Sechzehntes Kapitel
Am Morgen des folgenden Tages erschien Cleo in Begleitung ihres Mannes. Sie brachte ein Kleid aus grobem, grau-gelb gestreiftem Kattun, das auf Brust und Rücken ein großes rotes R trug, und warf es ihr vor die Füße.7
»Hier, deine Reisekleidung. Das wird dir prächtig zu Gesicht stehen, Herzchen. Niemand soll sagen, die englische Krone wäre nicht großzügig, wenn es darum geht, ihre Gäste auf Norfolk Island gebührend einzukleiden!«, spottete sie, lehnte sich auf ihre Krücken und streckte mit herrischer Geste die Hände aus. »So, und jetzt gib das Kind her! Du wanderst gleich auf die Phoenix. Zeit, dass der Kleine zu seiner neuen Mutter kommt.« Sie grinste bösartig.
Abby nahm das kleine Bündel, das den Leichnam enthielt, aus dem Korb, und hielt es ihr hin. Und ihr war, als wäre die Kälte des toten Kindes auf sie übergegangen. »Ich glaube, du wirst es nicht mehr wollen. Denn es ist tot. Es ist in der Nacht gestorben.«
Cleo sah sie schockiert an. Doch schon im nächsten Moment wurde aus dem ungläubigen Ausdruck ein breites Grinsen und sie schüttelte den Kopf. »Für wie blöde hältst du mich? Meinst, du könntest mich bluffen? Als ob du den Mumm hättest, dein eigenes Kind zu töten, nur damit ich es nicht bekomme! Dabei weiß ich doch, dass du eher dein eigenes Leben geben würdest, als deinem Balg auch nur ein Haar zu krümmen.«
Abby zuckte die Achseln. »Glaub doch, was du willst«, sagte sie mit müder Stimme. Sie hatte die Nacht kein Auge zugetan und die Erschöpfung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. »Es ändert nichts daran, dass das Baby tot ist. Diesem Kind wird niemand etwas antun.«
Jetzt mischte sich Winston ein, der an der Tür lehnte. »Mir scheint, sie sagt die Wahrheit. Außerdem wird sich ja leicht feststellen lassen, ob das dumme Balg, um das du so ein Geschiss machst, lebt oder nicht«, sagte er fast gelangweilt.
Cleo wurde blass. »Es kann gar nicht tot sein! Der Teufel soll mich holen, wenn ich das glaube!«, stieß sie hervor. Sie riss Abby das Kind aus den Händen, schlug das Tuch zur Seite und berührte den eiskalten Kopf des Kindes. Ihre Hand zuckte sofort zurück, als hätte sie glühende Kohlen berührt.
»Na?«, kam es gedehnt von ihrem Mann.
»Es ist tot«, wiederholte Abby noch einmal. »Wie ich es gesagt habe.«
Fassungslos und wie gelähmt starrte Cleo auf den Leichnam in ihren Händen. Dann stutzte sie und das Blut schoss in einer Woge der Wut wieder in ihr Gesicht zurück. »Dreimal die Pest über dich, das ist ja gar nicht dein Kind!«, schrie sie mit sich überschlagender Stimme. »Das ist nicht ihr Sohn, Winston!«
Ihr Mann bewegte sich nicht von der Stelle. Ihn berührte die ganze Angelegenheit offenbar überhaupt nicht.
»Ich weiß nicht, wovon du redest. Natürlich ist das mein Kind, das da heute Nacht gestorben ist. Wem sollte es denn sonst gehören?«, fragte Abby vollkommen ruhig.
»Du lügst, du Miststück! Du lügst!«, gellte Cleo außer sich vor Wut, während sie die Tücher vom Leichnam des Kindes zerrte. »Ich weiß genau, wie dein verdammtes Baby ausgesehen hat. Das hier ist es nicht!« Sie stieß einen schrillen Triumphschrei aus. »Und hier ist der Beweis. Das tote Balg hier ist ein Mädchen! Und du hast einen Jungen zur Welt gebracht!«
Winston machte eine verblüffte Miene, sagte jedoch nichts, sondern beobachtete die Szene nur, jetzt allerdings mit sehr viel mehr Interesse.
Abby zog scheinbar verwundert die Augenbrauen hoch. »Wie kommst du denn darauf, dass ich einen Sohn geboren hätte? Da musst du was verwechselt haben. Vermutlich bist du mal wieder betrunken gewesen.«
Cleo ließ den Leichnam mit den Tüchern achtlos in den Korb fallen und schlug Abby mit dem Handrücken ins Gesicht. »Ich weiß, was ich gesehen habe, du mieses Stück!«, schrie sie in Rage. »Es ist ein Junge gewesen. Ein Junge! Das wird auch die Hebamme bestätigen!«
Der schmerzhafte Schlag machte Abby nicht das Geringste aus, ja, es erschien sogar ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie genoss diese Situation und sie war entschlossen, jede Sekunde davon auszukosten !
