Sechstes Kapitel

Stumm und wie betäubt irrten sie durch verkohlte Trümmer, wo noch vor wenigen Wochen eine blühende Farm gewesen war. Das Ausmaß der Zerstörung überstieg alles, was sie bisher gesehen hatten. Wie konnte jemand nur so etwas Schändliches tun? Was mussten das für gewissenlose Menschen sein, die zu solch einer ungeheuerlichen Tat fähig waren?

Die Erschütterung und der Schmerz machten sie sprachlos. Abby liefen die Tränen über das Gesicht, während Andrew leichenblass und wie in Trance neben ihr herging.

Von den meisten Gebäuden war so wenig übrig geblieben, dass es den Namen Ruine kaum verdiente. Von dem großen Farmhaus stand nur noch ein Teil des mächtigen, aus Feldsteinen erbauten Kamins. Und was nicht völlig niedergebrannt war, hatten die Soldaten anschließend mit roher Gewalt niedergerissen. Davon zeugten das umgestürzte Skelett des einstigen Windrades, die zertrümmerten Wassertanks und die Einfassung des Brunnens, die man mit Äxten in Stücke gehauen hatte. Sogar die Lehmwände der ausgebrannten Farmarbeiterhütten hatte man noch nachträglich zum Einsturz gebracht. Nur hier und da ragte in diesem Meer aus Asche und verkohlten Brettern, Balken und Möbelstücken noch das Reststück einer Lehm-oder Bretterwand auf. Es war, als wäre eine Bande von Mordbrennern mit einer grenzenlosen Vernichtungswut über Yulara hergefallen.

Nicht einmal die Tiere hatten Gnade gefunden. Überall auf dem verbrannten Gelände stießen sie auf die Kadaver von hingeschlachteten Schafen und Rindern und zwei Hofhunden, die einen entsetzlichen Verwesungsgestank verbreiteten. Geier und wilde Tiere aus dem umliegenden Buschland hatten die Kadaver längst in Stücke gerissen. Aber es hingen noch genug Fleischfetzen von den Knochen, damit sich Wolken von sirrenden Fliegen sowie ein Gewimmel von Ameisen, Käfern und Würmern an ihnen gütlich tun konnten.

Der kleine Friedhof von Yulara lag etwas abseits von der niedergebrannten Hofanlage. Wegen der Überschwemmungsgefahr, die von dem manchmal stark ansteigenden und weit über die Ufer tretenden Hawkesbury ausging, hatte Jonathan Chandler beim Aufbau seiner Farm auch für die zukünftigen Grabstätten einen möglichst hoch gelegenen Punkt ausgewählt. Noch bevor der erste Todesfall eingetreten war, hatte er dort mehrere Jakarandabäume sowie einige Jasmin-und Hibiskussträucher gepflanzt und das kleine Friedhofsareal, das gut zwei Dutzend Toten als letzte irdische Ruhestätte dienen konnte, von einem kunstvoll gearbeiteten Zaun mit aufwändig gedrechselten Pfosten und schmalen Querlatten umfassen lassen. Und dieser Zaun war der einzige auf Yulara, der nicht in seinem natürlichen Zustand belassen worden war, sondern einen weißen Anstrich trug, der zudem jedes Jahr im Frühjahr erneuert wurde.

Am Friedhofszaun, der im noch immer grellen Sonnenlicht des Nachmittags fast blendend weiß leuchtete, hatten sich die Soldaten unter dem Kommando von Lieutenant Danesfield und Captain Grenville nicht vergriffen.

Wenigstens vor dieser Barbarei sind sie zurückgeschreckt!, fuhr es Abby durch den Kopf, doch ihre Erschütterung minderte das nicht im Geringsten.

Die Schatten der kräftig gewachsenen Jakarandabäume fielen auf die beiden frischen Gräber, mit denen die Zahl der Toten auf dem Friedhof auf sieben angewachsen war. Die noch tief dunkle Farbe der Erdhügel verriet, dass sie erst vor kurzem aufgeworfen worden waren. Anstelle eines richtigen Grabsteines, wie auf den fünf anderen Gräbern, steckte an jedem Kopfende nur ein äußerst primitives Kreuz aus zwei hastig zusammengenagelten Bretterstücken mit den ebenso hastig aufgemalten Namen der Toten. Jonathan A. Chandler und Jake Pembroke. Nicht einmal die Lebens-und Todesdaten waren angegeben. Offenbar hatte dafür die Zeit nicht gereicht, die man den Bestattern eingeräumt hatte, um die Toten unter die Erde zu bringen.

Andrew stand steif wie ein Stück Holz und mit leichenblassem Gesicht am Grab seines Vaters. Er schien so verstört zu sein, dass er zu keiner äußerlichen Gefühlsregung fähig war.

Abby dachte an das Kind, das in ihrem Leib heranwuchs, und dass ihr Kind schon vor seiner Geburt seines Großvaters beraubt worden war. Wie sehr sich Andrew darauf gefreut hatte, seinem Vater die freudige Nachricht mitzuteilen, dass bald sein erstes Enkelkind auf Yulara zur Welt kommen würde!

Sie suchte nach einem Wort des Trostes. Doch nichts von den wirren Gedanken, die ihr in den Sinn kamen, konnte auch nur annähernd ihre Erschütterung und ihr Mitgefühl ausdrücken. Worte schienen in einem solchen Moment als Trost völlig untauglich zu sein – und auch fehl am Platz.

Und so streckte sie nur stumm die Hand nach ihm aus und berührte ihn sanft am Arm, um ihm mit dieser Geste zu verstehen zu geben, dass sie bei ihm war und seinen Schmerz teilte.

Andrew griff nach ihrer Hand, als fürchtete er, sie könnte sie gleich wieder zurückziehen. Und im nächsten Moment verlor sein Körper die unnatürliche Starre. Er sank in der frisch aufgeworfenen Erde in die Knie. Gleichzeitig entrang sich ein Schluchzen seiner Kehle und seine Augen füllten sich mit Tränen.

»O Gott … Vater!«, schluchzte er.

Es zerriss Abby das Herz. Sie ahnte, dass er nicht nur Schmerz über den Verlust seines Vaters fühlte, sondern auch darunter litt, dass er ihm in der Stunde seines Todes nicht beigestanden hatte und dass er auch nicht dabei gewesen war, als man ihn zu Grab getragen hatte.

Ja, sie wusste ganz genau, was in ihrem Mann vorging. Sie hatte dasselbe durchgemacht, damals in London, als ihre Mutter langsam in der zugigen Dachkammer gestorben war, während sie, ihr einziges Kind, im Kerker von Newgate auf ihren Prozess gewartet hatte. Und obwohl sie doch genau wusste, dass sie völlig schuldlos gewesen und durch die rohe Gewalt einer mitleidlosen Justiz daran gehindert worden war, bei ihrer Mutter zu sein, hatte sie sich lange Zeit nicht von dem bedrückenden Gefühl befreien können, irgendwie doch versagt und sich ihrer Mutter gegenüber schuldig gemacht zu haben. Ihr Verstand mochte ihr noch so oft gesagt haben, wie unsinnig solch ein Schuldgefühl war, es hatte nichts daran geändert, dass es sie viele Jahre lang gequält hatte. Und sie zweifelte nicht daran, dass es auch Andrew so ergehen würde.