Achtes Kapitel
»Lucinda, sie haben ihre Drohung wahr gemacht!… Sie… sie schicken mich für den Rest meiner siebenjährigen Verbannung nach Norfolk Island … sowie … ich mein Kind zur Welt gebracht habe«, stieß sie stockend und unter Tränen der Verzweiflung hervor. »Aber das … ist noch nicht mal das Schlimmste.«
»Um Gottes willen, was können sie dir denn noch antun?«, fragte Lucinda bestürzt.
»Sie werden mir das Baby wegnehmen und es ins Waisenhaus geben oder irgendjemandem überlassen! Sie nehmen mir mein Kind und ich werde es nie wiedersehen! «, schluchzte Abby.
»Unmöglich! So etwas Grausames können sie nicht tun! «, rief Lucinda.
»Oh doch, das können sie und das werden sie auch tun! Ich bin noch immer ein Sträfling und der zählt hier genauso wenig wie in England! Das weißt du doch selbst, Lucinda.«
»Ja, schon… aber dennoch…«, begann die Schwester des Gefängniswärters verstört.
Abbys Gesicht verzerrte sich. »Diese Männer haben sich unbegrenzte Macht angeeignet. Und sie sind grausam genug, um solche Strafen zu verhängen, ohne darüber auch nur eine Minute Schlaf zu verlieren!«, fiel sie ihr ins Wort. »Und falls man sie wirklich eines Tages zur Rechenschaft ziehen sollte, dann wird sich trotzdem keiner einen Deut darum scheren, was mir und meinem Baby widerfahren ist! Da werden ganz andere Dinge eine Rolle spielen. Oder glaubst du, man wird sich die Mühe machen zu untersuchen, ob diesem oder jenem Sträfling ein Unrecht zugefügt worden ist? Hast du denn vergessen, dass diese Strafkolonie sogar dann unter dem Militärgesetz steht, wenn sie von einem rechtmäßigen Gouverneur regiert wird? Und dass es daher völlig rechtens ist, wenn jemandem der Rücken blutig gepeitscht wird, nur weil er einem Offizier angeblich eine freche Antwort gegeben oder nicht schnell genug gearbeitet hat?«
Lucinda machte eine gequälte Miene, wusste sie doch, wie Recht Abby mit ihrer Feststellung hatte. Aber das brachte sie in ein Dilemma, dem sie sich lieber entziehen wollte. »Nun ja, manches, was hier geschieht, ist in der Tat erschreckend grausam«, räumte sie ein. »Aber bis zu deiner Niederkunft sind es noch gute zwei Monate hin, nicht wahr? Und in zwei Monaten kann viel geschehen.«
»So genau weiß ich es nicht. Das Kind kann auch schon viel eher kommen, so kräftig, wie es in mir tritt«, erwiderte Abby und fuhr sich über die Wölbung ihres Leibes. Wie deutlich sie doch in letzter Zeit die Bewegungen ihres Kindes spüren konnte!
»Aber auch nur sechs oder gar vier Wochen sind eine lange Zeit, in der eine Menge passieren und die Situation hier in New South Wales sich dramatisch wenden kann«, beharrte Lucinda. »Das Kolonialamt in London …«
Abby ließ sie nicht ausreden. »Zum Teufel mit dem Kolonialamt in London! Ich kann doch unmöglich einfach nur abwarten und schicksalergeben darauf hoffen, dass noch vor meiner Niederkunft ein anständiger Gouverneur in Sydney eintrifft – und dass er dann auch noch rechtzeitig die Anordnung von Captain Grenville widerruft! Um Gottes willen, verschließ doch nicht die Augen vor der Wirklichkeit, Lucinda!«
»Aber das tue ich doch gar nicht, Abby! «, beteuerte Lucinda und fühlte sich sichtlich unwohl in ihrer Haut. »Ich versuche doch nur, dir Mut zu machen und dich davor zu bewahren, dich und dein Kind schon jetzt verloren zu geben.«
»Aber genau das wird eintreten!«
Lucinda schüttelte energisch den Kopf. »Du siehst die Dinge viel zu schwarz, dabei kann doch keiner wissen, was in einigen Wochen sein wird. Vertrau nur auf Gottes Hilfe und gib dich in seine barmherzigen Hände, dann wird schon alles seinen rechten Weg gehen. Komm, lass uns zusammen beten«, sagte sie und schlug die Bibel auf.
