Drittes Kapitel

Baralong erhob sich von seinem felsigen Sitzplatz und kam zu ihnen. Er zog aus seinem Beutel aus Opossumfell eine Schale aus Baumborke hervor, die den letzten Rest ihres Proviantes enthielt.

»Ah, das vertraute Tracker-Frühstück! Das köstliche Gemisch aus Wurzelbrei, Beeren und Würmern! Da läuft mir ja wieder das Wasser im Mund zusammen! «, sagte Andrew spöttisch. »Du hast dich mal wieder selbst übertroffen, Baralong.«

Der eingeborene Spurenleser verzog keine Miene. »Busch-Tucker3 hält Gubba Andrew und Gubba Abby bei Kräften«, antwortete er gelassen. Gubba, was in der Sprache der Aborigines »Geist der Toten« bedeutete, war seit Ankunft der ersten Europäer das gebräuchliche Wort für jeden Weißen. Baralong teilte das Essen in drei gleich große Portionen auf. Zu Beginn ihres Marsches zu dritt, der vor zwei Wochen auf der anderen Seite der Blue Mountains begonnen hatte, hatte er Abby noch eine größere Portion zuteilen wollen. Sie hatte jedoch darauf bestanden, dass Wasser und Proviant zu gleichen Teilen unter ihnen aufgeteilt wurden.

Der Regen ließ nach und hörte schließlich ganz auf, während sie die breiige Masse aßen, die nach Nuss schmeckte. Anschließend gönnten sie sich jeder einen guten Schluck aus dem Wasserschlauch aus Ziegenleder, den Andrew über der Schulter trug. Er füllte ihn sofort wieder auf, denn ganz in ihrer Nähe befand sich eine kleine, frische Quelle.

Abby sprang plötzlich auf und lief hinter ein Gebüsch.

»Was ist?«, rief Andrew erschrocken und folgte ihr rasch.

Sie wandte ihm den Rücken zu und beugte sich nach vorn, während sie mit einer Hand abwinkte und ihm bedeutete, nicht näher zu kommen. »Es ist nichts Schlimmes, mir ist nur auf einmal so übel«, antwortete sie gepresst und musste sich im nächsten Moment schon übergeben.

»Kein Wunder, dass dir schlecht ist«, murmelte Andrew bedrückt. »Ich will ja wirklich nichts auf Baralong kommen lassen, aber manchmal muss auch ich ordentlich würgen, damit mir dieser Fraß nicht wieder hochkommt.«

Nachdem Abby alles erbrochen, sich an der Quelle den Mund ausgespült und das Gesicht gewaschen hatte, verflüchtigte sich das Übelkeitsgefühl wieder.

Baralong bedachte sie mit einem langen, prüfenden Blick, sagte jedoch nichts, sondern ergriff seinen langen Speer, was das Zeichen zum Aufbruch war.

So zermürbt und ausgelaugt Abby und Andrew sich nach den Wochen in der Wildnis auch fühlten, so fanden sie doch bald wieder in den gewohnten Marschrhythmus hinein. Der Himmel wurde hell und mit dem Aufstieg der Sonne verwandelte sich das fahle Grau der Morgendämmerung rasch in das klare und grenzenlos tiefe Blau, das den australischen Himmel die meiste Zeit des Jahres kennzeichnete. Und mit dem strahlenden Blau würde bald auch die Hitze kommen, wie eine Springflut über das Land hinwegfluten und die Luft schon am frühen Vormittag flirren lassen. Es war inzwischen Mitte November geworden und das bedeutete unter dem Kreuz des Südens, dass der Sommer mit seiner Hitzeglut die Herrschaft angetreten hatte.

Sie redeten nicht viel, sondern sparten ihre Kraft, um die letzten Vorberge der Blue Mountains in den ersten, noch vergleichsweise kühlen Morgenstunden hinter sich zu bringen.

Jeder hing seinen Gedanken nach, während sie Baralong folgten, der ein untrügliches Auge für den besten Weg hatte. Andrew grübelte wieder einmal darüber nach, in welche Richtung sich die verfahrene politische Lage in der Kolonie wohl entwickeln mochte.

