Elftes Kapitel
»Ich muss dringend mit Rosalyn reden, unter vier Augen«, sagte Abby wenige Tage später zu Cecil Boone, als dieser ihr am Mittag eine leimartige Graupenpampe sowie eine Hand voll steinharten Schiffszwieback brachte. Lucinda hatte sich anerboten, an ihrer Stelle mit der Frau zu sprechen. Aber Abby hielt es für klüger, wenn sie persönlich mit ihr redete. Wie sie in der einen Nacht im Gemeinschaftskerker festgestellt hatte, besaß Rosalyn Finnegan Eigensinn und einen stark ausgeprägten, typisch irischen Stolz. Ein falsches Wort konnte da verhängnisvollen Schaden anrichten. Und es hing zu viel davon ab, dass die Frau im Hauptkerker sich auf ihre Seite schlug.
Der Gefängniswärter musterte Abby mit einem übellaunigen Blick. »Und was geht das mich an?«, knurrte er mürrisch. »Dass ich mich von meine Schwester habe überreden lassen, dir bei deinem Vorhaben mit deinem Kind zu helfen, ist eine Sache – und schon dumm genug von mir. Eine ganz andere ist es, hier für dich den Wunschkasper zu spielen, der dir jeden Furz von Wunsch erfüllt!«
Abby wusste, warum Cecil Boone so missgelaunt reagierte. Lucinda hatte ihr schon am Morgen berichtet, dass ihr Bruder mal wieder Cleos Arbeit mit verrichten musste, weil diese nach einer wüsten Zechtour zu nichts zu gebrauchen war. Die Wachen hatten sie bei Anbruch des Tages volltrunken vor dem Tor in ihrem eigenen Erbrochenen liegend gefunden.
»Was es Sie angeht? Nun, ohne Rosalyn auf meiner Seite zu haben, wird es uns nicht gelingen, Cleos gemeinen Plan zu vereiteln«, antwortete Abby. »Außerdem bin ich auch gar nicht so unverschämt zu erwarten, dass Sie mir diesen Wunsch einfach so erfüllen, Cecil.« Sie öffnete ihre Hand, in der nun eine Guinee zum Vorschein kam, und streckte sie ihm hin. »Was meinen Sie, kann Sie das hier dazu bewegen, mich kurz mit Rosalyn zusammenzubringen ? Oder spricht immer noch etwas dagegen?«
Seine Miene hellte sich augenblicklich auf und verlor den sauertöpfischen Ausdruck. Ein Grinsen trat an seine Stelle. Er nahm das Geldstück schnell an sich. »Also, wenn ich es recht überlege, sehe ich eigentlich gar keinen Grund, warum du nicht zufällig mit Rosalyn zusammentreffen solltest«, sagte er und zwinkerte ihr zu, als wären sie schon immer die besten Freunde gewesen. »Ich werde sehen, was sich machen lässt.«
Eine halbe Stunde später kehrte er zurück. »Sieht so aus, als solltest du deinen Dreckkübel mal wieder ordentlich säubern. Könnte übrigens sein, dass unten im Hof auch Rosalyn gerade die Scheiße aus ihrem Kübel wäscht«, sagte er. Dann schloss er das schwere Fußeisen auf, dessen Kette mit dem Ring an der hinteren Zellenwand verbunden war, und legte ihr eine freie Fußfessel mit kurzer Kette an. Er mochte zwar ihr Geld nehmen, sich von seiner Schwester zu allerlei riskanten Geschäften überreden lassen und Cleo aus tiefster Seele verabscheuen, aber deshalb ließ er eine so wichtige Gefangene doch nicht einfach ohne Kette laufen – nicht einmal auf dem von Mauern umschlossenen Gefängnishof!
Abby nahm ihren stinkenden Holzeimer und folgte Cecil Boone mit kurzen Trippelschritten hinunter in den Hof. Die Jauchegrube befand sich in einer Ecke dicht bei der Mauer. Direkt neben der Bretterhütte des Aborts war eine große Luke in die Abdeckung der Kloake eingelassen, sodass man die Eimer nicht durch die Sitzöffnung des Aborts in die Grube zu leeren brauchte. Auf der anderen Seite der Luke, die bei Abbys Eintreffen hochgeklappt war, standen zwei hüfthohe, bauchige und mit Wasser gefüllte Tonnen. Daraus bedienten sich die Gefangenen, wenn ihnen nach Gutdünken der Wärter erlaubt wurde, ihre Aborteimer zu säubern.
Und genau damit war Rosalyn gerade beschäftigt, als Abby neben sie an die Luke trat und ihren Kübel leerte.
»Ich brauche deine Hilfe«, raunte Abby, stellte ihren Eimer ab und griff zu einem der sauberen Schöpfeimer, die neben den Wassertonnen standen.
Rosalyn zeigte keine Spur von Überraschung. »Und wobei?«, fragte sie ebenso leise und ohne den Kopf zu wenden, während sie ihren Eimer ausspülte.
»Es geht um mein Kind. Cleo will es mir gleich nach der Taufe wegnehmen.«
Rosalyn nickte. »Habe davon gehört.« Ihre Stimme klang völlig neutral.
