Fünftes Kapitel

Abby bangte in diesen Katastrophentagen mit den MacGuires, den Barrows und all den anderen Siedlern auf den umliegenden Farmen und verbrachte auch viel Zeit am Krankenlager des Zimmermanns. Doch ihre größte Sorge galt Andrew, den sie j eden Tag zurückerwartete.

»Du solltest dir keine falschen Hoffnungen machen, Abby«, sagte Elizabeth MacGuire einen Tag vor dem Weihnachtsfest zu ihr, als der Regen endlich aufgehört hatte. »Dein Mann wird unmöglich rechtzeitig zum Fest auf Cardigan eintreffen. Der Fluss ist noch mindestens eine Woche lang viel zu reißend, als dass jemand ein Übersetzen wagen könnte.«

Abby nickte nur stumm und gab sich Mühe, ihre Bedrückung vor der resoluten Farmersfrau und auch vor allen anderen auf Cardigan zu verbergen. Elizabeth MacGuire, an deren Herzlichkeit und Mitgefühl für Abbys Situation es keinen Zweifel gab, hatte allerdings wie ihr Mann und ihre beiden ältesten Söhne wenig Verständnis für Sentimentalitäten. Das Leben im Busch, das immer ein Kampf ums nackte Überleben war, hatte in ihr eine äußerst nüchterne Sicht der Dinge ausgeprägt.

»Ich wünschte, ich könnte dir etwas anderes sagen. Aber unter den gegebenen Umständen können wir nur hoffen, dass dein Mann nicht so unvernünftig ist und sich allen Gefahren zum Trotz hinaus auf den Fluss wagt. Allein das viele Treibgut, das der Hawkesbury jetzt in Form von entwurzelten Bäumen, Balken, Brettern und Zaunpfählen mit sich führt, ist schon eine tödliche Gefahr, von der reißenden Strömung und den Strudeln ganz zu schweigen. Es dauert noch einige Zeit, bis der Hawkesbury sich wieder beruhigt hat und so weit gefallen ist, dass man sich von einem Ufer ans andere wagen kann«, fügte Elizabeth MacGuire noch hinzu. »Also lass uns zum Allmächtigen beten, dass dein Mann genug gesunden Menschenverstand besitzt und sich nicht zu einer Torheit verleiten lässt!«

Abby wusste, dass Andrew in diesen Tagen immer wieder an sein Versprechen dachte, bis zum Weihnachtsfest zurück zu sein. Und sie hoffte und betete inständig darum, dass er wirklich vernünftig genug war, um sich angesichts der schweren Überschwemmungen nicht mehr daran gebunden zu fühlen.

Dennoch gelang es ihr nachts in der Einsamkeit ihrer Kammer nicht immer, den sehnsüchtigen Wunsch in ihr zum Schweigen zu bringen, Andrew möge es doch noch irgendwie möglich machen, zum Christfest wieder bei ihr zu sein.

Diese geheime Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht und damit wurde das Weihnachtsfest für sie zu einer sehr einsamen und traurigen Angelegenheit. Die Ungewissheit, was mit Andrew war, aber auch, wie es wohl Melvin und Sarah erging, ließ sie nicht eine Stunde lang los.

Die MacGuires, die zu diesem hohen Fest alles aufboten, was ihre Speisekammer und die Kochkünste der Frauen zu bieten hatten, gaben sich alle Mühe, sie auf andere Gedanken zu bringen. Abby machte gute Miene dazu und sang nach der Verlesung der Heiligen Schrift auch tapfer die traditionellen Weihnachtslieder mit ihnen. Doch in Wirklichkeit hätte sie am liebsten geweint.

Sie entschuldigte sich schon früh am Abend und zog sich in ihr Zimmer zurück, weil sie die Fröhlichkeit und den Anblick der vollzählig versammelten MacGuire-Familie nicht länger ertrug. Ihr Lachen und Gescherze machte ihr nur zu schmerzhaft bewusst, wie allein sie war.

Kaum hatte sie ihr Kerzenlicht auf dem Wandbord neben dem Bett abgestellt, als es klopfte. Und noch bevor sie »Ja, bitte?« oder »Einen Moment!« rufen konnte, ging die Tür schon auf und Percy stand vor ihr.

»Entschuldige, aber findest du es nicht angebracht, erst einmal abzuwarten, ob … «, setzte Abby an. Sie wollte ihn milde zurechtweisen, weil er einfach so in ihre Kammer hereingeplatzt war. Immerhin hätte sie ja schon aus ihrem Kleid geschlüpft sein können.

Doch sie kam nicht dazu, ihren Protest zu beenden. Denn Percy hielt ihr ein kleines Päckchen hin und fiel ihr zugleich mit strahlender Miene ins Wort: »Das ist mein Geschenk für dich, Abby. Ich wollte es dir nicht vor den anderen geben, deshalb bin ich dir schnell gefolgt.«

»Ein Geschenk?«, wiederholte Abby verblüfft.

»Ja, ich hoffe, es gefällt dir! Nun mach es schon auf! «, drängte er. »Ich habe es bereits vor dem großen Regen bei Jakob, dem fahrenden Händler, gekauft!«

Abby war gerührt und schluckte den Rest ihrer Zurechtweisung hinunter. Denn wie konnte sie ihm jetzt noch böse sein? Die Freude, sie zu beschenken, hatte ihn vermutlich dazu verleitet, so unaufgefordert in ihre Kammer zu kommen.

Sie löste das Band und wickelte aus dem Papier einen hübschen Kamm aus schillerndem Schildpatt. »Oh Percy, das hättest du wirklich nicht tun sollen!«

»Ich wollte aber! Sag, gefällt er dir?«, fragte er erwartungsvoll. »Das ist ein ganz besonderes Schildpatt, es soll von einer Insel in der Südsee kommen, wie Jakob mir versichert hat!«

»Er ist wunderschön, Percy! «, sagte Abby. »Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«

»Ich schon«, erwiderte er, und bevor Abby wusste, wie ihr geschah, nahm er ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie voll auf den Mund.

Abby war einen Moment lang wie gelähmt. Dann schlug sie seine Hände grob zur Seite, wich vor ihm zurück und wischte sich angewidert den Mund mit dem Handrücken ab. »Percy! «, stieß sie empört und fassungslos über seine ungeheuerliche Zudringlichkeit hervor. »Hast du den Verstand verloren?«

Er zeigte jedoch nicht die geringste Spur von Verlegenheit oder gar Beschämung, sondern grinste sie an. »Fröhliche Weihnachten, Abby! «, flüsterte er, warf ihr noch einen auf die Fingerspitzen gehauchten Kuss zu und huschte aus der Kammer.

Ihr erster Impuls war es, ihm sofort hinterherzulaufen und ihn zur Rede zu stellen. Diese Unverschämtheit durfte sie ihm nicht ungestraft durchgehen lassen! Aber noch in der Tür besann sie sich eines anderen, als sie den fröhlichen Gesang der MacGuires aus der großen Wohnstube hörte. Sie wollte ihren Gastgebern nicht das Weihnachtsfest verderben. Das hatten sie nach allem, was sie für Andrew und sie getan hatten, wirklich nicht verdient. Und aufgeschoben bedeutete ja nicht aufgehoben. Percy würde von ihr noch klar und deutlich zu hören bekommen, dass sie diese Art von Belästigung verabscheute und auf keinen Fall duldete!