Viertes Kapitel

Der Himmel klarte am Nachmittag wieder auf und es folgten fünf außerordentlich heiße Dezembertage, in denen Mensch und Tier von der Hitze wie gelähmt waren. Doch dann schlug das Wetter plötzlich um und der Regen kehrte zurück. Diesmal jedoch lösten sich die Regenwolken nicht wieder nach ein paar Stunden auf, sondern eine dunkle Wolkenwand nach der anderen zog über sie hinweg und lud mit wenigen kurzen Unterbrechungen immer neue Regenfluten über New South Wales ab.

Der erste schwere Wolkenbruch überraschte Abby beim Unkrautjäten im großen Gemüse-und Kräutergarten. Das Feld lag hinter dem Hühnerstall und war gut umzäunt, um die frei auf dem Gehöft herumlaufenden Tiere wie Hunde, Katzen und Federvieh davon abzuhalten, dort Schaden anzurichten.

Die Pflege des Gemüse-und Kräutergartens gehörte zu Abbys frei gewählten Aufgaben. Sie wusste die Gastfreundschaft der MacGuires sehr zu schätzen, wollte ihnen jedoch auf keinen Fall zur Last fallen und hatte deshalb darauf bestanden, sich auf Cardigan nach besten Kräften nützlich zu machen. Und darunter verstand sie nicht so leichte Tätigkeiten, wie beschädigte Kleidungsstücke mit Nadel und Faden zu flicken oder Bettüberwürfe zu stricken. Ihre Schwangerschaft ließ sie als Grund, sich körperlicher Arbeit zu entziehen, nicht gelten. Nicht nur weibliche Sträflinge, die ein Kind erwarteten, gingen ihrer regulären Arbeit fast bis zum Tag ihrer Niederkunft nach, sondern auch die Frauen und Töchter der freien Siedler arbeiteten ganz selbstverständlich weiterhin auf den Feldern oder im Haus, bis ihre Zeit gekommen war. Auf den Farmen im Buschland, deren Aufbau den Siedlern viele Jahre harter Arbeit und großer Entbehrungen abverlangte, wurde jede Hand gebraucht. Cardigan machte da keine Ausnahme. Und eine Schwangerschaft war ja keine Krankheit, die begründeten Anlass für eine besondere Schonung gegeben hätte.

Als der heftige Regenschauer von einem Moment auf den anderen einsetzte, packte Abby den Weidenkorb mit dem gejäteten Unkraut und die Harke und flüchtete aus dem Gemüsegarten. Eigentlich brauchte sie gar nicht zu rennen, denn der Regen würde sie so oder so bis auf die Haut durchnässt haben, lange bevor sie unter dem Vordach des Farmhauses Schutz finden konnte.

Plötzlich tauchte Percy wie aus dem Nichts an ihrer Seite auf. »Hier, der Stoff ist mit Lanolin eingerieben, da geht nichts durch! «, rief er und warf ihr ein Regencape mit Kapuze über. »Und gib mir die Harke!«

Verblüfft von Percys freundlicher Aufmerksamkeit, überließ sie ihm die Harke, schlug die Kapuze hoch und zog das Cape vor der Brust zusammen.

»Danke, Percy«, sagte Abby, als sie sich auf die überdachte Veranda geflüchtet hatten, und strich sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich wäre sonst jetzt durchnässt bis auf die Haut.«

Er grinste zufrieden. »Ich hab’s geahnt, dass es gleich wie aus Eimern schütten würde. Und da wollte ich dich nicht so im Regen stehen lassen.«

»Das war wirklich sehr nett von dir, Percy«, sagte sie und schenkte ihm ein herzliches Lächeln.

»Ach, nicht der Rede wert«, erwiderte er mit einer Mischung aus Verlegenheit und Stolz. »Und wenn du sonst noch was brauchen solltest, lass es mich nur wissen, ja?«

»Einverstanden«, sagte Abby.