Das korrupte New South Wales Corps, von den Kolonisten und Sträflingen bezeichnenderweise auch verächtlich Rum Corps genannt, hatte am 26. Januar, dem zwanzigsten Jahrestag der Gründung der Kolonie, gegen die straffe Hand von Gouverneur Bligh gemeutert. Die Offiziere der Rotröcke, die schon seit vielen Jahren die Kolonie mit ihren profitablen Rumgeschäften ausbeuteten und sich bisher von keinem Gouverneur in ihre Schranken hatten weisen lassen, hatten Bligh in einem Akt von offener Rebellion verhaftet und unter Hausarrest gestellt.

Die Drahtzieher, von denen einige beachtlichen Einfluss in London besaßen, rechneten wohl damit, dass sie für ihre Meuterei nicht bestraft würden. Und das war für Andrew ein überaus beunruhigender Gedanke. Denn seine Familie, die Chandlers von Yulara, war mit diesen mächtigen Offizieren mehr als einmal heftig aneinander geraten. Da hatte es sehr viel böses Blut zwischen den korrupten Offizieren und seinem Vater und vor allem seinem drei Jahre älteren Bruder Melvin gegeben, da die beiden schon vor dem Umsturz die Partei von Gouverneur Bligh ergriffen und aus ihrer Unterstützung auch keinen Hehl gemacht hatten.

Bligh war mit der erklärten Absicht nach New South Wales gekommen, die Macht des Rum Corps endlich zu brechen und wieder für Recht und Ordnung in der Kolonie zu sorgen. Damit war er gescheitert, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass das Rum Corps sogar vor offener Meuterei nicht zurückschrecken würde. Seitdem litten auch sie, die Chandlers von Yulara, unter der Willkür und der Rachsucht der goldbetressten Rotröcke, die ihre Macht nun mehr denn je auskosteten und sie insbesondere ihre Widersacher spüren ließen. Und bis im fernen London, das schon bei günstigen Winden eine Seereise von fast einem halben Jahr entfernt lag, sich die widerstreitenden Parteien auf eine Reaktion geeinigt und einen neuen Gouverneur oder gar Truppen geschickt hatten, die das Rum Corps entmachteten, bis dahin konnten noch viele Monate vergehen. Vielleicht hielt sich die mächtige und finanzstarke Offiziersclique, die ihre Karten in London bestimmt geschickt auszuspielen wusste, sogar noch ein Jahr und länger. Ein mehr als bedrückender Gedanke!

Auch Abby beschäftigte sich mit dieser Sorge, zumal sie nun nicht mehr hoffen konnte, dass die jetzigen Machthaber dem Begnadigungsgesuch, das ihr Schwiegervater für sie eingereicht hatte, stattgeben würden. Obwohl mit einem freien Siedler verheiratet, würde sie also weiterhin als Sträfling gelten und damit ohne jede Rechte sein. Ihre Strafe, sieben Jahre Verbannung, würde sie erst im Sommer des Jahres 1811 verbüßt haben. Bis dahin konnten die Machthaber der Strafkolonie zu jeder Zeit in ihr Leben eingreifen und sie fast nach Gutdünken schikanieren.

Aber diese Sorge machte ihr nicht allzu sehr zu schaffen. Sie war viel zu dankbar, dass sie am Leben war und dass Andrew ihre Liebe mit derselben Leidenschaft und Zärtlichkeit erwiderte – und dass sie dieselben Träume hegten. Träume, die sie nicht laut auszusprechen wagten, sondern über die sie in manchen Nächten, wenn sie aneinander geschmiegt lagen, nur im Flüsterton redeten.

Während Abby und Andrew bei zunehmender Hitze gen Osten marschierten, verloren ihre Gedanken nach und nach an Tiefe. Bald beschränkte sich ihr Sinnen und Trachten vornehmlich darauf, auf ihrem Weg durch immergrüne Eukalyptushaine möglichst jeden noch so kleinen Flecken Schatten auszunutzen. Und ihre Gedanken kreisten weniger um Zukunftsträume und die politische Lage als vielmehr darum, wie lange sie wohl zu jener buschbestandenen Hügelkette am Horizont brauchen würden und wann sie es wieder wagen durften, einen kühlen Schluck Wasser aus dem Ziegenschlauch zu nehmen.

Die letzten Ausläufer der Blue Mountains gaben sie am frühen Nachmittag frei, ganz wie Andrew es vermutet hatte. Sie zogen nun hinaus in die Upper Nelson Plains, das weite, offene Buschland mit seiner rot-braunen Erde, dem harten, strohigen Gras, den silbrigen Dornenbüschen und den unzähligen Arten von immergrünen Eukalyptusbäumen, die von den Kolonisten gumtree, Gummibaum, genannt wurden. Immer neue Hügelketten, die Abby unwillkürlich an die erstarrte Dünung eines Ozeans denken ließen, durchzogen das Buschland, das sich unter dem hohen blauen Himmel in einer majestätischen, ja geradezu erschreckenden Weite von Horizont zu Horizont erstreckte.

