33

Gott, war er müde. Er kam nur allmählich zu sich und befürchtete, dass es irgendwo ein Gasleck gäbe. Er fühlte sich unsäglich kaputt, vielleicht hatte er sich irgendeine Krankheit eingefangen. Ihm war extrem flau im Magen. Gut möglich, dass er tatsächlich krank war.

Henry Dawson lag im Dunkeln auf einem kalten, harten Boden. Als er aufwachte, dachte er an seinen Großvater und die Sommerferien auf dessen Obstplantage. Er war stets mit seinem Vater hinübergefahren, und hatte diese Reisen sehr gemocht. Sein alter Herr war ein wohlhabender Mann gewesen, genauso wie Großvater, hatte immer viel und lange gearbeitet, sich aber dennoch Zeit für seinen Sohn genommen. Allerdings waren es jene Autofahrten und die Zeit auf der Plantage gewesen, die Henry seinem Vater so richtig nahegebracht hatten.

Das Bauchgrimmen störte seine Erinnerungen. Hoffentlich ging es ihm bald wieder besser. Vielleicht sollte er einfach etwas Haferschleim essen, um seinen Magen zu beruhigen.

Henry Dawson war als niedliches Baby zur Welt gekommen, ein Engel mit rosigen Wangen. Das hatte ihm jeder erzählt, und Fotos von damals bestätigten es. Ihm war so viel Gutes im Leben widerfahren, so viel Freude und Geborgenheit. Er war beliebt und erfolgreich gewesen, doch sein Vater und Großvater hatten ihm auch beigebracht, Demut zu üben. Er hatte gelernt, zu kämpfen, um zu siegen, aber mit redlichen Mitteln.

Henry war klug und hatte sich um ein volles Collegestipendium verdient gemacht. Vom ersten Tag an war ihm eingebläut worden, dass das Vermögen seiner Familie nicht ihm gehörte, jedenfalls nicht automatisch. Er hatte sein eigenes Geld verdienen und sich selbst zu einer Karriere verhelfen müssen, bevor ihm das Recht auf den Familienbesitz zugefallen war. Das hatte ihm nichts ausgemacht, im Gegenteil.

Die Übelkeit überwältigte ihn zu schnell, als dass er hätte dagegen ankämpfen können. Er erbrach sich. Dann übergab er sich noch zweimal. Die Anstrengung ermattete ihn. Er legte sich wieder hin, fühlte sich etwas besser, und nickte ein.

***

Der Gestank. Als er heimgekommen war, hatte es gestunken.

Der Gestank ließ Henry mit einem erschütternden Ruck aus dem Schlaf hochschnellen. Als er die Augen öffnete, strömten Tränen über sein Gesicht. Er erwachte im vollständigen Bewusstsein all dessen, was an jenem entsetzlichen Tag geschehen war.

Als er vom College nach Hause kam, hatte er die Haustür geöffnet und gleich gewusst, dass etwas nicht stimmte. Er kannte den Geruch von frischem Blut, der an Kupfer erinnerte. Er stieg ihm in diesem Moment wieder in die Nase, genauso wie damals. Als er versuchte, sich aufrecht hinzusetzen, gelang es ihm nicht. Etwas hielt ihn unten. Als er den Kopf wieder zur Seite drehte, entdeckte er den Ursprung des metallischen Geruchs. Neben ihm hatte sich eine beträchtliche Blutlache ausgebreitet, und ein Mann mit eingeschlagenem Gesicht lag da. Er sah furchtbar aus.

Als er heimgekommen war, hatte er sein wunderbares Leben komplett in Scherben vorgefunden. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren gefesselt und getötet worden, das Haus geplündert. Es hatte ihn unerwartet, unvorbereitet getroffen. Ihm fiel ein, wie er sich hingesetzt hatte und außerstande gewesen war, sich zu bewegen. Er erinnerte sich noch daran, fortgetragen worden zu sein, und an einen Nadelstich, sonst nichts mehr.

Er versuchte abermals, sich aufzurichten. Er musste die Bestattung organisieren, die Totenfeier, Verwandte anrufen und zusehen, dass alles so ablaufen würde, wie es sich Dad und Großvater gewünscht hätten. Doch er kam einfach nicht hoch.

