Sechstes Kapitel

Stunde um Stunde verstrich. Die Hitze in dem fensterlosen Raum, in den vom Gang aus kaum Tageslicht drang, stieg wie in einem Backofen und der Durst wurde immer quälender.

Erst am Nachmittag kehrte Cleo zurück. »Es ist leider ein paar Minuten länger geworden, Schätzchen«, sagte sie. »Ich hoffe, du hast dich nicht allzu arg gelangweilt. Aber du wirst sehen, das Warten hat sich gelohnt. Ich habe nämlich etwas gefunden, was dir ganz ausgezeichnet zu Gesicht stehen wird. Hier!« Sie warf ihr ein dreckstarrendes und nach Fäkalien und Urin stinkendes Kleid vor die Füße, das nur aus Flicken zu bestehen schien – und zwar Flicken, die man aus dem groben Stoff von Jutesäcken geschnitten hatte.

»Ich habe Durst«, sagte Abby matt.

»Ach, wirklich? Ist dir hier ein wenig warm geworden? Warum hast du das denn nicht früher gesagt? Ich hätte dir doch sofort eine Kanne Wasser gebracht, Schätzchen. Das hole ich natürlich gleich nach. Aber erst mal ziehst du dein neues Kleid an und dann gibt es ein bisschen Fußschmuck.«

Abby überwand ihren Ekel, zog das stinkende Etwas über und ließ sich dann das Fußeisen anlegen. Die Kette, die Cleo an den Ring an der hinteren Wand schloss, erlaubte ihr gerade mal drei Schritte. Die Tür vermochte sie damit nicht mehr zu erreichen. Noch nicht einmal, wenn sie sich der Länge nach auf dem Boden ausstreckte, konnte sie die Bohlen berühren.

»Ich hole dir jetzt das Wasser«, versprach Cleo. »Ich weiß, wie schlimm Durst sein kann. Der kann einen so wahnsinnig machen, dass man sich die Pulsadern aufbeißt und sein eigenes Blut säuft! Aber dazu werde ich es natürlich nicht kommen lassen!«

Abby richtete sich darauf ein, wieder stundenlang warten zu müssen. Umso größer war deshalb ihr Erstaunen, als sie keine zehn Minuten später hörte, wie auf der anderen Seite der Tür die Riegel wieder zurückgeschoben wurden.

»Du siehst, ich stehe zu meinem Wort«, sagte Cleo, setzte eine Blechkanne vor ihr auf den Boden und fuhr sich mit dem Unterarm über die verschwitzte Stirn. »Ich habe mich sogar so beeilt, dass ich richtig ins Schwitzen gekommen bin. Was tut man nicht alles für eine Freundin aus der guten alten Zeit!«

Dass Cleo ihr so schnell Wasser gebracht hatte, hätte Abby misstrauisch machen müssen. Doch nachdem Cleo sie geschlagen und gedemütigt und ihr Geld und Kleider abgenommen hatte, glaubte Abby vorerst von weiteren Bösartigkeiten verschont zu bleiben. Zudem machte ihr der Durst so sehr zu schaffen, dass sie die warnende Stimme überhörte, die sich in ihrem Innern regte und zur Vorsicht mahnte.

Sie griff zur Kanne, setzte sie an ihren ausgedörrten Mund und nahm einen kräftigen Schluck. Im selben Augenblick stieg ihr auch schon der bittersalzige Geruch in die Nase – und sie spie die Flüssigkeit in hohem Bogen aus.

Cleo brach in schallendes Gelächter aus. »Was hast du? Sag bloß, dir schmeckt mein köstliches Salzwasser nicht? Ich habe da auch noch einen Schuss Schweinegalle reingerührt, aus alter Freundschaft. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber du wärst nicht die Erste, die das Zeug letztlich doch noch getrunken hat.«

Abby würgte und hätte sich fast übergeben.

»Man kann nämlich vor Durst verrückt werden, weißt du das? Tja, nur zu dumm, dass man hinterher noch mehr Durst hat als vorher. Also dann, lass es dir munden. Ich jedenfalls werde mir jetzt im Black Dog zur Feier unseres Wiedersehens ordentlich was erlauben. Schade, dass du nicht dabei sein kannst. Aber ich werde in Gedanken auf dich anstoßen, Herzchen. Denn immerhin bezahlst du ja, wenn ich es recht betrachte, für die nächste Zeit dort meine Zeche.« Sie lachte höhnisch, warf dabei die Tür wieder zu und schob die schweren Riegel vor.

Abby schwor sich, nicht von dem scharfen Salzwasser zu trinken. Sie wusste, dass jeder Schluck nicht Linderung bringen, sondern ihren Durst noch quälender machen würde.

Aber das gallige Salzwasser war zu etwas anderem gut! Sie konnte damit den Urin aus ihrem Geldgurt spülen und diesen stinkenden Fetzen von Kleid zumindest so weit säubern, dass er nicht länger wie aus der Kloake gezogen stank!

Als sie damit fertig war, schleuderte sie den Rest der Flüssigkeit gegen die Tür, damit sie erst gar nicht in Versuchung kam, davon zu trinken.

Sie klammerte sich an den Gedanken, dass der Gefängniswärter es nicht zulassen würde, dass man sie verdursten ließ – nicht einmal Cleo würde das wagen.

Es war schließlich Cecil Boone, der am Abend nach ihr schaute. »Das hast du davon! Keiner legt sich ungestraft mit Cleo an. Sogar Winston Patterson, der hier doch eigentlich das Sagen hat, wagt es nicht, sie gegen sich aufzubringen. Cleo fürchtet er noch mehr, als er die Rotröcke hasst«, sagte er achselzuckend. »Sie ist ein echtes Aas, das ist sicher. Aber daran kann ich auch nichts ändern. Jetzt musst du sehen, wie du mit ihr fertig wirst!«

Von ihren Klagen und Bitten wollte er nichts hören. Aber er warf ihr doch einen alten Jutesack in die Zelle, der mit Eukalyptusblättern gefüllt war, sodass sie nicht auf dem nackten Boden schlafen musste, und er brachte ihr auch einen Kanten Brot und eine volle Kanne Wasser.

Abby weinte vor Erlösung und Dankbarkeit.