Erstes Kapitel

Die Kälte in ihrem Innern legte sich wie eine eisige Hand um Abbys Herz, kroch ihr bis ins Mark und ließ sie erschaudern, als sie den Niedergang ins Zwischendeck hinunterstieg und durch die Gittertür ins Sträflingsquartier trat. Sie fühlte sich augenblicklich auf die Kent zurückversetzt. Die Unterbringung auf engstem Raum und die düstere Atmosphäre lösten Beklemmungsgefühle in ihr aus. Am schlimmsten war jedoch der stechende Geruch, den andere Unglückliche hinterlassen hatten. Körperausdünstungen, Angstschweiß, Erbrochenes und andere Ausscheidungen hatten sich wie eine Art Fäulnis in die Planken und Spanten des Schiffes gefressen und verpesteten das Zwischendeck.

Ihr war, als könnte sie keine Luft bekommen. Sie würgte und kalter Schweiß brach ihr aus, während sie den Anweisungen des Wärters folgte. Wie die anderen vor ihr nahm sie einen Blechbecher, einen Teller und einen Holzlöffel aus der Kiste, die neben der Gittertür auf einem Tisch stand, erhielt eine kratzige Decke und zwängte sich dann durch den schmalen Mittelgang zwischen den Stockbetten zur nächsten freien Koje. Sie sank zitternd auf die harten Bretter eines der unteren Betten. Eine Matratze oder sonst irgendeine Auflage gab es nicht, noch nicht mal eine Lage aus Stroh oder Eukalyptusblättern.

Tausend Seemeilen!

»Bis auf den Gestank, die Enge und das Fehlen eines Kohlenofens und einer bequemen Matratze ist es hier richtig heimelig!«, rief eine weibliche Stimme von der anderen Seite des Gangs.

Die Frau erntete bitteres Auflachen und jemand antwortete ihr mit ähnlichem Spott: »Damit hast du noch längst nicht alle Vorzüge dieser feinen Unterbringung genannt, Molly. Ich wette, dass die Burschen in der Kombüse keine Mühen scheuen werden, um unsere verwöhnten Gaumen in höchstes Erstaunen zu versetzen!«

»Elenden Schweinefraß werden sie uns vorwerfen!«, knurrte jemand grimmig im Vorbeigehen.

»Aber einen Vorteil hat dieser Fraß«, meldete sich eine weitere Stimme in dem Gefluche und Gelärme. »Die verdammten Schiffsratten werden ihn nicht anrühren, weil sie wissen, dass sie sich damit nur die Gedärme ruinieren.«

Das Sträflingsquartier der Männer war von dem der Frauen nur durch eine Bretterwand getrennt, in die auf der Höhe des Mittelgangs eine Gittertür eingelassen war. Sowie sie auf hoher See waren, würde diese Tür nachts und vielleicht sogar auch am Tag geöffnet sein, wie Abby von der Überfahrt mit der Kent wusste. Dafür würde der Wärter schon sorgen, denn die Kuppelei war ein einträgliches Geschäft auf so einer langen Seereise. Und dieses Angebot des Wärters würden nicht nur die Männer aus dem Sträflingsquartier in Anspruch nehmen, sondern auch viele von der Mannschaft würden sich dann mit den willigen unter den Frauen gegen Geld, ein Stück Fleisch oder einen Becher Branntwein vergnügen.

Abby versuchte, die beängstigenden Gedanken an die wochenlange Überfahrt und das, was ihr auf Norfolk Island drohte, mit aller Macht aus ihrem Bewusstsein zu verbannen. Sie kauerte mit angezogenen Beinen auf der Koje, zog Lucindas Wolltuch enger um ihre Schultern und konzentrierte ihre Gedanken auf ihr Kind und Andrew. Beide waren gesund und befanden sich in Sicherheit. Und aus diesem Wissen, so sagte sie sich, musste sie die Kraft schöpfen, die sie brauchte, um die vor ihr liegenden Prüfungen zu überstehen, ohne an ihnen zu zerbrechen. Niemals durfte sie die Hoffnung aufgegeben, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihren Sohn und ihren geliebten Mann wiedersehen und in ihre Arme schließen würde! Das war sie sich und ihrer Liebe zu den beiden einfach schuldig.

»Niemals!«, flüsterte Abby und wiegte sich, die Arme um die Beine geschlungen, vor und zurück. »Niemals werde ich die Hoffnung aufgeben. Das verspreche ich euch! Bis zum letzten Atemzug werde ich daran glauben, dass ich eines Tages wieder mit euch vereint bin!«

Die Stunden zogen sich dahin. Auf der Phoenix, die im Morgengrauen des nächsten Tages auslaufen sollte, herrschte den ganzen Tag über geschäftiges Treiben. Wasser, Proviant, Segeltuch, Taurollen und andere Fracht wurden unter einem nicht enden wollenden Strom von Kommandos an Bord gehievt und unter Deck verstaut. Das Fußgetrappel der hin und her eilenden Seeleute verstummte keinen Moment.