»Man wird uns nicht glauben, dass wir die Blue Mountains wirklich überquert haben«, sagte Abby, als sie in einem kleinen Eukalyptushain eine kurze Rast einlegten und sie einen Blick zurück auf die Bergkette warf, die im Westen als blau schimmernde Barriere in den Himmel ragte. »Ich kann es ja selbst kaum glauben, dass wir einen Weg durch die zerklüfteten Schluchten gefunden haben! Nun, genau genommen haben wir ihn ja auch nicht gefunden, sondern Baralong hat uns geführt.«

Ein Schwarm farbenprächtiger Kakadus flog kreischend über ihren Köpfen aus den Kronen der Bäume auf, glitt als bunte, lebendige Wolke über sie hinweg und zog nach Süden.

»Ich glaube auch nicht, dass ich diesen Weg noch einmal finden würde«, gab Andrew unumwunden zu. »Die ersten Tage habe ich noch versucht, mir so viele Merkmale wie nur möglich einzuprägen. Aber irgendwann habe ich es aufgegeben. Ich hatte ja nichts dabei, um all das aufzuzeichnen. Als Kartograf, der allein auf sein Gedächtnis angewiesen ist, tauge ich nichts, so viel steht mal fest!«

Abby lächelte müde. »Da bist du nicht allein.«

»Wir bleiben wohl besser bei der Geschichte, die wir uns für Vater und alle anderen zurechtgelegt haben«, sagte Andrew und lehnte sich an einen der Bäume, deren rissige Borke in Streifen vom Stamm hing. »Wie ich meinen Vater kenne, wird er sowieso nicht so genau wissen wollen, welcher Stamm von Aborigines dich gerettet und gepflegt hat und wo genau ich dich mit Baralong im Busch gefunden habe.«

Abby nickte zustimmend und ein Schatten der Betrübnis flog über ihr verschwitztes Gesicht. Sie verdankte Jonathan Chandler sehr viel und dafür würde sie ihm ihr Leben lang dankbar sein. Er hatte sie schon kurz nach ihrer Ankunft in Australien nach Yulara geholt und ihr somit das bittere Schicksal erspart, bei einem der korrupten Offiziere des Rum Corps nicht nur als Dienstmädchen arbeiten, sondern ihm auch mit ihrem Körper zu Willen sein zu müssen. In der Kolonie herrschte von Anfang an ein extremer Frauenmangel. Traf ein neues Schiff mit Sträflingen in Sydney ein, hatten zuerst einmal die Offiziere freie Auswahl unter den jungen Frauen, und wer von ihnen einigermaßen ansprechend aussah, war daher meist dazu verdammt, Dienstmagd und Dirne in einem zu sein. Wer sich weigerte, dem wurde sehr schnell der Willen gebrochen, oft genug durch Auspeitschung. Ein Vorwand für solch eine Bestrafung ließ sich schnell finden. Die Macht der Offiziere war schier grenzenlos in dieser Strafkolonie am Ende der Welt.

Vor jenem entsetzlichen Schicksal hatte Jonathan Chandler sie bewahrt und das würde sie ihm niemals vergessen. Aber er hatte auch andere, weniger sympathische Seiten. Wenn es etwa um die Eingeborenen ging, dann zeigte er bedeutend weniger Menschlichkeit und Mitgefühl, als er ihr und ihrem Schicksal entgegengebracht hatte. Das hatte sie nur zu deutlich erfahren, als sie ihn um schmerzlinderndes Laudanum für die von schweren Brandwunden gezeichnete Aborigine Nangala gebeten hatte – und damit bei ihm auf Ablehnung und heftige Verärgerung gestoßen war.