»Nein, ich will jetzt nicht beten, Lucinda! Ich will, dass du mir hilfst! «, rief Abby mit einer Mischung aus Verzweiflung und Zorn. »Hat Jesus denn nicht immer und immer wieder gelehrt, dass die barmherzigen Taten der Sünder mehr zählen als alle frommen Lippenbekenntnisse der Pharisäer? Und steht dort in der Bibel nicht geschrieben: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder tut, das tut ihr für mich! Und auch dies: Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Sag, steht es nicht so in der Heiligen Schrift geschrieben?«
Lucinda schluckte nervös. »Ja, diese Mahnstelle zum Weltgericht findet sich bei Matthäus in Kapitel …«
»Mir ist egal, wo sich die Stelle befindet und wie sie genau heißt. Mir reicht es zu wissen, was Jesus damit gemeint hat. Und ich flehe dich an, die christliche Barmherzigkeit, die du so eindringlich predigst, auch durch barmherzige Hilfe zu bezeugen! «, sagte Abby beschwörend. Und die Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie fortfuhr: »Du siehst doch, dass mir und meinem Kind ein entsetzliches Unrecht angetan wird! Da kann ich nicht auf ein Wunder warten, Lucinda! Ich bin sicher, dass Gott mir dich in dieser schrecklichen Zeit der Not geschickt hat. Aber bestimmt nicht nur, damit du mir aus der Bibel vorliest und mit mir betest, bis man mir mein Baby wegnimmt und mich nach Norfolk Island verschifft, wo man mich zwingen wird, jedem als Hure zu Willen zu sein. Nein, Gott hat dich zu mir geschickt, damit du barmherzig handelst und mir hilfst, dem grausamen Schicksal zu entkommen, das Captain Grenville und Lieutenant Danesfield, diese Verbrecher im Offiziersrock, für mich vorgesehen haben!«
Lucinda sah sie erschrocken und mit bleichem Gesicht an. »Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich dir zur Flucht verhelfe und damit meinen Bruder ins Unglück stürze. Wenn es nur mich treffen würde, könnten wir wohl darüber reden. Aber wie kann ich dein Leben retten, wenn dafür womöglich mein Bruder mit seinem Leben bezahlen muss und am Galgen endet?«
»Ich erwarte ja gar nicht, dass du mir zur Flucht verhilfst«, erwiderte Abby hastig. Sie schöpfte Hoffnung, denn sie spürte, wie sehr sie Lucinda mit ihren Worten erschüttert hatte. »Ich will nur, dass du mir hilfst, Kontakt mit meiner Freundin und meinem Mann aufzunehmen, damit die beiden irgendeinen Weg finden, das Baby zu retten! Mehr will ich gar nicht! Aber wir müssen die Zeit, die mir hier in Sydney noch bleibt, unbedingt nutzen. Deshalb flehe ich dich an: Überbringe meiner Freundin eine Nachricht von mir und erzähle ihr, was mir und meinem Kind droht, sowie ich es zur Welt gebracht habe!«
Lucinda machte eine unschlüssige Miene und wollte etwas sagen. Doch in dem Moment knallte eine Gittertür im Gang und das laute Scheppern ließ sie beide erschrocken zusammenfahren.
Abby ahnte sofort, wer da kam, und sie kroch hastig von der Tür zurück. »Schlag die Bibel auf und lies mir daraus vor! «, stieß sie gedämpft hervor. »Schnell!«
Lucinda reagierte geistesgegenwärtig und rezitierte laut einen der Psalme, die sie auswendig kannte, noch während sie in der Bibel nach der entsprechenden Stelle blätterte.
Im nächsten Augenblick stand Cleo in der Tür, mit wirrem Haar und blutunterlaufenen Augen. Sie hatte die Nacht wohl mal wieder in den Spelunken der Rocks verbracht, aber trotz Kater offenbar doch die Kraft gefunden, an diesem Vormittag aus dem Bett zu kommen. Vermutlich um von ihrem Mann zu erfahren, was das zweite Verhör ergeben hatte.