Was ist das?, dachte er, als er einen stattlichen Bauch – seinen Bauch – anfasste. Er war kräftig, aber niemals dick gewesen, fühlte sich jetzt jedoch krankhaft fettleibig an. Spielte ihm jemand einen Streich, indem er ihm einen Gummireif umgelegt hatte? Er wälzte sich auf eine Seite. Langes Haar fiel ihm in die Augen. Als er sich ans Kinn fasste, berührte er einen dichten, ebenfalls langen Bart.

»Das gibt es doch nicht!«

Beim Sprechen dieser Worte stieß er mit der Zunge gegen angesprungene Zähne. Einige fehlten ganz. Panik und Verwirrung stiegen in ihm auf. Er drehte sich auf den Bauch und bemühte sich, auf die Beine zu kommen. Wegen der Haare sah er nichts, außer dem Boden vor sich. Da hörte er Schritte, die auf ihn zukamen. Eine starke Hand packte seinen Arm. Es dauerte quälend lange, bis er stehen konnte.

Sein Helfer trug eine verspiegelte Fliegerbrille, obwohl kaum Licht in das düstere Gebäude fiel.

»Zeit für deine Pillen, Bruder.« Damit verschwand der Kerl, kam aber sofort mit einer großen Plastikflasche zurück. »Komm, Bruder, hier.« Er streckte sich nach Henry aus.

»Wer sind Sie?«

»Ach, Jeeter … Wer sonst?«

Henry war verwirrt. Das Einzige, was in einer Zwickmühle hilft, ist ein klarer Kopf, hatte sein Vater immer gesagt. Deshalb sprach er ruhig weiter. »Jeeter? Jeeter? Nein, tut mir leid, ich wüsste nicht, dass ich einen Jeeter kenne.«

Wegen der Sonnenbrille ließen sich Jeeters Augen nicht erkennen, aber die steife Haltung, die Brauen über seiner Spiegelbrille und die angespannten Lippen deuteten darauf hin, dass er verstört war. Er ließ die Flasche mit den Tabletten fallen.

»Also, ich hoffe, Sie nehmen keinen Anstoß daran, äh …«, stammelte Henry. »Ist Jeeter Ihr Vor- oder Nachname? Ich habe einen heftigen Schock erlitten und erinnere mich an kaum noch etwas.« Hoffentlich hat dieser Jeeter ein paar Antworten für mich, dachte er.

»Äh … oh … äh …« Was zum Geier ist hier los? Fats redet daher wie der Prinz von England, bloß ohne schwulen Akzent.

»Ich bedaure mein Auftreten.« Henry hatte Bedenken, sein zerzaustes Haar und der Bart könnten den Fremden verängstigen, aber er schien ihn ja schon zu kennen.

Jeeter fing an zu zittern. »Was geschieht hier, Mann?«

»Oh, habe ich Sie verärgert? Das tut mir sehr leid. Ich selbst habe auch bereits unter Schock gestanden – mehrere Male, um genau zu sein.«

»Halt die Fresse! Halt einfach die Fresse!« Jeeter wich vor Henry zurück. Er hielt beide Hände hoch, wie um einen bösen Geist abzuwenden. Dabei stammelte er. »Was zum Teufel passiert hier?«

Henry ging vorwärts. Seine eigene Größe erschreckte ihn. Er wusste, dass man ihn wohl ruhiggestellt und nach dem Schock infolge der Morde abtransportiert hatte, doch so viel Gewicht anzusetzen, hätte Monate, ja Jahre gedauert. Zudem schien er verletzt zu sein. Ein Arm war verkrampft und geschwollen.

»Sir, ich brauche dringend ein paar Antworten.« Die erhobenen Arme waren eine beschwichtigende Geste. »Mr. Jeeter, können Sie mir erklären, wo ich bin?« Henry trat langsam vor.