»Du meinst also, eine Frau wie Missis Eugenia Sutherland, die sich betont eine Exklusive nennt und die für dich nichts als Verachtung übrig hat, diese Frau würde sich von dir dazu drängen lassen, auch nur irgendetwas auszusagen?«, hielt sie ihr vor. »Nein, liebe Cleo, das hier ist mein Kind, niemand wird mir etwas anderes beweisen können – einmal völlig davon abgesehen, dass es wohl auch niemanden interessiert, ob es nun mein Kind ist oder nicht, dich einmal ausgenommen.«
Cleos Gesicht glühte vor maßloser Wut. »Es ist der verdammte Pfaffe gewesen! Er hat das tote Balg zu dir in die Zelle geschmuggelt und dein richtiges Kind mitgenommen ! «, stieß sie kreischend hervor. »Und wer weiß, wer noch alles mit dir unter einer Decke gesteckt hat!«
Abby lächelte. »Ja, so könnte es gewesen sein. Nur kümmert das keinen. Und du kannst toben und kreischen und mich schlagen, wie du willst, es ändert nichts daran, dass du dich nicht mehr an meinem Kind vergreifen kannst! Mein Baby wird nicht unter deiner Tyrannei aufwachsen und du wirst es nicht verderben und nicht an ein Freudenhaus verkaufen.« Das Wort »nicht« fiel jedes Mal wie ein Hieb. »Mein Kind ist für alle Zeit vor dir und deiner blindwütigen Rache sicher, Cleo! Du hast verloren, Cleo! Verloren auf ganzer Linie!«
Abby rechnete fest damit, dass Cleo ihre ohnmächtige Wut nun durch brutale Schläge an ihr auslassen würde. Ein Preis, den sie für das Wissen, dass Jonathan sicher bei seinem Vater war, nur zu gern zu zahlen bereit war.
Doch da brach Winston plötzlich in schallendes Gelächter aus. »Das ist ja wirklich ein Ding!«, sagte er prustend. »Heiliger Sebastian, das ist wirklich gelungen!«
Mit einem mörderischen Funkeln in den Augen fuhr Cleo zu ihm herum, und zwar so abrupt, dass sie um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte. »Was findest du daran so witzig?«, herrschte sie ihn an.
Er stieß sich vom Türrahmen ab. »Dass die Kleine da dich tatsächlich nach Strich und Faden hereingelegt hat«, sagte er mit vergnügtem Grinsen. »Sie hat schon hinter deinem Rücken geschickt an den Fäden gezogen, während du noch geglaubt hast, sie in der Tasche zu haben. Tja, du bist also längst nicht so clever und raffiniert, wie du immer geglaubt hast. Dein Herzchen hier hat dich ganz schön vorgeführt und ich denke, wir sind gut beraten, wenn wir diese Blamage für uns behalten.«
Cleo explodierte. »Wie kannst du es wagen … ! «, schrie sie und wollte ihn ins Gesicht schlagen.
Winston war jedoch darauf vorbereitet. Er bekam ihren Arm noch in der Luft zu fassen, stieß ihn zur Seite – und versetzte ihr eine wuchtige Ohrfeige, die sie gegen die Wand taumeln ließ. Die Krücke rutschte ihr unter dem Arm weg und mit einem lauten Schmerzensschrei ging sie zu Boden.
»Untersteh du dich, mich noch einmal herumkommandieren zu wollen!«, schrie Winston seine Frau an, es brach förmlich aus ihm heraus. »Ich habe die Nase voll von deiner Tyrannei und deiner giftigen Aufgeblasenheit. Ich bin der goaler und ich habe hier das Sagen! Und wenn ich sage, dass wir über diese Affäre, bei der du dich bis auf die Knochen blamiert hast, nicht ein Sterbenswort verlieren werden, dann hältst du dich gefälligst daran, ist das klar? Du Schwachkopf wärst im Stande, noch groß in die Welt hinauszuposaunen, dass wir hier nicht alles unter Kontrolle haben und ausgerechnet ein Weib, das auch noch seit Monaten in strenger Einzelhaft einsitzt, uns mit links austricksen kann. Kein Sterbenswort, verstanden? Und was das verdammte Kind angeht, so bin ich heilfroh, dass du mir nun doch kein plärrendes Balg ins Haus schleppen kannst! Ich war von Anfang an dagegen. So, und das ist das letzte Wort, das ich zu diesem Thema hören will!«
Entgeistert starrte Cleo zu ihrem Mann hoch. Ihr dämmerte, dass die Zeit, wo er sich unter ihrer Knute gebeugt hatte, ein Ende gefunden hatte. Winston würde sich von ihr nicht länger herumstoßen und bevormunden lassen. Und das Erschrecken darüber stand auf einmal klar und deutlich in ihren Augen.
