Zwölftes Kapitel

Die letzten Wochen vor ihrer Niederkunft verbrachte Abby in einem merkwürdigen Zustand zwischen Wachen und Träumen, Angst und freudiger Erwartung. Sie versank stundenlang in Erinnerungen an die kurzen, aber unvergesslich glücklichen Jahre mit Andrew auf Yulara. Sie kehrte immer wieder in jene Zeit zurück, tauchte tief in dieses belebende Bad der Erinnerungen ein – und beschrieb ihrem ungeborenen Kind alles, was sie einst dort erlebt hatte und nun wieder vor ihrem geistigen Auge sah.

Mit leiser Stimme hielt sie Zwiesprache mit ihrem Baby. Sie erzählte ihm auch von ihrem Leben in London, als ihr Vater noch ein erfolgreicher und geachteter Kaufmann gewesen und sie in einem stattlichen Haus aufgewachsen war.

»Viel ist es ja nicht, an das ich mich erinnere«, flüsterte sie und strich dabei über ihren stark gewölbten Leib, in dem ihr Kind nun kräftig um sich trat, als wollte es ihr zu verstehen geben, dass es mehr von früher hören wollte. »Ich war ja gerade erst sechs gewesen, als dein Großvater sein ganzes Vermögen in eine Schiffsladung kostbarer indischer Güter gesteckt und beim Untergang des Kauffahrers nicht nur jeden Penny, sondern auch sein Leben verloren hatte. Aber lass mich überlegen, was ich von unserem einstigen Leben in Wohlstand noch behalten habe. Ich weiß noch, dass es in unserem Haus Dienstboten, silberne Kerzenleuchter, edle Teppiche und kostbare Gemälde gegeben hat. Und an den herrschaftlichen Treppenaufgang erinnere ich mich natürlich auch noch ganz genau. Weißt du, was mir da gerade wieder einfällt? Der leichte Duft von Rosenblättern, nach dem die wunderschönen Kleider meiner Mutter rochen …«

Und so reiste Abby täglich viele Stunden mit ihrem Baby durch das wundersame Land ihrer Erinnerungen, in dem es von überraschend vertrauten Entdeckungen nur so wimmelte, je länger die Reise dauerte. Zu den Geschichten gesellten sich auch immer mehr Lieder und Reime aus ihrer Kindheit. Sie traten plötzlich aus den unergründlichen Tiefen ihres Gedächtnisses zu Tage und legten sich ihr auf die Zunge, als hätte sie diese Melodien und Worte aus ihren Kindertagen erst gestern zum letzten Mal gesungen und gesprochen.

In diesen letzten Wochen ihrer Schwangerschaft vertrieb der Herbst mit kalten Winden und Regenschauern endgültig die entkräftete Nachhut des Sommers. Eine klamme Kälte nistete sich in den dicken Mauern ihres Kerkers ein und das wenige Licht, das jetzt noch zu ihr drang, kapitulierte schon wenige Fuß hinter der Tür vor der erdrückenden Macht der Dunkelheit in ihrer Zelle.

Dass Abby nicht allzu sehr frieren musste, verdankte sie Lucinda. Cecil Boones Schwester hatte gegen Cleos wütenden Widerstand durchgesetzt, dass sie zwei Decken erhielt.

»Diesmal hat Winston den Mut gehabt, seiner Frau die Stirn zu bieten«, teilte Lucinda ihr mit grimmiger Genugtuung mit, als sie die Decken brachte. »Ich habe ihm vorher die nötigen Argumente verschafft. Es geht ja wohl nicht an, habe ich ihm gesagt, dass sie ein ungeborenes Kind gleich mitbestrafen!«

Lucinda hielt auch den Kontakt mit Rachel, die wiederum in Verbindung mit Andrew stand. Aus Sorge, dass ein dummer Zufall ihren Plan auffliegen lassen könnte, trafen sich die beiden Frauen jedoch nur einmal in der Woche, und zwar am Sonntag beim Gottesdienst in der Kirche. Dort tauschten sie auf einer der hinteren Bänke kurze Nachrichten und Grüße aus, während sie auf den harten Brettern knieten und mit gefalteten Händen und tief gebeugten Köpfen zu beten vorgaben.

Abby weinte Tränen der Erleichterung, als Lucinda ihr nach dem ersten dieser heimlichen Treffen in der Kirche mitteilte, dass Andrew ihrer Freundin hoch und heilig versprochen hatte, sich nicht freiwillig zu stellen. Egal, was auch passieren mochte.

»Er hat begriffen, dass es nicht mehr nur um euch beide geht, sondern dass er jetzt zuerst an das Kind denken muss. Und das hier soll ich dir von ihm geben«, sagte Lucinda und zog aus ihrer Bibel einen Brief von Andrew hervor.

