Vierzehntes Kapitel

Am frühen Nachmittag brachte Abby ihr Kind im Kerker zur Welt. Mit einem durchdringenden Schrei protestierte das Baby dagegen, auf so schmerzhafte und rücksichtslose Weise aus der paradiesischen Geborgenheit des Mutterleibs vertrieben zu werden. Es bäumte sich auf und mit winzigen, geballten Fäusten und verschrumpelten, noch von Blut glänzenden Beinchen strampelte es in den Händen der Hebamme, als wollte es sich ihr entwinden und wieder dorthin zurückkriechen, wo es neun Monate lang in wunschloser und ahnungsloser Glückseligkeit herangewachsen war.

»Es ist ein Junge«, sagte Eugenia Sutherland mit weicher Stimme. Auch nach all den Jahren stellte jedes Neugeborene für sie immer noch ein Wunder dar und deshalb gestattete sie sich in diesem Moment sogar ein Lächeln. »Hast du schon einen Namen für ihn?«

»Jonathan«, antwortete Abby mit erschöpfter Stimme. »Er wird Jonathan heißen.«

Die Hebamme nickte beifällig. »Möge Gottes Segen allzeit mit dir sein, Jonathan«, sagte sie fast feierlich. Dann wusch sie das Neugeborene in einem Bottich mit warmem Wasser, wickelte es in ein sauberes Leinentuch und legte es Abby in die Arme.

Lucinda stand in der Tür und lächelte mit feuchten Augen. Es war das wehmütige Lächeln einer Frau, der eigener Kindersegen verwehrt geblieben war.

»Mein Kind, mein Jonathan«, flüsterte Abby bewegt und blickte mit wortlosem Staunen und einem überwältigenden Glücksgefühl auf das winzige, rosige Bündel in ihren Armen. Wie klein und zart ihr Kind doch war! Und sie hatte dieses Wesen, das zu einem Mann wie sein Vater heranwachsen und eines fernen Tages selbst Kinder zeugen würde, neun Monate in sich getragen und ihm nun das Leben geschenkt. Etwas, was seit unzähligen Generationen geschah – und doch ein Wunder blieb.

Für eine Weile vergaß sie völlig, wo sie sich befand und welches Schicksal ihr bevorstand. Auch die Schmerzen, die ihren erschöpften, schweißbedeckten Körper zuletzt wie mit Messern durchschnitten hatten, nahm sie nur noch unbewusst wahr. Zärtlich strich sie über den kleinen Kopf ihres Sohnes, berührte behutsam die noch rotfleckigen Wangen und steckte einen Finger in das Händchen mit den winzigen Fingerchen, die jedoch erstaunlich kräftig zugriffen und sich an ihren Finger klammerten.

Sie legte ihr Baby an die Brust, obwohl die Muttermilch erst später fließen würde, wie sie wusste. Was für ein wunderbares Gefühl, ihr Kind Haut an Haut zu spüren! Der winzige Mund begann auch schon ganz unwillkürlich an ihr zu nuckeln, während die kleinen Ärmchen ungeduldig auf ihre Brust trommelten.

In diesem Moment wurde ihr jäh bewusst, dass nicht sie ihr Kind stillen würde, sondern eine Amme, die Andrew schon mit Rachels Hilfe für diese Aufgabe verpflichtet hatte. Die grausame Wirklichkeit hatte sie wieder und Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Dass Abby inzwischen ihr Kind zur Welt gebracht hatte, erfuhr Cleo erst gut zwei Stunden nach der Geburt, als die Hebamme das Gefängnis verließ und sich in der Wachstube melden musste, um hinausgelassen zu werden. Es war, als hätte Eugenia Sutherland geahnt, dass Abby dankbar für jede Minute war, die sie mit ihrem Baby verbringen konnte, bevor Cleo zu Ohren kam, dass sie und das Kind die Geburt gut überstanden hatten. Jedenfalls hatte sich die Hebamme viel Zeit für die Nachversorgung genommen und ihr auch noch viele gute und ausführliche Ratschläge gegeben, worauf eine junge Mutter bei der Aufzucht ihres Kindes zu achten habe.

Cleo griff nun sofort zu ihrer Krücke und begab sich trotz der Schmerzen, die ihr der Weg über den Hof und die steile Treppe bereitete, zu Abby in den Kerker.

»Na also, endlich hast du mein Kind zur Welt gebracht! Das wurde aber auch Zeit!«, sagte sie, als sie in die Zelle trat. »Es ist zwar nur ein Junge geworden, wie ich gehört habe. Aber auch ein Junge wird mir recht gute Dienste erweisen, obwohl ich mit einem Mädchen natürlich erheblich besser gefahren wäre.«

Abby zwang sich mit aller Kraft, sie weder eines Blickes noch eines Wortes zu würdigen. Mit blassem Gesicht kauerte sie in der Ecke und hielt ihr Baby an ihre Brust gepresst. Sie hatte Angst, aus ohnmächtiger Wut und Verzweiflung etwas Falsches zu sagen. Und wenn sie Cleo provozierte und gegen sich in Rage brachte, war nicht auszuschließen, dass sie ihr das Kind schon jetzt gleich wegnahm. Und dann war alles verloren.