Am Nachmittag gab es endlich die erste und einzige warme Mahlzeit des Tages. Der breitschultrige Wärter Travis Bigsby, dessen schwarzer Backenbart schon von Grau durchsetzt war, und sein Gehilfe, ein zahnlos grinsender Bulle von einem Mann mit wirrem, rotem Haarschopf, schleppten einen Kübel an, der mit einer undefinierbaren Masse gefüllt war. Keiner konnte sagen, ob es sich dabei um einen etwas zu flüssigen Brei oder eine zu dicke Suppe handelte. Aber hinunterwürgen würden sie den Fraß alle, dafür war ihr Hunger einfach zu groß.

»Los, Essen fassen, ihr Hübschen!«, rief Travis Bigsby mit der herrischen, befehlsgewohnten Stimme eines Sträflingswärters. »In einer Reihe antanzen!«

Der Rotschopf übernahm die Verteilung des Essens. Er griff zur Kelle und schöpfte aus. Dabei taxierte er jede der Frauen, die vor ihn an den Tisch am Gitter trat, als suchte er sich schon jetzt diejenige aus, mit der er sich auf der Passage zuerst vergnügen wollte

– natürlich erst, nachdem der Wärter Bigsby seine Wahl getroffen hatte.

Jemand hatte in der braunen, fettigen Pampe gerade Innereien ausgemacht, Stücke von Magen und Lungen, als Travis Bigsby über die Köpfe der Frauen hinwegrief: »Wer von euch ist Abby Chandler?«

Abby zuckte erschrocken zusammen, als sie ihren Namen hörte. Eine dunkle Ahnung bemächtigte sich ihrer. Hatte Cleo oder gar einer der Offiziere vielleicht dafür gesorgt, dass sie die Überfahrt zur »Hölle im Ozean« unter verschärften Bedingungen ertragen musste? Was immer auch der Grund sein mochte, warum Travis Bigsby nach ihr rief, es war gewiss kein gutes Zeichen.

»Ich habe nach Abby Chandler gerufen!«, brüllte der Wärter ungeduldig. »Wer von euch ist diese Abby, verdammt noch mal? Wo steckt das Weib?«

»Ich bin Abby«, meldete sie sich und hob voller Bangen die Hand.

»Na los, komm her!«, befahl er barsch.

Abby zwängte sich an den sechs Frauen vorbei, die vor ihr in der Schlange standen und ihr flüchtig mitleidige Blicke zuwarfen. Sie wussten genau wie Abby, dass es nie gut war, schon so früh die Aufmerksamkeit des Wärters zu erregen. Aber natürlich war das Essen wichtiger als das Pech einer Mitgefangenen.

Mit trockenem Mund und wild schlagendem Herzen trat Abby vor den Wärter, der sie mit durchdringendem Blick musterte, als versuchte er das, was er über sie gehört hatte, mit ihrer Person in Verbindung zu bringen. Sie sah ihm an, dass er mehr über sie wusste als über alle anderen Frauen im Zwischendeck der Phoenix zusammen.

»Was … «, setzte Abby zu einer bangen Frage an.

»Halt gefälligst den Mund und kommt mit! «, schnitt er ihr sofort das Wort ab.

Abby wurde blass. Angst kam in ihr auf. Sollte er sie vielleicht dem Captain oder einem der Offiziere vorführen? Konnte es sein, dass man sie schon jetzt … Nein! Sie weigerte sich, diesen Gedanken auch nur zu Ende zu denken.

»Beweg dich schon!« Der Wärter stieß sie grob durch die Tür, schloss das Gitter hinter ihnen ab und ging mit ihr nach achtern. Doch statt den Niedergang hinaufzusteigen, dirigierte er sie weiter in Richtung Heck.

Travis Bigsby stieß die Tür zu einem Gang auf, der im Halbdunkel lag und von dem auf beiden Seiten mehrere Türen zu Lagerräumen und Kammern abgingen. An verschiedenen Stellen standen neben den Türen Kisten und Säcke aufgestapelt, die noch in den dahinter liegenden Kammern verstaut werden mussten.

Hinter dem zweiten Kistenstapel blieb Travis Bigsby stehen, packte sie überraschend und drückte sie grob gegen die Wand. Ihre Haube verrutschte und glitt ihr in den Nacken. Im ersten Moment fürchtete sie, er wolle sie vergewaltigen. Doch sie irrte.

»Ich gebe euch zehn Minuten, mehr ist nicht drin, hast du verstanden ?«, zischte er. »Keine Minute länger! Und das ist eigentlich schon zu viel. Ich riskiere mein Leben, indem ich mich darauf eingelassen habe, vergiss das nicht!«

Abby sah ihn verständnislos an. »Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden!«, stieß sie erschrocken hervor. »Wofür geben Sie mir zehn Minuten?«

Er ging überhaupt nicht darauf ein. »Beeilt euch, in Gottes Namen !«, beschwor er sie, öffnete die Tür neben Abby und schob sie in die kleine, muffige Kabine, in der eine Kerze in einem eisernen Wandhalter brannte. Ein Bullauge, durch das Tageslicht eindringen konnte, gab es nicht. Abby nahm an, dass es sich bei dieser Kammer um die Unterkunft des Wärters handelte.

In der Kabine wartete zu Abbys großer Überraschung eine elegant gekleidete Frau.

»Zehn Minuten! «, zischte Travis Bigsby noch einmal beschwörend. »Allerhöchstens zehn Minuten, ist das klar? Sonst landen wir alle am Galgen! Ich halte im Gang Wache. Und nun beeilt euch!« Damit zog er die Tür hinter sich zu.