»Los, steh auf und kümmere dich gefälligst um die anderen Sträflinge, die heute noch auf die Phoenix sollen!«, forderte Winston sie barsch auf. »Und komm bloß nicht auf den Gedanken, dich noch irgendwie an ihr rächen zu wollen. Du hältst dich von ihr fern und sprichst auch kein Wort mehr mit ihr. Ich warne dich, Cleo!« Er machte eine kurze Pause und atmete tief ein. »Wenn du meine Anordnung missachtest, jage ich dich davon! Ich bin es satt, hörst du? Dann kannst du sehen, wo du bleibst!«
Unverständliches Zeug murmelnd, rappelte sich Cleo auf. Sie warf Abby einen flammenden Blick zu, der von blanker Mordlust beherrscht war. Dann hob sie ihre Krücke auf, klemmte sie sich unter den Arm und schlich wie ein geprügelter Hund an ihrem Mann vorbei aus der Zelle.
»Zieh dich um!«, befahl Winston und deutete auf die gestreifte Kleidung, die vor Abbys Füßen lag. »Ich werde dich gleich abholen. In einer Stunde kommen die Soldaten, die euch hinunter zum Hafen bringen werden. Um das tote Kind kümmere ich mich später. Aber wenn du irgendwelche Wünsche hast, was die Beerdigung betrifft, kannst du es mir ja sagen.«
Abby nickte. »Jemand wird einen Priester schicken, einen richtigen, und dieser wird sich um die Beerdigung kümmern. Jedenfalls vielen Dank.«
Winston blickte sie kurz an und zuckte die Achseln. »Mein Gott, wofür denn?«, brummte er. »Die Verbannung nach Norfolk Island ist mehr als Strafe genug, ganz egal, was man im Leben auch getan hat.« Damit ließ er sie allein.
Eine knappe Stunde später stand Abby in ihrer neuen, grau-gelb gestreiften Sträflingskleidung mit achtzehn anderen Frauen und vierundzwanzig Männern angekettet im vorderen großen Hof des Gefängnisses. Sie wurden von einer Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett bewacht und eine zweite, berittene Abteilung wartete draußen vor dem Tor. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, aber wenigstens regnete es nicht.
Abby fror, doch nicht allein wegen des frischen Windes, der von der Bucht herüberwehte, sondern mehr noch wegen des Schicksals, das ihr jetzt bevorstand.
Kurz bevor es losging, trat Lucinda zu Abby. Sie reichte ihr eine einfache Haube, die vor Wind und Regen schützte, und legte ihr ein warmes Wolltuch, das sie selbst gestrickt hatte, um die Schultern. »Du wirst beides gut gebrauchen können«, sagte sie mit Tränen in den Augen.
»Danke für alles, Lucinda.«
Lucinda mühte sich um ein Lächeln. »Wir haben es tatsächlich geschafft, Abby!«, flüsterte sie.
»Ja, das haben wir«, gab Abby zurück.
»Es geht ihm gut, deinem Kleinen«, raunte Lucinda ihr noch zu, während sie ihr die Haubenbänder unter dem Kinn mit einer Schleife band. »Und ich soll dir noch sagen …«
Was Lucinda ihr noch mitteilen wollte, erfuhr Abby nicht mehr. Denn da kam der Befehl zum Aufbruch und ein Sergeant stieß Lucinda mit dem Kolben seines Gewehrs grob zur Seite. »Zurück da!«, blaffte er.
Das Gefängnistor schwang auf und die lange Kolonne der Kettensträflinge setzte sich unter dem Rasseln der Ketten in Bewegung.
Abby suchte auf dem Weg hinunter zum Hafen unter den Menschen auf den Straßen verstohlen nach Andrews Gesicht. Sie wusste, dass er irgendwo aus einer Kutsche, einem Fenster oder aus einem dunklen Hauseingang heraus ihren Abtransport beobachtete und dabei vielleicht sogar ihr Kind auf den Armen hielt, damit sie Jonathan noch ein letztes Mal sehen konnte, und wenn auch nur aus großer Entfernung. Doch sosehr ihr Blick auch hin und her irrte, sie konnte ihn nirgends finden. Das änderte jedoch nichts an ihrer Gewissheit, dass er da war und sie nicht aus seinen Augen ließ.
Die Phoenix, eine wenig ansehnliche Bark, lag nicht am Pier vertäut, sondern aus Sicherheitsgründen draußen in der Bucht vor Anker. Als Abby im Beiboot saß, das sie mit der ersten Gruppe der nach Nordfolk Island Verbannten zum Schiff brachte, riss der Himmel plötzlich auf und Sydney erstrahlte wie ein Kleinod im Sonnenschein.
Die Stadt, die sich um die keilförmige Bucht herum entwickelt hatte, verschwamm vor ihren Augen. Würde sie Sydney – und damit Andrew und ihr Kind – jemals wiedersehen?
Im nächsten Moment fiel der Schatten der Phoenix wie eine schwarze Hand über das Beiboot. Abby fröstelte. Sie hatte das entsetzliche Gefühl, in ihrem Innern zu erfrieren. Und dann jagten auch schon raue Stimmen die Sträflinge die Strickleiter hoch, über das Deck und hinunter in das vergitterte, enge Quartier im dunklen Zwischendeck.
Tausend Seemeilen lagen vor ihr – und vielleicht die schlimmste Zeit ihres Lebens?