Percy zwinkerte ihr fast verschwörerisch zu, als teilten sie nun ein Geheimnis, sah im nächsten Moment seinen Vater über den Hof auf das Haus zukommen und machte sich schnell davon, um ihm aus dem Weg zu gehen.

Verwundert sah Abby dem jüngsten MacGuire-Sohn nach, wie er sichtlich gut gelaunt durch die Pfützen stapfte und Augenblicke später in der Scheune verschwand, in der sich auch die Stallungen der Pferde befanden. Dort hielt er sich so oft wie möglich auf, galt seine große Leidenschaft doch den Pferden – zum großen Unmut seines Vaters, der ihn einen Taugenichts schimpfte.

Auf dem Weg zu Fitzroys Kammer grübelte sie über Percy nach. Er schien ihr in den letzten Tagen wie verwandelt. War er ihr die Wochen zuvor mit fast schon beleidigender Missachtung begegnet und hatte kaum ein Wort mit ihr gewechselt, so zeigte er sich nun von einer völlig anderen Seite. Er behandelte sie auf einmal mit übergroßer Freundlichkeit und legte eine besondere Aufmerksamkeit an den Tag, die sie dankbar und erleichtert entgegennahm – die sie zugleich aber auch verblüffte und ihr neue Rätsel aufgab. Gehörte Percy vielleicht zu jenen zwiegespaltenen Personen, die urplötzlich von einem Extrem in das andere fielen und bei denen man immer damit rechnen musste, dass die andere Seite ihrer Persönlichkeit schlagartig wieder die Oberhand gewann?

Was immer auch hinter seinem veränderten Verhalten stecken mochte, Abby war doch sehr erleichtert, dass Percy ihr nicht mehr grollte, weil er sein Zimmer für sie und Andrew hatte räumen müssen. Und dass er sich auf einmal so umgänglich zeigte und sich regelrecht bemühte, ihr ungebeten diesen oder jenen Gefallen zu tun, befreite sie von einem großen Unbehagen und machte ihr das Leben auf Cardigan um einiges leichter.

Sie hatte trotzdem noch Sorgen genug. Sorgen, die sie zu einem Großteil mit den MacGuires und allen anderen Siedlern am Hawkesbury teilte.

Ein kräftiger Regenschauer im Sommer war eine Seltenheit und für die Farmen am Hawkesbury daher ein wahrer Segen, der die Hoffnung auf eine gute Ernte stärkte. Doch beständiger Regen, der über Tage und Nächte hinweg wie ein dichter Schleier vom Himmel hing, führte nicht nur zu großen Schäden auf Feldern und Äckern, sondern wuchs sich schnell zu einer verheerenden Flutkatastrophe aus.

So zahm der Hawkesbury bei normalem Wasserstand auch wirkte, so wild konnte er doch werden, wenn der Regen ihn anschwellen ließ. Dann verwandelte er sich in einen reißenden Strom, der mit der Breite seines Flussbettes nicht mehr zufrieden war, sondern unbändig und voller Zerstörungswut über die Ufer trat und meilenweit im Umkreis das Land unter Wasser setzte. Dann wütete er wie ein apokalyptischer Reiter, der vom Himmel kam, um das Ende der Welt einzuläuten. Seine Fluten entwurzelten gesunde Bäume wie morsches Gehölz, umschlossen und ertränkten ganze Viehherden, die sich nicht schnell genug auf höher gelegenes Land flüchten konnten, und rissen die Gebäude so mancher Farmen nieder, die nicht mindestens dreißig Fuß über dem normalen Wasserstand des Hawkesbury errichtet worden waren. Und er konnte in einer einzigen Nacht um volle zwanzig Fuß steigen, wie die Siedler aus bitterer Erfahrung wussten.

Thomas MacGuire schickte täglich zweimal einen seiner Männer zum Fluss, um stets über den derzeitigen Stand der steigenden Fluten unterrichtet zu sein.

