Neuntes Kapitel

Abby erledigte zusammen mit Julia und Elizabeth MacGuire in der Küche gerade den morgendlichen Abwasch, als Matthew die Tür aufstieß und aufgeregt rief: »Soldaten! Eine Abteilung berittener Rotröcke ist im Anmarsch.«

Die Augen aller gingen sofort zu Abby.

Noch bevor eine der Frauen etwas sagen konnte, wurden im Flur hinter Matthew eilige Stiefelschritte laut und im nächsten Augenblick erschien der Farmer in der Tür. Er hielt sein ausziehbares Fernrohr aus blank poliertem Messing in den Händen.

»Es ist Lieutenant Danesfield!«, verkündete er mit ernster Miene und richtete seinen Blick auf Abby. »Vielleicht hat sein Auftauchen ja einen ganz harmlosen Grund, aber das würde mich wundern, Abby. Nicht, dass ich dir Angst machen will, aber …« Er führte den Satz nicht zu Ende, was auch nicht nötig war. Keiner im Raum glaubte ernstlich daran, dass ein Zufall den Lieutenant nach Cardigan geführt hatte. Allein schon die Tatsache, dass er das Risiko nicht gescheut und es irgendwie fertig gebracht hatte, mit seinen Soldaten über den Fluss zu setzen, war ein deutliches Zeichen, dass sie es nicht mit einer gewöhnlichen Patrouille zu tun hatten.

»Ich verstehe schon, Mister MacGuire«, sagte Abby und rang um Fassung, während beängstigende Gedanken sie bestürmten. Die Sorge um Andrew machte ihr dabei weit mehr zu schaffen als alles andere.

»Ich glaube nicht, dass es Zweck hat, dich irgendwo zu verstecken«, sagte Thomas MacGuire bedauernd.

»Natürlich nicht!«, erwiderte Abby mit Nachdruck. Sie wollte auf gar keinen Fall dafür verantwortlich sein, dass man ihretwegen womöglich auch noch die Farm der MacGuires niederbrannte. Und ein Fluchtversuch im hellen Licht des Tages hatte nicht die geringsten Aussichten auf Erfolg, auch wenn sie noch so gut reiten konnte. Warum sollte sie auch flüchten wollen? Sie hatte sich doch nicht das Geringste zu Schulden kommen lassen. Und verraten konnte sie weder Melvin noch Andrew, wusste sie doch nicht, wo sie sich zurzeit aufhielten. »Ich habe keinen Grund, mich vor irgendjemandem zu verstecken.«

»Ein reines Gewissen genügt heutzutage nicht mehr«, erinnerte Matthew sie grimmig.

»Ja, seit diese gewissenlose Offiziersclique in Sydney die Macht an sich gerissen hat, gibt es in der Kolonie keinerlei Rechtssicherheit mehr«, pflichtete sein Vater ihm mit finsterer Miene bei. »Diese Meuterer haben die reine Willkür auf ihre Fahnen geschrieben!«

Abby nickte. »So oder so, ich werde nicht so töricht sein, mein Heil in der Flucht zu suchen. Verschafft mir nur ein paar Minuten Zeit, damit ich vorher für alle Fälle noch eine wichtige Sache erledigen kann«, bat sie.

»Was in meiner Macht steht, werde ich versuchen«, versprach Thomas MacGuire. »Aber was immer du noch tun willst, sieh bloß zu, dass du dich damit beeilst! Denn die Rotröcke werden jeden Moment in den Hof geritten kommen. Und dieser Lieutenant Danesfield ist nicht bekannt für seine Geduld!«

»Danke! Ich brauche auch nicht lange«, sagte Abby und rannte aus der Küche in ihr Zimmer. Sie holte die Umhängetasche mit der Metallkassette unter dem Bett hervor. Den Schlüssel trug sie an einer Schnur um den Hals. Schnell zog sie ihn unter ihrem Kleid hervor und schloss den Behälter auf.

Andrew hatte schon einige der wichtigsten Papiere und einen Großteil des Geldes aus der Kassette genommen, bevor er nach Sydney aufgebrochen war, um nach seinen Geschwistern zu suchen. Aber die Schatulle enthielt noch immer mehrere Rollen Münzen, die eine beträchtliche Summe ergaben, sowie mehrere Dokumente, über deren Wert und Bedeutung sie jedoch nichts sagen konnte. Aber das eine wie das andere musste sie in vertrauensvolle Hände legen, sollte sie bald selbst nicht mehr darüber wachen können.

Ihr Blick fiel auf den geflochtenen Nähkorb, der auf einem Schemel in der Ecke stand. Mehrere Kleidungsstücke, die ausgebessert werden mussten, hingen darüber an den beiden hölzernen Wandhaken.

