Epilog

Nicht eine Wolke fand sich am Himmel, als der neue Tag anbrach. Die Dunkelheit riss im Osten auf und wie die feurige, rasch fließende Lava eines ausbrechenden Vulkans ergoss sich das Licht über den Horizont und griff nach dem Himmel. Der kräftig rote Schein gewann schnell an Helligkeit, je mehr er sich ausbreitete, verschwamm zu einem flüssigen Rosa wie unter dem wässrigen Pinsel eines Malers, der an einem Aquarellbild arbeitete, und erhielt schon Augenblicke später zarte Streifen aus lichtem Grün und Blau. Die Sterne verblassten im unwiderstehlichen Ansturm des aufsteigenden Lichts und die Schatten der Nacht wichen geschlagen nach Westen, duckten sich hinter Sträuchern und versteckten sich in Wäldern, Senken und Schluchten.

Abby und Andrew saßen im feuchten Gras einer Hügelkuppe und verfolgten in gedankenversunkenem Schweigen das grandiose Schauspiel der Natur, die den neuen Tag mit einer verschwenderischen Explosion von Licht und Farben begann. Sie hockten schon eine ganze Weile auf der kleinen Anhöhe, die sich keine hundert Schritte hinter dem schmalen Lauf des Coonawarra Creek erhob. Der restliche Tee in ihren Emaillebechern war schon kalt geworden.

Die rot glühende Scheibe der Sonne tauchte aus dem Meer ihres vorausgeschickten Lichtes auf und stieg am Himmel empor. Es war, als hätte eine Geisterhand plötzlich ein dunkles Tuch weggezogen, das eben noch über dem Buschland gelegen hatte. Der Blick konnte nun ungehindert in die Weite gehen.

Sie blickten beide nach Süden. Denn dorthin, in das noch unbesiedelte, unbekannte Land, würde sie der Treck der Siedler führen, die sich hier jenseits der Grenze von New South Wales in der weiten Senke am Coonawarra Creek eingefunden hatten. Am gestrigen Tag war auch die letzte Gruppe aus Camden eingetroffen. Damit waren sie vollzählig: zwölf Ehepaare mit insgesamt fünfzehn Kindern, von denen Jonathan mit seinen drei Wochen das jüngste und Stanley, der Sohn eines Siedlerehepaares aus Windsor, mit siebzehn Jahren das älteste Kind war.

Andrew atmete tief durch. »Ich kann es noch nicht glauben, dass die Zeit des Versteckens in Parramatta und des Wartens hier im Busch endlich vorbei ist und dass wir heute zu unserem Treck aufbrechen!«

»Ich auch nicht. Endlich ist es so weit, Andrew. Der Tag des großen Aufbruchs ist gekommen!«, sagte sie voll freudiger Ungeduld, in die sich jedoch auch eine Spur von Bangen vor dem Ungewissen mischte. »Was uns wohl dort erwarten wird?«

»Mit Sicherheit ein großes Abenteuer voller Überraschungen jeder Art. Aber nichts, was wir nicht gemeinsam bewältigen könnten !«, antwortete er mit unwiderstehlicher Zuversicht. »Alles in mir sagt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben und dass dies die Chance unseres Lebens ist! Und wir werden sie nutzen!«

Sein kraftvoller Optimismus ließ auch bei Abby keinen Raum für furchtsame Gedanken. »Ja, das werden wir! «, pflichtete sie bei.

Der Geruch von Holzfeuern drang zu ihnen herüber, begleitet von allerlei Stimmen und Geräuschen, die typisch für ein Lager waren, das zum Leben erwachte. Auch das Vieh machte sich nun lautstark bemerkbar.

»So, und jetzt lass uns zum Camp zurückkehren«, sagte Andrew, kippte den kalten Tee ins Gras, erhob sich und streckte ihr seine Hand hin. »Es ist auch Zeit, dass wir nach Jonathan sehen.«

Lachend nahm Abby seine Hand und sprang auf die Beine. Manchmal übertrieb er es mit seiner Sorge um ihr Kind. »Aber Andrew, Jonathan ist bei Megan wirklich in den allerbesten Händen«, sagte sie belustigt, doch auch mit Zärtlichkeit. »Sie hat doch selbst zwei Kinder.« Jennifer und Harriett, die beiden Töchter von Megan und Timothy, gehörten mit ihren zweieinhalb und vier Jahren zu den jüngeren Kindern, die mit auf den großen Treck gingen.

»Ja, deine Megan ist schon in Ordnung und auch Timothy ist ein patenter Bursche … Aber dennoch … Wenn es um mein Kind geht, dann verlasse ich mich lieber auf dich und mich«, sagte er mit einem verlegenen Lachen. »Außerdem müssen wir das Zelt abbrechen, alles aufs Fuhrwerk laden, die Ochsen einspannen und uns um unser anderes Vieh kümmern, wenn wir rechtzeitig mit den anderen fertig sein wollen. Ich möchte nachher nicht derjenige sein, der schuld daran ist, dass sich der Aufbruch verzögert.«

Abby bedachte ihn mit einem liebevollen Schmunzeln. »Ich bin sicher, wir werden zu denjenigen gehören, die auf die anderen warten müssen.«

Sie gingen den Hang hinunter und vor ihren Augen, in der großen Senke am Coonawarra Creek, erstreckte sich das Lager. Das weiche Licht des jungen Morgens fiel auf eine Wagenburg aus fast zwei Dutzend schweren Fuhrwerken, denn fast alle Familien waren mit zwei der schweren Überlandwagen gekommen. Ähnlich viele Zelte von unterschiedlicher Größe standen im Innern dieser Wagenburg. Und an mehreren Stellen stieg schon der Rauch von Kochfeuern auf.

Das Vieh, als da waren Ochsen, Kühe und Pferde, Schafe, Ziegen und Schweine, war außerhalb der Wagenburg in provisorischen Koppeln und Pferchen untergebracht. Zäune aus Zweigen von silbrigen Dornenbüschen verhinderten jeden Versuch, daraus auszubrechen. Zudem patrouillierten nachts Wachen ebenso um die Koppeln und Pferche wie um die Wagenburg. Drahtkäfige mit Hühnern und Gänsen fanden sich dagegen im Innern des Lagers neben jedem Zelt.

Hand in Hand gingen Abby und Andrew zum Lager ihrer Freunde und Schicksalsgefährten zurück, mit denen sie in wenigen Stunden zum großen Treck nach Süden aufbrechen würden – in ein Land, das vor ihnen noch kein Weißer betreten hatte. Ein Land voll unbekannter Gefahren, aber auch verlockend und voller Verheißungen …