Jeeter war mit seinen Nerven am Ende, seine Stimme schrill und manisch: »Halt den Rand, Fats! Halt einfach den Rand!«

»Ich bedaure, Sie echauffiert zu haben, und bin genauso ratlos wie Sie. Vielleicht können Sie wenigstens versuchen, mir zu erklären, was vor sich geht.«

Jeeter wich langsam zurück. »Ich bin auf ‘nem Trip! Das ist ein Trip, Mann, nur ein schlechter Trip.« Als er stehenblieb, hielt er die Hände vors Gesicht und nuschelte vor sich hin.

Henry trat gegen die Flasche mit den Tabletten, sodass sie ein paar Fuß weit rasselnd über den Boden rollte. Indem er sich an einem Regal festhielt, schaffte er es, sich weit genug zu bücken, um sie aufzuheben. Dann las er das Etikett. Es war Klonopin, ein starkes Medikament mit hohem Abhängigkeitspotenzial gegen Angstzustände, Anfälle und eine ganze Reihe anderer Leiden. Dieses Mittel zählte zur Gruppe der Benzodiazepine. Als er an die Highschool kam, waren viele seiner Kameraden versucht gewesen, mit Drogen zu experimentieren, vornehmlich geklaute Tabletten aus den Arzneischränken ihrer Eltern. Henry hatte sich bemüht, ihnen zu erklären, woraus diese Medikamente bestanden, um sie davon abzuhalten, jedoch wenig bis gar nichts bewirkt. Zur gleichen Zeit war auch sein Interesse an Medizin aufgekeimt. Henry schaute diesen Jeeter an, der ihm mit den Händen vorm Gesicht gegenüberstand.

»Sie haben Tabletten erwähnt, meine Tabletten. Sind das diejenigen, die ich eingenommen habe?«

Er hielt Jeeter die Flasche hin.

Der blieb still stehen, ohne die Hände herunterzunehmen, und antwortete nicht.

»Sagen Sie es mir: Haben Sie mir diese Tabletten verabreicht?« Henry schlug einen dringlicheren Ton an.

»Du bist nicht echt«, entgegnete Jeeter.

»Wieso sollte ich Ihnen in einem Traum erscheinen, wenn es nicht wichtig wäre, dass wir uns unterhalten? Nun beantworten Sie meine Frage.«

Jeeter trat zaudernd vor, nahm die Flasche und zog sich wieder zurück. Er schaute sich das Etikett genau an, ehe er mit einem Finger auf ein Wort zeigte, damit Henry es sah.

»Das ist es, siehst du? Ben-zo-pin.«

Eigentlich zeigte er auf das Wort Benzodiazepin.

»Solange Ben-zo-pin auf der Flasche steht, geht es dir gut.«

»Wie lange geben Sie mir diese Tabletten schon?«

Jeeter schüttelte den Kopf. »Weiß nicht, schon sehr lange.«

»Wie lange genau? Welches Datum haben wir heute?« Henry wurde es leid, mit ihm zu diskutieren, doch der Mann war momentan seine einzige Informationsquelle.

Jeeter schüttelte bloß den Kopf und trat weiter zurück. Er griff zu einer offenen Flasche Jack und begann, kräftige Schlucke daraus zu nehmen. Dann ließ er sich auf dem Boden nieder und murmelte: »Ein Traum? Ein verflucht irrer Traum.«

Henry schaute ihn wieder an. Jeeter litt eindeutig unter einer unbestimmten Anzahl von Erkrankungen, die durch körperliche Misshandlungen, seelische Probleme, eine schlechte Erziehung und erheblich hohen Konsum von Drogen und Alkohol verursacht wurden. Darum versuchte Henry, ihn sanft und mitfühlend zu behandeln.

»Jeeter, Sie müssen auf meine Fragen eingehen, um Ihre eigenen beantworten zu können. So funktioniert das in diesen Träumen. Ich bin hier – beziehungsweise was ich zu sein scheine –, weil Sie mir vertrauen. Tun Sie das?«

»Ja, natürlich. Ganz bestimmt, Mann. Du und ich, wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen.« Jeeter legte sich am Boden auf den Rücken und hielt sich erneut die Hände vors Gesicht, sprach aber viel gelassener weiter: »Viel weiß ich davon nicht mehr, aber es war eine Menge.«

»Beginnen wir doch beim allerersten Tag, an dem wir uns kennenlernten.« Henry hatte das Gefühl, endlich ein paar Antworten zu erhalten.

