Viertes Kapitel

Streng bewacht hastete Abby nun wieder mit Tippelschritten und klirrender Kette hinter Winston Patterson her und zurück ins Gefängnis. Sie stand noch ganz unter dem Schock, den die angedrohte Verbannung nach Norfolk Island in ihr hervorgerufen hatte, als sie das zweite, innere Gefängnistor passierten und in den hinteren Hof gelangten.

In ihrer Verstörung schenkte Abby der stämmigen Frau, die rechts neben dem Tor im Schatten des halb offenen Holzschuppens stand und gerade einen Korb mit Holz gefüllt hatte, keine Beachtung. Wie benommen wankte sie über den Platz, der in der prallen Sommersonne lag.

»He, Winston! «, rief die Frau plötzlich, ließ den Korb mit dem Feuerholz fallen und eilte zu ihnen herüber. »Warte mal!… Lass mich doch mal sehen … Verdammt, träume ich oder ist das wirklich wahr?«

Der Wärter blieb stehen und Abby mit ihm. »Was ist, Frau?«, fragte er unwillig.

»Dreimal die Pest und die Knochenfäule über mich, wenn das nicht meine alte Busenfreundin Abby Lynn ist!«

Abby stutzte. Die kehlige Stimme und die schnodderige Sprache kamen ihr bekannt vor. Und noch bevor sie den Kopf gehoben und die Frau angeblickt hatte, traf es sie wie der Blitz: Cleo!

»Ihr kennt euch?«, fragte Winston Patterson verwundert.

»Kann man wohl sagen. Wir haben auf der verfluchten Kent das Vergnügen gehabt, einander kennen zu lernen. Da ist sie mir fast wie eine Schwester ans Herz gewachsen«, erklärte Cleo mit einem falschen Lächeln, das ihre kalten Augen nicht erreichte. »Sie hat nämlich meine Angelegenheiten ungebeten zu den ihren gemacht, wenn du verstehst, was ich meine.«

Winston Patterson verstand nur zu gut und grinste breit. »Ist das wahr? Die Kleine hier ist dir in die Quere gekommen und hat einem ausgekochten Luder wie dir in die Suppe gespuckt, ohne dass du ihr den Hals umgedreht hast?«

Das triumphierende Lächeln auf Cleos Gesicht nahm einen verkniffenen Zug an. »Ja, so etwas in der Art. Ich habe damals leider keine Möglichkeit gehabt, mich entsprechend zu revanchieren. Aber ich habe fest darauf vertraut, dass sich unsere Wege in dieser verdammten Kolonie irgendwann noch einmal kreuzen und die Karten dann anders verteilt sein würden! Und siehe da, genauso ist es jetzt gekommen!«

»Muss dann wohl höhere Fügung gewesen sein, dass ich dich geheiratet habe«, spottete der Wärter.

»Bilde dir nur ja keine Schwachheiten ein!«, fuhr sie ihn an. »Wir haben einen Handel geschlossen und ich habe die Bedingungen diktiert, falls du das vergessen haben solltest!«

Der Wärter hob die Hand. »Ist ja schon gut«, murmelte er mit einer fast ängstlichen Hast, die verriet, wer bei ihnen das Sagen hatte. »War nicht so gemeint!«

Abby starrte Cleo noch immer fassungslos an. Sie hatte die einstige Prostituierte, die von den Hulks in Portsmouth auf die Kent gekommen war, als kräftige und vollbusige Frau in Erinnerung, deren linke Gesichtshälfte von einer hässlichen Hautflechte verunstaltet war. Seit ihrer Ausschiffung in Sydney hatten sie sich nicht mehr gesehen und in diesen Jahren war das Leben alles andere als gut mit Cleo umgesprungen. Das wenige, was ihre füllige Figur einst noch an bescheidenen Reizen geboten hatte, war erschlafft und unansehnlich geworden. Hemmungsloser Rum-und Branntweingenuss hatte ihren Körper aufgeschwemmt. Sie hatte auch kaum noch Zähne im Mund. Was ihr vom Gebiss noch geblieben war, hatte die stinkende Fäule längst schwarz und moderbraun gefärbt. Und als wäre das alles noch nicht genug, hatte sich auch die Hautflechte auf ihrem Gesicht weiter ausgebreitet. Kein Wunder, dass ein Wrack wie Cleo trotz des extremen Frauenmangels in der Kolonie keinen anderen Mann als Winston Patterson gefunden hatte – und umgekehrt.

»Gib mir die Schlüssel!«, forderte Cleo ihren Mann auf und streckte die Hand aus. »Ich nehme dir das Herzchen ab.«

Er zögerte und biss sich auf die Unterlippe, als wüsste er nicht, was er tun sollte. »Hör mal, mit dieser Abby hat es was ganz Besonderes auf sich. Ich bringe sie gerade von einem Verhör durch Captain Grenville und Lieutenant Danesfield zurück. Die Offiziere haben ein persönliches Interesse an ihr. Wenn es da noch offene Rechnungen gibt, die du mit ihr begleichen willst, ist das im Augenblick wohl nicht so günstig«, gab er besorgt zu bedenken. »Du weißt doch, was passiert, wenn wir da etwas vermasseln, und…«

»Mach dir nicht in die Hose, Winston!«, fiel Cleo ihm ins Wort. »Für wie blöde hältst du mich, Mann? Glaubst du etwa, ich will mich mit solchen Bluthunden wie Grenville und Danesfield anlegen ? Also ganz ruhig Blut. Ich weiß schon, was ich tue. Ich habe nicht vor, meiner Busenfreundin hier etwas anzutun, was das Vergnügen der Offiziere mit ihr auch nur irgendwie beeinträchtigen könnte. Aber das schließt ja nicht aus, dass auch ich meine Freude mit ihr habe, oder? Also gib schon endlich die verdammten Schlüssel her!«

Widerstrebend rückte Winston Patterson den Schlüsselbund heraus. »Also gut, aber lass dich bloß nicht zu irgendetwas hinreißen!«, warnte er sie noch einmal. »Denk daran, dass es dein Hals ist, den du dabei riskierst!«

»Ich werde Abby mit Samthandschuhen anfassen und sie hüten wie eine besorgte Glucke ihre Küken! «, spottete Cleo, riss ihm den Schlüsselbund aus der Hand und nahm ihm auch noch den lederumwickelten Knüppel ab, den er im Gürtel stecken hatte. »Und jetzt troll dich, Winston. Wir Frauen wollen unter uns sein. Es gibt eine Menge, was wir zu bereden haben!« Und zu Abby gewandt, fragte sie: »Ist es nicht so, Herzchen? Brennst du nicht auch darauf, unsere alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen?«

Abby brachte noch immer kein Wort heraus. Dieser Morgen schien geradewegs einem entsetzlichen Albtraum entsprungen zu sein.

»Was ist, Abby? Du bist ja stumm wie ein Fisch. Sag bloß, dich hat die Wiedersehensfreude derart überwältigt, dass es dir die Sprache verschlagen hat?«, sagte Cleo und lachte. »Aber keine Sorge, das gibt sich schon, wenn wir erst wieder miteinander warm geworden sind. Es wird ganz wie in alten Zeiten sein, das verspreche ich dir. Na ja, vielleicht nicht so ganz, denn du bist mal wieder hinter Kerkergittern gelandet und trägst Fußeisen, während ich vom Sträfling zur Gefängnisaufseherin aufgestiegen bin und in diesen Mauern daher so gut wie alles tun und lassen kann, was mir gefällt. Aber darin liegt ja gerade das Reizvolle unseres Wiedersehens, findest du nicht auch?«