Abby riss den Korb an sich und zog daraus einen kleinen Leinenbeutel hervor, der mit allerlei Flicken gefüllt war. Sie leerte den Beutel, füllte ihn hastig mit den Münzen und Papieren aus der Metallkassette und stopfte ihn wieder ganz nach unten in den Nähkorb. Mit dem Weidenkorb am Arm kletterte sie dann aus dem Fenster.

Zur selben Zeit erreichten die Soldaten den Hof von Cardigan. Von der anderen Seite des Farmhauses drangen der Hufschlag der Pferde und die scharfe Kommandostimme des Offiziers zu ihr herüber, als sie in geduckter Haltung an der Hinterfront der Scheune vorbeischlich, den Schutz eines abgestellten Fuhrwerks nutzte und schließlich den großen Bretterschuppen erreichte, der den MacGuires als Werkstatt diente. Und dort am Schraubstock fand sie wie erwartet Stuart Fitzroy vor. Er hockte mit seinem Beinstumpf auf einem kniehohen Hauklotz und bearbeitete ein langes, rohes Stück Holz mit dem Hobel. Tags zuvor hatte er mit der Arbeit begonnen und mittlerweile konnte man dem Stück Holz schon ansehen, dass es eine Beinprothese werden sollte.

Der einstige Zimmermann von Yulara war so sehr in seine Arbeit versunken, dass er erschrocken zusammenfuhr, als Abby ihn ansprach.

»Oh, Sie sind es, Missis Abby! Ich habe Sie gar nicht kommen gehört. Sehen Sie, mein neues Bein nimmt langsam Gestalt an. Ich fürchte zwar, dass …« Er sprach nicht weiter, sondern stutzte. Erst jetzt nahm er die Unruhe auf dem Hof wahr. Und mit gefurchter Stirn fragte er: »Himmel, was geht denn da draußen vor sich?«

»Lieutenant Danesfield ist gerade mit einer Abteilung Soldaten eingetroffen! Und ich glaube nicht, dass sie hier Halt machen, nur um ihre Tiere zu tränken«, antwortete Abby. »Sie suchen nach Andrew und mir.«

Erschrecken trat auf Stuart Fitzroys Gesicht. »Noch ist nicht alles verloren, Missis Abby!« Er griff zu seiner Krücke. »Ich versuche, ein Pferd …«

»Nein, vergiss das, Fitzroy!«, unterbrach Abby ihn hastig und hielt ihn zurück. »Ich hätte keine Chance und das weißt du auch. Wenn sie es tatsächlich auf Andrew und mich abgesehen haben, entkomme ich ihnen heute nicht. Nein, du kannst mir und Andrew aber auf andere Weise helfen. Und zwar kannst du dafür sorgen, dass das restliche Geld und die Papiere aus der Kassette nicht in falsche Hände fallen.« Rasch zeigte sie ihm den voll gestopften Geldbeutel. »Wenn Andrew noch auf freiem Fuß ist, wird er sich bald mit dir in Verbindung setzen. Und dasselbe gilt auch für Melvin.«

»Sie können sich auf mich verlassen!«, versprach Stuart Fitzroy. »Aber haben Sie sich denn für alle Fälle auch selbst genug Geld eingesteckt?«

Abby schüttelte den Kopf. »Sie würden es mir ja doch sofort abnehmen. So, und jetzt wird es Zeit, dass ich mich zeige. Sonst lässt der Lieutenant die ganze Farm auf den Kopf stellen!«

»Warten Sie! Man wird das Geld nicht finden, wenn Sie es nur gut am Körper verstecken!«

»Dafür ist jetzt keine Zeit mehr!«

»Oh doch! Dafür bleibt uns noch Zeit genug. Ich habe nämlich eine Idee! Falls man Sie wirklich mitnimmt, bestehen Sie vorher darauf, noch einmal auf den Abort gehen zu dürfen. Und glauben Sie mir, der Lieutenant wird Cardigan so oder so auf den Kopf stellen. Denn auf Ihr Wort oder das der MacGuires, dass Ihr Mann die Farm schon vor Wochen verlassen hat, wird er nichts geben. Schauen Sie unter den Eimer mit Sand, der immer rechts hinter der Tür steht!« Er sah sie gequält an. »Gott beschütze Sie!«

Abby zwang sich zu einem tapferen, hoffnungsvollen Lächeln. »So schlimm wird es schon nicht werden, Fitzroy. Was können sie mir denn noch groß antun? Sie haben uns doch schon nach Australien verbannt!«

Sie verließ die Werkstatt, schlug einen Bogen und kam dann von der anderen Seite zwischen den Nebengebäuden hervor. Beim Anblick der bewaffneten Soldaten in ihren roten Uniformen, die vor dem Farmhaus in einem Halbkreis Aufstellung genommen hatten, wurde ihr doch sehr flau zu Mute. Die aufgepflanzten Bajonette blitzten in der Sonne wie eine stumme Drohung aus kaltem Stahl.