»Sag mal, sind die neuesten Nachrichten auch schon zu dir gedrungen?«, fragte Cleo voller Häme. »Hast du gehört, dass seit gestern die Phoenix da unten im Hafen vor Anker liegt?«

Abby spürte, wie sich ihr Körper verkrampfte. Sie hob nun den Kopf. »Nein«, sagte sie mit banger Stimme, denn es war vielleicht klüger, dann und wann eine Reaktion zu zeigen. Cleo brauchte es, sie leiden zu sehen. Und es war nicht schwer, ihr diesen Gefallen zu erfüllen.

»Der Captain der Phoenix kennt sich auf der Route Sydney – Norfolk Island bestens aus, hat er doch schon mehrere Fahrten zu dieser elenden Insel da draußen hinter sich gebracht«, teilte ihr Cleo genüsslich mit. »Und rate mal, mit welchem Ziel er in ein paar Tagen ausläuft?«

Abby schluckte. »Da brauche ich nicht lange zu raten… Ich vermute, er segelt wieder zur Sträflingsinsel.«

Cleo grinste höhnisch. »Richtig, ich vergaß, was für ein schlaues Köpfchen du doch bist. Deshalb hast du dich auf der Kent ja auch mit mir angelegt.«

»Das hatte nichts mit dir persönlich zu tun. Ich habe mich nur verteidigt und Rachel geholfen, das ist alles«, erwiderte Abby, obwohl sie wusste, wie sinnlos es war, Cleo mit solchen Beteuerungen zum Einlenken bringen zu wollen.

Cleo lachte auch nur verächtlich über ihren Einwand. »Von wegen es hatte nichts mit mir persönlich zu tun! Versuch bloß nicht, dich da herauswinden zu wollen, du Jammerlappen! Das verfängt bei mir nämlich nicht. Wer mir so dreist wie du vor allen Leuten an den Wagen pinkelt und dabei auch noch seinen Mund aufreißt, der wird das bitter bereuen – früher oder später. Und damit sind wir wieder bei der guten alten Phoenix. Ich bin sicher, du kannst es kaum erwarten, wieder eine Seereise anzutreten. Wirklich schade, dass Neugeborene und Kleinkinder im Zwischendeck der Sträflinge nicht willkommen sind. Das liegt bestimmt am rauen Klima – an Bord wie auf der Insel.« Ihr Hohn wurde noch beißender, als sie die Tränen in Abbys Augen bemerkte. »Aber wer wird denn weinen? Dazu besteht doch wirklich kein Grund. Für deinen Balg wird bestens gesorgt werden, Herzchen. Ihn in meiner liebenden Obhut zu wissen gibt dir bestimmt den nötigen Seelenfrieden, um die Überfahrt im dunklen Zwischendeck und den Aufenthalt auf Norfolk Island so richtig genießen zu können. Ich habe übrigens gar nichts dagegen, wenn du dann und wann einmal dankbar an mich denkst.« Damit ließ Cleo sie allein mit ihrem Kind – und ihrer Angst.

Als Lucinda am Abend noch einmal in den Kerker kam, um zu sehen, wie es Abby und ihrem Baby ging, da bedrängte Abby sie mit Fragen zur Phoenix.

»Ja, es stimmt, was Cleo dir erzählt hat«, bestätigte Lucinda mit bedrückter Miene. »Die Phoenix soll schon in ein paar Tagen mit Kurs auf Norfolk Island auslaufen.«

Vorwurfsvoll sah Abby sie an. »Und warum muss ich das erst von Cleo erfahren? Mein Gott, warum hast du mir das verschwiegen?«, fragte sie gequält.

»Ich wollte dir so kurz vor der Geburt das Herz nicht noch schwerer machen«, antwortete Lucinda mit einem entschuldigenden Lächeln.

Abby nickte kaum merklich. »Ist denn schon bekannt, wann sie die Sträflinge, die auf die Insel geschickt werden, auf der Phoenix einschiffen?«

Lucinda wich ihrem Blick aus und sagte leise: »Am Samstagmorgen soll sie in See stechen. Am Tag davor wird man die knapp drei Dutzend Sträflinge an Bord bringen.«

»Am Freitag werden wir eingeschifft? Aber das ist ja schon übermorgen ! «, entfuhr es Abby entsetzt. »Das heißt, dass es morgen passieren muss!«

Lucinda nickte mit ernster Miene. »Es ist alles vorbereitet, Abby. Reverend Elias Thornton wird morgen Abend zur Taufe deines Kindes hierher in den Kerker kommen.«