»Na, an den erinnere ich mich noch deutlich.« Jeeter strahlte und begann, zu reden.

***

Henry blickte auf die Entdeckung der Leichname seines Vaters und Großvaters zurück. Der Zustand der beiden war dafür verantwortlich gewesen, dass er die Grenze zum Wahn überschritten und sich geistig ausgeklinkt hatte. Er war bei Bewusstsein gewesen, allerdings in einer tiefen Katatonie, die womöglich nur ein paar Stunden gedauerte hätte, wäre er nicht in eine staatliche Anstalt gebracht worden. Er entsann sich noch der Fahrt dorthin und des grauenhaften Gemeinschaftsraumes. Man hatte ihn medikamentös betäubt, und ab diesem Punkt brach auch sein Gedächtnis ab.

Zwölf Stunden später war noch immer niemand wegen Henry gekommen. Die ganze Zeit über hatte er sich nicht bewegt. Danach hatte man ihm ein Bett in der Klinik zugewiesen. Niemand in der Verwaltung hätte das beschwerliche Prozedere begonnen, Henry im Haus aufzunehmen, solange die Möglichkeit bestand, dass er es schlicht wieder verließ, bevor sie nur die Hälfte des Stapels erforderlicher Formulare abgearbeitet hatten. Darüber hinaus wären sie in dem Moment, da sie seinen Namen auf ein Dokument geschrieben hätten, die Verpflichtung eingegangen, hinterher den gesamten Prozess der Entlassung durchzugehen.

Dass Personen in staatlichen Psychiatrien verlorengingen – großen, unzureichend subventionierten und schlecht geleiteten Anstalten –, kam durchaus nicht selten vor. In diesem Fall hätte sich Henry, wäre er formell eingewiesen worden, umgehend von jemandem mit den richtigen Papieren auf freien Fuß setzen lassen können. Wäre er klar bei Verstand gewesen, hätte er binnen 72 Stunden alleine gehen dürfen, war jedoch aufgrund der nicht förmlichen Aufnahme, einer Notiz zwischen zwei Büroangestellten, im System verschüttgegangen. Man hatte seine erste Dosis Klonopin auf die tägliche Medikation übertragen und gleich am zweiten Tag mit der Einstellung begonnen. Dadurch war er dem Anschein nach Katatoniker geblieben, aber in Wahrheit reflexartig in eine Flucht vor sich selbst abgerutscht.

Polizei und Anwälte hatten sich ernsthaft für Henry ins Zeug gelegt. Es war um ein riesiges Vermögen und die Aufdeckung eines brutalen Doppelmordes gegangen. Beide Parteien hatten hohe Motivation an den Tag gelegt. Hätte der Junge nur ein paar Tage länger bleiben müssen, wäre er, nachdem man das Durcheinander aufgeräumt hatte, frei nach Hause zurückgekehrt. Doch an diesem Punkt war Jeeter in Erscheinung getreten.

Dieser hatte sein ganzes Leben lang immer wieder in Nervenheilanstalten, Kliniken und Gefängnissen für jugendliche Straftäter gesessen. Nun, als Erwachsener, wäre er ins Gefängnis gewandert, doch sein Anwalt hatte als Strafe für eines der vielen Verbrechen, derer er schuldig war, einen kurzen Aufenthalt in jener Psychiatrie für ihn herausgeschlagen. Er hatte im Aufenthaltsraum auf seine Entlassung gewartet, als Henry eingetroffen war. Jeeter hatte sich zu dem großen Kerl gesetzt und mit ihm gesprochen. Auf die Frage hin, weshalb er dort sei, war Henry nur ein Wort über die Lippen gekommen: Mord. Da hatte Jeeter angenommen, dass der Junge selbst ein Täter wäre.