Nach so vielen Wochen, ja Monaten der Trennung endlich ein direktes Lebenszeichen von Andrew in ihren Händen zu halten war so überwältigend, dass Abby zunächst gar nicht in der Lage war, den Brief zu lesen. Die Zeilen verschwammen schon vor ihren Augen, kaum dass ihr Blick im gelblichen Schein von Lucindas Öllampe auf die zärtliche Anrede Meine innig geliebte Abby gefallen war.

»Lass die Tränen nur laufen«, sagte Lucinda, legte ihren Arm um sie und wiegte sie wie ein Kind, das aus einem schlechten Traum erwacht war.

Es dauerte eine Weile, bis sich der Weinkrampf gelegt hatte und sie wieder in der Lage war, sich auf Andrews Brief zu konzentrieren. Sie las ihn ein gutes halbes Dutzend Mal und versuchte jedes Wort zu behalten, um ihn später in ihrem Gedächtnis wachrufen zu können. Denn sie konnte diesen Brief – wie auch die anderen, die ihm noch folgen sollten – nicht in ihrem Besitz behalten. Das Risiko, dass Winston oder Cleo einen solchen Brief bei ihr in der Zelle fanden und ihrem Plan auf die Spur kamen, war zu groß. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Für sie alle. Deshalb nahm Lucinda diese geheimen Briefe gleich wieder mit, um sie umgehend in ihrer Kammer zu verbrennen.

Aber dafür schmuggelte Lucinda nun regelmäßig Feder, Tinte und Papier zu Abby in die Zelle, damit sie ihrem Mann antworten konnte. Und es waren lange Briefe, die sie auf dem Rücken von Lucindas Bibel zu Papier brachte. Sie sprach es nicht aus, doch der Gedanke ließ sie nicht los, dass sie ihr Kind vielleicht nie wiedersehen würde und dass diese Briefe an Andrew dann das Einzige wären, was ihrem Kind eines Tages als Erinnerung an sie, ihre Mutter, bleiben würde. Und deshalb schrieb sie indirekt auch an ihr noch ungeborenes Kind, indem sie Andrew ausführlich schilderte, was für ein tiefes Glück sie empfand, ihr Baby in sich wachsen und sich regen zu spüren, und mit wie viel Liebe sie darauf wartete, ihm das Leben zu schenken. Sie erzählte in ihren Briefen auch, dass sie täglich viele Stunden damit verbrachte, zu ihrer Tochter oder ihrem Sohn zu sprechen.

Und je näher der Tag ihrer Niederkunft rückte, desto kleiner wurde ihre Schrift und desto zahlreicher die Seiten, weil ihr immer mehr einfiel, was sie unbedingt noch festhalten wollte, bevor es zu spät war und man sie auf eine kleine Insel verbannte, die tausend Meilen von New South Wales entfernt irgendwo verloren in der blauen Endlosigkeit des Pazifiks lag.

Abby schrieb ihm, dass sie ihr Kind gern auf den Namen Jonathan taufen wollte, wenn es denn ein Sohn würde: »Auch wenn dein Vater seine dunklen Seiten und Eigenheiten gehabt hat, mit denen du wohl noch schlechter zurechtgekommen bist als ich, so verdanke ich ihm doch unendlich viel – ganz besonders das Glück, auf Yulara Menschlichkeit und schließlich sogar deine Liebe gefunden zu haben. Unser Sohn wird den Namen Jonathan Chandler daher mit großem Stolz tragen können – mit Stolz auf seinen wunderbaren Vater und seinen Großvater. Sollte ich jedoch einer Tochter das Leben schenken, was mich nicht weniger glücklich machen wird, so wünsche ich mir für sie den Namen meiner Mutter Margaret, die auf ihre stille Art nicht weniger außergewöhnlich und eine tapfere Frau gewesen ist …«

Die Antworten, die sie von Andrew erhielt, zerrissen ihr schier das Herz vor Sehnsucht nach ihm, waren aber zugleich auch ein wundersames Lebenselixier – und ein unsichtbarer Schutz vor Cleos Bösartigkeiten. Die Schikanen und verbalen Widerwärtigkeiten, mit denen Cleo sie beinahe täglich zu quälen versuchte, drangen ihr nicht mehr mit Messerschärfe in Herz und Seele, sondern prallten bis auf wenige Ausnahmen wie von einem Schutzschild ab.

In der letzten Märzwoche überbrachte ihr Lucinda eine Botschaft von Rachel, die wenig Sinn zu machen schien. »Ich weiß auch nicht, was die Nachricht zu bedeuten hat, aber sie meinte, du würdest sie schon verstehen.«

Abby runzelte die Stirn. »Und Rachel hat dir wirklich aufgetragen, mir auszurichten: ›Wenn der Henker aus falschem Mitleid um sein gutes Recht gebracht wird, muss man eben anderweitig bescheidenen Trost suchen …‹?«

Lucinda nickte. »Ja, so hat sie es zu mir gesagt, wortwörtlich. Ich musste es sogar zweimal wiederholen, weil sie sichergehen wollte, dass ich es auch richtig behalten habe.«

»Das klingt wie ein Rätsel«, murmelte Abby. Sie hatte jedoch eine vage Ahnung, was sich hinter dieser Botschaft ihrer Freundin verbergen mochte.