In den ersten drei Tagen der fast unaufhörlichen Regenschauer stieg das Wasser nur sehr langsam. Der Hawkesbury füllte sein Bett mit den Regenmassen der ersten Tage, so als wollte er zunächst Kraft sammeln, bevor er sich erhob und das Umland in Angst und Schrecken versetzte.

»Er streckt sich wie ein Riese, der langsam aus einem tiefen Schlaf erwacht«, sagte Thomas MacGuire mit düsterer Miene, als er selbst von einem Inspektionsritt an den Fluss nach Cardigan zurückkehrte. »Aber wenn sich erst mal der Regen, der in den Blue Mountains niedergegangen ist, gesammelt und seinen Weg zum Hawkesbury gefunden hat, dann wird er seine Muskeln schon spielen lassen, verlasst euch drauf!«

Und genau so kam es. War der Wasserstand des Flusses in den ersten Tagen jeweils nur um bescheidene drei bis vier Fuß geklettert, so stieg er am Ende der Woche plötzlich sprunghaft um fast zehn Fuß an. Es war, als hätte jemand am Oberlauf mächtige Schleusentore geöffnet.

»Jetzt kommt das Wasser aus den Bergen! Jetzt wird es ernst! «, kommentierte Thomas MacGuire den sprunghaften Anstieg und Abby glaubte in der Nacht förmlich hören zu können, wie sich die Wassermassen aus den Blue Mountains in die weite Ebene des Buschlandes ergossen und den friedlichen Hawkesbury in einen wild rauschenden, reißenden und gewalttätigen Strom verwandelten.

Cardigan befand sich nicht in unmittelbarer Gefahr, denn die Farm lag nicht nur viele Meilen landeinwärts, sondern zudem auch hoch genug, um sogar bei einem Anstieg des Hawkesbury auf über fünfundvierzig Fuß über Normalstand nicht von den Fluten bedroht zu werden. Aber die Schafe und Rinder mussten von den tiefer gelegenen Außenweiden im flussnahen Süden auf sicheres Land im Norden der Farm getrieben werden.

Auch galt es, den Nachbarn zu Hilfe zu eilen, die weniger vorausschauend gewesen waren und ihre Farmen zu nahe am Fluss oder auf nicht hoch genug gelegenem Grund errichtet hatten. Und der Hawkesbury griff nach ihnen wie eine Riesenkrake mit ihren unzähligen Tentakeln. Nur dass die Fangarme in diesem Fall aus heranströmenden, gurgelnden Fluten bestanden, die sich gierig vorwärts wälzten und alles zu zerstören suchten, was sich ihnen in den Weg stellte.

Da für die Hofanlage von Cardigan keine Gefahr bestand, kam Thomas MacGuire mit allen verfügbaren Kräften vor allem seinem arg bedrängten Nachbarn auf Windermere zu Hilfe.

Die Farm gehörte dem Schotten James Barrow, der mit seiner Frau Mary-Anne und seinen fünf zumeist noch halbwüchsigen Kindern erst vor knapp anderthalb Jahren in der Kolonie eingetroffen war und sich südöstlich von Cardigan niedergelassen hatte. James Barrow hatte jedoch den Fehler begangen, seine Farmgebäude viel zu nahe am Hawkesbury zu errichten, verlockt von der idyllischen Lage und dem umliegenden fruchtbaren Land.

Die Barrows hatten jedoch noch Glück im Unglück. Denn eine Hügelkette erstreckte sich eine Dreiviertelmeile vom Gehöft entfernt fast parallel zum Fluss, der von dort aus nur noch zwei Meilen entfernt war.