»Ich kann nicht verhindern, dass sie mich nach Norfolk Island schicken«, fuhr Abby fort. »Aber ich will dafür sorgen, dass mein Kind nicht in ihre Hände fällt – und du kannst mir dabei helfen.«
»Klingt ja richtig verlockend«, sagte Rosalyn spöttisch. »Welche heldenhafte Rolle hast du mir denn bei deinem Plan zugedacht?«
»Eine wichtige und völlig ungefährliche. Du sollst es auch nicht umsonst machen. Hier, das ist für dich.« Abby griff unter ihr Kleid. Als ihre Hand wieder zum Vorschein kam und sich öffnete, glänzten in ihrer Handfläche drei Guineen. Und drei Guineen waren ein stattlicher Batzen Geld, im Gefängnis noch viel mehr als auf der anderen Seite der Mauern. Eine gewöhnliche Gefangene wie Rosalyn, für die sich kein Offizier interessierte, konnte mit dieser Summe einen der Wärter bestechen und sich erhebliche Erleichterungen, ja vielleicht sogar die Freiheit erkaufen.
Jeder andere hätte wohl sofort voller Gier zugegriffen und sich notfalls zu verlogenen Versprechungen verführen lassen. Doch Rosalyn streifte die Münzen nur mit einem flüchtigen Blick und lachte trocken auf.
»So, ungefährlich, sagst du?« Sie stemmte die linke Hand in die Hüfte und fuhr sich mit der anderen scheinbar grüblerisch über das Kinn. »Warum erinnert mich das bloß an die verfluchte Geschichte, die mich in dieses Dreckloch geführt hat? Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Das war angeblich auch so eine garantiert völlig ungefährliche Sache, in die ich mich da eingelassen habe. Komisch, findest du nicht auch?«
»Ich weiß nicht, worum es da gegangen ist, aber was ich dich zu tun bitte, ist wirklich ohne großes Risiko«, beteuerte Abby. »Es sei denn, du bist mittlerweile mit Tilly und Liz ein Herz und eine Seele – oder schreckst du davor zurück, mit ihnen einen Streit vom Zaun zu brechen?«
Rosalyn spuckte verächtlich durch die offene Luke in die Jauchegrube. »Eher wird das gesamte verfluchte Rum Corps heilig gesprochen, als dass ich mit Gesindel wie Tilly und Liz ein Herz und eine Seele bin!«, erwiderte sie. »Und ich brauche mit ihnen auch keinen Streit vom Zaun zu brechen, weil sich dieses Pack sowieso ständig mit mir und meinen… nun ja, Schützlingen anlegt!«
Abby erlaubte sich ein feines Lächeln. »Ja, das habe ich mir gedacht und darauf baue ich auch, wenn es so weit ist. Oder ist es dir vielleicht egal, wenn Cleo mir mein Kind raubt und es später als junges Mädchen in ein Bordell verkauft?«
Rosalyn schnaubte abfällig. »Die verreckt doch schon am Suff, noch bevor das Kind die ersten Zähne kriegt!«, entgegnete sie scheinbar kaltherzig, fuhr dann aber einlenkend fort: »Und nun erzähl mir, welche Rolle du mir zugedacht hast, um dein Kind vor Cleo zu retten. Kann ja sein, dass ich vielleicht doch Gefallen daran finde und mir guten Gewissens dein Geld einstecken kann.«
Abby verriet ihr keineswegs den ganzen Plan. Es genügte, wenn Rosalyn wusste, was sie zu tun hatte – und vor allem, wann sie für den Krawall im Hauptkerker zu sorgen hatte.
Rosalyn überlegte kurz. Dann sagte sie: »Ich weiß zwar noch immer nicht, wie der Krawall dir dabei helfen soll, dass dir dein Kind nicht weggenommen und unter Cleos Fuchtel zu einer Dirne aufgezogen wird. Aber ich denke mal, das willst du lieber für dich behalten.«
»Ja«, bestätigte Abby schlicht.
»Ich bin auch gar nicht wild darauf, mehr zu erfahren. Je weniger ich weiß, desto besser.«
»Dann machst du also mit?«, fragte Abby, trat ganz nahe zu ihr an die Wassertonne und hielt ihr erneut die drei Guineen hin.
Rosalyn nickte und blickte sich verstohlen nach Cecil Boone um. Der schenkte ihnen jedoch keine Aufmerksamkeit, sondern stopfte sich gerade seine Pfeife. Und so nahm sie das Geld schnell an sich und stopfte es sich in ihr Mieder. »Klar, du kriegst deinen Krawall. Wie könnte ich deinem großzügigen Angebot auch widerstehen«, sagte sie, als würde sie nur des Geldes wegen mitmachen.
Abby wusste es jedoch besser. »Danke, Rosalyn. Das werde ich dir nie vergessen.«
Rosalyn verzog das Gesicht zu einer spöttischen Miene. »Und vergiss bloß nicht, von jetzt an jede Nacht für mich und mein Seelenheil zu beten«, sagte sie mit scheinbar bissigem Spott, nahm ihren sauber gespülten Eimer und rief dem Wärter zu, dass sie bereit sei, diesen so paradiesisch duftenden Ort zu verlassen und in den Kerker zurückzukehren.
»Dann beweg deinen Arsch schon mal die Treppe hoch!«, rief Cecil Boone ihr zu.
Abby sah ihr mit einem erleichterten und dankbaren Lächeln nach. Sie wusste, dass sie sich auf Rosalyn verlassen konnte und dass sie ihr auch ohne einen einzigen Penny geholfen hätte. Sie spürten beide die Seelenverwandtschaft, die zwischen ihnen bestand. Unter anderen Umständen wären sie womöglich allerbeste Freundinnen geworden. So reichte es nur zu einem Bündnis gegen den gemeinsamen verhassten Feind.