»Genau das habe ich auch zu ihr gesagt, aber Rachel wollte es mir nicht erklären«, sagte Lucinda mit einem bedauerlichen Achselzucken. »Und ich wollte sie auch nicht weiter bedrängen, weil sie doch im Bett lag. Ich fürchte, sie hat zu dem hartnäckigen Husten auch noch Fieber bekommen. Die Arme ist wirklich sehr schlecht dran.«

Je länger Abby über Rachels seltsame Botschaft nachdachte, desto stärker verdichtete sich in ihr die Vermutung, dass ihre Freundin allen Beteuerungen zum Trotz etwas gegen Cleo im Schilde führte.

Schon zu Beginn der folgenden Woche fand Abby ihre Vermutung bestätigt. Es war Cecil Boone, der ihr die »freudige Nachricht«, wie er es ausdrückte, überbrachte. »Wirklich zu schade, dass du keinen Kalender in deiner Zelle hast. Denn dann hättest du den heutigen Tag besonders markieren und mit Blumenschmuck umkränzen können! Aber ich denke mal, der Schluck Branntwein, den ich dir mitgebracht habe, ist dir vielleicht noch lieber, um auf die freudige Nachricht anzustoßen, die ich dir überbringe !«, sagte er und reichte ihr einen verbeulten Becher, der zu einem guten Drittel mit Brandy gefüllt war.

»Was ist passiert, Cecil?«, stieß Abby aufgeregt hervor. »Ist etwa der neue Gouverneur eingetroffen?«

Der Wärter verzog das Gesicht. »Dann hätte ich dir bestimmt keinen halben Becher, sondern eine ganze Kanne mitgebracht. Nein, das Gesindel im Offiziersrock sitzt noch immer fest im Sattel. Aber es hat Cleo von den Beinen gehauen. Sogar buchstäblich.«

»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte Abby, die sich keinen rechten Reim auf seine Worte machen konnte.

»Cleo hat sich gestern Nacht mal wieder die Hucke voll gesoffen und dann beim Würfelspiel den Fehler begangen, sich mit ein paar Weibsbildern anzulegen, die noch mehr Haare auf den Zähnen haben als sie. Es ist zu einem bösen Handgemenge gekommen, bei dem Cleo ganz schön Federn gelassen hat. Die Frauen haben gut zugeschlagen und sie prächtig zugerichtet. Cleo sieht übel aus, das kann ich dir versichern! Ganz übel sogar, richtig zum Herzerwärmen«, berichtete Cecil Boone mit unverhohlener Schadenfreude und rieb sich die Hände. »Sie hat ihre letzten faulen Zähne ausgespuckt; ihr Gesicht ist von all den Faustschlägen zugeschwollen wie ein aufgegangener Brotteig, sodass sie kaum noch aus den Augen blicken kann; und ihr linkes Bein ist unter einem anständigen Hieb mit einem Tischbein wie ein Kienspan zu Bruch gegangen. Alles in allem also eine gelungene Vorstellung, findest du nicht auch?«

Abby gestattete sich den Anflug eines Lächelns. Also das hatte Rachel gemeint! Sie hatte Cleo zwar den Tod erspart, wie sie es ihr versprochen hatte, nicht jedoch gebrochene Knochen und eine Menge Schmerzen.

»Ja, man könnte es wirklich einen bescheidenen Trost nennen«, sagte sie in Gedanken.

»Was?«, fragte der Wärter verständnislos und furchte die Stirn.

»Ach, nur so eine Redewendung«, sagte Abby und hob zur Ablenkung den Becher mit dem Branntwein. »Danke für das hier – und für die freudige Nachricht.«

Cecil Boone grinste. »Ich schätze, du wirst vorerst Ruhe vor Cleo haben. Es wird wohl etwas dauern, bis sie wieder auf die Beine kommt. Der arme Winston ist erst einmal Zielscheibe ihrer Bösartigkeiten und muss alles ausbaden. Sie muss ganz ordentliche Schmerzen haben, denn sie schreit Zeter und Mordio. Na, wenn das keine freudige Nachricht ist, dann weiß ich nicht, was sonst!«

Abby widersprach ihm nicht. Vorerst von Cleos Quälereien verschont zu bleiben bedeutete in der Tat eine Erleichterung. Jeder Tag, an dem sie diese Frau nicht zu Gesicht bekam, war eine Wohltat. Sie bezweifelte jedoch, dass Cleo sich von ihren Schmerzen und ihrem gebrochenen Bein davon abhalten ließ, bei der Geburt im Kerker zugegen zu sein.

Und so war es dann auch, als fünf Tage später, an einem feuchtkalten Aprilmorgen, die Wehen einsetzten.