»Wenn wir es schaffen, die drei tiefen Einschnitte zwischen den Hügeln zu schließen, bevor das Wasser heran ist, können wir Windermere vor schweren Schäden bewahren!«, verkündete Thomas MacGuire. »Vorausgesetzt, der verdammte Regen hört endlich auf!«

Zusammen mit den drei Sträflingen, die der freie Siedler James Barrow als Arbeiter zugewiesen bekommen hatte, mühten sich alle Männer und Frauen von Cardigan auf Windermere ab, Pfähle in den Boden zu rammen, sie mit einer doppelten, sich überlappenden Lage von Brettern zu verbinden und davor Erde zu einem soliden Damm aufzutürmen.

Auch Abby fuhr mit nach Windermere, weil bei diesem Wettlauf mit der entfesselten Natur jedes Paar Hände gebraucht wurde. Sogar die Kinder der Barrows, von denen das Jüngste fünf und das Älteste vierzehn war, mussten bis zur Erschöpfung ihren Teil der Arbeit leisten. Hier stand ihre Existenz auf dem Spiel.

Abby füllte Seite an Seite mit Percy Jutesäcke mit Erde. Der Vorrat an Säcken war jedoch schnell verbraucht und schließlich ergriff auch sie einen Spaten und schaufelte die regenschwere, dunkle Erde vor die provisorischen Bretterdämme, bis sie keine Kraft mehr hatte.

In der zweiten Nacht glitten die Fluten heran und stiegen an den Hügeln empor. Im spärlichen Licht der wenigen Lampen, die in den Bäumen hingen, wirkte die gewaltige Wasserfläche, die von Süden kam und nach den Hügeln griff, wie ein namenloses Tier von unermesslichen Ausmaßen. Ein gefräßiges Raubtier, das sich im Schutz der Dunkelheit anschlich, um seinem Opfer keine Chance zur Flucht zu lassen.

Der östliche der drei Dämme war der, an dem sich das Schicksal von Windermere entscheiden würde. Er war die breiteste der drei Barrieren, und wenn das Wasser hier durchbrach und die aufgeworfene Erde wegspülte, dann gab es auch für den Hof dahinter keine Rettung mehr.

Die Angst stand den Barrows ins Gesicht geschrieben, als das Wasser an diesem Damm in der zweiten Nacht der Hilfsaktion immer höher kroch. Inch um Inch eroberte es das ansteigende Gelände. Schon sickerten die ersten Rinnsale auf der anderen Seite durch die Ritzen zwischen den Brettern und sammelten sich zu einem mehrere Fuß breiten Bach, der geradewegs auf das Gehöft zukroch. Das Holz ächzte bedrohlich unter dem Druck der gestauten Wassermassen.

Es schien schon alles verloren. Doch dann, im fahlen Licht des Morgengrauens, kam die Wende, die besonders den Barrows wie ein Wunder erschien. Nur drei Fuß unterhalb der Dammkrone blieb das Wasser stehen. Ja, es fiel bald sogar wieder um zwei Fuß. Offenbar hatten die Fluten anderswo tief liegendes Land erreicht, in das sie sich nun ergossen und dabei aus dem Gebiet um Windermere einen Teil ihrer Massen abzogen.

Völlig erschöpft, aber von Freude über den Sieg überwältigt, fielen sich die Männer und Frauen gegenseitig in die Arme. Und dabei geschah es, dass Abby sich plötzlich in den Armen von Percy wieder fand. Er umarmte sie stürmisch und dabei spürte sie seinen Mund, der sich auf die nackte Haut ihrer Halsbeuge presste.

Es war ihr äußerst unangenehm und sie machte sich schnell frei von ihm, dachte sich jedoch nichts weiter dabei. Zumal sie viel zu müde war, als dass sie noch zu einem klaren Gedanken fähig gewesen wäre. Sie schlief auch sofort ein, kaum dass sie auf das Fuhrwerk, das sie zurück nach Cardigan brachte, geklettert war und sich auf dem nassen Stroh ausgestreckt hatte.

Die Erinnerung an das heftige Unbehagen blieb jedoch wie ein winziger Dorn, der sich unter die Haut gebohrt hatte, in ihrem Unterbewusstsein haften.