Erstes Kapitel

Die Kent erzitterte unter den Schlägen der stürmischen See, die sich kurz nach Einbruch der Nacht zu einem Orkan erhoben hatte und nun mit aller Gewalt über das Sträflingsschiff herfiel. Das Spantenwerk des einstigen Ostindienfahrers ächzte gequält, während sich der Sturmwind wie ein Chor höhnischer Geister in die Takelage krallte und das zerstörerische Werk der See mit seinem infernalisch heulenden Gesang begleitete.

Abby lag wie gelähmt in ihrer harten Bretterkoje. Mit jedem Brecher, der die Kent wie die Faust eines tobsüchtigen Riesen traf, wuchs ihre Angst. Die nasskalte Finsternis unter Deck lastete wie eine Schieferplatte auf ihrer Brust und schien mit jedem Moment schwerer zu werden. Sie bekam kaum noch Luft.

Ein vielstimmiges Klagen erfüllte die salzige Dunkelheit des Zwischendecks, in das man die nach Australien verbannten Sträflinge gepfercht hatte. In das Wimmern, Weinen und Beten mischten sich lästerliche Flüche, wildes Kreischen, gellende Schreie sowie hysterisches Gelächter. Und auf dieses entsetzliche Stimmengewirr der unter Deck eingeschlossenen, verzweifelten und vor Angst fast wahnsinnigen Sträflinge antwortete der Orkan mit seinem höhnischen Sturmgeheule.

Ein plötzliches ohrenbetäubendes Bersten, das einige Sekunden lang sogar das Toben des Orkans übertönte, begleitete das Brechen und Umstürzen des Großmastes. Er fiel nach Backbord ins Meer, wurde jedoch von dem Teil der Wanten und des Riggs, der nicht gerissen war, daran gehindert, die Kent freizugeben. Augenblicklich bekam das Schiff Schlagseite und legte sich nach Backbord in die See.

»Jetzt ist das Schiff verloren! «, schrie eine Stimme, die sich vor Todesangst überschlug. »Und wir mit ihm! Der Herr erbarme sich unserer Seelen!«

Abby kämpfte mit der Versuchung, vor der Angst zu kapitulieren und sich damit aufzugeben. Ihr Lebenswille behielt die Oberhand und es gelang ihr, den Bann der Lähmung zu sprengen. Sie musste irgendwie zu Andrew an Deck gelangen! Andrew – er hatte zusammen mit Baralong, dem eingeborenen Spurenleser, die als unbezwingbar geltende Kette der Blue Mountains überquert und sie, seine Abby, jenseits der Berge gefunden. Er würde auch jetzt wissen, was zu tun war, um sie aus dieser Todesgefahr zu retten!

Sie kroch aus ihrer Koje und tastete nach einem der Stützbalken, als ein Fausthieb sie vor die Brust traf. Dieser wuchtige Schlag aus der Dunkelheit warf sie zurück auf ihre Pritsche.

»Jetzt rechnen wir ab, Herzchen!«

Cleo!

Noch bevor Abby sich von dem brutalen Hieb ihrer Todfeindin erholen oder auch nur den Schreck verdauen konnte, warf Cleo sich schon auf sie und drückte sie mit ihrem massigen Körper nieder.

»Bist du verrückt geworden?«, stieß Abby mit mühsam unterdrückter Angst hervor, wusste sie doch, zu welchen Verbrechen diese durch und durch verdorbene Frau fähig war. »Wir müssen sehen, dass wir nach oben an Deck kommen, wenn wir nicht ersaufen wollen!«

»Ersaufen werden wir alle, Herzchen, aber du wirst dabei nicht Salzwasser, sondern dein eigenes Blut schmecken! «, drohte ihr Cleo hasserfüllt. »Ich habe lange genug auf diesen Moment gewartet und diese Scherbe auch all die Monate immer schön scharf gehalten.«

Im nächsten Augenblick spürte Abby die messerscharf geschliffene und zugespitzte Glasscherbe an ihrer Kehle. Sie roch den fauligen Atem, der Cleos Mund mit den verrotteten Zähnen entströmte. Und sie meinte sogar, trotz der Dunkelheit, die hässliche Hautflechte sehen zu können, die Cleos linke Gesichtshälfte entstellte. »Tu es nicht, um Megans willen! «, entfuhr es ihr.

Cleo lachte bösartig. »Megan wird dich diesmal nicht vor mir retten können, du Dreckstück! Und deine andere Busenfreundin, diese ausgezehrte Rachel, wird dir auch nicht zu Hilfe kommen. Es gibt jetzt bloß noch dich und mich. Oder hast du vergessen, dass die beiden sich in der Factory bei dem elenden Heiratsmarkt dem nächstbesten Hurensohn an den Hals gehängt haben?«

»Das stimmt nicht!«, begehrte Abby auf. »Rachel hat mit dem Fassbinder John Simon einen aufrechten Mann gefunden, der nur deshalb nach Australien verbannt worden ist, weil er aus Hunger im Fluss seiner Lordschaft gewildert hat. Für vier Forellen hat man ihn zum Sträfling gemacht und nach Australien verbannt. Und Megan hat mit dem Iren Tim O’Flathery einen nicht weniger rechtschaffenen Mann gefunden, dessen einziges Verbrechen es gewesen ist, Ire zu sein, und der daher sofort in den Verdacht geriet, mit den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht zu haben!«

»Und wenn schon! Keiner von ihnen wird dir jetzt beistehen, Herzchen!«

»Andrew wird mich finden! «, widersprach Abby mit erstickter Stimme, während der Druck auf ihre Kehle immer stärker wurde. »Andrew wird mich immer rechtzeitig finden!«

Cleo lachte verächtlich. »Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du es geschafft hast, den Sohn eines freien Siedlers um deinen Finger zu wickeln und ihn dazu zu bringen, ein Flittchen wie dich zu heiraten.«

Abby rang verzweifelt nach Atem. Sie versuchte sich aufzubäumen. »Ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen. Man hat mich für den Taschendiebstahl eines anderen verurteilt! Ich bin unschuldig … und ich liebe Andrew!«

»Pah!« Cleo spuckte ihr ins Gesicht. »Ich hab jetzt genug von deinem einfältigen Geschwätz. Also dann, fahr zur Hölle, Abby Lynn !«

Im selben Augenblick splitterten hinter ihnen die Planken der Bordwand, zerfressen von Holzwürmern und zermürbt von unzähligen Sturzbrechern und Kreuzseen. Die eisigen Fluten schossen durch immer breiter werdende Lecks in das Sträflingsdeck. Das Wasser flutete unter tosendem Rauschen in die Dunkelheit und spritzte in alle Richtungen. Ein Schwall strömte Abby über das Gesicht.

In Todesangst und unter Aufbietung all ihrer Kräfte warf sie Cleo von sich, schlug wild um sich und schrie voller Verzweiflung: »Andrew !… Andrew!«