»Was treibst du dich schon wieder hier herum, Lucy?«, fragte sie grimmig.
Lucinda blickte mit einem milden Lächeln von der Bibel auf und sagte freundlich: »Ich mache meine übliche Runde, Cleo, und bringe der Frau hier das Wort unseres lebendigen Gottes. In dieser Woche sind die Psalmen an der Reihe. Sie spenden den Gefangenen am meisten Trost, wie ich festgestellt habe.«
»Spende deinen blödsinnigen Trost gefälligst woanders!«, gab Cleo ihr barsch zur Antwort. »Bei der hier hast du nichts zu suchen, das habe ich dir schon einmal gesagt! Was die an Trost braucht, kriegt sie von mir. Und jetzt pack deine Bibel und mach, dass du hier rauskommst!«
Lucinda seufzte und sagte fast demütig: »Ich gehe ja schon, Cleo. Aber auch du solltest dein Herz …«
»Raus ! «, brüllte Cleo.
»Selig sind die Sanftmütigen und Barmherzigen, denn ihnen ist das Himmelreich«, murmelte Lucinda im Hinausgehen, ohne jedoch Abby noch einen Blick zuzuwerfen.
»Auf das Himmelreich der Pfaffen pfeife ich, das kannst du meinetwegen geschenkt haben, Lucy!«, rief Cleo ihr nach. »Dieses Reich hier genügt mir völlig! Und jetzt beweg deinen fetten Arsch endlich nach draußen!«
Ohne einen weiteren Kommentar verschwand Lucinda hinter der schweren Bohlentür.
»So, und du hattest vorhin mal wieder eine dieser reizenden Unterhaltungen mit deinen Freunden vom Offizierscorps, wie ich gehört habe«, sagte Cleo, zog sich den Schemel näher an die Tür heran, sodass sie sich im Sitzen gegen die schwere Einfassung lehnen konnte, und machte es sich dort bequem.
Abby gab keine Antwort und blickte mit verschlossenem Gesicht auf die gegenüberliegende Zellenwand. Sollte dieses versoffene Subjekt doch reden! Ihre Gedanken beschäftigten sich nur damit, was Lucinda nun tun würde. Hatte sie vorhin die richtigen Worte gefunden, damit Lucinda ihre Skrupel und Ängste überwand, um ihr zu helfen – oder hatte sie der Frau zu heftig zugesetzt und ihre Chance vertan? Wie sehr sie doch auf ein Lebenszeichen von Andrew wartete! Auch wenn er seinen Verfolgern am Fluss entkommen war, machte sie sich große Sorgen um ihn. Er konnte in der Nacht Schussverletzungen davongetragen haben und vielleicht irgendwo … Nein, diese Art von Gedanken verbot sie sich. Sie hatte nur noch nichts von ihm gehört, weil er nicht wusste, wie er ihr eine Nachricht zukommen lassen sollte, ohne dass der Überbringer am Tor von den Wachen verhaftet und gezwungen würde, ihn zu verraten. Nur das konnte der Grund sein!
»Keine Lust zu reden, Herzchen?«, spottete Cleo. »Kann ich dir noch nicht einmal verdenken. Scheint so, als hätte sich der gute Captain für deine Verstocktheit ja ein ganz besonderes Dankeschön für dich ausgedacht.« Sie machte eine kurze Pause und sagte dann voller Häme: »Auf dich wartet Norfolk Island, nicht wahr?«
Abby blickte starr und mit verkniffenem Mund geradeaus. Sie würde Cleo nicht die gewünschte Genugtuung verschaffen, indem sie ihre Gefühle vor diesem bösartigen Weib entblößte und zu erkennen gab, wie groß ihre Angst und ihre Verzweiflung waren.
