter ihm aufschwang, hielt er die Bibel an der mit einem Bändchen markierten Stelle aufgeschlagen in der Hand und sprach nuschelnd einen Segensspruch.
Abby stand vor ihm, hielt das tote Kind an sich gepresst und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie brauchte ihren Schmerz nicht zu verbergen, denn Cleo würde ihr Schluchzen in ihrem Sinne deuten und sich daran weiden.
Und so war es auch. Mit erhitztem Gesicht humpelte sie in den gelblichen Lichtkreis der Laterne und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Ach, was für eine anrührende Szene! Das könnte ja ein Herz aus Stein erweichen, findest du nicht auch, Cecil?«
»Mir reicht es für heute Abend«, murmelte Cecil scheinbar verdrossen. »Manchmal steht es mir bis oben, Verwahrer dieses Gesindels zu sein.«
Cleo lachte kehlig auf. »Du verträgst eben nichts, das ist dein Problem. So saft-und kraftlos, wie du gerade Knüppel und Peitsche geschwungen hast, ist es wirklich kein Wunder, dass die Weiber bei dir nicht spuren.«
»Dafür habe ich die halbe Krone und den Shilling im Dreck gefunden!«
»Sei froh, dass ich dir den Shilling lasse! Eigentlich hättest du nicht einen lausigen Penny verdient, wo ich doch die ganze Arbeit mit dem Pack gehabt habe!«, sagte Cleo. Dann stieß sie dem falschen Reverend das stumpfe Ende ihrer Krücke ungeduldig gegen das Bein. »Komm zum Ende, Pfaffe! Ich habe nicht vor, hier die Nacht zu verbringen!«
Andrew versteifte sich und Abby hielt vor Schreck den Atem an, denn sie spürte, dass er kurz davor stand, zu Cleo herumzufahren und sie niederzuschlagen.
»Den Segen, Reverend!«, flehte Abby mit zitternder Stimme.
»Ja, und ein bisschen flott!«, drängte Cleo.
Andrew murmelte den Segensspruch aus einem der Psalmen, machte das Kreuzzeichen und räumte Bibel, Glasbehälter und Holzkreuz rasch in seine Tasche.
»Na endlich!« Cleo nahm die Öllampe vom Haken.
Andrew verharrte kurz in der Tür, als wollte er sich noch einmal zu Abby umdrehen, um ihr zum Abschied einen letzten beschwörenden Blick zuzuwerfen. Aber da fasste Cecil ihn schon am Arm und zog ihn von der Tür weg. Cecil fragte Cleo. »Sag, willst du den Reverend zum Tor bringen oder soll ich das übernehmen?«
»Blöde Frage!«, blaffte Cleo ihn an. »Glaubst du etwa, ich spiele jetzt auch noch den Laufburschen für dich und latsche mit dem Kerl durch den Regen? Natürlich bringst du den Pfaffen zum Tor. Das ist ja wohl das Mindeste, was du tun kannst, nachdem du dich im Kerker schon so zurückgehalten hast. Na los, bring ihn endlich raus!«
Was Cleo dann noch zu Cecil und dem angeblichen Geistlichen sagte, hörte Abby nicht mehr. Denn da hatte Cleo schon die Tür zugeschlagen. Die Riegel fuhren mit lautem Knall in ihre Halterungen.
Und Abby war nun wieder allein – mit der klammen Finsternis ihrer Zelle, mit der Angst vor dem Leben auf Norfolk Island und mit dem eisigen Leichnam des tot geborenen Zwillingsmädchens.