Kurze Zeit später hatte Jeeter etwas für ihn allzu Gewöhnliches getan: sich in eine Schlägerei verstrickt. Er war von seinem Gegner, einem anderen Patienten, überwältigt und am Boden festgehalten worden. Der Kranke hatte ihn gewürgt, bis er, als Jeeter noch nach Luft gerungen hatte, plötzlich von ihm heruntergerutscht war. Dann hatte Henry vor ihm gestanden – mit einem alten Radio in den Händen, einer antiquierten Monstrosität. Er hatte sich umgedreht, es zurück auf seinen angestammten Platz gestellt und sich wieder hingesetzt. Jeeter war ihm fortan etwas schuldig gewesen. Er hatte gewusst, man würde diesen Kerl wegen Mordes belangen, und sich entschlossen, ihn zu retten.

Jeeter wartete immer noch gemeinsam mit Fats, als der Arzneimittelwagen anrollte. Für ihn gab es nichts mehr, weil er aufbrach, doch der Pfleger gab Fats einen kleinen Pappbecher mit Pillen. Der Junge nahm sie und trank hinterher etwas Wasser. Jeeter wartete, bis der Pfleger abgelenkt war, und schnappte sich dann dessen Klemmbrett. Darauf standen der Name von Henrys Medikament und diesbezügliche Anmerkungen. Anhand derer ging Jeeter davon aus, dass Fats dieses Mittel regelmäßig einnehmen müsste.

In ein Krankenheim mit Personalmangel einzubrechen, war für einen Vollzeitganoven wie Jeeter ein Klacks. Die Türen des Gebäudes waren allesamt von außen verschlossen gewesen, eine Maßnahme zur Sicherung der Patienten. Sobald er sich in den Wänden der Klinik befand, hatte er freien Zugang zu allen Stationen. Er plante, in die Apotheke einzubrechen. Eigentlich hätte sie verriegelt sein müssen, doch jemand hatte die Federklinke praktischerweise mit Klebeband fixiert, um die Tür offenzuhalten. So verschwand Jeeter schließlich vollbeladen mit Medikamenten und seinem neuen Freund im Schlepptau durch die Hintertür.

Henry wusste von alledem nichts mehr.

***

»Ich lasse Sie jetzt allein, Jeeter.« Fats setzte sich in Bewegung. »Legen Sie sich hin, der Traum ist vorbei.« Jeeter schloss die Augen. »Schlafen Sie ein, und wenn Sie zu sich kommen, ist der Traum vorüber.«

Henry ging durchs Dunkel und suchte nach einer Tür, einem Telefon, irgendetwas. Während er sich umschaute, wurde ihm bewusst, dass er sich in einem großen Heimwerkermarkt befand. Wieso war er hier aufgewacht? Hatte es dieser Jeeter geschafft, ihn über längere Zeit hinweg mit Psychopharmaka vollzustopfen? Was war mit seinem Körper passiert? Er war beunruhigt. Psychotrope Medikamente wie Klonopin, das wusste er, konnten im Zusammenhang mit schweren Traumata eine dissoziative Amnesie auslösen. War dies bei ihm der Fall – und wenn ja, wie lange schon?

Er fand eine Tür und öffnete sie. Im Sonnenlicht hielt er sich eine Hand über die Augen. Er sah Menschen, die draußen herumgingen.

»Hallo? Hallo, kann mir jemand von Ihnen helfen?«

Sie alle kamen ihm zur Hilfe. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnten, erkannte er sie deutlicher. Er lächelte einer Lady zu, bemerkte jedoch ihr Gesicht, bevor er weitersprechen konnte – einen Albtraum aus zerfleddertem Fleisch, milchig trüben Augen und abgebrochenen Zähnen. Sie kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. Gleichzeitig rückte ihm ein Mann von rechts auf den Leib. Dessen Augen waren genauso matt überzogen, sein Unterkiefer fehlte, und ein Arm stand in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab. Henry dachte zuerst, die beiden seien in einen Unfall verwickelt gewesen und bräuchten selbst Hilfe. Sie kamen näher. Henry musste würgen, fast hätte er sich erbrochen. Diese Menschen stanken nach Fäulnis, nach verwesendem Fleisch.

Als er nach links schaute, sah er einen weiteren Mann, dessen Eingeweide heraushingen! Er hatte keine Augen mehr.

Schließlich wurde Henry gepackt, was ihn erschreckte. Er spürte, wie Fingernägel an ihm kratzten, während man ihn mit Gewalt zu Boden zog.