»Ein ganz übler Ort, wie ich mir habe sagen lassen. Dagegen sollen Newgate, die Hulks, die Passage auf dem schlimmsten Sträflingsschiff und auch alles andere, was diese verfluchte Kolonie Leuten wie uns zu bieten hat, geradezu ein fröhlicher Ringelreigen sein«, fuhr Cleo schadenfroh fort. »Es heißt sogar, Norfolk Island wäre eine solche Hölle, dass man sie noch nicht mal seinen ärgsten Feinden wünscht.« Sie verzog das Gesicht und lachte. »Na, ehrlich gesagt bin ich da nicht so zimperlich in dem, was ich meinen Feinden wünsche. Ich werde gern daran denken, wie es dir und deinem Balg auf dieser Hölleninsel wohl ergehen mag. Aber halt!« Sie tat, als wäre ihr gerade etwas eingefallen. »Du wirst die Reise an diesen hübschen Ort ja ohne dein Kind antreten, nicht wahr?«
Lass sie reden!, ermahnte sich Abby in Gedanken. Tu ihr nicht den Gefallen, die Beherrschung zu verlieren! Das will sie doch bloß! Es sind Worte, nichts als Worte!
Cleo lächelte. »Tröste dich, die Soldaten auf der Insel werden dir schnell ein neues machen. So junges Fleisch wie deines ist da sehr gefragt und du machst bestimmt rasch die Runde. Und wegen deines Balgs, das du hier zurücklassen musst, brauchst du dir auch keine Sorgen zu machen. Mir ist da nämlich eine ganz famose Idee gekommen …«
Abby gelang es nicht, weiterhin so zu tun, als wäre Cleo Luft für sie. Wie unter einem Zwang wandte sie den Kopf – und die Angst vor dem, was Cleo gleich sagen würde, sprang ihr förmlich aus den aufgerissenen Augen.
Cleo lachte triumphierend auf. »Ah, jetzt scheinst du mir ja endlich richtig zuzuhören, Schätzchen. Also, willst du wissen, was mit deinem Kind wird?«
»Du wirst es mir so oder so sagen«, stieß Abby mit erstickter Stimme hervor.
»Du hast Recht, Herzchen. Wem das Herz voll ist, dem quillt der Mund über – so sagt man doch, nicht wahr? Nun, ich will dich nicht länger auf die Folter spannen. Hör zu, was mir Geniales eingefallen ist: Ich werde mir dein Kind holen! Captain Grenville wird das bestimmt gern arrangieren. Und dann werde ich dein Balg hier im Gefängnis aufziehen. Wenn es alt genug ist, um sich für die Jahre meiner liebenden Fürsorge erkenntlich zu zeigen, also mit elf oder spätestens zwölf, werde ich dein Kind hier in den Rocks an den meistbietenden Bordellbesitzer verkaufen. Ich hoffe daher, dass es ein Mädchen wird. Aber keine Sorge, in einer Hafenstadt gibt es auch für Jungen einen guten Preis. Viele Seeleute finden mehr Geschmack am eigenen Geschlecht als an Frauen. Also werde ich so oder so ein gutes Geschäft machen.«
Ein immer stärker werdendes Zittern hatte Abby am ganzen Körper befallen, als Cleo davon zu sprechen begonnen hatte, was sie mit ihrem Kind zu tun gedachte. Mit einem gellenden Aufschrei sprang sie nun hoch und stürzte sich auf Cleo.
Damit hatte Cleo gerechnet. Bevor Abby sie zu fassen bekommen konnte, war sie vom Schemel aufgesprungen und einen Schritt zurückgewichen. Und fast gleichzeitig schnellte ihre Faust vor.
Abby merkte, wie ihre Unterlippe unter dem Fausthieb aufplatzte, verspürte jedoch noch keinen Schmerz, als sie zu Boden stürzte.
»Ja, genau das werde ich mit deinem verdammten Balg tun! Und du wirst es nicht verhindern können, denn du wirst auf Norfolk Island verrotten!« Cleo spuckte auf sie hinunter. »Ich denke, damit sind wir dann quitt!«
Die schwere Tür fiel zu und nur die dicken Wände hörten das verzweifelte Schluchzen, als Abby sich auf dem Boden ihrer Zelle krümmte. Peitschenhiebe mit der Neunschwänzigen hätten ihr keine größeren Qualen bereiten können als das, was Cleo ihr gerade eröffnet hatte.