»Ach, alle werden froh sein, dass du wundersamerweise überlebt hast und wir wieder auf Yulara sind. Alles andere wird sie kaum interessieren«, sagte Andrew abschließend und fügte noch scherzhaft hinzu: »Ich bin sicher, dass in unserer Abwesenheit ein Haufen Arbeit liegen geblieben ist. Hoffentlich ist ihnen jetzt endlich aufgegangen, was sie an uns haben!«

Abby wusste, dass Andrew auf seinen Bruder Melvin anspielte, der wenig Begeisterung für das harte Leben auf einer Farm übrig hatte und Yulara daher auch schnell den Rücken gekehrt hatte, weil er seine Zukunft als Kaufmann in Sydney sah. Dass er nach dem Umsturz aus der Stadt zu ihnen auf die Farm am Hawkesbury hatte fliehen und sich dort verstecken müssen, um einer drohenden Verhaftung durch die Rum-Offiziere zu entgehen, hatte ihm schwer zugesetzt.

Baralong, der indessen einige Schritte entfernt das Buschland im Nordosten beobachtet hatte, wandte sich ihnen zu. »Ihr geht weiter in diese Richtung! Dort gibt es eine Wasserstelle und dort werden wir unser Nachtlager aufschlagen!«, rief er und wies mit seinem mannshohen Speer auf einen Hügel mit einer flachen Kuppe, der sich einige Meilen weiter aus dem Buschland erhob. »Ich hole euch vor Einbruch der Dunkelheit schon wieder ein.«

»Und wo willst du hin?«, fragte Andrew verwundert.

»Auf die Jagd«, antwortete Baralong, rückte seinen löchrigen Dreispitz zurecht und lief mit einer Leichtigkeit in die pralle Sonne hinaus, die Andrew und Abby immer wieder aufs Neue in Erstaunen und Bewunderung versetzte.

Stunden später, als die Sonne schon hinter die Blue Mountains sank, erreichten Abby und Andrew abgekämpft die Hügelgruppe. Und Baralong tauchte wie aus dem Nichts vor ihnen aus dem Dornengestrüpp auf. Mit einem breiten Grinsen hob er seinen Speer, an dem ein schon gehäutetes Opossum hing.

»Dem Himmel sei Dank, dass wir nicht wieder Wurzelbrei, Beeren und irgendwelches zerstampftes Getier hinunterwürgen müssen! «, rief Andrew erleichtert – und er sprach Abby damit aus der Seele.

Sie entzündeten ein Feuer und bald roch es nach gebratenem Fleisch. Abby und Andrew lief das Wasser im Mund zusammen und sie konnten es nicht erwarten, sich über das gebratene Opossum herzumachen. Das noch junge Tier hatte zwar wenig Fleisch auf den Knochen und an einigen Stellen war der Wildbraten über dem offenen Feuer verbrannt und an anderen Stellen noch sehr roh. Aber das änderte nichts an ihrem Heißhunger, mit dem sie auch noch den letzten kleinen Rippenknochen abnagten. Auch Baralong genoss das Opossum und zur Abwechslung zeigte er sich nach Tagen der Wortkargheit wieder einmal gesprächig, indem er ihnen von der Traumzeit und den Traumpfaden4 erzählte, die den Aborigines so heilig waren.

Andrew redete mit ihm auch über das Gelände, das vor ihnen lag und das sie noch durchqueren mussten, um endlich zum Hawkesbury River zu gelangen.

»Noch anderthalb Tage, dann sind wir auf Yulara und die Strapazen der letzten Wochen haben endlich ein Ende«, sagte Andrew, als Abby sich mit schmerzenden Gliedern auf dem harten Boden ausstreckte und sich in seinen Arm schmiegte.

In dieser Nacht schlief Abby tief und fest, ohne dass sich albtraumhafte Erinnerungen in ihre Träume schlichen und ihren Schlaf beeinträchtigten. Als sie im ersten Dämmerlicht des Morgens erwachte, weil sie erneut von einem starken Brechreiz gequält wurde, war Baralong verschwunden. Ohne ein Wort des Abschieds hatte er sich in der Dunkelheit davongemacht.

Doch er hatte ein Zeichen für sie zurückgelassen: eine Furche in Form eines Pfeiles, tief in die Erde geritzt und mit kleinen Buschzweigen ausgefüllt, die mit Steinen beschwert waren. Der Pfeil zeigte nach Nordosten, wo Yulara am Ufer des Hawkesbury lag, nur noch anderthalb Tagesmärsche entfernt.

Dass Baralong einen Abschied ohne Worte gewählt hatte, und ohne ihnen Gelegenheit zu geben, sich noch einmal bei ihm zu bedanken, war jedoch nicht die einzige Überraschung dieses neuen Tages.

Andrew stand noch über den Pfeil aus Zweigen gebeugt, als Abby sich ein Herz nahm und ihm offenbarte, dass er wohl bald Vater würde.